Klavierstück zu zwei Herzen

1950 erschien im schöngeistigen Südverlag ein Buch mit dem Titel „Das Lied des Pechvogels“. Heute, fast 70 Jahre später, legt der Verlag die lesenswerte Novelle wieder auf. Sie erzählt von der Wandlung einer stolzen Konzertpianistin zur engagierten Förderin eines unbekannten und mittellosen Komponisten.

Marina Lindo ist weltberühmt. Sie hat auf den großen Bühnen und in den wichtigsten Sälen den Flügel gespielt – und zwar stets beliebte Komponisten: Beethoven, Chopin, Debussy, Scarlatti, Reger und wie sie alle heißen. „Irgendwie erschien es ihr effekthascherisch, einen unbekannten Namen herauszubringen.“ Eines Abends jedoch begegnet sie bei einem Konzert ihres alten Musikprofessors dem mittel- und ruhmlosen Komponisten Valentin Quandt.

Zuvor hatte ihr Professor ein Stück von ihm gespielt, das ihr wie eine „Vergewaltigung des Publikums“ erschien. Sie verspottet es als Geklimper, nennt es grausam und fühlt sich geradezu erlöst, als es endlich beendet ist. Doch als sie gewahr wird, dass sie soeben dem Komponisten höchstselbst schonungslos die Meinung gegeigt hat, erschrickt sie und ist peinlich berührt. Sie folgt dem Mann, der seinen Wintermantel für Notenpapier und Lebensmittel verkauft hat, durch die Straßen Frankfurts.

Pianisten als Reproduktionskünstler

In der Tram entwickelt sich ein Gespräch über den Pianisten als Reproduktionskünstler, der oft nicht in der Lage sei, ein Stück so zu spielen, wie es der Komponist intendiert hat. Marinas Neugier ist geweckt, und sie bietet Valentin an, seiner Interpretation zu lauschen, um zu begreifen.

Es ist der Beginn einer seltsamen Beziehung zwischen zwei ungleichen Menschen. Marina Lindo, diese stolze, lebenslustige Frau, will nicht so recht zu dem bleichen, empfindlichen Jüngling passen, der mehr Todessehnsucht als Lebensfreude ausstrahlt. Ihre Liaison erwächst vor allem aus der gegenseitigen Liebe zur Musik. Und die bechreibt der Autor sprachlich so treffend, dass es zu Herzen geht.

Als Valentin Marina ein Klavierkonzert auf den Leib schreibt, folgt der Leser dem Gedankenspiel beim Schaffensprozess ganz unmittelbar:

„Der erste Satz war eine Ausdeutung des Stimmungsgehaltes, den er in dem Namen Marina entdeckte. Zunächst stieg das Bild einer Bucht auf Capri, der Piccola Marina, überraschend vor ihm auf (…). Auf den Schwingen des Lautes Marina ließ er sich hinaustragen in grenzenlose Schallfluten. Salzschaum sprühte in diesem Klang, ein Nachhall des Zeitalters der Weltumseglungen, des noch nicht Geographie gewordenen Abenteuers, das täglich neue Welten gebären konnte.“

Förderer und Freund

Als Leser sollte man über ein gewisses musikalisches Grundwissen verfügen, denn die Novelle ist mit Fachtermini gespickt und erfreut insgesamt wohl vor allem die Freunde der klassischen Musik. Dem Autor Stephan Lackner ist mit dem „Lied des Pechvogels“ nicht nur eine tragische Liebesgeschichte gelungen, sondern auch ein literarischer Verweis auf seine eigene Person. Denn Lackner ist nicht nur als Schriftsteller und Dramatiker bekannt geworden, sondern auch als Förderer und Freund des Malers Max Beckmann.

