Wie nur diese ganze Leere füllen?

In den USA ist Melissa Broder schon lange keine Unbekannte mehr. Auf ihrem Twitter-Account @sosadtoday schreibt sie seit Jahren über Sex, Einsamkeit und Selbstzweifel. Mehr als 677.000 Menschen folgen der Poetin dort. Jetzt ist ihr erster Roman auf Deutsch erschienen – und der ist ihr hervorragend gelungen.

Das Buch mit dem lapidaren Titel „Fische“ handelt von der 38-jährigen Lucy, einer frustrierter Singlefrau, die seit neun Jahren an ihrer Doktorarbeit über die antike griechische Dichterin Sappho schreibt, und das Projekt ebensowenig zu Ende bringt, wie sie ihrem Leben einen rechten Sinn geben mag. Als sie ihrem Ex-Freund Jamie die Nase bricht, weil der ihre Beziehungspause als Beziehungsende verstanden und sich die nächste Frau geangelt hat, geht ihr Leben noch ein wenig mehr den Bach runter.

Eines Abends erwacht sie mit Heißhunger, nachdem sie zu viele Schlaftabletten geschluckt hat. Als sie das zweite Mal wach wird, sitzt sie im Nachthemd im Auto, überall liegen Donuts verstreut, und ein Polizist beugt sich über den Beifahrersitz. Sie kann einer Anzeige nur entgehen, indem sie eine Therapie macht.

Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen

Und so landet sie schließlich weit entfernt von ihrer Heimat am Venice Beach und hütet das gläserne Strandhaus ihrer Halbschwester Annika, die für den Sommer auf Reisen ist. Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen: regelmäßig die Gruppentherapiesitzungen zu besuchen und Annikas diabeteskranken Jagdhund Dominic zu versorgen.

Dass die Geschichte gründlich nach hinten losgeht, muss man wahrscheinlich nicht erwähnen. Aber bei aller Komik, die dieses Buch so famos einzufangen weiß, erstarrt dem Leser das Lächeln dann und wann im Gesicht. Denn Melissa Broder schreibt in der Langform genauso weiter, wie sie bei Twitter Bonmots am laufenden Meter in die Welt entlässt. Ihre Wörter und Sätze umschreiben die Leere, die ein Leben manchmal hat.

Menschen neigen dazu, ihre Einsamkeit, Verzweiflung, ihren brutalen Neid auf das Glück anderer und die innige Sucht nach Nähe zu überspielen. Melissa Broder schreibt darüber, und zwar so messerscharf, dass es wehtut. Dass man manchmal wegschauen mag, weil man sich fragen muss: Wie ist das eigentlich bei mir?

Männerhirn im sexuellen Eifer des Gefechts

Die anderen, zum Teil exzentrischen, aber auch sehr amüsanten Frauen in ihrer Gruppentherapie betrachtet Lucy lange Zeit mit Spott, erkennt jedoch bald: So viel anders ergeht es ihr selbst nicht. Sie alle gelangen immer wieder an die falschen Männer, wollen sich davon befreien, um gleich darauf den nächsten derselben Art und Güte an Land zu ziehen.

Mit bitterer Satire beschreibt Broder auch Lucys Versuche, ihre sexuelle Lust zu befriedigen. Dabei ist vor allem die Hotelbegegnung mit einem Tinder-Date lesenswert, weil sie das stumpfe Hirn des Mannes im sexuellen Eifer des Gefechts so hervorragend entlarvt. Gleichzeitig wird deutlich, wie selbstzerstörerisch und obsessiv (nicht nur Liebes-)Beziehungen sein können. Weil sie mit der Sucht einhergehen, sich nicht einsam fühlen zu müssen und deshalb zwanghaft nach der Liebe streben.

Melissa Broder nimmt auch bei der Schilderung von Sex kein Blatt vor den Mund und erst recht kein Feigenblatt vor die Intimzone. Körperteile und Körperfunktionen werden in expressis verbis und fast akribisch detailliert beschrieben – wer damit ein Problem hat, sollte Broders „Fische“ besser meiden, denn nach der mittelmäßigen Beziehung mit Jamie probiert sich Lucy nun in einer Art Sexsucht aus.

