Im Schloss des leisen Horrors

In der Zeit des ersten Corona-Lockdowns überschlugen sich die Feuilletons förmlich damit, welche Lektüre nun in dieser Zeit die passende sei. „Die Pest“ von Albert Camus vielleicht? Oder „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic? Oder Marlen Haushofers „Die Wand“ und „Die Arena“ von Stephen King? SZ.de fragte sogleich: „Die Pest, Momo oder doch die Bibel?“ und sortierte die Empfehlungen in einem Listicle nach Lesetypen. Nur das (ohnehin stets lesenswerte) Online-Magazin „54books“ ließ Till Raether völlig zurecht die grandiose US-amerikanische Autorin Shirley Jackson empfehlen („Immer im Lockdown – Warum Shirley Jackson die Autorin der Stunde ist“).

Die 1965 verstorbene Shirley Jackson ist eigentlich keine in völliger Vergessenheit dümpelnde Schriftstellerin. Zuletzt lief sehr erfolgreich die Serien-Adaption von Jacksons „Spuk in Hill House („The Haunting of Hill House“) bei Netflix, und im vergangenen Jahr kam, allerdings wohl nicht ganz so erfolgreich, die Verfilmung von Jacksons letztem Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ in die Kinos. Das Buch, auf dem der Film basiert, ist ein literarisches Juwel, an dem man nicht so achtlos vorbeiziehen sollte, denn es begeistert sprachlich, feministisch, gespenstisch und menschlich.

Der Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ erzählt von den Überresten der einst altehrwürdigen Familie Blackwood: Von der 18-jährigen, eigensinnigen und immer noch etwas kindlich-naiven Mary Katherine – von allen nur Merricat genannt -, ihrer älteren Schwester Constance, und ihrem gebrechlichen Onkel Julian. Alle übrigen Familienmitglieder, mit denen die drei einst in dem herrschaftlichen Anwesen zusammenwohnten, sind durch eine eigentümliche Arsenvergiftung dahingerafft worden. Denn eines Tages, man weiß nicht wie, war Arsen im Zuckerdöschen, mit dem die Familie bei Tisch wie immer ihr Dessert versüßte. Merricat war noch vor dem Abendmahl auf ihr Zimmer geschickt worden, Constance nahm keinen Zucker, Onkel Julian nur wenig. So wenig, dass er überlebte. Zwar schwer angeschlagen, aber er lebt. Der Rest: tot.

Grausame Spöttereien auf den Lippen

Dass solch ein plötzliches Ableben fast einer ganzen Familie im nahen Dorf nicht unkommentiert bleibt, ist kaum verwunderlich. Die Volksseele hat die vermeintliche Übeltäterin schnell gefunden: Es kann ja nur Constance Blackwood sein. Kann ja nur! Also schießt man sich auf sie ein. Der Roman beginnt zu der Zeit, in der Constance schon längst nicht mehr das Anwesen verlässt. Nur Merricat geht dann und wann hinunter ins Dorf, um wenige Lebensmittel zu kaufen und aus der Bibliothek neue Bücher auszuleihen. Der Weg hin und zurück ist ein ewiger Spießrutenlauf. Männer und Frauen machen aus ihrem Urteil keinen Hehl, und die Kinder haben grausame Spöttereien auf den Lippen:

Merricat, fragt Connie, willst du einen Tee?
Oh nein, sagt Merricat, darin ist Gift, o weh!
Merricat, fragt Connie, willst du nicht schlafen nun?
Drei Meter tief im Grabe ruhn!

Der Alltag der Familie Blackwood bestimmt sich in ihrer Oase der Zurückgezogenheit ganz nach Routinen. Die festen Strukturen des Tages und der Woche sind für Merricat wahre Kraftgeber und werden fast magisch aufgeladen. Das sind die Tage, an denen sie das Haus putzt und in dem Zustand hält, wie es einst gewesen ist. Ein Psychiater würde darin vermutlich eine Zwangsstörung sehen. Die Tage, an denen sie ins Dorf muss, sind die kraftraubenden, die schlimmen Tage.

