Das Einzige, was hier leuchtet, ist eine Taschenlampe

Simon Beckett, britischer Journalist und Autor der spannenden und international erfolgreichen Thriller-Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter, (bisher sechs Bände: „Die Chemie des Todes“ u.a.) hat einen neuen Ermittler auf den Markt geworfen: Jonah Colley. Er taucht im neuen Beckett-Roman auf, der im Juli im zu Rowohlt gehörenden Wunderlich-Verlag erschienen ist. In „Die Verlorenen“ ermittelt der Sergeant einer bewaffneten Sondereinheit der Londoner Metropolitan Police in einem mysteriösen Fall. Colley erwartet sich davon auch neue Hinweise auf seinen vor zehn Jahren verschwundenen Sohn.

Sie meinen, das müsse doch ein Knaller sein? Ein Pageturner? Ein hervorragender Schmöker für die Sommermonate? Weil einfach immer David-Hunter-Klasse drinsteckt, wo Simon Beckett draufsteht?

Nun.

„Die Verlorenen“ ist all das nicht, sondern ein Werk, bei dem man sich fragen muss: Aus welcher Schublade hat Beckett das denn noch gezogen?

Und für Jonah beginnt ein Albtraum

Zuallererst – die Geschichte, wie der Klappentext sie erzählt: Seit Jonah Colleys Sohn Theo vor zehn Jahren spurlos verschwand, liegt das Leben des Polizisten in Scherben. Damals brach auch der Kontakt zu seinem besten Freund Gavin ab. Nun meldet dieser sich überraschend bei Colley und bittet um ein Treffen. Doch in dem verlassenen Lagerhaus findet Jonah seinen Freund von einst nur noch tot, daneben drei weitere Leichen. Fest in Plastikplane eingewickelt, sehen sie aus wie Kokons. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus: Eines der Opfer ist noch am Leben. Und für Jonah beginnt ein Albtraum.

Dieses Buch könnte wahrscheinlich gut sein, wenn Beckett nicht wie ein junger Debütant schreiben würde, dem noch die Erfahrung aus den Hunter-Büchern fehlt. Die Story ist hanebüchen, langatmig und unglaubwürdig erzählt; teilweise zwar detailreich angedacht, aber nicht zu Ende geführt.

Kommen wir zurück zu den drei Leichen, die in Plastikfolie eingewickelt sind. Warum erinnern sie an Kokons? Man erfährt weder das, noch warum sie so verpackt worden sind oder zuvor mit Branntkalk bestäubt wurden. Das sind grausige Details der ersten 21 Seiten, die später keine Rolle mehr spielen.

Die Figuren sind allesamt keine Sympathieträger

Die Figuren, die Beckett erfindet, sind allesamt keine Sympathieträger. Da wären zum Beispiel der immer mürrische Detective Inspector Jack Fletcher und seine Kollegin, Detective Sergeant Bennet. Beide ermitteln gegen Colley, weil sie glauben, er könnte auch Täter sein. Während Bennet oft nur Beweismitteltütchen oder Kaffeebecher reichen darf, beschreibt Beckett den DI als einen ausgezehrt wirkenden Mann mit vernarbtem Gesicht, dem Lächeln eines zähnefletschenden Raubtiers und stechendem Blick.

Fletcher höhnt, schnauzt, wütet und marschiert. Kollegin Bennet, die eine starke Frauenfigur sein könnte – dann vielleicht auch mit einem Vornamen – verblasst neben ihm völlig.

Auch Colleys Ex-Frau Chrissie kann nicht überzeugen. Die Darstellung der Wiederverheirateten, die mit ihrem neuen Mann – einem Anwalt – in die gehobene Mittelschicht aufgestiegen ist, ganz klischeehaft wohnt und Range Rover fährt, gelingt anfangs noch nachvollziehbar. Sie hat ihrem Mann nie verziehen, dass der auf einer Bank erschöpft einschlief, während der Sohnemann unbeobachtet verschwand. Mit dem Verlauf der Geschichte dringt Chrissie weiter ins Geschehen ein, verliert dabei aber ihre selbstbewusste Stärke, für die man sie zuvor noch geschätzt hat.

Colley selbst erzeugt allerhöchstens Mitleid, oft aber nur bloßes Kopfschütteln. Um das nochmal deutlich zu machen: Wir sprechen bei ihm von einem erfahrenen Polizisten einer bewaffneten Sondereinheit. Wenn nicht bereits während des Lesens, dann fragt man sich zumindest am Ende des Buches, wie dieser Mann die Aufnahme in eine Sondereinheit geschafft hat.

