Blasse Kühe, starke Figuren

Der Debütroman „Und Nilas sprang“ der schwedischen Kulturjournalistin Maria Broberg ist ein langsames Buch, das Zeit braucht, um sich und seine Geschichte zu entwickeln. Die Mühe durchzuhalten lohnt sich aber! Am Ende wissen Sie: Ich habe soeben gute, schwedische Literatur gelesen. „Und Nilas sprang“ erzählt von einem spurlos verschwundenen Jungen, einer heimlichen Liebe; und von Familiengeheimnissen, von Rassismus, Vaterfiguren und solchen, die es nie sein werden.

Der Roman spielt in Olsele, einem kleinen Dorf in Norrland, dem nördlichsten der drei schwedischen Landesteile. Olsele, gelegen in der Provinz Västerbotten, ist nur eine Ansammlung von Häusern und landwirtschaftlichen Höfen. Es gibt eine Kirche und eine Art Kaufmannsladen, den Sigurd jedoch in seinem Wohnhaus am Ende eines langen Flurs betreibt. Immerhin: mit einer richtigen Kaufmannstheke.

Dabei ist das verboten

Die Einwohner von Olsele sind wortkarge Menschen. Sogar die Kühe sollen in Olsele blasser sein als anderswo, heißt es. Aber die Landschaft ist schön, und es gibt auch einen Fluss, an dem es sich fischen lässt und auf dem die Flößer das Holz befördern. Die Kinder gehen auf den im Wasser treibenden Stämmen balancieren und zwischen ihnen schwimmen, dabei ist das verboten.

Der Roman setzt 1948 ein, als der 17-jährige Assar die neu ins Dorf gezogene Margareta kennenlernt, die wesentlich älter ist als er. Nach acht Kilometern, die sie gemeinsam gehen, ist er sozusagen in Liebe entbrannt. Doch Margareta ist mit dem noch wesentlich älteren Hebbe liiert, einem Musiker, der fantastisch Ziehharmonika spielen kann. Margareta sagt über ihre Beziehung treffend: „Es hat seine Vorteile, und es hat seine Nachteile. Ich habe viel Musik im Leben. Aber vielleicht nicht viel anderes.“

Wir lernen außerdem Håkan kennen. Seine Sicht der Geschichte beginnt 1956. Hebbe lehrt ihm in diesem Sommer das Fischen, verbietet ihm ab weiterhin, ihn Papa zu nennen. „Hebbe. Nicht Papa, nicht Vati, nicht einmal Vater.“

Dabei hat er doch nur diesen Vater, so wie er nur diese eine Mutter hat, die er selbstverständlich Mama nennt. Nicht: Margareta. Aber Hebbe bleibt eisern. Viele Tage haben sie nicht mehr gemeinsam, denn es ist Hebbes letzter Sommer.

Der dramatische Reigen der Charaktere

Der Roman erzählt sich in Zeitsprüngen bis zum Jahr 2008 überwiegend aus Sicht von Assar und Håkan. Assar wird die Liebe zu Margareta zeit seines Lebens nicht aufgeben, Margareta bandelt nach dem Tod von Hebbe mit dem Sami Lars an, der bei ihr einzieht, und mit ihr einen Sohn zeugt: Nilas. Gleichzeitig beruht Assars Leidenschaft für Margareta auf Gegenseitigkeit, sie hat sich nur wesentlich besser im Griff als er. Voilà, der dramatische Reigen der Charaktere ist aufgestellt.

Die drei zentralen Figuren gelingen der Autorin hervorragend. Die eigentlich verbotene Liebe zwischen Assar und Margareta, das gegenseitige Angezogensein und das Nichtvoneinanderlassenkönnen, die fortwährende Faszination, die auch Jahre später nicht nachlässt, das ist mitreißend beschrieben. Wer bereits verzweifelt geliebt hat, wird in diesen Passagen emotional zutiefst berührt werden. Insbesondere Margareta steht uns lebendig vor Augen, die pragmatisch sein will, aber nicht kann, und von ihrer Umgebung in ein zu enges Korsett geschnürt wird.

Suche nach der eigenen Identität

Auch Håkan ist stark gezeichnet: Das Kind, das einen Vater sucht, den einen nicht so nennen darf, der zweite ist fast nie da, weil er sich ständig um seine Rentiere kümmern muss. Und dann ist da noch die Sache mit Nilas, seinem verschwundenen Bruder. Auch Håkan ist zerrissen von Schuldgefühlen und der Suche nach der eigenen Identität.

