Iraner*in, Leben, Freiheit

Seit Wochen protestieren im Iran Frauen und Männer unter Todesgefahr gegen das Regime und zeigen sich scheinbar wenig beeindruckt von den gewalttätigen Einschüchterungsversuchen der Staatsführung. Die hat derweil Mitte Dezember 2022 das zweite Todesurteil gegen einen Demonstranten vollstreckt. Laut „Amnesty International“ droht mindestens 26 weiteren Menschen die Hinrichtung (Stand: 16. Dezember 2022). Hadi Ghaemi, Direktor des Iran Center for Human Rights in New York, sagte in einem Interview mit der CNN-Journalistin Christiane Amanpour, die Islamische Republik Iran vollstrecke „staatliche Lynchjustiz gegen die eigene Bevölkerung“.

Auslöser für die Proteste, die manche iranische Stimmen inzwischen lieber eine Revolution nennen, war der staatliche Femizid an der 22-jährigen Kurdin Mahsa Zhina Amini. Das iranische Regime hatte behauptet, Zhina Amini sei an einem plötzlichen Herzversagen verstorben. Sie war zuvor festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht „richtig“ trug. Nach der Festnahme und nach zwei Tagen im Koma starb sie am 16. September 2022 in einem Krankenhaus in Teheran.

Überall im Land gehen die Protestierenden auf die Straße, um für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen und Queers bis hin zu einem Ende der Diktatur zu kämpfen. Die einst kurdische Parole „Frau, Leben, Freiheit“ („Jin, Jiyan, Azadî“) wird auch von Männern solidarisch verwendet. Die Proteste erreichen alle Städte und alle Schichten. Und sie finden weltweit Beachtung. In Deutschland haben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ihre Instagram-Accounts und deren Reichweite zwei iranischen Aktivistinnen zur Verfügung gestellt und die Proteste damit in Publikumsbereichen bekannt gemacht, die bei Nachrichten vielleicht sonst eher umschalten.

Einmal mehr viel Beachtung verdient

Damit die Aufmerksamkeit weltweit weiterhin groß bleibt, heißt es, jegliche Möglichkeit zu nutzen, um alle gesellschaftlichen Schichten und alle Altersklassen zu informieren. Schon im Jahr 2017 hat der Splitter-Verlag aus Bielefeld einen Comic herausgebracht, der hervorragend geeignet ist, junge Menschen und Comic-Leser*innen tiefer über den Iran zu informieren, und der deshalb in diesen Zeiten einmal mehr viel Beachtung verdient hat. Es ist der Comic „Liebe auf Iranisch“ von Jane Deuxard und Deloupy.

Jane Deuxard ist das Pseudonym eines französischen Journalistenpaars, die jeweils einzeln bereits national und international ausgezeichnet wurden. Die beiden arbeiten unter dem Decknamen, um weiterhin im Iran recherchieren zu können. Vor allem aber nutzen sie das Pseudonym, um ihre Quellen im Iran zu schützen, jene Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnen und die es gewagt haben, ihnen offen und ehrlich von ihrem Leben zu erzählen. Denn Jane Deuxard sehen das als ihre Aufgabe an: den Iranerinnen und Iranern durch ihre Recherchen eine Stimme zu geben.

„Die Polizeipatrouillen sind überall“, schreibt das unverheiratete Paar. „Jedes Mal, wenn sie vorbeikommen, schweigen wir und senken den Blick. Würde man uns entdecken und festnehmen, wären die Iraner, die bereit waren, mit uns zu reden, in Gefahr. Wir sind ständig angespannt.“

Unverstellte Einblicke in das Leben im Iran

„Liebe auf Iranisch“ erzählt keine Geschichte, ist kein Comic-Roman, sondern zeigt episodisch Iranerinnen und Iraner in den jeweiligen Gesprächssituationen mit Jane Deuxard und erlaubt damit unverstellte Einblicke in das Leben im Iran unter der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadineschād sowie unter der seines Nachfolgers Hassan Rohani.

Die Porträtierten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, sie kommen aus allen sozialen Milieus des Landes, und sie alle eint der Wunsch, freiheitlich lieben zu dürfen, unabhängig davon, was ihnen das Regime oder die Tradition oder die Religion vorschreiben. Mal mit der Partnerin oder dem Partner im Café einen Latte Macchiato trinken? Abends gemeinsam ins Bett fallen und am besten gleich übereinander her? Sich in der Öffentlichkeit küssen?

