Was Frauen nicht wollen

Wer den Erzählband „Ihr Körper und andere Teilhaber“ der US-amerikanischen Autorin Carmen Maria Machado gelesen hat, bleibt mit Gefühlen von Leere, Wut, Beschämen, aber vor allem mit Ratlosigkeit zurück. Denn allen Geschichten ist gemein, dass es im Grunde keine (Er-)Lösung, keine Antwort gibt, nur ein alles beherrschendes Thema: Die oft erschreckende Lebensrealität von Frauen und welches Leid sie und ihre Körper erfahren müssen.

In den acht Geschichten geht es schlichtweg um Macht und das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. In „Der Extrastich“ muss sich eine Frau ihres übergriffigen Mannes erwehren, der nicht akzeptieren will, dass er das seltsame, grüne Band, das sie um ihren Hals trägt, nicht lösen darf. Eine andere Frau, Opfer eines gewalttätigen Übergriffs, stellt fest, dass sie die Gedanken von Schauspielern in Pornofilmen hören kann. Andere verblassen oder lassen sich in ihre Ballkleider einnähen. Eine Frau muss im Wochenbett mit anhören, wie ihr Mann den Arzt fragt, ob der die Vagina seiner Frau nach dem Dammriss nicht noch enger zunähen könne.

Das Buch erschien in den USA Ende 2017; wenige Tage später kamen die Vorwürfe gegen Harry Weinstein ans Licht, er habe zahlreiche Frauen vergewaltigt oder sexuell belästigt. Es folgte die MeToo-Bewegung, und Machados literarisches Debüt erschien als mehr als treffsicherer Kommentar zu den Diskussionen. Den Erfolg ihres Buches nur darauf zu reduzieren, würde aber die hohe literarische Qualität verleugnen. Die New York Times setzte „Ihr Körper und andere Teilhaber“ im Jahr 2018 auf die Liste von „15 bemerkenswerten Büchern von Frauen, die im 21. Jahrhundert die Art und Weise, wie wir Fiktion lesen und schreiben, prägen“.

Bemerkenswert – diese vorsichtig zum Lob anstimmende Meinung werden viele Leser unterschreiben können. Auch jene, die von den allzu phantasiereichen Darstellungen verwirrt oder abgestoßen sind. Manchenorts erinnert Machado an Melissa Broder und ihren ersten märchenhaften Roman „Fische“ (zur Rezension). Dann und wann ist „Ihr Körper und andere Teilhaber“ verstörend oder voller Horror, aber fast immer ist dieses Buch einfach nur brillant und originell. Wie sie über das (teilweise queere) Lieben und Leben mit Männern und Frauen schreibt, über Sex und Verlangen, Körper und Brutalität, ist sonderbar, bizarr, immer sehr deutlich und ohne falsche Scheu, aber auch oft herzerwärmend.

Dem Band ist ein Zitat der Poetin Elisabeth Hewer vorangestellt, das gleich zu Beginn deutlich macht, was hier zu erwarten ist: „Gott hätte Frauen zu Gifttieren machen sollen, als er aus Männern Monster machte.“ Machados Erzählband ist ein erschreckender Erlebnispark, aus dem es kein Entrinnen gibt, denn auch die Jobs der Karussellbremser sind hier allesamt mit Männern besetzt, die einem leise Angst machen und die Kehle zuschnüren.

Machado hat in den USA viel Aufmerksamkeit erregt, und sie hat noch so viel mehr davon auch in anderen Ländern verdient. Offen und mutig für den Feminismus eintretend, so sind die literarischen Stimmen, die diese Welt für Frauen positiv verändern können. Machados ist darunter eine der lautesten und beeindruckendsten.

Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber, Tropen Verlag, Stuttgart, 2019, 300 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3608503975, Leseprobe

Zwischen allen Rollen

Erst im Juni 2018 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt, dass Transmenschen nicht psychisch krank sind. Es ist also erst wenige Wochen her, dass Transsexualität offiziell nicht mehr als Störung gewertet wird. Weltweit leiden Transmenschen jedoch nach wie vor unter einem gesellschaftlichen Stigma, werden diskriminiert und Opfer von Gewalt. Sehr berührend und sensibel beschreibt das die Fotoreportage „Trans*visit“ des Schweizer Fotografen Martin Bichsel. Er hat elf Transmenschen in Ländern wie der Türkei, Griechenland, Tunesien oder der Ukraine getroffen und sie einfühlsam porträtiert.

