Die Katastrophe ist nicht vorbei

In diesen Tagen jährt sich zum zehnten Mal die Explosion mehrerer Atom-Reaktoren in Fukushima und damit die erneut deutliche Warnung vor der Atomenergie – für all diejenigen, die schon Tschernobyl nicht verstanden haben. Über Fukushima wird jetzt viel geschrieben, das Fernsehen berichtet, zeigt die Bilder, die 2011 um die Welt gingen, als ein Erdbeben einen gigantischen Tsunami auslöste und die Katastrophe ins Rollen brachte.

Es gibt Bücher und bedrückende Bildbände über Fukushima (etwa Alexander Neureuter mit „Fukushima 360º“ oder Carlos Ayesta und Guillaume Bression mit „Retracing Our Steps: Fukushima Exclusion Zone 2011-2016“), und natürlich ist über Tschernobyl noch ungleich mehr geschrieben und berichtet worden. Die US-amerikanisch-britische Miniserie „Chernobyl“ machte 2019 Schlagzeilen, heimste Golden Globes und Emmys ein und sorgte für ein neues Interesse am Super-GAU in der damaligen Sowjetunion. Der Katastrophentourismus erblühte, und immer mehr Menschen wollten in die Geisterstadt Prypjat reisen, rein in die 30-Kilometer-Sperrzone rund um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl. Sehen, wie es dort aussieht. Viele auch: Fotos machen für Instagram. Manche auch: respektlose Fotos machen für Instagram.

Eindrücklich, respektvoll, aktuell

Aus allen Büchern und Bildbänden über Tschernobyl sticht einer ganz besonders heraus: der des deutschen National Geographic-Fotografen Gerd Ludwig. Für den großformatigen Bildband „Der lange Schatten von Tschernobyl“ reiste er über einen Zeitraum von 20 Jahren mehrfach nach Tschernobyl und dokumentierte die Zerstörung und den Verfall, aber auch das Überleben in der radioaktiv verseuchten Zone und wie die Natur sich dort behauptet. Im Gegensatz zu den dreisprachigen Bilderklärungen sprechen die Fotos wortlos alle Sprachen dieser Welt. Sie sind eindrücklich, zu Herzen gehend, den Atem nehmend, respektvoll, bedrückend, einfühlsam, aktuell. Und sie zeigen, wie die Katastrophe vom 26. April 1986 auch heute noch das Leben der Menschen und der ganzen Region überschattet.

Wir sehen Bilder aus einer Geisterstadt, der man die überfallartige Evakuierung ansieht. In einem Klassenzimmer, in dem Bäume wachsen, liegen noch Schulbücher aufgeschlagen auf den Tischen, als kämen die Schülerinnen und Schüler jeden Moment lärmend zurück. Wir sehen den Schlafsaal eines Kindergartens, der offenbar ebenso hektisch verlassen worden ist. Wie bei einem Wimmelbild sieht man zunächst nur die auffälligen Dinge. Die zurückgelassenen Puppen und Kuscheltiere, die leeren Betten. Dann aber fällt der Blick auf: die fein säuberlich ausgeschnittenen Tierfiguren, eine Untertasse, ein gemaltes Bild mit einem Stern, Stifte, eine Nähmaschine.

Wir sehen mit Schutt übersäte Korridore, haufenweise verrottende Gasmasken und eine Luftaufnahme von Tausenden hoch kontaminierter Fahrzeuge, die bei den Aufräumarbeiten benutzt wurden. Wir sehen Fotos von überlebenden Liquidatoren, die nach dem Unglück damit beschäftigt waren, stark strahlenden Schutt und Graphitblöcke zu beseitigen. Und wir sehen ihre Kinder, die zum Teil selbst schwer geschädigt sind. „Ich weiß nicht, wie ich sterben werde … Nur eins weiß ich genau: Mit meiner Diagnose lebe ich nicht lange.“ Das Kapitel „Opfer“ gibt einigen von ihnen – stellvertretend für alle – ein Gesicht.

15 Minuten im Bereich der höchsten Strahlung

Kaum ein Fotograf ist seit der Katastrophe von Tschernobyl jemals so weit in den Reaktor #4 hineingegangen wie Gerd Ludwig. Er hatte die einmalige Gelegenheit, mit Arbeitern, die mit der Stabilisierung des Sarkophags beschäftigt waren, ins Innere vorzudringen. Die Strahlung dort ist noch immer so hoch, dass der Aufenthalt auf 15 Minuten pro Tag begrenzt ist. In Schutzkleidung versteht sich. Bei Dunkelheit, und mit Angst und Beklemmung. Die dabei entstandenen Fotos und seine Erinnerung an das Erlebte sind nicht in andere Worte zu fassen.

