Gone Girl zum Zweiten

Girl on the TrainWie konnte „Girl on the Train“ nur ein Bestseller werden? Es erinnert an allen Ecken und Kanten an Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“, kann aber mit dem Vorbild an Raffinesse und Spannung überhaupt nicht mithalten. Hintergründig betrachtet, ist „Girl on the Train“ das Produkt einer perfekten Werbemaschinerie. Immerhin aber gelingt der Autorin Paula Hawkins bei der Protagonistin des Romans die vortreffliche Darstellung einer alkoholkranken Frau.

Jeden Morgen fährt Rachel mit dem Zug nach London, und jeden Morgen hält der Zug an derselben Stelle auf freier Fläche an. Dann geht ihr Blick zum Fenster hinaus und hinüber zur Wohnsiedlung, die direkt an die Bahngleise grenzt. Früher hat sie dort auch gewohnt, mit ihrem Mann, glücklich, in der kleinen Vorstadtidylle. Jetzt wohnt eine neue Frau bei ihrem Ex-Mann, sie haben ein kleines Kind zusammen, und Rachel kommt und kommt nicht los von ihrem Tom, der nicht mehr ihrer ist. Und weil sie das Leben derzeit so deprimiert, sehnt sie sich nach Liebe, Zuneigung, Geborgenheit und projiziert all diese Wünsche auf ein junges Paar, das sie nicht kennt. Sie nennt sie Jess und Jason.

Beide wohnen ebenfalls in der kleinen Wohnsiedlung an den Bahngleisen. Und jedes Mal, wenn Rachels Zug dort halten muss, beobachtet sie das Leben der beiden. Vieles malt sie sich aus, einiges aber kann sie auch aus dem Fenster sehen. Eines Tages bricht das Bild einer perfekten Liebe entzwei, denn Rachel beobachtet eine Szene, die sie in Mark und Bein erschüttert. Wenig später liest sie in der Zeitung von einem Vermisstenfall – daneben ein Foto von ihrer Jess. Für Rachel steht außer Frage, dass sie ihre Beobachtungen nicht für sich behalten sollte und begibt sich nicht nur dadurch in Gefahr.

Nach 32 Seiten drängt sich der Vergleich auf

Das klingt zunächst einmal nach einem soliden Thrillerplot. Nach 32 Seiten aber drängt sich zunehmend der Vergleich mit „Gone Girl“ auf, denn der Roman wird nicht nur aus Rachels Sicht erzählt, sondern auch aus der von Megan, die man bis dahin nur unter dem Namen „Jess“ kennt. Megans Erzählung aber beginnt ein Jahr zuvor und bewegt sich auf das Jetzt zu, während Rachels Erzählstrang linear in der Gegenwart verläuft. Das kennen Leser bereits von „Gone Girl“: Dort ist es der Ehemann, der die Gegenwart erzählt, und aus dem Tagebuch der verschwundenen Ehefrau erfahren die Leser, was zuvor passiert ist. Beide Erzählstränge wechseln sich auch bei „Gone Girl“ immer wieder ab. Doch die Konstruktion des Romans ist nicht die einzige Parallele. Die englischen Romantitel sind in beiden Fällen auch in der deutschen Übersetzung beibehalten worden und klingen zumindest so ähnlich, dass es wohl eher kein Zufall ist. Auch beide Covergestaltungen ähneln sich in Farbe und Typographie.

Der Verlag Blanvalet, der zur Verlagsgruppe Random House gehört, hat zur Veröffentlichung eine große Werbekampage gefahren, die ihre Wirkung offensichtlich nicht verfehlt hat, denn auch in Deutschland kletterte das Buch in den Bestsellerlisten nach oben. Besucher der Bertelsmann-Party 2015 in Berlin fanden in ihren Überraschungstüten ein Exemplar von „Girl on the Train“ – ein geschickter Werbe-Schachzug, um das Buch auch unter den Promi-Multiplikatoren zu verbreiten. Doch kann man das Bertelsmann und Blanvalet wirklich vorwerfen? So funktioniert die Buchbranche nun mal.