Nein, nicht im Iran. Nichts davon. „Solange wir nicht verheiratet sind, können wir nicht miteinander schlafen“, sagt die 26-jährige Gila. Seit acht Jahren ist sie mit Mila zusammen, partnerschaftliche Sexualität können sie nur durch Oral- oder Analsex erleben, denn es ist wichtig, die Jungfräulichkeit bis zur Hochzeit zu bewahren. Die Familie des Bräutigams kann sogar einen Test verlangen.

Strategien, um die Liebe zu leben

Aber immerhin Oral- oder Analsex? Ja, jedoch nur gut versteckt, nur bei absoluter Ungestörtheit. Niemand darf davon wissen, niemals dürfen sie sich erwischen lassen. Es sind ausgeklügelte Strategien notwendig, um die Liebe zu leben. Gilas Mutter ist so konservativ, dass sie Mila nicht als Partner ihrer Tochter akzeptiert. Ihr wäre eine arrangierte Ehe lieber, bei der sie den Mann für ihre Tochter aussucht.

Für westliche Augen und Ohren scheinen diese Berichte grotesk und wie aus einer Dystopie. Das aber ist genau der wichtige Beitrag, den die Comic-Reportage jungen Menschen in Deutschland für ihr Verständnis der Situation im Iran liefern kann.

Der französische Verleger, Illustrator und Comic-Autor Zac Deloupy hat „Liebe auf Iranisch“ behutsam gezeichnet, und er fängt die bedrückte, wenig hoffnungsfrohe Stimmung hervorragend durch eine besondere Farbgebung ein. Dabei entwirft er immer wieder deutliche Sinnbilder, etwa in dem Panel, in dem er den mit Messer und Gabel essenden Präsidenten Rohani zeigt. Auf dem Teller vor ihm liegt der Iran als Landfläche, von der er sich Iranerinnen und Iraner einverleibt, während andere vor der nahenden Gefahr flüchten.

Wie hält man das aus?

An anderer Stelle zeichnet Deloupy ein Liebespaar, das eng umschlungen spazieren geht. Alle Passanten in ihrer Nähe halten Luftballons in der Hand, auf denen Augen prangen und das Paar unentwegt beobachten. Denunzianten sind überall, und ein Liebespaar ist in der Öffentlichkeit niemals sicher, solange es nicht verheiratet ist. Wie hält man das aus? Welche enorme Geduld haben diese jungen Menschen? Oder wie verzagt sind sie?

Eine Interviewte sagt zu Jane Deuxard: „Eine Revolution heute? Unmöglich. Das Regime lässt nichts mehr durchgehen. Es kontrolliert alles.“ Es ist die Zeit der Präsidentschaft von Hassan Rohani, den die internationale Gemeinschaft einen Reformer nannte. Doch die Reformen kamen nie. Ein anderer, der 20-jährige Kellner und heimliche (verbotene) Rockmusiker Saviosh, sagt resigniert: „Ich glaube, die Leute haben heute keine Kraft mehr zu kämpfen. Wir sind zermürbt. Vielleicht kommt es mit der nächsten Generation… unsere ist erschöpft.“

Heute ist Ebrahim Raisi als Präsident des Irans an der Macht, ein Befürworter der Geschlechtertrennung, der Todesstrafe und der Internet-Zensur. Er lehnt die westliche Kultur ab. Ist eine Revolution also unmöglich? Der Politologe Jonathan White sagt im Februar 2022 im Tagesspiegel: „Jede Revolution scheint unmöglich – am Abend, bevor sie stattfindet. Revolutionen sind genau deswegen Ereignisse, weil sie überraschend sind, weil sie aus dem Lauf der Zeit herausstechen, weil sie komplett die Erwartungen durcheinanderwirbeln.“ Eines Morgens werden die Proteste möglicherweise Revolution genannt werden können. Halten wir die Augen offen!