Autoritär, aggressiv und einnehmend

Wie sehr die schlimmen Tage in den empfindlichen Alltag einbrechen können, erfährt Merricat, als plötzlich der schneidige Cousin Charles seine Aufwartung macht. Er ist gekommen, um zu bleiben. Autoritär, aggressiv und einnehmend spielt er sich als berechtigter Patriarch auf.

Damit ist die Bühne für den unvermeidlichen Konflikt bereitet, und es bleibt nicht bloß die Frage: wer überlebt? Sondern auch: wem kann der Leser trauen? Sollten wir jedes Wort einer Erzählerin für bare Münze nehmen, die sich in ihrer Freizeit mit Pilztoxikologie beschäftigt und sich hervorragend auskennt? Und die jegliche Grundstücksgrenzen mit Fetischen, Totems und Talismanen markiert, um die restliche Familie zu schützen? Nun …

„Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ ist ein Roman des leisen Horrors, der sich in Zwischentönen auslebt, und an der Oberfläche leicht erzählt scheint. Es ist eine bezaubernde und zugleich beängstigende Geschichte, denn Tod und Unheil reisen ständig mit, und dennoch ist so viel Leben in diesem Roman. Leider sollte es Shirley Jacksons letzter sein.

Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt, Festa Verlag, Leipzig, 2019, 252 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3865527097, Leseprobe

Verehrt, verfolgt und fast vergessen

Vor rund 115 Jahren wurde in Dawideny im österreichischen Kronland Bukowina einer der bekanntesten deutschsprachigen Tenöre der 1930er Jahre geboren. Jetzt holt der Essener Autor Stefan Sprang den fast in Vergessenheit geratenen jüdischen Sänger und Filmstar Joseph Schmidt mit seinem hervorragend recherchierten und ergreifenden Roman „Ein Lied in allen Dingen“ wieder zurück ins Licht. Wahrlich war es Zeit für eine Wiederentdeckung!

Die Menschen schreiben den 9. Mai 1933, und Joseph Schmidt ist 29 Jahre alt. Es ist ein Dienstag, und mehr als 2.000 Menschen versammeln sich am Abend im Ufa-Palast am Zoo in Berlin. Gegeben wird die Uraufführung des Tonfilms „Ein Lied geht um die Welt“. Alle sind sie gekommen, die Stars und Sternchen, darunter natürlich die Hauptdarsteller Charlotte Ander und Viktor de Kowa sowie der Regisseur Richard Oswald. Nur einer fehlt: Joseph Schmidt. „Machen ’se sich ma‘ schleunigst auf den Weg. Die Leute wollen Sie sehen. Dit brodelt hier, dit is‘ der reinste Hexenkessel. Die reißen mir sonst dit Kino ab, hören‘ Se! Zeigen Se‘ sich“, schallt es aus dem Telefon. Joseph Schmidt muss hin, dabei wollte er dem Spektakel fern bleiben. Nicht weil er den Rummel um seine Person nicht schätzt, sondern weil sich NS-Propagandaminister Joseph „Die Kaulquappe“ Goebbels angesagt hat.

In Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen

„Den meisten war eh piepegal, dass er tausend Kilometer von hier entfernt als Jude geboren war. Er hieß doch Schmidt. Schmidt wie bestimmt eine Million guter Deutscher zwischen Schleswig und Sonthofen.“ Doch in Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen, in dem Juden verfolgt, deportiert und später auch in schier unfasslich großer Zahl vergast werden. Goebbels‘ Besuch und seine Bravo-Rufe sind nichts als eine Farce. Und trotzdem: Um den Herrn Minister nicht zu brüskieren, muss Joseph Schmidt auch am festlichen Essen im Savoy teilnehmen. Dort kommt es zum Austausch der beiden Josephs: dem Juden und dem Judenhasser.

Wie mag dieses Gespräch verlaufen sein? Worüber haben die beiden Männer sich unterhalten? Es gibt kein Protokoll davon, keine Primärliteratur, nur die Gewissheit, dass es stattgefunden hat. Stefan Sprang erschließt sich in seinem Roman eine Version, wie es hätte sein können. Ein gegenseitiges Taxieren mit Blicken, Worten, Höflichkeiten, während beide wissen, dass der eine der Wolf und der andere der Gejagte ist. Der eine will größtmögliche Propaganda, der andere will überleben.

Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden

Am nächsten Abend brennen in Berlin die Bücher. Anwesend auch hier: Joseph Goebbels. Joseph Schmidt dagegen flüchtet vor den Nationalsozialisten ins geliebte Wien. Jetzt ist der weltweit berühmte Sänger ein Flüchtling, und er wird es den Rest seines kurzen Lebens bleiben. Stefan Sprang beginnt seinen Roman mit einem der vielen Fluchtmomente von Joseph Schmidt. Es ist eine seiner letzten, die Flucht von Südfrankreich in die Schweiz, mit dem Judenschlepper in kalten Nächten heimlich über die Grenze. „Endlich denen entkommen, die Böses gut und Gutes böse nennen“, schreibt Sprang und zitiert damit aus dem Alten Testament. Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden. Sprang findet dafür Worte, die einfach scheinen, oft in Hauptsätzen daherkommen, aber so wirkungsvoll das Kopfkino in Gang setzen.

Nicht nur in diesen Passagen, sondern im gesamten Roman trifft Sprang den Sprachduktus der damaligen Zeit perfekt. Der als freier Hörfunkredakteur arbeitende Autor hat für sein Buch kaum Sachbücher gelesen, schreibt er in den Nachbemerkungen. Stattdessen: „Literatur, Literatur, Literatur.“ Christopher Isherwood, Ernö Szép, Manès Sperber, Anna Seghers, Alfred Döblin, Vicki Baum und immer wieder Joseph Roth. „Dieser Roman ist damit auch ein Ehrerweis. Für die vielen herausragenden Autorinnen und Autoren der 20er, 30er und 40er Jahre“, schreibt er.

Vor allem aber ist der Roman eine detailverliebte, tiefe Verneigung vor der lyrischen Sangeskunst und dem Leben von Joseph Schmidt, der zu seiner Höchstzeit dermaßen erfolgreich war, dass er etwa 1936 in den Niederlanden ein Open-Air-Konzert vor mehr als 100.000 Menschen gab und 1937 in der Carnegie Hall in New York auftrat. Sprang zeigt ihn auch als humorvollen, fröhlichen und charmanten Mann, der trotz seiner geringen Körpergröße von nur 1,54 Metern eine große Anziehungskraft auf Frauen ausübte.

„Zu Tränen gerührt, selbst beim simpelsten Schlager“

Wohl niemals aber wäre dieser Roman erschienen, wäre Stefan Sprang als Student nicht innerhalb Berlins umgezogen. Denn in der neuen und vom Vormieter wohl überhastet verlassenen Wohnung findet er neben allerlei Krempel eine Doppel-LP mit Liedern und Arien von Joseph Schmidt. Auf dem nächstbesten Schallplattenspieler aufgelegt, ist dies der „magische Funke: Eine unerhörte Stimme, der Gesang eines Mannes, wie ich ihn noch nie erlebt hatte – ergreifend von der ersten Note an, dass man eine Gänsehaut bekam und zu Tränen gerührt war, selbst beim simpelsten Schlager.“

Als die Nadel auf die A-Seite der Schallplatte aufsetzt und das leise Knacken vom Staub in der Rille dem Sänger namens Joseph Schmidt Platz macht, hört der 25-jährige Student zum ersten Mal das Lied „Heut‘ ist der schönste Tag in meinem Leben“, aufgenommen im September 1935 in Wien:

Sprang liest auf der Plattenhülle von Schmidts Schicksal, und schnell ist ihm klar: „Ich will – ich muss – über diesen so besonderen Menschen schreiben.“ Doch Sprang schreibt erst anderes: Kurzgeschichten, einen Jazz-Roman und einen Hörspiel-Monolog, der 2018 vom Theater Essen-Süd kongenial für die Bühne adaptiert wird. Und jetzt also endlich „den Schmidt“.

Es ist eine Freude, ihn zu lesen, wenngleich das Los, das Joseph Schmidt gezogen hat, ein fuchtbares ist. In der neutralen Schweiz, seinem letzten Zufluchtsort vor den immer näher rückenden Nationalsozialisten, stirbt er mitten im Zweiten Weltkrieg mit nur 38 Jahren. Nur zwei Tage später hätte er Asyl bekommen und wieder auftreten dürfen.