Schon als Primaner, kann der Leser dem aufschlussreichen Nachwort entnehmen, kaufte Lackner eine kleine Lithografie, nachdem der Maler ihn bei einer Begegnung beeindruckt hatte. Die Leidenschaft für die Kunst von Max Beckmann soll ein Leben lang halten. Stephan Lackner starb am 26. Dezember 2000, Beckmann fast auf den Tag genau 50 Jahre vor ihm.

Dem Südverlag ist es zu verdanken, dass Lackners „Lied des Pechvogels“ jetzt wieder erhältlich ist. Der Verlag eröffnet damit seine neue Linie „bibliophil“, die Werke ins Licht zurückbringt, die schon fast in Vergessenheit geraten sind. Außerdem in der Reihe erschienen ist der Gedichtzyklus „Berichte aus der Fremde“ des jüdischen Arztes und Schriftstellers Martin Gumpert.

Für das nächste Frühjahr sind bereits weitere Bücher angekündigt. Das gibt Lesern glücklicherweise die Chance, neben den diversen Novitäten auf dem Buchmarkt auch die alten Könner literarischen Schaffens wieder zu entdecken. Wohlan!

Stephan Lackner: Das Lied des Pechvogels, Südverlag, Konstanz, 2017, 104 Seiten, gebunden, erweiterte Neuausgabe, 12 Euro, ISBN 978-3878001102, Leseprobe

Es war einmal – verschollen

Es ist wieder diese Zeit angebrochen, in der sich manch Familie in der Stube um den großen Ohrensessel sammelt, und jemand aus ihrer Mitte aus alten Büchern vorliest. Währenddessen prasselt ein Feuer im Kamin, und draußen ist es unwirtlich, stürmisch und kalt. In der Anderen Bibliothek sind jetzt die „Verschollenen Märchen“ von Johann Wilhelm Wolf in einem feinen Extradruck erschienen, die sich vortrefflich für solche Stunden eignen. Zum Lesen und Vorlesen – ein wahrlich hinreißender Genuss!

Märchen sind im deutschsprachigen Raum vornehmlich mit den Brüdern Grimm verbunden. Deren berühmte Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ dürfte in vielen Bücherregalen zu finden sein. Als Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert schon die ersten Auflagen unters Volk gebracht hatten, machte sich in Hessen auch ein bis heute weitgehend unbekannt gebliebener Mann namens Johann Wilhelm Wolf auf, um seinerseits Erzählungen von gar wundersamen Begebenheiten zu sammeln.

„In Darmstadt war nichts zu gewinnen“

„In unserem Wohnort Darmstadt war natürlich (…) nichts zu gewinnen, darum zogen wir in den Odenwald, um dort in der noch weniger von der sogenannten ‚Aufklärung‘ und dem ‚Fortschritt‘ angesteckten Bevölkerung die frisch duftenden Blüthen zu lesen“, schreibt Wolf in seiner Vorrede.

Das Material für seine „Deutschen Hausmärchen“ trug er mit seinem Schwager, dem in Darmstadt stationierten Lieutenant und Millitärschriftsteller Wilhelm von Ploennies, Sohn der Dichterin Luise von Ploennies, zusammen. Sie befragten die Soldaten der Kompanie, besuchten die Spinnstuben des Odenwaldes und die Wirtshäuser an der Bergstraße. Und allerorten erzählten die Menschen ihnen ihre Geschichten. Darunter die „von einem Pfarrer, der zu kräftig predigte“, von der „Schlange im brennenden Wald“, den „13 verwünschten Prinzessinnen“, „von der schönen Schwanenjungfer“ sowie jene über „die eisernen Stiefel“. Die beiden letzten lobt Wolf in seiner Vorrede als „zwei der schönsten Märchen“.

Puff! Aus der Traum!

Die Geschichte von der Schwanenjungfer, ausgearbeitet von Wilhelm von Ploennies, erzählt von einem jungen Jägerburschen, dem auf der Pirsch eine „wunderherrliche Jungfrau“ begegnet, die ihr Leben jedoch als Schwan fristen muss. Um sie zu erlösen, soll der Jäger jeden Sonntag ein Vaterunser für sie beten und nie wieder von ihrer Schönheit sprechen. Das alles gelingt ihm recht prächtig, bis er die Prinzessin von Frankreich heiraten soll – und die Ehre einem anderen Mann zubilligt.

