Die Rädchen im System

Rund sechs Jahre ist es her, dass Dave Eggers‘ Roman „Der Circle“ auf Deutsch erschien. Im Mittelpunkt des Romans stand die Internetfirma „The Circle“, deren Ziel es ist, die Anonymität im Netz zu beseitigen und umfassende Transparenz, Überwachung und soziale Kontrolle zu schaffen. Jetzt hat der US-Amerikaner Rob Hart mit „Der Store“ einen dystopischen Roman geschrieben, der erneut einen großen Online-Riesen zum Vorbild hat. Bei Eggers war es Google, beim „Store“ dürfte es Amazon sein. Der Unterschied: Das Medienecho in Deutschland ist bei Hart ungleich kleiner, dabei ist „Der Store“ wesentlich nachvollziehbarer, aktueller und vor allem stilistisch besser gelungen.

Im Roman von Rob Hart heißt der weltgrößte Onlinehändler nicht Amazon, sondern Cloud. Bestellen kann man aber auch dort wirklich alles: Bratensaftspritzen, Bücher, Katzenfutter, Kunstfellpantoffeln, Filzstifte, Selfie-Sticks, Baumscheren, Kokosnussöl, Fernseher, Eiweißpulver oder Knopfbatterien. Geliefert wird die Ware überallhin. Hinter dem knallhart kalkulierenden Wirtschaftsunternehmen Cloud steht Firmengründer Gibson Wells, mit einem Vermögen von 304,9 Milliarden Dollar der reichste Mensch in Amerika und der viertreichste der Welt. By the way: Amazon-Chef Jeff Bezos besitzt „nur“ 100 Milliarden Dollar (Stand: November 2019).

Doch Gibson Wells ist an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Während er mit seiner Frau die von der Außenwelt hermetisch abgeriegelten, MotherCloud genannten Standorte des Konzerns abklappert, lernen sich in einem von ihnen Paxton und Zinnia kennen. Beide wollen einen der begehrten Jobs bei Cloud, jedoch aus unterschiedlichen Motiven.

Harter Boden des Ruins

Paxton ist ein Opfer von Cloud. Das Unternehmen hat das von ihm  entwickelte Produkt in den Warenbestand aufgenommen, dann aber immer mehr Rabatt gefordert. Der wurde schließlich so immens, dass Paxton keinen Gewinn mehr erzielen konnte. Als er sich weigerte, auf die Forderung einzugehen, kappte Cloud die Geschäftsverbindung, und Paxton krachte auf den harten Boden des Ruins. Welche Motive die undurchsichtige Zinnia antreiben, erfährt der Leser erst später. Doch auch wenn Zinnia die Revoluzzerin von beiden ist, hat auch sie nicht damit gerechnet, wie weit Cloud gehen würde, um das Unternehmen zu schützen.

An die Nieren gehen vor allem die Szenen, in denen man ihren Arbeitsalltag im Warendepot verfolgt. Zinnia ist dafür verantwortlich, durch eine Halle zu laufen — die so groß ist, dass sie sogar eine Horizontlinie hat —, die angeforderte Ware durch Klettern aus mehrstöckigen Regalen zu holen und auf die Förderbänder zu legen. Im Akkord. Neun Stunden lang. Jede Sekunde zählt, denn der Kunde draußen im Land wartet am nächsten Tag auf seine Lieferung.

Ein Stern bedeutet die sofortige Kündigung

Das CloudBand, das jeder Mitarbeiter am Handgelenk trägt, misst nicht nur die Herzfrequenz, öffnet Türen und dient als mobile Kreditkarte, sondern weist auch den Weg und — registriert die Arbeitsleistung. „Grün heißt, dass du das Soll erfüllst. Wenn du hinterherhinkst, wird die Linie gelb, und sobald sie rot wird, stürzt dein Ranking ab. Pass also auf, dass es gar nicht erst dazu kommt“, lautet der Rat eines Kollegen. Das Ranking wird in fünf Sterne unterteilt. Fünf ist das Optimum, einer bedeutet die sofortige Kündigung. „Und wollen wir nicht alle jemand mit fünf Sternen sein?“

Im Kapitel „Alltagstrott“ sind Zinnia und Paxton zu den indoktrinierten Rädchen im System geworden, die Cloud am Laufen halten. Entsprechend kurz sind die Unterkapitel: „Zinnia wachte auf. Arbeitete. Schlief ein.“ Nächstes Kapitel: „Paxton wachte auf. Arbeitete. Schlief ein.“ Sie stecken fest im Hamsterrad, auch wenn Cloud ihnen vorgaukelt, es sei eine Karriereleiter.

