Das Einzige, was hier leuchtet, ist eine Taschenlampe

Simon Beckett, britischer Journalist und Autor der spannenden und international erfolgreichen Thriller-Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter, (bisher sechs Bände: „Die Chemie des Todes“ u.a.) hat einen neuen Ermittler auf den Markt geworfen: Jonah Colley. Er taucht im neuen Beckett-Roman auf, der im Juli im zu Rowohlt gehörenden Wunderlich-Verlag erschienen ist. In „Die Verlorenen“ ermittelt der Sergeant einer bewaffneten Sondereinheit der Londoner Metropolitan Police in einem mysteriösen Fall. Colley erwartet sich davon auch neue Hinweise auf seinen vor zehn Jahren verschwundenen Sohn.

Sie meinen, das müsse doch ein Knaller sein? Ein Pageturner? Ein hervorragender Schmöker für die Sommermonate? Weil einfach immer David-Hunter-Klasse drinsteckt, wo Simon Beckett draufsteht?

Nun.

„Die Verlorenen“ ist all das nicht, sondern ein Werk, bei dem man sich fragen muss: Aus welcher Schublade hat Beckett das denn noch gezogen?

Und für Jonah beginnt ein Albtraum

Zuallererst – die Geschichte, wie der Klappentext sie erzählt: Seit Jonah Colleys Sohn Theo vor zehn Jahren spurlos verschwand, liegt das Leben des Polizisten in Scherben. Damals brach auch der Kontakt zu seinem besten Freund Gavin ab. Nun meldet dieser sich überraschend bei Colley und bittet um ein Treffen. Doch in dem verlassenen Lagerhaus findet Jonah seinen Freund von einst nur noch tot, daneben drei weitere Leichen. Fest in Plastikplane eingewickelt, sehen sie aus wie Kokons. Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus: Eines der Opfer ist noch am Leben. Und für Jonah beginnt ein Albtraum.

Dieses Buch könnte wahrscheinlich gut sein, wenn Beckett nicht wie ein junger Debütant schreiben würde, dem noch die Erfahrung aus den Hunter-Büchern fehlt. Die Story ist hanebüchen, langatmig und unglaubwürdig erzählt; teilweise zwar detailreich angedacht, aber nicht zu Ende geführt.

Kommen wir zurück zu den drei Leichen, die in Plastikfolie eingewickelt sind. Warum erinnern sie an Kokons? Man erfährt weder das, noch warum sie so verpackt worden sind oder zuvor mit Branntkalk bestäubt wurden. Das sind grausige Details der ersten 21 Seiten, die später keine Rolle mehr spielen.

Die Figuren sind allesamt keine Sympathieträger

Die Figuren, die Beckett erfindet, sind allesamt keine Sympathieträger. Da wären zum Beispiel der immer mürrische Detective Inspector Jack Fletcher und seine Kollegin, Detective Sergeant Bennet. Beide ermitteln gegen Colley, weil sie glauben, er könnte auch Täter sein. Während Bennet oft nur Beweismitteltütchen oder Kaffeebecher reichen darf, beschreibt Beckett den DI als einen ausgezehrt wirkenden Mann mit vernarbtem Gesicht, dem Lächeln eines zähnefletschenden Raubtiers und stechendem Blick.

Fletcher höhnt, schnauzt, wütet und marschiert. Kollegin Bennet, die eine starke Frauenfigur sein könnte – dann vielleicht auch mit einem Vornamen – verblasst neben ihm völlig.

Auch Colleys Ex-Frau Chrissie kann nicht überzeugen. Die Darstellung der Wiederverheirateten, die mit ihrem neuen Mann – einem Anwalt – in die gehobene Mittelschicht aufgestiegen ist, ganz klischeehaft wohnt und Range Rover fährt, gelingt anfangs noch nachvollziehbar. Sie hat ihrem Mann nie verziehen, dass der auf einer Bank erschöpft einschlief, während der Sohnemann unbeobachtet verschwand. Mit dem Verlauf der Geschichte dringt Chrissie weiter ins Geschehen ein, verliert dabei aber ihre selbstbewusste Stärke, für die man sie zuvor noch geschätzt hat.