An Naivität kaum zu überbieten

An Naivität ist Jonah Colley jedenfalls kaum zu überbieten, vielleicht nur noch von der 21-jährigen Literaturstudentin Ana aus dem furchtbaren Roman „Shades of Grey“, die nach Meinung dieses Blogs eigentlich auf ewig auf Platz 1 der naivsten Romanfiguren stehen müsste.

Doch zurück zu Jonah Colley. Da fährt also dieser erfahrene Spezialist um Mitternacht allein zu einem verlassenen Kai im Hafen von London, nachdem er von seinem ehemals besten Freund Gavin angerufen und mit einem geheimnisvollen Versprechen dorthin bestellt worden ist. Dass die Gegend Schlachter-Kai heißt, ist noch der Hohn obendrauf.

Er fährt da also hin, aber Gavin ist nicht dort. Höchst professionell leuchtet er mit einer Taschenlampe ins Lagerhaus und findet Gavins Handy. Colley ruft keine Verstärkung, sondern leuchtet weiter. Er findet Gavins Polizeiausweis. Colley ruft wieder keine Verstärkung, sondern leuchtet weiter. Er findet eine Blutspur. Colley ruft weder Verstärkung noch einen Notarzt. Er tut was?

Richtig: Er leuchtet weiter.

Beckett lässt seinen Protagonisten wie Gottes zweite Garnitur ins Unglück rennen. Weder er, noch sein Autor machen dabei eine gute Figur. „Die Verlorenen“, das sind auch Becketts Leser.

„Hätte ich bloß Wasser dabei“

Und das bleibt leider so. Als Colley im Lagerhaus das vierte und einzige noch lebende Opfer zu retten versucht, das gerade gierige Atemzüge nimmt, denkt er so bei sich: „Hätte ich bloß Wasser dabei.“ Nun, der Gedanke darf einem natürlich kommen, weil Wasser dem Opfer auf jeden Fall etwas weitergeholfen hätte. Aber dass der Polizist einer Sondereinheit darüber nachdenkt, nachdem er weder Verstärkung noch Rettungsdienst gerufen hat, als es zeitlich noch sinnvoll gewesen wäre, ist schon etwas befremdlich. Ganz davon abgesehen, dass bewaffnete Sondereinheiten bei Einsätzen in der Regel wohl kaum Wasser mit sich führen, also, warum jetzt darüber nachdenken?

Nach dem Leichenfund erholt sich Colley von einer schweren Verletzung im Krankenhaus. Als er gerade von der Physio kommt, wartet in seinem Zimmer schon eine junge Frau auf ihn – könnte die Psychotherapeutin sein, die man ihm angeboten hatte. Er fragt sie also: „Sind Sie die Therapeutin?“ Die Frau zögert und sagt: „Ich würde mich nicht als Therapeutin bezeichnen…“

Bei Thriller- und Krimifans schrillen die Alarmglocken. Nicht so bei erfahrenen Sonderermittlern, die sonst mit Waffen hantieren und nur bei den besonders kniffligen Fällen gerufen werden. Jonah Colley ist müde und will einfach nur schnell das Gespräch hinter sich bringen. Und plaudert muntert drauf los. Bis ihm irgendwann aufgeht: Dumm gelaufen, das ist eine Boulevard-Journalistin.

Situationsbeschreibungen sind hier Becketts Stärke

Sprachlich ist das alles noch ganz nett geschrieben. Besonders Situationsbeschreibungen sind hier Becketts Stärke, gerade wenn es schnell, brutal und blutig zugeht. In seiner Wortwahl ist er da wie gewohnt wenig zimperlich. Anders als in der Hunter-Reihe sind leider auch die wenigen augenzwinkernden Momente nicht wirklich überzeugend, etwa als Colley ein altes Wespennest für einen Totenschädel hält. Nun ja. Lustig auf dem Niveau eines Flachwitzes.

Gegen Ende, etwa die letzten 100 Seiten, nimmt das Buch dann doch noch Fahrt auf und wird tatsächlich ein wenig spannend. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die 300 Seiten zuvor eine ziemliche Qual gewesen sind. „Die Verlorenen“ gerät zum schwachen Auftakt der zunächst vor der Lektüre noch vielversprechend angenommenen, neuen Reihe. Wie viele Bände der 61-jährige Brite am Ende davon schreiben wird, weiß er selbst noch nicht, sagt er. Und was ist mit David Hunter? „Er kommt zurück“, verspricht Beckett. Wenigstens eine Hoffnung.