Da wünscht der König zu erfahren, warum der Jäger seine Tochter verschmäht. Und der erzählt kurzerhand von seiner Braut, die noch tausendmal schöner sei als die Prinzessin. Puff! Aus der Traum! Um die Schwanenjungfer dennoch zu erlösen, muss der liebestolle Jäger jetzt noch viel härtere Prüfungen überstehen und seine Braut auf dem gläsernen Berg und in der finsteren Welt suchen gehen. Er macht Bekanntschaft mit den Klauen des Vogels Greif und erleidet während dreier Nächte manche schauderliche Pein.

Gelebte Wortschatzpflege

Die Andere Bibliothek hat die Märchensammlung glücklicherweise nicht in den Duktus der Jetztzeit übertragen, wie viele Verlage derzeit Klassiker neu zu beleben versuchen, sondern sie im Urzustand belassen. Wir können also Wörter lesen, die der „Verein deutsche Sprache“ (früher: „Verein zur Rettung der deutschen Sprache“) vermutlich schon auf die Rote Liste gesetzt hat. Dieses Märchenlesen ist also auch gelebte Wortschatzpflege.

Dazu hat der Verlag das Buch gewohnt bibliophil editiert. Ein bezaubernd gestalteter Leineneinband schmeichelt der Hand, die ihn hält, und den Augen, die ihn betrachten. Schon hier begegnen wir dem ersten Schwan. Er trägt die Krone, die wir auch über dem Titel jedes Märchens wieder aufgegriffen sehen. Und mit dem farblich passenden Lesebändchen findet der Vorleser gleich zur zuletzt vorgetragenen Seite zurück.

Gestaltet hat das alles die Berliner Typografin Manja Hellpap, die für die Andere Bibliothek bereits mehrere Werke bearbeitet hat. Darunter findet sich unter anderem Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“. Bereits 1988 hatte der Verlag die „Verschollenen Märchen“ als limitierte Ausgabe und im Schuber veröffentlicht. Da die Ausgabe jedoch inzwischen vergriffen ist, war es an der Zeit, dass Wolfs Märchen erneut gedruckt wurden. Solche Sprache, solch ein Schatz darf nicht verschollen sein!

Johann Wilhelm Wolf: Verschollene Märchen, Die Andere Bibliothek, Berlin, 2016, 348 Seiten, gebunden, Lesebändchen, 16 Euro, ISBN 978-3847740322

Hart, aber herrlich

neonregenEndlich haben die deutschen Leser James Lee Burke für sich entdeckt. Schon in den 90er Jahren gab es Versuche, den US-amerikanischen Autor auf dem deutschen Buchmarkt zu etablieren – ohne durchschlagenden Erfolg. Jetzt scheint seine Zeit gekommen zu sein. Dem kleinen Pendragon-Verlag aus Bielefeld gebührt dabei alle Ehre, denn dort werden in den nächsten Jahren alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe erscheinen, teilweise erstmalig auf Deutsch. Mit „Neonregen“ ist im Sommer 2016 der Band veröffentlicht worden, in dem der eigenwillige Krimi-Held zum ersten Mal die Bildfläche betritt. Sie sind Hardboiled-Fan? Dann sollten Sie das gelesen haben!

Dave Robicheaux ist Lieutenant beim New Orleans Police Department und bekommt von einem zum Tode Verurteilten den Hinweis, dass die kolumbianische Drogenmafia zu gerne seinen Kopf hätte. Der Organisation ist nämlich sauer aufgestoßen, dass Robicheaux vor einiger Zeit die Leiche einer jungen Frau aus dem Wasser gezogen hat, die die Mafia da so sicher versenkt geglaubt hatte. Ziemlich ärgerliche Sache für die Mafia, denn Robicheaux hat Lunte gerochen und ermittelt jetzt gegen alle Widerstände, auch gegen die der CIA. Mit seinem besten Freund Clete Purcel macht er den bösen Jungs und Querschlägern aus den eigenen Reihen deutlich: So läuft das hier nicht!

