Alles nur Fassade

„In seiner Stimme klang das Grollen einer anderen Welt nach, als höre man in der Ferne ein Gewitter, ohne dass klar war, ob die Wolken vorbeiziehen oder einen nass regnen würden.“ Die Rede ist von Hanif Amid, einem der Protagonisten in Wolfgang Muellers neuem Roman „Das weiße Haus“.

Er erzählt die Erlebnisse von Elisabeth Winterscheidt, die bei ihrer Recherche für ein neues Buch über Architektenhäuser auf ein weißes Haus bei Berlin und auf den Eigentümer, den Schönheitschirurgen Hanif Amid, aufmerksam wird. Wer fand, dass in „Shades of Grey“ sexuelle Handlungen zu explizit dargestellt worden sind, und gleichzeitig Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Mann und Frau sowie naive und klischeebehaftete Personen in Büchern liebt, sollte hier unbedingt zugreifen.

Der ideale Nährboden

Die 42-jährige Elisabeth Winterscheidt fühlt sich unattraktiv und lebt mit ihrem Lebensgefährten Anton Kern zusammen, der ebenfalls architekturbegeistert, aber im Hauptberuf Finanzbeamter ist. Der Job begeistert ihn allerdings kaum noch; Zweifel kommen ihm zuletzt, als sich ein Steuersünder das Leben nimmt. Anton ist entsetzt und bekommt es mit der Angst: „Die Menschen werden uns noch mehr hassen! Wir haben doch jetzt schon Angst, durchs Dorf zum Bahnhof zu laufen. Und nach dieser Sache wird es richtig gefährlich für… mich.“ Anton blockt jede Ermunterung, jeden Trost ab. Ohnehin liegt in letzter Zeit eine schwelende Anspannung und Aggression zwischen Elisabeth und Anton, die nur einen kleinen Anreiz braucht, um die Stimmung kippen zu lassen.

Der ideale Nährboden ist angerichtet, oder wie es in Kochsendungen so schön heißt: Wir haben da mal was vorbereitet.

Man nehme dann eine möglichst naive Frau, die angesichts eines offensichtlich erfreulich gut verdienenden Schönheitschirurgen mit ägyptischen Wurzeln sofort aus dem Pumps kippt, sobald der ihr nach der ersten Begegnung sanft mit dem Daumen über den Handrücken streichelt und dabei raunt: „Wir sollten uns wiedersehen! Nur wir beide.“ Voilà, fertig ist das Fast Food für schlichte Gemüter.

Abgeschmackte Mischung

Was folgt, ist eine abgeschmackte Mischung, bei der man nur ungern dabei bleibt. Die Sicht einer Frau gelingt dem Autor überhaupt nicht. Zu naiv, zu klischeehaft, zu wendehälserisch.

Man muss sich das mal vorstellen: Da trifft Elisabeth Winterscheid einmal diesen Mann, weil sie sein Haus in ihr neues Buch aufnehmen will. Der überschreitet sofort ihre Grenze, als er ihr über den Handrücken streicht. Dann kommt die Aufforderung (!) zum Treffen, per SMS. Die zweite SMS (kurz, prägnant, vielleicht kostet aber auch jeder Buchstabe Geld: „Hilton. Lobby. Mittwoch 13:00 Uhr!“) löscht sie, aber „die Aufregung über das unverhohlene Angebot ließ sie auch zwei Tage später noch zittern“. Sie will ihn nicht treffen, zittert sich aber wegen einer SMS durch zwei ganze Tage?

Ach, es wird noch besser! Nachdem sie diese zweite SMS bekam, hat sie „stundenlang (…) im Schlafzimmer vor dem riesigen Wandspiegel gestanden und sich begutachtet“. Stundenlang! Mal Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt stundenlang vor dem Spiegel gestanden und sich angesehen? Die Zeit muss man auch haben!

„Wäre er nicht Chirurg“

Offenbar scheint es der Autor auch mit der Gedankenwelt seiner Protagonistin nicht besonders gut zu meinen, denn dort geht es besonders simpel zu: „Sie war fasziniert vom Lebensweg dieses Mannes. Wäre er nicht Chirurg und Hobbyarchitekt, er wäre Filmstar geworden. Alles an ihm strahlte Männlichkeit und Lebensgier aus.“ Später heißt es sogar noch: „Alles faszinierte sie an diesem Mann, selbst seine Geldsorgen.“

Ein anderes Beispiel: Elisabeth stürmt in Hanifs Praxis. Was sie dort sieht: „Eine umwerfend dunkelhaarige, vollbusige Schönheit thronte am Empfang. Mit Sicherheit war er mit ihr schon im Bett gewesen.“ Später wird diese Frau noch „provozierend langsam, den Po hin- und herschwingend, als müsse sie ihre sexuellen Reize unbedingt unterstreichen“ das Zimmer verlassen, und ein Kollege von Hanif wird ihr „versonnen“ nachsehen.