Transmenschen haben vor allem eins gemeinsam: ihr inneres Wissen, welches Geschlecht sie haben (die Geschlechtsidentität), stimmt nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesen Geschlecht überein. Sie leben ihr Geschlecht jedoch ganz unterschiedlich. Egal, ob sie eindeutig wie ein Mann oder wie eine Frau aussehen, ob sie operiert sind oder sie sich besonders „männlich“ oder „weiblich“ verhalten. Sie alle sind Transmenschen, und nicht nur diejenigen, die  geschlechtsangleichende Operationen machen lassen. Oder wie Nyke Slawik im November 2017 in ihrem Kommentar bei ze.tt so treffend titelte: „Trans* Menschen sind mehr als: ‚Hast du noch/schon deinen Penis?'“

Bichsels Neugier war geweckt

Bichsels berührendes Fotoprojekt begann 2005 in Istanbul durch einen Zufall. Bichsel war mit einem befreundeten Journalisten in der Stadt unterwegs, um über die alternative Musikszene und das Nachtleben zu berichten. Dann aber trafen sie eines Nachts auf Michelle, eine Frau mit deutlich kantigem Kinn und markantem Gesicht, „was beides nicht so recht zum Rest ihrer ausgesprochen weiblichen Aufmachung passen wollte“. Bichsels Neugier war geweckt, und Michelle war eine dankbare Interviewpartnerin, die dem Fotografen erlaubte, ihren Alltag zu begleiten.

Wir sehen Michelle bei der Arbeit und bei der Laserepilation, auf dem Taksim-Platz und früh morgens, wenn sie sich fertig macht für den Tag. Wir erfahren, dass Gewalt und Unverständnis gegenüber Transmenschen in der Türkei, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt, keine Seltenheit ist. Von der Polizei können sie keine Hilfe erwarten, Straftaten gegen Transmenschen werden oft gar nicht erst aufgeklärt.

Eine sichtbare und deutliche Aktivistin

Viele von Michelles Freundinnen arbeiten in der Prostitution, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Einen regulären Arbeitsplatz zu ergattern, ist für Transmenschen aufgrund der Ächtung fast unmöglich. Michelle aber betont immer wieder, dass sie ihren Körper nicht verkaufen will, dass sie auf andere Weise Geld verdienen möchte. Wir erleben die damals 30-Jährige als eine starke Persönlichkeit, die, obwohl Angst ihr ständiger Begleiter ist, eine sichtbare und deutliche LGBT-Aktivistin ist (LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Ihr Glaube daran, dass vor allem Bildung zu mehr gegenseitigem Verständnis führt, verhilft ihr schließlich zu einem Job als Reporterin bei einem Fernsehsender.

Es gibt in diesem Buch viele glückliche Transmenschen. Aber ihre Geschichten sind es oft nicht, denn sie erzählen auch von persönlichen Schicksalen, von Diskriminierung und Gewalt. Da ist zum Beispiel Angela. Sie wohnt in der muslimisch geprägten albanischen Hauptstadt Tirana und arbeitet als Prostituierte. In der Öffentlichkeit wird sie angefeindet – sie fällt auf wie ein bunter Hund, will sich auch nicht verstecken. In vielen Cafés wird sie gar nicht erst bedient, manchmal sogar direkt rausgeworfen, erzählt sie Bichsel.

Menschen werfen mit Steinen nach ihr, Ärzte lachen sie aus

Als sie von einem Freier derart verprügelt wird, dass sie ins Krankenhaus muss, wird sie dort nicht behandelt, sondern zu allem Übel auch noch von den Ärzten ausgelacht. Menschen werfen mit Steinen nach ihr, und von der Polizei kann sie auch keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil: Einmal wurde sie auch von der misshandelt. In Italien, hofft Angela, wird es ihr einmal besser gehen. Deshalb spart sie ihr weniges Geld, um bald einen Pass beantragen und nach Italien ausreisen zu können.

