Ego und Ego

Das Buch „Der Raum, in dem alles geschah“ ist als eines der wichtigsten Trump-Enthüllungbücher angekündigt worden, die in diesem Jahr auf den Markt kommen. Doch der mehr als 600 Seiten dicke Wälzer über die Erlebnisse und Eindrücke des ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton liest sich wie ein ermüdendes, minutiöses Sitzungsprotokoll – und verrät zu wenig über das hinaus, was bereits bekannt ist. Neben dem viel zu detaillierten Blick hinter die Kulissen entlarvt Bolton nicht zuletzt seine eigene charakterliche Ähnlichkeit zu Donald Trump. 

John Bolton war 519 Tage lang Sicherheitsberater im Weißen Haus. Er gilt als umstrittener, konservativer Hardliner und Vertreter einer aggressiven militärischen Außenpolitik. Zur Zeit der Präsidentschaft von George W. Bush war Bolton Berater im US-Außenministerium und propagierte zum Beispiel intensiv den Einmarsch der US-Truppen in den Irak. Zuvor war er bereits für George Bush und Ronald Reagan tätig. Er ist scharfer Kritiker der Vereinten Nationen, setzte sich für das Recht ein, dass Privatpersonen weltweit Schusswaffen tragen dürfen und war langjähriger Kommentator des rechten US-Nachrichtensenders Fox News, der es mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt und zu Trumps Lieblingssendern gehört. Erst im April 2018 übernimmt Bolton den „zweitbesten Job“ als Nationaler Sicherheitsberater. Eigentlich wollte er Außenminister werden.

Dass rund 17 Monate seit Trumps Wahlsieg im November 2016 vergehen sollen, bevor Bolton der Regierung beitreten darf, scheint ihn getroffen zu haben. Anklänge der kopflosen Hinhaltetaktik finden sich im ersten Kapitel mit dem Titel „Der lange Marsch zu einem Eckbüro im West Wing“. Am 17. November 2016 nimmt der Reigen seinen Anfang. Trump ruft Bolton an und erklärt vielsagend: „Wir werden Sie in den nächsten Tagen hier bei uns haben, und wir ziehen Sie für eine Reihe von Möglichkeiten in Betracht.“ Thanksgiving ruft Trumps Schwiegersohn und Chefberater Jared Kushner an: „Donald ist ein großer Fan von Ihnen, wie wir alle.“ Bolton sei durchaus noch im Rennen für den Posten des Außenministers. Tage, Wochen und Monate vergehen, während sich das Personalkarussell weiterdreht. Ein republikanischer Stratege empfiehlt Bolton zwischenzeitlich, „zu versuchen, der letzte Mann zu sein, der noch steht“. Bolton hat Kontakt zu Vize-Präsident Mike Pence, Reince Priebus (vorübergehend Trumps Stabschef), Steve Bannon (vorübergehend Chef-Stratege im Weißen Haus), Rex Tillerson (vorübergehend US-Außenminister) – und immer wieder auch zu Donald Trump, der ihn regelmäßig um Rat fragt.

„Einige von denen denken, Sie sind der böse Bulle“

Boltons eiserne Ausdauer wird belohnt. Im April 2018 kommt es zum Schulterschluss der beiden Männer, den wohl kaum ein Wortwechsel am Telefon besser belegen kann, als dieser:
Trump: „Einige von denen denken, Sie sind der böse Bulle.“
Bolton: „Wenn wir ‚guter Bulle / böser Bulle‘ spielen, ist der Präsident immer der gute Bulle.“
Trump: „Das Problem ist, dass wir zwei böse Bullen haben.“

Bolton schreibt dazu: „Und ich konnte hören, wie die anderen, die im Oval zur Geheimdienstbesprechung waren, lachten, genau wie ich.“ Doch die gelöste Stimmung weicht bei Bolton bald der sicheren Gewissheit, dass Trump das Land nicht wie ein erwachsener Präsident führt, sondern wie ein Kind auf der Suche nach dem größten, eigenen Nutzen. Erschüttert diagnostiziert er Trumps Defizite beim Intellekt und Allgemeinwissen. So soll er Bolton gefragt haben, ob Finnland zu Russland gehöre. Trump ist auch längst nicht der Hardliner, für den Bolton ihn anfangs wohl gehalten hat. Trump rasselt lieber nur mit dem Säbel, während der Militarist Bolton ihn im Zweifel auch einsetzen würde, zum Beispiel bei politischen Gegnern wie Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. Trump setzte jedoch auf eine diplomatische Lösung.