Colley selbst erzeugt allerhöchstens Mitleid, oft aber nur bloßes Kopfschütteln. Um das nochmal deutlich zu machen: Wir sprechen bei ihm von einem erfahrenen Polizisten einer bewaffneten Sondereinheit. Wenn nicht bereits während des Lesens, dann fragt man sich zumindest am Ende des Buches, wie dieser Mann die Aufnahme in eine Sondereinheit geschafft hat.

An Naivität kaum zu überbieten

An Naivität ist Jonah Colley jedenfalls kaum zu überbieten, vielleicht nur noch von der 21-jährigen Literaturstudentin Ana aus dem furchtbaren Roman „Shades of Grey“, die nach Meinung dieses Blogs eigentlich auf ewig auf Platz 1 der naivsten Romanfiguren stehen müsste.

Doch zurück zu Jonah Colley. Da fährt also dieser erfahrene Spezialist um Mitternacht allein zu einem verlassenen Kai im Hafen von London, nachdem er von seinem ehemals besten Freund Gavin angerufen und mit einem geheimnisvollen Versprechen dorthin bestellt worden ist. Dass die Gegend Schlachter-Kai heißt, ist noch der Hohn obendrauf.

Er fährt da also hin, aber Gavin ist nicht dort. Höchst professionell leuchtet er mit einer Taschenlampe ins Lagerhaus und findet Gavins Handy. Colley ruft keine Verstärkung, sondern leuchtet weiter. Er findet Gavins Polizeiausweis. Colley ruft wieder keine Verstärkung, sondern leuchtet weiter. Er findet eine Blutspur. Colley ruft weder Verstärkung noch einen Notarzt. Er tut was?

Richtig: Er leuchtet weiter.

Beckett lässt seinen Protagonisten wie Gottes zweite Garnitur ins Unglück rennen. Weder er, noch sein Autor machen dabei eine gute Figur. „Die Verlorenen“, das sind auch Becketts Leser.

„Hätte ich bloß Wasser dabei“

Und das bleibt leider so. Als Colley im Lagerhaus das vierte und einzige noch lebende Opfer zu retten versucht, das gerade gierige Atemzüge nimmt, denkt er so bei sich: „Hätte ich bloß Wasser dabei.“ Nun, der Gedanke darf einem natürlich kommen, weil Wasser dem Opfer auf jeden Fall etwas weitergeholfen hätte. Aber dass der Polizist einer Sondereinheit darüber nachdenkt, nachdem er weder Verstärkung noch Rettungsdienst gerufen hat, als es zeitlich noch sinnvoll gewesen wäre, ist schon etwas befremdlich. Ganz davon abgesehen, dass bewaffnete Sondereinheiten bei Einsätzen in der Regel wohl kaum Wasser mit sich führen, also, warum jetzt darüber nachdenken?

Nach dem Leichenfund erholt sich Colley von einer schweren Verletzung im Krankenhaus. Als er gerade von der Physio kommt, wartet in seinem Zimmer schon eine junge Frau auf ihn – könnte die Psychotherapeutin sein, die man ihm angeboten hatte. Er fragt sie also: „Sind Sie die Therapeutin?“ Die Frau zögert und sagt: „Ich würde mich nicht als Therapeutin bezeichnen…“

Bei Thriller- und Krimifans schrillen die Alarmglocken. Nicht so bei erfahrenen Sonderermittlern, die sonst mit Waffen hantieren und nur bei den besonders kniffligen Fällen gerufen werden. Jonah Colley ist müde und will einfach nur schnell das Gespräch hinter sich bringen. Und plaudert muntert drauf los. Bis ihm irgendwann aufgeht: Dumm gelaufen, das ist eine Boulevard-Journalistin.

Situationsbeschreibungen sind hier Becketts Stärke

Sprachlich ist das alles noch ganz nett geschrieben. Besonders Situationsbeschreibungen sind hier Becketts Stärke, gerade wenn es schnell, brutal und blutig zugeht. In seiner Wortwahl ist er da wie gewohnt wenig zimperlich. Anders als in der Hunter-Reihe sind leider auch die wenigen augenzwinkernden Momente nicht wirklich überzeugend, etwa als Colley ein altes Wespennest für einen Totenschädel hält. Nun ja. Lustig auf dem Niveau eines Flachwitzes.