Die Gefahr der Strahlung ist weder sichtbar, noch hörbar oder schmeckbar, und doch ist sie unmittelbar. Dem Buch ist ein Zitat vorangestellt, das es auf den Punkt bringt: „Tschernobyl … der Krieg aller Kriege. Nirgendwo ist der Mensch in Sicherheit. Weder auf der Erde noch im Wasser. Und auch nicht am Himmel.“ Eine radioaktive Wolke verteilte sich nach der Explosion in Richtung Nordwesten über Europa und machte Tschernobyl zu einer internationalen Katastrophe. „Renommierte Umweltorganisationen schätzen, dass bis zum heutigen Tag bereits mehr als 100.000 Menschen an den Folgen der Katastrophe gestorben sind“, schreibt Ludwig in der Einleitung. „Im Gedenken an Tschernobyl und angesichts der Situation im Kernkraftwerk Fukushima nach dem Erdbeben in Japan halten uns diese Fotos vor Augen, dass Unfälle im Ausmaß von Tschernobyl zum Wesen von Kernkraft gehören und sich überall und jederzeit wiederholen können.“

Wenn nicht Tschernobyl und Fukushima Mahnungen genug sind, so sind es Bücher wie „Der lange Schatten von Tschernobyl“, die Entscheidern in Politik und Gesellschaft regelmäßig einen Schlag in den Nacken verpassen sollten. Denn die Themen Strahlung, Atomkraft und Radioaktivität versiegen ja nicht wie die Berichte zum Jahrestag der Katastrophen. Laut dem World Nuclear Report sind im Februar 2021 weltweit immer noch 414 Reaktoren in Betrieb. Rund um Deutschland sind es zum Teil sehr alte Reaktoren, Beispiele sind Tihange und Doel in Belgien sowie Cattenom/Frankreich. In Aachen sind deshalb schon Jodtabletten an die Bevölkerung ausgegeben worden, im Saarland werden sie bereits vorsorglich gelagert.

Sowohl Tschernobyl als auch Fukushima galten immer als sichere Atomkraftwerke. Wie sicher „sicher“ ist, wissen wir nicht erst seit 2011. Für hundertprozentige Sicherheit hilft nur eins: abschalten.

Gerd Ludwig: Der lange Schatten von Tschernobyl – mit einem Essay von Michail Gorbatschow, Edition Lammerhuber, Baden, 2017, 252 Seiten, 127 Fotos, dreisprachig (Deutsch, Englisch, Französisch), im Schuber, 75 Euro, ISBN 978-3901753664

Achtung, Raketenkartoffel!

Sie fragen sich, was eine Raketenkartoffel ist? Nun, bevor Stinktier einzog, hatte auch Dachs noch nie von einer Raketenkartoffel gehört. Aber eines Tages klopfte eben dieses Stinktier an Dachs‘ Tür und begehrte Einlass. Es ist der Beginn einer der schönsten, im besten Sinne altmodisch anmutenden Fabeln, die zuletzt veröffentlicht wurden. Und mit das Schönste ist: Sowohl Kinder als auch Erwachsene können sich so wunderbar kringelig lachen dabei – perfekt also zum Vor- und Mitlesen in der Familie.

Es gibt Menschen, die kaufen Bücher schon allein aufgrund ihres Covers, so wie Menschen Wein kaufen, weil ihnen die Flasche gefällt. All diejenigen, die sagen, ein tolles Buchcover könne niemals auf ein tolles Buch schließen lassen, sollten zumindest dieses eine Mal anders denken, denn schon die Umschlagillustration des vielfach ausgezeichneten kanadisch-amerikanischen Zeichners Jon Klassen (u.a. Deutscher Jugendliteraturpreis für sein Buch „Wo ist mein Hut“) ist einfach zauberhaft und verleiht dem Kinderbuch den zarten Anstrich eines Klassikers, den es noch werden könnte. Zugleich fängt sie die Eröffnungsszene des Buches so wunderbar ein, als schaue man dem Dachs über die Schulter, als der die Tür öffnet.

