Frankenstein, der unsterbliche Mythos

Einen der bedeutendsten und grandiosesten Schauerromane der Weltliteratur haben wir dem verregneten Sommer 1816 zu verdanken. Weil in Genf kein Nachtleben möglich war, versammelte sich eines Abends eine illustre Runde britischer Touristen um ein loderndes Holzfeuer und erzählte sich Gruselgeschichten. Unter den Gästen befand sich auch die damals 18-jährige Mary Godwin. Eineinhalb Jahre später, sie hatte mittlerweile Percey Shelley geheiratet, erschien ihr Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.

Zum 200. Geburtstag des Wissenschaftlers Frankenstein und seines berühmt gewordenen Monsters in Menschengestalt hat jetzt der britische Historiker Christopher Frayling, eine anerkannte Instanz in Sachen Schauerliteratur und Horrorfilmen, eine fantastische Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte sowie der Auswirkungen des Romans auf die populäre Kultur verfasst.

Mary Godwin verbrachte den Sommer 1816 mit ihrem zukünftigen Ehemann Percy Shelley und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont bei dem englischen Dichter Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori in der Schweiz. Lord Byron hatte in Cologny am Genfersee, rund zwei Meilen von Genf entfernt, die Villa Diodati gemietet, von der man einen herrlichen Blick über die Ostküste des Sees gehabt hätte – wenn das Wetter nicht so schlecht gewesen wäre.

Das Jahr ohne Sommer

Das Jahr 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Verursacht wurde es durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815, der mehr Staub in die Atmosphäre schleuderte als jeder andere Ausbruch eines Vulkans zuvor. Dieser Sommer war ausgesprochen kalt, regnerisch und stürmisch, und die Reisenden waren meist im Haus gefangen. Die ummauerte Stadt Genf schloss ihre Tore pünktlich um 10 Uhr abends und „keine Bestechung (wie in Frankreich) kann sie öffnen“, schrieb Mary Godwin in ihr Notizbuch.

Wie also sollte man sich die Zeit vertreiben? Die Freunde trafen sich des Abends am Kamin, philosophierten und stritten über wissenschaftliche Errungenschaften der damaligen Zeit oder lasen sich gegenseitig Gespenstermärchen vor. Eines Abends kam Lord Byron auf die Idee, jeder aus der Runde solle eine eigene Geschichte erzählen. Dr. Polidori sorgte mit seiner Erzählung „Der Vampyr“ für allerlei Schrecken in der Runde, noch bevor Bram Stoker sich „Dracula“ ausdenken konnte.

Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches

Und Mary Godwin, mit ihren zarten 18 Jahren bereits eine sehr belesene junge Frau, schockierte die Schicksalsgemeinschaft mit ihrer Erzählung über die Erschaffung eines künstlichen Menschen. Mit Unterstützung ihres Mannes Percy Shelley brachte Mary am Neujahrstag des Jahres 1818 schließlich den Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ heraus, in einer Auflage von 500 Exemplaren und ohne Namensnennung der Autorin. Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches, dabei war das Sujet durchaus modern zu jener Zeit.

Anfang des 19. Jahrhundert hatte das Zeitalter der Elektrizität begonnen. Die erste Batterie war erfunden (die sogenannte Voltasäule), Wissenschaftler wie Luigi Galvani forschten mit Froschschenkeln an Muskelkontraktionen durch elektrischen Strom, und der Schweizer Uhrmacher Pierre Jaquet-Droz und sein Sohn Henri-Louis verblüfften die Öffentlichkeit mit ihren automatischen Figuren, die schreiben, Klavier spielen sowie Augen und Kopf bewegen konnten.

In „Frankenstein – Die ersten zweihundert Jahre“ ordnet Christopher Frayling die Entstehungsgeschichte von „Frankenstein“ in den historisch-wissenschaftlichen Kontext ein, legt dar, welche Bücher Mary Shelley gelesen hat, mit welchen Wissenschaftlern sie sich beschäftigte und zeigt anschaulich den heutigen Stand der Literaturforschung über den Ursprung von Mary Shelleys „Frankenstein“. Faszinierend dabei ist auch der Faksimile-Nachdruck der frühesten bekannten Manuskriptversion der Schöpfungsszene.

