Großmutter und die Phase mit Hitler

IrminaSchon bei Goethes Faust wohnten zwei Seelen, ach!, in seiner Brust. Auch Irmina ist innerlich zerrissen, allerdings nicht mit faust’schen Ambitionen, sondern zwischen Rechtschaffenheit und dem Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Sie ist die Heldin in Barbara Yelins gleichnamiger Graphic Novel. Zutiefst beeindruckend erzählt die Autorin und Zeichnerin darin die Geschichte einer jungen Mitläuferin zur Zeit des Nationalsozialismus‘. Viele Bücher sind darüber geschrieben worden, aber selten geht eines dem Leser so nahe wie dieses. Vielleicht weil Barbara Yelin das Leben ihrer eigenen Großmutter als Vorlage genommen hat. Vielleicht auch, weil es eine Generation an das Schweigen ihrer Eltern und Großeltern erinnert.

Die Handlung beginnt im Jahr 1934. Irmina, eine junge, selbstbewusste Frau, stolz, aber etwas spröde, geht von Stuttgart nach London, um dort an einer Wirtschaftsschule für Mädchen eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin zu machen. Frei möchte sie sein und unabhängig. Sie verliebt sich in Howard, einen schwarzen Stipendiaten aus Oxford. Beide verbindet das Fremdsein in England. Offen ergreift sie für ihn Partei, wenn er sich rassistischen Bemerkungen gegenübersieht. Auf Äußerungen der Engländer zur Situation in Nazi-Deutschland reagiert Irmina indes patzig und kratzbürstig.

Als selbst Howard bei einer romantischen Bootstour Adolf Hitler erwähnt, wird sie wütend und schimpft, alle Welt rede immer nur von Hitler, wenn das Gespräch auf Deutschland komme. „Der hält sich doch nicht. Das ist nur eine Phase“, erklärt sie Howard. Davon sei sie fest überzeugt. Schon hier deutet sich eine politische Naivität an, die sich später noch öfter zeigen wird. Howard und Irmina träumen von einer gemeinsamen Zukunft, vielleicht sogar auf Barbados, Howards Heimat. Doch dann wird das Geld knapp. Sie kehrt nach Deutschland zurück. Ohne ihre große Liebe. Im April 1935.

Sie selbst verändert sich schleichend

Über Beziehungen gelangt sie an eine Stelle im Reichskriegsministerium in Berlin. Überall auf den Fluren schallt ihr der Hitler-Gruß entgegen, sie selbst verändert sich schleichend. Sie heiratet einen überzeugten Nationalsozialisten, einen SS-Mann und Architekten, der auf den großen Auftrag wartet, den Speer einmal nicht bekommt, und hofft auf den ersehnten finanziellen Aufschwung, den gesellschaftlichen Aufstieg und das ganz persönliche Glück. Währenddessen verliert sie nach und nach und ganz leise ihren so wertvollen Sinn für Rechtschaffenheit.

Yelin lässt dem Leser genügend Raum für die Überlegung, was er an Irinas Stelle getan hätte, welchen Weg er beschritten hätte. Und ob er selbst dem sicheren Scheitern entkommen wäre. Eine Frage, die sich die Nachkriegsgenerationen noch heute stellen. Weil sie von ihren Eltern und Großeltern keine Antworten bekommen haben. Millionen von Menschen haben in der Nazi-Zeit geschwiegen, während auf der Straße Juden zusammengetrieben wurden, die noch gestern ihre Nachbarn waren. Millionen von Menschen haben die Augen vor der Realität verschlossen, den Mund nicht aufbekommen, und man fragt sich immer noch fassungslos: Wie konnte das sein?

Yelins Buch gibt eine eigentlich einfache, aber immer wieder erschütternde Antwort: Weil die Millionen Menschen, die wir heute als Mitläufer bezeichnen, aus dem Leid der Opfer ihren Nutzen gezogen haben. Sie haben sich schlichtweg an ihnen bereichert. Ehemaliges jüdisches Eigentum wurde versteigert, Wohnungen von Deportierten waren günstiger zu haben, Arbeitsstellen, die zuvor von Juden besetzt waren, wurden frei und konnten nun eingenommen werden. Der Historiker Dr. Alexander Korb, der Yelin bei dem Buch historisch begleitet hat, erklärt dies in seinem lesenswerten Nachwort als „eindeutigen Beleg dafür, dass die Judenverfolgung eben nicht nur ein von einer Clique von Verfolgern durchgeführtes Verbrechen war, sondern sich in einer vielfältigen Weise auf das Leben aller Zeitgenossen auswirkte, ebenso wie umgekehrt das Verhalten des Einzelnen eine Rückwirkung hatte auf den Verlauf der Verfolgung.“

Allerlei Schattierungen von Grau und Schwarz

Barbara Yelins Comicroman bietet einen ungeheuerlichen Einblick in eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Ihre Zeichnungen skizzieren detailreich und in allerlei Schattierungen von Grau und Schwarz die Zeit des Nationalsozialismus‘. Bei einer Lesung im Bielefelder Buchladen „Eulenspiegel“ erzählt sie, sie habe sich beim Zeichnen an die Geschichte herangetastet. Denn das Buch erzählt auch die Geschichte von Yelins Großmutter. Nach deren Tod entdeckte Yelin einen Karton mit Briefen und Tagebüchern.

Der Fund habe sie inspiriert, schreibt sie im Vorwort. Für die Handlung des Romans habe sie sich jedoch erzählerische Freiheiten genommen: „Die auftretenden Personen, ihre biografischen Zusammenhänge und viele der Schauplätze sind zugunsten der Dramaturgie frei gestaltet.“ Faszinierend ist vor allem, dass Yelin ihre Großmutter weder nur verurteilt, noch sie nur in Schutz nimmt, sondern sich beides die Waage hält.

Das Buch kostet 39 Euro – auch für Graphic Novels ist das ein stolzer Preis. Dennoch: „Irina“ ist vor allem eins: große Kunst. Und Kunst kostet nun mal Geld.

Barbara Yelin: Irmina, Reprodukt Verlag, Berlin, 2014, 288 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 38 Euro, ISBN 978-3956400063, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

  1. Danke für den sehr interessanten Beitrag zur Geschichtsverdrängung vieler in der Eltern – und Großeltern Generation. Der Grund für das Schweigen dieser Generationen, das uns, die Nachkriegsgeneration, auch heute noch immer wieder umtreibt, wird wohl niemals wirklich geklärt werden. Aber Bücher dieser Art helfen vielleicht mit, dass solche Dinge niemals wieder geschehen?

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