Verehrt, verfolgt und fast vergessen

Vor rund 115 Jahren wurde in Dawideny im österreichischen Kronland Bukowina einer der bekanntesten deutschsprachigen Tenöre der 1930er Jahre geboren. Jetzt holt der Essener Autor Stefan Sprang den fast in Vergessenheit geratenen jüdischen Sänger und Filmstar Joseph Schmidt mit seinem hervorragend recherchierten und ergreifenden Roman „Ein Lied in allen Dingen“ wieder zurück ins Licht. Wahrlich war es Zeit für eine Wiederentdeckung!

Die Menschen schreiben den 9. Mai 1933, und Joseph Schmidt ist 29 Jahre alt. Es ist ein Dienstag, und mehr als 2.000 Menschen versammeln sich am Abend im Ufa-Palast am Zoo in Berlin. Gegeben wird die Uraufführung des Tonfilms „Ein Lied geht um die Welt“. Alle sind sie gekommen, die Stars und Sternchen, darunter natürlich die Hauptdarsteller Charlotte Ander und Viktor de Kowa sowie der Regisseur Richard Oswald. Nur einer fehlt: Joseph Schmidt. „Machen ’se sich ma‘ schleunigst auf den Weg. Die Leute wollen Sie sehen. Dit brodelt hier, dit is‘ der reinste Hexenkessel. Die reißen mir sonst dit Kino ab, hören‘ Se! Zeigen Se‘ sich“, schallt es aus dem Telefon. Joseph Schmidt muss hin, dabei wollte er dem Spektakel fern bleiben. Nicht weil er den Rummel um seine Person nicht schätzt, sondern weil sich NS-Propagandaminister Joseph „Die Kaulquappe“ Goebbels angesagt hat.

In Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen

„Den meisten war eh piepegal, dass er tausend Kilometer von hier entfernt als Jude geboren war. Er hieß doch Schmidt. Schmidt wie bestimmt eine Million guter Deutscher zwischen Schleswig und Sonthofen.“ Doch in Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen, in dem Juden verfolgt, deportiert und später auch in schier unfasslich großer Zahl vergast werden. Goebbels‘ Besuch und seine Bravo-Rufe sind nichts als eine Farce. Und trotzdem: Um den Herrn Minister nicht zu brüskieren, muss Joseph Schmidt auch am festlichen Essen im Savoy teilnehmen. Dort kommt es zum Austausch der beiden Josephs: dem Juden und dem Judenhasser.

Wie mag dieses Gespräch verlaufen sein? Worüber haben die beiden Männer sich unterhalten? Es gibt kein Protokoll davon, keine Primärliteratur, nur die Gewissheit, dass es stattgefunden hat. Stefan Sprang erschließt sich in seinem Roman eine Version, wie es hätte sein können. Ein gegenseitiges Taxieren mit Blicken, Worten, Höflichkeiten, während beide wissen, dass der eine der Wolf und der andere der Gejagte ist. Der eine will größtmögliche Propaganda, der andere will überleben.

Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden

Am nächsten Abend brennen in Berlin die Bücher. Anwesend auch hier: Joseph Goebbels. Joseph Schmidt dagegen flüchtet vor den Nationalsozialisten ins geliebte Wien. Jetzt ist der weltweit berühmte Sänger ein Flüchtling, und er wird es den Rest seines kurzen Lebens bleiben. Stefan Sprang beginnt seinen Roman mit einem der vielen Fluchtmomente von Joseph Schmidt. Es ist eine seiner letzten, die Flucht von Südfrankreich in die Schweiz, mit dem Judenschlepper in kalten Nächten heimlich über die Grenze. „Endlich denen entkommen, die Böses gut und Gutes böse nennen“, schreibt Sprang und zitiert damit aus dem Alten Testament. Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden. Sprang findet dafür Worte, die einfach scheinen, oft in Hauptsätzen daherkommen, aber so wirkungsvoll das Kopfkino in Gang setzen.