Jeder Mitarbeiter wohnt und arbeitet auf dem Cloud-Gelände. Die Wohnungen sind kleine, mehr oder minder praktisch eingerichtete „Zellen“. Wer viel leistet, kann sich größere Unterkünfte verdienen, aufsteigen, Manager werden. Alles ist streng hierarchisch geregelt. Gewerkschaften gibt es nicht, und man sollte das Wort nicht mal laut aussprechen.

Unternehmen nutzen ihre Machtstellung aus

„Der Store“ ist kein modernes „1984“, kein utopischer Roman über eine übermächtige Regierung, sondern eine ziemlich wirklichkeitsnahe Dystopie über ein übermächtiges Wirtschaftsunternehmen. Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook, Apple oder auch Ikea machen Milliarden-Gewinne, zahlen darauf aber kaum Steuern. Sie nutzen ihre Machtstellung aus, auch gegenüber Staaten und Regierungen, während auf der anderen Seite der Einzelhandel den Bach runtergeht. Wie es in Amazon-Logistiklagern zugeht, darüber hat etwa Nina Scholz für das Online-Magazin Vice berichtet. Die Unterzeile des Artikels lautet: „Kollegen werden abgemahnt, weil sie 16 Sekunden zu früh in die Mittagspause gegangen sind. Solche Dinge passieren täglich.“ Dasselbe würde Zinnia wohl auch über Cloud sagen.

Rob Hart, der früher als politischer Journalist und Kommunikationsmanager für Politiker und im öffentlichen Dienst der Stadt New York gearbeitet hat, sagt selbst: „Ich glaube, wir müssen alle gründlich überdenken, wie wir konsumieren. Vielleicht muss nicht immer alles erhältlich sein, vielleicht brauchen wir keine Zustellung in zwei Tagen, vielleicht brauchen wir keine Handys für 1.000 Dollar. Aber vielleicht ist dieses System auch einfach so unglaublich groß, vielleicht sind wir so tief darin verwurzelt, vielleicht gibt es kein Entkommen.“ Hart, so viel darf man verraten, gibt auch in und mit seinem Roman keine Antwort darauf.

Regisseur hat sich die Filmrechte gesichert

Dass „Der Store“ hervorragender Stoff fürs Kino ist, ist kaum von der Hand zu weisen. „Der Circle“ ist mit Emma Watson und Tom Hanks verfilmt worden. Und auch den „Store“ werden wir wohl bald im Kino sehen können, denn Star-Wars-Regisseur Ron Howard hat sich bereits die Filmrechte gesichert.

„Der Circle“, „Der Store“: Dass der deutsche Titel den englischen Begriff verwendet, ist folgerichtig. Im Original heißt Harts Roman „The Warehouse“ („Das Warenhaus“), aber niemand in Deutschland würde sagen: „Ich habe das im Warenhaus gekauft.“ Wir gehen shoppen, bevorzugt im Sale oder im Outlet, wir haben Meetings, trinken Coffee to go, und unsere Eltern hatten schon zu Studentenzeiten Sit-ins. Moderne, trendbewusste Menschen würden also auch im „Store“ einkaufen. Was sie damit anrichten, können sie in diesem spannenden, hochaktuellen und intelligenten Roman lesen. Wir alle sind Rädchen in diesem System, das die Cloud am Laufen hält. Wir alle.

Rob Hart: Der Store, Heyne Verlag, München, 2019, 592 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3453272309, Leseprobe

Terror-Thriller auf Verlangen

Deutschland, Griechenland, Zypern, Großbritannien, USA, Afghanistan und Pakistan – das sind die Schauplätze des vielschichtigen und sorgfältig recherchierten Terrorismus-Thrillers „Talib – der Schüler“. Er führt direkt in die Welt eines Mannes, der die Angst des Terrors in Europa verbreiten soll – und in die eines anderen, der den Terror stoppen will. Frank Hartmann hat mit seinem Debütroman eine kluge Analyse der Strukturen und Rekrutierungsmechanismen von Organisationen wie Al-Kaida und dem IS geschrieben, die den Leser packt und teilweise raffiniert in die Zwiespältigkeit führt. Ganz nebenbei hat Hartmann mit Vangélis Tsakátos einen griechischen Geheimdienstler erfunden, mit dem man zu gern mal die Kneipen von Athen unsicher machen würde.