Und Robicheaux ist wirklich ein Held, ein toller Kerl und ein feiner Mann zugleich. Vietnam-Veteran und Kenner der englischen Literatur. Ein harter Hund mit Idealismus. Lebenssüchtig, aber auch alkoholkrank und deshalb eher für Softdrinks zu haben. Und die fantastischen Beschreibungen des Aufgießens eines Dr. Peppers in ein mit Crushed Ice aufgefülltes Glas macht unbändige Lust, es dem Ermittler gleichzutun. Wer sie beim Lesen nicht spürt, dem entgehen womöglich auch die anderen intensiven Fabulierkünste Burkes. Der Autor vermag es, über mehrere hundert Seiten ein bildgewaltiges Kopfkino zu erzeugen, das mitunter allerdings auch recht blutig und brutal ausfällt. Zimperliche Seelen sollten deshalb hier eher nicht zugreifen. Nicht umsonst gehören die Robicheaux-Krimis zum Hardboiled-Genre.

Chronist der Zeitgeschichte

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Burke auch ein Chronist der Zeitgeschichte ist, denn seine Bücher spiegeln immer die aktuelle politische Lage wieder. In „Neonregen“, den Burke erstmalig 1987 veröffentlichte, ist die Iran-Contra-Affäre das wichtige Thema. Die Contras waren eine Guerilla-Bewegung in Nicaragua, die gegen die sozialistische Regierung kämpfte. Zur Unterstützung leitete die damalige US-Führungsspitze unter Ronald Reagan Gelder aus geheimen Waffengeschäften mit dem Iran an die Contras weiter. Die wiederum hatten jahrelang tonnenweise Kokain in die USA geschmuggelt, was die CIA auch wusste, aber dagegen nichts unternahm.

Die Robicheaux-Reihe sollte man natürlich mit „Neonregen“ beginnen. Der Pendragon-Verlag hat bereits Band 2 der Reihe veröffentlicht („Blut in den Bayous“). Dann aber wird’s schwierig mit der Lesereihenfolge, denn bisher sind ansonsten nur „Mississippi Jam“ (Band 7, zur Rezension) und „Sturm über New Orleans“ (Band 16) erschienen. Ein Manko? Nein, die unsortierte Veröffentlichung ist nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt. Greifen Sie zu!

James Lee Burke: Neonregen. Ein Dave-Robicheaux-Krimi (Band 1), Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 432 Seiten, Taschenbuch, 17 Euro, ISBN 978-3865325488

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Gewaltige Fabulierkunst

Mississippi JamWie Phönix aus der Asche steigt seit einiger Zeit der US-Autor James Lee Burke auf dem deutschen Buchmarkt auf und wird hier – endlich! – gefeiert. Nach weniger erfolgreichen Versuchen der Verlage Ullstein und Goldmann in den 90er Jahren, ihn den deutschen Lesern schmackhaft zu machen, gelingt das nun dem Heyne-Verlag, vor allem aber dem Bielefelder Kleinverlag Pendragon. Letzterer hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Eine wahre Wucht von nervenaufreibendem Hardboiled-Krimi ist der 588-Seiten-Wälzer „Mississippi Jam“.

Das Buch ist unbedingt zu empfehlen – das weiß man besser, bevor man etwas über den Plot erfährt. Es klingt einfach geradezu hanebüchen: 1942 soll vor dem Mississippi-Delta ein U-Boot der Nazis gesunken sein, an Bord ein sagenumwobener Nazi-Schatz. Einige zwielichtige Schatzsucher wollen das Wrack rund 50 Jahre später bergen, und niemand Geringeres als ausgerechnet Dave Robichaeux weiß, wo das Ding liegt. Robicheaux ist Detective und Bootsverleiher mit Anglerladen in New Orleans, hat mittlerweile einiges auf dem Kerbholz, Vietnam-Erfahrungen und Alkohol-Narben, aber immerhin eine tolle Frau, seine dritte.