Frankenstein kommt ins Kino

Aber „Frankenstein“ ist nicht nur eine Weltliteratur gewordene Schauergeschichte, „Frankenstein“ wurde zu einem Mythos und nahm schon bald den Weg in die populäre Kultur. 1823 wurde der Stoff erstmalig fürs Theater adaptiert, wo Mary Shelley diese Bearbeitung auch gesehen haben soll. Im Jahr 1910 dann die erste filmische Bearbeitung der „Edison Studios“, bevor 1931 „Frankenstein“ mit Boris Karloff in der Rolle des Monsters in die Kinos kam. Maskenbildner Jack Pierce brauchte damals täglich zwischen vier und sechs Stunden, um aus dem Schauspieler das Ungeheuer zu machen, mit dessen Äußerem jahrzehntelang jeder Frankensteins Monster verband oder bis heute verbindet.

Auch in diesem Teil des großformatigen Bandes von Christopher Frayling bleibt die Lektüre erhellend, was wohl auch daran liegt, dass Frayling ein wahrer Horrorfilm-Fan ist. In seinem Nachwort schreibt er, dass er „verspätet“ jenem unbekannten Mitarbeiter im „Plaza Cinema“ in London dankt, der ihn als 11-Jährigen in eine Vorstellung des erst ab 18 Jahren freigegebenen Films „Frankensteins Rache“ schlüpfen ließ und „unwissentlich einen tiefen Samen gepflanzt hat“.

Inbegriff der Grenzüberschreitung

Frayling zeigt im umfangreichen Bildteil des Buches die visuelle Entwicklung und ständige Neubelebung des Frankenstein-Themas in zahlreichen Filmen, Comics, Theaterstücken, Musicals, TV-Serien, Werbeplakaten, Briefmarken und Plastikspielzeug. Frankenstein ist allgegenwärtig und thematisch aktuell wie eh und je: Er bleibt der Inbegriff der Grenzüberschreitung, die Wissenschaftler stetig anstreben – ohne dass sie auch immer erstrebenswert scheint. Oder wie Frayling selbst umreißt: „Der wahre Schöpfungsmythos der Neuzeit (…) ist nicht mehr Adam und Eva im Garten Eden“, der „wahre Schöpfungsmythos ist ‚Frankenstein'“.

Der reich illustrierte Band ist ein ausgezeichneter Start in das Frankenstein-Jubiläumsjahr, dem neben Neuveröffentlichungen des Romans weitere Bücher, Filme und andere Produkte folgen werden. Christopher Frayling gelingt es hervorragend, erzählerisch mitreißend und dabei ohne akademisch-trockenen Ton ein kulturelles Phänomen von der stürmisch-elektrischen Geburtsstunde bis heute darzustellen. Mehr geht kaum.

Christopher Frayling: Frankenstein – The First Two Hundred Years, Reel Art Press, London, 2017, 208 Seiten, gebunden, 39,95 Euro, ISBN 978-1909526464 (englischsprachige Ausgabe)

Die deutschsprachige Ausgabe (ISBN 978-3981889017) erscheint voraussichtlich im August 2018, ebenfalls im Verlag Reel Art Press.

Seitengang dankt dem Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Über Leben im Kampf

Sein Buch beginnt wie ein Krimi, und doch ist Hernando Calvo Ospinas Werk „Sei still und atme tief“ alles anderes als fiktionaler Stoff. Der kolumbianische Journalist, der seit 1986 als politischer Flüchtling in Paris im französischen Exil lebt, hat seinen Überlebenskampf niedergeschrieben. Es geht um Folter und politische Verfolgung. Calvo Ospina erzählt von seinen eigenen Erlebnissen und wie es ist, wenn das System die Kritik an sich als Terrorismus verfolgt – und politische Gegner brutal bekämpft und verschwinden lässt.

Calvo Ospina ist 1985 ein junger Kolumbianer, der an der Universidad Central del Ecuador in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito Journalismus studiert und sich nebenbei politisch engagiert – was in jenen Jahren ausgesprochen gefährlich sein kann, wenn man auf der vermeintlich falschen Seite kämpft. In Ecuador hat Präsident Léon Febres Cordero (1984-1988) eine Politik der beispiellosen Repression gegen alle politischen Gegner eingeleitet und in Calvo Ospinas Heimatland Kolumbien regiert seit Jahrzehnten der Terror.

