Bis es zu Ende ist

Vor zehn Jahren erschütterte der grässliche Mord an einer jungen Studentin die altehrwürdigen Mauern des fiktiven Pelham-Colleges in Oxford. Ausgerechnet ihre Mitbewohnerin und Freundin Hannah fand damals die Leiche und hatte zuvor den Mörder wegrennen sehen. Ihre Aussage brachte den Mann ins Gefängnis, wo er nun durch einen Herzinfarkt gestorben ist. Geschichte zu Ende?

Nein, denn genau jetzt will ein Journalist Hinweise darauf haben, dass der vermeintliche Mörder unschuldig im Gefängnis saß. Er meldet sich bei der labilen und schwangeren Hannah, die seit Jahren versucht, dem Thema aus dem Weg zu gehen und mit der Vergangenheit abzuschließen. Nichts ist zu Ende, bis es zu Ende ist. Das zeigt die britische Bestseller-Autorin Ruth Ware in ihrem neuen Thriller mit dem sinnigen deutschen Titel „Das College“.

Als Hannah Jones das erste Mal ihr College in Oxford betritt, ist sie überwältigt, dass ihr diese Ehre zuteil wird, hier lernen und studieren zu dürfen. Sie bestaunt den grünen Rasen, den niemand betreten darf, die hohen Hallen des Wissens, in denen schon einige berühmt gewordene Menschen wandelten, und die mittelalterlichen Studentenunterkünfte.

So schön, dass … autsch!

Die bodenständige Hannah hat das Glück, in einer dieser Suiten aus der alten Zeit zu wohnen. Nicht allein, sondern mit der unnatürlich schönen und reichen April Clarke-Cliveden, die ihren Kühlschrank gern mit Champagner gefüllt sieht und nicht wegen ihrer guten Noten in Oxford ist, sondern weil ihr Vater dem College finanziell zugewandt ist. Die zu dieser Zeit reichlich naive Hannah beschreibt April so: „Sie besaß jene Art von Schönheit, die andere in den Bann zog und zugleich wehtat.“ Ähnliche Beschreibungen von naiven Charakteren über reiche, schöne Menschen haben wir auch in Erfolgsromanen wie „Shades of Grey“ lesen dürfen. April kann man getrost als doppelgesichtig bezeichnen, denn sie spielt unter dem Deckmäntelchen ihrer Freundschaft und optischen Perfektion ihrer eigenen Clique gleichzeitig manchmal ganz schön übel mit.

Hannah hat dennoch eine gute Zeit in Oxford, wenn man mal davon absieht, dass sie sich in Will de Chastaigne verliebt, der leider Aprils Freund ist. Zwischen Will und Hannah herrscht stets eine besondere Anziehungskraft, die sich Hannah bald auf Rücksicht auf April verbietet. Hannah studiert, genießt das Partyleben, macht aber auch unangenehme Erfahrungen mit dem übergriffigen Pförtner John Neville, der ihr nachzustellen scheint.

Und eines Abends, ja, sieht sie plötzlich, wie Neville die Treppe von ihrer Wohnung hinunterkommt. Nur Minuten später entdeckt sie die tote April, hingestreckt vor dem Kamin. Es besteht kein Zweifel: Nur der unheimliche Neville kommt als Täter in Frage, und es ist letztendlich Hannahs Zeugenaussage, die den jungen Pförtner hinter Gitter bringt.

Erzählung in „Vorher“- und „Nachher“-Kapiteln

Ruth Ware erzählt den Roman in sich abwechselnden „Vorher“- und „Nachher“-Kapiteln. Die „Vorher“-Kapitel berichten von der Vorgeschichte bis zum Mord, soweit sich Hannah erinnert, in den „Nachher“-Kapitel recherchiert Hannah, ausgehend von der Todesnachricht des Verurteilten, ob Neville wirklich der Täter war oder ob sie damals einem Trugschluss aufgesessen ist. Was ist in dieser Nacht wirklich geschehen?