Simon Beckett: Die Verlorenen, Wunderlich Verlag, Hamburg, 2021, 416 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24 Euro, ISBN 978-3805200523, Leseprobe

Stolz und Vorurteil

Als sich der Angeklagte zum letzten Wort erhebt, steht auch die Frau auf. Sie zieht die Waffe und schießt. Acht Schuss, acht Treffer. „Hoffentlich ist er tot“, sagt sie noch und lässt sich widerstandslos festnehmen. „Die Wahrheit der Dinge“, der neue Justiz-Roman von Markus Thiele (Debüt: „Echo des Schweigens“), beginnt ungewohnt dramatisch.

Wie schon beim Vorgänger liegen ihm wahre Rechtsfälle zugrunde: Zum einen der von Marianne Bachmeier, einer Mutter, die 1981 im Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter erschoss. Zum anderen das Schicksal des Schwarzen Amadeu Antonio Kiowa, der 1990 in Eberswalde eines der ersten tödlich verletzten Opfer rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland wurde. „Die Wahrheit der Dinge“ ist ein bedrückender, anspruchsvoller Roman von unbedingter Aktualität, den man nicht so schnell vergisst.

Hat er Fehler gemacht?

Seit Corinna Maier in seinem Gerichtssaal die Pistole aus der Handtasche zog und den Angeklagten erschoss, rutscht der Strafrichter am Landgericht Hamburg, Frank Petersen, in eine tiefe Sinnkrise. Hätte er die Tat verhindern können? Hat er Fehler gemacht? Seine Frau wirft ihm vor, er habe den Respekt verloren. Allem gegenüber. Seine Chefin widerspricht: „Das hat die Frau nicht dazu veranlasst, den Abzug zu drücken. Sie hat geschossen, weil sie mit keinem anderen Urteil außer dem Tod des Angeklagten einverstanden gewesen wäre. Sie hat sich selbst zum Richter erhoben, weil sie Ihren Spruch nie akzeptiert hätte.“

Ein Akt der Selbstjustiz also. Dass vor Gericht nur Recht gesprochen wird, nicht aber Gerechtigkeit hergestellt wird, fassen Juristen gerne mit dem Satz zusammen, man bekomme nur ein Urteil, keine Gerechtigkeit.

Im echten Fall von Marianne Bachmeier zeigten Menschen damals Verständnis für ihre Tat. Im Roman will Frank Petersen die Frau verstehen, ihre Motive, ihre Gedanken. Als er hört, dass sie ihre Haftstrafe abgesessen hat und demnächst in die Freiheit entlassen wird, fasst er den Entschluss, sie zu treffen. Er beschließt, ihr und sich selbst die Fragen zu stellen, vor denen er bisher die Augen verschlossen hat.

„Sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll“

Eine zweite Zeitebene erzählt von dem Schwarzen Steve Otremba, der 1989 an der Uni Hamburg als Gastdoktor die Bekanntschaft einer jungen Studentin macht. Die beiden verlieben sich, wollen bald heiraten. Doch von Anfang an wird diese Beziehung gesellschaftlich geächtet. Im Linienbus will Steve einem gestürzten Betrunkenen aufhelfen, reicht ihm dazu die Hand. Der aber lallt nur: „Ey, Blondie, sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll.“ Keiner der anderen Fahrgäste reagiert, der Busfahrer fährt beharrlich weiter. Steve nimmt’s mit Humor, klettert auf einen Sitz, mimt den Affen. Der Bus hält an. Der Fahrer wirft Steve aus dem Bus. Die Fahrgäste bleiben stumm.

Es ist auch das Jahr 1989, als in der Bäckerei neben Mandelhörnchen und Himbeertorte auch Blechkuchen verkauft wird mit Vanillepudding und schwarz-brauner Schokoglasur. Das nennt sich dann Nigeria-Platte.

Der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland beunruhigen Steve scheinbar nicht. 1990 zieht der Mediziner für sein praktisches Jahr nach Eberswalde (Brandenburg). Wenig später ist er tot. Neonazistische Skinheads haben ihn und zwei weitere Schwarze auf der Straße angegriffen. Steve ist so schwer verletzt, dass er ins Koma fällt, aus dem er nicht wieder erwacht.

Thiele glänzt einmal mehr mit seiner Art zu schreiben

Der selbst als Rechtsanwalt praktizierende Autor Markus Thiele führt beide Fälle raffiniert und glaubwürdig zusammen, und doch steht jeder Handlungsstrang für sich selbst. Wie schon in seinem Debütroman glänzt Thiele einmal mehr mit seiner Art zu schreiben. Seine feinfühligen Personenbeschreibungen und seine Beobachtungsgabe für die poetischen, kleinen Momente des Lebens zeugen von seinem Können.