Was man dem Roman jedoch lassen muss, ist die hervorragende und zum Fremdschämen geeignete Darstellung der alkoholkranken Rachel. Alkohol ist hier kein Genussmittel mehr, was sich schon daran erkennen lässt, dass sie Gin & Tonic fertig gemischt aus Dosen trinkt. Im Grunde ist Rachel ständig sturzbetrunken und weiß oft am Morgen nicht mehr, was sie in der Nacht so alles angestellt hat, nachdem sie sich am Laden um die Ecke noch eine Flasche Wein gegönnt hat. Oft hat sie dann ihren Ex-Mann angerufen und gebettelt, dass er sie doch wieder lieben solle. Der aber macht sie stattdessen runter und stürzt sie damit noch weiter in die Abhängigkeitsspirale. Hin und wieder redet sie sich ein, keinen Alkohol mehr zu trinken und sich einen neuen Job zu suchen, doch der Vorsatz hält manchmal wenige Tage, häufig jedoch nur wenige Stunden und ein paar Enttäuschungen, bis sie wieder zum Hochprozentigen greift.

Wer kann ihr glauben?

Alkoholisiert ist sie aber die denkbar schlechteste Zeugin für ein mögliches Verbrechen. Wer kann ihr glauben, wenn sie Träume für die Realität hält und ihr allzu oft eine Alkoholfahne vorausflattert? Paula Hawkins stellt das alles hervorragend und sehr eindringlich dar. Auch den Leser führt sie damit gerne an der Nase herum, so dass durch die verschiedenen Sichtweisen immer mehr mögliche Perspektiven und Tatvarianten ins Spiel kommen. Das ist durchaus gut gemacht.

Was bleibt, ist also eine ganz solide Thrillerhandlung, verbunden mit einer ausgezeichneten Darstellung des Alkoholismus. Von Paula Hawkins darf man sicher noch mindestens einen weiteren Roman erwarten, denn die in Simbabwe aufgewachsene Autorin wird wohl gerne an ihren Erfolg anknüpfen wollen. Hawkins arbeitete fünfzehn Jahre lang als Wirtschaftsjournalistin, bevor sie unter dem Pseudonym Amy Silver mit dem Schreiben von Liebesromanen begann. „Girl on the Train“ ist ihr erster Roman unter ihrem Klarnamen. Die Filmrechte hat sich Dreamworks gesichert, und am 7. Oktober 2016 kommt der Film schon in die amerikanischen Kinos. Die Rolle von Rachel hat die britisch-US-amerikanische Schauspielerin Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“, „Lachsfischen im Jemen“) übernommen.

Paula Hawkins: Girl on the Train – Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich, Blanvalet Verlag, München, 2015, 447 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3764505226, Video-Buchtrailer, Leseprobe

Großmutter und die Phase mit Hitler

IrminaSchon bei Goethes Faust wohnten zwei Seelen, ach!, in seiner Brust. Auch Irmina ist innerlich zerrissen, allerdings nicht mit faust’schen Ambitionen, sondern zwischen Rechtschaffenheit und dem Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Sie ist die Heldin in Barbara Yelins gleichnamiger Graphic Novel. Zutiefst beeindruckend erzählt die Autorin und Zeichnerin darin die Geschichte einer jungen Mitläuferin zur Zeit des Nationalsozialismus‘. Viele Bücher sind darüber geschrieben worden, aber selten geht eines dem Leser so nahe wie dieses. Vielleicht weil Barbara Yelin das Leben ihrer eigenen Großmutter als Vorlage genommen hat. Vielleicht auch, weil es eine Generation an das Schweigen ihrer Eltern und Großeltern erinnert.