Noch später wird sie Hanif unterstellen, was mit „Nutten“ zu haben, und zu ihrem ersten Date wird sie hohe Schuhe tragen, „aber nicht nuttig hoch“. Protagonistin oder Autor scheinen ein Problem mit Sexarbeit zu haben, denn das Wort „Nutte“ fällt immer wieder und will so gar nicht in Elisabeths Wortschatz passen.

Die Figuren in diesem Roman bleiben größtenteils blass und oberflächlich. Anton, der durch seine Bedrängnis im Job etwas an Konturen gewonnen hat, wird später ähnlich unglaubwürdig wie seine Frau. Sein Chef grinst gerne „diabolisch“, und Elisabeths Tochter Leonie ist allenfalls eine Randnotiz.

Ein Aufblitzen von sprachlichem Können

Der Roman gewinnt kurzzeitig an sprachlichem Können, als der zweite Teil des Buches beginnt. Hier schreibt Mueller aus der Sicht von Hanif und wie er zu dem Mann wurde, den Elisabeth nun so bewundert. Hier gewinnt man den Eindruck, der Roman nähme nach 68 mühsamen Seiten nun endlich Fahrt auf. Leider kommt die Rasanz dann schnell wieder ins Stocken, und der Rest ergeht sich in ähnlichen hanebüchenen Ereignissen wie zuvor. Es wird noch einen Toten geben, eine Flucht nach London und ein paar Wendungen, aber lesenswert ist das alles nicht.

Leider gehört dann auch noch Wolfgang Mueller zu den Autoren, die das Wortfeld „sagen/sprechen“ nicht kennen. Deshalb lässt er seine Figuren in der wörtlichen Rede etwas grinsen: „‚Wie der junge Frühling höchstpersönlich‘, grinste er.“ Oder lächeln: „‚Es ist wirklich vorzüglich‘, lächelte er.“ Versuchen Sie das selbst mal: Lächeln Sie mal Ihre Sätze! In Romanen aber zeugt das leider nur von schlechtem Stil und fehlendem Verständnis der deutschen Sprache.

Wolfgang Mueller hat unter seinem Pseudonym Oscar Heym verschiedene Romane und Erzählungen veröffentlicht und erstmals 2016 unter seinem richtigen Namen den Roman „Der Freund von früher“, ebenfalls im btb-Verlag. Mueller ist hauptberuflich Filmproduzent, studierte vorher Jura.

Was hätte man in diesem Roman thematisch alles unterbringen können, wenn eine Freundin der Architektur auf einen Experten für die menschliche Fassade trifft! Wolfgang Mueller ist das in diesem Fall nicht geglückt.

Wolfgang Mueller: Das weiße Haus, btb-Verlag, München, 2021, 283 Seiten, Taschenbuch, 12 Euro, ISBN 978-3442719501, Leseprobe, Buchtrailer

Seitengang dankt dem btb-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Letzte Hoffnung Harlem

Mit „The Blacker the Berry“ ist in diesem Herbst eines der meistgelesenen Werke der Harlem-Renaissance endlich erstmals auf Deutsch erschienen. Der autobiografisch geprägte Debüt-Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Wallace Thurman (1902-1934) erzählt die Geschichte der jungen Afroamerikanerin Emma Lou, die Ende der 1920er Jahre nach Harlem kommt, um dort glücklicher zu werden.

„The Blacker the Berry“ war einer der ersten Romane, die Vorurteile und Diskriminierung innerhalb der schwarzen Gemeinschaft aufgrund der Hautfarbe offen zur Sprache brachten. Denn Emma Lou wird nicht nur in der weißen Gesellschaft ihrer Heimatstadt Boise (Idaho) wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert, sondern auch in ihrer eigenen hellhäutigen Familie. An der Schule war sie die letzten vier Jahre bis zur Abschlussklasse die einzige schwarze Schülerin auf der ganzen Schule.

„Immer weißer von Generation zu Generation“

In ihrer Familie galt immer die von der Großmutter eingetrichterte Doktrin: „Immer weißer von Generation zu Generation.“ Emma Lous Großeltern waren beide hellhäutige Nachkommen von weißen Plantagenbesitzern, die mit ihren schwarzen Sklavinnen Kinder gezeugt hatten. Auch den eigenen Kindern hatte die Großmutter das Credo eingebläut, was jedoch nichts half, denn Emma Lous Mutter heiratete einen tiefschwarzen Mann und zeugte mit ihm Emma Lou. Sie hoffte, dass ihr Kind niemals so schwarz werden würde wie sein Vater.