Jane Deuxard / Deloupy: Liebe auf Iranisch, Splitter-Verlag, Bielefeld, 2017, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3958395435

Fury, Black Beauty und der Kleine Onkel – alle tot

Der Schotte Greg Buchanan hat ursprünglich als Drehbuchautor für Videospiele gearbeitet. Unter anderem trug er zum Erfolg von „Metro: Exodus“ und „No Man’s Sky“ bei. Jetzt hat Buchanan seinen ersten Roman veröffentlicht, und er ist dunkel, verstörend, brillant – ein überzeugender Erstling.

„Sechzehn Pferde“ erzählt von einem mysteriösen und erschreckenden Fund auf einer Farm des englischen Küstenorts Ilmarsh. Dort entdeckt ein junges Mädchen auf einer morastigen Wiese sechzehn Pferdeköpfe, abgeschlachtet und kreisförmig zueinander vergraben bis auf jeweils ein Auge pro Kopf, das leer in den Himmel blickt.

Die marode Kleinstadt, die in ihrer Bruchbudenhaftigkeit – und der allgegenwärtig wehmütigen Reminiszenz an einst goldene Zeiten – an das „Joyland“ von Stephen King erinnert, erbebt unter dem Schrecken der offenbar tierquälerischen Grausamkeit.

Kein Mord, sondern allenfalls Sachbeschädigung

Detective Sergeant Alec Nichols ermittelt widerstrebend. Es sei ja eigentlich kein Mord, sondern Sachbeschädigung, sagt er. Andererseits kribbelt das detektivische Interesse. Wer würde 16 Pferde töten, und woher nehmen, wenn nicht stehlen? Waren hier Okkultisten am Werk? Ist es was Persönliches? Für die Obduktion und weitere Tataufklärung wird die Veterinärforensikerin Dr. Cooper Allen hinzugezogen. Vier Tage soll sie bleiben, dann, so die Hoffnung, sei das Verbrechen sicher aufgeklärt.

Doch davon sind Nichols und Allen weit entfernt. Die Ermittlungen ziehen sich hin, denn es bleibt nicht bei diesem einen Verbrechen. Es brennt, jemand hat einen Unfall, ein Junge verschwindet, eine abgetrennte Fingerkuppe findet sich, eine Mutter verlässt Mann und Tochter. Und dann, ja, dann werden die Menschen krank. Denn die Pferdeköpfe waren mit einer Anthrax-Variante verseucht. Sie meinen, jetzt kann es ja nicht noch ärger kommen? Doch.

Gehört zu den besten literarischen Krimis des Jahres

Was Greg Buchanan da komponiert hat, gehört zu den besten literarisch hochwertigen Kriminalromanen dieses Jahres. Obgleich es sich spannend liest, ist es kein Pageturner im eigentlichen Sinne einfach gestrickter Krimi-Massenware. Als Leser*in braucht es viel Konzentration und Aufmerksamkeit. An manchen Stellen ist es sperrig und unwirtlich wie der dort beschriebene düstere November an der englischen Ostküste. An anderen Stellen spielt der Autor mit den Ängsten und Erwartungen seiner Leser*innen, zieht sie an unsichtbaren Fäden mal in die eine Richtung, dann wieder abrupt in die andere, und oft ist es dort sehr, sehr dunkel.

Seine Figuren zeichnet er hervorragend. Er hat ein feinsinniges Gespür für Menschen, denen alles genommen wird, für die Abgehalfterten, Abgehängten, die Unsichtbaren. Seine beiden Hauptpersonen lässt er ungeschützt in die Welt. Beide ähneln sich, laufen aber auf unterschiedlichen Spuren und kollidieren manchmal. Nichols ist der knurrige Eigenbrötler, der sich nicht vom Krebs-Tod seiner Frau erholt hat. Allen ist den Menschen immerhin ein wenig zugewandt, aber wortkarg und reserviert. Humor suchen Sie in diesem Roman vergeblich, hier erstickt jede Fröhlichkeit.

Greg Buchanan, der 1989 geboren wurde und in Cambridge Englisch studiert hat, ist weltweit erfolgreich mit seinem Debüt. Der Roman wurde in 17 Sprachen verkauft, und auch die Film- und Fernsehrechte sind schon vergeben. Derzeit schreibt Buchanan an zwei weiteren Romanen, in mindestens einem davon wird Cooper Allen wieder auf der Bildfläche auftauchen.