Nicht nur in diesen Passagen, sondern im gesamten Roman trifft Sprang den Sprachduktus der damaligen Zeit perfekt. Der als freier Hörfunkredakteur arbeitende Autor hat für sein Buch kaum Sachbücher gelesen, schreibt er in den Nachbemerkungen. Stattdessen: „Literatur, Literatur, Literatur.“ Christopher Isherwood, Ernö Szép, Manès Sperber, Anna Seghers, Alfred Döblin, Vicki Baum und immer wieder Joseph Roth. „Dieser Roman ist damit auch ein Ehrerweis. Für die vielen herausragenden Autorinnen und Autoren der 20er, 30er und 40er Jahre“, schreibt er.

Vor allem aber ist der Roman eine detailverliebte, tiefe Verneigung vor der lyrischen Sangeskunst und dem Leben von Joseph Schmidt, der zu seiner Höchstzeit dermaßen erfolgreich war, dass er etwa 1936 in den Niederlanden ein Open-Air-Konzert vor mehr als 100.000 Menschen gab und 1937 in der Carnegie Hall in New York auftrat. Sprang zeigt ihn auch als humorvollen, fröhlichen und charmanten Mann, der trotz seiner geringen Körpergröße von nur 1,54 Metern eine große Anziehungskraft auf Frauen ausübte.

„Zu Tränen gerührt, selbst beim simpelsten Schlager“

Wohl niemals aber wäre dieser Roman erschienen, wäre Stefan Sprang als Student nicht innerhalb Berlins umgezogen. Denn in der neuen und vom Vormieter wohl überhastet verlassenen Wohnung findet er neben allerlei Krempel eine Doppel-LP mit Liedern und Arien von Joseph Schmidt. Auf dem nächstbesten Schallplattenspieler aufgelegt, ist dies der „magische Funke: Eine unerhörte Stimme, der Gesang eines Mannes, wie ich ihn noch nie erlebt hatte – ergreifend von der ersten Note an, dass man eine Gänsehaut bekam und zu Tränen gerührt war, selbst beim simpelsten Schlager.“

Als die Nadel auf die A-Seite der Schallplatte aufsetzt und das leise Knacken vom Staub in der Rille dem Sänger namens Joseph Schmidt Platz macht, hört der 25-jährige Student zum ersten Mal das Lied „Heut‘ ist der schönste Tag in meinem Leben“, aufgenommen im September 1935 in Wien:

Sprang liest auf der Plattenhülle von Schmidts Schicksal, und schnell ist ihm klar: „Ich will – ich muss – über diesen so besonderen Menschen schreiben.“ Doch Sprang schreibt erst anderes: Kurzgeschichten, einen Jazz-Roman und einen Hörspiel-Monolog, der 2018 vom Theater Essen-Süd kongenial für die Bühne adaptiert wird. Und jetzt also endlich „den Schmidt“.

Es ist eine Freude, ihn zu lesen, wenngleich das Los, das Joseph Schmidt gezogen hat, ein fuchtbares ist. In der neutralen Schweiz, seinem letzten Zufluchtsort vor den immer näher rückenden Nationalsozialisten, stirbt er mitten im Zweiten Weltkrieg mit nur 38 Jahren. Nur zwei Tage später hätte er Asyl bekommen und wieder auftreten dürfen.

Stefan Sprang: Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt, Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2019, 318 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3957712387

Was Frauen nicht wollen

Wer den Erzählband „Ihr Körper und andere Teilhaber“ der US-amerikanischen Autorin Carmen Maria Machado gelesen hat, bleibt mit Gefühlen von Leere, Wut, Beschämen, aber vor allem mit Ratlosigkeit zurück. Denn allen Geschichten ist gemein, dass es im Grunde keine (Er-)Lösung, keine Antwort gibt, nur ein alles beherrschendes Thema: Die oft erschreckende Lebensrealität von Frauen und welches Leid sie und ihre Körper erfahren müssen.