Schon von Kindesbeinen an wurde Emma Lou zur Außenseiterin. Und diejenigen, die sie im Familienverbund am meisten beschützen sollten, ließen sie das am meisten spüren: Ihre Großmutter und ihre Mutter; der Vater war verschwunden. „So weit Emma Lou sich zurückerinnern konnte, hatte sie die Leute immer sagen hören: ‚Was für ein ungewöhnlich schwarzes Kind Wo haben Sie es adoptiert?‘ (…) Manche meinten scherzhaft vorschlagen zu müssen: ‚Versuch’s doch mal mit ’ner starken Lauge, Jane, vielleicht hilft das Ätzen, schlimmer kann’s ja nicht werden.'“

Emma hat schon in ihrer vaterlosen Kindheit und Jugend viel seelischen Schmerz erlitten. Als ihr Onkel schließlich durchsetzt, dass sie auf die University of Southern California nach Los Angeles gehen darf, fühlt sich das für sie wie ein Befreiungsschlag an. In L.A. ist sie fasziniert von der großen schwarzen Community – endlich würde ihre Hautfarbe keine Rolle mehr spielen. „Onkel Joe hatte es schließlich gesagt, Schwarze waren Schwarze, ob sie nun zufällig hellgelb, braun oder schwarz waren, und diejenigen mit dunklerer Haut auszugrenzen, bewies oder verbesserte gar nichts.“ Doch auch an der Uni stößt sie wieder auf ähnliche Vorurteilsmuster. Sie flüchtet weiter nach New York und hofft, im pulsierenden Harlem endlich ihr Glück zu finden.

Verve der Jazzclubs und Tanzlokale

Der Schriftsteller Wallace Thurman, ebenfalls Person of Color und von dunklerer Hautfarbe, war selbst 1925 von der University of Southern California nach Harlem gezogen. Das Viertel in Manhattan war das Mekka der Schwarzen Kultur und berühmt für seine Jazzclubs, die afroamerikanische Kunst und Kultur. Die Harlem-Renaissance galt als einflussreichste Bewegung in afroamerikanischen literarischen Werken und kreativer Kultur, und Thurman schrieb eines ihrer bedeutendsten Bücher. Er zeigt in seinem exzellent geschriebenen Buch nicht nur detailreich den Verve der Jazzclubs und Tanzlokale in diesem legendären Viertel. Thurman beschreibt genauso intensiv den grassierenden Rassismus und welch zerstörerisches Maß diese Voreingenommenheit entwickeln kann. Seine Protagonisten sind bis in die Nebenfiguren faszinierend eindringlich porträtiert.

Die stets glaubwürdig gezeichnete Emma Lou, die den Snobismus ihrer Familie angenommen hat, wird in Harlem desillusioniert, erlebt furchtbare Liebesbeziehungen, kommt in die Mühlen der Arbeitsvermittlung, muss Frauenverachtung ertragen, wird aber von Tag zu Tag selbstbewusster und stärker und entwickelt Rückgrat. Vor allem von ihrem unsäglichen Lover, einem Schlawiner vor dem Herrn, sagt sie sich endlich los. „Das erste Mal in ihrem Leben war ihr ganz klar, dass sie es selbst war, die entscheiden musste, was sie aus ihrem Leben machen wollte, und sich dann entsprechend verhalten musste. (…) Was jetzt anstand, war, dass sie ihre schwarze Hautfarbe endlich als reale, unabänderliche Gegebenheit akzeptierte, so wie manches, das in der Vergangenheit geschehen war und in Zukunft wieder geschehen würde.“ Emma Lou war so lange bestrebt, endlich als Mensch akzeptiert zu werden, dass sie dabei völlig vergessen hatte, sich selbst zu akzeptieren. Die Erkenntnis kommt spät, aber nicht zu spät.

Thurman hat mit „The Blacker the Berry“ auch moderne Künstler wie Kendrick Lamar und Tupac Shakur beeinflusst. Es ist gut, dass dieser verlorene Klassiker der schwarzen amerikanischen Literatur, der damals so mutig und ehrlich und so bahnbrechend den Colourism thematisierte und bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat, jetzt endlich auch auf Deutsch erschienen ist. Die Präferenz weißer Haut und das Gefühl, deshalb als Schwarze diskriminiert, beleidigt und als Außenseiter an den Rand gedrängt zu werden, sind nicht nur in Amerika zeitlose Themen. People of Color sind damit weltweit leider noch immer konfrontiert.