In Quito hat sich eine Gemeinschaft von Kolumbianerinnen und Kolumbianern gefunden, die das Blutvergießen in ihrem Heimatland nicht mehr tatenlos hinnehmen, sondern publik machen wollen. Sie gründen das Centro de Estudios Columbianos (CESCO), das Zentrum für kolumbianische Studien, veröffentlichen heimlich die Zeitung „La Berraquera“ und wissen, dass sie unter Beobachtung stehen. Für die kolumbianischen sowie ecuadorianischen Sicherheitsdienste ist klar: Die Mitglieder des CESCO gehören zur kolumbianischen Guerilla, und sie unterstützen auch die Guerilla Ecuadors.

Ein untrügerisches Zeichen

Ein Jahr zuvor hatten die kolumbianischen Guerilla-Organisationen noch erreicht, die Regierung Kolumbiens zu einem Waffenstillstand zu bewegen und Friedensgespräche aufzunehmen. Sie glaubten daran, dass nur politische Verhandlungen ein Weg aus der Krise sein könnten. Die während des Waffenstillstands von der Guerilla M-19 („Movimiento 19 de Abril“ / „Bewegung 19. April“) gedruckten Bulletins wurden jedoch am selben Ort gedruckt wie die CESCO-Zeitung „La Berraquera“ – für die Sicherheitsdienste ein untrügerisches Zeichen dafür, dass die CESCO und die Guerilla-Organisation zusammengehören. In der Zeit des Waffenstillstands eigentlich kein Problem – der aber dauerte nicht mal ein Jahr: im Juni 1985 wurden die Gespräche abgebrochen, und die Guerilla wurde durch ein Regierungsdekret wieder zu Verbrechern und Terroristen und in diversen Ländern verfolgt.

Die brenzlige Lage verschärft sich zusehends, als im August 1985 ein Kommando zweier Guerilla-Organisationen einen bekannten Bankier entführen, was nicht ganz so endet, wie es geplant ist: Die Guerilleros werden ermordet, der Bankier bei der Befreiung von Kugeln so durchsiebt, dass er wenig später stirbt. Ab diesem Zeitpunkt wird nun endgültig jegliche oppositionelle Organisation verfolgt.

Und so gerät auch der junge Journalist Hernando Calvo Ospina ins Fadenkreuz. Eines Tages wird er mitten auf der Straße verhaftet und verschleppt. Was folgt, sind Qualen und Folter, die Calvo Ospina fast minutiös beschreibt. Für den Leser ist das nur schwer zu ertragen – kaum vorstellbar, wie Calvo Ospina die Schläge und Tritte, die Elektroschocks und den dauernden Schlafentzug stoisch über sich ergehen lassen kann. Er befindet sich ab sofort in den Händen der SIC, einer ecuadorianischen Polizei-Spezialeinheit, die von 1984 bis 1988, so weiß man heute, viele Menschen verschwinden ließ. Zwölf Tage später wird Calvo Ospina ins Gefängnis von Quito verlegt, wo zumindest die Folterungen ein Ende haben. Ein Prozess indes wird ihm nie gemacht.

Immer noch währender Einfluss auf sein Leben

Hernando Calvo Ospina erzählt in der Rückschau mit frechem Witz von seinen Erlebnissen. Die Wunden sind Narben geworden, auf die er nun mit historischem Interesse blickt, ohne zu verheimlichen, wer ihm diese tiefen Schnitte beigebracht hat. Gleichzeitig verschafft er dem Leser einen aufschlussreichen Einblick in die damalige politische Situation und den noch immer währenden Einfluss auf sein heutiges Leben.