Stefan Sprang: Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt, Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2019, 318 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3957712387

Der wiederentdeckte Gott von Charles Bukowski

Der US-amerikanische Autor John Fante ist heute weitgehend unbekannt. Auch zu seinen Lebzeiten war das nicht anders, obwohl er vier Romane veröffentlichte. Der literarische Ruhm blieb ihm verwehrt. Erst 1980, drei Jahre vor seinem Tod, wurde er schlagartig berühmt. Weil ein Mann öffentlich bekannte: „John Fante war mein Gott.“ Dieser Mann hieß Charles Bukowski.

Bukowski war zu diesem Zeitpunkt bereits das Enfant terrible der US-amerikanischen Literatur, schrieb Romane und Lyrik über die Schattenseite des American Dream, und schockierte seine Leserschaft mit der derben Darstellung von Sexualität und roher Brutalität. Als junger Mann stieß Bukowski in der öffentlichen Bibliothek von Los Angeles auf eine Ausgabe von Fantes Roman „Ask the Dust“ (in Deutschland erschienen unter dem Titel „Ich – Arturo Bandini“), der den jungen Schreiber fortan erheblich inspirieren sollte. Es war wohl eine glückliche Fügung, dass der Fante-Roman Bukowski damals in die Hände fiel, denn mit einer Erstauflage von nur 2.200 Stück war die Chance eher gering, zufällig einem Exemplar zu begegnen.

In den späten Siebzigern stellte Bukowski „Ask the Dust“ schließlich seinem Verleger vor, der in dem ungehobelten Werk einen Klassiker und Fante als grandiosen Schriftsteller erkannte. Er veröffentlichte den Roman in der berühmten „Black Sparrow Press“ neu, und niemand Geringeres als Charles Bukowski verfasste das Vorwort. Darin schrieb er: „John Fante war mein Gott.“ Die Bukowski-Fans wollten nun mehr Fante-Bücher lesen, und die „Black Sparrow Press“ tat ihnen den Gefallen und legte die Romane nach und nach neu auf. Jetzt wurden Fantes Werke international übersetzt und gelesen. Fante selbst hat von dem späten Ruhm kaum noch etwas mitbekommen, er starb am 8. Mai 1983.

Brillant übersetzt von Alex Capus

Auch in Deutschland ist Fante in den Achtzigern gelesen, seitdem aber auch leider wieder weitgehend vergessen worden. Dem tritt nun seit 2016 der Blumenbar-Verlag aus Berlin entgegen und fördert die Wiederentdeckung des Fante-Stoffs mit bisher zwei Veröffentlichungen: Im Jahr 2016 kam „1933 war ein schlimmes Jahr“ heraus, 2017 folgte „Der Weg nach Los Angeles“, beide brillant übersetzt von dem Schweizer Schriftsteller Alex Capus. Die Romane sind nie zu Lebzeiten Fantes erschienen, sondern erfolgreiche Erstveröffentlichungen von Bukowskis „Black Sparrow Press“.

Die interessanteste Entdeckungsgeschichte hat „Der Weg nach Los Angeles“ zu bieten. In seinem aufschlussreichen Nachwort erzählt Alex Capus, wie Fantes Witwe sich bald nach des Autors Ableben an ein Manuskript erinnerte, das seit ungefähr 50 Jahren unter anderen Papieren in einer Schreibtischschublade lag. Unglaublicherweise reichte der Verleger das Manuskript fast unlektoriert und unkorrigiert in die Setzerei weiter – Capus vermutet „aus Respekt vor dem kürzlich verstorbenen Autor“. Die Folge ist ein Roman, der so ungestüm und frech, so roh und ungehobelt bleiben durfte, wie sein Autor ihn 1936 im Alter von 25 Jahren niedergeschrieben hat.