Tsakátos (nicht etwa Tsakatós, darauf legt der Mann wert) ist Analyst des US-Geheimdienstes National Security Worldwide (NSW) und gerade nach Athen versetzt worden. Dort soll er die griechischen Behörden bei der Bekämpfung der nationalen Terrorgruppe „Widerstand Hellas“ unterstützen. Die treibt seit Jahrzehnten ihr Unwesen in Griechenland und hat dabei Unterstützer aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Schmutzige Bombe bei den Olympischen Spielen

Gleichzeitig gerät rund 6.000 Kilometer entfernt ein junger Mann namens Basim Atwa in Afghanistan in das ausgeklügelte Rekrutierungssystem von Al-Kaida. Wir befinden uns im Jahr 2002, rund ein Jahr nach den verheerenden Terroranschlägen von 9/11 in den USA. Der 23-jährige Basim soll der Welt der Ungläubigen den nächsten Schock verpassen und bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen eine schmutzige Bombe zünden.

Mit welchen zum Teil perfiden und manipulativen Methoden Menschen zu Gotteskriegern gemacht werden, welche persönlichen Erfahrungen einen jungen Menschen aber auch in die Fänge von Terrororganisationen treiben, das schildert Hartmann besonders eindrücklich auf den ersten rund 100 Seiten. Basim verliert mit neun Jahren nicht nur seinen geliebten Vater, sondern auch seine Beine und muss fortan im Rollstuhl sitzen.

Über verschlungene Wege und verschiedenste Orte kommen sich beide Protagonisten immer näher, begegnen und verpassen einander, jeder unterwegs in eigener Mission. Diese unterschiedlichen Lebenslinien, die sich unaufhaltsam aufeinander zubewegen, sind spannend konstruiert, obgleich sie nie konstruiert wirken.

Jahrzehntelange journalistische Erfahrung

Auch sprachlich bewegt sich der Roman auf einem hohen Niveau. Nicht nur hier merkt man dem Werk die jahrzehntelange journalistische Erfahrung des Autors an. Hartmann, dessen halbe Familie aus Griechen besteht und der selbst fünf Jahre in der Nähe von Athen gelebt hat, ist seit 35 Jahren Journalist. Seine Reportagen für große deutschsprachige Tageszeitungen und Magazine führten ihn nach Alaska, Afrika, Indien, Indonesien – und auch Afghanistan. Dort, in der Hauptstadt Kabul, ist vor Jahren die Grund-Idee zu „Talib“ entstanden.

„Talib – der Schüler“ ist derzeit nur als „Book on demand“ erhältlich – einen Verlag für seinen Erstling hat Hartmann bislang nicht gefunden. Viele bekannte Autorinnen und Autoren haben in ihren Anfängen ähnlich gearbeitet, nur für die Schublade oder Freunde geschrieben.

Die Bestsellerautorin Nele Neuhaus zum Beispiel hat 500 Exemplare ihres Erstlings „Unter Haien“ auf eigene Kosten drucken lassen, in der Garage gelagert und dann nach und nach im Kofferraum in die Buchhandlungen gefahren und unter die Leser gebracht. Durch Zufall wurde nach zwei weiteren Büchern „on demand“ eine Vertreterin des Ullstein-Verlags auf ein Buch von ihr aufmerksam. Heute haben die Bücher von Nele Neuhaus allein in Deutschland eine Gesamtauflage von rund fünf Millionen verkauften Exemplaren. Ähnlich ging es E.L. James, der Autorin von „50 Shades of Grey“ (Rezension) oder Lena Späth mit „Beyond Curtains“ (Rezension).