„Und dann noch dieses Grinsen“

Vor der Tür steht ein Stinktier, rechts daneben ein roter Koffer, der fast ein bisschen zu groß geraten scheint. Stinktier zeigt fröhlich-erfreut seine Zähne und hält zur Begrüßung die Pfote hin, doch Dachs ist argwöhnisch. Er vermutet: schmieriger Vertreter, der nur unnützen Kram an der Haustür verkaufen will: „(…) Der da hatte einfach zu viel Gel im Streifen, und der Schwanz war viel zu aufgeplustert. Und dann noch dieses Grinsen und die Art, wie er seine Pfote ausstreckte, als wenn er sich schon die ganze Zeit gefreut hätte, Dachs zu treffen.“

Doch Stinktier bleibt beharrlich, denn die immer ohne Punkt und Komma redende Tante Lula, der Dachs seine üppige Behausung zu verdanken hat, hat auch Stinktier ein Zimmer angeboten. Dachte wohl, das könne eine wunderbare Wohngemeinschaft werden. Und so muss Dachs den ungebetenen Gast hereinbitten und ihm ein Zimmer abtreten. Fortan bringt Stinktier den Haushalt des mürrischen Dachses ganz schön durcheinander. Denn Dachs ist ein sehr strukturierter Dachs. Er widmet seine ganze Aufmerksamkeit seiner wichtigen Steinforschung, ist ganz und gar Wissenschaftler mit Vergrößerungsglas und Steinpolierer.

Und Stinktier? Nun, das spontane, lebhafte und stets fröhliche Stinktier ist ein hervorragender Koch. Meistens (Achtung, Raketenkartoffel!). Hinterlässt aber die Küche wie ein Schlachtfeld. Und er spricht mit Hühnern und lädt sie zu gern zu Märchenstunden in seine Behausung ein. Dachs‘ Behausung. Und plötzlich sitzen auf jedem Quadratzentimeter des Steinezimmers Hühner. Überall. Huhn an Huhn. Gescheckte und Gefleckte. „Bock?“ Bock.

Sprache voller Witz und Wärme

In „Dachs und Stinktier“ erzählt die amerikanische Literaturkritikerin, Kolumnistin und Buchhändlerin Amy Timberlake die ungewöhnliche Geschichte einer Freundschaft zweier völlig konträrer Persönlichkeiten. Ihre Sprache ist voller Witz und Wärme – es ist, als könne man sich in ihr schaukeln wie in einer Hängematte, in die man sich zum Lesen einkuschelt. Die Idee selber ist natürlich nicht neu – so viele Bücher sind schon über ungewöhnliche Freundschaften geschrieben, so viele Filme gedreht worden. Noch nie aber wurde ein ornithologisch interessiertes Stinktier mit einem geologisch interessierten Dachs zusammengesteckt. Amy Timberlake selbst hat mal über ihr Buch gesagt: „Ich würde das als eine Art ‚Wallace & Gromit‘ beschreiben, die Winnie-the-Pooh und ein bisschen ‚Ein seltsames Paar‘ (Film mit Walter Matthau und Jack Lemmon, 1968) treffen.“ Besser kann man das nicht umschreiben.

Wer je ein Zimmer oder eine Wohnung geteilt hat, ob mit Geschwistern oder später in einer Wohngemeinschaft mit Freunden oder Bekannten, wer Freude hat an skurrilen und originellen Persönlichkeiten, wer Ukulele spielt, nerdige Hobbys betreibt oder lustige Nerds zu seinem Freundeskreis zählt, der wird unglaublichen Spaß an „Dach und Stinktier“ haben. Allen anderen, die sich nicht darunter eingruppieren können, sollten trotzdem zugreifen – nirgendwo sonst werden sie sonst lernen, was eigentlich passiert, wenn ein Wiesel versucht, in einem von Hühnern besetzten Haus eines Dachses und eines Stinktiers ein Telegramm zu übermitteln. Was für ein Abenteuer das Leben doch ist!

„Dachs und Stinktier“ ist das erste Buch einer kleinen Reihe über die beiden ungleichen Freunde, zwei weitere Bücher sollen folgen, erneut illustriert von Jon Klassen. In den USA erscheint der zweite Band („Egg marks the spot“) am 14. September 2021, über eine deutsche Veröffentlichung ist noch nichts bekannt.

Amy Timberlake: Dachs und Stinktier, cbj Kinder- und Jugendbuchverlag, München, 2020, 144 Seiten, gebunden, mit farbigen Illustrationen, 16 Euro, ISBN 978-3570177228, Leseprobe, Videogespräch zwischen Amy Timberlake und Jon Klassen (engl.)