Thiele beweist, dass Juristen nicht nur staubtrockene Gesetzestext-Wälzer oder unverbindliche „Kommt drauf an“-Schwadronierer sein müssen, sondern gute Romanciers sein können. Im Gegensatz zu seinem Erstling „Echo des Schweigens“ über den Strafverteidiger Hannes Jansen hat er sich diesmal thematisch zurückgenommen und nicht versucht, möglichst viele Sujets zwischen zwei Buchdeckel zu pressen.

Leider ist die Figur des zweifelnden Richters im Grenzgebiet von Recht und Schuld nicht eine so ans Herz wachsende Rolle wie die des verschuldeten und schwer verliebten Hannes Jansen, der zwischen Gesetz und Moral steht. Das mag aber auch an der Persönlichkeitsstruktur des Richters liegen, den Thiele analytisch als authentisch leidenschaftlichen, aber eigenwilligen Juristen zeichnet. Wo Hannes Jansen noch gefallen will, hat Frank Petersen das nicht mehr nötig.

Markus Thiele weiß, was er tut. Ihm ist mit „Die Wahrheit der Dinge“ einmal mehr ein kluger Roman gelungen, spannend und anrührend geschrieben, mit einer klaren Meinung, aber ohne belehrend zu sein. Nachdenklich stimmend und sehr empfehlenswert!

Markus Thiele: Die Wahrheit der Dinge, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2021, 240 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3710900938, Leseprobe

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Helle Sprache, dunkle Zeit

Schon mal von Kronsnest gehört? Sie meinen, das klinge wie der Phantasiename einer von Kindern gebauten Baumhütte hoch droben in den Wipfeln? Nein, Kronsnest ist ein Ortsteil von Neuendorf bei Elmshorn. Schleswig-Holstein also. Dort zwischen den holsteinischen Elbmarschen, wo heute noch die kleinste Fähre Deutschlands über die Krückau gesteuert wird, spielt der sprachlich hervorragende Debütroman von Florian Knöppler, der in diesem Frühjahr im Pendragon-Verlag erschienen ist.

Wir befinden uns in den 1920er Jahren. Der 15-jährige Hannes ist ein zartbesaiteter, bücherliebender Junge; von seinen Mitschülern gehänselt, vom eigenen Vater ständig gemaßregelt. Irgendwann soll er den elterlichen Bauernhof übernehmen, wenn der Vater nicht mehr kann. Das ist hier so: Die Söhne übernehmen die elterlichen Höfe, Fisimatenten wie ein Umzug nach Hamburg oder Berlin sind schöne Träume, aber die Realität ist eine andere. Das war schon immer so auf dem Land. Die Berufswahl ist vorherbestimmt. Doch der Vater – ein wortkarger Mann, der oft wie ein Besessener arbeitet – hält Hannes für einen Schwächling. Zu verweichlicht, nicht annähernd fähig, einen Hof zu führen. Wie soll der jemals ein Auskommen als Bauer haben? Regelmäßig setzt es Prügel. Die Mutter schaut weg, versorgt still die Wunden, die man sehen kann.

Hannes hat nicht viel. Einen besten Freund: Thies, vom Nachbarhof. Einen Hund: Böltje. Einen Lehrer, der ihn mit Büchern versorgt: Herr Govinski, dem eine Granate im Ersten Weltkrieg ein Bein zerfetzt hat. Und dann ist da noch Mara, ungünstigerweise die Tochter des Großbauern Harm von Heesen. Im Dorf und unter dem Kleinbauern rümpft man die Nase über diese Familie. Doch Hannes ist derbe verliebt in Mara, die ihrerseits Blumen so liebt wie er und mit der er so zauberhafte, unbeschwerte Momente erlebt, die ihm das Herz ganz leicht und gleichzeitig so schwer machen.

Die 20er Jahre schleichen sich aufs Land – politisch und wirtschaftlich

Denn die 20er Jahre schleichen sich auch politisch und wirtschaftlich aufs Land. Hier, wo seit Jahren alles seinen vorbestimmten Gang geht, alles in ruhigen Bahnen verläuft, alles immer derselbe Trott ist. Hier, wo Hannes erwachsen wird, bricht nun plötzlich etwas ein, zunächst unterschwellig, doch bald ist es offenbar: Der Nationalsozialismus keimt auf. Thies schließt sich den Nationalsozialisten an, ein anderer Freund den Kommunisten. Hannes bleibt dem allen fern.