Gegen Ende, etwa die letzten 100 Seiten, nimmt das Buch dann doch noch Fahrt auf und wird tatsächlich ein wenig spannend. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass die 300 Seiten zuvor eine ziemliche Qual gewesen sind. „Die Verlorenen“ gerät zum schwachen Auftakt der zunächst vor der Lektüre noch vielversprechend angenommenen, neuen Reihe. Wie viele Bände der 61-jährige Brite am Ende davon schreiben wird, weiß er selbst noch nicht, sagt er. Und was ist mit David Hunter? „Er kommt zurück“, verspricht Beckett. Wenigstens eine Hoffnung.

Simon Beckett: Die Verlorenen, Wunderlich Verlag, Hamburg, 2021, 416 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24 Euro, ISBN 978-3805200523, Leseprobe

Stolz und Vorurteil

Als sich der Angeklagte zum letzten Wort erhebt, steht auch die Frau auf. Sie zieht die Waffe und schießt. Acht Schuss, acht Treffer. „Hoffentlich ist er tot“, sagt sie noch und lässt sich widerstandslos festnehmen. „Die Wahrheit der Dinge“, der neue Justiz-Roman von Markus Thiele (Debüt: „Echo des Schweigens“), beginnt ungewohnt dramatisch.

Wie schon beim Vorgänger liegen ihm wahre Rechtsfälle zugrunde: Zum einen der von Marianne Bachmeier, einer Mutter, die 1981 im Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter erschoss. Zum anderen das Schicksal des Schwarzen Amadeu Antonio Kiowa, der 1990 in Eberswalde eines der ersten tödlich verletzten Opfer rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland wurde. „Die Wahrheit der Dinge“ ist ein bedrückender, anspruchsvoller Roman von unbedingter Aktualität, den man nicht so schnell vergisst.

Hat er Fehler gemacht?

Seit Corinna Maier in seinem Gerichtssaal die Pistole aus der Handtasche zog und den Angeklagten erschoss, rutscht der Strafrichter am Landgericht Hamburg, Frank Petersen, in eine tiefe Sinnkrise. Hätte er die Tat verhindern können? Hat er Fehler gemacht? Seine Frau wirft ihm vor, er habe den Respekt verloren. Allem gegenüber. Seine Chefin widerspricht: „Das hat die Frau nicht dazu veranlasst, den Abzug zu drücken. Sie hat geschossen, weil sie mit keinem anderen Urteil außer dem Tod des Angeklagten einverstanden gewesen wäre. Sie hat sich selbst zum Richter erhoben, weil sie Ihren Spruch nie akzeptiert hätte.“

Ein Akt der Selbstjustiz also. Dass vor Gericht nur Recht gesprochen wird, nicht aber Gerechtigkeit hergestellt wird, fassen Juristen gerne mit dem Satz zusammen, man bekomme nur ein Urteil, keine Gerechtigkeit.

Im echten Fall von Marianne Bachmeier zeigten Menschen damals Verständnis für ihre Tat. Im Roman will Frank Petersen die Frau verstehen, ihre Motive, ihre Gedanken. Als er hört, dass sie ihre Haftstrafe abgesessen hat und demnächst in die Freiheit entlassen wird, fasst er den Entschluss, sie zu treffen. Er beschließt, ihr und sich selbst die Fragen zu stellen, vor denen er bisher die Augen verschlossen hat.

„Sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll“

Eine zweite Zeitebene erzählt von dem Schwarzen Steve Otremba, der 1989 an der Uni Hamburg als Gastdoktor die Bekanntschaft einer jungen Studentin macht. Die beiden verlieben sich, wollen bald heiraten. Doch von Anfang an wird diese Beziehung gesellschaftlich geächtet. Im Linienbus will Steve einem gestürzten Betrunkenen aufhelfen, reicht ihm dazu die Hand. Der aber lallt nur: „Ey, Blondie, sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll.“ Keiner der anderen Fahrgäste reagiert, der Busfahrer fährt beharrlich weiter. Steve nimmt’s mit Humor, klettert auf einen Sitz, mimt den Affen. Der Bus hält an. Der Fahrer wirft Steve aus dem Bus. Die Fahrgäste bleiben stumm.

Es ist auch das Jahr 1989, als in der Bäckerei neben Mandelhörnchen und Himbeertorte auch Blechkuchen verkauft wird mit Vanillepudding und schwarz-brauner Schokoglasur. Das nennt sich dann Nigeria-Platte.

