Der wiederentdeckte Gott von Charles Bukowski

Der US-amerikanische Autor John Fante ist heute weitgehend unbekannt. Auch zu seinen Lebzeiten war das nicht anders, obwohl er vier Romane veröffentlichte. Der literarische Ruhm blieb ihm verwehrt. Erst 1980, drei Jahre vor seinem Tod, wurde er schlagartig berühmt. Weil ein Mann öffentlich bekannte: „John Fante war mein Gott.“ Dieser Mann hieß Charles Bukowski.

Bukowski war zu diesem Zeitpunkt bereits das Enfant terrible der US-amerikanischen Literatur, schrieb Romane und Lyrik über die Schattenseite des American Dream, und schockierte seine Leserschaft mit der derben Darstellung von Sexualität und roher Brutalität. Als junger Mann stieß Bukowski in der öffentlichen Bibliothek von Los Angeles auf eine Ausgabe von Fantes Roman „Ask the Dust“ (in Deutschland erschienen unter dem Titel „Ich – Arturo Bandini“), der den jungen Schreiber fortan erheblich inspirieren sollte. Es war wohl eine glückliche Fügung, dass der Fante-Roman Bukowski damals in die Hände fiel, denn mit einer Erstauflage von nur 2.200 Stück war die Chance eher gering, zufällig einem Exemplar zu begegnen.

In den späten Siebzigern stellte Bukowski „Ask the Dust“ schließlich seinem Verleger vor, der in dem ungehobelten Werk einen Klassiker und Fante als grandiosen Schriftsteller erkannte. Er veröffentlichte den Roman in der berühmten „Black Sparrow Press“ neu, und niemand Geringeres als Charles Bukowski verfasste das Vorwort. Darin schrieb er: „John Fante war mein Gott.“ Die Bukowski-Fans wollten nun mehr Fante-Bücher lesen, und die „Black Sparrow Press“ tat ihnen den Gefallen und legte die Romane nach und nach neu auf. Jetzt wurden Fantes Werke international übersetzt und gelesen. Fante selbst hat von dem späten Ruhm kaum noch etwas mitbekommen, er starb am 8. Mai 1983.

Brillant übersetzt von Alex Capus

Auch in Deutschland ist Fante in den Achtzigern gelesen, seitdem aber auch leider wieder weitgehend vergessen worden. Dem tritt nun seit 2016 der Blumenbar-Verlag aus Berlin entgegen und fördert die Wiederentdeckung des Fante-Stoffs mit bisher zwei Veröffentlichungen: Im Jahr 2016 kam „1933 war ein schlimmes Jahr“ heraus, 2017 folgte „Der Weg nach Los Angeles“, beide brillant übersetzt von dem Schweizer Schriftsteller Alex Capus. Die Romane sind nie zu Lebzeiten Fantes erschienen, sondern erfolgreiche Erstveröffentlichungen von Bukowskis „Black Sparrow Press“.

Die interessanteste Entdeckungsgeschichte hat „Der Weg nach Los Angeles“ zu bieten. In seinem aufschlussreichen Nachwort erzählt Alex Capus, wie Fantes Witwe sich bald nach des Autors Ableben an ein Manuskript erinnerte, das seit ungefähr 50 Jahren unter anderen Papieren in einer Schreibtischschublade lag. Unglaublicherweise reichte der Verleger das Manuskript fast unlektoriert und unkorrigiert in die Setzerei weiter – Capus vermutet „aus Respekt vor dem kürzlich verstorbenen Autor“. Die Folge ist ein Roman, der so ungestüm und frech, so roh und ungehobelt bleiben durfte, wie sein Autor ihn 1936 im Alter von 25 Jahren niedergeschrieben hat.