Doch das Augenverschließen ist keine Lösung mehr. Der Nationalsozialismus kommt. „Ja, die Kerle wissen, was sie tun, und haben Erfolg damit. Die Hälfte der Leute findet es gut, die andere kriegt es mit der Angst“, sagt Harm von Heesen, nachdem sein Hof von Nazis angegriffen wurde. Heute weiß man: Der große Erfolg der nationalsozialistischen Bewegung bei der Landbevölkerung von Schleswig-Holstein war eine der wesentlichen Grundlagen für den immensen Anstieg der NSDAP-Stimmen in den Jahren 1930 bis 1932. 1 Dabei galt gerade Schleswig-Holstein seit 1870 als liberales Bauernland.

Die Stimmung kippt, das einst stille Marschland wird von den politischen Entwicklungen überschattet, und Hannes betrifft das alles plötzlich ganz persönlich. Auf dem elterlichen Hof lösen sich Probleme mit einem Mal von selbst, der Hof der von Heesens dagegen treibt in den wirtschaftlichen Ruin. Und Maja? Ach, Maja!

Sprachlich eine Perle

„Kronsnest“ liest sich über weite Strecken als ruhiger Roman, unaufgeregt, gemächlich, sanft, wie ein Nebenfluss, so wie die Krückau einer ist. Er erzählt sich mühelos dahin, hat es den Anschein. Das gelingt gerade deshalb so hervorragend, weil es sprachlich eine Perle ist, was und wie Florian Knöppler schreibt. Seinen Protagonisten Hannes beschreibt er derart liebevoll und mit einer so intensiven Wärme, als wolle er ihn damit vor allen Unwägbarkeiten beschützen, die einem Heranwachsenden in dieser Zeit eiskalt um die Ohren fliegen können. Und das Dorf Kronsnest ist ein wundersames Kleinod, das man unbedingt einmal selbst erleben möchte. Knöppler wohnt mit seiner Familie dort in der Nähe. Im Blog des Pendragon-Verlags schreibt er: „Durch solch direkte Bezüge fällt es mir leichter, eine Wirklichkeit entstehen zu lassen, die konkret ist, nicht nebulös, die es mit der Realität aufnehmen kann und zugleich eine Bedeutung hat, mit einem Gefühl verbunden ist.“

Knöpplers Roman ist ein faszinierender Erstling, bildhaft, stark, eindringlich. Vor allem auch: umfangreich recherchiert. Sechs Jahre hat er daran gearbeitet. „Kronsnest“ zeigt am zeithistorischen Beispiel, wie sich politische Veränderungen einschleichen, politische Tendenzen entwickeln und politische Meinungen nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Notlagen ändern. Und wie gefährlich das ist. Die Auswirkungen davon lesen wir in der Fortsetzung, an der Knöppler bereits arbeitet. Die spielt zwölf Jahre später, 1941. Hannes lebt noch. Und was ist mit Maja? Ach, Maja!

Florian Knöppler: Kronsnest, Pendragon-Verlag, Bielefeld, 2021, 448 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24 Euro, ISBN 978-3865327468, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

1. Lesetipp für den geschichtlichen Hintergrund: Der Soziologe Rudolf Heberle hat als Privatdozent in Kiel in den Jahren 1932/33 den Versuch unternommen, die Gründe des politischen Umschwungs in Schleswig-Holstein durch eine wahlsoziologische Untersuchung festzustellen. Nach der Machtübernahme der Nazis konnte die Schrift nicht mehr veröffentlicht werden. Sie ist aber 1963 in der Deutschen Verlags-Anstalt mit einem Vorwort von Heberle veröffentlicht worden und derzeit als pdf-Datei kostenlos verfügbar, etwa hier direkt bei De Gruyter oder bei den Schweitzer Fach- und Unibuchhandlungen.