Der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland beunruhigen Steve scheinbar nicht. 1990 zieht der Mediziner für sein praktisches Jahr nach Eberswalde (Brandenburg). Wenig später ist er tot. Neonazistische Skinheads haben ihn und zwei weitere Schwarze auf der Straße angegriffen. Steve ist so schwer verletzt, dass er ins Koma fällt, aus dem er nicht wieder erwacht.

Thiele glänzt einmal mehr mit seiner Art zu schreiben

Der selbst als Rechtsanwalt praktizierende Autor Markus Thiele führt beide Fälle raffiniert und glaubwürdig zusammen, und doch steht jeder Handlungsstrang für sich selbst. Wie schon in seinem Debütroman glänzt Thiele einmal mehr mit seiner Art zu schreiben. Seine feinfühligen Personenbeschreibungen und seine Beobachtungsgabe für die poetischen, kleinen Momente des Lebens zeugen von seinem Können.

Thiele beweist, dass Juristen nicht nur staubtrockene Gesetzestext-Wälzer oder unverbindliche „Kommt drauf an“-Schwadronierer sein müssen, sondern gute Romanciers sein können. Im Gegensatz zu seinem Erstling „Echo des Schweigens“ über den Strafverteidiger Hannes Jansen hat er sich diesmal thematisch zurückgenommen und nicht versucht, möglichst viele Sujets zwischen zwei Buchdeckel zu pressen.

Leider ist die Figur des zweifelnden Richters im Grenzgebiet von Recht und Schuld nicht eine so ans Herz wachsende Rolle wie die des verschuldeten und schwer verliebten Hannes Jansen, der zwischen Gesetz und Moral steht. Das mag aber auch an der Persönlichkeitsstruktur des Richters liegen, den Thiele analytisch als authentisch leidenschaftlichen, aber eigenwilligen Juristen zeichnet. Wo Hannes Jansen noch gefallen will, hat Frank Petersen das nicht mehr nötig.

Markus Thiele weiß, was er tut. Ihm ist mit „Die Wahrheit der Dinge“ einmal mehr ein kluger Roman gelungen, spannend und anrührend geschrieben, mit einer klaren Meinung, aber ohne belehrend zu sein. Nachdenklich stimmend und sehr empfehlenswert!

Markus Thiele: Die Wahrheit der Dinge, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2021, 240 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3710900938, Leseprobe

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Im Schloss des leisen Horrors

In der Zeit des ersten Corona-Lockdowns überschlugen sich die Feuilletons förmlich damit, welche Lektüre nun in dieser Zeit die passende sei. „Die Pest“ von Albert Camus vielleicht? Oder „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic? Oder Marlen Haushofers „Die Wand“ und „Die Arena“ von Stephen King? SZ.de fragte sogleich: „Die Pest, Momo oder doch die Bibel?“ und sortierte die Empfehlungen in einem Listicle nach Lesetypen. Nur das (ohnehin stets lesenswerte) Online-Magazin „54books“ ließ Till Raether völlig zurecht die grandiose US-amerikanische Autorin Shirley Jackson empfehlen („Immer im Lockdown – Warum Shirley Jackson die Autorin der Stunde ist“).

Die 1965 verstorbene Shirley Jackson ist eigentlich keine in völliger Vergessenheit dümpelnde Schriftstellerin. Zuletzt lief sehr erfolgreich die Serien-Adaption von Jacksons „Spuk in Hill House („The Haunting of Hill House“) bei Netflix, und im vergangenen Jahr kam, allerdings wohl nicht ganz so erfolgreich, die Verfilmung von Jacksons letztem Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ in die Kinos. Das Buch, auf dem der Film basiert, ist ein literarisches Juwel, an dem man nicht so achtlos vorbeiziehen sollte, denn es begeistert sprachlich, feministisch, gespenstisch und menschlich.