Leider braucht es rund 150 Seiten, bis der Roman ansatzweise in Gang kommt, und auch dann ist es nur gemächliche Thriller-Kost. Das ist verwunderlich, ist Ware doch sonst eine Pageturner-Expertin. Dem Sujet fehlt es auch an einer nachvollziehbaren Motivation, warum Hannah sich nun nach zehn Jahren diesem Thema stellt, nachdem sie es bisher so vehement verdrängt hat.

Mails von Journalisten, die sie regelmäßig zu erreichen versuchen, verschiebt sie bis dato ungelesen in einen Ordner, und sie hat weitere Mechanismen gefunden, wie sie den Mord zehn Jahre von ihrem Leben fernhält, obwohl sie inzwischen mit dem damaligen Freund des Opfers verheiratet ist (ja, ja!) und ein Kind bekommt. Die bedrohliche Notwendigkeit für die Recherche wird überhaupt nicht klar.

Wenig überraschend sind dagegen manche Wendungen in diesem Thriller – die Auflösung jedoch ist zwar nicht so vorhersehbar, wie zwischendurch befürchtet, aber auch nicht der Oberknaller. Was man Ware lassen muss: Sprachlich und vom Setting her kann ihr Thriller gut unterhalten. Mehr aber leider nicht.

Ruth Ware: Das College, dtv-Verlag, München, 2023, 463 Seiten, broschiert, 16,95 Euro, ISBN 978-3423262279, Leseprobe

Iraner*in, Leben, Freiheit

Seit Wochen protestieren im Iran Frauen und Männer unter Todesgefahr gegen das Regime und zeigen sich scheinbar wenig beeindruckt von den gewalttätigen Einschüchterungsversuchen der Staatsführung. Die hat derweil Mitte Dezember 2022 das zweite Todesurteil gegen einen Demonstranten vollstreckt. Laut „Amnesty International“ droht mindestens 26 weiteren Menschen die Hinrichtung (Stand: 16. Dezember 2022). Hadi Ghaemi, Direktor des Iran Center for Human Rights in New York, sagte in einem Interview mit der CNN-Journalistin Christiane Amanpour, die Islamische Republik Iran vollstrecke „staatliche Lynchjustiz gegen die eigene Bevölkerung“.

Auslöser für die Proteste, die manche iranische Stimmen inzwischen lieber eine Revolution nennen, war der staatliche Femizid an der 22-jährigen Kurdin Mahsa Zhina Amini. Das iranische Regime hatte behauptet, Zhina Amini sei an einem plötzlichen Herzversagen verstorben. Sie war zuvor festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht „richtig“ trug. Nach der Festnahme und nach zwei Tagen im Koma starb sie am 16. September 2022 in einem Krankenhaus in Teheran.

Überall im Land gehen die Protestierenden auf die Straße, um für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen und Queers bis hin zu einem Ende der Diktatur zu kämpfen. Die einst kurdische Parole „Frau, Leben, Freiheit“ („Jin, Jiyan, Azadî“) wird auch von Männern solidarisch verwendet. Die Proteste erreichen alle Städte und alle Schichten. Und sie finden weltweit Beachtung. In Deutschland haben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ihre Instagram-Accounts und deren Reichweite zwei iranischen Aktivistinnen zur Verfügung gestellt und die Proteste damit in Publikumsbereichen bekannt gemacht, die bei Nachrichten vielleicht sonst eher umschalten.

Einmal mehr viel Beachtung verdient

Damit die Aufmerksamkeit weltweit weiterhin groß bleibt, heißt es, jegliche Möglichkeit zu nutzen, um alle gesellschaftlichen Schichten und alle Altersklassen zu informieren. Schon im Jahr 2017 hat der Splitter-Verlag aus Bielefeld einen Comic herausgebracht, der hervorragend geeignet ist, junge Menschen und Comic-Leser*innen tiefer über den Iran zu informieren, und der deshalb in diesen Zeiten einmal mehr viel Beachtung verdient hat. Es ist der Comic „Liebe auf Iranisch“ von Jane Deuxard und Deloupy.