Um kein Schimpfwort verlegen

„Der Weg nach Los Angeles“ erzählt von Fantes Alter Ego Arturo Bandini, einem stolzen Italo-Amerikaner, der sein Herz auf der Zunge trägt und dabei um kein Schimpfwort verlegen ist. Sein Vater ist tot, er allein muss mit seinen 18 Jahren für den Unterhalt seiner Mutter und Schwester sorgen. Doch die Jobs, die es in dem Vorort von Los Angeles gibt, sind nicht so das rechte für einen Mann seines Kalibers, für einen Schriftsteller wie ihn, den großen Romancier Arturo Bandini. Ja, er will Schriftsteller werden, liest Nietzsche, Schopenhauer, Spengler und fühlt sich deutlich zu Höherem berufen. Mit noch sehr jugendlichem Ungestüm wirft er seine Jobs als Bauarbeiter, Tellerwäscher, Beifahrer auf einem Laster und Aushilfe in einem Lebensmittelladen hin.

Schriftsteller werden, davon ist Arturo bald überzeugt, kann man nur in Los Angeles. Der Weg dorthin ist lang wie der nach Tipperary. Dafür braucht es nicht nur schriftstellerisches Geschick, sondern auch eine finanzielle Grundlage – und seine Schwester und Mutter müssen schließlich auch versorgt sein. Doch die Hoffnung und die Aussicht, sich irgendwann aufmachen und seinen Traum verwirklichen zu können, halten ihn aufrecht und helfen ihm, seinen neuen, harten Job in der Fischfabrik durchzuziehen. Fante wird hier mit Arturo Bandini auch zu einem wichtigen Chronisten der amerikanischen Arbeitswelt in den frühen dreißiger Jahren und der Ausbeutung der Arbeiter durch Billiglöhne.

Man liest ihn sich ans Herz

Arturo Bandini erhebt sich über seine Mitmenschen, er ist ein arroganter Fatzke, er schimpft, wütet und prahlt. In seinem Ort wird sein Geist kaum gefüttert, sieht man mal von der öffentlichen Bibliothek ab, in der er dezent-erotische Phantasien für die Bibliothekarin hegt. Abends masturbiert er in seinem Kleiderschrank. Der Leser könnte ihn hassen und das Buch zur Seite legen, aber dieser Arturo Bandini ist so aufrichtig zornig, dass man ihn sich ans Herz liest, wie einst den rebellischen Holden Caulfield in Salingers „Fänger im Roggen“.

Als Fante den Roman „Der Weg nach Los Angeles“ Ende Juli 1936 zu seinem Verleger nach New York schickt, antwortet der nur wenig später, er müsse das Werk „mit großer Enttäuschung“ ablehnen, weil es „einer Publikation unwürdig“ sei. Ein zweiter schrieb: „(…) extrem provokativ… aber leider nicht für uns, fürchte ich.“ Für uns Leser in Deutschland aber hat Alex Capus eine würdige und erfrischende Übersetzung besorgt, und es ist ein wahres Glück, dass der Blumenbar-Verlag diesen Roman als zweiten ins Programm aufgenommen hat. Fante war ein grandioser Erzähler, und es ist wahrlich an der Zeit, dass die deutschen Leser ihn erneut für sich entdecken. „Der Weg nach Los Angeles“ kann der Weg zu Fante sein.

John Fante: Der Weg nach Los Angeles, Blumenbar Verlag, Berlin, 2017, 256 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3351050450, Leseprobe

Seitengang dankt dem Blumenbar-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Eternauta reloaded

Im Jahr 2016 erschien in Deutschland zum ersten Mal der bekannteste argentinische Comic der 50er Jahre: „Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld. Der Science-Fiction-Klassiker wird noch heute als hellsichtiges Vorzeichen der Militärdiktatur in Argentinien gelesen, ist aber auch eng mit dem Leben seines Autors verknüpft. 1969 hat Oesterheld ein Remake seines Stoffes geschrieben – mit einem neuen Zeichner an seiner Seite, der einen neuen illustratorischen Zeitgeist vertrat. Auch dieses Buch ist nun auf Deutsch erschienen, vermag aber den ursprünglichen Geist des Eternauta nicht mehr so recht einzufangen. Das allerdings hat verständliche Gründe.

