Mit Parkplatzpeter in der Provinz

Der unabhängige Kanon-Verlag („die mit dem Affen“) aus Berlin ist ein Phänomen. Erst 2020 gegründet und im Herbst 2021 sein erstes Programm vorgelegt, hat der Verleger Gunnar Cynybulk entweder das richtige Näschen, Händchen oder beides, um ein Knaller-Buch nach dem nächsten an Land zu ziehen und auf den Markt zu bringen.

Pro Jahr erscheinen nur zehn Bücher, „was zählt, ist die erzählerische Kraft eines Textes“, heißt es auf der Verlagswebseite. Zuletzt erlebte die Veröffentlichung der Tagebücher von Manfred Krug Ende Januar 2022 ein großes und begeistertes Medienecho (weitere Bände sind in Planung). Zuvor sind bereits Bücher erschienen wie der grandiose Roman „Steine schmeißen“ von Sophia Fritz oder der 117 Seiten lange, herausragende Monolog „Der Termin“ von Katharina Volckmer. Und jetzt, im Februar 2022, kommt direkt der nächste Hammer hinterher – weichen Sie dem nicht aus, sondern lassen Sie sich treffen.

Bravouröses Sprachgefühl

Das Buch mit dem passenden Titel „Meter pro Sekunde“ von Stine Pilgaard wird Sie umhauen und nachhaltig beeindrucken. Der Roman der dänischen Autorin zeugt von einem bravourösen Sprachgefühl und feinsinnigen Gespür für Komik. Es ist wahnsinnig lustig und tränenreich. Letzteres, weil Sie entweder aus dem Lachen nicht mehr rauskommen oder weil dieses Buch Sie so emotional anfasst. Es ist für Eltern, Freund*innen von Eltern, Eltern von Eltern, werdende Eltern, Lehrer*innen, Freund*innen von Lehrer*innen, Fahrschüler*innen, Schweigsame, wasserfallartig Redende, Redakteur*innen, Dänemark-Fans, Kolumnenschreiber*innen und -leser*innen, für, ach – alle sollten das lesen!

Pilgaard schreibt aus Sicht der Ich-Erzählerin, die mit ihrem Freund und dem gemeinsamen Baby, das noch keinen Namen hat (!), von Kopenhagen nach Westjütland gezogen ist. Man nennt den Landstrich in Dänemark auch das „Land der kurzen Sätze“; hier wird kein Wort zu viel gesprochen. Erinnern Sie sich an die Krimiserie „Lilyhammer“ mit „Sopranos“-Star Steven Van Zandt, der als verratener New Yorker Mafioso in ein Zeugenschutzprogramm kommt und ein neues Leben im norwegischen Lillehammer beginnen will?

Einen ähnlichen Kulturschock muss auch die Ich-Erzählerin erleben, als sie ihrem Freund nach Velling folgt, der dort in der Heimvolkshochschule einen Job als Lehrer angenommen hat. Klingt provinziell? Ja, das ist es, aber wunderbar unterhaltend und warmherzig und parodistisch.

„Folkehøjskole“ ist nicht gleich Volkshochschule

Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel klärt in seinem aufschlussreichen Nachwort darüber auf, was es mit der dänischen Heimvolkshochschule auf sich hat, die nicht vergleichbar ist mit der deutschen Volkshochschule. Die dänische nicht-staatliche Institution „Folkehøjskole“ umfasst internatsähnliche Schulen mit zwei- bis zwölfmonatigen Kursangeboten. Die Schülerinnen und Schüler sind in der Regel schon erwachsen und zwischen 18 und 25 Jahren alt, meist besuchen sie die Kurse zwischen Abitur und Studium.