Die Handlung beginnt im Jahr 1934. Irmina, eine junge, selbstbewusste Frau, stolz, aber etwas spröde, geht von Stuttgart nach London, um dort an einer Wirtschaftsschule für Mädchen eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin zu machen. Frei möchte sie sein und unabhängig. Sie verliebt sich in Howard, einen schwarzen Stipendiaten aus Oxford. Beide verbindet das Fremdsein in England. Offen ergreift sie für ihn Partei, wenn er sich rassistischen Bemerkungen gegenübersieht. Auf Äußerungen der Engländer zur Situation in Nazi-Deutschland reagiert Irmina indes patzig und kratzbürstig.

Als selbst Howard bei einer romantischen Bootstour Adolf Hitler erwähnt, wird sie wütend und schimpft, alle Welt rede immer nur von Hitler, wenn das Gespräch auf Deutschland komme. „Der hält sich doch nicht. Das ist nur eine Phase“, erklärt sie Howard. Davon sei sie fest überzeugt. Schon hier deutet sich eine politische Naivität an, die sich später noch öfter zeigen wird. Howard und Irmina träumen von einer gemeinsamen Zukunft, vielleicht sogar auf Barbados, Howards Heimat. Doch dann wird das Geld knapp. Sie kehrt nach Deutschland zurück. Ohne ihre große Liebe. Im April 1935.

Sie selbst verändert sich schleichend

Über Beziehungen gelangt sie an eine Stelle im Reichskriegsministerium in Berlin. Überall auf den Fluren schallt ihr der Hitler-Gruß entgegen, sie selbst verändert sich schleichend. Sie heiratet einen überzeugten Nationalsozialisten, einen SS-Mann und Architekten, der auf den großen Auftrag wartet, den Speer einmal nicht bekommt, und hofft auf den ersehnten finanziellen Aufschwung, den gesellschaftlichen Aufstieg und das ganz persönliche Glück. Währenddessen verliert sie nach und nach und ganz leise ihren so wertvollen Sinn für Rechtschaffenheit.

Yelin lässt dem Leser genügend Raum für die Überlegung, was er an Irinas Stelle getan hätte, welchen Weg er beschritten hätte. Und ob er selbst dem sicheren Scheitern entkommen wäre. Eine Frage, die sich die Nachkriegsgenerationen noch heute stellen. Weil sie von ihren Eltern und Großeltern keine Antworten bekommen haben. Millionen von Menschen haben in der Nazi-Zeit geschwiegen, während auf der Straße Juden zusammengetrieben wurden, die noch gestern ihre Nachbarn waren. Millionen von Menschen haben die Augen vor der Realität verschlossen, den Mund nicht aufbekommen, und man fragt sich immer noch fassungslos: Wie konnte das sein?

Yelins Buch gibt eine eigentlich einfache, aber immer wieder erschütternde Antwort: Weil die Millionen Menschen, die wir heute als Mitläufer bezeichnen, aus dem Leid der Opfer ihren Nutzen gezogen haben. Sie haben sich schlichtweg an ihnen bereichert. Ehemaliges jüdisches Eigentum wurde versteigert, Wohnungen von Deportierten waren günstiger zu haben, Arbeitsstellen, die zuvor von Juden besetzt waren, wurden frei und konnten nun eingenommen werden. Der Historiker Dr. Alexander Korb, der Yelin bei dem Buch historisch begleitet hat, erklärt dies in seinem lesenswerten Nachwort als „eindeutigen Beleg dafür, dass die Judenverfolgung eben nicht nur ein von einer Clique von Verfolgern durchgeführtes Verbrechen war, sondern sich in einer vielfältigen Weise auf das Leben aller Zeitgenossen auswirkte, ebenso wie umgekehrt das Verhalten des Einzelnen eine Rückwirkung hatte auf den Verlauf der Verfolgung.“

Allerlei Schattierungen von Grau und Schwarz

Barbara Yelins Comicroman bietet einen ungeheuerlichen Einblick in eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Ihre Zeichnungen skizzieren detailreich und in allerlei Schattierungen von Grau und Schwarz die Zeit des Nationalsozialismus‘. Bei einer Lesung im Bielefelder Buchladen „Eulenspiegel“ erzählt sie, sie habe sich beim Zeichnen an die Geschichte herangetastet. Denn das Buch erzählt auch die Geschichte von Yelins Großmutter. Nach deren Tod entdeckte Yelin einen Karton mit Briefen und Tagebüchern.