Wallace Thurman: The Blacker the Berry, ebersbach & simon, Berlin, 2021, 224 Seiten, mit einem Nachwort von Karl Bruckmaier, gebunden, Halbleinen. mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3869152462

Seitengang dankt dem Verlag ebersbach & simon für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Rum prüfe, wer sich ewig bindet

Man sagt, der Tag der Eheschließung sei der schönste des Lebens. Als die 23-jährige Dolly Thatcham am Morgen ihrer Hochzeit im Brautzimmer steht, sieht das nicht ganz danach aus. Am Mittag soll sie den etwas älteren ehrenwerten Owen Bingham ehelichen, mit dem sie erst seit einem Monat verlobt ist. „So wie es sein sollte.“

So wie es sein sollte? Julia Stracheys tragikomischer Roman „Heiteres Wetter zur Hochzeit“ spielt Anfang der 1930er Jahre in einem Landhaus in der englischen Grafschaft Dorset. Das Buch ist jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden. In der gehobenen Gesellschaft werden Hochzeiten von der Familie arrangiert und sind meist keine Bünde der Liebe. Die junge Dolly hatte keine Wahl, sich den richtigen Partner auszusuchen und zu prüfen, bevor sie sich ewig bindet. Ratlos steht sie da, trinkt Rum aus der Flasche, und fragt und fragt und fragt sich: Ist Owen wirklich der richtige Mann?

Derweil geht treppab im Erdgeschoss die Luzi ab. Oder vielmehr: die Familie. Denn Cousins und Cousinen, Freunde und entfernte Verwandte rücken an, um diesem freudigen Ereignis beizuwohnen. Die Bediensteten versuchen, allen Befehlen der Hausherrin gerecht zu werden, die mit zunehmendem Trubel mehr und mehr den Überblick verliert und etwa mehrere Gäste im selben Zimmer einquartiert: „Mum, wie viele Leute sollen denn noch ins violette Zimmer? Bob! Mr. Spigott! Tante Bella! Miss Spoon! – Nur schade, dass das Bett so schmal ist!“ Der Köchin sagt sie erst, sie solle mehr Leberpastete machen als sonst, dann wieder nicht. Zwei Stunden später pfeift sie die Unglückliche zusammen, wo denn mehr Leberpastete bliebe. Es ist furchtbar und furchtbar komisch zugleich, wie Mrs. Thatcham alles über den Kopf wächst.

„Keine angemessenen Socken für eine Hochzeit“

Nebenan streiten sich der 13-jährige Robert und sein älterer Bruder Tom raufend um die Strümpfe, die Robert bei der Trauung zu tragen gedenkt. „Deine Mutter würde zweifellos wollen, dass du dich nach oben begibst, zum Zwecke, diese unmöglichen Socken zu wechseln.“ Smaragdgrün sind die. Ohne Anzeichen von Unmöglichkeit. Doch Tom fährt stichelnd fort: „Robert. Robert. Robert.“ Und wieder: „Das sind bei einer Hochzeit keine angemessenen Socken für einen Gentleman.“ Robert pariert stets mit: „Hau ab und steck deinen Kopf in eine Tüte.“

Währenddessen werden Teewagen in den Salon geschoben, vor der Tür fährt das Automobil der mondänen, geliebt-gefürchteten Tante Bella vor, der Bräutigam sucht die Trauringe, es klappert und lärmt, und alles ist von einer aufgeregten Vorfreude beseelt. Doch treppauf ringt sich die zukünftige Mrs. Bigham die Hände und nimmt einen weiteren Schluck aus der Rum-Flasche. Und unten wartet hadernd ihre Sommerliebe aus dem vergangenen Jahr auf sie, Joseph Patten, Student der Anthropologie in London und immer noch schwer verliebt in Dolly. An diesem Tag ist er gekommen, um die Frau seines Herzens einen anderen Mann heiraten zu sehen.

Ein Tohuwabohu unten und eine Stille oben

Es ist ein Treppauf und Treppab, ein Tohuwabohu unten und eine Stille oben. Es ist der helle Wahnsinn im Erdgeschoss und die Panik vor der falschen Entscheidung im Brautzimmer. Dieses ganze Kammerspiel lebt von den brillant beschriebenen Charakteren, die Julia Strachey wie in einer Familienaufstellung zusammenschiebt. Schon bald gleicht der Hochzeitstag einem Pulverfass, bei dem Mrs. Thatcham irgendwie vergessen hat, dass sie gerade die Lunte angezündet hat.