Bichsel zeigt Transmenschen aus ganz verschiedenen Kulturen und von unterschiedlichen Kontinenten. Seine Fotografien kommen den Menschen nahe und sind doch aus einer vorsichtigen Distanz, die nie die Grenze zum Voyeuristischen überschreiten. „Trans*visit“ ist ein eindrückliches Buch, das verstehen hilft, auch und gerade für Leser, die bisher Berührungsängste oder keinen Zugang zu Transmenschen hatten.

Wie ein Spaziergang mit zufälligen Begegnungen

Das Inhaltsverzeichnis des Buches lässt zunächst die Seitenzahlen vermissen. Genannt werden nur die Namen, Wohnorte sowie Jahre, in denen Bichsel den Menschen begegnet ist. Mit Glück schlägt man die richtige Seite mit dem gewünschten Porträt auf, andernfalls aber, und das ist das viel größere Glück und der bessere Zugang, ziehen die Fotografien beim Blättern nach dem gesuchten Porträt den Leser in eine andere Geschichte, zu einem anderen Menschen. „Trans*Visit“ lässt sich lesen wie ein Spaziergang mit zufälligen Begegnungen. Nicht anders erging es Bichsel damals 2005 in Instanbul, als er auf der Straße plötzlich Michelle gegenüberstand.

Im August 2018 berichtete die Zeitschrift Stern Crime (Nr. 20) über das Projekt der beiden Fotografen Andrew Mroczek und Juan José Barboza-Gubo, die in Peru Tatorte fotografierten, wo Lesben, Schwule, Bisexuelle und vor allem Transmenschen ermordet wurden oder nur knapp mit dem Leben davon kamen. Die Behörden sehen dort bei homo- und transphoben Verbrechen weg, Opfer sind unverhohlenem Hass ausgesetzt, Morde bleiben ungesühnt. In Peru wurde über die Ausstellung der beiden homosexuellen Fotografen kaum berichtet. Mittlerweile wurden ihre Fotos in Havanna, La Paz, New York und Houston gezeigt.

Nur Aufklärung kann den Hass vermindern und das Verstehen fördern. Fotografen wie Mroczek, Barboza-Gubo und Bichsel lassen uns erste, aber längst überfällige Schritte gehen. Es wird noch viele weitere brauchen, bis Homo- und Transphobie weltweit überwunden sind. Oder wie Bichsel in seinem aufschlussreichen Vorwort schreibt: „Bevor sich die Lebensumstände für Transmenschen ändern, muss es der gesamten Gesellschaft ermöglicht werden, ein Leben in Freiheit und Würde zu leben.“ Fotoprojekte wie das seine sorgen für die notwendige Aufmerksamkeit und Aufklärung in unserer Gesellschaft, wo LGBT-Themen noch zu oft tabuisiert werden.

Martin Bichsel: Trans*Visit, Kommode Verlag, Zürich, 2014, 96 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3952411469

Seitengang dankt dem Kommode-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Wie nur diese ganze Leere füllen?

In den USA ist Melissa Broder schon lange keine Unbekannte mehr. Auf ihrem Twitter-Account @sosadtoday schreibt sie seit Jahren über Sex, Einsamkeit und Selbstzweifel. Mehr als 677.000 Menschen folgen der Poetin dort. Jetzt ist ihr erster Roman auf Deutsch erschienen – und der ist ihr hervorragend gelungen.

Das Buch mit dem lapidaren Titel „Fische“ handelt von der 38-jährigen Lucy, einer frustrierter Singlefrau, die seit neun Jahren an ihrer Doktorarbeit über die antike griechische Dichterin Sappho schreibt, und das Projekt ebensowenig zu Ende bringt, wie sie ihrem Leben einen rechten Sinn geben mag. Als sie ihrem Ex-Freund Jamie die Nase bricht, weil der ihre Beziehungspause als Beziehungsende verstanden und sich die nächste Frau geangelt hat, geht ihr Leben noch ein wenig mehr den Bach runter.

Eines Abends erwacht sie mit Heißhunger, nachdem sie zu viele Schlaftabletten geschluckt hat. Als sie das zweite Mal wach wird, sitzt sie im Nachthemd im Auto, überall liegen Donuts verstreut, und ein Polizist beugt sich über den Beifahrersitz. Sie kann einer Anzeige nur entgehen, indem sie eine Therapie macht.

Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen

Und so landet sie schließlich weit entfernt von ihrer Heimat am Venice Beach und hütet das gläserne Strandhaus ihrer Halbschwester Annika, die für den Sommer auf Reisen ist. Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen: regelmäßig die Gruppentherapiesitzungen zu besuchen und Annikas diabeteskranken Jagdhund Dominic zu versorgen.

Dass die Geschichte gründlich nach hinten losgeht, muss man wahrscheinlich nicht erwähnen. Aber bei aller Komik, die dieses Buch so famos einzufangen weiß, erstarrt dem Leser das Lächeln dann und wann im Gesicht. Denn Melissa Broder schreibt in der Langform genauso weiter, wie sie bei Twitter Bonmots am laufenden Meter in die Welt entlässt. Ihre Wörter und Sätze umschreiben die Leere, die ein Leben manchmal hat.

Menschen neigen dazu, ihre Einsamkeit, Verzweiflung, ihren brutalen Neid auf das Glück anderer und die innige Sucht nach Nähe zu überspielen. Melissa Broder schreibt darüber, und zwar so messerscharf, dass es wehtut. Dass man manchmal wegschauen mag, weil man sich fragen muss: Wie ist das eigentlich bei mir?

Männerhirn im sexuellen Eifer des Gefechts

Die anderen, zum Teil exzentrischen, aber auch sehr amüsanten Frauen in ihrer Gruppentherapie betrachtet Lucy lange Zeit mit Spott, erkennt jedoch bald: So viel anders ergeht es ihr selbst nicht. Sie alle gelangen immer wieder an die falschen Männer, wollen sich davon befreien, um gleich darauf den nächsten derselben Art und Güte an Land zu ziehen.

Mit bitterer Satire beschreibt Broder auch Lucys Versuche, ihre sexuelle Lust zu befriedigen. Dabei ist vor allem die Hotelbegegnung mit einem Tinder-Date lesenswert, weil sie das stumpfe Hirn des Mannes im sexuellen Eifer des Gefechts so hervorragend entlarvt. Gleichzeitig wird deutlich, wie selbstzerstörerisch und obsessiv (nicht nur Liebes-)Beziehungen sein können. Weil sie mit der Sucht einhergehen, sich nicht einsam fühlen zu müssen und deshalb zwanghaft nach der Liebe streben.

Melissa Broder nimmt auch bei der Schilderung von Sex kein Blatt vor den Mund und erst recht kein Feigenblatt vor die Intimzone. Körperteile und Körperfunktionen werden in expressis verbis und fast akribisch detailliert beschrieben – wer damit ein Problem hat, sollte Broders „Fische“ besser meiden, denn nach der mittelmäßigen Beziehung mit Jamie probiert sich Lucy nun in einer Art Sexsucht aus.

Jetzt spinnt die Broder total

An diesem Buch reibt man sich auf. Man liest lachend und mit Kopfschütteln, mit Wut und Mitgefühl. Und dann kommt die Passage, wo das Buch völlig abdreht – und hier ist es wichtig, dass man es dann nicht zur Seite legt und sagt: Jetzt spinnt die Broder total. Denn Lucy begegnet ihrem Traummann Theo. Und der ist ein Fischmann. Kein Fischer, sondern ein ausgewachsener Fischmann. Mit Schwanzflosse. Ein junger Mann, der zu lieben versteht. Und der den Tinder-Sex als solchen in den Schatten stellt, weil er Sex wieder als Liebesspiel zwischen Mann und Frau erlebbar macht.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Begegnung entnahm Broder der Erzählung „La Sirena“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die sie gerade las, als das Buch entstand. „Es geht darum, dass ein Mann die Geschichte seiner Liebesaffäre mit einer Meerjungfrau erzählt, und ich wusste nicht, wie dunkel es war“, sagte Broder der New York Times. Und weiter: „So viele Männer sind von Schiffen mit Steinen in den Taschen weggegangen. Aber warum ist es immer ein Mann und eine Meerjungfrau? Was, wenn es eine Frau wäre, und was, wenn es in Venice Beach spielt, wo ich lebe?“, fragte sich Broder.

Oscar für den besten Film

Neun Monate später war der Roman fertig. Und wenn man ehrlich ist: So richtig abgedreht ist die Idee nicht, denn auch Star-Regisseur Guillero del Toro inszenierte in „Shape of Water“ gerade erst eine zarte Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Fischmann – und erhielt dafür unter anderem den Oscar für den besten Film.