„Und Nilas sprang“ ist kein Kriminalroman, sondern eine dramatische Familiengeschichte auf sprachlich hohem Niveau, melancholisch und sehr nordisch. Das Rätsel um das verschwundene Kind entwirrt sich erst am Ende des Buchs. Doch es bleiben genügend Fragen offen, und das ist klug gelöst von Maria Broberg, denn so befriedigend ist das Leben nun mal nicht. Von dieser Autorin werden wir hoffentlich bald mehr lesen.

Maria Broberg: Und Nilas sprang, Verlag Nagel & Kimche, München, 2021, 266 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3312012503

Seitengang dankt dem Verlag Nagel & Kimche für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Nichts geworden mit der Idylle

Das Feuerwerk ist abgesagt, und wer es in diesem Jahr zu Silvester vermisst, hat einen guten Grund, Sophia Fritz‘ Debütroman „Steine schmeißen“ zu lesen. Denn in diesem in der Jetztzeit von Wien spielenden Roman begleiten wir Anna und ihre Freundinnen und Freunde vom alten Jahr ins neue. Was eine entspannte Silvesternacht werden könnte, gerät zu einem Tanz auf brüchigem Boden – und zu einem Ergebnis, als habe jemand aus Versehen ein Streichholz in die Kiste mit dem Feuerwerk fallen lassen.

Es gibt nicht nur einen guten Grund, dieses Buch zu lesen, es gibt viele: Die Sprache, der Drive, die Figuren, der Witz. Und nicht zuletzt ist es ein umwerfendes, packendes, eloquentes Stück Literatur, bei der wir uns fragen dürfen: Warum, zum Teufel, hat Sophia Fritz erst jetzt angefangen, Romane zu schreiben? Was haben wir in den vergangenen Jahren verpasst!

Sophia Fritz – wer ist das eigentlich? Die Debütantin wurde 1979 in Tübingen geboren, sie studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Drehbuch und erarbeitet Serienformate für verschiedene Produktionsfirmen. Sie hat bereits literarischen Kurztexte geschrieben und dafür zahlreiche Literaturpreise und Stipendien bekommen. Außerdem schreibt sie für die Wochenzeitung Die Zeit.

„Ein Freilichtmuseum von Gefühlen“

Und nun also „Steine schmeißen“, über das Sophia Fritz in einem Interview für das Branchenmagazin Buchreport selber sagt: „Ein gordischer Knoten an Beziehung und ein Freilichtmuseum von Gefühlen. Lauter Herzen, die so schwer sind vom Schwimmbad, und Tauwettergesichter, die nicht so genau wissen, wohin jetzt. Und dann auch mein bester Versuch, ehrlich zu bleiben.“

Ehrlich bleiben. Treibt es auch die jungen Erwachsenen an, über die Fritz in ihrem Roman schreibt? Diese Generation Z, die „Z-ler“, die versuchen, cringe Situationen zu vermeiden, tapern in „Steine schmeißen“ so unausweichlich in ihre Zukunft, an langen Fäden gelenkt von einer Autorin, die nicht nur Sprachbilder beherrscht, sondern auch den nötigen Abstand zu ihren Figuren einhält, um ihnen mit direkter Ehrlichkeit die Folgen ihres Handelns vor den Latz zu knallen.

Weil es die Nacht der Nächte ist

Anna und ihre Clique versammeln sich bei Marie, um ganz gemütlich, mit gestreamtem Kachelofen, ins neue Jahr zu feiern. Man fläzt sich in den Ledersesseln, und in den Hosentaschen nehmen die mitgebrachten Drogen die Körperwärme an. Koks und vielleicht eine kleine Menge Ecstasy. Weil es die Nacht der Nächte ist. Und weil diese jungen Menschen intensive Erfahrungen suchen, denn Anna sagt an einer Stelle: “ Nicht mal von Worten lassen wir uns berühren, damit etwas Spuren hinterlässt, muss es uns am Kiefer packen, in den ersten drei Sekunden explodieren oder sehr persönliche Fragen stellen“. Da hat man keine Fragen mehr.

Sie alle bringen an diesem Abend ihr Päckchen mit. Die Halbwaise Anna ist von ihrem Freund, ihrer großen Jugendliebe, verlassen worden, aber niemand außer ihrer Mutter weiß davon. Ihren Freunden erzählt sie, Alex habe Magen-Darm. Jara und Lukas sind in einer On-off-Beziehung, Marie dagegen „hat nie jemand Festes bei sich, nur manchmal ihren Bruder, von dem sie sich beschützen lässt“: Samir, mit dem sich Anna seit zwei Jahren trifft, wenn sie harten Sex braucht. Weiß aber natürlich niemand. Marie hat sich die Wangen unterspritzen lassen, um ihren Vater aus dem Gesicht zu tilgen; weiß Anna.