Jetzt spinnt die Broder total

An diesem Buch reibt man sich auf. Man liest lachend und mit Kopfschütteln, mit Wut und Mitgefühl. Und dann kommt die Passage, wo das Buch völlig abdreht – und hier ist es wichtig, dass man es dann nicht zur Seite legt und sagt: Jetzt spinnt die Broder total. Denn Lucy begegnet ihrem Traummann Theo. Und der ist ein Fischmann. Kein Fischer, sondern ein ausgewachsener Fischmann. Mit Schwanzflosse. Ein junger Mann, der zu lieben versteht. Und der den Tinder-Sex als solchen in den Schatten stellt, weil er Sex wieder als Liebesspiel zwischen Mann und Frau erlebbar macht.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Begegnung entnahm Broder der Erzählung „La Sirena“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die sie gerade las, als das Buch entstand. „Es geht darum, dass ein Mann die Geschichte seiner Liebesaffäre mit einer Meerjungfrau erzählt, und ich wusste nicht, wie dunkel es war“, sagte Broder der New York Times. Und weiter: „So viele Männer sind von Schiffen mit Steinen in den Taschen weggegangen. Aber warum ist es immer ein Mann und eine Meerjungfrau? Was, wenn es eine Frau wäre, und was, wenn es in Venice Beach spielt, wo ich lebe?“, fragte sich Broder.

Oscar für den besten Film

Neun Monate später war der Roman fertig. Und wenn man ehrlich ist: So richtig abgedreht ist die Idee nicht, denn auch Star-Regisseur Guillero del Toro inszenierte in „Shape of Water“ gerade erst eine zarte Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Fischmann – und erhielt dafür unter anderem den Oscar für den besten Film.

Der satirische Debütroman der US-amerikanischen Social-Media-Ikone ist nicht nur ein bisschen märchenhaft, sondern in weiten Teilen mitreißend, berührend und zeitweise auch philosophisch und meditativ. Melissa Broder hat in den USA bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht. 2016 inspirierten sie ihre Tweets zu einer Sammlung von Essays über das Altern, den Tod und den Sex. Sie nannte das Buch wie ihren Twitter-Account: „So sad today“. Twitter ist mittlerweile nicht mehr auf 140 Zeichen beschränkt. Aber Broders Worte eignen sich für mehr. Ein Roman zumindest ist die richtige Weite für sie. Das hat sie mit „Fische“ bewiesen.

Melissa Broder: Fische, Ullstein Verlag, 2018, 352 Seiten, gebunden, 21 Euro, ISBN 978-3550050299, Leseprobe

Das Wellenspiel der Liebe

Zwei Paare auf einer kleinen Segelyacht zwischen Neapel und Capri, das könnte ein wunderbarer Sommertörn sein. Die beiden Männer sind jedoch Brüder, und der Jüngere hatte einst eine heimliche Affäre mit der Immer-noch-Frau des Älteren, bringt aber nun die neue Freundin mit. Mit seinem kurzen Roman „Ein Sommer“ schafft der Franzose Vincent Almendros ein hervorragendes Kammerspiel auf hoher See, das beeindruckend beweist, welch Wellenspiel die Liebe doch ist.

So richtig geheuer ist dem Ich-Erzähler Pierre die Idee seines segelbegeisterten Bruders Jean von Anfang an nicht. Die Yacht ist kaum länger als acht Meter, die Kajüte entsprechend klein. Lone, seine skandinavische Freundin, und er müssen in getrennten Kojen schlafen, jegliche Privatsphäre wird an Land zurückgelassen. Und sobald erstmal das offene Meer erreicht ist, gibt es kein Zurück mehr.

Ein betörendes Zusammenspiel

Das Unheil muss ja kommen, das ist klar. Anfangs sind Pierres Befürchtungen noch unbestimmt, die Begegnungen mit Jeanne, der Frau seines Bruders, zu wenig bedeutungsschwer. Beide sind scheinbar bemüht, jegliches Mehr zu verhindern. Aber das ändert sich. Es ist ein betörendes Zusammenspiel aus Jeannes verführerischem Können und der Erkenntnis, dass Pierre sie nie wirklich aus seinem Herzen entlassen hat.