In den acht Geschichten geht es schlichtweg um Macht und das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. In „Der Extrastich“ muss sich eine Frau ihres übergriffigen Mannes erwehren, der nicht akzeptieren will, dass er das seltsame, grüne Band, das sie um ihren Hals trägt, nicht lösen darf. Eine andere Frau, Opfer eines gewalttätigen Übergriffs, stellt fest, dass sie die Gedanken von Schauspielern in Pornofilmen hören kann. Andere verblassen oder lassen sich in ihre Ballkleider einnähen. Eine Frau muss im Wochenbett mit anhören, wie ihr Mann den Arzt fragt, ob der die Vagina seiner Frau nach dem Dammriss nicht noch enger zunähen könne.

Das Buch erschien in den USA Ende 2017; wenige Tage später kamen die Vorwürfe gegen Harry Weinstein ans Licht, er habe zahlreiche Frauen vergewaltigt oder sexuell belästigt. Es folgte die MeToo-Bewegung, und Machados literarisches Debüt erschien als mehr als treffsicherer Kommentar zu den Diskussionen. Den Erfolg ihres Buches nur darauf zu reduzieren, würde aber die hohe literarische Qualität verleugnen. Die New York Times setzte „Ihr Körper und andere Teilhaber“ im Jahr 2018 auf die Liste von „15 bemerkenswerten Büchern von Frauen, die im 21. Jahrhundert die Art und Weise, wie wir Fiktion lesen und schreiben, prägen“.

Bemerkenswert – diese vorsichtig zum Lob anstimmende Meinung werden viele Leser unterschreiben können. Auch jene, die von den allzu phantasiereichen Darstellungen verwirrt oder abgestoßen sind. Manchenorts erinnert Machado an Melissa Broder und ihren ersten märchenhaften Roman „Fische“ (zur Rezension). Dann und wann ist „Ihr Körper und andere Teilhaber“ verstörend oder voller Horror, aber fast immer ist dieses Buch einfach nur brillant und originell. Wie sie über das (teilweise queere) Lieben und Leben mit Männern und Frauen schreibt, über Sex und Verlangen, Körper und Brutalität, ist sonderbar, bizarr, immer sehr deutlich und ohne falsche Scheu, aber auch oft herzerwärmend.

Dem Band ist ein Zitat der Poetin Elisabeth Hewer vorangestellt, das gleich zu Beginn deutlich macht, was hier zu erwarten ist: „Gott hätte Frauen zu Gifttieren machen sollen, als er aus Männern Monster machte.“ Machados Erzählband ist ein erschreckender Erlebnispark, aus dem es kein Entrinnen gibt, denn auch die Jobs der Karussellbremser sind hier allesamt mit Männern besetzt, die einem leise Angst machen und die Kehle zuschnüren.

Machado hat in den USA viel Aufmerksamkeit erregt, und sie hat noch so viel mehr davon auch in anderen Ländern verdient. Offen und mutig für den Feminismus eintretend, so sind die literarischen Stimmen, die diese Welt für Frauen positiv verändern können. Machados ist darunter eine der lautesten und beeindruckendsten.

Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber, Tropen Verlag, Stuttgart, 2019, 300 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3608503975, Leseprobe

Diese Rolle spielt Design und Architektur im Iran

Wer in den Niederlanden abends durch die Straßen flaniert, kann meist einen unverstellten Blick auf das Interieur werfen. Designmöbel oder Eiche brutal, Raufasertapete, Stuckdecke oder Wischtechnik in der Trendfarbe Macchiato – vor allem Design- und Architekturfreunde genießen solche Einblicke. Aber wie leben Menschen in Ländern abseits der westlichen Standards? Die Münchnerin Lena Späth zeigt in „Beyond Curtains“ selten Gesehenes: fantastisch designte Häuser in einem modernen Iran.