Ja, er ist ein ziemlich harter Hund, und dennoch erschüttert es ihn, als ihm nicht nur die städtischen Gangster auf den Pelz rücken, sondern auch noch der skrupellose Neo-Nazi Will Buchalter deutlich macht, dass auch er ein intensives Interesse an dem U-Boot hat. Man könnte jetzt sagen: komm, das ist eine schöne Südstaaten-Posse. Aber „Mississippi Jam“ geht empfindlich darüber hinaus. Denn was der Nazi-Psychopath da so abliefert, gehört zu den krassesten gewaltlosen Wunden, die man so schlagen kann. Und damit nicht genug. James Lee Burke ist ein famoser Fabulierer! Wie er die rivalisierenden Milieus der Stadt zeichnet und den florierenden Drogenhandel, den Rassismus und Judenhass, und wie liebevoll und gleichzeitig erbarmungslos er Menschen beschreibt, das ist literarisch auf hohem Niveau. Sie werden außerdem selten so intensive und mitreißende Schilderungen der Louisiana-Landschaft und ihrer Wetterumschwünge gelesen haben wie in „Mississippi Jam“.

Schneise der Verwüstung im Garten Eden

Und dann sind manche Passagen auch perfekte Vorlagen für das eigene Kopfkino. Allein die Szene, wie Robicheauxs bester Freund Clete Purcel ins Führerhaus einer Planierraupe steigt und damit eine Schneise der Verwüstung durch den Garten Eden und die Villa eines Mafiosos zieht, ist wahrlich eine Pracht und muss eigentlich auch auf die große Leinwand. Burke kommentiert lapidar: „Die Römer in Karthago konnten ihre Sache kaum besser und gründlicher gemacht haben.“ Viele andere Szenen könnten auch einer Tarantino-Idee entstammen, das heißt, man muss als Leser schon gewalttätige und blutige Auseinandersetzungen in Krimis mögen, um das Buch nicht zur Seite zu legen.

Burke hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Robicheaux nach seinem Vorbild geschaffen hat. Wie sein Krimi-Held hat auch der 79-jährige Burke eine Alkoholvergangenheit und wie sein Alter Ego wohnt er in der Stadt New Iberia nordwestlich von New Orleans. Sein Held ist nur nicht so mit renommierten Preisen überhäuft, darunter als einer von wenigen Autoren gleich zwei Mal mit dem Edgar-Allan-Poe-Award und mit dem Hammett Prize.

Seit 1987 hat Burke insgesamt 20 Bände für die Robicheaux-Reihe geschrieben. Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat indes angekündigt, sie in den nächsten Jahren nach und nach auf Deutsch zu veröffentlichen, allerdings nicht chronologisch. „Mississippi Jam“, im amerikanischen Original 1994 als „Dixie City Jam“ veröffentlicht, ist der siebte Band. Zuvor ist mit „Sturm über New Orleans“ („The Tin Roof Blowdown“, 2007) schon Band 16 erschienen. Ganz neu hat Pendragon im Juli Band 1 („Neonregen“) der Reihe in einer überarbeiteten Übersetzung herausgegeben. Die unsortierte Veröffentlichung ist im Übrigen nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt.

Dem Verlag aus Bielefeld ist jetzt Durchhaltevermögen zu wünschen, auf dass irgendwann tatsächlich alle 20 Bände über den hartgesottenen Sheriff auf Deutsch und in ansprechender Übersetzung vorliegen. Das wäre eine Pracht für alle Hardboiled-Fans, und für die Burke-Fans ohnehin. Dieser Mann ist einfach ein Könner seines Genres, und es wird Zeit, dass die deutschen Leser das endlich erkennen. Vielleicht braucht es einfach einen neuen alten Kult-Krimihelden. Voilà, dürfen wir vorstellen? Dave Robicheaux.