Das Pferdegemetzel von Ilmarsh wird sicherlich auf Dauer einen Fixpunkt in der literarischen Arbeit von Greg Buchanan einnehmen. Alle Nachfolger werden sich daran messen lassen müssen. Denn den Schrecken des Höhepunkts vergisst niemand, der diesen Roman gelesen hat.

Greg Buchanan: Sechzehn Pferde, Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 2022, 444 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3103974881, Leseprobe

Mit Parkplatzpeter in der Provinz

Der unabhängige Kanon-Verlag („die mit dem Affen“) aus Berlin ist ein Phänomen. Erst 2020 gegründet und im Herbst 2021 sein erstes Programm vorgelegt, hat der Verleger Gunnar Cynybulk entweder das richtige Näschen, Händchen oder beides, um ein Knaller-Buch nach dem nächsten an Land zu ziehen und auf den Markt zu bringen.

Pro Jahr erscheinen nur zehn Bücher, „was zählt, ist die erzählerische Kraft eines Textes“, heißt es auf der Verlagswebseite. Zuletzt erlebte die Veröffentlichung der Tagebücher von Manfred Krug Ende Januar 2022 ein großes und begeistertes Medienecho (weitere Bände sind in Planung). Zuvor sind bereits Bücher erschienen wie der grandiose Roman „Steine schmeißen“ von Sophia Fritz oder der 117 Seiten lange, herausragende Monolog „Der Termin“ von Katharina Volckmer. Und jetzt, im Februar 2022, kommt direkt der nächste Hammer hinterher – weichen Sie dem nicht aus, sondern lassen Sie sich treffen.

Bravouröses Sprachgefühl

Das Buch mit dem passenden Titel „Meter pro Sekunde“ von Stine Pilgaard wird Sie umhauen und nachhaltig beeindrucken. Der Roman der dänischen Autorin zeugt von einem bravourösen Sprachgefühl und feinsinnigen Gespür für Komik. Es ist wahnsinnig lustig und tränenreich. Letzteres, weil Sie entweder aus dem Lachen nicht mehr rauskommen oder weil dieses Buch Sie so emotional anfasst. Es ist für Eltern, Freund*innen von Eltern, Eltern von Eltern, werdende Eltern, Lehrer*innen, Freund*innen von Lehrer*innen, Fahrschüler*innen, Schweigsame, wasserfallartig Redende, Redakteur*innen, Dänemark-Fans, Kolumnenschreiber*innen und -leser*innen, für, ach – alle sollten das lesen!

Pilgaard schreibt aus Sicht der Ich-Erzählerin, die mit ihrem Freund und dem gemeinsamen Baby, das noch keinen Namen hat (!), von Kopenhagen nach Westjütland gezogen ist. Man nennt den Landstrich in Dänemark auch das „Land der kurzen Sätze“; hier wird kein Wort zu viel gesprochen. Erinnern Sie sich an die Krimiserie „Lilyhammer“ mit „Sopranos“-Star Steven Van Zandt, der als verratener New Yorker Mafioso in ein Zeugenschutzprogramm kommt und ein neues Leben im norwegischen Lillehammer beginnen will?

Einen ähnlichen Kulturschock muss auch die Ich-Erzählerin erleben, als sie ihrem Freund nach Velling folgt, der dort in der Heimvolkshochschule einen Job als Lehrer angenommen hat. Klingt provinziell? Ja, das ist es, aber wunderbar unterhaltend und warmherzig und parodistisch.

„Folkehøjskole“ ist nicht gleich Volkshochschule

Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel klärt in seinem aufschlussreichen Nachwort darüber auf, was es mit der dänischen Heimvolkshochschule auf sich hat, die nicht vergleichbar ist mit der deutschen Volkshochschule. Die dänische nicht-staatliche Institution „Folkehøjskole“ umfasst internatsähnliche Schulen mit zwei- bis zwölfmonatigen Kursangeboten. Die Schülerinnen und Schüler sind in der Regel schon erwachsen und zwischen 18 und 25 Jahren alt, meist besuchen sie die Kurse zwischen Abitur und Studium.