Sprachlich und stilistisch keineswegs hervorragend

Das Meiste davon ist bereits überholt, berichtet, bekannt. Neben der überflüssig wortreichen sowie sprachlich und stilistisch keineswegs hervorragenden Protokollierung des politischen Geschehens lässt sich deshalb nicht viel essentiell Neues aus dem Buch entnehmen. Es fühlt sich an wie ein Dokumentarfilm, bei dem ein aufwendig produzierter Trailer schon die besten Szenen vorweggenommen hat. 

Man muss sich wohl auch fragen, warum Bolton für zwei Millionen Dollar Honorar unbedingt dieses Buch schreiben, gleichzeitig aber partout nicht im Amtsenthebungsverfahren gegen Trump aussagen wollte, wenn die Demokraten ihn vorgeladen hätten. Bolton steht schon länger im Verdacht, dass er sich nur an Trump rächen und sein eigenes Ego stärken wollte. Die Journalistin Jennifer Szalai schreibt in ihrer Buchkritik in der New York Times: „Das Buch strotzt vor Selbstbewusstsein, obwohl es am meisten davon erzählt, dass Bolton nicht viel erreichen kann.“ Treffender geht es kaum.

Dass „Der Raum, in dem alles geschah“ in den USA dennoch zu einem Bestseller wurde, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen „funktionieren“ Trump-Bücher auf dem Buchmarkt, gerade im Wahljahr. Amerika liebt und hasst den Präsidenten, und man kann so trefflich über ihn streiten. Die Verlage wissen darum und nutzen den Hype. Möglicherweise endet er in diesem November. Und einen besseren Veröffentlichungszeitpunkt als direkt zum Präsidentschaftswahlkampf hätte sich Bolton nicht aussuchen können. Zum anderen hat Trump selbst die Verkaufszahlen effektiv in die Höhe getrieben, als er Bolton einen Lügner nannte und die Regierung das Buch verbieten lassen wollte.

Überraschungsdeal in Deutschland

In Deutschland ist Boltons schwergewichtige Abrechnung am 14. August vom Kleinverlag „Das neue Berlin“ veröffentlicht worden. Die Berliner Verlagsgruppe Eulenspiegel, zu der der Verlag gehört und die aus früheren DDR-Verlagen hervorgegangen ist, hat damit einen wahren Überraschungsdeal hingelegt. Gegenüber der Fachzeitschrift Buchreport erklärte die zuständige Mitarbeiterin für Rechte und Lizenzen, sie seien selbst ein bisschen überrascht gewesen, dass sie den Zuschlag bekommen hätten, aber „wir wollten das Buch und haben schnell die Vorbereitungen für Übersetzung und Druck getroffen“. An manchen Stellen merkt man die notwendige Rasanz, mit der das deutsche Übersetzerteam über die Seiten fegen musste, damit der Verlag es weniger als zwei Monate nach der US-amerikanischen Veröffentlichung auf Deutsch auf den Markt bringen konnte.

Was hat „Der Raum, in dem alles geschah“ geändert? Im Grunde nichts. Die Republikaner im Kongress ignorieren die in immer neuen Büchern deutlich manifestierte Faktenlage für Trumps Unvermögen, Planlosigkeit und Ich-Bezogenheit – und so erging es auch Boltons mit Spannung und Furcht erwarteten Bericht aus der Schaltzentrale der Macht. In Bob Woodwards Buch „Rage“ (USA: 15. September; Deutsch: „Wut“, 19. Oktober) werden ebenfalls neue brisante Details veröffentlicht. Und wieder wird man sich fragen: Wird es Trump schaden? Das Problem ist: Nach fast vier Jahren Trump-Regierung und zahllosen Büchern, Filmen und Artikeln über ihn hat sich eine gefährliche Gewöhnung eingestellt. Die Wahrheit überrascht nicht mehr. Nur eine Wahl kann jetzt noch etwas ändern.

John Bolton: Der Raum, in dem alles geschah, Das neue Berlin, Berlin, 2020, 640 Seiten, gebunden, 28 Euro, ISBN 978-3360013712, Leseprobe

Seitengang dankt dem Verlag „Das neue Berlin“ für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Diese Rolle spielt Design und Architektur im Iran

Wer in den Niederlanden abends durch die Straßen flaniert, kann meist einen unverstellten Blick auf das Interieur werfen. Designmöbel oder Eiche brutal, Raufasertapete, Stuckdecke oder Wischtechnik in der Trendfarbe Macchiato – vor allem Design- und Architekturfreunde genießen solche Einblicke. Aber wie leben Menschen in Ländern abseits der westlichen Standards? Die Münchnerin Lena Späth zeigt in „Beyond Curtains“ selten Gesehenes: fantastisch designte Häuser in einem modernen Iran.