Fede ist auch da, das ist Annas bester Freund. Der will sich in den nächsten vier Stunden noch verlieben und dabei am liebsten betrunken sein. Anna erinnert sich an dessen Vater und wie der ansonsten so schweigsame Mann einmal sagte: „Es tut mir leid, dass das nichts geworden ist mit der Idylle.“ Manchmal brechen sich Weissagungen auf ungewöhnliche Art und Weise Bahn. Eine weitere könnte sein: Eigentlich sind Tantramasseur*innen die wahren Retter*innen in der Not.

Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht

Es ist Lukas, der den Stein ins Fliegen bringt. Er hat die Idee, dass sie alle mit Filzstiften jene Dinge auf Steine schreiben, die sie loswerden wollen. Vor Mitternacht sollen die Steine dann in die Donau geworfen werden, um sich damit sinnbildlich von den jeweiligen Belastungen zu befreien. Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht, aber das Ding geht – um in der Böllersprache zu bleiben – komplett nach hinten los und zerfetzt jede Form von Geheimnis und Stillschweigen.

Sophia Fritz schreibt mit einem Blick für Dramaturgie prägnante, scharf umrissene Sätze. Klar, möchte man sagen, sie hat das Drehbuchschreiben ja studiert. Aber eine studierte Drehbuchschreiberin ist ja nicht automatisch eine hervorragende Romancière.

„Steine schmeißen“ kitzelt beim Lesen den Wunsch, hier und dort ein paar Sätze zu notieren, um sie nicht zu vergessen. Kleinode wie „Der Himmel hat Lampenfieber und winkt die Wolken weiter“, „rutschige Träume“, „Baumwollbrüste“, „ein Herz wie ein Sitzsack“, „laufen, als würde ich auf Schnitzel und Schlagringe stehen“, „das Gesicht in die Handflächen einbuddeln“, „mit den Augen vertippen“ und „das Geländer ist es gewöhnt, festgehalten zu werden“. In ähnlich starker Sprache schreibt noch Simone Buchholz ihre Krimis.

Was Sophia Fritz leider nicht beherrscht, aber auch hier ist sie in bester Gesellschaft, ist das Wortfeld „sagen/sprechen“. So lässt sie jemanden ein „Ja“ lächeln, wenig später nickt jemand ein „mega“, dann wieder räuspert sich Lukas ein „ich glaube“. Das soll mal jemand beim Film versuchen: „Ich glaube“ sagen und sich gleichzeitig räuspern. Das „Mega“-Nicken wird später noch ergänzt durch ein „‚Touché‘, nickte er.“ Nun. Es muss ja auch nicht alles schön sein in der deutschen Literatur.

Sophia Fritz hat einen großen Wurf getan, und es werden weitere folgen. Bereits für das Frühjahr ist im Kanon-Verlag ein zweites Buch von ihr angekündigt, das sie zusammen mit Martin Bechler, dem Mastermind der Kölner Indie-Band „Fortuna Ehrenfeld“, geschrieben hat. „Kork“ heißt es und soll vom richtigen Wein im falschen Leben erzählen. Der hätte Anna und Konsorten aber auch nicht mehr geholfen. Ehrlich bleiben, das schon eher.

Sophia Fritz: Steine schmeißen, Kanon-Verlag, Berlin, 2021, 229 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3985680078

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Faber hält sich raus

Diese Wiederentdeckung von einem Roman erzählt die Geschichte von Ulrich Faber, einem Bankier und Hedonisten im Berlin der 1920er Jahre, der sich in den politischen und wirtschaftlichen Wirren der damaligen Zeit und während des Erstarkens des Nationalsozialismus in die wesentlich jüngere Gerda Rohr verliebt.

Wir begleiten Ulrich Faber von 1918 bis in die Mitte der 1930er Jahre. Anfangs ist er 43 Jahre alt, ein Beau, weltmännisch und eloquent und von Kollegen durchaus mit Argwohn betrachtet. Er leitet neben dem Seniorchef das „angesehene Bankhaus Dönhoff, die bedeutendste Berliner Privatbank“ und ist vom Ersten Weltkrieg gezeichnet. An der Front rettete er einen Kameraden und fing sich dabei einen Granatsplitter ein. Gerda Rohr, der Ulrich schon bald begegnet, ist ein Wildfang, keck und mit schneller Auffassungsgabe. Ulrich will sie lehren und anleiten, wie alte Männer nun mal so die jungen Dinger lehren wollen – das bekannte Muster, das sich Männer eines gewissen Alters, noch dazu finanziell gut ausgestattet, gerne zusammenphantasieren.