Während ihr Mann den neuen Schülerinnen unabsichtlich den Kopf verdreht, beschreibt die Ich-Erzählerin in Kapiteln, die selten länger sind als zwei Seiten, kurz und heiter ihr neues Leben. Da ist natürlich ihr Sohnemann, für den es gilt, eine gute und passende Tagesmutter zu finden. Die Auserwählte heißt Maj-Britt, von der die Erzählerin glaubt, dass Maj-Britt sie nicht so sehr leiden mag wie andere Eltern, „eher so, als ob ich eine hilflose und etwas begriffsstutzige Asylbewerberin wäre, die sie in die dänische Gesellschaft integrieren soll“. Hier zeichnen sich nicht nur die Probleme ab, in dem neuen Ort Fuß zu fassen, sondern auch der eigenen Mutterrolle gerecht zu werden. Manchmal hat es den Anschein, sie betrachte ihren Sohn als einen Außerirdischen, der die Finger ausstreckt, um nach Hause zu telefonieren. „Muh, sagt mein Sohn und winkt, und ich finde, sein Tonfall hat etwas Aufforderndes an sich.“

Aber es wird noch besser. Die Erzählerin fängt an, Fahrstunden zu nehmen, denn um mobil zu sein, braucht man ein Auto in Westjütland. Sie nimmt Fahrstunde um Fahrstunde, die frustrierten Fahrlehrer wechseln sich bald ab, und die Erzählerin nimmt weiterhin Fahrstunde um Fahrstunde. Sie hat Angst. Vor Baustellen, plötzlich auftauchenden Schulkindern und davor, die Fahrstunde einfach nicht zu überleben. Die Fahrprüfung rückt in weite Ferne. „Parkplatzpeter“, einer ihrer Fahrlehrer, geht pädagogisch wertvoll an den schwierigen Fall ran: „Er wirkt aufrichtig beeindruckt, wenn ich in einen anderen Gang schalte.“ Das ist das Niveau, auf dem wir von der Rückbank und in den Sitz gekrallt an den Fahrstunden teilnehmen.

Voller Liebe und Zärtlichkeit

Dabei plaudert die Erzählerin in ihren Episoden so mitreißend, ist eine so lebensbejahende Frau, die das Herz am rechten Fleck hat und so wunderbar über sich selbst lachen kann, dass es nur so eine Freude ist. Voller Liebe und Zärtlichkeit baut Stine Pilgaard ihrer Hauptperson eine Bühne, die sie in ihrer Tiefe voll ausschöpft.

Doch auch Pilgaard versteht es, die Bühne zu nutzen, die ihr zwischen den zwei Buchdeckeln gegeben ist. Der Roman wechselt die Textformen: Zum einen sind da die kurzen Kapitel. Zum anderen nimmt die Erzählerin einen Job als Kolumnenschreiberin beim Lokalblatt an, und ihre „Kummerkasten“-Texte fügen sich in den Roman. Als dritte Form dichtet die Erzählerin Liedtexte aus dem Heimvolkshochschulen-Liederbuch auf ihre persönliche Situation um (der Übersetzer hat sie für den deutschsprachigen Markt an hier bekannte Lieder umgetextet). Alle drei Textformen wechseln sich ab, umschließen und ergänzen sich und manifestieren den ständig im Wechsel begriffenen Tagesablauf einer berufstätigen Mutter.

Schon Pilgaards Debüt, das 2023 im Kanon-Verlag erscheinen soll, wurde in Dänemark mit mehreren Preisen ausgezeichnet und machte die Autorin in ihrem Land schlagartig bekannt. In Dänemark wird das Buch ab März verfilmt – und es spricht für den Humor der Dänen, dass sich der Fernsehmoderator Anders Agger, der in Stine Pilgaards Roman eine besondere Rolle einnimmt, in dem Film selber spielen wird.

„Meter pro Sekunde“ ist nicht nur ein herzerwärmendes Buch über das Elternsein, sondern vor allem eine wundervolle Komödie über den schwierigen Zutritt einer Städter-Familie in eine lokale Gemeinschaft aus glückstrunkenen Menschen in der tiefsten Provinz. Ohne Frage dürfte „Meter pro Sekunde“ hierzulande eines der heitersten und unterhaltsamsten Bücher dieses Bücher-Frühjahrs werden!