Lena Späth ist studierte Orientalistin und reist im Herbst 2008 zum ersten Mal nach Teheran, um dort für fünf Monate Farsi zu lernen. Als sie zurück nach Deutschland kommt, hat sie Unmengen an Büchern und Handarbeiten im Gepäck, aber auch ihr Herz an einen Iraner verloren. „Durch ihn, seine Freunde, Musik, Lieblingsgedichte und -bücher, Familie, Kaffeeläden, seinen Slang und seine Geschichten traf ich den wirklichen Iran“, schreibt sie in ihrem Vorwort. Seitdem ist sie immer wieder in den Iran geflogen, um Teheran-Luft zu schnuppern und durch das „Freilichtmuseum der Jahrtausende zu reisen“ und die „Kontraste zwischen den liberalen und traditionellen Iranern zu erleben“.

Diese Kontraste finden sich auch in der iranischen Innenarchitektur. Viele Fotos zeigen, wie sehr das Traditionelle als kulturelles Erbe erhalten wird und zugleich Geschichte und Modernität kunstvoll miteinander kombiniert werden. Eines der besten Beispiele dafür ist das Hotel Manouchehri in der Wüstenstadt Kashan, rund drei Stunden südlich von Teheran. Der Hoteleigentümer, ein begeisterter Sammler iranischer Kunst und Textilien, hat ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Kaufmannshaus restauriert. Wir sehen den üblichen Portikus, dazu wunderbare Muster in den Schlamm- und Ziegelmauern sowie farbenfrohe Glasfenster und einen fetten Kronleuchter in der Lobby. Dazu hat der Innenarchitekt Shahnaz Nader minimalistische Möbel in klaren Farben arrangiert.

Savoir-vivre im Iran

Oder die Villa Shomal, ein 1992 entstandenes Gebäude, das 2016 umfangreich renoviert und modernisiert wurde. Designer Ali Ravanpak, ein ambitionierter Koch, baute, für Iraner völlig irrwitzig, die Küche in die Mitte des Wohnbereichs. An der Terrasse laden weiße und orange Kissen zum Verweilen am Pool ein. Und obwohl die Villa den Chic der westlichen Welt einfängt, behält sie doch den Charme der persischen. Fenster, die an Schießscharten erinnern, schützen den privaten Raum vor allzu neugierigen Blicken von außen. Grandios und gemütlich einladend: die halbrunde Couch rund um den Kamin und den freien Blick auf die Küche. Savoir-vivre im Iran.

Dass diese Art der Inneneinrichtung nicht repräsentativ ist für alle Schichten, macht Späth im Vorwort deutlich. Auch im Iran sind Design und Innenarchitektur eher Themen für die Familien der Mittel- und Oberschicht. Trotzdem ist „Behind Curtains“ kein bloßes Schaubild von den Hütten und Palästen der Reichen und Etablierten, sondern eine anschauliche Einführung, wie hinter alten, bisher verschlossenen Mauern trotz Tradition die Moderne Einzug hält.

Vom Eigenverlag zur Buchrolle

Lena Späth hat ihre Arbeit im Jahr 2017 als „Behind Closed Curtains“ im Eigenverlag herausgegeben. Wenig später erscheint es als „Beyond Curtains“ auch im Berliner Buchrollen-Verlag „Round not Square“, wo neben einigen herausragenden Foto- und Kunstbücher(-rollen) auch das zauberhafte Kindermärchen „Wilma und Wolf“ oder die Graphic Novel „Shipwreck“ erschienen sind.

Der Verlag revolutioniert seit einigen Jahren den Buchmarkt, indem er Bücher als handgebundene Buchrollen auf den Markt bringt. Für „Beyond Curtains“ bedeutet das, sich den Worten und Fotos auf besonders intensive Weise widmen zu können. Ein schnelles Durchblättern ist hier unmöglich. Stattdessen beschäftigt sich der Leser und Beschauer beim Aus- und Einrollen ganz bewusst mit dem Entdecken von hoch- oder querformatigen, kleinen oder ausladenden Fotos. Die rund 15 Meter lange Schriftrolle schafft eine fast endlos scheinende Fläche der Möglichkeiten.

Lena Späth schreibt, sie habe bei ihrer Arbeit ein ultimatives Ziel gehabt: „Nicht nur jedem den Blick hinter die Vorhänge zu erlauben, sondern auch über die eigene Nasenspitze hinaus.“ Wir haben nur diese eine Welt – raffen, ach was: rollen (!) wir die Vorhänge beiseite und schauen sie uns an!