Wie schon im Ur-Eternauta sitzt der Held Juan Salvo eines Abends mit drei Freunden in Buenos Aires beim Kartenspiel zusammen, als plötzlich das Radio verstummt, das Licht erlischt und es draußen zu schneien beginnt. Für uns Europäer ist das nicht gerade das siebte Weltwunder, aber in der argentinischen Hauptstadt hat es zuletzt 1918 Schnee gegeben, und umso faszinierter sind die Großstädter von diesem Phänomen. Beim Blick aus dem Fenster wird den Vieren aber schnell klar, dass das kein gewöhnlicher Schnee ist. Wie ein Leichentuch legt sich eine dichte Decke aus tödlichen Flocken über die Außenwelt, und alles Lebende, was von ihnen berührt wird, stirbt augenblicklich.

Juan überprüft alle Fenster im Haus und berichtet seiner Frau Elena und Tochter Martita von der Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist. Einen der Freunde aus der Kartenrunde hält die Todesgefahr jedoch nicht zurück – zu groß ist die Sorge um die daheimgebliebene Familie. Er rennt zur Tür hinaus und fällt nach nur wenigen Metern leblos zu Boden. Ausgelöscht. Die Freunde werden stumme Zeugen, die nur tatenlos zusehen können.

Die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert

Das Radio macht schließlich alle Deutungen, woher der Niederschlag kommen mag, zunichte: Außerirdische haben ganz Lateinamerika angegriffen und rotten jetzt die Bevölkerung aus. Hilfe wird nicht kommen, denn die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert, um selbst nicht angegriffen zu werden. Die Argentinier bestärkt das nur noch mehr: Sie werden sich gemeinsam dem Gegner in den Weg stellen. Und so wird auch in diesem Remake aus einer Science-Fiction-Nummer ein Kriegs-Epos.

Neu ist indes vor allem, dass die Großmächte den Angriff der Außerirdischen auf Lateinamerika tolerieren – eine deutliche Anspielung auf den US-amerikanischen imperialistischen Einfluss. Argentinien befand sich zum Entstehungszeitpunkt der neuen Fassung in einer Diktatur. General Juan Carlos Onganía war 1966 durch einen Putsch an die Macht gekommen und regierte das Land mit einem wirtschaftsliberalen Kurs, der den Arbeitern mehr und mehr gegen den Strich ging.

Als am 29. Mai 1969 die ersten drei Seiten des neuen „Eternauta“ in der Illustrierten „Gente“ („Leute“) erschienen, begann in Córdoba, der zweitgrößten Industriestadt des Landes, der berühmte „Cordobazo“, ein Volksaufstand, bei dem sich Arbeiter und Studenten zu einer großen demonstrierenden Masse vereinten. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften; viele Menschen wurden getötet. Onganía musste später zurücktreten.

„Sie baten mich, meine Zeichnungen zu ändern“

Neu ist aber auch der Stil der Illustration, den der neue Zeichner Alberto Breccia einführt: düster, mit teils unvollständigem Strich, die Gesichter oft grimassenhaft verzerrt. Das kommt bei vielen Lesern und auch im Verlag der populären Zeitschrift überhaupt nicht gut an. Breccia erinnert sich: „Sie riefen mich an und baten mich, meine Zeichnungen zu ändern, sie klarer und kommerzieller zu machen. Ich antwortete, dass dies mein Zeichenstil sei, und wenn er ihnen nicht gefalle, sollten sie ‚Eternauta‘ nicht weiter publizieren.“

Jede Woche sollten drei neue Seiten veröffentlicht werden. Der Verlag sprach auch mit Oesterheld, der aber der Meinung war, das Werk müsse fertiggestellt werden. Sie vereinbarten deshalb, den größeren Teil der Story zu kürzen und in wenigen Kapiteln zusammenzufassen. Das wiederum führt dazu, dass die Geschichte gehetzt wirkt, während sie in der Ursprungsfassung manchmal sogar zu detailliert daherkam. Die erste Version kommt noch auf 392 Seiten, das Remake nur noch auf knappe 50 Seiten.

