Mit Capote um die Welt

Truman Capote, Auf ReisenAuf Haiti tönen die Trommeln tumm-ti-tumm-ti, in New York begegnet man der Garbo und auf Ischia wartet das Zimmermädchen Gioconda auf einen Brief aus Argentinien. Mit Truman Capotes Reisereportagen ist man in 172 Seiten um die Welt. Der Verlag Kein & Aber hat sie zu einem feinen Bändchen zusammengeschnürt, das in jede Westentasche passt. Der perfekte Begleiter für Kurzurlaube und Fernreisen!

Der vor allem durch seinen Tatsachenroman „Kaltblütig“ und die Erzählung „Frühstück bei Tiffany“ bekannt gewordene Schriftsteller macht auch in seinen Reiseberichten deutlich, dass er eine feine Beobachtungsgabe für Menschen und Orte hat. In seiner Selbstdarstellung ist er schonungslos ehrlich, seine Essays und Reportagen sind reich an Ironie, Zärtlichkeit und der lustvollen Begeisterung am Erzählen. Fast alle Texte dieser kleinen Sammlung entstammen dem Buch „Local Color“, das Capote im Herbst 1950 veröffentlichte. Darin schrieb er über New Orleans, wo er aufwuchs, über New York, wohin er mit seiner Familie zog, oder über Europa, das er Ende der 40er Jahre zum ersten Mal bereiste.

Wie er Menschen porträtiert, ist einfach fabelhaft. Miss Y. etwa aus New Orleans, an der er nur wissenschaftliches Interesse hegt, wie er bekennt: „Ich bin also, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht ganz der gute Hausfreund, den sie in mir vermutet, denn einer Miss Y. kann man nicht wirklich nahe sein. Sie ist viel zu sehr Märchengestalt, irreal, unwahrscheinlich. Sie ist wie das Piano in ihrem Wohnzimmer, elegant, aber etwas verstimmt.“ Oder die eingangs erwähnte Gioconda: „Ein schönes Mädchen, auch wenn ihre Schönheit stimmungsabhängig ist. Wenn sie schlechte Laune hat, was leider viel zu oft der Fall ist, sieht sie aus wie ein Napf kalter Haferschleim, und man vergisst ihr volles Haar und ihre freundlichen mediterranen Augen.“ Capote macht aber auch keinen Hehl daraus, dass es der stressige Job des Zimmermädchens sowie ein ausbleibender Brief aus Argentinien ist, der sie so schlechtgelaunt werden lässt.

Großartig und mit hervorragendem Witz gelingt Capote der Bericht über seine Fahrt im Orient-Express und die beiden Damen aus seinem Abteil, die in ihrem Vogelkäfig Heroin schmuggeln. „Ihr ganzes Gepäck bestand offenbar nur aus einem riesigen Vogelkäfig. Darin befand sich, teilweise verdeckt von einem Seidenschal, ein scharrender, grüner, leicht angeschimmelt aussehender Papagei, der ab und zu ein dementes Lachen von sich gab.“

Obwohl Capote ein Reisewütiger war, sind seine Berichte nie schulmeisterlich. Im Gegenteil: Sie erzeugen Reiselust, unbedingte Reiselust! Man glaubt, Truman Capote nähme den Leser an der Hand, um gemeinsam Städte und Länder zu bereisen. Diese Texte sind wahrhaftig gelebter Urlaubshedonismus! Und so ganz nebenbei auch das: Literatur.

Truman Capote: Auf Reisen, Kein & Aber Verlag, Zürich, 2010, 172 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 9,90 Euro, ISBN 978-3036955612

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