Um kein Schimpfwort verlegen

„Der Weg nach Los Angeles“ erzählt von Fantes Alter Ego Arturo Bandini, einem stolzen Italo-Amerikaner, der sein Herz auf der Zunge trägt und dabei um kein Schimpfwort verlegen ist. Sein Vater ist tot, er allein muss mit seinen 18 Jahren für den Unterhalt seiner Mutter und Schwester sorgen. Doch die Jobs, die es in dem Vorort von Los Angeles gibt, sind nicht so das rechte für einen Mann seines Kalibers, für einen Schriftsteller wie ihn, den großen Romancier Arturo Bandini. Ja, er will Schriftsteller werden, liest Nietzsche, Schopenhauer, Spengler und fühlt sich deutlich zu Höherem berufen. Mit noch sehr jugendlichem Ungestüm wirft er seine Jobs als Bauarbeiter, Tellerwäscher, Beifahrer auf einem Laster und Aushilfe in einem Lebensmittelladen hin.

Schriftsteller werden, davon ist Arturo bald überzeugt, kann man nur in Los Angeles. Der Weg dorthin ist lang wie der nach Tipperary. Dafür braucht es nicht nur schriftstellerisches Geschick, sondern auch eine finanzielle Grundlage – und seine Schwester und Mutter müssen schließlich auch versorgt sein. Doch die Hoffnung und die Aussicht, sich irgendwann aufmachen und seinen Traum verwirklichen zu können, halten ihn aufrecht und helfen ihm, seinen neuen, harten Job in der Fischfabrik durchzuziehen. Fante wird hier mit Arturo Bandini auch zu einem wichtigen Chronisten der amerikanischen Arbeitswelt in den frühen dreißiger Jahren und der Ausbeutung der Arbeiter durch Billiglöhne.

Man liest ihn sich ans Herz

Arturo Bandini erhebt sich über seine Mitmenschen, er ist ein arroganter Fatzke, er schimpft, wütet und prahlt. In seinem Ort wird sein Geist kaum gefüttert, sieht man mal von der öffentlichen Bibliothek ab, in der er dezent-erotische Phantasien für die Bibliothekarin hegt. Abends masturbiert er in seinem Kleiderschrank. Der Leser könnte ihn hassen und das Buch zur Seite legen, aber dieser Arturo Bandini ist so aufrichtig zornig, dass man ihn sich ans Herz liest, wie einst den rebellischen Holden Caulfield in Salingers „Fänger im Roggen“.

Als Fante den Roman „Der Weg nach Los Angeles“ Ende Juli 1936 zu seinem Verleger nach New York schickt, antwortet der nur wenig später, er müsse das Werk „mit großer Enttäuschung“ ablehnen, weil es „einer Publikation unwürdig“ sei. Ein zweiter schrieb: „(…) extrem provokativ… aber leider nicht für uns, fürchte ich.“ Für uns Leser in Deutschland aber hat Alex Capus eine würdige und erfrischende Übersetzung besorgt, und es ist ein wahres Glück, dass der Blumenbar-Verlag diesen Roman als zweiten ins Programm aufgenommen hat. Fante war ein grandioser Erzähler, und es ist wahrlich an der Zeit, dass die deutschen Leser ihn erneut für sich entdecken. „Der Weg nach Los Angeles“ kann der Weg zu Fante sein.

John Fante: Der Weg nach Los Angeles, Blumenbar Verlag, Berlin, 2017, 256 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3351050450, Leseprobe

Seitengang dankt dem Blumenbar-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Im Modder und Zauber von Berlin

Die Mode- und Porträtfotografin Kerstin Ehmer hat sich in Berlin besonders wegen ihrer „Victoria Bar“ einen Namen gemacht. Seit 2001 führt sie mit ihrem Mann diesen Hort für alle Connaisseure der gepflegten und ernsthaften Trinkkultur. Jetzt hat sie ihren ersten Kriminalroman geschrieben. „Endlich!“, möchte man rufen, denn was Ehmer da unter dem Titel „Der weiße Affe“ vorgelegt hat, ist ein wahrlich kluges und raffiniertes Kriminalstück aus der Zeit der Weimarer Republik, sprachlich umwerfend dazu.