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde, Kanon-Verlag, Berlin, 2022, 255 Seiten, gebunden, 23 Euro, ISBN 978-3985680115, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Blasse Kühe, starke Figuren

Der Debütroman „Und Nilas sprang“ der schwedischen Kulturjournalistin Maria Broberg ist ein langsames Buch, das Zeit braucht, um sich und seine Geschichte zu entwickeln. Die Mühe durchzuhalten lohnt sich aber! Am Ende wissen Sie: Ich habe soeben gute, schwedische Literatur gelesen. „Und Nilas sprang“ erzählt von einem spurlos verschwundenen Jungen, einer heimlichen Liebe; und von Familiengeheimnissen, von Rassismus, Vaterfiguren und solchen, die es nie sein werden.

Der Roman spielt in Olsele, einem kleinen Dorf in Norrland, dem nördlichsten der drei schwedischen Landesteile. Olsele, gelegen in der Provinz Västerbotten, ist nur eine Ansammlung von Häusern und landwirtschaftlichen Höfen. Es gibt eine Kirche und eine Art Kaufmannsladen, den Sigurd jedoch in seinem Wohnhaus am Ende eines langen Flurs betreibt. Immerhin: mit einer richtigen Kaufmannstheke.

Dabei ist das verboten

Die Einwohner von Olsele sind wortkarge Menschen. Sogar die Kühe sollen in Olsele blasser sein als anderswo, heißt es. Aber die Landschaft ist schön, und es gibt auch einen Fluss, an dem es sich fischen lässt und auf dem die Flößer das Holz befördern. Die Kinder gehen auf den im Wasser treibenden Stämmen balancieren und zwischen ihnen schwimmen, dabei ist das verboten.

Der Roman setzt 1948 ein, als der 17-jährige Assar die neu ins Dorf gezogene Margareta kennenlernt, die wesentlich älter ist als er. Nach acht Kilometern, die sie gemeinsam gehen, ist er sozusagen in Liebe entbrannt. Doch Margareta ist mit dem noch wesentlich älteren Hebbe liiert, einem Musiker, der fantastisch Ziehharmonika spielen kann. Margareta sagt über ihre Beziehung treffend: „Es hat seine Vorteile, und es hat seine Nachteile. Ich habe viel Musik im Leben. Aber vielleicht nicht viel anderes.“

Wir lernen außerdem Håkan kennen. Seine Sicht der Geschichte beginnt 1956. Hebbe lehrt ihm in diesem Sommer das Fischen, verbietet ihm ab weiterhin, ihn Papa zu nennen. „Hebbe. Nicht Papa, nicht Vati, nicht einmal Vater.“

Dabei hat er doch nur diesen Vater, so wie er nur diese eine Mutter hat, die er selbstverständlich Mama nennt. Nicht: Margareta. Aber Hebbe bleibt eisern. Viele Tage haben sie nicht mehr gemeinsam, denn es ist Hebbes letzter Sommer.

Der dramatische Reigen der Charaktere

Der Roman erzählt sich in Zeitsprüngen bis zum Jahr 2008 überwiegend aus Sicht von Assar und Håkan. Assar wird die Liebe zu Margareta zeit seines Lebens nicht aufgeben, Margareta bandelt nach dem Tod von Hebbe mit dem Sami Lars an, der bei ihr einzieht, und mit ihr einen Sohn zeugt: Nilas. Gleichzeitig beruht Assars Leidenschaft für Margareta auf Gegenseitigkeit, sie hat sich nur wesentlich besser im Griff als er. Voilà, der dramatische Reigen der Charaktere ist aufgestellt.

Die drei zentralen Figuren gelingen der Autorin hervorragend. Die eigentlich verbotene Liebe zwischen Assar und Margareta, das gegenseitige Angezogensein und das Nichtvoneinanderlassenkönnen, die fortwährende Faszination, die auch Jahre später nicht nachlässt, das ist mitreißend beschrieben. Wer bereits verzweifelt geliebt hat, wird in diesen Passagen emotional zutiefst berührt werden. Insbesondere Margareta steht uns lebendig vor Augen, die pragmatisch sein will, aber nicht kann, und von ihrer Umgebung in ein zu enges Korsett geschnürt wird.