Der Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ erzählt von den Überresten der einst altehrwürdigen Familie Blackwood: Von der 18-jährigen, eigensinnigen und immer noch etwas kindlich-naiven Mary Katherine – von allen nur Merricat genannt -, ihrer älteren Schwester Constance, und ihrem gebrechlichen Onkel Julian. Alle übrigen Familienmitglieder, mit denen die drei einst in dem herrschaftlichen Anwesen zusammenwohnten, sind durch eine eigentümliche Arsenvergiftung dahingerafft worden. Denn eines Tages, man weiß nicht wie, war Arsen im Zuckerdöschen, mit dem die Familie bei Tisch wie immer ihr Dessert versüßte. Merricat war noch vor dem Abendmahl auf ihr Zimmer geschickt worden, Constance nahm keinen Zucker, Onkel Julian nur wenig. So wenig, dass er überlebte. Zwar schwer angeschlagen, aber er lebt. Der Rest: tot.

Grausame Spöttereien auf den Lippen

Dass solch ein plötzliches Ableben fast einer ganzen Familie im nahen Dorf nicht unkommentiert bleibt, ist kaum verwunderlich. Die Volksseele hat die vermeintliche Übeltäterin schnell gefunden: Es kann ja nur Constance Blackwood sein. Kann ja nur! Also schießt man sich auf sie ein. Der Roman beginnt zu der Zeit, in der Constance schon längst nicht mehr das Anwesen verlässt. Nur Merricat geht dann und wann hinunter ins Dorf, um wenige Lebensmittel zu kaufen und aus der Bibliothek neue Bücher auszuleihen. Der Weg hin und zurück ist ein ewiger Spießrutenlauf. Männer und Frauen machen aus ihrem Urteil keinen Hehl, und die Kinder haben grausame Spöttereien auf den Lippen:

Merricat, fragt Connie, willst du einen Tee?
Oh nein, sagt Merricat, darin ist Gift, o weh!
Merricat, fragt Connie, willst du nicht schlafen nun?
Drei Meter tief im Grabe ruhn!

Der Alltag der Familie Blackwood bestimmt sich in ihrer Oase der Zurückgezogenheit ganz nach Routinen. Die festen Strukturen des Tages und der Woche sind für Merricat wahre Kraftgeber und werden fast magisch aufgeladen. Das sind die Tage, an denen sie das Haus putzt und in dem Zustand hält, wie es einst gewesen ist. Ein Psychiater würde darin vermutlich eine Zwangsstörung sehen. Die Tage, an denen sie ins Dorf muss, sind die kraftraubenden, die schlimmen Tage.

Autoritär, aggressiv und einnehmend

Wie sehr die schlimmen Tage in den empfindlichen Alltag einbrechen können, erfährt Merricat, als plötzlich der schneidige Cousin Charles seine Aufwartung macht. Er ist gekommen, um zu bleiben. Autoritär, aggressiv und einnehmend spielt er sich als berechtigter Patriarch auf.

Damit ist die Bühne für den unvermeidlichen Konflikt bereitet, und es bleibt nicht bloß die Frage: wer überlebt? Sondern auch: wem kann der Leser trauen? Sollten wir jedes Wort einer Erzählerin für bare Münze nehmen, die sich in ihrer Freizeit mit Pilztoxikologie beschäftigt und sich hervorragend auskennt? Und die jegliche Grundstücksgrenzen mit Fetischen, Totems und Talismanen markiert, um die restliche Familie zu schützen? Nun …

„Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ ist ein Roman des leisen Horrors, der sich in Zwischentönen auslebt, und an der Oberfläche leicht erzählt scheint. Es ist eine bezaubernde und zugleich beängstigende Geschichte, denn Tod und Unheil reisen ständig mit, und dennoch ist so viel Leben in diesem Roman. Leider sollte es Shirley Jacksons letzter sein.

Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt, Festa Verlag, Leipzig, 2019, 252 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3865527097, Leseprobe

Es kann nur einen geben

Manche Menschen wünschen sich die perfekte Liebe, den perfekten Partner, der wie beim biologischen Schlüssel-Schloss-Prinzip zu einem anderen Menschen passt. Zeitschriften, Bücher, TV-Serien und Filme nähren diese Sehnsucht nach Vollkommenheit. Auch Singlebörsen leben davon, dass manch einer nie zufrieden ist.