Auch Hartmann hat seine Erfahrungen gemacht. 20 Literaturagenten hat er kontaktiert, nur vier haben sich überhaupt zurückgemeldet. Interesse von Verlagen? Fehlanzeige. Hartmann lässt sich davon nicht beirren. Er sitzt mittlerweile an der Fortsetzung von „Talib“ und macht sich nebenbei im Land mit Lesungen bekannt. Möge an irgendeinem Ort, in irgendeiner Lesung zufällig eine Verlagsvertreterin sitzen und spitze Ohren kriegen. Vangélis Tsakátos muss weiterleben!

Frank Hartmann: Talib – der Schüler, Books on Demand, Norderstedt, 2019, 384 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3748110354, Leseprobe

Verehrt, verfolgt und fast vergessen

Vor rund 115 Jahren wurde in Dawideny im österreichischen Kronland Bukowina einer der bekanntesten deutschsprachigen Tenöre der 1930er Jahre geboren. Jetzt holt der Essener Autor Stefan Sprang den fast in Vergessenheit geratenen jüdischen Sänger und Filmstar Joseph Schmidt mit seinem hervorragend recherchierten und ergreifenden Roman „Ein Lied in allen Dingen“ wieder zurück ins Licht. Wahrlich war es Zeit für eine Wiederentdeckung!

Die Menschen schreiben den 9. Mai 1933, und Joseph Schmidt ist 29 Jahre alt. Es ist ein Dienstag, und mehr als 2.000 Menschen versammeln sich am Abend im Ufa-Palast am Zoo in Berlin. Gegeben wird die Uraufführung des Tonfilms „Ein Lied geht um die Welt“. Alle sind sie gekommen, die Stars und Sternchen, darunter natürlich die Hauptdarsteller Charlotte Ander und Viktor de Kowa sowie der Regisseur Richard Oswald. Nur einer fehlt: Joseph Schmidt. „Machen ’se sich ma‘ schleunigst auf den Weg. Die Leute wollen Sie sehen. Dit brodelt hier, dit is‘ der reinste Hexenkessel. Die reißen mir sonst dit Kino ab, hören‘ Se! Zeigen Se‘ sich“, schallt es aus dem Telefon. Joseph Schmidt muss hin, dabei wollte er dem Spektakel fern bleiben. Nicht weil er den Rummel um seine Person nicht schätzt, sondern weil sich NS-Propagandaminister Joseph „Die Kaulquappe“ Goebbels angesagt hat.

In Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen

„Den meisten war eh piepegal, dass er tausend Kilometer von hier entfernt als Jude geboren war. Er hieß doch Schmidt. Schmidt wie bestimmt eine Million guter Deutscher zwischen Schleswig und Sonthofen.“ Doch in Deutschland ist das furchtbare Zeitalter angebrochen, in dem Juden verfolgt, deportiert und später auch in schier unfasslich großer Zahl vergast werden. Goebbels‘ Besuch und seine Bravo-Rufe sind nichts als eine Farce. Und trotzdem: Um den Herrn Minister nicht zu brüskieren, muss Joseph Schmidt auch am festlichen Essen im Savoy teilnehmen. Dort kommt es zum Austausch der beiden Josephs: dem Juden und dem Judenhasser.

Wie mag dieses Gespräch verlaufen sein? Worüber haben die beiden Männer sich unterhalten? Es gibt kein Protokoll davon, keine Primärliteratur, nur die Gewissheit, dass es stattgefunden hat. Stefan Sprang erschließt sich in seinem Roman eine Version, wie es hätte sein können. Ein gegenseitiges Taxieren mit Blicken, Worten, Höflichkeiten, während beide wissen, dass der eine der Wolf und der andere der Gejagte ist. Der eine will größtmögliche Propaganda, der andere will überleben.

Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden

Am nächsten Abend brennen in Berlin die Bücher. Anwesend auch hier: Joseph Goebbels. Joseph Schmidt dagegen flüchtet vor den Nationalsozialisten ins geliebte Wien. Jetzt ist der weltweit berühmte Sänger ein Flüchtling, und er wird es den Rest seines kurzen Lebens bleiben. Stefan Sprang beginnt seinen Roman mit einem der vielen Fluchtmomente von Joseph Schmidt. Es ist eine seiner letzten, die Flucht von Südfrankreich in die Schweiz, mit dem Judenschlepper in kalten Nächten heimlich über die Grenze. „Endlich denen entkommen, die Böses gut und Gutes böse nennen“, schreibt Sprang und zitiert damit aus dem Alten Testament. Entkommen, Flucht, und stets die Angst vor dem Entdecktwerden. Sprang findet dafür Worte, die einfach scheinen, oft in Hauptsätzen daherkommen, aber so wirkungsvoll das Kopfkino in Gang setzen.