James Lee Burke: Mississippi Jam, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 588 Seiten, broschiert, 17,99 Euro, ISBN 978-3865325273, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 3./4. September 2016) erschienen.

Remarque hätte daraus Literatur gemacht!

Berliner OrgieDer Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig hat sich für die Berliner Boulevardzeitung B.Z. ins Rotlichtmilieu der Hauptstadt begeben. Dabei herausgekommen ist – man hätte es bei dem Auftraggeber erwarten können – vor allem ein einseitiger, naiver Bericht über die Prostitution in Berlin, ohne den Frauen die ausreichende Gelegenheit zu geben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Brussig gibt zu, von der Prostitution keinen blassen Schimmer zu haben, erschreckenderweise zeigt er sich aber auch noch als frauenverachtender Macho.

Den Job habe er angenommen, weil ihn seine Ahnungslosigkeit beschäme, schreibt Brussig im Vorwort. Das ist nur eine von vielen Erklärungen, die er parat hat. Ihn interessiere auch „das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Denn in der Welt der Prostitution ist es in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Hier ist es nicht der Mann, der versucht, die Frau ins Bett zu kriegen – hier ist es umgekehrt. Frauen wollen mit Männern Sex haben.“ Ein „Traumjob“ sei es für ihn, das sei mal klar. Weil er nur dieses eine Mal die „köstliche Freiheit des Naiven“ haben könne. Und: „Die Frauen wollen sowieso.“ Ja, klischeehaft ist es auch, dieses Buch.

Und so drückt er sich dann zu Beginn erst einmal am Straßenstrich der Oranienburger Straße herum und fabuliert in Gedanken über das treffendste Synonym für diese Art der Prostituierten. Nachdem er schon den eigentlich korrekten Begriff der Sexarbeiterinnen für sie ausgeschlossen hat („ist was für Theoretiker und Langweiler“), verweigert er ihnen auch die Schublade „Frauen“ („es gibt schließlich vielmehr Frauen als Frauen„) und stammtischphilosophiert sich dann zur Bezeichnung „Bordsteinflamingos“ durch. Völlig stereotyp lässt Brussig während seiner Streifzüge ohnehin außer Acht, dass die Prostitution kein ausschließlich weibliches Betätigungsfeld ist und es auch Männer und Transsexuelle in der Prostitution gibt.

„Mich stört, dass es über das Geld läuft“

Die US-Autorin Melissa Gira Grant hat in ihrer klugen Analyse „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) dafür gekämpft, dass Sexarbeit tatsächlich als Arbeit anerkannt wird, als Option, Geld zu verdienen und der Armut zu entkommen. Eine Art „Rettungsindustrie“ aber erkenne die Sexarbeit nicht nur nicht als Arbeit an, sondern glaube darüber hinaus zu wissen, dass keine Prostituierte ihrer Arbeit freiwillig nachgeht. Dazu gehört offensichtlich auch Thomas Brussig: „War es Alice Miller, die einmal gesagt hat, dass jede Prostituierte eine Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch hat? Das kann ich mir lebhaft vorstellen, denn ein Körper, der immer respektiert wurde, wird sich nicht wahllos zur Verfügung stellen, auch nicht für Geld.“ Mehr noch: „Es ist etwas an der Prostitution, das ich, ganz altmodisch, nicht richtig finde. Mich stört, dass es über das Geld läuft.“

Wer das in Brussigs Vorwort liest, hofft noch, dass sich dessen Einstellung ändert. Dass er den Sexarbeiterinnen zuhört und sie ernst nimmt, und ihnen auch die Gelegenheit bietet, etwa über die Gefahren in ihrem Leben zu erzählen. Doch das ist offenbar nicht Brussigs Ansinnen. Die Frauen, denen er begegnet, wissen nichts von seinem Auftrag. Er flunkert ihnen vor, Architekt und das erste Mal in einem Nachtclub oder einem Bordell zu sein. So hofft er auf Verständnis, wenn er dann doch wieder die Flucht antritt, denn seiner Frau musste er versprechen, dass es für sein „Puffbuch“ niemals zum Äußersten kommt. Die Sexarbeiterinnen erfahren das nicht, der Leser immerhin im letzten Drittel des Buches.