Lena Späth: Beyond Curtains, Round not Square, Berlin, 2017, 15 Meter lang, 20 Zentimeter hoch, handgebunden in Buchleinen mit eingebetteten Magneten, 50 Euro, bestellbar über den Onlineshop des Verlags, Video, Webseite von Lena Späth

Seitengang dankt dem Verlag „Round not Square“ für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Zwischen allen Rollen

Erst im Juni 2018 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt, dass Transmenschen nicht psychisch krank sind. Es ist also erst wenige Wochen her, dass Transsexualität offiziell nicht mehr als Störung gewertet wird. Weltweit leiden Transmenschen jedoch nach wie vor unter einem gesellschaftlichen Stigma, werden diskriminiert und Opfer von Gewalt. Sehr berührend und sensibel beschreibt das die Fotoreportage „Trans*visit“ des Schweizer Fotografen Martin Bichsel. Er hat elf Transmenschen in Ländern wie der Türkei, Griechenland, Tunesien oder der Ukraine getroffen und sie einfühlsam porträtiert.

Transmenschen haben vor allem eins gemeinsam: ihr inneres Wissen, welches Geschlecht sie haben (die Geschlechtsidentität), stimmt nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesen Geschlecht überein. Sie leben ihr Geschlecht jedoch ganz unterschiedlich. Egal, ob sie eindeutig wie ein Mann oder wie eine Frau aussehen, ob sie operiert sind oder sie sich besonders „männlich“ oder „weiblich“ verhalten. Sie alle sind Transmenschen, und nicht nur diejenigen, die  geschlechtsangleichende Operationen machen lassen. Oder wie Nyke Slawik im November 2017 in ihrem Kommentar bei ze.tt so treffend titelte: „Trans* Menschen sind mehr als: ‚Hast du noch/schon deinen Penis?'“

Bichsels Neugier war geweckt

Bichsels berührendes Fotoprojekt begann 2005 in Istanbul durch einen Zufall. Bichsel war mit einem befreundeten Journalisten in der Stadt unterwegs, um über die alternative Musikszene und das Nachtleben zu berichten. Dann aber trafen sie eines Nachts auf Michelle, eine Frau mit deutlich kantigem Kinn und markantem Gesicht, „was beides nicht so recht zum Rest ihrer ausgesprochen weiblichen Aufmachung passen wollte“. Bichsels Neugier war geweckt, und Michelle war eine dankbare Interviewpartnerin, die dem Fotografen erlaubte, ihren Alltag zu begleiten.

Wir sehen Michelle bei der Arbeit und bei der Laserepilation, auf dem Taksim-Platz und früh morgens, wenn sie sich fertig macht für den Tag. Wir erfahren, dass Gewalt und Unverständnis gegenüber Transmenschen in der Türkei, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt, keine Seltenheit ist. Von der Polizei können sie keine Hilfe erwarten, Straftaten gegen Transmenschen werden oft gar nicht erst aufgeklärt.

Eine sichtbare und deutliche Aktivistin

Viele von Michelles Freundinnen arbeiten in der Prostitution, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Einen regulären Arbeitsplatz zu ergattern, ist für Transmenschen aufgrund der Ächtung fast unmöglich. Michelle aber betont immer wieder, dass sie ihren Körper nicht verkaufen will, dass sie auf andere Weise Geld verdienen möchte. Wir erleben die damals 30-Jährige als eine starke Persönlichkeit, die, obwohl Angst ihr ständiger Begleiter ist, eine sichtbare und deutliche LGBT-Aktivistin ist (LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Ihr Glaube daran, dass vor allem Bildung zu mehr gegenseitigem Verständnis führt, verhilft ihr schließlich zu einem Job als Reporterin bei einem Fernsehsender.

Es gibt in diesem Buch viele glückliche Transmenschen. Aber ihre Geschichten sind es oft nicht, denn sie erzählen auch von persönlichen Schicksalen, von Diskriminierung und Gewalt. Da ist zum Beispiel Angela. Sie wohnt in der muslimisch geprägten albanischen Hauptstadt Tirana und arbeitet als Prostituierte. In der Öffentlichkeit wird sie angefeindet – sie fällt auf wie ein bunter Hund, will sich auch nicht verstecken. In vielen Cafés wird sie gar nicht erst bedient, manchmal sogar direkt rausgeworfen, erzählt sie Bichsel.