Lena Späth ist studierte Orientalistin und reist im Herbst 2008 zum ersten Mal nach Teheran, um dort für fünf Monate Farsi zu lernen. Als sie zurück nach Deutschland kommt, hat sie Unmengen an Büchern und Handarbeiten im Gepäck, aber auch ihr Herz an einen Iraner verloren. „Durch ihn, seine Freunde, Musik, Lieblingsgedichte und -bücher, Familie, Kaffeeläden, seinen Slang und seine Geschichten traf ich den wirklichen Iran“, schreibt sie in ihrem Vorwort. Seitdem ist sie immer wieder in den Iran geflogen, um Teheran-Luft zu schnuppern und durch das „Freilichtmuseum der Jahrtausende zu reisen“ und die „Kontraste zwischen den liberalen und traditionellen Iranern zu erleben“.

Diese Kontraste finden sich auch in der iranischen Innenarchitektur. Viele Fotos zeigen, wie sehr das Traditionelle als kulturelles Erbe erhalten wird und zugleich Geschichte und Modernität kunstvoll miteinander kombiniert werden. Eines der besten Beispiele dafür ist das Hotel Manouchehri in der Wüstenstadt Kashan, rund drei Stunden südlich von Teheran. Der Hoteleigentümer, ein begeisterter Sammler iranischer Kunst und Textilien, hat ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Kaufmannshaus restauriert. Wir sehen den üblichen Portikus, dazu wunderbare Muster in den Schlamm- und Ziegelmauern sowie farbenfrohe Glasfenster und einen fetten Kronleuchter in der Lobby. Dazu hat der Innenarchitekt Shahnaz Nader minimalistische Möbel in klaren Farben arrangiert.

Savoir-vivre im Iran

Oder die Villa Shomal, ein 1992 entstandenes Gebäude, das 2016 umfangreich renoviert und modernisiert wurde. Designer Ali Ravanpak, ein ambitionierter Koch, baute, für Iraner völlig irrwitzig, die Küche in die Mitte des Wohnbereichs. An der Terrasse laden weiße und orange Kissen zum Verweilen am Pool ein. Und obwohl die Villa den Chic der westlichen Welt einfängt, behält sie doch den Charme der persischen. Fenster, die an Schießscharten erinnern, schützen den privaten Raum vor allzu neugierigen Blicken von außen. Grandios und gemütlich einladend: die halbrunde Couch rund um den Kamin und den freien Blick auf die Küche. Savoir-vivre im Iran.

Dass diese Art der Inneneinrichtung nicht repräsentativ ist für alle Schichten, macht Späth im Vorwort deutlich. Auch im Iran sind Design und Innenarchitektur eher Themen für die Familien der Mittel- und Oberschicht. Trotzdem ist „Behind Curtains“ kein bloßes Schaubild von den Hütten und Palästen der Reichen und Etablierten, sondern eine anschauliche Einführung, wie hinter alten, bisher verschlossenen Mauern trotz Tradition die Moderne Einzug hält.

Vom Eigenverlag zur Buchrolle

Lena Späth hat ihre Arbeit im Jahr 2017 als „Behind Closed Curtains“ im Eigenverlag herausgegeben. Wenig später erscheint es als „Beyond Curtains“ auch im Berliner Buchrollen-Verlag „Round not Square“, wo neben einigen herausragenden Foto- und Kunstbücher(-rollen) auch das zauberhafte Kindermärchen „Wilma und Wolf“ oder die Graphic Novel „Shipwreck“ erschienen sind.

Der Verlag revolutioniert seit einigen Jahren den Buchmarkt, indem er Bücher als handgebundene Buchrollen auf den Markt bringt. Für „Beyond Curtains“ bedeutet das, sich den Worten und Fotos auf besonders intensive Weise widmen zu können. Ein schnelles Durchblättern ist hier unmöglich. Stattdessen beschäftigt sich der Leser und Beschauer beim Aus- und Einrollen ganz bewusst mit dem Entdecken von hoch- oder querformatigen, kleinen oder ausladenden Fotos. Die rund 15 Meter lange Schriftrolle schafft eine fast endlos scheinende Fläche der Möglichkeiten.