Nazis klatschen

Als der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger (CDU) im Dezember 1966 deutscher Bundeskanzler wird, schreibt der Philosoph Karl Jaspers: „Dass aber ein ehemaliger Nationalsozialist nun die Bundesrepublik regiert, bedeutet: nunmehr gilt es als gleichgültig, einst Nationalsozialist gewesen zu sein.“ In Paris fragt eine Frau ihren Mann: „Serge, was können wir tun?“ Weniger als zwei Jahre später wird diese Frau Kurt Kiesinger auf einem CDU-Parteitag eine schallende Ohrfeige verpassen und ihn als „Nazi“ bezeichnen. Die Frau heißt Beate Klarsfeld, und die Ohrfeige ist der offizielle Auftakt für ihren Kampf gegen alte und neue Nazis, gegen Antisemitismus und für Israel. Die Franzosen Pascal Bresson und Sylvain Dorange haben über die Geschichte von Beate und Serge Klarsfeld einen aufschlussreichen, historischen Comic geschaffen, der endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Das deutsch-französische Paar hat sein Leben dem Kampf gegen das Vergessen gewidmet. In der Graphic Novel sagt Serge Klarsfeld bei einem Interview: „Wir haben unsere Pflicht getan. Wir haben mit unseren militanten und aufmüpfigen Aktionen ein Beispiel für bürgerliches Engagement gegeben.“ Es gibt Filme, Bücher und natürlich allerlei Dokumentationen über sie. Ja, das Theater Osnabrück hat einen Teil ihres Lebens sogar als Oper auf die Bühne gebracht. „Beate & Serge Klarsfeld: Die Nazijäger“ ist jedoch die erste Graphic Novel über das politisch aktive Paar. Drehbuchautor Pascal Bresson und Illustrator Sylvain Dorange ist es dabei in weiten Teilen gelungen, die Ereignisse so genau wie möglich, aber auch für junge Leser*innen möglichst aufschlussreich zu erzählen. Vorlage dafür waren die Memoiren der Porträtierten.

Im Mai 1960 begegnen sich Beate und Serge das erste Mal. Beate ist Au-pair-Mädchen in Paris, Serge steht am Ende seines Politikstudiums. Als er ihr von seiner Familie erzählt, ist sie erschüttert – das Dritte Reich wurde bei ihr zu Hause totgeschwiegen. „Man machte weiter, und unter dem Schleier des Vergessens gab man ein reines Gewissen vor.“ Serge ist Jude. Seine Familie wurde in der Nazi-Zeit verfolgt, sein Vater starb im Vernichtungslager Auschwitz.

Ihre Methoden wandeln sich

Beate und Serge heiraten und nehmen sich vor, fortan die Ruhe der Alt-Nazis zu stören und sie aus ihren politischen Ämtern zu heben; ehemalige hochrangige NSDAP-Mitglieder zu entlarven, die weltweit untergetaucht sind; und jeglichen Mantel des Schweigens herunterzureißen. Ihre Methoden wandeln sich. Erst sind es Briefe an Behörden und einflussreiche Persönlichkeiten oder Artikel und Stellungnahmen in französischen Zeitungen. Dann suchen die Klarsfelds direkte Wege in die Öffentlichkeit und bringen unter anderem Flugblätter unter die Leute.

Zuletzt schrecken die beiden auch nicht mehr vor Entführungen zurück: 1971 wollen sie zum Beispiel den ehemaligen Gestapo-Chef Kurt Lischka kidnappen. In Bolivien entlarven sie das Versteck des Kriegsverbrechers Klaus Barbie, der wegen seiner Grausamkeit den Beinamen „Schlächter von Lyon“ trug. Barbie war für die Folterung und Ermordung von Mitgliedern der Résistance – unter ihnen Jean Moulin – in Südfrankreich verantwortlich. Darüber hinaus wurden ihm zahlreiche andere Verbrechen zur Last gelegt, darunter Massaker, Razzien sowie die Deportation von 44 jüdischen Waisenkindern („Kinder von Izieu“). Die Jagd nach Klaus Barbie hat 12 Jahre gedauert. Am Ende erreichen Beate und Serge, dass ihm in Lyon der Prozess gemacht wird. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird er 1987 zu lebenslanger Haft verurteilt.

„Kino auf Papier“

Bresson und Dorange porträtieren die Klarsfelds detailliert, feinsinnig und mit Respekt. Für den Autor waren die Klarsfelds „moderne Helden“, er verfolgte ihre Spuren schon, seit er 15 Jahre alt war. Zur Entstehungsgeschichte dieser Graphic Novel erzählt Bresson dem Carlsen-Verlag, wie Beate und Serge ihm zunächst misstrauisch begegnet seien, obgleich Serge bereits Bressons Buch über die französische Holocaust-Überlebende Simone Veil kannte (bislang nicht ins Deutsche übersetzt). Dann aber habe man sich sechs Monate lang jede Woche getroffen, Serge habe sogar sein Archiv geöffnet und Bresson unveröffentlichte Fotos aus Konzentrationslagern gezeigt. Drei Jahre arbeiteten Bresson und der Illustrator Sylvain Dorange an dem Buch, bis es das war, was es nach Worten von Bresson werden sollte: „Kino auf Papier.“

Ja, es ist tatsächlich Kino auf Papier. Eine Biographie, die wie ein Thriller angelegt ist, die Zeitsprünge macht, die verlässlich und immer akribisch genau informiert, die aber auch sehr emotional ist. Insbesondere die in sepia-grau gezeichneten Rückblenden auf die Familiengeschichte der Klarsfelds gehen an die Nieren. Bedrückend sind die Momente, in denen deutlich wird, dass die alte Nazi-Riege nicht tatenlos zuschaut, wie die Klarsfelds sie hartnäckig bekämpfen. Eine Auto-Bombe bedroht das Leben der beiden, Steine zertrümmern Fensterscheiben und Droh-Anrufe rütteln am Nervenkostüm der Aktivisten.