Menschen werfen mit Steinen nach ihr, Ärzte lachen sie aus

Als sie von einem Freier derart verprügelt wird, dass sie ins Krankenhaus muss, wird sie dort nicht behandelt, sondern zu allem Übel auch noch von den Ärzten ausgelacht. Menschen werfen mit Steinen nach ihr, und von der Polizei kann sie auch keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil: Einmal wurde sie auch von der misshandelt. In Italien, hofft Angela, wird es ihr einmal besser gehen. Deshalb spart sie ihr weniges Geld, um bald einen Pass beantragen und nach Italien ausreisen zu können.

Bichsel zeigt Transmenschen aus ganz verschiedenen Kulturen und von unterschiedlichen Kontinenten. Seine Fotografien kommen den Menschen nahe und sind doch aus einer vorsichtigen Distanz, die nie die Grenze zum Voyeuristischen überschreiten. „Trans*visit“ ist ein eindrückliches Buch, das verstehen hilft, auch und gerade für Leser, die bisher Berührungsängste oder keinen Zugang zu Transmenschen hatten.

Wie ein Spaziergang mit zufälligen Begegnungen

Das Inhaltsverzeichnis des Buches lässt zunächst die Seitenzahlen vermissen. Genannt werden nur die Namen, Wohnorte sowie Jahre, in denen Bichsel den Menschen begegnet ist. Mit Glück schlägt man die richtige Seite mit dem gewünschten Porträt auf, andernfalls aber, und das ist das viel größere Glück und der bessere Zugang, ziehen die Fotografien beim Blättern nach dem gesuchten Porträt den Leser in eine andere Geschichte, zu einem anderen Menschen. „Trans*Visit“ lässt sich lesen wie ein Spaziergang mit zufälligen Begegnungen. Nicht anders erging es Bichsel damals 2005 in Instanbul, als er auf der Straße plötzlich Michelle gegenüberstand.

Im August 2018 berichtete die Zeitschrift Stern Crime (Nr. 20) über das Projekt der beiden Fotografen Andrew Mroczek und Juan José Barboza-Gubo, die in Peru Tatorte fotografierten, wo Lesben, Schwule, Bisexuelle und vor allem Transmenschen ermordet wurden oder nur knapp mit dem Leben davon kamen. Die Behörden sehen dort bei homo- und transphoben Verbrechen weg, Opfer sind unverhohlenem Hass ausgesetzt, Morde bleiben ungesühnt. In Peru wurde über die Ausstellung der beiden homosexuellen Fotografen kaum berichtet. Mittlerweile wurden ihre Fotos in Havanna, La Paz, New York und Houston gezeigt.

Nur Aufklärung kann den Hass vermindern und das Verstehen fördern. Fotografen wie Mroczek, Barboza-Gubo und Bichsel lassen uns erste, aber längst überfällige Schritte gehen. Es wird noch viele weitere brauchen, bis Homo- und Transphobie weltweit überwunden sind. Oder wie Bichsel in seinem aufschlussreichen Vorwort schreibt: „Bevor sich die Lebensumstände für Transmenschen ändern, muss es der gesamten Gesellschaft ermöglicht werden, ein Leben in Freiheit und Würde zu leben.“ Fotoprojekte wie das seine sorgen für die notwendige Aufmerksamkeit und Aufklärung in unserer Gesellschaft, wo LGBT-Themen noch zu oft tabuisiert werden.

Martin Bichsel: Trans*Visit, Kommode Verlag, Zürich, 2014, 96 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3952411469

Seitengang dankt dem Kommode-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Frankenstein, der unsterbliche Mythos

Einen der bedeutendsten und grandiosesten Schauerromane der Weltliteratur haben wir dem verregneten Sommer 1816 zu verdanken. Weil in Genf kein Nachtleben möglich war, versammelte sich eines Abends eine illustre Runde britischer Touristen um ein loderndes Holzfeuer und erzählte sich Gruselgeschichten. Unter den Gästen befand sich auch die damals 18-jährige Mary Godwin. Eineinhalb Jahre später, sie hatte mittlerweile Percey Shelley geheiratet, erschien ihr Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.

Zum 200. Geburtstag des Wissenschaftlers Frankenstein und seines berühmt gewordenen Monsters in Menschengestalt hat jetzt der britische Historiker Christopher Frayling, eine anerkannte Instanz in Sachen Schauerliteratur und Horrorfilmen, eine fantastische Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte sowie der Auswirkungen des Romans auf die populäre Kultur verfasst.