Bald ist sein Kopf voller Jeanne-Gedanken. Das rächt sich etwa bei einem Landgang auf Capri, als er Lone in einer Eisdiele vergisst. Er versucht es mit einer Ausflucht: „Wir haben dich verloren“, sagt er, „wo warst du denn?“ Doch Lone antwortet: „Ja, du hast mich vergessen, das ist lustig.“ Aber niemand lacht.

Ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur

„Ein Sommer“, der nicht umsonst 2015 in Frankreich „als schönster Roman des Frühlings“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet wurde, ist sprachlich umwerfend gelungen. In kurzen, knappen Sätzen entwirft Almendros ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur und eine raffinierte Variante von Goethes „Wahlverwandtschaften“. Es ist zweifelsohne zeitlos, und doch sollte man es in der warmen Jahreszeit lesen. Denn fürwahr: Es ist ein vortreffliches Sommerbuch.

Vincent Almendros: Ein Sommer, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2017, 96 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3803113245

Klavierstück zu zwei Herzen

1950 erschien im schöngeistigen Südverlag ein Buch mit dem Titel „Das Lied des Pechvogels“. Heute, fast 70 Jahre später, legt der Verlag die lesenswerte Novelle wieder auf. Sie erzählt von der Wandlung einer stolzen Konzertpianistin zur engagierten Förderin eines unbekannten und mittellosen Komponisten.

Marina Lindo ist weltberühmt. Sie hat auf den großen Bühnen und in den wichtigsten Sälen den Flügel gespielt – und zwar stets beliebte Komponisten: Beethoven, Chopin, Debussy, Scarlatti, Reger und wie sie alle heißen. „Irgendwie erschien es ihr effekthascherisch, einen unbekannten Namen herauszubringen.“ Eines Abends jedoch begegnet sie bei einem Konzert ihres alten Musikprofessors dem mittel- und ruhmlosen Komponisten Valentin Quandt.

Zuvor hatte ihr Professor ein Stück von ihm gespielt, das ihr wie eine „Vergewaltigung des Publikums“ erschien. Sie verspottet es als Geklimper, nennt es grausam und fühlt sich geradezu erlöst, als es endlich beendet ist. Doch als sie gewahr wird, dass sie soeben dem Komponisten höchstselbst schonungslos die Meinung gegeigt hat, erschrickt sie und ist peinlich berührt. Sie folgt dem Mann, der seinen Wintermantel für Notenpapier und Lebensmittel verkauft hat, durch die Straßen Frankfurts.

Pianisten als Reproduktionskünstler

In der Tram entwickelt sich ein Gespräch über den Pianisten als Reproduktionskünstler, der oft nicht in der Lage sei, ein Stück so zu spielen, wie es der Komponist intendiert hat. Marinas Neugier ist geweckt, und sie bietet Valentin an, seiner Interpretation zu lauschen, um zu begreifen.

Es ist der Beginn einer seltsamen Beziehung zwischen zwei ungleichen Menschen. Marina Lindo, diese stolze, lebenslustige Frau, will nicht so recht zu dem bleichen, empfindlichen Jüngling passen, der mehr Todessehnsucht als Lebensfreude ausstrahlt. Ihre Liaison erwächst vor allem aus der gegenseitigen Liebe zur Musik. Und die bechreibt der Autor sprachlich so treffend, dass es zu Herzen geht.

Als Valentin Marina ein Klavierkonzert auf den Leib schreibt, folgt der Leser dem Gedankenspiel beim Schaffensprozess ganz unmittelbar:

„Der erste Satz war eine Ausdeutung des Stimmungsgehaltes, den er in dem Namen Marina entdeckte. Zunächst stieg das Bild einer Bucht auf Capri, der Piccola Marina, überraschend vor ihm auf (…). Auf den Schwingen des Lautes Marina ließ er sich hinaustragen in grenzenlose Schallfluten. Salzschaum sprühte in diesem Klang, ein Nachhall des Zeitalters der Weltumseglungen, des noch nicht Geographie gewordenen Abenteuers, das täglich neue Welten gebären konnte.“

Förderer und Freund

Als Leser sollte man über ein gewisses musikalisches Grundwissen verfügen, denn die Novelle ist mit Fachtermini gespickt und erfreut insgesamt wohl vor allem die Freunde der klassischen Musik. Dem Autor Stephan Lackner ist mit dem „Lied des Pechvogels“ nicht nur eine tragische Liebesgeschichte gelungen, sondern auch ein literarischer Verweis auf seine eigene Person. Denn Lackner ist nicht nur als Schriftsteller und Dramatiker bekannt geworden, sondern auch als Förderer und Freund des Malers Max Beckmann.