Nicht nur in diesen Passagen, sondern im gesamten Roman trifft Sprang den Sprachduktus der damaligen Zeit perfekt. Der als freier Hörfunkredakteur arbeitende Autor hat für sein Buch kaum Sachbücher gelesen, schreibt er in den Nachbemerkungen. Stattdessen: „Literatur, Literatur, Literatur.“ Christopher Isherwood, Ernö Szép, Manès Sperber, Anna Seghers, Alfred Döblin, Vicki Baum und immer wieder Joseph Roth. „Dieser Roman ist damit auch ein Ehrerweis. Für die vielen herausragenden Autorinnen und Autoren der 20er, 30er und 40er Jahre“, schreibt er.

Vor allem aber ist der Roman eine detailverliebte, tiefe Verneigung vor der lyrischen Sangeskunst und dem Leben von Joseph Schmidt, der zu seiner Höchstzeit dermaßen erfolgreich war, dass er etwa 1936 in den Niederlanden ein Open-Air-Konzert vor mehr als 100.000 Menschen gab und 1937 in der Carnegie Hall in New York auftrat. Sprang zeigt ihn auch als humorvollen, fröhlichen und charmanten Mann, der trotz seiner geringen Körpergröße von nur 1,54 Metern eine große Anziehungskraft auf Frauen ausübte.

„Zu Tränen gerührt, selbst beim simpelsten Schlager“

Wohl niemals aber wäre dieser Roman erschienen, wäre Stefan Sprang als Student nicht innerhalb Berlins umgezogen. Denn in der neuen und vom Vormieter wohl überhastet verlassenen Wohnung findet er neben allerlei Krempel eine Doppel-LP mit Liedern und Arien von Joseph Schmidt. Auf dem nächstbesten Schallplattenspieler aufgelegt, ist dies der „magische Funke: Eine unerhörte Stimme, der Gesang eines Mannes, wie ich ihn noch nie erlebt hatte – ergreifend von der ersten Note an, dass man eine Gänsehaut bekam und zu Tränen gerührt war, selbst beim simpelsten Schlager.“

Als die Nadel auf die A-Seite der Schallplatte aufsetzt und das leise Knacken vom Staub in der Rille dem Sänger namens Joseph Schmidt Platz macht, hört der 25-jährige Student zum ersten Mal das Lied „Heut‘ ist der schönste Tag in meinem Leben“, aufgenommen im September 1935 in Wien:

Sprang liest auf der Plattenhülle von Schmidts Schicksal, und schnell ist ihm klar: „Ich will – ich muss – über diesen so besonderen Menschen schreiben.“ Doch Sprang schreibt erst anderes: Kurzgeschichten, einen Jazz-Roman und einen Hörspiel-Monolog, der 2018 vom Theater Essen-Süd kongenial für die Bühne adaptiert wird. Und jetzt also endlich „den Schmidt“.

Es ist eine Freude, ihn zu lesen, wenngleich das Los, das Joseph Schmidt gezogen hat, ein fuchtbares ist. In der neutralen Schweiz, seinem letzten Zufluchtsort vor den immer näher rückenden Nationalsozialisten, stirbt er mitten im Zweiten Weltkrieg mit nur 38 Jahren. Nur zwei Tage später hätte er Asyl bekommen und wieder auftreten dürfen.

Stefan Sprang: Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt, Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main, 2019, 318 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3957712387

Was Frauen nicht wollen

Wer den Erzählband „Ihr Körper und andere Teilhaber“ der US-amerikanischen Autorin Carmen Maria Machado gelesen hat, bleibt mit Gefühlen von Leere, Wut, Beschämen, aber vor allem mit Ratlosigkeit zurück. Denn allen Geschichten ist gemein, dass es im Grunde keine (Er-)Lösung, keine Antwort gibt, nur ein alles beherrschendes Thema: Die oft erschreckende Lebensrealität von Frauen und welches Leid sie und ihre Körper erfahren müssen.