Suche nach der eigenen Identität

Auch Håkan ist stark gezeichnet: Das Kind, das einen Vater sucht, den einen nicht so nennen darf, der zweite ist fast nie da, weil er sich ständig um seine Rentiere kümmern muss. Und dann ist da noch die Sache mit Nilas, seinem verschwundenen Bruder. Auch Håkan ist zerrissen von Schuldgefühlen und der Suche nach der eigenen Identität.

„Und Nilas sprang“ ist kein Kriminalroman, sondern eine dramatische Familiengeschichte auf sprachlich hohem Niveau, melancholisch und sehr nordisch. Das Rätsel um das verschwundene Kind entwirrt sich erst am Ende des Buchs. Doch es bleiben genügend Fragen offen, und das ist klug gelöst von Maria Broberg, denn so befriedigend ist das Leben nun mal nicht. Von dieser Autorin werden wir hoffentlich bald mehr lesen.

Maria Broberg: Und Nilas sprang, Verlag Nagel & Kimche, München, 2021, 266 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3312012503

Seitengang dankt dem Verlag Nagel & Kimche für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Nichts geworden mit der Idylle

Das Feuerwerk ist abgesagt, und wer es in diesem Jahr zu Silvester vermisst, hat einen guten Grund, Sophia Fritz‘ Debütroman „Steine schmeißen“ zu lesen. Denn in diesem in der Jetztzeit von Wien spielenden Roman begleiten wir Anna und ihre Freundinnen und Freunde vom alten Jahr ins neue. Was eine entspannte Silvesternacht werden könnte, gerät zu einem Tanz auf brüchigem Boden – und zu einem Ergebnis, als habe jemand aus Versehen ein Streichholz in die Kiste mit dem Feuerwerk fallen lassen.

Es gibt nicht nur einen guten Grund, dieses Buch zu lesen, es gibt viele: Die Sprache, der Drive, die Figuren, der Witz. Und nicht zuletzt ist es ein umwerfendes, packendes, eloquentes Stück Literatur, bei der wir uns fragen dürfen: Warum, zum Teufel, hat Sophia Fritz erst jetzt angefangen, Romane zu schreiben? Was haben wir in den vergangenen Jahren verpasst!

Sophia Fritz – wer ist das eigentlich? Die Debütantin wurde 1979 in Tübingen geboren, sie studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Drehbuch und erarbeitet Serienformate für verschiedene Produktionsfirmen. Sie hat bereits literarischen Kurztexte geschrieben und dafür zahlreiche Literaturpreise und Stipendien bekommen. Außerdem schreibt sie für die Wochenzeitung Die Zeit.

„Ein Freilichtmuseum von Gefühlen“

Und nun also „Steine schmeißen“, über das Sophia Fritz in einem Interview für das Branchenmagazin Buchreport selber sagt: „Ein gordischer Knoten an Beziehung und ein Freilichtmuseum von Gefühlen. Lauter Herzen, die so schwer sind vom Schwimmbad, und Tauwettergesichter, die nicht so genau wissen, wohin jetzt. Und dann auch mein bester Versuch, ehrlich zu bleiben.“

Ehrlich bleiben. Treibt es auch die jungen Erwachsenen an, über die Fritz in ihrem Roman schreibt? Diese Generation Z, die „Z-ler“, die versuchen, cringe Situationen zu vermeiden, tapern in „Steine schmeißen“ so unausweichlich in ihre Zukunft, an langen Fäden gelenkt von einer Autorin, die nicht nur Sprachbilder beherrscht, sondern auch den nötigen Abstand zu ihren Figuren einhält, um ihnen mit direkter Ehrlichkeit die Folgen ihres Handelns vor den Latz zu knallen.

Weil es die Nacht der Nächte ist

Anna und ihre Clique versammeln sich bei Marie, um ganz gemütlich, mit gestreamtem Kachelofen, ins neue Jahr zu feiern. Man fläzt sich in den Ledersesseln, und in den Hosentaschen nehmen die mitgebrachten Drogen die Körperwärme an. Koks und vielleicht eine kleine Menge Ecstasy. Weil es die Nacht der Nächte ist. Und weil diese jungen Menschen intensive Erfahrungen suchen, denn Anna sagt an einer Stelle: “ Nicht mal von Worten lassen wir uns berühren, damit etwas Spuren hinterlässt, muss es uns am Kiefer packen, in den ersten drei Sekunden explodieren oder sehr persönliche Fragen stellen“. Da hat man keine Fragen mehr.