Der satirische Debütroman der US-amerikanischen Social-Media-Ikone ist nicht nur ein bisschen märchenhaft, sondern in weiten Teilen mitreißend, berührend und zeitweise auch philosophisch und meditativ. Melissa Broder hat in den USA bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht. 2016 inspirierten sie ihre Tweets zu einer Sammlung von Essays über das Altern, den Tod und den Sex. Sie nannte das Buch wie ihren Twitter-Account: „So sad today“. Twitter ist mittlerweile nicht mehr auf 140 Zeichen beschränkt. Aber Broders Worte eignen sich für mehr. Ein Roman zumindest ist die richtige Weite für sie. Das hat sie mit „Fische“ bewiesen.

Melissa Broder: Fische, Ullstein Verlag, 2018, 352 Seiten, gebunden, 21 Euro, ISBN 978-3550050299, Leseprobe

Das Wellenspiel der Liebe

Zwei Paare auf einer kleinen Segelyacht zwischen Neapel und Capri, das könnte ein wunderbarer Sommertörn sein. Die beiden Männer sind jedoch Brüder, und der Jüngere hatte einst eine heimliche Affäre mit der Immer-noch-Frau des Älteren, bringt aber nun die neue Freundin mit. Mit seinem kurzen Roman „Ein Sommer“ schafft der Franzose Vincent Almendros ein hervorragendes Kammerspiel auf hoher See, das beeindruckend beweist, welch Wellenspiel die Liebe doch ist.

So richtig geheuer ist dem Ich-Erzähler Pierre die Idee seines segelbegeisterten Bruders Jean von Anfang an nicht. Die Yacht ist kaum länger als acht Meter, die Kajüte entsprechend klein. Lone, seine skandinavische Freundin, und er müssen in getrennten Kojen schlafen, jegliche Privatsphäre wird an Land zurückgelassen. Und sobald erstmal das offene Meer erreicht ist, gibt es kein Zurück mehr.

Ein betörendes Zusammenspiel

Das Unheil muss ja kommen, das ist klar. Anfangs sind Pierres Befürchtungen noch unbestimmt, die Begegnungen mit Jeanne, der Frau seines Bruders, zu wenig bedeutungsschwer. Beide sind scheinbar bemüht, jegliches Mehr zu verhindern. Aber das ändert sich. Es ist ein betörendes Zusammenspiel aus Jeannes verführerischem Können und der Erkenntnis, dass Pierre sie nie wirklich aus seinem Herzen entlassen hat.

Bald ist sein Kopf voller Jeanne-Gedanken. Das rächt sich etwa bei einem Landgang auf Capri, als er Lone in einer Eisdiele vergisst. Er versucht es mit einer Ausflucht: „Wir haben dich verloren“, sagt er, „wo warst du denn?“ Doch Lone antwortet: „Ja, du hast mich vergessen, das ist lustig.“ Aber niemand lacht.

Ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur

„Ein Sommer“, der nicht umsonst 2015 in Frankreich „als schönster Roman des Frühlings“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet wurde, ist sprachlich umwerfend gelungen. In kurzen, knappen Sätzen entwirft Almendros ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur und eine raffinierte Variante von Goethes „Wahlverwandtschaften“. Es ist zweifelsohne zeitlos, und doch sollte man es in der warmen Jahreszeit lesen. Denn fürwahr: Es ist ein vortreffliches Sommerbuch.

Vincent Almendros: Ein Sommer, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2017, 96 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3803113245

Klavierstück zu zwei Herzen

1950 erschien im schöngeistigen Südverlag ein Buch mit dem Titel „Das Lied des Pechvogels“. Heute, fast 70 Jahre später, legt der Verlag die lesenswerte Novelle wieder auf. Sie erzählt von der Wandlung einer stolzen Konzertpianistin zur engagierten Förderin eines unbekannten und mittellosen Komponisten.

Marina Lindo ist weltberühmt. Sie hat auf den großen Bühnen und in den wichtigsten Sälen den Flügel gespielt – und zwar stets beliebte Komponisten: Beethoven, Chopin, Debussy, Scarlatti, Reger und wie sie alle heißen. „Irgendwie erschien es ihr effekthascherisch, einen unbekannten Namen herauszubringen.“ Eines Abends jedoch begegnet sie bei einem Konzert ihres alten Musikprofessors dem mittel- und ruhmlosen Komponisten Valentin Quandt.