Der Fund habe sie inspiriert, schreibt sie im Vorwort. Für die Handlung des Romans habe sie sich jedoch erzählerische Freiheiten genommen: „Die auftretenden Personen, ihre biografischen Zusammenhänge und viele der Schauplätze sind zugunsten der Dramaturgie frei gestaltet.“ Faszinierend ist vor allem, dass Yelin ihre Großmutter weder nur verurteilt, noch sie nur in Schutz nimmt, sondern sich beides die Waage hält.

Das Buch kostet 39 Euro – auch für Graphic Novels ist das ein stolzer Preis. Dennoch: „Irina“ ist vor allem eins: große Kunst. Und Kunst kostet nun mal Geld.

Barbara Yelin: Irmina, Reprodukt Verlag, Berlin, 2014, 288 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 38 Euro, ISBN 978-3956400063, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Hercule Poirot wäre lieber tot geblieben

Die Monogramm-MordeIhre Autoren liegen unter der Erde, aber die einst erfundenen Helden sind einfach nicht totzukriegen: Sherlock Holmes ermittelt noch immer, obwohl Arthur Conan Doyle längst das Zeitliche gesegnet hat. James Bond ist weiter im Dienste Ihrer Majestät unterwegs, Ian Fleming aber hat das Schreiben todesbedingt aufgeben müssen. Und jetzt ist auch noch Hercule Poirot, der wohl berühmteste belgische Privatdetektiv, wiederbelebt worden – eine Exhumierung, die man besser sein gelassen hätte.

Auch Agatha Christie ist tot, aber sie hat – wenn man ihren Erben glauben soll – eine würdige Nachfolgerin in der britischen Thrillerautorin Sophie Hannah gefunden. Der 43-Jährigen, die in England auch wegen ihrer preisgekrönten Lyrik bekannt ist, erlaubte man deshalb, Poirots 34. Fall zu schreiben. Was ist es geworden? Ein possierliches Krimistück, dem man die Ehrfurcht vor dem großen Vorbild anmerkt und das nicht richtig in Gang kommt.

Die Arroganz in Person sitzt in den 1920er Jahren in einem Londoner Kaffeehaus, als eine junge Frau in den kleinen Laden hastet. Augenscheinlich wird sie verfolgt, denn sie blickt sich ständig nach der Tür um. Poirot wird auf das Schauspiel aufmerksam und bietet selbstverständlich seine Hilfe an – wer sonst könnte der Dame helfen, wenn nicht der Meister selbst? Doch Mademoiselle Jennie ist sich gewiss: Sie wird schon bald das Opfer eines Mordes, der sogar gerechtfertigt sei. Poirot aber möge auf keinen Fall nach dem Mörder suchen.

Prädestinierter Sidekick

Der hat bald auch ganz andere Sorgen, denn im Hotel Bloxham sind drei Leichen gefunden worden, zwei Frauen und ein Mann, jeweils in einem anderen Zimmer. Jede Leiche hat einen Manschettenknopf mit dem Monogramm PIJ im Mund, und das ist noch längst nicht das letzte Rätsel, dem sich Poirot gegenübersieht. Begleitet wird er von seinem Freund von Scotland Yard, Edward Catchpool, einem nicht besonders hellen Burschen und deshalb prädestinierten Sidekick.