Schon als Primaner, kann der Leser dem aufschlussreichen Nachwort entnehmen, kaufte Lackner eine kleine Lithografie, nachdem der Maler ihn bei einer Begegnung beeindruckt hatte. Die Leidenschaft für die Kunst von Max Beckmann soll ein Leben lang halten. Stephan Lackner starb am 26. Dezember 2000, Beckmann fast auf den Tag genau 50 Jahre vor ihm.

Dem Südverlag ist es zu verdanken, dass Lackners „Lied des Pechvogels“ jetzt wieder erhältlich ist. Der Verlag eröffnet damit seine neue Linie „bibliophil“, die Werke ins Licht zurückbringt, die schon fast in Vergessenheit geraten sind. Außerdem in der Reihe erschienen ist der Gedichtzyklus „Berichte aus der Fremde“ des jüdischen Arztes und Schriftstellers Martin Gumpert.

Für das nächste Frühjahr sind bereits weitere Bücher angekündigt. Das gibt Lesern glücklicherweise die Chance, neben den diversen Novitäten auf dem Buchmarkt auch die alten Könner literarischen Schaffens wieder zu entdecken. Wohlan!

Stephan Lackner: Das Lied des Pechvogels, Südverlag, Konstanz, 2017, 104 Seiten, gebunden, erweiterte Neuausgabe, 12 Euro, ISBN 978-3878001102, Leseprobe

Buch Wien: Freundschaft, Eulen und die Liebe unter Aliens

Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht - Foto: Christian Lund
Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht – Foto: Christian Lund
Das Programm der „Buch Wien“ ist in diesem Jahr erstaunlich dürftig und schlecht auf die einzelnen Messetage verteilt. Äußerst wundersam etwa ist, dass sich ein Großteil der interessanten Autoren und vor allem der Publikumslieblinge am Sonntag auf der Buchmesse tummeln: Bernhard Aichner, Marjana Gaponenko, Thomas Raab, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Dirk Stermann und nicht zuletzt Ela Angerer. Dementsprechend kann ich heute nur von zwei herausragenden Lesungen berichten:

Zunächst stellte der rumänische Schriftsteller Filip Florian vor erschütternd leeren Stuhlreihen seinen neuen Roman „Alle Eulen“ vor. Es ist sein dritter Roman und der zweite, der auf Deutsch erschienen ist (zuvor: „Kleine Finger“, Suhrkamp, 2008). Florian, 1968 in Bukarest geboren, gilt mittlerweile als einer der besten rumänischen Schriftsteller der heutigen Zeit. Sein Übersetzer und gleichzeitig Moderator der Lesung, Georg Aescht, geht sogar so weit, ihn einen „besessenen Schriftsteller“ zu nennen. Mit „Alle Eulen“ habe Florian einen Roman einer großen Freundschaft verfasst, erklärte Aescht.

In dem Buch trifft Luca, ein Lausbub aus der Kleinstadt, auf Emil, der nach einem bewegten Leben in Bukarest unverhofft in der Provinz landet. Emil öffnet Lucas Blick und Geist für Literatur und Musik, Luca schenkt ihm dafür seine Neugierde und liefert immer zuverlässig den letzten Dorfklatsch. Emil wiederum hat die Gabe, mit Eulen sprechen zu können, und Luca wünscht sich fortan nichts sehnlicher, als das auch zu können. Es ist also ein nicht nur ein Roman über ungleiche Freunde, sondern auch über die Liebe zur Natur.

Rückbesinnung auf die Poesie

Dass diese Liebe zur Natur aber gleichzeitig auch zur Liebe von Poesie und Literatur führen kann, wie es Aescht im Gespräch vorschlug, verneinte Florian. Für ihn ist das unabhängig voneinander. Wohl aber könne die Rückbesinnung auf die Poesie verdeutlichen, dass es etwas Tieferes gibt, als das, was uns täglich umgibt.