„Heiteres Wetter zur Hochzeit“ hat Witz, spitze Bemerkungen, Glamour (Tante Bella!), eine angemessene Kürze (146 Seiten), skurrile Figuren und eine zauberhafte Braut. Die meisten Männer dagegen, allen voran der völlig blasse Bräutigam, taugen allenfalls zur Staffage.

Der kurze Roman der britischen Autorin und Fotografin (1901-1979) ist von Nicole Seifert wunderbar ins Deutsche übertragen worden. Es ist eine Wonne, wie hervorragend es ihr gelungen ist, den englischen Humor und den sprachlichen Scharfsinn in eine würdige, vergnügliche Übersetzung zu bringen. Dieses in blaues Leinen gebundene Büchlein ist eine Entdeckung!

Julia Strachey: Heiteres Wetter zur Hochzeit, Dörlemann-Verlag, Zürich, 2021, 159 Seiten, mit einem Nachwort von Frances Partridge, gebunden, mit Lesebändchen, 19 Euro, ISBN 978-3038200949, Leseprobe

Seitengang dankt dem Dörlemann-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Die blutrote Fahne, ihr Seeleut, habt acht!

„Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Dieses Bonmot aus dem thematisch überhaupt nicht passenden Kinofilm „8mm“ ist für sich genommen die treffendste Umschreibung für den neusten Wurf von Stuart Turton. Nachdem er mit „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ debütierte und das Buch in mehr als 30 Sprachen übersetzt und international ein Bestseller wurde (völlig zurecht übrigens), durfte man gespannt sein, was Turton mit dem zweiten Roman vollbringen würde.

Kurz gesagt: Es ist eines der besten Bücher des Jahres 2021 geworden, ein Schmöker, der seinen Namen verdient hat, und ein Buch, das man am liebsten nicht zu Ende gehen lassen möchte. Wenn Sie in diesem Jahr nur noch ein Buch lesen können oder wollen, lesen Sie dieses.

Erneut eine klar umrissene Bühne

Während wir uns in Turtons Erstling auf einem herrschaftlichen Anwesen befanden und das Grundstück kaum verließen, wählte der britische Autor, der mit seiner Frau und seiner Tochter in London lebt, für seinen zweiten Roman erneut eine klar umrissene Bühne aus. Auch hier ist ein Entkommen nur schwer möglich.

Man schreibt das Jahr 1634. Im Hafen von Batavia, heute bekannt unter dem Namen Jakarta, liegt ein Ostindienfahrer namens „Saardam“ vertäut. Mit Schiffen wie diesem bringt die Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie regelmäßig Gewürze und Seidenstoffe aus den Kolonien nach Europa. Der Seeweg nach Amsterdam ist lang und gefährlich. Es lauern Piraten, Pest und pöbelnde Stürme auf See, und noch weist kein Radar sicher den Weg. Wer also von der Route abweicht, findet mitunter nicht mehr das Land, was er ansteuern wollte.

Essensrationen können knapp werden, wenn die Strecke länger ist als erwartet. Und ein Kapitän muss in manch ausweglos scheinenden Situation die Meuterei befürchten. „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“, das galt zumindest nicht für die Seefahrt im Jahr 1634.

Im Bann seiner Fabulierkunst

Turton schreibt „Der Tod und das dunkle Meer“ mit cineastischem Blick. Schon mit den Eingangsszenen, bei der die handelnden Personen nach und nach den Hafen von Batavia betreten, ist man im Bann von Turtons Fabulierkunst, der man sich nicht entziehen kann. Das geschäftige Treiben hier, das Beladen des Schiffes dort; Schweine, Hühner, Kühe, Fährboote kommen an und fahren wieder. Wohlhabende Passagiere stehen unter weißen Schirmen in der sengenden Sonne und warten darauf, die „Saardam“ betreten zu dürfen. Ja, fast meint man, sogar die Gerüche in der Nase zu haben, die durch den Hafen wehen.

Menschen jubeln einer Prozession zu, die einige der wichtigsten Personen dieses Romans zum Schiff bringt: Vorne weg der stolze Generalgouverneur Jan Haan auf einem weißen Hengst, hinter ihm in einer Sänfte seine Frau Sara und Tochter Lia, die körperlich und seelisch unter ihm leiden. Beide aber sind stark und selbstbewusst unter dem Deckmäntelchen des scheinbaren Gehorsams, und beide werden sich emanzipieren, wie man es nicht erwartet, aber umso mehr feiert. Das ist eine der vielen raffinierten Wendungen.