Wie Catchpool selbst gerät der Leser aber immer mehr in gründliche Verwirrung, während Poirot fortlaufend erklärt, er habe schon Lunte gerochen und man würde schon bald verstehen, was er selbst längst durchschaut habe. Der Fall ist nicht nur kompliziert, sondern wird immer unübersichtlicher. Hannah scheint es zusätzliche Freude zu bereiten, ihren Helden selbstbeweihräuchernd über die Strenge schlagen zu lassen. Er ist auch bei Christie immer ein eitler Geck gewesen, aber Hannah versucht offenbar zu zeigen, wie gut sie Christies Poirot imitieren kann. Das nervt und trägt nicht zum Lesegenuss bei.

Stattdessen hätte dem Roman etwas mehr Spannung gut getan. Aber leider zieht die Geschichte dahin wie ein vergessener Teebeutel im lauwarmen Wasser. Es mag Leser geben, die dem Plot aus Eifersüchteleien auf dem Land und einer späten Rache dennoch etwas abgewinnen können. Die Mimi, die ohne Krimi nie ins Bett geht, hat „Die Monogramm-Morde“ aber gewiss nicht unterm Arm.

Sophie Hannah: Die Monogramm-Morde – Ein neuer Fall für Hercule Poirot, Atlantik Verlag, Hamburg, 2014, 338 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3455600162, Leseprobe

Eine Holmes-Studie in triefend rot

Der Fall MoriartyWer im Herbst 2014 in London war, sah Lesende in den U-Bahnen und Cafés fast nur in ein einziges Buch vertieft: „Der Fall Moriarty“ von Anthony Horowitz. Nach dessen erfolgreichem Sherlock-Holmes-Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“ ist dem britischen Autor eine zweite faszinierende und spannende Version des klassischen Detektivromans gelungen.

Sherlock-Holmes-Fans wissen Bescheid: Der große Meisterdetektiv und sein Widersacher, Professor James Moriarty, haben sich einst an den Schweizer Reichenbachfällen getroffen und sind dort auch gestorben. Sherlock Holmes jedoch nur vorübergehend, denn die Fans waren geradezu empört, dass Arthur Conan Doyle Holmes so plötzlich und unrühmlich aus dem Leben scheiden ließ. Was jedoch in der Zeit zwischen der Reichenbach-Geschichte „Das letzte Problem“ und der Wiederauferstehung in „Das leere Haus“ geschah, dazu gibt es einige Interpretationen.

Horowitz hat sich eine weitere ausgedacht, denn „Der Fall Moriarty“ beginnt genau dort: An den Reichenbachfällen und mit der Leiche des Verbrechers Moriarty auf dem Tisch. Dort begegnen sich Inspektor Athelney Jones von Scotland Yard und der amerikanische Privatermittler Frederick Chase. Im Futter der Brusttasche entdecken die beiden einen Brief mit einem Code. Als der schließlich entschlüsselt ist, offenbart sich die tatsächliche Geschichte, denn Moriarty sollte sich in London mit dem berüchtigten amerikanischen Gangster Clarence Devereux treffen, der seine Geschäfte nach England ausdehnen will.

Die Londoner Unterwelt rümpft die Nase

Dass das viktorianische London bereits die neue Heimat für Devereaux geworden ist, zeigt sich an den wenig zimperlichen Morden, die sich quer durch die Stadt ziehen und nicht gerade nach feiner, englischer Machart sind. Da wird des nächtens ein ganzer Haushalt vergiftet und grausam niedergemetzelt, auf Scotland Yard ein Bombenanschlag übelster Sorte verübt und ohne viele Fragen das Feuer eröffnet. Die Londoner Unterwelt rümpft die Nase, weiß sich aber nicht so recht der dominanten amerikanischen Gewaltspirale zu entziehen. Denn jegliche Kritik wird sogleich mundtot gemacht – mitsamt demjenigen, der es gewagt hat, die amerikanischen Methoden infrage zu stellen.