Der junge Kommissar Ariel Spiro ist soeben aus dem brandenburgischen Wittenberge nach Berlin gezogen. Noch nicht einmal seinen Koffer kann er auspacken, da ermittelt er schon in seinem ersten Fall in dieser berauschenden Großstadt. Der jüdische Bankier Eduard Fromm liegt mit eingeschlagenem Kopf auf der Stiege im Hinterhaus, kurz vor der Tür seiner Geliebten. Mund offen, Blick starr geradeaus, als habe ihn der Schlag getroffen.

Kurz zuvor hatte er noch seine Hilde besucht. Viermal in der Woche kam er und war der ehemaligen Tänzerin ein Gönner und Geliebter. Hatte ihr nach seinen peniblen Vorstellungen die Wohnung eingerichtet und ein ganz besonderes Schmuckstück als Dauerleihgabe gebracht: einen weißen Porzellan-Affen. Und allzu gern überfraß der Bankier sich an Schweinewürsten, erzählt man sich.

Zeit der nationalsozialistischen Emporkömmlinge

Nicht nur Spiro ist bass erstaunt, sondern auch Fromms Ehefrau Charlotte, eine zartgliedrige Konzertpianistin, sowie die beiden Kinder Ambros und Nike, beide nicht weniger anmutig. Spiro, der sonst immer wieder betont, er sei kein Jude – seine Mutter habe Shakespeare verehrt, Lieblingsstück „Der Sturm“, und Ariel ein Luftgeist – verschweigt das vor der Familie geflissentlich. Es ist die Zeit, wo mit den nationalsozialistischen Emporkömmlingen auch der Antisemitismus erstarkt. Spiro ist kein Antisemit; er erhofft sich mehr Offenheit, wenn die Familie glaubt, auch er sei Jude.

Spiro verfolgt so manche falsche Fährte, die ihn tief in den Morast der zwanziger Jahre der deutschen Hauptstadt bringt, in die Bars und Spelunken, auf die grellen Prachtstraßen und in die finsteren Gassen mit ihrem löcherigen Kopfsteinpflaster. „Diese Stadt ist ein Sumpf“, sagt ihm ein Kollege der Berliner Polizei. „Wo immer Sie hier hintreten, Spiro, da ist Modder.“

Eine Schönheit par excellence

Kerstin Ehmer vermag diesen Modder und Zauber der Großstadt und der damaligen Zeit so grandios einzufangen, dass es eine Freude ist. Trotz düsterem Sujet sind die Worte, ist die Sprache eine Schönheit par excellence. Schon der Duktus führt den Leser in die damalige Zeit. Die Phantasie eines jeden tut ihr übriges.

Die Figuren sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt. Spiros Mitbewohner Jack etwa, den man sich wirklich ans Herz liest, arbeitet in der Bar „La Cocotte“ und nennt einen Hund namens „Erbse“ sein Eigen. Oder die grünäugige Bankierstochter Nike, der Spiro blauäugig verfällt, die Medizin studiert und nebenbei als Sexualtherapeutin im berühmten Hirschfeld-Institut arbeitet. Und dann sei auch noch die rätselhafte Figur erwähnt, der wir in kursiv gesetzter Schrift dann und wann folgen, einem Kind, das unter Drogen gesetzt irgendwo in Berlin in einem Verschlag sein Leben fristet und 14 Jahre keine Schule von innen gesehen hat.

Eine Fährte, eine Fährte!

Dieser Fall, dieser Roman ist spannend gewoben, fürwahr – und man darf nicht mehr erzählen, um nicht Gefahr zu laufen, zu viel zu verraten. Sie wollen wissen, was es mit dem titelgebenden weißen Affen auf sich hat? Eine Fährte, eine Fährte. Wie so viele!