Als er sein Buch im Jahr 2014 auf der Leipziger Buchmesse vorstellt, erzählt Calvo Ospina, der inzwischen für Zeitungen wie die „Le Monde Diplomatique“ schreibt, ein Erlebnis aus dem Jahr 2009. Als er für eine Reportage nach Mexiko fliegen musste, verweigerten die USA einer Maschine der Air France, in der er saß, den Weg durch den US-Luftraum. „Ich erinnere mich noch daran, dass der Kapitän durchsagte, wir dürften nicht in den amerikanischen Luftraum einfliegen, weil an Bord jemand sei, der Amerika gefährde.“ An sich selbst habe er dabei nicht gedacht, erinnert er sich. Erst nach der Landung habe der Kapitän ihn zur Seite genommen und aufgeklärt, dass er offenbar auf der No-Fly-List der USA stehe. Noch heute also muss Calvo Ospina Repressalien erdulden, weil er als Journalist zum Beispiel die Außenpolitik der USA gegen Lateinamerika anklagt und eine linksgerichtete, politische Haltung hat, die er auch nach Jahrzehnten nicht aufgegeben hat und nicht aufgeben wird.

Seit 2007 versucht eine sogenannte Wahrheitskommission, die Geschehnisse und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Hernando Calvo Ospinas Buch ist dabei nur ein kleiner, aber wichtiger Mosaikstein in der politischen und juristischen Aufarbeitung, die kleine Früchte trägt. So berichtet das Lateinamerika-Nachrichtenportal „amerika21“ im Oktober 2017 davon, dass Ecuadors Präsident Lenín Moreno und Justizministerin Rosana Alvarado 24 Entschädigungsvereinbarungen für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen unterzeichnet haben. Bei dem Akt habe Moreno die Opfer und Angehörigen um Entschuldigung gebeten und daran erinnert, dass während der Regierungszeit von Ex-Präsident Febres Cordero die meisten Menschenrechtsverletzungen begangen wurden. Laut „amerika21“ sagte er wörtlich: „Wir müssen solche Taten sanktionieren. Die Erinnerung an sie soll dazu dienen, dass solche Fehler nicht wieder begangen werden und keine Straflosigkeit herrscht.“ Hernando Calvo Ospina hat seinen Teil dazu beigetragen.

Hernando Calvo Ospina: Sei still und atme tief, Zambon Verlag, Frankfurt am Main, 2014, 220 Seiten, Taschenbuch, 12 Euro, ISBN 978-3889752215

Letzter Applaus für Verdis Diven und Tenöre

Giuseppe Verdi ist seit mehr als 100 Jahren tot, doch nicht nur seine Musik hallt noch heute nach: Wenn in Mailand die Zeit zur Mittagsstunde vorrückt, zieht ein kleiner Palast an der Piazza Buonarotti so manche ältere Gestalt an. Es sind alles Gäste der Casa di Riposo per Musicisti, des von Verdi 1896 gegründeten Altersheims für Musiker. Der bekannte Schweizer Reportagefotograf Eric Bachmann berichtete schon 1981 mit dem deutschen Journalisten Christian Kämmerling über das wundersame Haus und seine Bewohner. Jetzt ist eine große Auswahl dieser Fotos in der Edition Patrick Frey erschienen. Es ist ein Genuss, diese Zeugnisse eines musikalischen Erbes zu betrachten, und dennoch schaut man mit schwerem Herzen, denn man weiß: all jene Porträtierten sind schon lange tot, ihre Stimmen verklungen.

Als Bachmann und Kämmerling für die Schweizer Wochenillustrierte Sie und Er über die Casa Verdi berichten, lebt Giuseppe Costa schon seit fast 17 Jahren in dem altehrwürdigen Haus in Mailand. Der 1897 geborene Tenor war einst ein Star auf vielen großen Bühnen in Italien und darüber hinaus, sang in der Scala in Mailand, in der Metropolitan Opera in New York, im Teatro Colón in Buenos Aires, in Wien, Berlin, Rio de Janeiro und Budapest. Und er war der erste Tenor, der den Turiddu in Pietro Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ spielte, dirigiert von Mascagni selbst. In der Casa Verdi ist er einer von vielen alten Stars. Bachmann fotografiert ihn behutsam und zurückhaltend im Gespräch mit dem Baritonsänger Antonio Laffi, der mit Seidenschal und Einstecktuch im Jackett auf einem Sofa sitzt und mit klaren, aufmerksamen Augen sein gegenüber anschaut und gleich zur Replik ansetzen wird.