Während ihr Mann den neuen Schülerinnen unabsichtlich den Kopf verdreht, beschreibt die Ich-Erzählerin in Kapiteln, die selten länger sind als zwei Seiten, kurz und heiter ihr neues Leben. Da ist natürlich ihr Sohnemann, für den es gilt, eine gute und passende Tagesmutter zu finden. Die Auserwählte heißt Maj-Britt, von der die Erzählerin glaubt, dass Maj-Britt sie nicht so sehr leiden mag wie andere Eltern, „eher so, als ob ich eine hilflose und etwas begriffsstutzige Asylbewerberin wäre, die sie in die dänische Gesellschaft integrieren soll“. Hier zeichnen sich nicht nur die Probleme ab, in dem neuen Ort Fuß zu fassen, sondern auch der eigenen Mutterrolle gerecht zu werden. Manchmal hat es den Anschein, sie betrachte ihren Sohn als einen Außerirdischen, der die Finger ausstreckt, um nach Hause zu telefonieren. „Muh, sagt mein Sohn und winkt, und ich finde, sein Tonfall hat etwas Aufforderndes an sich.“

Aber es wird noch besser. Die Erzählerin fängt an, Fahrstunden zu nehmen, denn um mobil zu sein, braucht man ein Auto in Westjütland. Sie nimmt Fahrstunde um Fahrstunde, die frustrierten Fahrlehrer wechseln sich bald ab, und die Erzählerin nimmt weiterhin Fahrstunde um Fahrstunde. Sie hat Angst. Vor Baustellen, plötzlich auftauchenden Schulkindern und davor, die Fahrstunde einfach nicht zu überleben. Die Fahrprüfung rückt in weite Ferne. „Parkplatzpeter“, einer ihrer Fahrlehrer, geht pädagogisch wertvoll an den schwierigen Fall ran: „Er wirkt aufrichtig beeindruckt, wenn ich in einen anderen Gang schalte.“ Das ist das Niveau, auf dem wir von der Rückbank und in den Sitz gekrallt an den Fahrstunden teilnehmen.

Voller Liebe und Zärtlichkeit

Dabei plaudert die Erzählerin in ihren Episoden so mitreißend, ist eine so lebensbejahende Frau, die das Herz am rechten Fleck hat und so wunderbar über sich selbst lachen kann, dass es nur so eine Freude ist. Voller Liebe und Zärtlichkeit baut Stine Pilgaard ihrer Hauptperson eine Bühne, die sie in ihrer Tiefe voll ausschöpft.

Doch auch Pilgaard versteht es, die Bühne zu nutzen, die ihr zwischen den zwei Buchdeckeln gegeben ist. Der Roman wechselt die Textformen: Zum einen sind da die kurzen Kapitel. Zum anderen nimmt die Erzählerin einen Job als Kolumnenschreiberin beim Lokalblatt an, und ihre „Kummerkasten“-Texte fügen sich in den Roman. Als dritte Form dichtet die Erzählerin Liedtexte aus dem Heimvolkshochschulen-Liederbuch auf ihre persönliche Situation um (der Übersetzer hat sie für den deutschsprachigen Markt an hier bekannte Lieder umgetextet). Alle drei Textformen wechseln sich ab, umschließen und ergänzen sich und manifestieren den ständig im Wechsel begriffenen Tagesablauf einer berufstätigen Mutter.

Schon Pilgaards Debüt, das 2023 im Kanon-Verlag erscheinen soll, wurde in Dänemark mit mehreren Preisen ausgezeichnet und machte die Autorin in ihrem Land schlagartig bekannt. In Dänemark wird das Buch ab März verfilmt – und es spricht für den Humor der Dänen, dass sich der Fernsehmoderator Anders Agger, der in Stine Pilgaards Roman eine besondere Rolle einnimmt, in dem Film selber spielen wird.

„Meter pro Sekunde“ ist nicht nur ein herzerwärmendes Buch über das Elternsein, sondern vor allem eine wundervolle Komödie über den schwierigen Zutritt einer Städter-Familie in eine lokale Gemeinschaft aus glückstrunkenen Menschen in der tiefsten Provinz. Ohne Frage dürfte „Meter pro Sekunde“ hierzulande eines der heitersten und unterhaltsamsten Bücher dieses Bücher-Frühjahrs werden!