Jane Deuxard ist das Pseudonym eines französischen Journalistenpaars, die jeweils einzeln bereits national und international ausgezeichnet wurden. Die beiden arbeiten unter dem Decknamen, um weiterhin im Iran recherchieren zu können. Vor allem aber nutzen sie das Pseudonym, um ihre Quellen im Iran zu schützen, jene Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnen und die es gewagt haben, ihnen offen und ehrlich von ihrem Leben zu erzählen. Denn Jane Deuxard sehen das als ihre Aufgabe an: den Iranerinnen und Iranern durch ihre Recherchen eine Stimme zu geben.

„Die Polizeipatrouillen sind überall“, schreibt das unverheiratete Paar. „Jedes Mal, wenn sie vorbeikommen, schweigen wir und senken den Blick. Würde man uns entdecken und festnehmen, wären die Iraner, die bereit waren, mit uns zu reden, in Gefahr. Wir sind ständig angespannt.“

Unverstellte Einblicke in das Leben im Iran

„Liebe auf Iranisch“ erzählt keine Geschichte, ist kein Comic-Roman, sondern zeigt episodisch Iranerinnen und Iraner in den jeweiligen Gesprächssituationen mit Jane Deuxard und erlaubt damit unverstellte Einblicke in das Leben im Iran unter der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadineschād sowie unter der seines Nachfolgers Hassan Rohani.

Die Porträtierten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, sie kommen aus allen sozialen Milieus des Landes, und sie alle eint der Wunsch, freiheitlich lieben zu dürfen, unabhängig davon, was ihnen das Regime oder die Tradition oder die Religion vorschreiben. Mal mit der Partnerin oder dem Partner im Café einen Latte Macchiato trinken? Abends gemeinsam ins Bett fallen und am besten gleich übereinander her? Sich in der Öffentlichkeit küssen?

Nein, nicht im Iran. Nichts davon. „Solange wir nicht verheiratet sind, können wir nicht miteinander schlafen“, sagt die 26-jährige Gila. Seit acht Jahren ist sie mit Mila zusammen, partnerschaftliche Sexualität können sie nur durch Oral- oder Analsex erleben, denn es ist wichtig, die Jungfräulichkeit bis zur Hochzeit zu bewahren. Die Familie des Bräutigams kann sogar einen Test verlangen.

Strategien, um die Liebe zu leben

Aber immerhin Oral- oder Analsex? Ja, jedoch nur gut versteckt, nur bei absoluter Ungestörtheit. Niemand darf davon wissen, niemals dürfen sie sich erwischen lassen. Es sind ausgeklügelte Strategien notwendig, um die Liebe zu leben. Gilas Mutter ist so konservativ, dass sie Mila nicht als Partner ihrer Tochter akzeptiert. Ihr wäre eine arrangierte Ehe lieber, bei der sie den Mann für ihre Tochter aussucht.

Für westliche Augen und Ohren scheinen diese Berichte grotesk und wie aus einer Dystopie. Das aber ist genau der wichtige Beitrag, den die Comic-Reportage jungen Menschen in Deutschland für ihr Verständnis der Situation im Iran liefern kann.

Der französische Verleger, Illustrator und Comic-Autor Zac Deloupy hat „Liebe auf Iranisch“ behutsam gezeichnet, und er fängt die bedrückte, wenig hoffnungsfrohe Stimmung hervorragend durch eine besondere Farbgebung ein. Dabei entwirft er immer wieder deutliche Sinnbilder, etwa in dem Panel, in dem er den mit Messer und Gabel essenden Präsidenten Rohani zeigt. Auf dem Teller vor ihm liegt der Iran als Landfläche, von der er sich Iranerinnen und Iraner einverleibt, während andere vor der nahenden Gefahr flüchten.

Wie hält man das aus?