Die Zeit der Goldenen Zwanziger findet seit einigen Jahren wieder zurück in die heutige Kultur. Maßgeblichen Anteil daran hat Volker Kutscher mit seinen Romanen um den Kriminalkommissar Gereon Rath. Ihm folgten etwa eine ebenso lesenswerte Graphic-Novel-Bearbeitung von Arne Jysch sowie die gefeierte Serien-Adaption „Babylon Berlin“. Kerstin Ehmers Krimi sollte man jedoch nicht als kleinen Nachen sehen, der im Fahrwasser von Kutschers Romanen im Landwehrkanal dümpelt. „Der weiße Affe“ schlägt seine ganz eigenen Wellen. So sehr, dass wir am Ende nur hoffen und bitten, dass Ariel Spiro zurückkommen möge und „Der weiße Affe“ der phänomenale Auftakt einer neuen Krimi-Reihe ist. Darauf einen Charleston!

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2017, 280 Seiten, broschiert, 17 Euro, ISBN 978-3865325846, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Frankenstein, der unsterbliche Mythos

Einen der bedeutendsten und grandiosesten Schauerromane der Weltliteratur haben wir dem verregneten Sommer 1816 zu verdanken. Weil in Genf kein Nachtleben möglich war, versammelte sich eines Abends eine illustre Runde britischer Touristen um ein loderndes Holzfeuer und erzählte sich Gruselgeschichten. Unter den Gästen befand sich auch die damals 18-jährige Mary Godwin. Eineinhalb Jahre später, sie hatte mittlerweile Percey Shelley geheiratet, erschien ihr Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.

Zum 200. Geburtstag des Wissenschaftlers Frankenstein und seines berühmt gewordenen Monsters in Menschengestalt hat jetzt der britische Historiker Christopher Frayling, eine anerkannte Instanz in Sachen Schauerliteratur und Horrorfilmen, eine fantastische Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte sowie der Auswirkungen des Romans auf die populäre Kultur verfasst.

Mary Godwin verbrachte den Sommer 1816 mit ihrem zukünftigen Ehemann Percy Shelley und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont bei dem englischen Dichter Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori in der Schweiz. Lord Byron hatte in Cologny am Genfersee, rund zwei Meilen von Genf entfernt, die Villa Diodati gemietet, von der man einen herrlichen Blick über die Ostküste des Sees gehabt hätte – wenn das Wetter nicht so schlecht gewesen wäre.

Das Jahr ohne Sommer

Das Jahr 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Verursacht wurde es durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815, der mehr Staub in die Atmosphäre schleuderte als jeder andere Ausbruch eines Vulkans zuvor. Dieser Sommer war ausgesprochen kalt, regnerisch und stürmisch, und die Reisenden waren meist im Haus gefangen. Die ummauerte Stadt Genf schloss ihre Tore pünktlich um 10 Uhr abends und „keine Bestechung (wie in Frankreich) kann sie öffnen“, schrieb Mary Godwin in ihr Notizbuch.

Wie also sollte man sich die Zeit vertreiben? Die Freunde trafen sich des Abends am Kamin, philosophierten und stritten über wissenschaftliche Errungenschaften der damaligen Zeit oder lasen sich gegenseitig Gespenstermärchen vor. Eines Abends kam Lord Byron auf die Idee, jeder aus der Runde solle eine eigene Geschichte erzählen. Dr. Polidori sorgte mit seiner Erzählung „Der Vampyr“ für allerlei Schrecken in der Runde, noch bevor Bram Stoker sich „Dracula“ ausdenken konnte.

Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches

Und Mary Godwin, mit ihren zarten 18 Jahren bereits eine sehr belesene junge Frau, schockierte die Schicksalsgemeinschaft mit ihrer Erzählung über die Erschaffung eines künstlichen Menschen. Mit Unterstützung ihres Mannes Percy Shelley brachte Mary am Neujahrstag des Jahres 1818 schließlich den Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ heraus, in einer Auflage von 500 Exemplaren und ohne Namensnennung der Autorin. Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches, dabei war das Sujet durchaus modern zu jener Zeit.