Lena Späth schreibt, sie habe bei ihrer Arbeit ein ultimatives Ziel gehabt: „Nicht nur jedem den Blick hinter die Vorhänge zu erlauben, sondern auch über die eigene Nasenspitze hinaus.“ Wir haben nur diese eine Welt – raffen, ach was: rollen (!) wir die Vorhänge beiseite und schauen sie uns an!

Lena Späth: Beyond Curtains, Round not Square, Berlin, 2017, 15 Meter lang, 20 Zentimeter hoch, handgebunden in Buchleinen mit eingebetteten Magneten, 50 Euro, bestellbar über den Onlineshop des Verlags, Video, Webseite von Lena Späth

Seitengang dankt dem Verlag „Round not Square“ für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Lebst du schon, oder existierst du noch?

Den ersten Spatenstich gab’s bereits im September 2015 im Internet. Die 1972 geborene Comic-Autorin und Cartoonistin Katharina Greve zeichnete seitdem online Woche für Woche jeweils eine Etage eines Hochhauses, bis sie im September 2017 das Dachgeschoss fertig hatte. Inzwischen hat der Webcomic es in die Welt der Bücher und Buchrollen geschafft. Das farbig illustrierte „Hochhaus“ dokumentiert schonungslos mit Witz und manchmal fiesem Humor das Leben unterschiedlichster Menschen in einem Wolkenkratzer.

Im Kellergeschoss beginnt die Reise quer durch alle Wohnungen mit einem Blick in eine Ehe, in der die Partner das Liebenswürdige aneinander schon lange aus den Augen verloren zu haben scheinen. Loriot und Ekel Alfred hätten diese Szene nicht besser beschreiben können: Ein Mann kramt in einer Umzugskiste, die wahrscheinlich schon lange kein Tageslicht mehr gesehen hat. Seine Frau leuchtet ihm mit der Taschenlampe – funktionierendes Kellerlicht scheint es nicht zu geben. „Wie schon Goethe sagte: ‚Mehr Licht!‘ – blöde Kuh!“, herrscht er seine Frau bildungsbürgerlich an. Die denkt im „Morgen bring‘ ich ihn um, morgen bring‘ ich ihn um“-Mantra der genervten Ehefrau vor sich hin: „Wenn ich ihn jetzt umbringe, wären sogar seine letzten Worte abgedroschen.“

Es treffen sich Not, Rassismus, Chauvinismus und Vergnügen

Menschliche Eiseskälte herrscht da im Keller. Aber das zieht sich nicht durch alle 102 Stockwerke dieses mehr oder minder ehrenwerten Hochhauses. Es gibt Orte der Nachbarschaftshilfe, ja, sogar der Nachbarschaftsliebe. Es grassieren Klatsch und Tratsch und es treffen sich Not, Leid, Rassismus, Chauvinismus, Masochismus und Vergnügen. Im Erdgeschoss strickt Frau Möller ihrem Mann die Norwegerpullis, die er mit Vorliebe oder voller Devotie trägt. Über dem Plüschsofa hängen gerahmte Fotos der Lieben, in der Küche steht der Hackenporsche für die nächsten Einkäufe parat. Im Flur und hinter der Wohnzimmertür stapeln sich Pakete – die Paketdienste klingeln immer nur hier. Herr Möller ist genervt, schon wieder ist ein Paket bei ihnen abgegeben worden, dabei sind die Mutlus aus der 5. Etage sicher zu Hause. Seine Frau aber sieht in dem Nachbarschaftsdienst vor allem etwas Gutes: sie hätten sonst gar keine sozialen Kontakte mehr.