Der frühe Sherlock Holmes

Mit der Prozession kommen auch Arent Hayes und Samuel „Sammy“ Pipps, besser bekannt unter ihren Spitznamen „der Bär und der Spatz“, zum Schiff. Arent ist groß wie ein Bär und Sammy klein wie ein Spatz. Sammy ist sozusagen der frühe Sherlock Holmes, der knifflige Kriminalfälle löst, und Arent der frühe Dr. Watson, der Sammys Fälle aufschreibt und ihm ein Freund und ständiger Begleiter ist. Die Geschichten von Sammy und Arent sind in allen Teilen der zivilisierten Welt bekannt – doch jetzt ist Sammy in Ungnade gefallen und soll in Amsterdam hingerichtet werden.

Dabei hat er gerade noch für den Generalgouverneur die geheimnisvolle Phantasterei wiedergefunden – die kostbarste Fracht der „Saardam“. Was sie kann und wer sie erfunden hat (nein, es waren nicht die Schweizer), wird man später erfahren. So viel aber ist sicher: Kostbarste Fracht bleibt nie unbeobachtet, im Guten wie im Bösen.

Und das Böse ist mit an Bord. Ob es schon da war, oder der Teufel erst in Batavia als blinder Passagier auf die „Saardam“ geschmuggelt wurde, ist lange nicht klar. Wandelt der Teufel in Menschengestalt oder ist er unsichtbar? Im 17. Jahrhundert glauben die Seeleute ohnehin an vielerlei übersinnliches Unheil und versuchen, sich bestmöglich zu schützen. Sei es mit einem Talisman um den Hals, einer glücksbringenden Münze in der Hosentasche oder einem hoffnungsmachenden, ewige Liebe versprechenden Brief einer Frau in der Brusttasche über dem Herzen. Und ein jeder fasst sich an den gewählten Glücksbringer oder murmelt Gebete, als die „Saardam“ die Taue löst und die Mannschaft die Segel setzt. Denn als das Großsegel gehisst wird, prangt auf dem weißen Tuch plötzlich das Zeichen eines Auges mit einem Teufelsschwanz. Schockschwerenot!

Der Teufel verändert die Bühne immerzu

Mit der Ankunft des Teufels geschehen seltsame Dinge an Bord, Menschen und Tiere sterben unnatürliche Tode, und immer wieder taucht dieses Teufelszeichen auf. Der Teufel verändert die von Wasser und Gezeiten umgebene Bühne immerzu. Und wir sind gefühlt überall dabei: Ob an der frischen Luft auf dem Achterdeck oder dem dicht gefüllten Orlopdeck für die Passagiere, ob in den großen Kabinen für die reichen Leute oder auf Deck bei den Matrosen. Wir sind im Frachtraum, in der Pulverkammer, rund um den Großmast und ganz vorne an der Galionsfigur. Und an keiner Stelle engt der begrenzte Raum die Geschichte ein, denn Turton gelingt es meisterhaft, diese Bühne bis in die letzte Ecke, wo keiner mehr putzt, zu nutzen.

Seine Figuren, vor allem aber die unvergesslichen Held*innen, zeichnet Turton sehr raffiniert. Wie beim Häuten einer Zwiebel oder dem Öffnen einer Matroschka erfährt man erst nach und nach mehr über die handelnden Personen – und das kann schon mal ein paar hundert Seiten dauern.

Erst auf Seite 248 etwa erfahren wir, wie groß der Hochbootsmann Johannes Wyck ist, eines der wichtigsten Besatzungsmitglieder, das zugleich eine zentrale Rolle in der Aufklärung um die seltsamen Vorfälle an Bord der „Saardam“ spielt. Und seine Größe ist alles andere als unwichtig für die Geschichte.

Turton aber gelingt es hervorragend, die Figuren in den Augen der anderen Protagonisten spiegeln zu lassen, so dass die scheibchenweise Charakterbeschreibung nicht unangenehm auffällt – eher im Gegenteil. Seine Figuren entwickeln so Licht und Schatten. Und den Rest übernimmt die Phantasie.

Das einzige Manko

Die Übersetzung ins Deutsche durch Dorothee Merkel, auch das muss man lobend erwähnen, ist ausgezeichnet. Das einzige Manko, was der Rezensent auch hier nicht müde wird zu erwähnen, ist, dass „lachen“ kein Wort aus dem Wortfeld „sagen/sprechen“ ist. Das ist eine eigentümliche Angewohnheit von immer mehr Autor*innen und Übersetzer*innen, Personen in Büchern in der wörtlichen Rede etwas lachen zu lassen. Hier etwa der Satz: „‚Ich werde gegen Arent wetten‘, lachte dieser.“ Das zeugt leider nicht von einem guten Verständnis der deutschen Sprache.