Nachdem Florian eine Passage auf Rumänisch vorgetragen und Aescht dieselbe Stelle auf Deutsch gelesen hatte, erklärte letzterer: „Beim Lesen seiner Sätze muss ich oft innerlich schmunzeln, manchmal kommen mir auch die Tränen.“ Darauf Florian: „Das sind die Augentropfen.“ Aescht wiederum: „Nein, das ist der Humor, der so still ist, dass man innerlich angerührt ist.“ Ob Florian den Humor absichtlich in den Roman bastelt.

Es sei seine Art zu schreiben, erklärt der. „So schreibe ich nun mal, und jeder Leser nimmt den Text anders wahr, oft auch anders als der Autor.“ Und wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, dann schreibt er „ganz“, wie er das bezeichnet. Nichts interessiert ihn dann, nur das Schreiben. „Und vielleicht die Ergebnisse des FC Liverpool, da bin ich etwas verrückt.“ Ansonsten aber sei er ganz in seiner Welt verhaftet, „deren Hauch mich beseelt und mich aus der Welt des Scheins hinausträgt“.

„Zauberhaft melancholisches Buch“

Die Presse feiert Florians neuen Roman bereits frenetisch: „‚Alle Eulen‘, von Georg Aescht in so flüssiges wie sinnliches Deutsch gebracht, ist ein zauberhaft melancholisches Buch über die Abendstunde der Erinnerung (…)“, schreibt etwa Jan Koneffke in der Neuen Zürcher Zeitung. Und Paul Jandl urteilt in der Welt: „‚Alle Eulen‘, mit dem Filip Florian sich endgültig als fixe Größe in der nicht gerade stimmenarmen rumänischen Literatur etabliert, ist kein dickes, aber ein gewaltiges Buch, ein böses Märchen mit nicht ganz so bösem Ausgang.“

Filip Florian: Alle Eulen, Matthes & Seitz, Berlin, 2016, 213 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN: 978-3957572219

Am Abend dann las Terézia Mora in der Alten Schmiede in Wien aus ihrem aktuellen Erzählband „Die Liebe unter Aliens“. Am Vorabend noch hatte sie die Eröffnungsrede der „Buch Wien“ gehalten, jetzt waren die zahlreichen Zuschauer neugierig auf ihre Kurzprosa. Nach „Seltsame Materie“, 1999 bei Rowohlt erschienen, ist das jetzt ihr zweiter Band mit Erzählungen.

Darin wendet sie sich Menschen zu, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Die Liebe geht hier reichlich seltsame Wege, und sprachlich ist das alles eine Wucht! Zehn Erzählungen versammelt dieser Band, und sie berichten auch von der Fremdheit sich selbst und anderen gegenüber, erklärt Moderatorin Angelika Reitzer: „Immer wieder wechseln die Perspektiven, erleben wir Blicke von innen und außen – das Stilmittel, für das sie bekannt und berühmt ist.“ Diese starke erzählerische Liebe bringe „das Blasse zum Leuchten“.

Mora erzählte sodann, sie habe im Februar zum ersten Mal in Wien aus ihrem damals noch nicht erschienenen Erzählband vorgelesen und habe sich zu der Veranstaltung einen Musiker aussuchen dürfen, der sie begleitet. „Ich habe dann gesagt, ich hätte gerne Félix Lajkó (ungarisch-serbischer Musiker), weil ich dachte: den kriegen die nie! Haben sie aber. Ich habe die Titelstory ‚Die Liebe unter Aliens‘ gelesen, und es fühlte sich wirklich an wie zwei Aliens nebeneinander – er verstand kein Deutsch und hat aber trotzdem gespielt, als wären wir eine Einheit.“

Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum

Um dieses Erlebnis nicht zu wiederholen, entschied sich Mora an diesem Abend für die Erzählung mit dem Titel „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“, die ursprünglich als Auftragsarbeit entstanden war. Sie erzählt die Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum und dessen Frau Felka Platek, allerdings übertragen in die heutige Zeit.