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde, Kanon-Verlag, Berlin, 2022, 255 Seiten, gebunden, 23 Euro, ISBN 978-3985680115, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Blasse Kühe, starke Figuren

Der Debütroman „Und Nilas sprang“ der schwedischen Kulturjournalistin Maria Broberg ist ein langsames Buch, das Zeit braucht, um sich und seine Geschichte zu entwickeln. Die Mühe durchzuhalten lohnt sich aber! Am Ende wissen Sie: Ich habe soeben gute, schwedische Literatur gelesen. „Und Nilas sprang“ erzählt von einem spurlos verschwundenen Jungen, einer heimlichen Liebe; und von Familiengeheimnissen, von Rassismus, Vaterfiguren und solchen, die es nie sein werden.

Der Roman spielt in Olsele, einem kleinen Dorf in Norrland, dem nördlichsten der drei schwedischen Landesteile. Olsele, gelegen in der Provinz Västerbotten, ist nur eine Ansammlung von Häusern und landwirtschaftlichen Höfen. Es gibt eine Kirche und eine Art Kaufmannsladen, den Sigurd jedoch in seinem Wohnhaus am Ende eines langen Flurs betreibt. Immerhin: mit einer richtigen Kaufmannstheke.

Dabei ist das verboten

Die Einwohner von Olsele sind wortkarge Menschen. Sogar die Kühe sollen in Olsele blasser sein als anderswo, heißt es. Aber die Landschaft ist schön, und es gibt auch einen Fluss, an dem es sich fischen lässt und auf dem die Flößer das Holz befördern. Die Kinder gehen auf den im Wasser treibenden Stämmen balancieren und zwischen ihnen schwimmen, dabei ist das verboten.

Der Roman setzt 1948 ein, als der 17-jährige Assar die neu ins Dorf gezogene Margareta kennenlernt, die wesentlich älter ist als er. Nach acht Kilometern, die sie gemeinsam gehen, ist er sozusagen in Liebe entbrannt. Doch Margareta ist mit dem noch wesentlich älteren Hebbe liiert, einem Musiker, der fantastisch Ziehharmonika spielen kann. Margareta sagt über ihre Beziehung treffend: „Es hat seine Vorteile, und es hat seine Nachteile. Ich habe viel Musik im Leben. Aber vielleicht nicht viel anderes.“

Wir lernen außerdem Håkan kennen. Seine Sicht der Geschichte beginnt 1956. Hebbe lehrt ihm in diesem Sommer das Fischen, verbietet ihm ab weiterhin, ihn Papa zu nennen. „Hebbe. Nicht Papa, nicht Vati, nicht einmal Vater.“

Dabei hat er doch nur diesen Vater, so wie er nur diese eine Mutter hat, die er selbstverständlich Mama nennt. Nicht: Margareta. Aber Hebbe bleibt eisern. Viele Tage haben sie nicht mehr gemeinsam, denn es ist Hebbes letzter Sommer.

Der dramatische Reigen der Charaktere

Der Roman erzählt sich in Zeitsprüngen bis zum Jahr 2008 überwiegend aus Sicht von Assar und Håkan. Assar wird die Liebe zu Margareta zeit seines Lebens nicht aufgeben, Margareta bandelt nach dem Tod von Hebbe mit dem Sami Lars an, der bei ihr einzieht, und mit ihr einen Sohn zeugt: Nilas. Gleichzeitig beruht Assars Leidenschaft für Margareta auf Gegenseitigkeit, sie hat sich nur wesentlich besser im Griff als er. Voilà, der dramatische Reigen der Charaktere ist aufgestellt.

Die drei zentralen Figuren gelingen der Autorin hervorragend. Die eigentlich verbotene Liebe zwischen Assar und Margareta, das gegenseitige Angezogensein und das Nichtvoneinanderlassenkönnen, die fortwährende Faszination, die auch Jahre später nicht nachlässt, das ist mitreißend beschrieben. Wer bereits verzweifelt geliebt hat, wird in diesen Passagen emotional zutiefst berührt werden. Insbesondere Margareta steht uns lebendig vor Augen, die pragmatisch sein will, aber nicht kann, und von ihrer Umgebung in ein zu enges Korsett geschnürt wird.