In der nicht ganz so fernen Zukunftsversion von John Marrs Roman „The One“ hat die Suche nach dem perfekten Partner ein Ende. Denn mit dem Online-Angebot „Match your DNA“ ist es möglich, den allereinzigen Partner zu finden, der aufgrund der DNA zu einem anderen Partner passt. Das perfekte Match. Was man dafür tun muss? Einfach nur einen Gentest machen und dann: warten. Millionen von Menschen weltweit haben diesen Test gemacht und „sind glücklich geworden“. Journalisten würden schreiben: „Nach eigenen Angaben des Unternehmens.“ Denn kann wirklich unsere DNA darüber entscheiden, wie glücklich wir mit einem Partner werden? Oder ist es nicht vielmehr die Hoffnung, die ein Mensch darauf setzt, dass das jetzt aber nun wirklich mal der richtige Deckel zum Topf ist?

Nicht  nur diesen Fragen geht der britische Journalist und Autor in seinem Buch nach, sondern entwickelt auch Szenarien, wie sehr es unter dem Deckmäntelchen des DNA-Glücks brodeln kann. Welche kriminelle Energie möglich ist. Und wie Glück dann doch wieder zu Unglück führt. Willkommen in der Spirale der Suche nach dem perfekten Partner! Oder wie Albert Camus formuliert: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Christopher, der Serienmörder

Das Setting und die Idee sind hervorragend, die Umsetzung allerdings dürfte nur denjenigen gefallen, die seichte Unterhaltung schätzen und in Buchhandlungen zielsicher zu pinkfarbenen Büchern greifen. In kurzen Cliffhanger-Kapiteln folgen wir fünf Hauptpersonen, die ihre teilweise fiesen Erfahrungen mit „Match your DNA“ machen: Es beginnt mit Mandy (ja, der Ohrwurm drängt sich auf), die unter anderem aufgrund mehrerer Fehlgeburten ihre Ehe in den Sand gesetzt hat und jetzt beginnt, die Social-Media-Profile des „schönen Fremden“ zu stalken. Problem: Ihr perfektes Match ist vor kurzem verstorben. Dann hätten wir noch Christopher, den Serienmörder, der allerdings, soviel darf verraten werden, nicht für den Tod von Mandys Match verantwortlich ist. Seine perfekte Partnerin arbeitet bei der Polizei. Das muss man wollen.

Nick wiederum möchte den DNA-Test gar nicht machen, aber seine Verlobte Sally will sicher gehen, dass sie in biologischer Hinsicht füreinander bestimmt sind. Denn ihre Eltern sind mittlerweile zum dritten (Mutter) und vierten Mal (Vater) verheiratet. „Und ich will nicht genauso enden.“ Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Nicks perfekter Partner ein Mann ist. Und auch die unsichere Jade hat ein Match, allerdings nicht in England, sondern in Australien. Einigermaßen naiv lässt sie alles stehen und liegen und fliegt zu ihm. Als sie vor seiner Tür steht, ist Kevin nicht allein zu Haus. Am Telefon sagt er: „Tut mir leid, du hättest nicht kommen sollen.“ Und legt auf. Traumtyp!

Und zuletzt ist da noch die schwerreiche Ellie, ein „irrer Kontrollfreak“, wie sie ein Exfreund offenbar zurecht bezeichnet hatte, die, aus zu großer Angst vor den Boulevardmedien und deren Interesse, ihr Privatleben nach außen zu kehren, keinen Mann an sich heranlässt. Umso argwöhnischer ist diese klischeehaft gezeichnete Frau mit ihren Miu-Miu-Highheels, der Bettwäsche aus Mako-Baumwolle und dem Kronleuchter aus Swarovski-Kristallen, als auch sie plötzlich ein DNA-Match hat. Ärgerlicherweise entstammt Timothy Hunt (nomen est omen?) nicht ihrer Gesellschaftsriege und entspricht äußerlich nicht ihrem Typ. (Der Mann steht auf Coldplay, die Foo Fighters und die Stereophonics und hat so gut wie alle Filme mit Matt Damon oder Leonardo DiCaprio gesehen.) „Kurz gesagt war Timothy Hunt allem Anschein nach ein unauffälliger Mann, mit dem Ellie jedoch auf ganz besondere Weise verbunden war.“ Es kann nur einen geben – und das zieht sogar bei Ellie.

Kaum raffinierte Cliffhanger

Alle fünf nicht besonders einfallsreich gezeichneten Figuren begegnen sich nie. Die mäßige Spannung entwickelt sich durch die kurzen Kapitel und die kaum raffinierten Cliffhanger. Weil die Abfolge der Figuren immer dieselbe bleibt, muss man also vier andere Kapitel lesen, bevor man weiterlesen kann und weiß, ob Christopher die Frau jetzt wirklich umgebracht hat oder nicht (bei seinem Ziel, 30 Frauen zu töten, kann man sich die Chancen ausrechnen).