Mora ist Figurensammlerin, erklärt sie. Sie habe eine Liste mit 22 Figuren gehabt, aus denen sie die zehn besten für das Buch ausgewählt habe. Für die Figur des Marathonmanns in einer ihrer Erzählungen habe sie etwa drei Vorbilder gehabt, das älteste stamme aus ihrer eigenen Kindheit: „Ich war 15, als ein Mann mir und anderen Fahrgästen erzählte, er sei den Marathon in Wien gelaufen, und das Schönste für ihn sei gewesen, dass es an der Strecke Südfrüchte gegeben habe. Alle anderen haben ihn belächelt, für mich war er ein Held.“ Die anderen beiden Marathonfiguren seien ein Nachbar – und ihr ehemaliger Lektor. „Ich gebe den Figuren eine Geschichte, damit sie ein Zuhause haben.“

Im Vorfeld ihres Erzählbandes habe sie natürlich auch viele Erzählungen anderer Autoren gelesen, so etwa von Alice Munro oder Hilary Mantel, aber sie habe nicht viel Herausragendes entdeckt: „Gott sei Dank, das wäre doof gewesen, wenn ich was gefunden hätte, bei dem ich gesagt hätte: besser kann man das nicht machen!“

Abschluss der Trilogie um Darius Kopp

Als nächstes plant Mora, ihre Trilogie über den IT-Spezialisten Darius Kopp abzuschließen, die sie mit „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) und „Das Ungeheuer“ (2013) begonnen hat. „Nein, es folgt jetzt nicht noch ein Erzählband, sondern ein Roman – das musste ich meinem Verlag auch versprechen.“

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens, Luchterhand, München, 2016, 272 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN: 978-3630873190, Leseprobe

Goethe und der Schweizer Wilhelm Busch

IMG_2044-1Comics sind nur etwas für junge Leute? Von wegen! Johann Wolfgang von Goethe war 82 Jahre alt, als er jene Bildergeschichte las und lobte, die manche Wissenschaftler heute als den ersten Comic bezeichnen. Jetzt sind drei von Rodolphe Töpffers Geschichten unter dem Titel „Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten“ in einer bibliophilen Ausgabe im Berliner Avant-Verlag erschienen. Der Herr Geheimrat hätte seine wahre Freude gehabt!

Schon die titelgebende Geschichte hat fulminanten Witz! Der arme Tropf Monsieur Vieux Bois ist schwer verliebt, wird aber von seiner Auserwählten (die nur als „das geliebte Ding“ („l’objet aimé“) bezeichnet wird) nicht erhört. Also will er aus dem Leben treten und ersticht sich. Hält sich 48 Stunden lang für tot und „kommt äußerst abgemagert wieder zu Bewusstsein“. Er erhängt sich, und schafft auch das nicht. Nicht nur das geliebte Ding nimmt keine Notiz von ihm, nein, auch der Tod scheint kein Interesse zu zeigen, wie immer er es auch anzustellen versucht. Allzu gern folgt der Leser den wahnwitzigen Erlebnissen des Monsieur Vieux Bois, die rasant und wahrlich komisch erzählt sind. Wie übrigens auch die zweite und dritte Geschichte der Sammlung, die deutlich machen, aus welchem bildgestalterischen Schatz Töpffer schon schöpfen konnte.

Manch ein Rezensent stellt inzwischen die Frage, ob es möglicherweise ohne Johann Wolfgang von Goethe heutzutage keine Comics gegeben hätte. Thomas von Steinaecker spricht in der Süddeutschen Zeitung von Goethe gar als „Hebamme bei der Geburt der neunten Kunst“. Ja, es ist verbrieft, dass der Herr Geheimrat geradezu entzückt war, als er im Alter von 82 Jahren den Bildergeschichten des Genfer Zeichners gewahr wurde: „Töpffer ist Original durch und durch. (…) Es funkelt alles von Talent und Geist! Einige Blätter sind ganz unübertrefflich!“ So jubilierte Goethe und ermutigte Töpffer, seine Geschichten unbedingt in Buchform zu veröffentlichen.

Chronisches Augenleiden macht Pläne zunichte

Der 1799 in Genf geborene Töpffer war ein regelrechtes Multitalent. Von seinem Vater, einem anerkannten Landschaftsmaler, ist Rodolphe Töpffer früh zum Künstler ausgebildet worden – ein Traum für viele angehende Künstler, bei den Eltern so selbstverständlich auf Verständnis für die Berufswahl zu treffen. Doch es sollte anders kommen: Ein chronisches Augenleiden macht Pläne zunichte, es gilt, andere Professionen zu finden. Nach einem Griechisch- und Lateinstudium beginnt er, als Lehrer zu arbeiten. Seine Schüler sind es schließlich, die sich für seine zunächst noch außerhalb des Lichts der Öffentlichkeit entworfenen Skizzen so sehr begeistern, dass er mehrere Skizzenbücher füllt. Über einen alten Schulfreund gelangen die Skizzen bald nach Weimar – zu Goethe.