An anderer Stelle zeichnet Deloupy ein Liebespaar, das eng umschlungen spazieren geht. Alle Passanten in ihrer Nähe halten Luftballons in der Hand, auf denen Augen prangen und das Paar unentwegt beobachten. Denunzianten sind überall, und ein Liebespaar ist in der Öffentlichkeit niemals sicher, solange es nicht verheiratet ist. Wie hält man das aus? Welche enorme Geduld haben diese jungen Menschen? Oder wie verzagt sind sie?

Eine Interviewte sagt zu Jane Deuxard: „Eine Revolution heute? Unmöglich. Das Regime lässt nichts mehr durchgehen. Es kontrolliert alles.“ Es ist die Zeit der Präsidentschaft von Hassan Rohani, den die internationale Gemeinschaft einen Reformer nannte. Doch die Reformen kamen nie. Ein anderer, der 20-jährige Kellner und heimliche (verbotene) Rockmusiker Saviosh, sagt resigniert: „Ich glaube, die Leute haben heute keine Kraft mehr zu kämpfen. Wir sind zermürbt. Vielleicht kommt es mit der nächsten Generation… unsere ist erschöpft.“

Heute ist Ebrahim Raisi als Präsident des Irans an der Macht, ein Befürworter der Geschlechtertrennung, der Todesstrafe und der Internet-Zensur. Er lehnt die westliche Kultur ab. Ist eine Revolution also unmöglich? Der Politologe Jonathan White sagt im Februar 2022 im Tagesspiegel: „Jede Revolution scheint unmöglich – am Abend, bevor sie stattfindet. Revolutionen sind genau deswegen Ereignisse, weil sie überraschend sind, weil sie aus dem Lauf der Zeit herausstechen, weil sie komplett die Erwartungen durcheinanderwirbeln.“ Eines Morgens werden die Proteste möglicherweise Revolution genannt werden können. Halten wir die Augen offen!

Jane Deuxard / Deloupy: Liebe auf Iranisch, Splitter-Verlag, Bielefeld, 2017, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3958395435

Fury, Black Beauty und der Kleine Onkel – alle tot

Der Schotte Greg Buchanan hat ursprünglich als Drehbuchautor für Videospiele gearbeitet. Unter anderem trug er zum Erfolg von „Metro: Exodus“ und „No Man’s Sky“ bei. Jetzt hat Buchanan seinen ersten Roman veröffentlicht, und er ist dunkel, verstörend, brillant – ein überzeugender Erstling.

„Sechzehn Pferde“ erzählt von einem mysteriösen und erschreckenden Fund auf einer Farm des englischen Küstenorts Ilmarsh. Dort entdeckt ein junges Mädchen auf einer morastigen Wiese sechzehn Pferdeköpfe, abgeschlachtet und kreisförmig zueinander vergraben bis auf jeweils ein Auge pro Kopf, das leer in den Himmel blickt.

Die marode Kleinstadt, die in ihrer Bruchbudenhaftigkeit – und der allgegenwärtig wehmütigen Reminiszenz an einst goldene Zeiten – an das „Joyland“ von Stephen King erinnert, erbebt unter dem Schrecken der offenbar tierquälerischen Grausamkeit.

Kein Mord, sondern allenfalls Sachbeschädigung

Detective Sergeant Alec Nichols ermittelt widerstrebend. Es sei ja eigentlich kein Mord, sondern Sachbeschädigung, sagt er. Andererseits kribbelt das detektivische Interesse. Wer würde 16 Pferde töten, und woher nehmen, wenn nicht stehlen? Waren hier Okkultisten am Werk? Ist es was Persönliches? Für die Obduktion und weitere Tataufklärung wird die Veterinärforensikerin Dr. Cooper Allen hinzugezogen. Vier Tage soll sie bleiben, dann, so die Hoffnung, sei das Verbrechen sicher aufgeklärt.

Doch davon sind Nichols und Allen weit entfernt. Die Ermittlungen ziehen sich hin, denn es bleibt nicht bei diesem einen Verbrechen. Es brennt, jemand hat einen Unfall, ein Junge verschwindet, eine abgetrennte Fingerkuppe findet sich, eine Mutter verlässt Mann und Tochter. Und dann, ja, dann werden die Menschen krank. Denn die Pferdeköpfe waren mit einer Anthrax-Variante verseucht. Sie meinen, jetzt kann es ja nicht noch ärger kommen? Doch.