Nur eine Seite weiter sehen wir Costa singend stehen, während eine Dame ihn am Klavier begleitet. Er schaut ernst, konzentriert auf seine Stimme achtend, den Blick gen Himmel gerichtet, die eine Hand mit dem Ring am Finger fasst die andere, und beinahe meint man, seine Stimme hören zu können. Der Weltempfänger auf dem Klavier wirkt fremd, als habe ihn jemand nur kurz abgestellt. Costa aber wirkt keineswegs wie abgestellt, er füllt den Raum und das Bild. Die Fotografie wird zu seiner Bühne, denn jede andere Bühne hat er schon lange verlassen, und dennoch kann er das Singen nicht lassen. Sie alle können es nicht, sie alle sind Musiker, Sänger, Dirigenten, und die Casa die Riposo ist ihre Heimstatt, ihre letzte Unterkunft vor dem Tod und der endgültigen Stille, wenn jegliche Musik verstummt und der letzte Vorhang gefallen, der letzte Applaus verklungen ist. Eric Bachmanns Fotografien sind dieser letzte Applaus.

Sie singen, sie lauschen, sie leben ihre Musik

Mit Bachmann begleiten wir Costa auf sein Zimmer. Dort hängen gerahmte Fotos und Bilder an den Wänden, eine Zeichnung der Scala und ein Poster von einem seiner größten Erfolge: am 11. Februar, einem Mittwochabend, singt Costa, der „La Scala“-Tenor, um 20.30 Uhr in der Carnegie Hall. Wenige Seiten zuvor waren wir noch im Zimmer von Adriano Tocchio, ebenfalls Tenor und Chorsänger der Mailänder Scala, seit 1971 Bewohner der Casa Verdi. Er hat seine neue Profession in der Malerei gefunden. Andere üben sich im Billardspiel, lesen Zeitung im Salon oder rauchen am Fenster. Und immer wieder finden sich manche am Klavier oder am Flügel, sie singen, sie lauschen, sie leben ihre Musik. Und obgleich es nur Fotografien sind, kommt der Betrachter diesem Leben so wunderschön nah, dass es ganz und gar herzerwärmend und erfüllend ist.

Die mit Bedacht ausgewählten Aufnahmen werden durch den ins Englische übersetzten Artikel von Kämmerling sowie einen Biografieanhang ergänzt. Für letzteren sollte man allerdings der italienischen Sprache mächtig sein, denn die Originaldokumente sind nicht übersetzt. Der wahre Schatz aber sind ohnehin die Fotos.

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Wie sehr muss man Verdi doch dankbar sein, dass er das Haus für bedürftige Musiker erbauen ließ und seinem, wie er sagte, „schönstem Werk“ die Urheberrechte an allen seinen Opern vererbte. Seitdem die Tantiemen ausbleiben, wird das Haus über eine Stiftung finanziert. Die Bewohner zahlen das, was sie können. Einer für alle, alle für einen. Laut der ebenfalls lesenswerten Reportage der deutschen Journalistin und Schriftstellerin Petra Reski für die Zeitschrift Brigitte Woman (02/2005) reicht als Aufnahmebedingung „der Nachweis über eine hauptberufliche Tätigkeit im Musikbereich, die italienische Staatsangehörigkeit und die Fähigkeit, sich bei Eintritt in die Casa Verdi noch selbst versorgen zu können“.

Dokumentarfilm und Dustin Hoffmans Regiedebüt

Giuseppe Costa stirbt nur ein Jahr nach der Reportage von Bachmann und Kämmerling, Laffi ebenfalls, Tocchio ein Jahr später. Mit dem wunderbaren Bildband „Casa Verdi“ kommen sie alle noch einmal zurück, die Diven und die Stars der vergangenen Zeiten. Wer danach am liebsten sofort aufbräche, um der Casa Verdi einen Besuch abzustatten, dem sei zunächst der Dokumentarfilm „Il Bacio di Tosca“ („Der Kuss der Tosca“) von dem Schweizer Regisseur Daniel Schmid aus dem Jahr 1984 empfohlen (Trailer). Neueren Datums ist das Regiedebüt „Quartett“ (2013) von Dustin Hoffman, der die Casa Verdi zum Vorbid für seinen Film über ein Altersheim für Musiker nahm (Trailer).