Mary Godwin verbrachte den Sommer 1816 mit ihrem zukünftigen Ehemann Percy Shelley und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont bei dem englischen Dichter Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori in der Schweiz. Lord Byron hatte in Cologny am Genfersee, rund zwei Meilen von Genf entfernt, die Villa Diodati gemietet, von der man einen herrlichen Blick über die Ostküste des Sees gehabt hätte – wenn das Wetter nicht so schlecht gewesen wäre.

Das Jahr ohne Sommer

Das Jahr 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Verursacht wurde es durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815, der mehr Staub in die Atmosphäre schleuderte als jeder andere Ausbruch eines Vulkans zuvor. Dieser Sommer war ausgesprochen kalt, regnerisch und stürmisch, und die Reisenden waren meist im Haus gefangen. Die ummauerte Stadt Genf schloss ihre Tore pünktlich um 10 Uhr abends und „keine Bestechung (wie in Frankreich) kann sie öffnen“, schrieb Mary Godwin in ihr Notizbuch.

Wie also sollte man sich die Zeit vertreiben? Die Freunde trafen sich des Abends am Kamin, philosophierten und stritten über wissenschaftliche Errungenschaften der damaligen Zeit oder lasen sich gegenseitig Gespenstermärchen vor. Eines Abends kam Lord Byron auf die Idee, jeder aus der Runde solle eine eigene Geschichte erzählen. Dr. Polidori sorgte mit seiner Erzählung „Der Vampyr“ für allerlei Schrecken in der Runde, noch bevor Bram Stoker sich „Dracula“ ausdenken konnte.

Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches

Und Mary Godwin, mit ihren zarten 18 Jahren bereits eine sehr belesene junge Frau, schockierte die Schicksalsgemeinschaft mit ihrer Erzählung über die Erschaffung eines künstlichen Menschen. Mit Unterstützung ihres Mannes Percy Shelley brachte Mary am Neujahrstag des Jahres 1818 schließlich den Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ heraus, in einer Auflage von 500 Exemplaren und ohne Namensnennung der Autorin. Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches, dabei war das Sujet durchaus modern zu jener Zeit.

Anfang des 19. Jahrhundert hatte das Zeitalter der Elektrizität begonnen. Die erste Batterie war erfunden (die sogenannte Voltasäule), Wissenschaftler wie Luigi Galvani forschten mit Froschschenkeln an Muskelkontraktionen durch elektrischen Strom, und der Schweizer Uhrmacher Pierre Jaquet-Droz und sein Sohn Henri-Louis verblüfften die Öffentlichkeit mit ihren automatischen Figuren, die schreiben, Klavier spielen sowie Augen und Kopf bewegen konnten.

In „Frankenstein – Die ersten zweihundert Jahre“ ordnet Christopher Frayling die Entstehungsgeschichte von „Frankenstein“ in den historisch-wissenschaftlichen Kontext ein, legt dar, welche Bücher Mary Shelley gelesen hat, mit welchen Wissenschaftlern sie sich beschäftigte und zeigt anschaulich den heutigen Stand der Literaturforschung über den Ursprung von Mary Shelleys „Frankenstein“. Faszinierend dabei ist auch der Faksimile-Nachdruck der frühesten bekannten Manuskriptversion der Schöpfungsszene.

Frankenstein kommt ins Kino

Aber „Frankenstein“ ist nicht nur eine Weltliteratur gewordene Schauergeschichte, „Frankenstein“ wurde zu einem Mythos und nahm schon bald den Weg in die populäre Kultur. 1823 wurde der Stoff erstmalig fürs Theater adaptiert, wo Mary Shelley diese Bearbeitung auch gesehen haben soll. Im Jahr 1910 dann die erste filmische Bearbeitung der „Edison Studios“, bevor 1931 „Frankenstein“ mit Boris Karloff in der Rolle des Monsters in die Kinos kam. Maskenbildner Jack Pierce brauchte damals täglich zwischen vier und sechs Stunden, um aus dem Schauspieler das Ungeheuer zu machen, mit dessen Äußerem jahrzehntelang jeder Frankensteins Monster verband oder bis heute verbindet.

Auch in diesem Teil des großformatigen Bandes von Christopher Frayling bleibt die Lektüre erhellend, was wohl auch daran liegt, dass Frayling ein wahrer Horrorfilm-Fan ist. In seinem Nachwort schreibt er, dass er „verspätet“ jenem unbekannten Mitarbeiter im „Plaza Cinema“ in London dankt, der ihn als 11-Jährigen in eine Vorstellung des erst ab 18 Jahren freigegebenen Films „Frankensteins Rache“ schlüpfen ließ und „unwissentlich einen tiefen Samen gepflanzt hat“.