Doch in Chase und Jones, der dem großen Vorbild Sherlock Holmes in seiner detektivischen Brillanz nacheifert, haben die amerikanischen Gangster würdige Gegner gefunden. Im Licht der Gaslaternen sind sie dem größten Verbrecher der Vereinigten Staaten auf der Spur, die sie zu Fuß und per Kutsche quer durch die Stadt und bis in die Katakomben des Smithfield Meat Markets führt.

Horowitz‘ neuer Roman ist kein zelebrierter Fünf-Uhr-Tee, sondern eine erneut gelungene Mixtur aus Sherlock-Holmes-Anleihen und modernen Thriller-Elementen. Die drastische Gewaltdarstellung erinnert in ihrer Blutigkeit an schwedische Krimis und ist für Fans des klassischen Sherlock Holmes womöglich nur mit Zahnschmerzen zu ertragen. Manchen von ihnen wird es Horowitz aber ohnehin nicht recht machen können.

Allen anderen aber sei dieser neue Wurf ans Herz oder vielmehr ans Bett gelegt, denn „Der Fall Moriarty“ ist beste Bettlektüre, gerade wenn es draußen rau und unwirtlich ist. Und er wartet mit einem verblüffenden Dreh und einer raffinierten Lösung auf, von der man mehr verraten möchte und doch nicht darf. Deshalb: Lesen, lesen, lesen!

Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty, Insel Verlag, Berlin, 2014, 343 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3458176121, Leseprobe, Video zum Buch

Leipziger Buchmesse 2014: Axel Hacke und Stefan Bachmann

Sprechen über Fußball: Der taz-Chefreporter Peter Unfried (l.) und der Journalist und Schriftsteller Axel Hacke.
Sprechen über Fußball: Der taz-Chefreporter Peter Unfried (l.) und der Journalist und Schriftsteller Axel Hacke.
Nachdem einige Messebesucher schon am Donnerstag das zweifelhafte Vergnügen gehabt haben, Axel Hackes Äußerungen über den Fall Hoeneß zu hören, tritt er am Freitag auch im Studio der Tageszeitzung taz auf, um über sein neu erschienenes Buch „Fußballgefühle“ zu sprechen.

Axel Hacke, der Journalist und Autor solcher Bucherfolge wie „Der weiße Neger Wumbaba“ und zuletzt „Oberst von Huhn bittet zu Tisch“ sagt von sich selbst, er sei kein Fußball-Fan, sondern lediglich Fußball-Freund. Denn das Fansein sei ihm fremd.

Doch die Begeisterung für den Fußballsport ist ihm in seiner Heimatstadt Braunschwein gleichsam in die Wiege gelegt worden. Als Erweckungserlebnis nennt er das Jahr 1967, jenes historische Jahr, als Eintracht Braunschweig zum ersten und bisher letzten Mal Deutscher Meister wurde. Da war Axel Hacke 11 Jahre alt. „So ein Ereignis kann einen Jungen in dem Alter prägen“, sagt Hacke.

Peter Kaack als Panini-Bild

Er erzählt von dem Panini-Album, in dem ihm damals nur noch ein einziges Klebebildchen fehlte: Das von Peter Kaack, jenem tragischen Eintracht-Spieler, der beim Europapokalspiel gegen Juventus Turin (Saison 1967/68) drei Treffer erzielte – zwei davon jedoch Eigentore. Und ausgerechnet das Klebebildchen dieses tragischen Helden der Eintracht fehlte im Panini-Album von Axel Hacke.

40 Jahre später schrieb er darüber einen Beitrag in seiner Kolume in der Süddeutschen Zeitung. „Tage später mache ich meine Post auf, und da flattert mir ein von Kaack signiertes Bild entgegen – da war ich sehr gerührt.“

Und es sind auch andere tragische Ereignisse, die den jungen Hacke in seiner Fußballwahrnehmung prägen. Als 1968 der Eintracht-Spieler Jürgen Moll und dessen Frau bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben kommen, war das der „erste große Schock in meiner Kindheit“. „Ich erinnere mich noch: Da erschien die Braunschweiger Zeitung sogar mit einem Extrablatt, das war ein ganz schöner Schlag für die Stadt und für mich.“ Noch heute rühre ihn die Geschichte zu Tränen.