Die Edition Patrick Frey ist ein kleiner Verlag mit Sitz in Zürich, der seinen Fokus auf Fotografie und Kunst sowie auf Projekte legt, die sich mit der Popkultur und dem Alltäglichen befassen. Mit dem Bildband „Casa Verdi“ ist es dem Verlag gelungen, ein wundervolles, berührendes Kleinod zu schaffen. Von Giuseppe Verdi ist das Zitat überliefert: „Wenn ich ganz allein mit mir und meinen Noten kämpfe, dann zittert mir das Herz, die Tränen kommen mir, und die Freuden sind unsagbar.“ Treffender hätte er auch den Bildband nicht beschreiben können.

Eric Bachmann: Casa Verdi, Edition Patrick Frey, Zürich, 2016, 153 Seiten, 92 Farbabbildungen, broschiert, 36 Euro, ISBN 978-3906803258

Seitengang dankt dem Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Die mitreißende Langsamkeit der Reise

Per Anhalter durch SüdamerikaReisen zu können ist das Eine, aber auch begeisternd darüber zu schreiben vermögen, das ist eine Kunst. Truman Capote, Paul Theroux, Johann Wolfgang von Goethe – große Schriftsteller haben zu allen Zeiten wundervolle Reiseberichte verfasst. Dass das jedoch auch Trampern gelingen kann, beweisen die Journalisten Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma eindrucksvoll in ihrem Buch „Per Anhalter durch Südamerika“.

Als die beiden 2011 in Deutschland aufbrechen, liegt eine ungewisse Zukunft von sechs Monaten vor ihnen. Sechs Monate, so lange wollen Morten und Rochssare nach ihrem Studium der Literatur und Medienpraxis eine Sprachreise durch Argentinien und Chile machen. Ihr Antrieb ist weder die Selbstfindung noch das Aussteigertum, sondern ihre Neugier und ihr Interesse an der Welt. Sie trennen sich von ihrem Hab und Gut und nehmen nur das Nötigste mit. Doch sechs Monate genügen nicht, um ihren Reisehunger durch Südamerika zu stillen. Am Ende sind es 752 Tage, 56.000 Kilometer und ein Reisebericht, der beim Lesen furchtbar schrecklich-schönes Fernweh macht.

Sie reisen langsam, in aller Ruhe und stets ohne Flugzeug. Per Anhalter, auf Ladepritschen, engen LKW-Sitzen oder mit dem Boot geht es durch alle südamerikanischen Länder. Sie betreten Niemandsländer und Megametropolen. Sie treiben einen Monat lang mit Marktschiffen den Amazonas hinunter, klettern in die bolivischen Silberminen von Potosí und besuchen die Mennoniten in Paraguay. Eine fünftägige Flussfahrt auf dem Río Paraguay gerät fernab vom erhofften Traum einer Hängematten-Entspannungspartie und Erholungsreise zur belastenden Tortur mit wenig Schlaf, nächtlicher Eiseskälte und dem Kampf um jeden Zentimeter Liegefläche auf dem hoffnungslos mit Passagieren und Waren überladenen Boot.

Das Reiseherz schwelgt mit

Peru, Patagonien, Chile, Ecuador, immer weiter geht die Reise. Und immer stärker wird die Lust, den nächsten Flieger zu nehmen, und es den beiden nachzutun. Das Reiseherz schwelgt mit, rast aufgeregt bei der Schilderung der Mountainbikefahrt auf dem „Camino de la muerte“, der gefährlichsten Straße der Welt, und klopft vor Inbrunst bei den Salsaweltmeisterschaften in Kolumbien oder angesichts des höchsten Wasserfalls der Welt, dem Salto Ange im venezolanischen Dschungel.

Andererseits, das muss man deutlich sagen, verschließen die beiden ihre Augen nicht vor den Missständen Südamerikas. Ohnehin ist dieses Buch kein Reiseführer. Wer erstmalig eine Südamerikareise plant, sollte „Per Anhalter durch Südamerika“ eher als Ergänzung lesen. Dafür ist es dann aber auch lohnenswert. Wer bereits Südamerika-Fan ist, wird sich durch die Erlebnisse von Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma genussvoll berauschen können und sich womöglich an die eigenen Reisen auf den Kontinent erinnern.