Gehört zu den besten literarischen Krimis des Jahres

Was Greg Buchanan da komponiert hat, gehört zu den besten literarisch hochwertigen Kriminalromanen dieses Jahres. Obgleich es sich spannend liest, ist es kein Pageturner im eigentlichen Sinne einfach gestrickter Krimi-Massenware. Als Leser*in braucht es viel Konzentration und Aufmerksamkeit. An manchen Stellen ist es sperrig und unwirtlich wie der dort beschriebene düstere November an der englischen Ostküste. An anderen Stellen spielt der Autor mit den Ängsten und Erwartungen seiner Leser*innen, zieht sie an unsichtbaren Fäden mal in die eine Richtung, dann wieder abrupt in die andere, und oft ist es dort sehr, sehr dunkel.

Seine Figuren zeichnet er hervorragend. Er hat ein feinsinniges Gespür für Menschen, denen alles genommen wird, für die Abgehalfterten, Abgehängten, die Unsichtbaren. Seine beiden Hauptpersonen lässt er ungeschützt in die Welt. Beide ähneln sich, laufen aber auf unterschiedlichen Spuren und kollidieren manchmal. Nichols ist der knurrige Eigenbrötler, der sich nicht vom Krebs-Tod seiner Frau erholt hat. Allen ist den Menschen immerhin ein wenig zugewandt, aber wortkarg und reserviert. Humor suchen Sie in diesem Roman vergeblich, hier erstickt jede Fröhlichkeit.

Greg Buchanan, der 1989 geboren wurde und in Cambridge Englisch studiert hat, ist weltweit erfolgreich mit seinem Debüt. Der Roman wurde in 17 Sprachen verkauft, und auch die Film- und Fernsehrechte sind schon vergeben. Derzeit schreibt Buchanan an zwei weiteren Romanen, in mindestens einem davon wird Cooper Allen wieder auf der Bildfläche auftauchen.

Das Pferdegemetzel von Ilmarsh wird sicherlich auf Dauer einen Fixpunkt in der literarischen Arbeit von Greg Buchanan einnehmen. Alle Nachfolger werden sich daran messen lassen müssen. Denn den Schrecken des Höhepunkts vergisst niemand, der diesen Roman gelesen hat.

Greg Buchanan: Sechzehn Pferde, Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2022, 444 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3103974881, Leseprobe

Die Außenseiterbande

„Zwiebel, leuchtende Phiole, Blütenblatt um Blütenblatt formte deine Schönheit sich“, heißt es am Anfang von Pablo Nerudas „Ode an die Zwiebel“. Und später: „Zwiebel, hell wie ein Planet und zu leuchten bestimmt.“ Kaśka Brylas zweiter Roman „Die Eistaucher“ ist wie eine solche Zwiebel, die strahlt und voller Schönheit ist. Und nicht umsonst beginnt diese Rezension mit etwas Poesie. Denn bei all dem Leid, von dem das Buch „Die Eistaucher“ auch erzählt, ist es die Macht der Poesie, die dort viel Gutes hervorbringt, wo die handelnden Personen glauben, im Schatten zu wandeln. Die Werke von Ingeborg Bachmann, Arthur Rimbaud und ganz besonders Guy de Maupassants Erzählung „Horla“ spielen wichtige Rollen.

„Die Eistaucher“ ist wie der Vorgänger ein Roman, der mit den Grenzen der Literatur spielt und sich nicht einordnen lässt. Ist er Coming-of-Age? Ist es queere Literatur? Ein Krimi? Ein Thriller? Ein Sittenbild gar? Es ist das alles und wird dem Buch doch nicht gerecht. Das war schon bei „Roter Affe“ so, Brylas fulminantem Debüt aus dem Jahr 2020.