Wer sich die äußere Aufmachung anschaut, kann ahnen, dass der Roman nicht in literarischen Höhen schwebt. Wir sind nicht nur auf dem Niveau von Privatsender-Vorabend-Seifenopern, sondern befinden uns zudem auf einem simplen Romantiklevel  von Bella und Edward aus der Twilight-Saga oder Anastasia Steele und Christian Grey aus der „Shades of Grey“-Reihe. Allerdings entsteht beim Lesen von „The One“ kein Schmerz durch Schläge mit der Hand, sondern durch Tiefschläge mit dem literarischen Können. Dem Roman ist noch ein geistreiches Zitat aus Victor Hugos Roman „Die Elenden“ vorangestellt, danach geht’s triefend bergab – das Problem der Fallhöhe von literarischen Mottos. Einige Beispiele:

Fünf Beispiele literarischer Tiefschläge

„‚Oh mein Gott‘, flüsterte sie. Ohne es zu bemerken, hatte sie den Atem angehalten. In ihren Fingerspitzen kribbelte es, und sie spürte, dass sie rot wurde. Wenn sie schon so auf ein Foto reagierte – was würde dann erst in ihrem Körper passieren, wenn er leibhaftig vor ihr stand?“

„Indem sie jedoch zugelassen hatte, dass unter ihrem dicken Fell ihre warme, liebevolle Seite hervorleuchtete, hatte sie sich verwundbar gemacht. Wegen ihrer Entdeckung hatte sie so vieles verloren, doch diese Opfer, so schwor sie sich, sollten nicht vergebens sein.“

„Ein Teil von ihr wollte Mark ohrfeigen, ein anderer dagegen sich nur so fest wie möglich an ihn drücken.“

„Jade hatte sich noch nie so herzlos gefühlt wie in den Moment, als sie, halb nackt und noch immer ganz erhitzt, vor ihrer Schwiegermutter stand, mit deren Sohne sie gerade geschlafen hatte – der allerdings nicht der war, den sie geheiratet hatte.“

„‚Es zerreißt mir das Herz, das so zu sagen, aber wenn ich nicht durchdrehen will, muss ich dich gehen lassen. Wenn es jemand wäre, der nicht dein Match ist, würde ich um dich kämpfen. Aber mich mit den Genen anzulegen, ist aussichtslos.'“

Wer in diesen Zeiten seichte Unterhaltung sucht und den Kopf nicht zu sehr anstrengen mag, kann hier zugreifen. Allen anderen sei geraten: unterstützen Sie Buchhandlungen in Ihrer Stadt und bestellen Sie dort etwas anderes. In der Seitengang-Rubrik „Vortreffliches“ finden Sie Anregungen. „The One“ landet dagegen in der Rubrik „Werke, die das Regal nicht braucht“.

John Marrs: The One – Finde dein perfektes Match, Heyne Verlag, München, 2019, 496 Seiten, broschiert, 15,99 Euro, ISBN 978-3453320611, Leseprobe

Im Modder und Zauber von Berlin

Die Mode- und Porträtfotografin Kerstin Ehmer hat sich in Berlin besonders wegen ihrer „Victoria Bar“ einen Namen gemacht. Seit 2001 führt sie mit ihrem Mann diesen Hort für alle Connaisseure der gepflegten und ernsthaften Trinkkultur. Jetzt hat sie ihren ersten Kriminalroman geschrieben. „Endlich!“, möchte man rufen, denn was Ehmer da unter dem Titel „Der weiße Affe“ vorgelegt hat, ist ein wahrlich kluges und raffiniertes Kriminalstück aus der Zeit der Weimarer Republik, sprachlich umwerfend dazu.

Der junge Kommissar Ariel Spiro ist soeben aus dem brandenburgischen Wittenberge nach Berlin gezogen. Noch nicht einmal seinen Koffer kann er auspacken, da ermittelt er schon in seinem ersten Fall in dieser berauschenden Großstadt. Der jüdische Bankier Eduard Fromm liegt mit eingeschlagenem Kopf auf der Stiege im Hinterhaus, kurz vor der Tür seiner Geliebten. Mund offen, Blick starr geradeaus, als habe ihn der Schlag getroffen.