Mag vielleicht an dem Geruch in ihrer Wohnung liegen. Davon erfährt der Leser allerdings erst, als er bei den Mutlus in der 5. Etage angekommen ist. Die Tochter ist regelrecht angewidert, dass sie ihr Paket dort abholen muss. Im 4. Stock erfahren wir, dass in der 8. Etage eine Wohnung frei wird, in anderen Wohnungen ist eingebrochen worden, in der 7. ist eine Mutter verärgert, dass ihr Sohn, der im selben Haus wohnt, sie nie besucht. Dessen Partnerin aber, das wird im 16. offenbar, muss davon ausgehen, dass der Peter zweimal in der Woche bei seinen Eltern ist. Stattdessen aber geht er zu einer Domina und lässt sich den Hintern versohlen. Und so geht es Stockwerk für Stockwerk höher und höher in die Welt der deutschen Spießigkeit.

Architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung

Der Leser sieht dabei oft dasselbe Dreierlei: Küche, Flur, Wohnzimmer. Ein architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung. Oscar Wilde soll gesagt haben: „Leben ist das Allerseltenste in der Welt – die meisten Menschen existieren nur.“ Er könnte „Das Hochhaus“ rezensiert haben. Niemand will in diesem Haus wohnen, niemand, und doch erkennt man Anzeichen von sich selbst in manchen Bildern. Weil wir ja alle auch Durchschnittsmenschen sind, weil Katharina Greve auch von uns erzählt, von dir und von mir. Und so gerät „Das Hochhaus“ auch zu einem diskreten Anschubser zum Hinschauen und Nachdenken.

Apropos Hinschauen: Der Webcomic hatte natürlich den Charme, dass er sich die Eigenheiten des Internets zu Nutze machte, sodass man liftgleich und schier endlos durch die Etagen scrollen konnte. In der Buchrolle von „Round not Square“ gelingt Ähnliches. Hier ist das Hochhaus auf einer sieben Meter langen Seite komplett gedruckt und dann zusammengerollt worden.

Einzig bei der Edition des Avant-Verlags ändert sich die Art des Hinschauens. Das sehr schlanke, hochformatige Buch muss zum Lesen um 90 Grad gekippt werden, dann blättert man sich jeweils zwei Stockwerke pro Seite in die Höhe. So gelingt ein noch genaueres Hinsehen und Betrachten, und man entdeckt auch bald die noch so feinen Details, die Greve in ihrem Wimmelbild für Große versteckt hat.

„Das Hochhaus“ ist ein Buch zum Vielfachschauen, das sich immer wieder zur Hand nehmen lässt, eine Erzählung, die nie auserzählt ist. Nehmen Sie den Lift und drücken Sie alle Tasten!

Katharina Greve: Das Hochhaus, Avant Verlag, Berlin, 2017, 56 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3945034712, Leseprobe

Katharina Greve: Das Hochhaus, Round not Square, Berlin, 2017, 30 Euro, Bezug über den Verlag

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Buch Wien: Frédéric Beigbeder und der Skandal des Todes

Frédéric Beigbeder bei der "BuchWien". © LCM Foto Richard Schuster
Frédéric Beigbeder bei der „BuchWien“. © LCM Foto Richard Schuster

Ewige Zeiten schon haben die Menschen den Traum vom ewigen Leben. Vampire leben endlos, wenn ihnen niemand einen Holzpflock durchs Herz treibt, Dorian Gray bleibt für eine gewisse Zeit ewiglich jung, manch einer geht sogar einen Pakt mit dem Teufel ein. Das alles sind Gestalten der Literatur. Eine der Gegenwart aber ist der französische Star-Autor Frédéric Beigbeder. In seinem neuen Roman „Endlos leben“ sucht er das ewige Leben, wie es mit dem heutigen Stand von Medizin und Technik möglich ist. Bei der „Buch Wien“ stellte er in der vergangenen Woche seinen Roman vor.

