Böse Jungs fahren Benz

Mr MercedesStephen King schreibt Bücher am laufenden Band, und viele von ihnen sind auch noch richtig gut. Zuletzt hat er mit seiner Frankenstein-Adaption „Revival“ überzeugt, jetzt ist er zurück – mit einer Thriller-Trilogie über einen pensionierten Cop, der den Ruhestand satt hat. Gleichzeitig erfindet King auch das skurrilste Ermittler-Trio, das die Horror-Welt je gesehen hat.

„Oh, Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz“ sang Janis Joplin einst über das illusorische Glück, das materielle Güter wie teure Autos und Farbfernseher versprechen. Ähnlich illusorisch ist auch die Hoffnung der Menschen, die sich eines Morgens vor dem City Center versammeln, um bei der Jobbörse einen den wenigen Arbeitsplätze der Stadt zu ergattern. Spätestens in dem Moment, als ein dicker Mercedes S 600 in die wartende Menge prescht und dadurch acht Menschen tötet und dutzende verletzt, ist jegliches Glück zunichte gemacht und der Ort der Hoffnung ein Ort des Grauens. Der Fahrer entkommt. Und obwohl die Polizei emsig ermittelt, fassen sie den Täter nicht.

Als Detective Bill Hodges in den Ruhestand geht, ist der Fall des Mercedes-Killers einer der wenigen, die er nicht zum Abschluss bringen konnte. Umso überraschter ist er, als er sechs Monate nach der Pensionierung einen Brief von dem Mann erhält. Höhnisch wirft der Killer ihm Versagen vor, er stichelt und spottet. Der Brief erreicht Hodges zu einem Zeitpunkt, als der gerade frustriert über Selbstmord nachdenkt und mit dem Revolver seines Vaters herumspielt. Die Pensionierung bekommt ihm nicht, seine Tage verbringt er hauptsächlich vor dem Fernseher. Mit Bier oder Whiskey. Der Brief aber setzt den Wendepunkt, und es beginnt der nervenaufreibende Machtkampf zwischen dem Ex-Cop Hodges und dem Mercedes-Killer.

Ungesundes, inzestuöses Verhältnis zur Mutter

Dem Leser wird schnell klar, dass „Mr. Mercedes“ kein klassischer „Wer hat’s getan?“-Krimi ist, denn den Killer lernen wir schnell kennen. Brady Hartfield ist 28 Jahre alt, wohnt noch bei seiner Mutter, hat zu ihr ein ungesundes, inzestuöses Verhältnis und ist ansonsten eine kleine Intelligenzbestie, wenn es um Technik und Computerdinge geht. Weil es der Großstadt im Mittleren Westen der USA wirtschaftlich nicht so prächtig geht, schuftet Hartfield in zwei Jobs, um auch für seine alkoholkranke Mutter zu sorgen.

Mit Brady Hartfield hat Stephen King ein Monster erschaffen, das zu schocken vermag, obwohl es nicht die über üblichen übernatürlichen oder paranormalen Kräfte verfügt. Gleichzeitig erinnert sein unscheinbarer Mörder an Fälle der realen Welt, in denen vor allem junge Männer durch Gewalttaten auf sich aufmerksam gemacht haben. Unter dem Bett, im Keller, auf dem Dachboden – dort überall treiben die Geister und Ungeheuer ihr Unwesen. Kings „Mr. Mercedes“-Monster lauert aber dort, wo man es am wenigsten erwartet – im Haus nebenan. Und weil die stillen Wasser tief sind, verbergen sich dort die Dämonen, die den Geist verderben.

Seltsam anmutendes Ermittler-Trio

Ganz anders ist da Bill Hodges. Manch einer würde mit dem alten Herrn sicher gerne mal einen trinken gehen und sich ein paar alte Fälle erzählen lassen. Da Hodges sich mit Computern nicht so recht auskennt, der Killer ihn aber partout in einen Online-Chat zwingen will, holt sich der Detective Hilfe bei seinem intelligenten schwarzen Freund Jerome, der bei ihm sonst den Rasen mäht. Später stößt auch noch eine autistische Frau dazu und komplettiert das seltsam anmutende Ermittler-Trio, von dem man in den nächsten zwei Bänden der Trilogie sicher noch einiges erwarten darf.

In bewährter Manier sorgt Stephen King in seinem Wettlauf-gegen-die-Zeit-Thriller für atemlose Spannung. Sprachlich ist das jedoch nicht die Wucht. Insbesondere die Übersetzung ist wie üblich ein Ärgernis, weil natürlich beharrlich die falsche Grammatik verwendet wird. In den südlichen Bereichen Deutschlands, und Heyne verlegt seine Bücher in München, wird im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet. Für eine Übersetzung ins Hochdeutsche sollten solche regionalen Ausgestaltungen aber keine Rolle spielen.

Stephen King: Mr. Mercedes, Heyne Verlag, München, 2014, 592 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269415, Leseprobe

Mit „Finderlohn“ ist Anfang September 2015 bereits der zweite Band der Trilogie erschienen. Lesen Sie hier die Rezension dazu!

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