In den acht Geschichten geht es schlichtweg um Macht und das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. In „Der Extrastich“ muss sich eine Frau ihres übergriffigen Mannes erwehren, der nicht akzeptieren will, dass er das seltsame, grüne Band, das sie um ihren Hals trägt, nicht lösen darf. Eine andere Frau, Opfer eines gewalttätigen Übergriffs, stellt fest, dass sie die Gedanken von Schauspielern in Pornofilmen hören kann. Andere verblassen oder lassen sich in ihre Ballkleider einnähen. Eine Frau muss im Wochenbett mit anhören, wie ihr Mann den Arzt fragt, ob der die Vagina seiner Frau nach dem Dammriss nicht noch enger zunähen könne.

Das Buch erschien in den USA Ende 2017; wenige Tage später kamen die Vorwürfe gegen Harry Weinstein ans Licht, er habe zahlreiche Frauen vergewaltigt oder sexuell belästigt. Es folgte die MeToo-Bewegung, und Machados literarisches Debüt erschien als mehr als treffsicherer Kommentar zu den Diskussionen. Den Erfolg ihres Buches nur darauf zu reduzieren, würde aber die hohe literarische Qualität verleugnen. Die New York Times setzte „Ihr Körper und andere Teilhaber“ im Jahr 2018 auf die Liste von „15 bemerkenswerten Büchern von Frauen, die im 21. Jahrhundert die Art und Weise, wie wir Fiktion lesen und schreiben, prägen“.

Bemerkenswert – diese vorsichtig zum Lob anstimmende Meinung werden viele Leser unterschreiben können. Auch jene, die von den allzu phantasiereichen Darstellungen verwirrt oder abgestoßen sind. Manchenorts erinnert Machado an Melissa Broder und ihren ersten märchenhaften Roman „Fische“ (zur Rezension). Dann und wann ist „Ihr Körper und andere Teilhaber“ verstörend oder voller Horror, aber fast immer ist dieses Buch einfach nur brillant und originell. Wie sie über das (teilweise queere) Lieben und Leben mit Männern und Frauen schreibt, über Sex und Verlangen, Körper und Brutalität, ist sonderbar, bizarr, immer sehr deutlich und ohne falsche Scheu, aber auch oft herzerwärmend.

Dem Band ist ein Zitat der Poetin Elisabeth Hewer vorangestellt, das gleich zu Beginn deutlich macht, was hier zu erwarten ist: „Gott hätte Frauen zu Gifttieren machen sollen, als er aus Männern Monster machte.“ Machados Erzählband ist ein erschreckender Erlebnispark, aus dem es kein Entrinnen gibt, denn auch die Jobs der Karussellbremser sind hier allesamt mit Männern besetzt, die einem leise Angst machen und die Kehle zuschnüren.

Machado hat in den USA viel Aufmerksamkeit erregt, und sie hat noch so viel mehr davon auch in anderen Ländern verdient. Offen und mutig für den Feminismus eintretend, so sind die literarischen Stimmen, die diese Welt für Frauen positiv verändern können. Machados ist darunter eine der lautesten und beeindruckendsten.

Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber, Tropen Verlag, Stuttgart, 2019, 300 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3608503975, Leseprobe

Diese Rolle spielt Design und Architektur im Iran

Wer in den Niederlanden abends durch die Straßen flaniert, kann meist einen unverstellten Blick auf das Interieur werfen. Designmöbel oder Eiche brutal, Raufasertapete, Stuckdecke oder Wischtechnik in der Trendfarbe Macchiato – vor allem Design- und Architekturfreunde genießen solche Einblicke. Aber wie leben Menschen in Ländern abseits der westlichen Standards? Die Münchnerin Lena Späth zeigt in „Beyond Curtains“ selten Gesehenes: fantastisch designte Häuser in einem modernen Iran.

Lena Späth ist studierte Orientalistin und reist im Herbst 2008 zum ersten Mal nach Teheran, um dort für fünf Monate Farsi zu lernen. Als sie zurück nach Deutschland kommt, hat sie Unmengen an Büchern und Handarbeiten im Gepäck, aber auch ihr Herz an einen Iraner verloren. „Durch ihn, seine Freunde, Musik, Lieblingsgedichte und -bücher, Familie, Kaffeeläden, seinen Slang und seine Geschichten traf ich den wirklichen Iran“, schreibt sie in ihrem Vorwort. Seitdem ist sie immer wieder in den Iran geflogen, um Teheran-Luft zu schnuppern und durch das „Freilichtmuseum der Jahrtausende zu reisen“ und die „Kontraste zwischen den liberalen und traditionellen Iranern zu erleben“.