Suche nach der eigenen Identität

Auch Håkan ist stark gezeichnet: Das Kind, das einen Vater sucht, den einen nicht so nennen darf, der zweite ist fast nie da, weil er sich ständig um seine Rentiere kümmern muss. Und dann ist da noch die Sache mit Nilas, seinem verschwundenen Bruder. Auch Håkan ist zerrissen von Schuldgefühlen und der Suche nach der eigenen Identität.

„Und Nilas sprang“ ist kein Kriminalroman, sondern eine dramatische Familiengeschichte auf sprachlich hohem Niveau, melancholisch und sehr nordisch. Das Rätsel um das verschwundene Kind entwirrt sich erst am Ende des Buchs. Doch es bleiben genügend Fragen offen, und das ist klug gelöst von Maria Broberg, denn so befriedigend ist das Leben nun mal nicht. Von dieser Autorin werden wir hoffentlich bald mehr lesen.

Maria Broberg: Und Nilas sprang, Verlag Nagel & Kimche, München, 2021, 266 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3312012503

Seitengang dankt dem Verlag Nagel & Kimche für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Nichts geworden mit der Idylle

Das Feuerwerk ist abgesagt, und wer es in diesem Jahr zu Silvester vermisst, hat einen guten Grund, Sophia Fritz‘ Debütroman „Steine schmeißen“ zu lesen. Denn in diesem in der Jetztzeit von Wien spielenden Roman begleiten wir Anna und ihre Freundinnen und Freunde vom alten Jahr ins neue. Was eine entspannte Silvesternacht werden könnte, gerät zu einem Tanz auf brüchigem Boden – und zu einem Ergebnis, als habe jemand aus Versehen ein Streichholz in die Kiste mit dem Feuerwerk fallen lassen.

Es gibt nicht nur einen guten Grund, dieses Buch zu lesen, es gibt viele: Die Sprache, der Drive, die Figuren, der Witz. Und nicht zuletzt ist es ein umwerfendes, packendes, eloquentes Stück Literatur, bei der wir uns fragen dürfen: Warum, zum Teufel, hat Sophia Fritz erst jetzt angefangen, Romane zu schreiben? Was haben wir in den vergangenen Jahren verpasst!

Sophia Fritz – wer ist das eigentlich? Die Debütantin wurde 1979 in Tübingen geboren, sie studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Drehbuch und erarbeitet Serienformate für verschiedene Produktionsfirmen. Sie hat bereits literarischen Kurztexte geschrieben und dafür zahlreiche Literaturpreise und Stipendien bekommen. Außerdem schreibt sie für die Wochenzeitung Die Zeit.

„Ein Freilichtmuseum von Gefühlen“

Und nun also „Steine schmeißen“, über das Sophia Fritz in einem Interview für das Branchenmagazin Buchreport selber sagt: „Ein gordischer Knoten an Beziehung und ein Freilichtmuseum von Gefühlen. Lauter Herzen, die so schwer sind vom Schwimmbad, und Tauwettergesichter, die nicht so genau wissen, wohin jetzt. Und dann auch mein bester Versuch, ehrlich zu bleiben.“

Ehrlich bleiben. Treibt es auch die jungen Erwachsenen an, über die Fritz in ihrem Roman schreibt? Diese Generation Z, die „Z-ler“, die versuchen, cringe Situationen zu vermeiden, tapern in „Steine schmeißen“ so unausweichlich in ihre Zukunft, an langen Fäden gelenkt von einer Autorin, die nicht nur Sprachbilder beherrscht, sondern auch den nötigen Abstand zu ihren Figuren einhält, um ihnen mit direkter Ehrlichkeit die Folgen ihres Handelns vor den Latz zu knallen.