Beate und Serge Klarsfeld überleben all das und leben auch heute noch. Ihre Geschichte kann jetzt von nachfolgenden Generationen gelesen werden, die zum Teil selbst schon die Erfahrung machen, dass Protest, Demonstrationen und das Auflehnen gegen die Tatenlosigkeit der Eltern-Generation Dinge voranbringt, ganz nach Gudrun Pausewang: Etwas lässt sich doch bewirken. Dem Engagement von Beate und Serge Klarsfeld setzt diese Graphic Novel ein modernes Denkmal, das nicht nur Sehenswürdigkeit ist, sondern unerlässlich im Kampf gegen das Vergessen, den Beate und Serge begonnen haben. Auf dass er niemals ende.

Pascal Bresson / Sylvain Dorange: Beate & Serge Klarsfeld – Die Nazijäger, Carlsen-Verlag, Hamburg, 2021, 208 Seiten, gebunden, 28 Euro, empfohlen ab 14 Jahren, ISBN 978-3551793478

Anmerkung: Empfehlenswert ist dazu der Dokumentarfilm „Die Nazijäger – Beate & Serge Klarsfeld“ aus der Reihe „Geschichte treffen“ des Senders ZDFinfo, derzeit nur abrufbar über YouTube.

Die Katastrophe ist nicht vorbei

In diesen Tagen jährt sich zum zehnten Mal die Explosion mehrerer Atom-Reaktoren in Fukushima und damit die erneut deutliche Warnung vor der Atomenergie – für all diejenigen, die schon Tschernobyl nicht verstanden haben. Über Fukushima wird jetzt viel geschrieben, das Fernsehen berichtet, zeigt die Bilder, die 2011 um die Welt gingen, als ein Erdbeben einen gigantischen Tsunami auslöste und die Katastrophe ins Rollen brachte.

Es gibt Bücher und bedrückende Bildbände über Fukushima (etwa Alexander Neureuter mit „Fukushima 360º“ oder Carlos Ayesta und Guillaume Bression mit „Retracing Our Steps: Fukushima Exclusion Zone 2011-2016“), und natürlich ist über Tschernobyl noch ungleich mehr geschrieben und berichtet worden. Die US-amerikanisch-britische Miniserie „Chernobyl“ machte 2019 Schlagzeilen, heimste Golden Globes und Emmys ein und sorgte für ein neues Interesse am Super-GAU in der damaligen Sowjetunion. Der Katastrophentourismus erblühte, und immer mehr Menschen wollten in die Geisterstadt Prypjat reisen, rein in die 30-Kilometer-Sperrzone rund um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl. Sehen, wie es dort aussieht. Viele auch: Fotos machen für Instagram. Manche auch: respektlose Fotos machen für Instagram.

Eindrücklich, respektvoll, aktuell

Aus allen Büchern und Bildbänden über Tschernobyl sticht einer ganz besonders heraus: der des deutschen National Geographic-Fotografen Gerd Ludwig. Für den großformatigen Bildband „Der lange Schatten von Tschernobyl“ reiste er über einen Zeitraum von 20 Jahren mehrfach nach Tschernobyl und dokumentierte die Zerstörung und den Verfall, aber auch das Überleben in der radioaktiv verseuchten Zone und wie die Natur sich dort behauptet. Im Gegensatz zu den dreisprachigen Bilderklärungen sprechen die Fotos wortlos alle Sprachen dieser Welt. Sie sind eindrücklich, zu Herzen gehend, den Atem nehmend, respektvoll, bedrückend, einfühlsam, aktuell. Und sie zeigen, wie die Katastrophe vom 26. April 1986 auch heute noch das Leben der Menschen und der ganzen Region überschattet.