„Aber was tust du denn?“

Aber Gerda macht da nicht mit. Sie ist die „Schwimmerin“, die ihre eigenen Bahnen zieht – ohne Vorgaben. Sie emanzipiert sich, und es sind starke Szenen in diesem Roman, in denen sie beharrlich ihre Eigenständigkeit vertritt. Sie wird politisch, ohne in eine Partei einzutreten. Und sie rüttelt mehr und mehr an der Tür zu seinem behäbigen Gedankenpalast, der sie (zu Recht) wahnsinnig macht. Einmal sagt sie zu ihm: „Man muss tun, was man kann, sagst du. Aber was tust du denn?“ Der Vergleich hinkt etwas, aber säße Faber dabei in einem Sessel, könnte seine Antwort sein: „Ich will einfach nur hier sitzen.“ Ulrich bleibt tatenlos. Er hält sich raus.

Der Roman stammt aus der Feder des Journalisten Theodor Wolff. Er war von 1906 bis 1933 der hoch angesehene, liberal-demokratische Chefredakteur des auch international bekannten und gelesenen Berliner Tageblatts. Journalisten, die historisch nicht ganz so firm sind, ist sein Name heute noch wegen des nach ihm benannten renommierten Journalistenpreises ein Begriff. Der Theodor-Wolff-Preis wird jährlich vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) vergeben.

Wolff musste 1933 vor den Nazis ins südfranzösische Exil fliehen; vier Jahre später erscheint im Züricher Oprecht-Verlag sein heute vergessener Roman „Die Schwimmerin“. Untertitel: „Roman aus der Gegenwart“. Der Weidle-Verlag aus Bonn hat den Roman jetzt neu editiert – eine Wiederentdeckung!

„Politisch pointierter, stilistisch glänzender und angriffiger Journalismus“

Der tatenlose Faber agiert übrigens völlig anders als sein Erschaffer Theodor Wolff, dem die Literaturwissenschaftlerin Ute Kröger in ihrem lesenswerten und erhellenden Nachwort einen „politisch pointierten, stilistisch glänzenden und angriffigen Journalismus“ attestiert, „der mit scharf geschliffenem Florett kämpfte, gegen Extremismus von links und rechts, antidemokratischen und antisemitischen Geist, insbesondere gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus“.

Und so ist „Die Schwimmerin“ nicht nur eine Wiederentdeckung, ein literarischer Schatz, eine Fundgrube für brillante Formulierungen, sondern vor allem wieder aktuell. Als romantische Liebesgeschichte taugt das Buch nur mäßig, aber als Horizont dafür, wie eine Demokratie in den Abgrund rutschen kann, ist es auf die Jetztzeit hervorragend anwendbar. Hier lesen wir viel über die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und wie die Gesellschaft, vor allem aber das Großbürgertum darauf reagierte. „Die Schwimmerin“ sollte heutigen Generationen als Mahnung dienen.

Der Verlag flehte den Autor an

Damals verkaufte sich das Buch nicht so gut, wie erwartet. Die Exilpresse war enttäuscht, ja, zerriss das Buch. Der Verlag flehte den Autor an, seine Kontakte zu nutzen, um wenigstens ein paar Exemplare mehr zu verkaufen. Auch der Versuch, das Buch in Hollywood unterzubringen, scheiterte: Ungeeignet für die damalige Traumfabrik.

In Gerda Rohr wollte man Wolffs ehemalige Sekretärin sehen, Ilse Stöbe, eine sozialistische Widerstandskämpferin gegen das Nazi-Regime, die erst im Jahr 2014 (!) durch den damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier gewürdigt wurde. 1942 war sie wegen „Landesverrats“ zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Ute Kröger beschreibt die Wirren und Unterstellungen, denen sich Ilse Stöbe posthum ausgesetzt sah, und ordnet sie ein.

Wolff hatte 1943 die Gelegenheit, in die USA zu fliehen, doch er wollte Europa nicht verlassen. Von italienischen Besatzungssoldaten wurde er im Mai in Nizza verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. Im Gefängnis für politische Gefangene erkrankte er schwer und starb schließlich am 23. November 1943 Im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

Rund 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist es dem Bonner Weidle-Verlag zu verdanken, dass er Wolffs Roman-Vermächtnis wieder ins Bewusstsein der deutschsprachigen Literatur zurückgeholt hat. Der wunderbaren Illustratorin Kat Menschik ist es wieder auf gewohnt hohem Niveau gelungen, dem Roman den würdigen Rahmen zu geben. Nimm deinen Weg, Schwimmerin!