„Die Eistaucher“, das ist eine Jugendclique, wie sie vermutlich Stephen King mit seinem unerschütterlichen Herz für Heranwachsende nicht besser hätte konzipieren können: Da ist zum einen die Longboard fahrende Iga, die zum dritten Mal die Schule wechseln und sich jetzt in einer neuen Umgebung einleben muss. Sie ist intelligent und schafft den Schulstoff spielend, ist aber ein Wildfang, der sich nichts sagen lässt, schon gar nicht von verknöcherten Lehrern. Doch über ihr hängt das Damoklesschwert, dass sie zu ihrem Vater nach Polen ziehen muss, sollte sie sich einen weiteren Schulverweis einhandeln.

Ein zärtlicher Verehrer von Poesie

Neu an der katholischen Privatschule ist auch der ebenfalls migrantische Rasputin, der sich lieber Ras nennt, und schnell von den Halbstarken der Schule zum Mobbingopfer auserkoren wird, weil er ein bisschen pummelig ist und ein zärtlicher Verehrer von Poesie. Zu Iga und Ras gesellt sich schließlich noch die hübsche und queere Halbwaise Jess, die zum Schulanfang mit den Gedanken noch in Südfrankreich und bei ihrer Sommerliebe Tifenn weilt. Die aber macht wenig später – immerhin romantisch mit einem Brief – wieder Schluss.

Dieser Brief ist die Geburtsstunde der „Eistaucher“. Denn während die drei zuvor nur in einfacher Koexistenz zueinander standen, verändert Tifenns Brief die Lage. Jess ist am Boden zerstört, sucht Trost bei Iga und hofft, dass die ihr die Rätsel des Geschriebenen entwirren kann. Tatsächlich aber ist es Ras, der jetzt mit seinem Wissen glänzen kann.

Und dann geht es erst richtig los, die Ereignisse überschlagen sich, Iga verliebt sich zum ersten Mal in eine Frau, und Ras, ja, Ras ist plötzlich Teil einer literarischen Avantgarde und beginnt, bestärkt durch die Freundschaft, selbst Gedichte zu verfassen. Es könnte so schön sein, wenn das Leben immerzu so wundervoll bliebe. Doch eines Nachts wird die Clique Zeuge einer Tat, die vertuscht werden sollte, und nimmt die Rache selbst in die Hand.

Einer für alle, alle für einen

Bryla beschreibt mit ihrer bemerkenswert sensiblen Erzählstimme, ihrer eigenen poetischen Sprache und anhaltender Spannung eine jugendliche Bande. Nicht im kriminellen, sondern im freundschaftlichen Sinn. So hätte man es früher genannt, und das Wort selbst drückt aus, was es ist: Einander zugewandt und miteinander verbunden zu sein, ein unsichtbares Band zu haben, das durch alle Hände führt. Einer für alle, alle für einen. Das Gefühl, einander vertrauen zu können. Aber auch: die Welt mit unerschütterlichen Idealismus zu sehen.

„Die Eistaucher“ beginnen mit Kapitel 9; und es ist gut, dass dem ein Inhaltsverzeichnis vorangestellt ist, das die kunstvolle Verwebung der Kapitel unter- und gegeneinander verdeutlicht. Denn nach 9 kommt 1, dann 8 und 2. Was zunächst nach nicht gekonntem Zahlenraum bis 10 aussieht, ist einmal mehr die Art, wie Kaśka Bryla Literatur zu schreiben versteht: experimentell, abseits von gängigen Regeln, jedoch ohne sperrig zu sein, aber mit der Lust, es mal anders zu machen. Und so handeln zehn der 19 Kapitel von der Jetztzeit, und 9 Kapitel spielen als Coming-of-Age-Story in der Jugend der „Eistaucher“, kurz vor der Jahrtausendwende. Während im einen Teil die Geschichte fast kontinuierlich voranschreitet, erfahren wir im zweiten Teil nur häppchenweise, was am Fixpunkt der beiden Erzählstränge in der Vergangenheit passiert sein könnte. Raffiniert!