Weil es die Nacht der Nächte ist

Anna und ihre Clique versammeln sich bei Marie, um ganz gemütlich, mit gestreamtem Kachelofen, ins neue Jahr zu feiern. Man fläzt sich in den Ledersesseln, und in den Hosentaschen nehmen die mitgebrachten Drogen die Körperwärme an. Koks und vielleicht eine kleine Menge Ecstasy. Weil es die Nacht der Nächte ist. Und weil diese jungen Menschen intensive Erfahrungen suchen, denn Anna sagt an einer Stelle: “ Nicht mal von Worten lassen wir uns berühren, damit etwas Spuren hinterlässt, muss es uns am Kiefer packen, in den ersten drei Sekunden explodieren oder sehr persönliche Fragen stellen“. Da hat man keine Fragen mehr.

Sie alle bringen an diesem Abend ihr Päckchen mit. Die Halbwaise Anna ist von ihrem Freund, ihrer großen Jugendliebe, verlassen worden, aber niemand außer ihrer Mutter weiß davon. Ihren Freunden erzählt sie, Alex habe Magen-Darm. Jara und Lukas sind in einer On-off-Beziehung, Marie dagegen „hat nie jemand Festes bei sich, nur manchmal ihren Bruder, von dem sie sich beschützen lässt“: Samir, mit dem sich Anna seit zwei Jahren trifft, wenn sie harten Sex braucht. Weiß aber natürlich niemand. Marie hat sich die Wangen unterspritzen lassen, um ihren Vater aus dem Gesicht zu tilgen; weiß Anna.

Fede ist auch da, das ist Annas bester Freund. Der will sich in den nächsten vier Stunden noch verlieben und dabei am liebsten betrunken sein. Anna erinnert sich an dessen Vater und wie der ansonsten so schweigsame Mann einmal sagte: „Es tut mir leid, dass das nichts geworden ist mit der Idylle.“ Manchmal brechen sich Weissagungen auf ungewöhnliche Art und Weise Bahn. Eine weitere könnte sein: Eigentlich sind Tantramasseur*innen die wahren Retter*innen in der Not.

Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht

Es ist Lukas, der den Stein ins Fliegen bringt. Er hat die Idee, dass sie alle mit Filzstiften jene Dinge auf Steine schreiben, die sie loswerden wollen. Vor Mitternacht sollen die Steine dann in die Donau geworfen werden, um sich damit sinnbildlich von den jeweiligen Belastungen zu befreien. Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht, aber das Ding geht – um in der Böllersprache zu bleiben – komplett nach hinten los und zerfetzt jede Form von Geheimnis und Stillschweigen.

Sophia Fritz schreibt mit einem Blick für Dramaturgie prägnante, scharf umrissene Sätze. Klar, möchte man sagen, sie hat das Drehbuchschreiben ja studiert. Aber eine studierte Drehbuchschreiberin ist ja nicht automatisch eine hervorragende Romancière.

„Steine schmeißen“ kitzelt beim Lesen den Wunsch, hier und dort ein paar Sätze zu notieren, um sie nicht zu vergessen. Kleinode wie „Der Himmel hat Lampenfieber und winkt die Wolken weiter“, „rutschige Träume“, „Baumwollbrüste“, „ein Herz wie ein Sitzsack“, „laufen, als würde ich auf Schnitzel und Schlagringe stehen“, „das Gesicht in die Handflächen einbuddeln“, „mit den Augen vertippen“ und „das Geländer ist es gewöhnt, festgehalten zu werden“. In ähnlich starker Sprache schreibt noch Simone Buchholz ihre Krimis.

Was Sophia Fritz leider nicht beherrscht, aber auch hier ist sie in bester Gesellschaft, ist das Wortfeld „sagen/sprechen“. So lässt sie jemanden ein „Ja“ lächeln, wenig später nickt jemand ein „mega“, dann wieder räuspert sich Lukas ein „ich glaube“. Das soll mal jemand beim Film versuchen: „Ich glaube“ sagen und sich gleichzeitig räuspern. Das „Mega“-Nicken wird später noch ergänzt durch ein „‚Touché‘, nickte er.“ Nun. Es muss ja auch nicht alles schön sein in der deutschen Literatur.