Man sollte sich in diesem Fall nicht an Seitenzahlen aufhalten. Der neue Eternauta ist ganz unabhängig von der Dicke des Bandes nicht die besser erzählte Story. Aber der Grund seines Scheiterns im Jahr 1969 ist elementar: Oesterheld und Breccia erzählen von Einzelnen, die sich zusammenschließen, um sich gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, während die Großmächte sie verraten. Vor dem Hintergrund der Unruhen des Jahres 1969 bekommt der Comic eine Realitätsnähe, die wohl nicht so recht in eine Zeitschrift zu passen scheint, die sich den Reichen und Schönen verschrieben hat. Die Realität im Lande darzustellen, und zwar mit den düsteren expressionistischen Zeichnungen, in denen Alberto Breccia sie sah, das ging dem Chefredakteur der „Gente“ entschieden zu weit. Nach nur 16 Wochen ist Schluss mit dem „Eternauta“, die Geschichte ist auserzählt, und Chefredakteur Carlos Fontanarrosa entschuldigt sich in einem Artikel bei seinen Lesern: „Unser Auftrag ist die Kommunikation und wir hätten uns auf die Ästhetik seiner Zeichnungen, die sie manchmal völlig unverständlich machte, nicht einlassen dürfen.“ Zurück zur Weltflucht mit den Schönen und Reichen.

Reine Comic-Freunde werden enttäuscht sein

Der „Eternauta 1969“ ist ein Werk für Eternauta-Fans, für historisch Interessierte im Bereich Lateinamerika oder für Kunstkenner. Reine Comic-Freunde aber werden vermutlich von der zusammengerafften Story enttäuscht sein und sollten eher zum Ursprungswerk greifen (hier geht‘s zur Seitengang-Rezension) – wenngleich das Nachwort, ein Essay von Guillermo Saccomanno und Carlos Trillo, die Entstehungsgeschichte des Comic-Remakes gut einordnet. Bedauerlich, dass Oesterheld und Breccia nie die Gelegenheit hatten, ihre neue Version des „Eternauta“ mit allen Facetten zu erzählen. Vermutlich hätte es die erste Version in den Schatten gestellt.

Oesterheld, Sohn eines deutschen Auswanderers und einer spanischen Mutter, hat wenige Jahre später seinen ganz eigenen Kampf erlebt. Man geht davon aus, dass er selbst um 1978 ermordet worden ist. Geklärt ist sein Verbleib jedoch nicht. Kurz vor einem erneuten Putsch des Militärs war er 1976 mit seinen vier Töchtern in den Untergrund gegangen, um für die Revolution zu kämpfen. Er kam nie zurück. Geblieben ist der Welt seine bedeutsamste Geschichte: der Eternauta, der ewig Reisende zwischen den Welten.

Héctor Germán Oesterheld / Alberto Breccia: Eternauta 1969, Avant-Verlag, Berlin, 2017, 64 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3945034699, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Luftballon-Sprache im Abendkleid

Im Suhrkamp-Verlag erscheint seit 2017 eine siebenbändige bibliophile Sonderausgabe von Büchern, die ihresgleichen sucht: die „Edition Suhrkamp Letterpress“. Die ersten drei Bücher sind bereits vergriffen, die nächsten und damit vorerst letzten vier kommen im März auf den Markt. Sie alle eint ein besonderer Reiz: jeder Einband wurde von einem Designer neu gestaltet, jedes Werk von renommierten Typografen neu gesetzt und dann im Buchdruckverfahren auf einer alten Zylinderpresse gedruckt. Was für eine Prachtidee!

Unter den ersten veröffentlichten Büchern (Walter Benjamins „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ sowie Thomas Bernhards „Watten: Ein Nachlaß“) befindet sich auch der erste und einzige Gedichtband der US-amerikanischen Dichterin Sylvia Plath, der schon zu ihren Lebzeiten erschienen ist: „Der Koloss“. Im Suhrkamp-Verlag war im August 2013, mehr als 50 Jahre nach dem Freitod Plaths, die erste deutsche Übersetzung des „Koloss“ erschienen, die große Beachtung fand. Die Schriftstellerin Judith Zander hatte die Gedichte behutsam ins Deutsche übertragen und ihre Frische und Sprachgenialität bewahrt. Nicht umsonst sagte John Updike über Plath, sie sei die „beste, aufregendste und maßgeblich rücksichtsloseste Dichterin ihrer Generation“. In ihren Gedichten beschäftigte sie sich nicht nur zeitkritisch mit den gesellschaftlichen Zwängen der Frau, sondern auch mit problembehafteten Beziehungen, Depressionen, dem frühen Tod des Vaters, Suizidgedanken und mit der Natur.