Die Jetztzeit erleben wir durch die Augen und die teilweise sehr unangenehme strunzmännliche Innensicht von Saša, der einst Igas bester Freund war. Er hat einen Campingplatz in einem Naturschutzgebiet, von Wäldern und kleinen Bergen umgeben, manch einer würde sagen: in der Einöde. Iga und Jess wohnen in einem Dorf in der Nähe, und einmal im Jahr kommt Ras zu Besuch. Die Poesie von damals aber ist gewichen.

„Immer ist da jemand, dem Unrecht angetan wird, und immer ist da jemand, der zusieht, ohne einzuschreiten. Als Kind stellt man sich die Frage, wer man lieber wäre. Das Opfer oder der Feigling. Als Kind habe ich mich nie gefragt, wie es wäre, der Täter zu sein.“ Als Saša und die Eistaucher zu Tätern werden, ist ihre Kindheit schlagartig vorbei. Wie steht es um ihre Schuld? Was heißt es, die individuelle Verantwortung zu tragen? Was ist Gerechtigkeit, Strafe, Sühne? Auch Brylas zweiter Roman beschäftigt sich mit den großen, schweren Themen. Und wieder gelingt es ihr, sie fast leichtfüßig in das Sujet einzubetten.

Die Verbindungen, für die wir uns entscheiden

Was die Eistaucher ausmacht, damals und heute, das finden wir in Kapitel 7. Fast beiläufig steht da dieser Absatz: „Die Verbindungen, für die wir uns entscheiden, und die Risiken, die wir für sie einzugehen bereit sind. Das oder etwas Ähnliches hatte Iga einmal gesagt, und Jess hatte es damals lächerlich gefunden, aber jetzt begriff sie, dass sie recht hatte, dass eben nur das wirklich zählte.“

Und dass alles glückt, dass alles Bestand hat und nicht etwa den Bach runter geht, sich nichts vermeintlich Gutes in etwas Schlechtes verkehrt, das ist so zufällig, wie es gelingt, beim Würfeln eine Sechs zu würfeln: „‚Hast du gewusst‘, sagte Iga ruhig, „dass die Wahrscheinlichkeit, eine Sechs zu würfeln, immer ein Sechstel ist? (…) Jedes Mal, wenn du mit dem Würfel zum Wurf ansetzt, ist die Wahrscheinlichkeit wieder ein Sechstel. (…) Aber trotzdem‘, fuhr Iga fort, ‚musst du würfeln. Wenn du nicht würfelst, kannst du auch keine Sechs würfeln.'“ Die Eistaucher haben ohne Furcht versucht, eine Sechs zu würfeln, aber die Wahrscheinlichkeit spielte gegen sie.

Kaśka Bryla: Die Eistaucher, Residenz-Verlag, Salzburg/Wien, 2022, 320 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3701717514, Leseprobe

Seitengang dankt dem Residenz-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Das Auto rollt, das „R“ nicht mehr

Der Debütroman „Roter Affe“ der in Wien geborenen und zwischen Wien und Warschau aufgewachsenen Autorin Kaśka Bryla ist vielschichtige Literatur, klug und mit experimenteller Raffinesse geschrieben. Er erzählt eine deutsch-österreichisch-polnische Geschichte über Grenzerfahrungen und sucht gleichsam und gekonnt nach den Grenzen des Schreibens.

Wir lernen Mania kennen, die als Gefängnispsychologin in der JVA Moabit in Berlin arbeitet. Sie erfährt eines Tages, dass Tomek, ihr bester Freund aus Kindheitstagen, aus Wien verschwunden ist. Seine Hündin Sue hat er zurückgelassen. Auf dem Tisch in seiner Wohnung liegen Zettel, auf denen zu lesen ist, wie er vor einem Jahr einen Pakt eingegangen ist – mit einer Frau namens Marina, von der Tomek noch nie erzählt hat. Marina, so ist in verblasster Schrift zu lesen, sei depressiv, wolle sich das Leben nehmen, Tomek bat sie, ein Jahr lang unter seiner Regie und Obhut zu leben, in der Hoffnung, sie zurück ins Licht ziehen zu können. Ändere sich nichts, dürfe sie sterben, und er helfe ihr dabei. Jetzt ist das Jahr vorbei, die Schatten sind noch da, und Tomek ist weg.