Sophia Fritz hat einen großen Wurf getan, und es werden weitere folgen. Bereits für das Frühjahr ist im Kanon-Verlag ein zweites Buch von ihr angekündigt, das sie zusammen mit Martin Bechler, dem Mastermind der Kölner Indie-Band „Fortuna Ehrenfeld“, geschrieben hat. „Kork“ heißt es und soll vom richtigen Wein im falschen Leben erzählen. Der hätte Anna und Konsorten aber auch nicht mehr geholfen. Ehrlich bleiben, das schon eher.

Sophia Fritz: Steine schmeißen, Kanon-Verlag, Berlin, 2021, 229 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3985680078

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Letzte Hoffnung Harlem

Mit „The Blacker the Berry“ ist in diesem Herbst eines der meistgelesenen Werke der Harlem-Renaissance endlich erstmals auf Deutsch erschienen. Der autobiografisch geprägte Debüt-Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Wallace Thurman (1902-1934) erzählt die Geschichte der jungen Afroamerikanerin Emma Lou, die Ende der 1920er Jahre nach Harlem kommt, um dort glücklicher zu werden.

„The Blacker the Berry“ war einer der ersten Romane, die Vorurteile und Diskriminierung innerhalb der schwarzen Gemeinschaft aufgrund der Hautfarbe offen zur Sprache brachten. Denn Emma Lou wird nicht nur in der weißen Gesellschaft ihrer Heimatstadt Boise (Idaho) wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert, sondern auch in ihrer eigenen hellhäutigen Familie. An der Schule war sie die letzten vier Jahre bis zur Abschlussklasse die einzige schwarze Schülerin auf der ganzen Schule.

„Immer weißer von Generation zu Generation“

In ihrer Familie galt immer die von der Großmutter eingetrichterte Doktrin: „Immer weißer von Generation zu Generation.“ Emma Lous Großeltern waren beide hellhäutige Nachkommen von weißen Plantagenbesitzern, die mit ihren schwarzen Sklavinnen Kinder gezeugt hatten. Auch den eigenen Kindern hatte die Großmutter das Credo eingebläut, was jedoch nichts half, denn Emma Lous Mutter heiratete einen tiefschwarzen Mann und zeugte mit ihm Emma Lou. Sie hoffte, dass ihr Kind niemals so schwarz werden würde wie sein Vater.

Schon von Kindesbeinen an wurde Emma Lou zur Außenseiterin. Und diejenigen, die sie im Familienverbund am meisten beschützen sollten, ließen sie das am meisten spüren: Ihre Großmutter und ihre Mutter; der Vater war verschwunden. „So weit Emma Lou sich zurückerinnern konnte, hatte sie die Leute immer sagen hören: ‚Was für ein ungewöhnlich schwarzes Kind Wo haben Sie es adoptiert?‘ (…) Manche meinten scherzhaft vorschlagen zu müssen: ‚Versuch’s doch mal mit ’ner starken Lauge, Jane, vielleicht hilft das Ätzen, schlimmer kann’s ja nicht werden.'“

Emma hat schon in ihrer vaterlosen Kindheit und Jugend viel seelischen Schmerz erlitten. Als ihr Onkel schließlich durchsetzt, dass sie auf die University of Southern California nach Los Angeles gehen darf, fühlt sich das für sie wie ein Befreiungsschlag an. In L.A. ist sie fasziniert von der großen schwarzen Community – endlich würde ihre Hautfarbe keine Rolle mehr spielen. „Onkel Joe hatte es schließlich gesagt, Schwarze waren Schwarze, ob sie nun zufällig hellgelb, braun oder schwarz waren, und diejenigen mit dunklerer Haut auszugrenzen, bewies oder verbesserte gar nichts.“ Doch auch an der Uni stößt sie wieder auf ähnliche Vorurteilsmuster. Sie flüchtet weiter nach New York und hofft, im pulsierenden Harlem endlich ihr Glück zu finden.