Theodor Wolff: Die Schwimmerin, Weidle-Verlag, Bonn, 2021, 354 Seiten, broschiert, 25 Euro, ISBN 978-3949441004, Leseprobe

Seitengang dankt dem Weidle-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Buch Wien 2021: Das Fazit

© LCM/Nicola Montfort
© LCM/Nicola Montfort

Vor vier Wochen endete die „Buch Wien“ des Jahres 2021, der Termin für die nächste Buchmesse steht bereits fest (23. bis 27. November 2022). Es wird höchste Zeit, ein Fazit zu ziehen. Laut Veranstalter bot diese Messe den mehr als 40.000 Besucher*innen ein Programm von 225 Stunden. In der Messehalle standen 12.150 Quadratmeter Ausstellungs- und Bühnenfläche zur Verfügung, in der ganzen Stadt boten 23 weitere Orte allerlei Bücher-Veranstaltungen: Lesungen, Diskussionen, Autogrammstunden.

Ich habe nur eine einzige Veranstaltung besucht, die nicht auf dem Messegelände war. Im wunderbaren Bücherladen-Café „phil“, in dem ich 2013 Nadine Kegele und ihre Literatur bei einer Lesung entdeckte, las die in Belgrad geborenen Autorin Barbi Marković aus ihrem neuen Roman „Die verschissene Zeit“; später bin ich ihr auch noch einmal auf der Buchmesse begegnet. Das „phil“ ist ohnehin immer einen Besuch wert – wer also Wien besucht, sollte da unbedingt mal reinschauen, auch wenn gerade nicht Buchmesse ist.

Freude am eigenen Text

Die Lesung habe ich in besonders guter Erinnerung behalten. Nicht nur wegen des interessanten Romans, sondern vor allem wegen der mitreißenden Art, wie die Autorin ihr Buch vorstellte. Sie lächelte, ja, lachte viel an diesem Abend beim Vorlesen – es war wunderbar, ihr die Freude am eigenen Text so deutlich anzusehen. 

Der Besuch der Messehalle stand natürlich immer ganz unter dem damals aktuellen Stand der Pandemie. Österreich hatte in der Woche die 2G-Regel eingeführt, es durften nur Geimpfte und Genesene in die Halle, was an den Eingängen peinlich genau überprüft wurde. In der Halle war es erlaubt, die Maske abzusetzen, die Veranstalter wiesen aber jeweils darauf hin, dass sie eine Maske empfehlen. Am Eröffnungsabend hatte ich noch das Gefühl, dass wesentlich mehr Besucher*innen ihre Maske abnahmen, an den darauffolgenden Tagen sah man nur noch wenige Menschen ohne Maske durch die Gänge streifen.

Das hat gut funktioniert

Die Veranstalter hatten ein „gut durchdachtes Hygienekonzept“ angekündigt. An stark frequentierten Orten werde „ein umfassendes Crowdmanagement eingesetzt, das ungeplante Menschenansammlungen mittels technologischer Hilfe frühzeitig erkennt“. Dies ermögliche „der veranstaltungseigenen Sicherheitszentrale, rasch einzugreifen und jegliche Traubenbildung zu vermeiden“. Man muss sagen: das hat gut funktioniert. Vor den großen Bühnen war jeweils nur eine bestimmte Besucher*innen-Anzahl erlaubt, eine digitale Anzeige machte zu jeder Zeit deutlich, wie viele Zuschauer*innen der Bereich noch betreten durften. Ein Leitsystem führte die Messe-Besucher*innen kontrolliert aus den Bühnenbereichen, die Autogrammstunden waren ähnlich gut organsiert.

Das Programm der „Buch Wien“ war in diesem Jahr nicht so fett gefüllt wie in den vergangenen Jahren. Das hatte für mich den Vorteil, dass ich nicht von Veranstaltung zu Veranstaltung gehetzt bin, sondern Zeit hatte, mich ausgiebig an den Ausstellungsständen der Verlage herumzutreiben. Und das Angenehme an der „Buch Wien“ ist ja stets, dass sie sich nicht in riesigen Messehallen abspielt wie bei den Buchmessen in Leipzig oder Frankfurt, sondern sie sich auf eine Halle begrenzt. Damit ist und bleibt die Wiener Buchmesse herrlich überschaubar, angenehm und familiär.

Ich bin die Rückreise angetreten mit sieben neuen Büchern im Gepäck: David Schalko – „Bad Regina“, Thomas Mulitzer – „Pop ist tot“, Uli Brée – „Du wirst mich töten“, Arno Schmidt, gezeichnet von Mahler – „Schwarze Spiegel“, Barbi Marković – „Die verschissene Zeit“, Stefan Franke – „Der Konzern“, Malet/Tardi – „Burma“. Dazu wird es irgendwann Besprechungen von mir geben.