Mania lässt in Berlin alles stehen und liegen. Mit dem syrischen Geflüchteten Zahit, den Mania 2015 bei Tomek untergebracht hatte („Er möchte in Wien bleiben. Kümmerst du dich?“), der Hackerin Ruth und der Hündin Sue machen sich die Freund*innen von Wien auf in Richtung Polen. Während ihr Auto vorwärts fährt, erfahren wir in Rückblenden mehr über Tomeks und Manias Kindheit sowie über die polnischen Wurzeln der beiden, die zwar in Österreich geboren wurden, sich ihrer Migrationsbiografie aber sehr bewusst sind. Wir sehen den Plot aus verschiedenen Blickwinkeln, ja sogar aus der Sicht eines Hundes, nah an den starken Gerüchen und fern dem Himmel.

Was, wenn der Roman das alles und nichts ist?

Was ist „Roter Affe“ nun? Ein Road-Trip zwischen West und Ost? Ein Roman über Flucht und Migration? Ein literarisches Experiment? Was, wenn er das alles und nichts ist? Er ist keiner dieser Romane, die man betulich in Setzkästen sortiert, weil wir Menschen Ordnung brauchen. Wohl aber gibt es Themen, denen sich Kaśka Bryla widmet, vor allem den Fragen: Wie gehe ich mit Verlust und traumatischen Erlebnissen um? Wie sehr darf man Rache üben? Was ist Strafe? Und was ist Schuld?

Das Auto, mit dem die Freund*innen unterwegs sind, ist derweil das Vehikel für alle anderen Themen, die wie Tafeln an der Straße stehen und Tourist*innen auf Sehenswürdigkeiten hinweisen: die LGBTQIA*-Feindlichkeit der amtierenden polnischen Regierung, Antisemitismus, Suizid, das Böse.

„Andere verstehen auch nicht immer alles“

Aber auch: Sprache. Die eigene Sprache. Verlieren, finden und nutzen. Zum Erzählen in nur eine Richtung, zum Sprechen in viele. Warum hat Tomek das rollende R („wie es im Polnischen üblich war und im Deutschen ihre Herkunft verraten würde“) behalten, Mania aber nicht? Warum sprechen wir dieselbe Sprache, aber das Verständnis bleibt beim anderen zurück wie ein Koffer, den man am Rastplatz vergessen hat? Richtigerweise sind polnische Gespräche im Roman nicht immer übersetzt worden. „Andere verstehen auch nicht immer alles“, sagt Kaśka Bryla in einem Text in der von ihr gegründeten Literaturzeitschrift „PS – Politisch Schreiben“, der die Gespräche und Korrespondenzen aus dem Lektoratsprozess zu „Roter Affe“ wiedergibt. Lesenswert wie ihr Buch, das an keiner Stelle langweilig wird oder sich wie eine Abhandlung liest. Auch weil es sprachlich so leuchtet. Deshalb: auf keinen Fall abschrecken lassen von der Wucht der Themen!

Im Anhang ihres vielschichtigen, ja geradezu philosophisch-psychologischen Romans finden sich Hinweise, welche Autor*innen und Bücher, Serien und Filme sie inspiriert haben und mit welcher Ernsthaftigkeit sich Kaśka Bryla mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa zu den Theorien des Bösen oder posttraumatischen Störungen auseinandergesetzt hat. Seit 2016 gibt sie in Gefängnissen Kurse zum Kreativen Schreiben, hat selbst am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Seit März 2022 ist ihr zweiter Roman „Die Eistaucher“ auf dem Markt. Hoffen wir, dass wir von dieser wahnsinnig guten Autorin noch viel mehr zu lesen bekommen.

Kaśka Bryla: Roter Affe, Residenz-Verlag, Salzburg, 2020, 232 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3701717323, Leseprobe

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