Verve der Jazzclubs und Tanzlokale

Der Schriftsteller Wallace Thurman, ebenfalls Person of Color und von dunklerer Hautfarbe, war selbst 1925 von der University of Southern California nach Harlem gezogen. Das Viertel in Manhattan war das Mekka der Schwarzen Kultur und berühmt für seine Jazzclubs, die afroamerikanische Kunst und Kultur. Die Harlem-Renaissance galt als einflussreichste Bewegung in afroamerikanischen literarischen Werken und kreativer Kultur, und Thurman schrieb eines ihrer bedeutendsten Bücher. Er zeigt in seinem exzellent geschriebenen Buch nicht nur detailreich den Verve der Jazzclubs und Tanzlokale in diesem legendären Viertel. Thurman beschreibt genauso intensiv den grassierenden Rassismus und welch zerstörerisches Maß diese Voreingenommenheit entwickeln kann. Seine Protagonisten sind bis in die Nebenfiguren faszinierend eindringlich porträtiert.

Die stets glaubwürdig gezeichnete Emma Lou, die den Snobismus ihrer Familie angenommen hat, wird in Harlem desillusioniert, erlebt furchtbare Liebesbeziehungen, kommt in die Mühlen der Arbeitsvermittlung, muss Frauenverachtung ertragen, wird aber von Tag zu Tag selbstbewusster und stärker und entwickelt Rückgrat. Vor allem von ihrem unsäglichen Lover, einem Schlawiner vor dem Herrn, sagt sie sich endlich los. „Das erste Mal in ihrem Leben war ihr ganz klar, dass sie es selbst war, die entscheiden musste, was sie aus ihrem Leben machen wollte, und sich dann entsprechend verhalten musste. (…) Was jetzt anstand, war, dass sie ihre schwarze Hautfarbe endlich als reale, unabänderliche Gegebenheit akzeptierte, so wie manches, das in der Vergangenheit geschehen war und in Zukunft wieder geschehen würde.“ Emma Lou war so lange bestrebt, endlich als Mensch akzeptiert zu werden, dass sie dabei völlig vergessen hatte, sich selbst zu akzeptieren. Die Erkenntnis kommt spät, aber nicht zu spät.

Thurman hat mit „The Blacker the Berry“ auch moderne Künstler wie Kendrick Lamar und Tupac Shakur beeinflusst. Es ist gut, dass dieser verlorene Klassiker der schwarzen amerikanischen Literatur, der damals so mutig und ehrlich und so bahnbrechend den Colourism thematisierte und bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat, jetzt endlich auch auf Deutsch erschienen ist. Die Präferenz weißer Haut und das Gefühl, deshalb als Schwarze diskriminiert, beleidigt und als Außenseiter an den Rand gedrängt zu werden, sind nicht nur in Amerika zeitlose Themen. People of Color sind damit weltweit leider noch immer konfrontiert.

Wallace Thurman: The Blacker the Berry, ebersbach & simon, Berlin, 2021, 224 Seiten, mit einem Nachwort von Karl Bruckmaier, gebunden, Halbleinen. mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3869152462

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Rum prüfe, wer sich ewig bindet

Man sagt, der Tag der Eheschließung sei der schönste des Lebens. Als die 23-jährige Dolly Thatcham am Morgen ihrer Hochzeit im Brautzimmer steht, sieht das nicht ganz danach aus. Am Mittag soll sie den etwas älteren ehrenwerten Owen Bingham ehelichen, mit dem sie erst seit einem Monat verlobt ist. „So wie es sein sollte.“

So wie es sein sollte? Julia Stracheys tragikomischer Roman „Heiteres Wetter zur Hochzeit“ spielt Anfang der 1930er Jahre in einem Landhaus in der englischen Grafschaft Dorset. Das Buch ist jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt worden. In der gehobenen Gesellschaft werden Hochzeiten von der Familie arrangiert und sind meist keine Bünde der Liebe. Die junge Dolly hatte keine Wahl, sich den richtigen Partner auszusuchen und zu prüfen, bevor sie sich ewig bindet. Ratlos steht sie da, trinkt Rum aus der Flasche, und fragt und fragt und fragt sich: Ist Owen wirklich der richtige Mann?