Den Rest der Geschichte schlagen Sie besser im lesenswerten Vorwort von Herausgeber Simon Schwartz nach. Dort lesen Sie auch, wie die Bildgeschichten entstanden und zu Lebzeiten Töpffers in der Öffentlichkeit aufgenommen worden sind, mitsamt den Schattenseiten von Raubkopien und bislang fehlendem Urheberrecht. Und dann stürzen Sie sich in die titelgebenden „Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois“! Was sofort auffällt: Die für Comics oft wesentlichen Sprechblasen fehlen bei Töpffers Bildergeschichten. Stattdessen sind die einzelnen Panels untertitelt, sowohl mit dem handgeschriebenen französischen Original, als auch mit der deutschen Übersetzung. Was jedoch ebenso ins Auge fällt, ist die Erzählweise: Bild folgt auf Bild, und die schnelle Abfolge sorgt für einen erzählerischen Fluss. Töpffers Strich ist sowohl skizzenhaft, als auch schwungvoll, oft jedoch überzeichnet, als fertige er Karikaturen seiner Figuren an.

Seine Bildgeschichten sind oft sehr amüsant, bisweilen aber auch ganz schön zotig und derb. Dagegen vermisst man manchenorts Tiefgründigkeit, wie sie etwa einem Wilhelm Busch gelungen ist. Möglicherweise ist Töpffer deshalb nach und nach in Vergessenheit geraten, auch weil er zunehmend in Buschs Schatten geriet. Es lohnt sich dennoch, ihn jetzt neu zu entdecken. Und die schmucke Ausgabe im Avant-Verlag erleichtert den Zugang, wenngleich auch diese Zusammenstellung aufgrund ihres ausladenden Querformats eher nicht als Buch für unterwegs geeignet ist – wie schon Héctor G. Oesterhelds „Eternauta“.

Wichtigste Ehrung für grafische Literatur

Dass sich der Avant-Verlag in letzter Zeit dadurch auszeichnet, dass er neben zeitgenössischen Comics und Graphic Novels auch Klassiker der Comic-Geschichte wiederveröffentlicht, und zwar jedes Mal in durchaus beachtlich liebevoller Ausstattung, ist auch der Jury des Max-und-Moritz-Preises aufgefallen. Der Preis, der alle zwei Jahre beim Internationalen Comic-Salon in Erlangen verliehen wird, gilt als die wichtigste Ehrung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum.

In diesem Jahr ist der Avant-Verlag, auch stellvertretend für die Bemühungen kleinerer Verlage, für seine Dienste um die Pflege des kulturellen Erbes mit dem Spezialpreis ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte dabei besonders die Ausgaben von „Eternauta“, dem bekanntesten argentinische Comic der 50er Jahre, geschrieben von Héctor Germán Oesterheld, Hans Hillmanns Adaption von Dashiell Hammetts Roman „Fliegenpapier“ (Trailer) und, ja!, die soeben erschienene Edition „Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten“ von Rodolphe Töpffer.

Wer sich darüber hinaus mit Töpffer und seinem Werk beschäftigen möchte, sollte noch bis zum 28. August 2016 im Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl (Schaumburger Land/Niedersachsen) die Ausstellung „Literatur in Bildern – Die Bild-Geschichten des Rodolphe Töpffer“ besuchen. Zusammen mit der neu verlegten Töpffer-Sammlung im Avant-Verlag bietet sich so ein umfassender Einblick in die Anfänge der Comic-Historie. Schon deshalb unbedingt empfehlenswert, aber auch, weil es nach fast 200 Jahren immer noch nicht an Lesbarkeit und Vergnüglichkeit verloren hat. Das muss einem Autor erst mal gelingen.

Rodolphe Töpffer: Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten, Avant-Verlag, Berlin, 2016, 280 Seiten, gebunden, mit Leinenrücken, 39,95 Euro, ISBN 978-3945034286, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.