„Papa, ich möchte nicht, dass du stirbst“, sagt die Tochter des 50-jährigen Erzählers eines Tages zu ihm. Er, der verblüffende Ähnlichkeiten mit seinem Autor Frédéric Beigbeder hat, beginnt, sich mit dem Tod zu beschäftigen und beschließt: „Von jetzt an stirbt niemand mehr.“ Er begibt sich auf Reisen, trifft Wissenschaftler und Ärzte und stellt den Forschungsstand dar.

In Wien erzählt Beigbeder, wie er in den drei Jahren, in denen er das Buch geschrieben hat, immer wieder „vollkommen absurde Wissenschaftler“ getroffen hat. „Jedes Mal, wenn ich mit einem Wissenschaftler gesprochen habe, habe ich ihn gebeten, mir einen anderen und wenn möglich einen noch abgedrehteren zu empfehlen, und die allerverrücktesten sitzen in Kalifornien, in San Diego. Da gibt’s vollkommen absurde Institute, wo die Medizin dann schon eher ins Sektentum mündet.“ Da gibt es zum Beispiel ein Institut, das älteren Menschen das Blut von jungen Menschen injiziert wird, wodurch man angeblich verjüngt. Kosten: schlappe 8.000 Dollar am Tag. Vampirismus sei dort an der Tagesordnung, koste aber natürlich auch einiges. „Dort ist meine anfängliche Begeisterung wirklich in Angst umgeschlagen.“

Das Ende der Utopien gesehen

Das ewige Leben ist die älteste Utopie der Welt, und der Mensch kann nicht ohne Ideale leben, sagt Beigbeder. „Dabei gehöre ich eigentlich einer Generation an, die das Ende der Utopien gesehen hat. Ich habe den Sturz der Mauer und den Zusammenbruch des World Trade Centers miterlebt, das heißt ich gehöre einer Generation an, die eigentlich keine Ideale hat und keine Utopie.“

Beigbeder ist ein Fan von Büchern, in denen Helden „unmögliche Träume“ haben, erzählt er. Als Beispiele nennt er Don Quixote, Dorian Gray, Frankenstein und Dracula, „dieser berühmte Graf Dracula“. „Und deshalb ist es für mich ganz besonders wichtig, dass ich heute hier in Wien bin, in einer Stadt, wo die Gräfin Báthory Blutbäder genommen hat – sie hat wunderschöne Jungfrauen zerstückelt und in dem Blut gebadet, um daraus Ewigkeit zu erlangen.“ Wäre sie zuvor in Kalifornien gewesen, hätte sie gewusst, dass sie nicht im Blut baden, sondern es sich in die Venen spritzen lassen musste, sagt Beigbeder und lacht.

Auch in Österreich gebe es eine Klinik am Ufer des Wörthersees, wo er einige Zeit verbracht und Bluttransfusionen bekommen habe, um seinem Blut Sauerstoff und Mineralsalze zuzuführen. „Und ich habe einen roten Laser in die Venen gesteckt bekommen – das war eine äußerst interessante Erfahrung, denn angeblich bekommt dadurch das Blutplasma mehr Vitamin D.“ Wenn er dann auf die roten Reflexe des Lasers geblickt habe, sei er sich allerdings vorgekommen wie eine Discokugel. „Ich habe gedacht: das war schon immer mein Traum – ich bin jetzt wie eine Tanzfläche.“

„Ein fasziniertes Opfer“

Es sei aber ja tatsächlich so, dass die Wissenschaft heute zu unglaublichen Entdeckungen in der Lage sei. Insbesondere die Genetik eröffne völlig neue Perspektiven. Das Ziel seines Buches sei es auch gewesen, diese zu erforschen, erklärt Beigbeder, die DNA, die Veränderung und Transformation des Menschen zu einer Art anderen Wesen. Gleichzeitig wolle er diesen Wahnsinn aufzeigen, denn er habe immer angeprangert, welche Wahnsinnigkeiten in unserer Zeit passieren. „Ich bin also gleichzeitig ein fasziniertes Opfer davon und auch jemand, der davor warnt.“

Er habe ein „sehr leichtes Buch über das ernsteste Problem“ schreiben wollen. „Ich habe versucht, über den Tod zu sprechen, als sei er nur ein technisches Problem, das man ganz einfach mit medizinischen Entdeckungen verändern oder abschaffen.“ Er habe sich darüber amüsiert, dass er die Vor- und Nachteile des Todes in zwei Listen aufgeschlüsselt habe, als hätten wir die Wahl, es uns auszusuchen.