Mit der Wiederveröffentlichung in der Letterpress hat die zweisprachige „Koloss“-Ausgabe eine Aufwertung erfahren. Die Letterpress ist ein verlegerisches Konzept, dessen Idee ursprünglich durch ein Gespräch zwischen Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe und dem legendären Typographiker Erik Spiekermann entstanden ist: „Wir haben darüber geredet, wie es sich mit dem Buch verhält heutzutage, dass die Leute nicht mehr wissen, dass an einem Buch mehr Menschen beteiligt sind als der Autor und der Drucker“, erklärt Spiekermann im Trailer zum Projekt. Und das Ergebnis dieser Unterredung? Eine Gruppe von sieben deutschen Grafikdesignern (die sogenannte „Süpergrüp“), die zu den einflussreichsten ihrer Generation gehören, hat sieben ausgewählte Werke des 20. Jahrhunderts neu gestaltet und gesetzt. Anschließend werden die Bücher von digital belichteten Platten im Buchdruckverfahren auf einem Original Heidelberger Zylinder aus dem Jahr 1965 gedruckt.

Ein schwebender Stein-Luftballon

Die mehrfach ausgezeichnete Grafikdesignerin Sarah Illenberger war verantwortlich für die äußere Gestaltung des Plath-Bandes. Sie hat nach eigenen Angaben versucht, ein Bild zu kreieren, das in seiner Symbolik Plaths ganzes Werk und Schaffen umschreibt. Entstanden ist ein schwebender Luftballon in Form eines Steins, der nun den Buchdeckel ziert – der Stein für die schweren Themen, denen Plath sich widmet, der Luftballon für die leichte Sprache, die sie in ihren Gedichten verwendet.
Die kongeniale innere Gestaltung und den Satz des Gedichtbandes wiederum hat – wie bei allen anderen Bänden auch – Erik Spiekermann mit dem Typografen und Schriftforscher Ferdinand Ulrich besorgt.

Insgesamt sind die Bücher der Letterpress kleine Kunstwerke, wie man sie nur noch selten in der Hand halten darf. Der Buchblock ist ein anfangs starres Stück, das man sich erst gefügig lesen muss. Die Schrift ist durch den Buchdruck tiefschwarz und nicht blassschwarz wie im herkömmlichen Offset-Druckverfahren. Das 120 g/m² schwere Papier schmeichelt den Fingern beim Umblättern, das ebenfalls tiefschwarze Lesebändchen hilft bei der Orientierung.

Zwischen 40 und 50 Euro kostet ein Buch

So viel Handwerkskunst hat ihren Preis. Zwischen 40 und 50 Euro kostet ein Buch der Letterpress. Jedes Werk ist allerdings auch exklusiv limitiert auf 1.000 Exemplare, jedes Buch einzeln nummeriert. Da verwundert es nicht, dass die im September erschienenen Bücher beim Verlag bereits restlos vergriffen sind. Wer dennoch Interesse hat, grast regelmäßig die Antiquariate ab oder hat noch Glück beim Buchhändler seines Vertrauens.

Voraussichtlich am 12. März werden die nächsten und vorerst letzten vier Bücher in der Letterpress erscheinen: Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, Max Frischs „Montauk“, Raymond Queneaus „Stilübungen“ sowie Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“.

Warum man so viel Geld für ein Buch ausgeben sollte? Weil es das wert ist. Weil es ein Buch ist. Weil es keine Massenware ist. Weil es das Herz wärmt. Weil es besonders gestaltet ist. Weil man nicht nur die Ware bezahlt, sondern die Arbeit jedes einzelnen, der daran mitgewirkt hat. Weil alle Sinne genießen. Weil es ein Buch ist, wie ein Buch sein sollte: Mit Liebe gemacht.

Sylvia Plath: Der Koloss, Suhrkamp Letterpress, Berlin, 2017, 160 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, auf 1.000 Exemplare limitiert, einzeln nummeriert, 44 Euro, ISBN 978-3518427491 (vergriffen)