Inbegriff der Grenzüberschreitung

Frayling zeigt im umfangreichen Bildteil des Buches die visuelle Entwicklung und ständige Neubelebung des Frankenstein-Themas in zahlreichen Filmen, Comics, Theaterstücken, Musicals, TV-Serien, Werbeplakaten, Briefmarken und Plastikspielzeug. Frankenstein ist allgegenwärtig und thematisch aktuell wie eh und je: Er bleibt der Inbegriff der Grenzüberschreitung, die Wissenschaftler stetig anstreben – ohne dass sie auch immer erstrebenswert scheint. Oder wie Frayling selbst umreißt: „Der wahre Schöpfungsmythos der Neuzeit (…) ist nicht mehr Adam und Eva im Garten Eden“, der „wahre Schöpfungsmythos ist ‚Frankenstein'“.

Der reich illustrierte Band ist ein ausgezeichneter Start in das Frankenstein-Jubiläumsjahr, dem neben Neuveröffentlichungen des Romans weitere Bücher, Filme und andere Produkte folgen werden. Christopher Frayling gelingt es hervorragend, erzählerisch mitreißend und dabei ohne akademisch-trockenen Ton ein kulturelles Phänomen von der stürmisch-elektrischen Geburtsstunde bis heute darzustellen. Mehr geht kaum.

Christopher Frayling: Frankenstein – The First Two Hundred Years, Reel Art Press, London, 2017, 208 Seiten, gebunden, 39,95 Euro, ISBN 978-1909526464 (englischsprachige Ausgabe)

Die deutschsprachige Ausgabe (ISBN 978-3981889017) erscheint voraussichtlich im August 2018, ebenfalls im Verlag Reel Art Press.

Seitengang dankt dem Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Über Leben im Kampf

Sein Buch beginnt wie ein Krimi, und doch ist Hernando Calvo Ospinas Werk „Sei still und atme tief“ alles anderes als fiktionaler Stoff. Der kolumbianische Journalist, der seit 1986 als politischer Flüchtling in Paris im französischen Exil lebt, hat seinen Überlebenskampf niedergeschrieben. Es geht um Folter und politische Verfolgung. Calvo Ospina erzählt von seinen eigenen Erlebnissen und wie es ist, wenn das System die Kritik an sich als Terrorismus verfolgt – und politische Gegner brutal bekämpft und verschwinden lässt.

Calvo Ospina ist 1985 ein junger Kolumbianer, der an der Universidad Central del Ecuador in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito Journalismus studiert und sich nebenbei politisch engagiert – was in jenen Jahren ausgesprochen gefährlich sein kann, wenn man auf der vermeintlich falschen Seite kämpft. In Ecuador hat Präsident Léon Febres Cordero (1984-1988) eine Politik der beispiellosen Repression gegen alle politischen Gegner eingeleitet und in Calvo Ospinas Heimatland Kolumbien regiert seit Jahrzehnten der Terror.

In Quito hat sich eine Gemeinschaft von Kolumbianerinnen und Kolumbianern gefunden, die das Blutvergießen in ihrem Heimatland nicht mehr tatenlos hinnehmen, sondern publik machen wollen. Sie gründen das Centro de Estudios Columbianos (CESCO), das Zentrum für kolumbianische Studien, veröffentlichen heimlich die Zeitung „La Berraquera“ und wissen, dass sie unter Beobachtung stehen. Für die kolumbianischen sowie ecuadorianischen Sicherheitsdienste ist klar: Die Mitglieder des CESCO gehören zur kolumbianischen Guerilla, und sie unterstützen auch die Guerilla Ecuadors.

Ein untrügerisches Zeichen

Ein Jahr zuvor hatten die kolumbianischen Guerilla-Organisationen noch erreicht, die Regierung Kolumbiens zu einem Waffenstillstand zu bewegen und Friedensgespräche aufzunehmen. Sie glaubten daran, dass nur politische Verhandlungen ein Weg aus der Krise sein könnten. Die während des Waffenstillstands von der Guerilla M-19 („Movimiento 19 de Abril“ / „Bewegung 19. April“) gedruckten Bulletins wurden jedoch am selben Ort gedruckt wie die CESCO-Zeitung „La Berraquera“ – für die Sicherheitsdienste ein untrügerisches Zeichen dafür, dass die CESCO und die Guerilla-Organisation zusammengehören. In der Zeit des Waffenstillstands eigentlich kein Problem – der aber dauerte nicht mal ein Jahr: im Juni 1985 wurden die Gespräche abgebrochen, und die Guerilla wurde durch ein Regierungsdekret wieder zu Verbrechern und Terroristen und in diversen Ländern verfolgt.