Anfang des 19. Jahrhundert hatte das Zeitalter der Elektrizität begonnen. Die erste Batterie war erfunden (die sogenannte Voltasäule), Wissenschaftler wie Luigi Galvani forschten mit Froschschenkeln an Muskelkontraktionen durch elektrischen Strom, und der Schweizer Uhrmacher Pierre Jaquet-Droz und sein Sohn Henri-Louis verblüfften die Öffentlichkeit mit ihren automatischen Figuren, die schreiben, Klavier spielen sowie Augen und Kopf bewegen konnten.

In „Frankenstein – Die ersten zweihundert Jahre“ ordnet Christopher Frayling die Entstehungsgeschichte von „Frankenstein“ in den historisch-wissenschaftlichen Kontext ein, legt dar, welche Bücher Mary Shelley gelesen hat, mit welchen Wissenschaftlern sie sich beschäftigte und zeigt anschaulich den heutigen Stand der Literaturforschung über den Ursprung von Mary Shelleys „Frankenstein“. Faszinierend dabei ist auch der Faksimile-Nachdruck der frühesten bekannten Manuskriptversion der Schöpfungsszene.

Frankenstein kommt ins Kino

Aber „Frankenstein“ ist nicht nur eine Weltliteratur gewordene Schauergeschichte, „Frankenstein“ wurde zu einem Mythos und nahm schon bald den Weg in die populäre Kultur. 1823 wurde der Stoff erstmalig fürs Theater adaptiert, wo Mary Shelley diese Bearbeitung auch gesehen haben soll. Im Jahr 1910 dann die erste filmische Bearbeitung der „Edison Studios“, bevor 1931 „Frankenstein“ mit Boris Karloff in der Rolle des Monsters in die Kinos kam. Maskenbildner Jack Pierce brauchte damals täglich zwischen vier und sechs Stunden, um aus dem Schauspieler das Ungeheuer zu machen, mit dessen Äußerem jahrzehntelang jeder Frankensteins Monster verband oder bis heute verbindet.

Auch in diesem Teil des großformatigen Bandes von Christopher Frayling bleibt die Lektüre erhellend, was wohl auch daran liegt, dass Frayling ein wahrer Horrorfilm-Fan ist. In seinem Nachwort schreibt er, dass er „verspätet“ jenem unbekannten Mitarbeiter im „Plaza Cinema“ in London dankt, der ihn als 11-Jährigen in eine Vorstellung des erst ab 18 Jahren freigegebenen Films „Frankensteins Rache“ schlüpfen ließ und „unwissentlich einen tiefen Samen gepflanzt hat“.

Inbegriff der Grenzüberschreitung

Frayling zeigt im umfangreichen Bildteil des Buches die visuelle Entwicklung und ständige Neubelebung des Frankenstein-Themas in zahlreichen Filmen, Comics, Theaterstücken, Musicals, TV-Serien, Werbeplakaten, Briefmarken und Plastikspielzeug. Frankenstein ist allgegenwärtig und thematisch aktuell wie eh und je: Er bleibt der Inbegriff der Grenzüberschreitung, die Wissenschaftler stetig anstreben – ohne dass sie auch immer erstrebenswert scheint. Oder wie Frayling selbst umreißt: „Der wahre Schöpfungsmythos der Neuzeit (…) ist nicht mehr Adam und Eva im Garten Eden“, der „wahre Schöpfungsmythos ist ‚Frankenstein'“.

Der reich illustrierte Band ist ein ausgezeichneter Start in das Frankenstein-Jubiläumsjahr, dem neben Neuveröffentlichungen des Romans weitere Bücher, Filme und andere Produkte folgen werden. Christopher Frayling gelingt es hervorragend, erzählerisch mitreißend und dabei ohne akademisch-trockenen Ton ein kulturelles Phänomen von der stürmisch-elektrischen Geburtsstunde bis heute darzustellen. Mehr geht kaum.