Zuvor hatte ihr Professor ein Stück von ihm gespielt, das ihr wie eine „Vergewaltigung des Publikums“ erschien. Sie verspottet es als Geklimper, nennt es grausam und fühlt sich geradezu erlöst, als es endlich beendet ist. Doch als sie gewahr wird, dass sie soeben dem Komponisten höchstselbst schonungslos die Meinung gegeigt hat, erschrickt sie und ist peinlich berührt. Sie folgt dem Mann, der seinen Wintermantel für Notenpapier und Lebensmittel verkauft hat, durch die Straßen Frankfurts.

Pianisten als Reproduktionskünstler

In der Tram entwickelt sich ein Gespräch über den Pianisten als Reproduktionskünstler, der oft nicht in der Lage sei, ein Stück so zu spielen, wie es der Komponist intendiert hat. Marinas Neugier ist geweckt, und sie bietet Valentin an, seiner Interpretation zu lauschen, um zu begreifen.

Es ist der Beginn einer seltsamen Beziehung zwischen zwei ungleichen Menschen. Marina Lindo, diese stolze, lebenslustige Frau, will nicht so recht zu dem bleichen, empfindlichen Jüngling passen, der mehr Todessehnsucht als Lebensfreude ausstrahlt. Ihre Liaison erwächst vor allem aus der gegenseitigen Liebe zur Musik. Und die bechreibt der Autor sprachlich so treffend, dass es zu Herzen geht.

Als Valentin Marina ein Klavierkonzert auf den Leib schreibt, folgt der Leser dem Gedankenspiel beim Schaffensprozess ganz unmittelbar:

„Der erste Satz war eine Ausdeutung des Stimmungsgehaltes, den er in dem Namen Marina entdeckte. Zunächst stieg das Bild einer Bucht auf Capri, der Piccola Marina, überraschend vor ihm auf (…). Auf den Schwingen des Lautes Marina ließ er sich hinaustragen in grenzenlose Schallfluten. Salzschaum sprühte in diesem Klang, ein Nachhall des Zeitalters der Weltumseglungen, des noch nicht Geographie gewordenen Abenteuers, das täglich neue Welten gebären konnte.“

Förderer und Freund

Als Leser sollte man über ein gewisses musikalisches Grundwissen verfügen, denn die Novelle ist mit Fachtermini gespickt und erfreut insgesamt wohl vor allem die Freunde der klassischen Musik. Dem Autor Stephan Lackner ist mit dem „Lied des Pechvogels“ nicht nur eine tragische Liebesgeschichte gelungen, sondern auch ein literarischer Verweis auf seine eigene Person. Denn Lackner ist nicht nur als Schriftsteller und Dramatiker bekannt geworden, sondern auch als Förderer und Freund des Malers Max Beckmann.

Schon als Primaner, kann der Leser dem aufschlussreichen Nachwort entnehmen, kaufte Lackner eine kleine Lithografie, nachdem der Maler ihn bei einer Begegnung beeindruckt hatte. Die Leidenschaft für die Kunst von Max Beckmann soll ein Leben lang halten. Stephan Lackner starb am 26. Dezember 2000, Beckmann fast auf den Tag genau 50 Jahre vor ihm.

Dem Südverlag ist es zu verdanken, dass Lackners „Lied des Pechvogels“ jetzt wieder erhältlich ist. Der Verlag eröffnet damit seine neue Linie „bibliophil“, die Werke ins Licht zurückbringt, die schon fast in Vergessenheit geraten sind. Außerdem in der Reihe erschienen ist der Gedichtzyklus „Berichte aus der Fremde“ des jüdischen Arztes und Schriftstellers Martin Gumpert.

Für das nächste Frühjahr sind bereits weitere Bücher angekündigt. Das gibt Lesern glücklicherweise die Chance, neben den diversen Novitäten auf dem Buchmarkt auch die alten Könner literarischen Schaffens wieder zu entdecken. Wohlan!

Stephan Lackner: Das Lied des Pechvogels, Südverlag, Konstanz, 2017, 104 Seiten, gebunden, erweiterte Neuausgabe, 12 Euro, ISBN 978-3878001102, Leseprobe