„Ich mag den ungeschminkten Größenwahn“

Dann aber kommt Moderator Peter Unfried auf Bayern München zu sprechen: „Sie sind jetzt Bayern-Fan.“ Darauf Hacke: „Äh, nein, ich weigere mich, Fan zu sein, aber ich mag den ungeschminkten Größenwahn des Vereins und seine Art, dazu zu stehen und solchen Fußball zu spielen wie jetzt.“

Unfried fragt auch nach Hackes Reaktion auf den Fall Hoeneß. Hacke antwortet: „Ich bin dafür, auch die Kompetenz von Menschen zu sehen. Er ist ja kein Unmensch. Ja, er hat Steuern hinterzogen, und dafür geht er jetzt ins Gefängnis, aber kein Mensch ist nur gut oder nur böse, und das gilt auch für Hoeneß. Diese Häme, die jetzt über ihm ausgeschüttet wird, ist mir fremd.“

Auch der Frauenfußball ist Hacke fremd: „Ich mag keinen Frauenfußball, ich weiß aber auch nicht, was daran so schlimm ist, ich meine, es gibt ja auch viele Frauen, die auf Frauenfußball stehen, aber keinen Männerfußball mögen.“ Natürlich finde er das „super“, dass Frauen Fußball spielen. „Aber ich mag nun mal das Niveau der Bundesliga der Männer.“

Verzweifelungstaten gegen Bayern

Internationalen Fußball dagegen hält der Journalist für „langweilig“. Barcelona habe lange langweiligen Fußball gespielt. Aber auch das Champions-League-Spiel der Bayern gegen Arsenal am vergangenen Dienstag habe ihn bald gelangweilt, obwohl Bayern München in der ersten Halbzeit „unfassbar überlegen“ gewesen sei. Arsenals Bälle dagegen seien nur „Verzweifelungstaten gegen das perfekte Spiel der Bayern“ gewesen. Das Spiel endete 1:1 (0:0).

Hacke geht in seinem neuen Buch der Frage nach, was die Schönheit des Fußballs ausmacht. Im Gespräch bei der taz sagt er, ihn interessiere eher die Einzelleistung eines Spielers, nicht die Teamleistung. Maradona etwa habe ein ganzes Team ausgemacht. „Das waren Genies!“ Heute zähle aber mehr die Mannschaftsleistung.

„Mir ist die Austauschbarkeit von Spielern in diesen Teams suspekt.“ Wer etwa bei Bayern München einen Spieler vom Platz nehme und durch einen anderen ersetze, könne sicher sein, dass sich das Rädchen perfekt einfüge. „Früher gab es mehr Irre auf dem Platz – so wie Zlatan Ibrahimović heute“, erklärt er.

Abschließende Frage im taz-Studio: Können wir mit Jogi Weltmeister werden? Hacke antwortet schwammig. „Man gibt die Hoffnung ja nicht auf.“ Und: „Das Problem ist, dass so viele Spieler verletzt sind.“ Und weiter: „Hinterher kann man dann immerhin sagen, es lag daran, dass so viele verletzt sind.“ Der taz-Chefreporter Unfried besteht aber auf eine eindeutige Antwort. Doch Hacke floskelt nur: „Deutschland ist eine Turniermannschaft.“ Er bleibt die Antwort schuldig.