Sprachlich ist „Der Tod und das dunkle Meer“ eine Wucht. Das cineastische Auge, die ungewöhnliche Art der Personenbeschreibung und das bestechende Gespür für Situationsbeschreibungen ergeben eine wunderbare Mixtur für dieses Wunderwerk an Fiktion. „Eine kaum merkliche, filigrane, aber dennoch entscheidende Balance hatte sich auf der ‚Saardam‘ verschoben.“ Merken Sie sich diesen Satz – er wird Ihnen irgendwann im Buch begegnen, und Sie werden wissen, dass er stimmt. Wer Stimmungen beiläufig scheinend, aber so treffend mit nur einem Satz einfangen kann, ist ein Meister der Worte. Stuart Turton ist ein Meister der Worte.

Die Genre-Frage

Lässt sich Turtons Buch einem Genre zuordnen? Kurze Antwort: Nein. In seinem mit britischem Humor verfassten Nachwort, das den Titel „Eine Entschuldigung an die Geschichte und das Schifffahrtswesen“ trägt, schreibt er: „Ich mache mir ein wenig Sorgen, die Leute könnten es als ein Buch über Schiffe oder als historischen Roman bezeichnen.“ Seine Angst ist vermutlich nicht unbegründet. Menschen wollen Ordnung und stecken Dinge gerne in Schubladen. Doch „Der Tod und das dunkle Meer“ passt in keine.

Für einen historischen Roman passen manche Ereignisse in diesem Buch nicht, auch die Sprache ist nicht angepasst. Für einen Roman über Schiffe sind die Details der „Saardam“ zu ungenau. Die Kleidung der Passagiere und der Besatzung sind nicht bis zum letzten Knopf recherchiert, die technischen Errungenschaften waren 1634 teilweise noch nicht erfunden. „Ich habe gründlich recherchiert, und dann habe ich alles wieder verworfen, was meiner Geschichte hinderlich war.“ Vielleicht ist es genau das, was Turtons zweiten Roman so lesenswert macht: dass die Phantasie hier das Ruder übernehmen darf.

Stuart Turtons Roman ist ein Buch zum Lachen, denn es hat Witz. Es ist zum Weinen, denn es hat sehr anrührende und traurige Passagen. Es ist zum Mitfiebern und Miträtseln. Es ist zum Fürchten und zum Bangen und Hoffen. Es bringt hinreißende Menschen hervor, die einem so sehr ans Herz wachsen, dass sie die Tage und Nächte bestimmen und man sich keine Leseminute ohne sie vorstellen mag. Es macht süchtig und es bringt einen dazu, das Ende hinauszuzögern. Was will man denn mehr?

Deshalb: Egal, welches Buch Sie gerade lesen – legen Sie es beiseite und schlagen Sie diesen Roman auf. Er wird Ihre Zeit beglücken und Sie an das köstliche Lesegefühl erinnern, als Sie das erste Mal „Moby Dick“ oder „Die Schatzinsel“ gelesen haben.

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer, Tropen-Verlag, Stuttgart, 2021, 608 Seiten, gebunden, 25 Euro, ISBN 978-3608504910, Leseprobe

Seitengang dankt dem Tropen-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Sexisten sind immer die anderen

Im Jahr 2019 veröffentlicht der New Yorker erstmals Mary Gaitskills Novelle „This is Pleasure“. Sie ist der Versuch einer literarischen Auseinandersetzung mit der MeToo-Debatte und erzählt vom übergriffigen Verhalten eines US-amerikanischen Verlegers, von Machtmissbrauch, Sexismus und Machismo. Im April 2021 ist „Das ist Lust“ auf Deutsch erschienen.

Quinlan M. Saunders, kurz: Quin, ist der bekannte und gefeierte Leiter eines angesehenen New Yorker Verlagshauses. Seit Jahren im Geschäft, erfolgsverwöhnt, einflussreich. Bonvivant, Mann von Welt, Marke „Grab them by the Pussy“. Während Donald Trump diesen Satz 2005 stolz und triumphierend von sich gab, würde Quin über sich selbst nie in dieser Art und Weise sprechen. Quin prahlt nicht mit seinen Übergriffen, sondern er hält sie für das Ergebnis eines grundlegenden, neckischen Spiels zwischen Mann und Frau. Er glaubt, er habe die seltene Gabe, Menschen – vor allem natürlich: Frauen – nur anschauen zu müssen, um zu verstehen, was ihr Innerstes ausmacht. Quin hält sich für emotional schwer intelligent und überprüft sein Können bei jeder sich bietenden Gelegenheit, oft gut versteckt unter einem dünnen Überwurf aus Höflichkeit.