Kurz zuvor hatte er noch seine Hilde besucht. Viermal in der Woche kam er und war der ehemaligen Tänzerin ein Gönner und Geliebter. Hatte ihr nach seinen peniblen Vorstellungen die Wohnung eingerichtet und ein ganz besonderes Schmuckstück als Dauerleihgabe gebracht: einen weißen Porzellan-Affen. Und allzu gern überfraß der Bankier sich an Schweinewürsten, erzählt man sich.

Zeit der nationalsozialistischen Emporkömmlinge

Nicht nur Spiro ist bass erstaunt, sondern auch Fromms Ehefrau Charlotte, eine zartgliedrige Konzertpianistin, sowie die beiden Kinder Ambros und Nike, beide nicht weniger anmutig. Spiro, der sonst immer wieder betont, er sei kein Jude – seine Mutter habe Shakespeare verehrt, Lieblingsstück „Der Sturm“, und Ariel ein Luftgeist – verschweigt das vor der Familie geflissentlich. Es ist die Zeit, wo mit den nationalsozialistischen Emporkömmlingen auch der Antisemitismus erstarkt. Spiro ist kein Antisemit; er erhofft sich mehr Offenheit, wenn die Familie glaubt, auch er sei Jude.

Spiro verfolgt so manche falsche Fährte, die ihn tief in den Morast der zwanziger Jahre der deutschen Hauptstadt bringt, in die Bars und Spelunken, auf die grellen Prachtstraßen und in die finsteren Gassen mit ihrem löcherigen Kopfsteinpflaster. „Diese Stadt ist ein Sumpf“, sagt ihm ein Kollege der Berliner Polizei. „Wo immer Sie hier hintreten, Spiro, da ist Modder.“

Eine Schönheit par excellence

Kerstin Ehmer vermag diesen Modder und Zauber der Großstadt und der damaligen Zeit so grandios einzufangen, dass es eine Freude ist. Trotz düsterem Sujet sind die Worte, ist die Sprache eine Schönheit par excellence. Schon der Duktus führt den Leser in die damalige Zeit. Die Phantasie eines jeden tut ihr übriges.

Die Figuren sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt. Spiros Mitbewohner Jack etwa, den man sich wirklich ans Herz liest, arbeitet in der Bar „La Cocotte“ und nennt einen Hund namens „Erbse“ sein Eigen. Oder die grünäugige Bankierstochter Nike, der Spiro blauäugig verfällt, die Medizin studiert und nebenbei als Sexualtherapeutin im berühmten Hirschfeld-Institut arbeitet. Und dann sei auch noch die rätselhafte Figur erwähnt, der wir in kursiv gesetzter Schrift dann und wann folgen, einem Kind, das unter Drogen gesetzt irgendwo in Berlin in einem Verschlag sein Leben fristet und 14 Jahre keine Schule von innen gesehen hat.

Eine Fährte, eine Fährte!

Dieser Fall, dieser Roman ist spannend gewoben, fürwahr – und man darf nicht mehr erzählen, um nicht Gefahr zu laufen, zu viel zu verraten. Sie wollen wissen, was es mit dem titelgebenden weißen Affen auf sich hat? Eine Fährte, eine Fährte. Wie so viele!

Die Zeit der Goldenen Zwanziger findet seit einigen Jahren wieder zurück in die heutige Kultur. Maßgeblichen Anteil daran hat Volker Kutscher mit seinen Romanen um den Kriminalkommissar Gereon Rath. Ihm folgten etwa eine ebenso lesenswerte Graphic-Novel-Bearbeitung von Arne Jysch sowie die gefeierte Serien-Adaption „Babylon Berlin“. Kerstin Ehmers Krimi sollte man jedoch nicht als kleinen Nachen sehen, der im Fahrwasser von Kutschers Romanen im Landwehrkanal dümpelt. „Der weiße Affe“ schlägt seine ganz eigenen Wellen. So sehr, dass wir am Ende nur hoffen und bitten, dass Ariel Spiro zurückkommen möge und „Der weiße Affe“ der phänomenale Auftakt einer neuen Krimi-Reihe ist. Darauf einen Charleston!

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2017, 280 Seiten, broschiert, 17 Euro, ISBN 978-3865325846, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.