 

And it burns, burns, burns

Spätestens wenn Vögel brennend vom Himmel fallen, sollte der Mensch argwöhnisch werden. Vielleicht nicht gleich an die Apokalypse denken, aber dennoch das Erlebte hinterfragen. Am besten sogar: handeln und Lösungen finden.

Schon am Anfang von Seraina Koblers Roman „Regenschatten“ wird deutlich, dass sie mehr als eine Dystopie über den Klimawandel geschrieben hat. Kobler zeigt, sprachlich hervorragend, dass alles zusammenhängt, übertragbar und, ja: eine Metapher ist. Ein vortreffliches Buch und ein beeindruckendes Debüt.

„Manchmal denke ich, es hätte mir von Beginn an klar sein müssen. Wenn ich meine eigene Geschichte besser gekannt hätte, näher bei mir selbst gewesen wäre. Alle relevanten Ereignisse in den richtigen Zusammenhang gestellt hätte.“ Die Welt um Anna herum brennt, während Anna in einem leeren Mehrfamilienhaus am Fenster sitzt und wartet, dass die Stare kommen.

Doch die Stare kommen nicht mehr, denn die Welt um Anna herum brennt. Der Klimawandel hat Zürich in den vergangenen Monaten in den Schwitzkasten genommen. Das hätte man verhindern können, wenn man „alle relevanten Ereignisse in den richtigen Zusammenhang gestellt hätte“. In unserer Jetztzeit. In Annas Jetztzeit dräut die Katastrophe und zeigt das Ausmaß von zögerlichem Handeln. So wie in ihrem privaten Leben.

Mit Witz und Ernsthaftigkeit zugleich

Anna ist schwanger, aber nicht von David. Es war ein einmaliger Fehltritt, der das Leben unerwartet in neue Bahnen lenkt. Zudem eine Konfliktschwangerschaft. Über den ersten Wochen hängt deshalb nicht nur die Frage, wie bringt sie ihrem Freund bei, dass sie das Kind eines anderen unter dem Herzen trägt. Die immer drängendere Frage ist auch: Schwangerschaftsabbruch oder nicht. Das Zweifeln, das Grübeln, das Zögern, das Abwägen von Für und Wider; das Wie-sag-ichs-ihm, das Wann-sag-ichs-ihm, das umschreibt Kobler mit Witz und Ernsthaftigkeit zugleich. Allein die Passage, als David und Anna zum Wandern in die Berge gefahren sind, um der Gluthitze der Stadt zu entkommen, ist grandios.

Anna sucht nach dem passenden Moment für die Wahrheit, macht zweideutige Anmerkungen („Und ich wünschte mir, David hätte die gesamte Tragweite meiner Aussagen verstehen können.“), verfehlt die günstige Stille zwischen zwei Sätzen und scheitert unter anderem an der Ignoranz ihres Partners, der vehement voranschreitet, während Anna Mühe hat, ihm zu folgen. Das Bild, dass David ihr fortwährend wegläuft, wird sich wiederholen.

Derweil ist um sie beide herum der touristische Wahnsinn ausgebrochen, wie man ihn sonst an den Mittelmeerstränden findet: Die Hotels verkaufen allerlei Souvenir-Ramsch, Männer und Frauen stapfen im Partnerlook durch die Landschaft und irgendwo sieht man jemanden einen aufgeblasenen Gummi-Flamingo den Berg hochtragen. Die Szenerie bereitet den illustren Bühnenboden für die Beziehung zwischen David und Anna und dem ungeborenen Kind, beschaut wie unter einem Brennglas.

Koblers bildhafter Schreibstil ist außergewöhnlich und verlangt Konzentration beim Lesen. Man sollte die Sätze nicht geflissentlich überfliegen, denn die zuweilen metaphorische Sprache ist Wort für Wort ein wahrer Genuss.

Aufwühlend, zu Herzen gehend, beängstigend

Dieser Roman ist eine Bereicherung für die deutschsprachige Literaturlandschaft! Ja, er ist nicht immer so vergnüglich wie in der Passage mit dem Gummi-Flamingo, meist ist er aufwühlend, zu Herzen gehend, manchmal beängstigend. Er beschreibt eine drohende Klimakatastrophe, vor der wir nach wie vor in der zarten Hoffnung die Augen verschließen, sie möge an der Erde vorbeischrappen wie ein Meteor, der schon verglühen wird. Wie er immer verglüht.