Christopher Frayling: Frankenstein – The First Two Hundred Years, Reel Art Press, London, 2017, 208 Seiten, gebunden, 39,95 Euro, ISBN 978-1909526464 (englischsprachige Ausgabe)

Die deutschsprachige Ausgabe (ISBN 978-3981889017) erscheint voraussichtlich im August 2018, ebenfalls im Verlag Reel Art Press.

Seitengang dankt dem Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Luftballon-Sprache im Abendkleid

Im Suhrkamp-Verlag erscheint seit 2017 eine siebenbändige bibliophile Sonderausgabe von Büchern, die ihresgleichen sucht: die „Edition Suhrkamp Letterpress“. Die ersten drei Bücher sind bereits vergriffen, die nächsten und damit vorerst letzten vier kommen im März auf den Markt. Sie alle eint ein besonderer Reiz: jeder Einband wurde von einem Designer neu gestaltet, jedes Werk von renommierten Typografen neu gesetzt und dann im Buchdruckverfahren auf einer alten Zylinderpresse gedruckt. Was für eine Prachtidee!

Unter den ersten veröffentlichten Büchern (Walter Benjamins „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ sowie Thomas Bernhards „Watten: Ein Nachlaß“) befindet sich auch der erste und einzige Gedichtband der US-amerikanischen Dichterin Sylvia Plath, der schon zu ihren Lebzeiten erschienen ist: „Der Koloss“. Im Suhrkamp-Verlag war im August 2013, mehr als 50 Jahre nach dem Freitod Plaths, die erste deutsche Übersetzung des „Koloss“ erschienen, die große Beachtung fand. Die Schriftstellerin Judith Zander hatte die Gedichte behutsam ins Deutsche übertragen und ihre Frische und Sprachgenialität bewahrt. Nicht umsonst sagte John Updike über Plath, sie sei die „beste, aufregendste und maßgeblich rücksichtsloseste Dichterin ihrer Generation“. In ihren Gedichten beschäftigte sie sich nicht nur zeitkritisch mit den gesellschaftlichen Zwängen der Frau, sondern auch mit problembehafteten Beziehungen, Depressionen, dem frühen Tod des Vaters, Suizidgedanken und mit der Natur.

Mit der Wiederveröffentlichung in der Letterpress hat die zweisprachige „Koloss“-Ausgabe eine Aufwertung erfahren. Die Letterpress ist ein verlegerisches Konzept, dessen Idee ursprünglich durch ein Gespräch zwischen Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe und dem legendären Typographiker Erik Spiekermann entstanden ist: „Wir haben darüber geredet, wie es sich mit dem Buch verhält heutzutage, dass die Leute nicht mehr wissen, dass an einem Buch mehr Menschen beteiligt sind als der Autor und der Drucker“, erklärt Spiekermann im Trailer zum Projekt. Und das Ergebnis dieser Unterredung? Eine Gruppe von sieben deutschen Grafikdesignern (die sogenannte „Süpergrüp“), die zu den einflussreichsten ihrer Generation gehören, hat sieben ausgewählte Werke des 20. Jahrhunderts neu gestaltet und gesetzt. Anschließend werden die Bücher von digital belichteten Platten im Buchdruckverfahren auf einem Original Heidelberger Zylinder aus dem Jahr 1965 gedruckt.

Ein schwebender Stein-Luftballon

Die mehrfach ausgezeichnete Grafikdesignerin Sarah Illenberger war verantwortlich für die äußere Gestaltung des Plath-Bandes. Sie hat nach eigenen Angaben versucht, ein Bild zu kreieren, das in seiner Symbolik Plaths ganzes Werk und Schaffen umschreibt. Entstanden ist ein schwebender Luftballon in Form eines Steins, der nun den Buchdeckel ziert – der Stein für die schweren Themen, denen Plath sich widmet, der Luftballon für die leichte Sprache, die sie in ihren Gedichten verwendet.
Die kongeniale innere Gestaltung und den Satz des Gedichtbandes wiederum hat – wie bei allen anderen Bänden auch – Erik Spiekermann mit dem Typografen und Schriftforscher Ferdinand Ulrich besorgt.