Derweil geht treppab im Erdgeschoss die Luzi ab. Oder vielmehr: die Familie. Denn Cousins und Cousinen, Freunde und entfernte Verwandte rücken an, um diesem freudigen Ereignis beizuwohnen. Die Bediensteten versuchen, allen Befehlen der Hausherrin gerecht zu werden, die mit zunehmendem Trubel mehr und mehr den Überblick verliert und etwa mehrere Gäste im selben Zimmer einquartiert: „Mum, wie viele Leute sollen denn noch ins violette Zimmer? Bob! Mr. Spigott! Tante Bella! Miss Spoon! – Nur schade, dass das Bett so schmal ist!“ Der Köchin sagt sie erst, sie solle mehr Leberpastete machen als sonst, dann wieder nicht. Zwei Stunden später pfeift sie die Unglückliche zusammen, wo denn mehr Leberpastete bliebe. Es ist furchtbar und furchtbar komisch zugleich, wie Mrs. Thatcham alles über den Kopf wächst.

„Keine angemessenen Socken für eine Hochzeit“

Nebenan streiten sich der 13-jährige Robert und sein älterer Bruder Tom raufend um die Strümpfe, die Robert bei der Trauung zu tragen gedenkt. „Deine Mutter würde zweifellos wollen, dass du dich nach oben begibst, zum Zwecke, diese unmöglichen Socken zu wechseln.“ Smaragdgrün sind die. Ohne Anzeichen von Unmöglichkeit. Doch Tom fährt stichelnd fort: „Robert. Robert. Robert.“ Und wieder: „Das sind bei einer Hochzeit keine angemessenen Socken für einen Gentleman.“ Robert pariert stets mit: „Hau ab und steck deinen Kopf in eine Tüte.“

Währenddessen werden Teewagen in den Salon geschoben, vor der Tür fährt das Automobil der mondänen, geliebt-gefürchteten Tante Bella vor, der Bräutigam sucht die Trauringe, es klappert und lärmt, und alles ist von einer aufgeregten Vorfreude beseelt. Doch treppauf ringt sich die zukünftige Mrs. Bigham die Hände und nimmt einen weiteren Schluck aus der Rum-Flasche. Und unten wartet hadernd ihre Sommerliebe aus dem vergangenen Jahr auf sie, Joseph Patten, Student der Anthropologie in London und immer noch schwer verliebt in Dolly. An diesem Tag ist er gekommen, um die Frau seines Herzens einen anderen Mann heiraten zu sehen.

Ein Tohuwabohu unten und eine Stille oben

Es ist ein Treppauf und Treppab, ein Tohuwabohu unten und eine Stille oben. Es ist der helle Wahnsinn im Erdgeschoss und die Panik vor der falschen Entscheidung im Brautzimmer. Dieses ganze Kammerspiel lebt von den brillant beschriebenen Charakteren, die Julia Strachey wie in einer Familienaufstellung zusammenschiebt. Schon bald gleicht der Hochzeitstag einem Pulverfass, bei dem Mrs. Thatcham irgendwie vergessen hat, dass sie gerade die Lunte angezündet hat.

„Heiteres Wetter zur Hochzeit“ hat Witz, spitze Bemerkungen, Glamour (Tante Bella!), eine angemessene Kürze (146 Seiten), skurrile Figuren und eine zauberhafte Braut. Die meisten Männer dagegen, allen voran der völlig blasse Bräutigam, taugen allenfalls zur Staffage.

Der kurze Roman der britischen Autorin und Fotografin (1901-1979) ist von Nicole Seifert wunderbar ins Deutsche übertragen worden. Es ist eine Wonne, wie hervorragend es ihr gelungen ist, den englischen Humor und den sprachlichen Scharfsinn in eine würdige, vergnügliche Übersetzung zu bringen. Dieses in blaues Leinen gebundene Büchlein ist eine Entdeckung!

Julia Strachey: Heiteres Wetter zur Hochzeit, Dörlemann-Verlag, Zürich, 2021, 159 Seiten, mit einem Nachwort von Frances Partridge, gebunden, mit Lesebändchen, 19 Euro, ISBN 978-3038200949, Leseprobe

Seitengang dankt dem Dörlemann-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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