Die brenzlige Lage verschärft sich zusehends, als im August 1985 ein Kommando zweier Guerilla-Organisationen einen bekannten Bankier entführen, was nicht ganz so endet, wie es geplant ist: Die Guerilleros werden ermordet, der Bankier bei der Befreiung von Kugeln so durchsiebt, dass er wenig später stirbt. Ab diesem Zeitpunkt wird nun endgültig jegliche oppositionelle Organisation verfolgt.

Und so gerät auch der junge Journalist Hernando Calvo Ospina ins Fadenkreuz. Eines Tages wird er mitten auf der Straße verhaftet und verschleppt. Was folgt, sind Qualen und Folter, die Calvo Ospina fast minutiös beschreibt. Für den Leser ist das nur schwer zu ertragen – kaum vorstellbar, wie Calvo Ospina die Schläge und Tritte, die Elektroschocks und den dauernden Schlafentzug stoisch über sich ergehen lassen kann. Er befindet sich ab sofort in den Händen der SIC, einer ecuadorianischen Polizei-Spezialeinheit, die von 1984 bis 1988, so weiß man heute, viele Menschen verschwinden ließ. Zwölf Tage später wird Calvo Ospina ins Gefängnis von Quito verlegt, wo zumindest die Folterungen ein Ende haben. Ein Prozess indes wird ihm nie gemacht.

Immer noch währender Einfluss auf sein Leben

Hernando Calvo Ospina erzählt in der Rückschau mit frechem Witz von seinen Erlebnissen. Die Wunden sind Narben geworden, auf die er nun mit historischem Interesse blickt, ohne zu verheimlichen, wer ihm diese tiefen Schnitte beigebracht hat. Gleichzeitig verschafft er dem Leser einen aufschlussreichen Einblick in die damalige politische Situation und den noch immer währenden Einfluss auf sein heutiges Leben.

Als er sein Buch im Jahr 2014 auf der Leipziger Buchmesse vorstellt, erzählt Calvo Ospina, der inzwischen für Zeitungen wie die „Le Monde Diplomatique“ schreibt, ein Erlebnis aus dem Jahr 2009. Als er für eine Reportage nach Mexiko fliegen musste, verweigerten die USA einer Maschine der Air France, in der er saß, den Weg durch den US-Luftraum. „Ich erinnere mich noch daran, dass der Kapitän durchsagte, wir dürften nicht in den amerikanischen Luftraum einfliegen, weil an Bord jemand sei, der Amerika gefährde.“ An sich selbst habe er dabei nicht gedacht, erinnert er sich. Erst nach der Landung habe der Kapitän ihn zur Seite genommen und aufgeklärt, dass er offenbar auf der No-Fly-List der USA stehe. Noch heute also muss Calvo Ospina Repressalien erdulden, weil er als Journalist zum Beispiel die Außenpolitik der USA gegen Lateinamerika anklagt und eine linksgerichtete, politische Haltung hat, die er auch nach Jahrzehnten nicht aufgegeben hat und nicht aufgeben wird.

Seit 2007 versucht eine sogenannte Wahrheitskommission, die Geschehnisse und Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Hernando Calvo Ospinas Buch ist dabei nur ein kleiner, aber wichtiger Mosaikstein in der politischen und juristischen Aufarbeitung, die kleine Früchte trägt. So berichtet das Lateinamerika-Nachrichtenportal „amerika21“ im Oktober 2017 davon, dass Ecuadors Präsident Lenín Moreno und Justizministerin Rosana Alvarado 24 Entschädigungsvereinbarungen für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen unterzeichnet haben. Bei dem Akt habe Moreno die Opfer und Angehörigen um Entschuldigung gebeten und daran erinnert, dass während der Regierungszeit von Ex-Präsident Febres Cordero die meisten Menschenrechtsverletzungen begangen wurden. Laut „amerika21“ sagte er wörtlich: „Wir müssen solche Taten sanktionieren. Die Erinnerung an sie soll dazu dienen, dass solche Fehler nicht wieder begangen werden und keine Straflosigkeit herrscht.“ Hernando Calvo Ospina hat seinen Teil dazu beigetragen.

Hernando Calvo Ospina: Sei still und atme tief, Zambon Verlag, Frankfurt am Main, 2014, 220 Seiten, Taschenbuch, 12 Euro, ISBN 978-3889752215