Insgesamt sind die Bücher der Letterpress kleine Kunstwerke, wie man sie nur noch selten in der Hand halten darf. Der Buchblock ist ein anfangs starres Stück, das man sich erst gefügig lesen muss. Die Schrift ist durch den Buchdruck tiefschwarz und nicht blassschwarz wie im herkömmlichen Offset-Druckverfahren. Das 120 g/m² schwere Papier schmeichelt den Fingern beim Umblättern, das ebenfalls tiefschwarze Lesebändchen hilft bei der Orientierung.

Zwischen 40 und 50 Euro kostet ein Buch

So viel Handwerkskunst hat ihren Preis. Zwischen 40 und 50 Euro kostet ein Buch der Letterpress. Jedes Werk ist allerdings auch exklusiv limitiert auf 1.000 Exemplare, jedes Buch einzeln nummeriert. Da verwundert es nicht, dass die im September erschienenen Bücher beim Verlag bereits restlos vergriffen sind. Wer dennoch Interesse hat, grast regelmäßig die Antiquariate ab oder hat noch Glück beim Buchhändler seines Vertrauens.

Voraussichtlich am 12. März werden die nächsten und vorerst letzten vier Bücher in der Letterpress erscheinen: Bertolt Brechts „Leben des Galilei“, Max Frischs „Montauk“, Raymond Queneaus „Stilübungen“ sowie Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“.

Warum man so viel Geld für ein Buch ausgeben sollte? Weil es das wert ist. Weil es ein Buch ist. Weil es keine Massenware ist. Weil es das Herz wärmt. Weil es besonders gestaltet ist. Weil man nicht nur die Ware bezahlt, sondern die Arbeit jedes einzelnen, der daran mitgewirkt hat. Weil alle Sinne genießen. Weil es ein Buch ist, wie ein Buch sein sollte: Mit Liebe gemacht.

Sylvia Plath: Der Koloss, Suhrkamp Letterpress, Berlin, 2017, 160 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, auf 1.000 Exemplare limitiert, einzeln nummeriert, 44 Euro, ISBN 978-3518427491 (vergriffen)

Es war einmal – verschollen

Es ist wieder diese Zeit angebrochen, in der sich manch Familie in der Stube um den großen Ohrensessel sammelt, und jemand aus ihrer Mitte aus alten Büchern vorliest. Währenddessen prasselt ein Feuer im Kamin, und draußen ist es unwirtlich, stürmisch und kalt. In der Anderen Bibliothek sind jetzt die „Verschollenen Märchen“ von Johann Wilhelm Wolf in einem feinen Extradruck erschienen, die sich vortrefflich für solche Stunden eignen. Zum Lesen und Vorlesen – ein wahrlich hinreißender Genuss!

Märchen sind im deutschsprachigen Raum vornehmlich mit den Brüdern Grimm verbunden. Deren berühmte Sammlung der „Kinder- und Hausmärchen“ dürfte in vielen Bücherregalen zu finden sein. Als Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert schon die ersten Auflagen unters Volk gebracht hatten, machte sich in Hessen auch ein bis heute weitgehend unbekannt gebliebener Mann namens Johann Wilhelm Wolf auf, um seinerseits Erzählungen von gar wundersamen Begebenheiten zu sammeln.

„In Darmstadt war nichts zu gewinnen“

„In unserem Wohnort Darmstadt war natürlich (…) nichts zu gewinnen, darum zogen wir in den Odenwald, um dort in der noch weniger von der sogenannten ‚Aufklärung‘ und dem ‚Fortschritt‘ angesteckten Bevölkerung die frisch duftenden Blüthen zu lesen“, schreibt Wolf in seiner Vorrede.