Weitere Rezensionen sind natürlich schon in Vorbereitung und werden bald erscheinen – eine bereits in der kommenden Woche. Wer nochmal nachlesen will, was ich bisher so über die „Buch Wien“ geschrieben habe, folgt diesem Link, wer nur die Berichte aus 2021 lesen möchte, folgt diesem Link.

Buch Wien: Einst mondäne Kurorte, das Böse in Hundewelpen und Comic-Tipps

Ein Besucher der „Buch Wien 2021“ © LCM / Nicola Montfort

Der Samstag ist immer mein letzter Messetag bei der „Buch Wien“, weil ich schon am Sonntag die lange Zugfahrt nach Hause antrete. In diesem Jahr habe ich am Samstag noch zwei Lesungen besucht und außerdem Sebastian Broskwa vom Wiener Comic-Buchladen „Pictopia“ einen Besuch abgestattet.

Den Anfang machte David Schalko. Der österreichische Schriftsteller und Regisseur ist bekannt geworden mit seinem Fernsehformat „Sendung ohne Namen“ und ist auch den Serienjunkies ein Begriff, nachdem 2019 seine Mini-Serie „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ (ein Remake des berühmten Fritz-Lang-Films) ausgestrahlt wurde (sehenswert übrigens!). 2018 hatte Schalko seinen letzten Roman „Schwere Knochen“ bei der „Langen Nacht der Bücher“ in Wien vorgestellt. Der aktuelle Roman, der schon am 14. Januar 2021 erschienen ist, trägt den Titel „Bad Regina“.

Der Verlag fasst das Buch so zusammen: Nur noch 46 Menschen leben in Bad Regina, einem einst glamourösen Touristenort in den Bergen, starren auf die Ruinen ihres Ortes und schauen sich selbst tatenlos beim Verschwinden zu. Denn ein mysteriöser Chinese namens Chen kauft seit Jahren für horrende Summen ihre Häuser auf – nur um sie anschließend verfallen zu lassen. Als er auch noch das Schloss des uralten örtlichen Adelsgeschlechts erwerben will, entschließt sich Othmar, der von Gicht geplagte ehemalige Betreiber des berühmtesten Partyklubs der Alpen, herauszufinden, was es mit diesem Chen auf sich hat und was dieser mit Bad Regina vorhat. Dabei erleben Othmar und die verbliebenen Einwohner eine böse Überraschung.

„Und ich bin immer wieder in diese leeren Häuser eingestiegen“

„Die Ähnlichkeiten mit Bad Gastein sind natürlich rein zufällig“, sagte Schalko gleich zu Beginn zum Publikum und lachte. Dann erzählte er, dass er mit seiner Familie mehr als 15 Jahre in Bad Gastein Urlaub gemacht habe. „Und ich bin immer in diese leeren Häuser eingestiegen.“ Der österreichische Ort Bad Gastein war wie Bad Regina einst ein mondäner Kurort für die gehobenen Gesellschaftsschichten und hat (wie Bad Regina) einen steilen Abstieg hinter sich. Hotels und Gebäude im historischen Kern stehen leer und verrotten zunehmend, ein Wiener Immobilien-Unternehmer kaufte einige der Gebäude, sanierte sie aber nicht, sondern überließ sie weiter dem Verfall.

„Da steht natürlich auch eine Kulturmetapher hinter“, erklärte Schalko, „aber ich würde es nicht metaphorisch lesen, auch wenn der Klappentext das vorgibt – das ist Verlagsmarketing.“ Beim Schreiben des Romans habe es ein starkes Grundkonstrukt gegeben, das viel mit der Legende zu tun habe, die es auch über Bad Gastein gibt: Dass ein Mann alles kauft und es verrotten lässt. Wichtiger seien ihm aber die Figuren gewesen, für deren Schrullen und Eigenarten Schalko immer einen scharfen Blick beweist. „Alles, was auf den ersten Blick nach Klischee aussieht, entpuppt sich bald als etwas anderes.“

Eine der Besonderheiten von Bad Regina ist, dass es in diesem Ort alles nur noch einmal gibt: „Zum Beispiel nur eine Single-Frau und einen Single-Mann, und es gibt auch nur noch ein Kind – das hat dann die Spielplätze ganz für sich allein, besonders trostlos im Winter.“ Es sei eine Art Robinsonade, befand Schalko.