Wie aber soll sich ein ehrliches Gespräch zwischen Autor und Sexarbeiterin entwickeln, wenn Brussig von Anbeginn mit falschen Karten spielt? Respekt hat er gegenüber den Sexarbeiterinnen nicht, fordert den auf der anderen Seite aber deutlich für sich ein: „Was mir an ihr gefällt: dass sie mich mit Respekt behandelt. Es ist ein professioneller Respekt, aber den hätte sie nicht, wenn sie mit dem, was sie tut, nicht im Reinen wäre. Wenn alle Huren wären wie Kamila, dann wäre Hure kein Schimpfwort mehr.“ Das alles entlarvt das Buch als das, was es wirklich ist: Ein boulevardeskes Schundstück für die männlichen B.Z.-Leser.

Boxershorts mit roten Herzchen

Darüber hinaus erfährt der Leser Dinge über Thomas Brussig, die er sicher nie wissen wollte. Angefangen bei den Boxershorts mit roten Herzchen, die Brussig offenbar nicht nur im Schrank liegen hat, sondern auch anzieht. Dann bekennt Brussig auch noch, dass er nicht mit jeder könne, „wäre dann aber für eine ganze Menge offen“. Je länger seine Testreihe dauert, desto mehr rümpft Brussig die Nase. Nur zwei Etablissements haben es ihm angetan: Der Swingerclub „Tempeloase“ („Die Orgien haben starken Eindruck auf mich gemacht“) sowie das Bordell „Artemis“, bei dem sich Brussigs Beschreibung allerdings wie eine Werbebroschüre liest, so begeistert ist er.

In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt (25. März 2007) hat er erklärt, er wolle das „ungefähr so schreiben, wie es vielleicht Remarque getan hätte, wenn er in den Zwanzigern diesen Auftrag bekommen hätte. Eine Melange machen aus konkreten Erlebnissen, etwas Zeitkolorit und natürlich allgemeingültigen, zeitlosen Erkenntnissen über Mann und Frau.“ Mit Verlaub: Aber Remarque hätte daraus Literatur gemacht!

Immerhin hat Brussig das Buch einen lukrativen Nachfolgeauftrag eingebracht: Udo Lindenberg nämlich hat ihn daraufhin als Autor für dessen Musical „Hinterm Horizont“ verpflichtet. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (12. Januar 2011) sagte Lindenberg: „Ich hab ihn 2007 bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille kennen gelernt. Da hatte ich gerade dieses Rotlichtbuch „Berliner Orgie“ von ihm gelesen. Das gefiel mir, und da hab ich ihm die Story erzählt von dem Mädchen aus Ost-Berlin.“

„Berliner Orgien“ ist 2007 erschienen und glücklicherweise mittlerweile vergriffen. Brussig, der mit dem Wenderoman „Helden wie wir“ bekannt geworden ist, hat zuletzt im Jahr 2015 den Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ veröffentlicht. Das „Orgien“-Buch sollte man in der Brussig-Bibliothek tunlichst vermeiden. Wer sich aber für das Thema Sexarbeit interessiert, dem seien unbedingt Melissa Gira Grants „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) sowie Tanja Birkners Porträt-Bildband „Halbe Stunde“ empfohlen.

Thomas Brussig: Berliner Orgie, Piper Verlag, München, 2007, 205 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 16,90 Euro, ISBN 978-3492050371 (vergriffen)