Diese Kontraste finden sich auch in der iranischen Innenarchitektur. Viele Fotos zeigen, wie sehr das Traditionelle als kulturelles Erbe erhalten wird und zugleich Geschichte und Modernität kunstvoll miteinander kombiniert werden. Eines der besten Beispiele dafür ist das Hotel Manouchehri in der Wüstenstadt Kashan, rund drei Stunden südlich von Teheran. Der Hoteleigentümer, ein begeisterter Sammler iranischer Kunst und Textilien, hat ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Kaufmannshaus restauriert. Wir sehen den üblichen Portikus, dazu wunderbare Muster in den Schlamm- und Ziegelmauern sowie farbenfrohe Glasfenster und einen fetten Kronleuchter in der Lobby. Dazu hat der Innenarchitekt Shahnaz Nader minimalistische Möbel in klaren Farben arrangiert.

Savoir-vivre im Iran

Oder die Villa Shomal, ein 1992 entstandenes Gebäude, das 2016 umfangreich renoviert und modernisiert wurde. Designer Ali Ravanpak, ein ambitionierter Koch, baute, für Iraner völlig irrwitzig, die Küche in die Mitte des Wohnbereichs. An der Terrasse laden weiße und orange Kissen zum Verweilen am Pool ein. Und obwohl die Villa den Chic der westlichen Welt einfängt, behält sie doch den Charme der persischen. Fenster, die an Schießscharten erinnern, schützen den privaten Raum vor allzu neugierigen Blicken von außen. Grandios und gemütlich einladend: die halbrunde Couch rund um den Kamin und den freien Blick auf die Küche. Savoir-vivre im Iran.

Dass diese Art der Inneneinrichtung nicht repräsentativ ist für alle Schichten, macht Späth im Vorwort deutlich. Auch im Iran sind Design und Innenarchitektur eher Themen für die Familien der Mittel- und Oberschicht. Trotzdem ist „Behind Curtains“ kein bloßes Schaubild von den Hütten und Palästen der Reichen und Etablierten, sondern eine anschauliche Einführung, wie hinter alten, bisher verschlossenen Mauern trotz Tradition die Moderne Einzug hält.

Vom Eigenverlag zur Buchrolle

Lena Späth hat ihre Arbeit im Jahr 2017 als „Behind Closed Curtains“ im Eigenverlag herausgegeben. Wenig später erscheint es als „Beyond Curtains“ auch im Berliner Buchrollen-Verlag „Round not Square“, wo neben einigen herausragenden Foto- und Kunstbücher(-rollen) auch das zauberhafte Kindermärchen „Wilma und Wolf“ oder die Graphic Novel „Shipwreck“ erschienen sind.

Der Verlag revolutioniert seit einigen Jahren den Buchmarkt, indem er Bücher als handgebundene Buchrollen auf den Markt bringt. Für „Beyond Curtains“ bedeutet das, sich den Worten und Fotos auf besonders intensive Weise widmen zu können. Ein schnelles Durchblättern ist hier unmöglich. Stattdessen beschäftigt sich der Leser und Beschauer beim Aus- und Einrollen ganz bewusst mit dem Entdecken von hoch- oder querformatigen, kleinen oder ausladenden Fotos. Die rund 15 Meter lange Schriftrolle schafft eine fast endlos scheinende Fläche der Möglichkeiten.

Lena Späth schreibt, sie habe bei ihrer Arbeit ein ultimatives Ziel gehabt: „Nicht nur jedem den Blick hinter die Vorhänge zu erlauben, sondern auch über die eigene Nasenspitze hinaus.“ Wir haben nur diese eine Welt – raffen, ach was: rollen (!) wir die Vorhänge beiseite und schauen sie uns an!

Lena Späth: Beyond Curtains, Round not Square, Berlin, 2017, 15 Meter lang, 20 Zentimeter hoch, handgebunden in Buchleinen mit eingebetteten Magneten, 50 Euro, bestellbar über den Onlineshop des Verlags, Video, Webseite von Lena Späth

Seitengang dankt dem Verlag „Round not Square“ für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.