Er beschreibt aber vor allem die sehr persönliche Geschichte einer schwangeren Frau und der Geburt ihres Erstgeborenen unter den äußeren Einflüssen, die – und das mag mal zwischendurch kaum glauben – auch etwas Ermutigendes hat. Diesem Spagat in einem Roman dermaßen kunstfertig gerecht zu werden, ist beeindruckend und zeugt von großem Talent.

Von Seraina Kobler, einst Redakteurin bei Schweizer Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung, werden wir in Zukunft mehr lesen.  Die Journalistin und Autorin, die sich mit einem eigenen Schreibatelier in der Zürcher Altstadt selbstständig gemacht hat, arbeitet bereits an einem neuen Roman. Eine Kriminal-Reihe rund um die Zürcher Seepolizistin Rosa Zambrano soll es werden. Zu einer Zeit, als der See noch nicht ausgetrocknet ist, die Klimakatastrophe aber bereits begonnen hat. Im Jetzt.

Seraina Kobler: Regenschatten, Kommode Verlag, Zürich, 2020, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 18 Euro, ISBN 978-3952501467, Video aus dem Schreibatelier von Seraina Kobler

Seitengang dankt dem Kommode-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Kater – lieber ungewöhnlich

Katzenfreunde allerorten, aufgepasst: Hier kommt Peter! Peter ist ein Kater auf zwei Beinen in dem gleichnamigen bezaubernden Buch der kanadischen Autorin Nadine Robert, ganz und gar wunderbar illustriert von Jean Jullien und hervorragend geeignet zum Vorlesen oder ersten Lesen.

Der kleine Junge Phil sitzt am Frühstückstisch und schmiert sich gerade ein Butterbrot. Es ist Sommer, Blumen stehen auf dem Tisch und das Fenster ist geöffnet. Plötzlich hört Phil von draußen ein klägliches Miauen. Oder wie Helge Schneider es beschreiben würde: „Eine Art Hähen oder Spähen. Ein jämmerliches Hilfegesuch. Nicht schriftlich, sondern richtig.“ Phil öffnet die Haustür und findet eine Kiste mit einem schwarz-weißen Kater darin. Und das Wundersame ist: Peter, der Kater, ist nicht wie jeder andere. Denn Peter kann auf zwei Beinen stehen.

Und so jagt Peter Mäuse nicht auf vier Beinen, sondern zweibeining auf einem Skateboard.  Und er trinkt gerne Tee und nutzt seine Krallen zum Massieren. Und mit Kaugummis weiß er auch was anzufangen. Kurzum: Peter ist alles andere als gewöhnlich. Und der fabelhafte französische Grafiker und Illustrator Jean Jullien (unbedingt seinen Instagram-Account anschauen!) erschafft Peter ein Leben wie kein anderes, während Nadine Roberts Texte die Fantasie beflügeln.

„Peter, Kater auf zwei Beinen“ ist ein wunderbar lebensfreudiges, witziges und kurzweiliges Album für Kinder ab 3 Jahren, das mit wenigen Worten und Bildern viel über Freundschaft erzählt. Und darüber, sich nicht von Stereotypen beeinflussen zu lassen, wenn man einem anderen Lebewesen zum ersten Mal begegnet. Das Buch ist in inzwischen in zahlreichen Ländern erschienen und jetzt endlich auch auf Deutsch erhältlich.

Nadine Robert & Jean Jullien: Peter, Kater auf zwei Beinen, Mairisch Verlag, Hamburg, 2019, 56 Seiten, gebunden, 16 Euro, ISBN 978-3938539569

Im Schloss des leisen Horrors

In der Zeit des ersten Corona-Lockdowns überschlugen sich die Feuilletons förmlich damit, welche Lektüre nun in dieser Zeit die passende sei. „Die Pest“ von Albert Camus vielleicht? Oder „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic? Oder Marlen Haushofers „Die Wand“ und „Die Arena“ von Stephen King? SZ.de fragte sogleich: „Die Pest, Momo oder doch die Bibel?“ und sortierte die Empfehlungen in einem Listicle nach Lesetypen. Nur das (ohnehin stets lesenswerte) Online-Magazin „54books“ ließ Till Raether völlig zurecht die grandiose US-amerikanische Autorin Shirley Jackson empfehlen („Immer im Lockdown – Warum Shirley Jackson die Autorin der Stunde ist“).