Sie alle bringen an diesem Abend ihr Päckchen mit. Die Halbwaise Anna ist von ihrem Freund, ihrer großen Jugendliebe, verlassen worden, aber niemand außer ihrer Mutter weiß davon. Ihren Freunden erzählt sie, Alex habe Magen-Darm. Jara und Lukas sind in einer On-off-Beziehung, Marie dagegen „hat nie jemand Festes bei sich, nur manchmal ihren Bruder, von dem sie sich beschützen lässt“: Samir, mit dem sich Anna seit zwei Jahren trifft, wenn sie harten Sex braucht. Weiß aber natürlich niemand. Marie hat sich die Wangen unterspritzen lassen, um ihren Vater aus dem Gesicht zu tilgen; weiß Anna.

Fede ist auch da, das ist Annas bester Freund. Der will sich in den nächsten vier Stunden noch verlieben und dabei am liebsten betrunken sein. Anna erinnert sich an dessen Vater und wie der ansonsten so schweigsame Mann einmal sagte: „Es tut mir leid, dass das nichts geworden ist mit der Idylle.“ Manchmal brechen sich Weissagungen auf ungewöhnliche Art und Weise Bahn. Eine weitere könnte sein: Eigentlich sind Tantramasseur*innen die wahren Retter*innen in der Not.

Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht

Es ist Lukas, der den Stein ins Fliegen bringt. Er hat die Idee, dass sie alle mit Filzstiften jene Dinge auf Steine schreiben, die sie loswerden wollen. Vor Mitternacht sollen die Steine dann in die Donau geworfen werden, um sich damit sinnbildlich von den jeweiligen Belastungen zu befreien. Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht, aber das Ding geht – um in der Böllersprache zu bleiben – komplett nach hinten los und zerfetzt jede Form von Geheimnis und Stillschweigen.

Sophia Fritz schreibt mit einem Blick für Dramaturgie prägnante, scharf umrissene Sätze. Klar, möchte man sagen, sie hat das Drehbuchschreiben ja studiert. Aber eine studierte Drehbuchschreiberin ist ja nicht automatisch eine hervorragende Romancière.

„Steine schmeißen“ kitzelt beim Lesen den Wunsch, hier und dort ein paar Sätze zu notieren, um sie nicht zu vergessen. Kleinode wie „Der Himmel hat Lampenfieber und winkt die Wolken weiter“, „rutschige Träume“, „Baumwollbrüste“, „ein Herz wie ein Sitzsack“, „laufen, als würde ich auf Schnitzel und Schlagringe stehen“, „das Gesicht in die Handflächen einbuddeln“, „mit den Augen vertippen“ und „das Geländer ist es gewöhnt, festgehalten zu werden“. In ähnlich starker Sprache schreibt noch Simone Buchholz ihre Krimis.

Was Sophia Fritz leider nicht beherrscht, aber auch hier ist sie in bester Gesellschaft, ist das Wortfeld „sagen/sprechen“. So lässt sie jemanden ein „Ja“ lächeln, wenig später nickt jemand ein „mega“, dann wieder räuspert sich Lukas ein „ich glaube“. Das soll mal jemand beim Film versuchen: „Ich glaube“ sagen und sich gleichzeitig räuspern. Das „Mega“-Nicken wird später noch ergänzt durch ein „‚Touché‘, nickte er.“ Nun. Es muss ja auch nicht alles schön sein in der deutschen Literatur.

Sophia Fritz hat einen großen Wurf getan, und es werden weitere folgen. Bereits für das Frühjahr ist im Kanon-Verlag ein zweites Buch von ihr angekündigt, das sie zusammen mit Martin Bechler, dem Mastermind der Kölner Indie-Band „Fortuna Ehrenfeld“, geschrieben hat. „Kork“ heißt es und soll vom richtigen Wein im falschen Leben erzählen. Der hätte Anna und Konsorten aber auch nicht mehr geholfen. Ehrlich bleiben, das schon eher.

Sophia Fritz: Steine schmeißen, Kanon-Verlag, Berlin, 2021, 229 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3985680078

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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