Wir sehen Bilder aus einer Geisterstadt, der man die überfallartige Evakuierung ansieht. In einem Klassenzimmer, in dem Bäume wachsen, liegen noch Schulbücher aufgeschlagen auf den Tischen, als kämen die Schülerinnen und Schüler jeden Moment lärmend zurück. Wir sehen den Schlafsaal eines Kindergartens, der offenbar ebenso hektisch verlassen worden ist. Wie bei einem Wimmelbild sieht man zunächst nur die auffälligen Dinge. Die zurückgelassenen Puppen und Kuscheltiere, die leeren Betten. Dann aber fällt der Blick auf: die fein säuberlich ausgeschnittenen Tierfiguren, eine Untertasse, ein gemaltes Bild mit einem Stern, Stifte, eine Nähmaschine.

Wir sehen mit Schutt übersäte Korridore, haufenweise verrottende Gasmasken und eine Luftaufnahme von Tausenden hoch kontaminierter Fahrzeuge, die bei den Aufräumarbeiten benutzt wurden. Wir sehen Fotos von überlebenden Liquidatoren, die nach dem Unglück damit beschäftigt waren, stark strahlenden Schutt und Graphitblöcke zu beseitigen. Und wir sehen ihre Kinder, die zum Teil selbst schwer geschädigt sind. „Ich weiß nicht, wie ich sterben werde … Nur eins weiß ich genau: Mit meiner Diagnose lebe ich nicht lange.“ Das Kapitel „Opfer“ gibt einigen von ihnen – stellvertretend für alle – ein Gesicht.

15 Minuten im Bereich der höchsten Strahlung

Kaum ein Fotograf ist seit der Katastrophe von Tschernobyl jemals so weit in den Reaktor #4 hineingegangen wie Gerd Ludwig. Er hatte die einmalige Gelegenheit, mit Arbeitern, die mit der Stabilisierung des Sarkophags beschäftigt waren, ins Innere vorzudringen. Die Strahlung dort ist noch immer so hoch, dass der Aufenthalt auf 15 Minuten pro Tag begrenzt ist. In Schutzkleidung versteht sich. Bei Dunkelheit, und mit Angst und Beklemmung. Die dabei entstandenen Fotos und seine Erinnerung an das Erlebte sind nicht in andere Worte zu fassen.

Die Gefahr der Strahlung ist weder sichtbar, noch hörbar oder schmeckbar, und doch ist sie unmittelbar. Dem Buch ist ein Zitat vorangestellt, das es auf den Punkt bringt: „Tschernobyl … der Krieg aller Kriege. Nirgendwo ist der Mensch in Sicherheit. Weder auf der Erde noch im Wasser. Und auch nicht am Himmel.“ Eine radioaktive Wolke verteilte sich nach der Explosion in Richtung Nordwesten über Europa und machte Tschernobyl zu einer internationalen Katastrophe. „Renommierte Umweltorganisationen schätzen, dass bis zum heutigen Tag bereits mehr als 100.000 Menschen an den Folgen der Katastrophe gestorben sind“, schreibt Ludwig in der Einleitung. „Im Gedenken an Tschernobyl und angesichts der Situation im Kernkraftwerk Fukushima nach dem Erdbeben in Japan halten uns diese Fotos vor Augen, dass Unfälle im Ausmaß von Tschernobyl zum Wesen von Kernkraft gehören und sich überall und jederzeit wiederholen können.“

Wenn nicht Tschernobyl und Fukushima Mahnungen genug sind, so sind es Bücher wie „Der lange Schatten von Tschernobyl“, die Entscheidern in Politik und Gesellschaft regelmäßig einen Schlag in den Nacken verpassen sollten. Denn die Themen Strahlung, Atomkraft und Radioaktivität versiegen ja nicht wie die Berichte zum Jahrestag der Katastrophen. Laut dem World Nuclear Report sind im Februar 2021 weltweit immer noch 414 Reaktoren in Betrieb. Rund um Deutschland sind es zum Teil sehr alte Reaktoren, Beispiele sind Tihange und Doel in Belgien sowie Cattenom/Frankreich. In Aachen sind deshalb schon Jodtabletten an die Bevölkerung ausgegeben worden, im Saarland werden sie bereits vorsorglich gelagert.

Sowohl Tschernobyl als auch Fukushima galten immer als sichere Atomkraftwerke. Wie sicher „sicher“ ist, wissen wir nicht erst seit 2011. Für hundertprozentige Sicherheit hilft nur eins: abschalten.

Gerd Ludwig: Der lange Schatten von Tschernobyl – mit einem Essay von Michail Gorbatschow, Edition Lammerhuber, Baden, 2017, 252 Seiten, 127 Fotos, dreisprachig (Deutsch, Englisch, Französisch), im Schuber, 75 Euro, ISBN 978-3901753664