Begleitet wird die vielfältige und faszinierende Lektüre von 48 Farbfotos. Die aber – und das ist das große Manko – hätte man wesentlich besser mit dem Text verbinden können. So hängt der Bildteil in der Mitte des Buches, und während des Lesens findet sich kein Hinweis darauf, welches Foto denn nun zum Gelesenen passen könnte. Das ist ausgesprochen schade und wurde auch in der mittlerweile erweiterten Ausgabe (November 2016) nicht geändert.

„Wir werden einfach das machen, was wir gerne machen möchten“

Morten und Rochssare kamen nach zwei Jahren Südamerika zurück nach Deutschland. Sie sind acht Monate geblieben, haben die Familie besucht und Freunde getroffen. Inzwischen sind die beiden längst wieder unterwegs: „Wir werden einfach das machen, was wir gerne machen möchten. Und zwar weiterreisen.“ Wer ihnen durch Asien und weitere Kontinente folgen möchte, dem seien die Facebook-Seite, ihr Blog, ihr Vimeo-Auftritt und vor allem der Instagram-Account anempfohlen.

Der deutsche Dichter Christian Friedrich Hebbel soll gesagt haben: „Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens.“ Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma sind bereits trunken vom Leben. Lassen wir uns doch mitreißen! Was kann denn schöner sein, als sich aufzumachen in die Welt?

Morten Hübbe/Rochssare Neromand-Soma: Per Anhalter durch Südamerika, Malik Verlag (National Geographic), München, 2016, 427 Seiten, 48 Farbabbildungen, Taschenbuch, 16 Euro, ISBN 978-3492406116, Leseprobe

Inseln am Rande der Wirklichkeit

Lexikon der PhantominselnDie Ozeane und Meere sind mittlerweile fast vollständig erforscht. Dennoch sind auch heute noch in vielen Navigationskarten Inseln aufgeführt, die tatsächlich nur reine Phantasie sind. Jahrhunderte lang haben Entdecker immer wieder nach solchen Phantominseln gesucht – und sie nie gefunden. Davon zeugt höchst aufschlussreich das wunderbare „Lexikon der Phantominseln“ von Dirk Liesemer, das jetzt im Mare-Verlag erschienen ist. Es ist ein kleiner Schatz, bibliophil aufgemacht und mal spannend, mal belustigend erzählt.

Als die LZ-127 „Graf Zeppelin“, das damals größte Luftschiff der Welt, im Sommer 1931 von Berlin aus die Reise in die Arktis beginnt, hoffen die Forscher an Bord nicht nur auf einen neuen Rekord für die Luftfahrt (noch nie ist ein Zeppelin so weit nach Norden gelangt). Sie hoffen auch darauf, unbekannte Inseln zu entdecken, denn Anfang des 20. Jahrhunderts ist kaum eine Region derart wenig erkundet wie die Polargebiete.

Doch die Passagiere, zu denen auch drei Reporter gehören, enthüllen vielmehr, dass eine im Franz-Josef-Archipel kartierte Insel (Armitage Island) nur eine Halbinsel ist, eine andere namens Albert Edward Island gar nicht existiert, und Harmsworth Island, 1897 von dem britischen Polarforscher Frederick George Jackson entdeckt, ebenfalls nicht vorhanden ist. Der US-Wissenschaftler Lincoln Ellsworth funkt nach Amerika: „Aktuelle Karten nicht korrekt. Albert Edward Island und Harmsworth Island existieren nicht.“

Schlaraffen-Eiland mit Früchten und Edelsteinen

„Aktuelle Karten nicht korrekt“ – dieses Schicksal teilen sich viele historische Karten und Globen der vergangenen Jahrhunderte. Zum Beispiel die des mallorquinischen Geografen Angelino Dulcert, der im Jahr 1325 eine legendäre Insel in sein Werk einträgt, von der sich die Menschen bislang nur erzählt haben, eine Art Schlaraffen-Eiland mit süßen Früchten an den Bäumen und glänzenden Edelsteinen auf der Erde. Keltische Mönche haben sie im 6. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt, und mit der Zeit verfestigt sich die Geschichte zu einer echten Insel. Und wie eine Geschichte verändert sich auch die Form. Mal ist sie groß und schlank, mal klein und rund. Aber hat sie wirklich jemand gesehen? Ja, ein Kapitän namens John Nisbet of Killybegs will die Insel 1674 tatsächlich betreten haben und erzählt eine nicht minder spannende Geschichte von altmodisch gekleideten Männern, Schafen, schwarzen Hasen und einem Schloss.