„Mit einer kulturellen Überlegenheit hausieren gehen“

Moderator Günter Kaindlstorfer sagte, im „Schalkoversum“ seien die Figuren nie normal, sondern immer seltsam, traurig, komisch und dem Untergang geweiht. „Aber das ist ja Naturalismus!“, scherzte Schalko. Das Sujet selbst, der mondäne Kurort, sei ja schon häufig strapaziert worden. Unweigerlich denke man natürlich an Thomas Manns „Zauberberg“. Und hier sei das jetzt ins 21. Jahrhundert gesetzt worden. Das Problem aber sei, sagte Schalko, dass „wir mit einer kulturellen Überlegenheit hausieren gehen und gerne zurückschauen – das ist nostalgisch, aber nicht gegenwärtig“.

Kaindlstorfer wollte dann wissen, wo auf der Welt noch aufregende Trends passieren. Schalko: „Kunst entsteht dort, wo länger ein Vakuum war – dass zum Beispiel Südkorea jetzt plötzlich bei den TV-Serien („Squid Game“) der Renner ist, hätte doch vorher niemand vermutet. Ob es aber nochmal solche kulturellen Umwälzungen geben wird wie im 20. Jahrhundert, halte ich für fraglich.“ Dennoch gebe es natürlich noch die kulturellen Hotspots in Berlin, Paris oder New York.

Am Ende der Lesung wollte Kaindlstorfer noch ein Assoziationsspiel mit Schalko spielen. Er solle einfach spontan auf die Fragen antworten, darunter diese beiden: Dieses Buch lese ich als nächstes: „‚Die Dinge‘ von Georges Perec lese ich wieder, weil ich für mein nächstes Buch recherchiere.“ Und: Welche Assoziationen bestehen zu Alexander Schallenberg, seit dem 11. Oktober 2021 österreichischer Bundeskanzler (ÖVP)? „Man hat immer das Gefühl, dass das im Schwarzweiß-Fernsehen besser aufgehoben wäre.“

David Schalko: Bad Regina, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2021, 400 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3462053302, Leseprobe

Überraschend, brutal und poetisch“

Uli Brée liest aus seinem Roman vor, Moderatorin Esther Csapo hört zu.

Die zweite Lesung, die ich am Samstag besucht habe, war die von Uli Brée. Der 1964 in Dinslaken geborene deutsch-österreichische Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler und jetzt auch Schriftsteller las auf der „Buch Wien“ aus seinem ersten Roman vor. Aufmerksam geworden bin ich darauf, weil ich beim Messestand des Amalthea-Verlags zufällig zu diesem Buch gegriffen und die erste Seite verschlungen habe. Deshalb wollte ich gerne mehr aus und zu dem Buch hören.

Uli Brée ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Drehbuchautoren. Er hat Drehbücher für diverse „Tatort“-Folgen des Teams Moritz Eisner/Bibi Fellner geschrieben und ist bekannt für seine österreichische TV-Serie „Vorstadtweiber“. Im Wiener Amalthea-Verlag ist jetzt „Du wirst mich töten“ erschienen. Für den Verlag ist er „ein verstörender und zugleich feinsinniger Roman voll dunkler Geheimnisse, greller Albträume und tiefer Abgründe: überraschend, brutal und poetisch“.

Der Inhalt laut Verlag: Seit Tabata Goldstaub als Mädchen ins Grab ihrer ermordeten Mutter gefallen ist, verfolgen sie dunkle Ohnmachten. Jahre später wird sie Polizistin: eine unkonventionelle Einzelgängerin, die stets an ihre Grenzen geht. Als die junge Frau in eine Mordserie verwickelt wird, steht plötzlich alles auf dem Spiel – auch das Leben ihres ungeborenen Kindes, das ihre einzige Hoffnung ist, endlich wieder etwas zu empfinden. Tabata ahnt nicht, dass ihr der Mörder näher ist, als sie denkt und dass ihre Schicksale auf fatale Weise miteinander verknüpft sind.

Wanderschuh und Stöckelschuh

Was der Unterschied zwischen Drehbuchschreiben und Romaneschreiben für ihn sei, möchte Moderatorin Esther Csapo zunächst von Brée wissen. Der antwortet, das sei wie der Unterschied zwischen Wanderschuh und Stöckelschuh, wobei ein Roman letzteres sei. „Beim Drehbuch schreibe ich eine Art Gebrauchsanweisung, aber die Bilder entstehen erst durch die Kameraleute und die Regie; beim Roman muss man die Bilder selbst schaffen – und das gefällt mir, ich liebe es, Bilder entstehen zu lassen.“ Gleich auf der ersten Seite ist ein solches Bild, das sich einprägt wie gefilmt (s. Leseprobe unten): Tabata Goldstaub fällt in das offene Grab ihrer Mutter, und für die Trauergäste schaut es so aus, als umarme sie ein letztes Mal ihre Mutter und wolle sie nicht gehenlassen.