Die 1965 verstorbene Shirley Jackson ist eigentlich keine in völliger Vergessenheit dümpelnde Schriftstellerin. Zuletzt lief sehr erfolgreich die Serien-Adaption von Jacksons „Spuk in Hill House („The Haunting of Hill House“) bei Netflix, und im vergangenen Jahr kam, allerdings wohl nicht ganz so erfolgreich, die Verfilmung von Jacksons letztem Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ in die Kinos. Das Buch, auf dem der Film basiert, ist ein literarisches Juwel, an dem man nicht so achtlos vorbeiziehen sollte, denn es begeistert sprachlich, feministisch, gespenstisch und menschlich.

Der Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ erzählt von den Überresten der einst altehrwürdigen Familie Blackwood: Von der 18-jährigen, eigensinnigen und immer noch etwas kindlich-naiven Mary Katherine – von allen nur Merricat genannt -, ihrer älteren Schwester Constance, und ihrem gebrechlichen Onkel Julian. Alle übrigen Familienmitglieder, mit denen die drei einst in dem herrschaftlichen Anwesen zusammenwohnten, sind durch eine eigentümliche Arsenvergiftung dahingerafft worden. Denn eines Tages, man weiß nicht wie, war Arsen im Zuckerdöschen, mit dem die Familie bei Tisch wie immer ihr Dessert versüßte. Merricat war noch vor dem Abendmahl auf ihr Zimmer geschickt worden, Constance nahm keinen Zucker, Onkel Julian nur wenig. So wenig, dass er überlebte. Zwar schwer angeschlagen, aber er lebt. Der Rest: tot.

Grausame Spöttereien auf den Lippen

Dass solch ein plötzliches Ableben fast einer ganzen Familie im nahen Dorf nicht unkommentiert bleibt, ist kaum verwunderlich. Die Volksseele hat die vermeintliche Übeltäterin schnell gefunden: Es kann ja nur Constance Blackwood sein. Kann ja nur! Also schießt man sich auf sie ein. Der Roman beginnt zu der Zeit, in der Constance schon längst nicht mehr das Anwesen verlässt. Nur Merricat geht dann und wann hinunter ins Dorf, um wenige Lebensmittel zu kaufen und aus der Bibliothek neue Bücher auszuleihen. Der Weg hin und zurück ist ein ewiger Spießrutenlauf. Männer und Frauen machen aus ihrem Urteil keinen Hehl, und die Kinder haben grausame Spöttereien auf den Lippen:

Merricat, fragt Connie, willst du einen Tee?
Oh nein, sagt Merricat, darin ist Gift, o weh!
Merricat, fragt Connie, willst du nicht schlafen nun?
Drei Meter tief im Grabe ruhn!

Der Alltag der Familie Blackwood bestimmt sich in ihrer Oase der Zurückgezogenheit ganz nach Routinen. Die festen Strukturen des Tages und der Woche sind für Merricat wahre Kraftgeber und werden fast magisch aufgeladen. Das sind die Tage, an denen sie das Haus putzt und in dem Zustand hält, wie es einst gewesen ist. Ein Psychiater würde darin vermutlich eine Zwangsstörung sehen. Die Tage, an denen sie ins Dorf muss, sind die kraftraubenden, die schlimmen Tage.

Autoritär, aggressiv und einnehmend

Wie sehr die schlimmen Tage in den empfindlichen Alltag einbrechen können, erfährt Merricat, als plötzlich der schneidige Cousin Charles seine Aufwartung macht. Er ist gekommen, um zu bleiben. Autoritär, aggressiv und einnehmend spielt er sich als berechtigter Patriarch auf.

Damit ist die Bühne für den unvermeidlichen Konflikt bereitet, und es bleibt nicht bloß die Frage: wer überlebt? Sondern auch: wem kann der Leser trauen? Sollten wir jedes Wort einer Erzählerin für bare Münze nehmen, die sich in ihrer Freizeit mit Pilztoxikologie beschäftigt und sich hervorragend auskennt? Und die jegliche Grundstücksgrenzen mit Fetischen, Totems und Talismanen markiert, um die restliche Familie zu schützen? Nun …

„Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ ist ein Roman des leisen Horrors, der sich in Zwischentönen auslebt, und an der Oberfläche leicht erzählt scheint. Es ist eine bezaubernde und zugleich beängstigende Geschichte, denn Tod und Unheil reisen ständig mit, und dennoch ist so viel Leben in diesem Roman. Leider sollte es Shirley Jacksons letzter sein.

Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt, Festa Verlag, Leipzig, 2019, 252 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3865527097, Leseprobe