Im Central Park begegnet er einer in Melancholie versunkenen Frau und raunt ihr zu: „Sind Sie nicht eine sanfte Seele!“ Sie antwortet: „Und sind Sie nicht eine aufmerksame Seele. Dass Ihnen das auffällt!“ Sie sprechen eine Weile, dann lädt er sie zum Tee ein. Sie geht mit.

„Und dann ihre Klitoris berühren. Das ist Lust.“

Später erzählt er seiner guten Freundin Margot, die er seit fünf Jahren kennt, von der Begegnung. Quin, der zu diesem Zeitpunkt kurz vor seiner eigenen Hochzeit steht, lässt Margot an seinen Einsichten teilhaben. Der Provokateur erklärt ihr, dass diese Frau aus dem Central Park es sicher schätzen würde, wenn man ihr weh täte. „Eigentlich sehnt sie sich nach Zuneigung. Man könnte ihr mit … keine Ahnung, mit einer Tischtenniskelle den Hintern versohlen? Und dann ihre Klitoris berühren. Das ist Lust.“

In kurzen Kapiteln beschreiben Quin und Margot, immer im Wechsel, die Entwicklung aus ihrer Perspektive. Bezeichnenderweise hat Margot das erste Wort, Quinn aber das letzte. Margot zweifelt an sich und ihrer Freundschaft zu Quin. Darf sie mit ihm noch befreundet sein, obgleich sie weiß, wie er sich gegenüber anderen Frauen verhält? Steht sie nicht auf jenem schmalen Grat schon zu weit auf der falschen Seite, wenn sie den uneinsichtigen Quin auch noch verteidigt und seine guten Seiten hervorhebt (die er zweifelsohne hat)? Darf sie ihm gegenüber noch loyal sein, ist Verteidigung erlaubt oder wäre das verwerflich?

Margot, ebenfalls Verlegerin, macht sich über die Tischtenniskellen-Anekdote noch gemeinsam mit ihrem Mann lustig – und über den kauzigen Freund, der ein bisschen esoterisch, ein wenig pervers ist, aber doch eigentlich niemanden etwas zu leide tut. Heute, 15 Jahre später, sieht Margot die Sache anders, reflektierter. Jetzt ist ihr bewusst, wie falsch Quins Verhalten war. Und sie selbst hat es zu Beginn ihrer Freundschaft am eigenen Leib erfahren.

Hoffnung bleibt ungestillt

Sie war nicht die erste, und die Frau aus dem Central Park nicht die letzte. Jetzt aber haben Frauen den Mut gefasst, von den sexuellen Belästigungen und Übergriffen des alternden Verleger-Stars zu berichten. Die #metoo-Bewegung, die sich weltweit verbreitet, bestärkt sie darin. Quin wird gekündigt. Selbstreflexion oder gar Reue beim ihm? Keine Spur. Die Hoffnung, dass Täter um Entschuldigung bitten und sich bessern, bleibt auch hier ungestillt.

Mary Gaitskill lässt Vieles in ihrem Buch offen. Auch bleiben die Perspektiven anderer Frauen unbeschrieben und werden nicht moralisch interpretiert. Diese auf zwei Dimensionen beschränkte Sicht kann man ihr vorwerfen, sie beleuchtet aber vielschichtig, differenziert und mit genauem Einfühlungsvermögen völlig neue Aspekte und lässt der Leserschaft ausreichend Raum zur eigenen Beurteilung. Die Erfahrungen der bedrängten Frauen stellt sie in keiner Weise ins Abseits, nur weil sie sich auf diese komplizierte Freundschaft konzentriert.

Sehr detailliert zeigt Gaitskill, dass Quin ein unbelehrbarer, selbstgerechter und vor allem egozentrischer Typ ist, der nichts von #metoo verstanden hat. Umso mehr ist „Das ist Lust“ ein beeindruckendes, wichtiges Buch, weil es eine Debatte am Leben hält, die der egozentrische Quin wohl als vorübergehenden „Trend“ definieren würde. Dass #metoo eine Frage ist von „Wie wollen wir in der Gesellschaft zusammenleben?“, lässt Sexisten wie ihn völlig kalt. Nicht zuletzt die öffentlichen Vorwürfe von sexualisierter Gewalt in der Deutschrap-Szene unter dem Hashtag #deutschrapmetoo machen jedoch deutlich, dass MeToo eine notwendige Debatte ist. Gaitskill zeigt, wie Literatur Antrieb und Projektionsfläche dafür sein kann. Bitte mehr davon!

Mary Gaitskill: Das ist Lust, Blumenbar im Aufbau-Verlag, Berlin, 2021, 128 Seiten, gebunden, mit ausklappbarem Vorsatz, 18 Euro, ISBN 978-3351050825, Leseprobe

Seitengang dankt dem Aufbau-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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