Das Material für seine „Deutschen Hausmärchen“ trug er mit seinem Schwager, dem in Darmstadt stationierten Lieutenant und Millitärschriftsteller Wilhelm von Ploennies, Sohn der Dichterin Luise von Ploennies, zusammen. Sie befragten die Soldaten der Kompanie, besuchten die Spinnstuben des Odenwaldes und die Wirtshäuser an der Bergstraße. Und allerorten erzählten die Menschen ihnen ihre Geschichten. Darunter die „von einem Pfarrer, der zu kräftig predigte“, von der „Schlange im brennenden Wald“, den „13 verwünschten Prinzessinnen“, „von der schönen Schwanenjungfer“ sowie jene über „die eisernen Stiefel“. Die beiden letzten lobt Wolf in seiner Vorrede als „zwei der schönsten Märchen“.

Puff! Aus der Traum!

Die Geschichte von der Schwanenjungfer, ausgearbeitet von Wilhelm von Ploennies, erzählt von einem jungen Jägerburschen, dem auf der Pirsch eine „wunderherrliche Jungfrau“ begegnet, die ihr Leben jedoch als Schwan fristen muss. Um sie zu erlösen, soll der Jäger jeden Sonntag ein Vaterunser für sie beten und nie wieder von ihrer Schönheit sprechen. Das alles gelingt ihm recht prächtig, bis er die Prinzessin von Frankreich heiraten soll – und die Ehre einem anderen Mann zubilligt.

Da wünscht der König zu erfahren, warum der Jäger seine Tochter verschmäht. Und der erzählt kurzerhand von seiner Braut, die noch tausendmal schöner sei als die Prinzessin. Puff! Aus der Traum! Um die Schwanenjungfer dennoch zu erlösen, muss der liebestolle Jäger jetzt noch viel härtere Prüfungen überstehen und seine Braut auf dem gläsernen Berg und in der finsteren Welt suchen gehen. Er macht Bekanntschaft mit den Klauen des Vogels Greif und erleidet während dreier Nächte manche schauderliche Pein.

Gelebte Wortschatzpflege

Die Andere Bibliothek hat die Märchensammlung glücklicherweise nicht in den Duktus der Jetztzeit übertragen, wie viele Verlage derzeit Klassiker neu zu beleben versuchen, sondern sie im Urzustand belassen. Wir können also Wörter lesen, die der „Verein deutsche Sprache“ (früher: „Verein zur Rettung der deutschen Sprache“) vermutlich schon auf die Rote Liste gesetzt hat. Dieses Märchenlesen ist also auch gelebte Wortschatzpflege.

Dazu hat der Verlag das Buch gewohnt bibliophil editiert. Ein bezaubernd gestalteter Leineneinband schmeichelt der Hand, die ihn hält, und den Augen, die ihn betrachten. Schon hier begegnen wir dem ersten Schwan. Er trägt die Krone, die wir auch über dem Titel jedes Märchens wieder aufgegriffen sehen. Und mit dem farblich passenden Lesebändchen findet der Vorleser gleich zur zuletzt vorgetragenen Seite zurück.

Gestaltet hat das alles die Berliner Typografin Manja Hellpap, die für die Andere Bibliothek bereits mehrere Werke bearbeitet hat. Darunter findet sich unter anderem Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“. Bereits 1988 hatte der Verlag die „Verschollenen Märchen“ als limitierte Ausgabe und im Schuber veröffentlicht. Da die Ausgabe jedoch inzwischen vergriffen ist, war es an der Zeit, dass Wolfs Märchen erneut gedruckt wurden. Solche Sprache, solch ein Schatz darf nicht verschollen sein!

Johann Wilhelm Wolf: Verschollene Märchen, Die Andere Bibliothek, Berlin, 2016, 348 Seiten, gebunden, Lesebändchen, 16 Euro, ISBN 978-3847740322