Axel Hacke: Fußballgefühle, Antje Kunstmann Verlag, München, 2014, 176 Seiten, gebunden, 16 Euro, ISBN 978-3888979330

Alles andere als seltsam: Der junge Stefan Bachmann, Autor von "Die Seltsamen", (l.) im Gespräch mit Wolfgang Tischer.
Alles andere als seltsam: Der junge Stefan Bachmann, Autor von „Die Seltsamen“, (l.) im Gespräch mit Wolfgang Tischer.
Etwas versteckt wurde dem Buchmessen-Publikum am Freitag Stefan Bachmann präsentiert. Der Name des jungen Autors ist derzeit in vielen Mündern, weil er als 18-Jähriger mit seinem phantasievollen Debüt in Amerika zum Bestsellerautor wurde, jedoch eigentlich Schweizer ist. Jetzt hat der Diogenes Verlag die deutsche Übersetzung als „Die Seltsamen“ veröffentlicht.

Im Forum autoren@leipzig erzählt der heute 21-jährige Jungautor, wie er zum Schreiben kam: „Wenn man viel liest, will man irgendwann selber schreiben.“ Er sei beim Lesen oft böse auf die Autoren gewesen, weil sie nie ihre Geschichte so erzählt haben, wie er sie gerne gelesen hätte. „Deshalb musste ich anfangen, meine eigenen Geschichten zu erzählen.“

Mit einem bewundernswerten Selbstbewusstsein erklärt er, er habe zuvor viele andere Bücher geschrieben. „Die waren dann immer weniger schlecht.“ Und schließlich habe er sich an „Die Seltsamen“ gemacht (im Original: „The Peculiar“). Erst wenn seine Mutter und seine Schwester ein Kapitel gelesen und für gut befunden hatten, schrieb er weiter. Andernfalls schrieb er es um.

„Ich habe jedes Mal versucht, es besser zu machen“

Der 1993 in Boulder, Colorado, geborene Bachmann lebt seit seinem elften Lebensjahr in Zürich, schrieb seinen Roman jedoch auf Englisch und dachte nicht daran, ihn auf Deutsch zu veröffentlichen. Stattdessen schickte er sein Manuskript an amerikanische Agenten. Eins nach dem anderen. „Wenn die Absage kam, habe ich jedes Mal versucht, es besser zu machen.“ Dann schickte er das Manuskript an den nächsten Agenten. Bis eine Agentin das Potential erkannte und zuschlug.

„Die Seltsamen“ sind Mischlinge, halb Mensch, halb Feenwesen. Und Bartholomew Kettle ist ein solcher Mischling. Seit einiger Zeit verschwinden die Mischlinge aus London und werden nicht mehr gesehen. Als Bartholomew sich auf die Suche nach seiner Schwester macht, beginnt eine eigentümliche Geschichte, die schon mit jenen von Charles Dickens verglichen wurde.

Dass Bachmann mit einem solchen Namen der Weltliteratur in einem Atemzug genannt wird, erklärt sich der Schüler jedoch so: „Wenn man jung ist, hat man weniger im Kopf, dann ist der Stil noch ähnlich der gelesenen Bücher.“

„Ja, das nervt sicherlich alle“

In den Feuilletons wird dem Wunderkind am häufigsten vorgeworfen, dass sein Buch an der spannendsten Stelle aufhöre. Bachmann hat dafür durchaus Verständnis: „Ja, das nervt sicherlich alle, aber für mich war es klar, dass es zwei Bände geben wird, aber dann ist auch wirklich Schluss.“

Ob aus dem jungen Mann nun tatsächlich ein Schriftsteller mit eigenem Stil wird oder nach zwei Büchern auch die kurze Schreib-Karriere ein Ende hat, wird sich zeigen. Denn der 21-Jährige will eigentlich Filmkomponist werden. Dafür studiert er seit seinem elften Lebensjahr am Zürcher Konservatorium Orgel und Komposition. Für den Online-Buchtrailer hat er die Musik komponiert.

Zu „Die Seltsamen“ wird beizeiten eine Seitengang-Rezension erscheinen.

Stefan Bachmann: Die Seltsamen, Diogenes Verlag, Zürich, 2014, 368 Seiten, gebunden, 16.90 Euro, ISBN 978-3257068887