Die Lebenserwartung habe sich unglaublich verlängert: im Mittelalter war die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre, dann ist sie auf 50 Jahre gestiegen und mittlerweile liege sie bei 80 Jahren. „Warum sollte es dann nicht möglich sein, dass man die Lebenszeit verdoppelt oder verdreifacht bis 2050 oder 2100? Viele Ärzte halten das durchaus für möglich.“ Mit der Unsterblichkeit könnte man  mehr Bücher lesen, mehr Filme sehen, man könnte mehr Liebesgeschichten haben und mehr Reisen machen. „Und das ist eine Aussicht, die mich keineswegs erschreckt.“

„Für mich ist der Tod ein Skandal“

Eigentlich sei das Versprechen des ewigen Lebens die Rolle der Religion gewesen, macht Beigbeder im Alten Rathaus von Wien deutlich: „Aber wir haben inzwischen Mediziner statt Priester, wir haben Biochemiker und Stammzellenforscher, die uns alle dasselbe versprechen, und das ist das Thema meines Buches. Warum hasst der Mensch den Tod so sehr? Und auch ich kann den Tod nicht akzeptieren, ich kann dem nichts Interessantes abgewinnen, ich habe keine Lust selbst zu sterben und will auch nicht die sterben sehen, die ich liebe. Ich habe keine Lust alt zu werden, krank zu werden, kurzum: für mich ist der Tod ein Skandal.“

Darauf angesprochen, ob es nicht zu Platzproblemen auf Erden führen würde, wenn niemand mehr stirbt, sagte Beigbeder: „Das ist natürlich ein Problem, das ich noch gar nicht bedacht habe, als ich meinen Roman geschrieben habe, aber tatsächlich müssten wir wohl, wenn wir jetzt 300 Jahre alt werden, unsere Geburtstagsfeiern in Stadien veranstalten.“Man müsse allerdings auch beachten, dass diese Langlebigkeit der Menschen nur einer gewissen Elite vorbehalten wäre.

„Alle diese Methoden, das Leben zu verlängern, kosten Unsummen und ein riesiges Vermögen – daher werden die Menschen weiterhin sterblich sein, und nur eine kleine Elite wäre unsterblich.“ Im Grunde sei das keine Utopie, sondern ein Albtraum. In den drei Jahren, in denen er recherchiert habe, sei aus seiner anfänglichen Begeisterung nicht mehr sehr viel übrig geblieben, wiederholt er. „Sie hat sich in einen Schrecken verwandelt, denn wenn wir wirklich dieses längere Leben anstreben, dann müssen wir gleichzeitig auf unser Menschsein verzichten“, sagt Beigbeder.

Die Frage sei doch, warum man den Menschen überhaupt verbessern und ihm ein längeres Leben geben wolle. „Ist der Mensch nicht schön in seiner Imperfektion, in seiner Unvollendung und so, wie er ist?“, fragt Beigbeder. „Alle diese Menschen, die versuchen, das Leben zu verlängern, die mögen den Menschen, so wie er ist, nicht. So wie er ist in seinem Provisorischen, in seiner Fragilität, in seiner Kurzlebigkeit, mit all seinen Fehlern.“ Und genau darum gehe es in seinem Roman über einen Menschen, der versucht, diese Verbesserungen zu erreichen, der aber irgendwann mal erkennt, dass es besser ist, sich selbst mit all seinen Fehlern zu akzeptieren.

Frédéric Beigbeder: Endlos leben, Piper Verlag, München, 2018, 352 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3492059237