Viel Seemannsgarn wird gesponnen, um die eine oder andere Insel aus den Fluten auftauchen zu lassen. Der amerikanische Kapitän Benjamin Morrell etwa, der zeit seines Lebens Abenteuergeschichten und Reiseliteratur verschlungen hat, ist dafür verantwortlich, dass mindestens zwei Inseln das Licht der Welt erblickten, ohne dass es sie je gegeben hätte. Morrell trieb nicht nur die Lust am Geschichtenerfinden an, sondern auch die Geltungssucht – endlich würde man auch ihn einen Entdecker nennen. Beide Phantominseln waren übrigens auch kurzzeitig der Grund für eine Verschiebung der internationalen Datumsgrenze. Geltungssucht hin oder her, aber schon damit hat sich Kapitän Morrell in die Geschichtsbücher geschrieben.

Ja, es sind die verschiedensten Motive, aus denen manche eine Insel erfunden haben. Oft hat Politik eine Rolle gespielt, dann und wann aber hat auch die Natur den Seefahrern einen Streich gespielt und sie sind einer Fata Morgana aufgesessen. Manchmal sind sie nur im Nebel herumgeirrt, dann wieder stimmten Messungen und Standortbestimmungen nicht – mit technischen Hilfsmitteln wie GPS ist das heutzutage kaum noch vorstellbar. Doch eine der 30 Phantominseln hat es sogar noch in die hochtechnologisierte Zeit geschafft: Das mysteriöse Sandy Island im östlichen Korallenmeer war bis November 2012 bei Google Earth als Insel zu finden. Erst eine Expedition der University of Sydney und ein Bibliothekar am Auckland War Memorial Museum in Neuseeland erkennen: Die Insel ist ein Hirngespinst.

Von Irrfahrten, Christoph Kolumbus und anderen großen Entdeckern

Liesemer erzählt sehr einnehmend von allerlei Irrfahrten durch die Meere, von Christoph Kolumbus und anderen großen Entdeckern. Im Nachwort erklärt Liesemer, die Quellenlage sei schwierig gewesen, bis heute gebe es nur eine begrenzte Auswahl an Sekundärliteratur. Umso begeisternder ist seine detaillierte Beschreibung, seine Fähigkeit, trotz der wissenschaftlichen Hintergründe die Inselgeschichten so mitreißend erlebbar zu machen.

Das liegt vielleicht auch daran, dass dem Autor die Seefahrergeschichten zweifelsohne in die Wiege gelegt worden sind – sein Vater, ein gestrandeter Kapitän zur See, hatte mehr als zehn Jahre in der Südsee verbracht und war zeitweise Privatkapitän des Gouverneurs von Guam gewesen. Liesemer, 1977 im westfälischen Steinheim (Kreis Höxter) geboren und aufgewachsen im lippischen Feldrom, studierte Politik und Philosophie in Münster und Rennes und arbeitete später als Redakteur in Berlin und München. Heute lebt und arbeitet Liesemer als Autor und freier Journalist in Leipzig. Das „Lexikon der Phantominseln“ ist sein erstes Buch.

Die optische Gestaltung ist hervorragend: Schon auf dem Vorsatzpapier sind auf einer Karte die 30 Phantominseln eingezeichnet, und zu fast jeder Insel sind im Innenteil neue Karten angefertigt worden. Dazu werden einführend jeweils Position, Größe, Sichtungen und die historischen Karten kurz benannt. Von außen lassen Buchschnitt und Lesebändchen in herrlichstem Meerblau Bibliophile wonnig seufzen. Einzig und allein hätte ein Schuber den Eindruck noch perfektioniert. Segelfreunde, Kapitäne von allerlei Wasserstraßen, große und kleine Entdecker sowie all jene, die dem Meer schlichtweg hoffnungslos erlegen sind, sollten Kurs nehmen und dieses fantastische Bändchen an Bord nehmen. Segel setzen und denn man tau!

Dirk Liesemer: Lexikon der Phantominseln, Mare-Verlag, Hamburg, 2016, 157 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3866482364

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 29./30. Oktober 2016) erschienen.