Ihm sei es wichtig gewesen, gleich stark in den Roman einzusteigen. Er folge da deshalb den zehn goldenen Regeln des österreichischen und später US-amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Billy Wilder („Manche mögen’s heiß“) für gutes Filmemachen. Die erste Regel lautet: „The audience is fickle.“ („Zuschauer sind launisch.“) Die zweite Regel: „Grab ’em by the throat and never let ’em go.“ („Pack sie an der Gurgel und lass sie nicht mehr los.“)

In seinem Roman gehe es auch um die immer wieder gestellte Frage, woher das Böse im Menschen kommt? Ist das angeboren oder entwickelt es sich? „Wir haben vor einiger Zeit einen Hund bekommen, einen Welpen, ein sonniges, fröhliches Hundekind, das noch nie etwas Böses erlebt hat – man kommt nicht als böse auf die Welt, sondern wird das erst durch Prägung mit dem Bösen.“ In seinem Buch gebe sich der Böse dem Bösen hin, und dennoch suche er doch genauso wie die Hauptfigur nur die Liebe.

Braucht es kriminelle Energie?

Von einem Journalisten sei er mal gefragt worden, ob er für sein Schreiben eine kriminelle Energie brauche. Das habe er verneint. „Ohne überheblich klingen zu wollen: Wenn mein Talent es hergibt, dann ist das doch toll“, sagte er. Ob aus dem Buch auch etwas Filmisches entstehen wird, wollte Brée nicht so recht beantworten. Zum Buch gibt es einen hochwertigen Trailer mit der österreichischen Schauspielerin Ruth Brauer-Kvam (s. unten), „und ich habe auch den Gedanken, daraus vielleicht eine düstere Netflix-Serie zu machen“. Mehr aber wollte er nicht verraten.

Zum Schluss erklärte er noch, warum er stets von sich behauptet, eine „österreichische Seele“ zu haben, obwohl er doch ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammt: „Ich bin zufällig in Deutschland geboren, aber der österreichische Humor ist mir lieber als der nicht-existente deutsche Humor.“

Uli Brée: Du wirst mich töten, Amalthea-Verlag, Wien, 2021, 288 Seiten, gebunden, inklusive Hörbuch-Download, 25 Euro, ISBN 978-3990502068, Leseprobe, Buchtrailer

Die Graphic-Novel-Tipps

Abschließend ging es für mich zum „Pictopia“-Messestand, um von Sebastian Broskwa neue Graphic-Novel-Tipps zu bekommen. Sebastian hatte bei der „Buch Wien“ im Jahr 2013 bei mir den Grundstein für mein Interesse an Graphic Novels gelegt. Ich hatte damals nur eine einzige gelesen (Nine Antico „Coney Island Baby“), als mir Sebastian bei der Buchmesse Charles Burns‘ „Black Hole“ empfahl. Seitdem lese ich immer wieder gerne Graphic Novels und habe auf meinem Blog einen eigenen Bereich dafür.

In diesem Jahr hatte er gleich so viele Empfehlungen, dass ich nur zwei von ihnen mitnehmen konnte (leider nur begrenzter Platz im Koffer, da ich ja auch noch ein paar andere Bücher gekauft habe): zum einen Nicolas Mahlers Literaturadaption „Schwarze Spiegel“ (Suhrkamp Verlag) nach Arno Schmidt, die ich mir von einem glücklicherweise am Messestand anwesenden Mahler auch gleich habe signieren lassen, sowie Jacques Tardis „Burma“, eine Neuedition von vier Kurzgeschichten aus der Feder von Leo Malet. Die anderen Tipps von Sebastian waren: „Ich, der Verrückte“ von Antonio Altarriba (dem Nachfolger von „Ich, der Mörder“), „Yoshios Jugend“ von Yoshiharu Tsuge, „Goldjunge: Beethovens Jugendjahre“ von Mikael Ross, „The Artist: Ode an die Feder“ von Anna Haifisch sowie „Celestia“ von Manuele Fior.

Die „Buch Wien 2021“ endet damit für mich. Ich werde in rund einer Woche ein Fazit schreiben, wenn sich die Eindrücke aus den vergangenen Tagen ein wenig gesetzt haben. Weitere Rezensionen sind außerdem bereits in Vorbereitung. Es wird also nicht langweilig.

Wer nochmal nachlesen will, was ich bisher so über die „Buch Wien“ geschrieben habe, folgt diesem Link, wer nur die Berichte aus 2021 lesen möchte, folgt diesem Link.

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