Die Traumtänzer vom Abgrund

Wir schreiben den 16. November 1925. Mitten im Berliner Amüsierviertel der Friedrichstraße dümpelt eine männliche Leiche in der Spree, Hinterkopf nach oben. Kein Schwimm- oder Tauchunfall, sondern: Mord. Das Opfer ist ein Journalist, der für das Nazi-Blatt „Völkischer Beobachter“ geschrieben hat. Im Ausklang des Jahres, in dem in München die NSDAP neu gegründet wurde, Hitler den ersten Band von „Mein Kampf“ veröffentlichte und die SS ins Leben gerufen wurde, lässt die Autorin Kerstin Ehmer ihren sympathischen Kommissar Ariel Spiro in einem Fall ermitteln, in dem er oft einen Schritt zu spät zu kommen scheint.

Der dritte (und bisher beste) Roman mit dem Titel „Der blonde Hund“ knüpft nahtlos an den Vorgänger an, in dem Spiro Boxunterricht genommen hatte, um den nationalsozialistischen Schlägertrupps etwas entgegensetzen zu können, und in dem die Ausbreitung des Antisemitismus beschrieben wird.

Die Spirale beginnt nun, sich schneller zu drehen. Die Nazis treten selbstbewusster auf, versammeln Geldgeber um sich und vertreiben ihre hirnlosen Schläger in die zweite Reihe. Wer ihnen dort vor die Füße fällt, dem gnade Gott.

Der Judenhass bricht sich Bahn, und auch Ariel Spiro bekommt nun häufiger antisemitische Vorurteile um die Ohren gepfeffert. Er trägt zwar einen jüdischen Namen, ist aber kein Jude. Im ersten Roman „Der weiße Affe“ hatte Spiro noch immerzu betont, seine Mutter habe Shakespeare verehrt, Lieblingsstück „Der Sturm“, und Ariel sei ein Luftgeist. Mittlerweile hat Spiro die Erklärungen aufgegeben. Sein Umfeld weiß Bescheid, und den Nazis ist in ihrer erbitterten Ideologie ohnehin nicht zu helfen.

„Wir setzen alle unsere Hoffnungen auf ihn“

Spiros Ermittlungen führen ihn zunächst in die Villa des bekanntesten Berliner Pianofabrikanten Eduard Bachmann („Ihre Klimperkästen sind der Stolz der Stadt“). Er und seine Frau Helena hatten sich mit dem Verleger-Ehepaar Feldstein aus München im Hotel Adlon zum Dinner getroffen. Zugegen war auch ein weiterer Herr aus München, den die Kellner als „fleischlos“ bezeichnen, als Vegetarier. Helena Bachmann beschreibt ihn hingegen so: „Oh, das ist ein überaus interessanter Mann, ein aufstrebendes, politisches Talent mit großem Potenzial. Wir setzen alle unsere Hoffnungen auf ihn.“ Der Name des Mannes wird an keiner Stelle des Romans benannt; aber es dürfte sich bei ihm um Adolf Hitler gehandelt haben.

Zurück zum Mordfall: Spiros Spur bringt ihn schließlich nach München, wo der sogenannte „Blonde Hund“ abgetaucht sein soll, ein junger Mann, der im Verdacht steht, eine Verbindung zum Mordopfer gehabt zu haben. Spiro schleicht sich unter falschem Namen im deutsch-nationalen Salon der Feldsteins ein und ermittelt im Kreis der höchsten Gesellschaftsschichten Münchens. Er begegnet dem Vater von Heinrich Himmler, wird auf der Reise zum nächsten Fixpunkt seiner Ermittlungen von einem Trupp Nazis aufgemischt, und recherchiert bei den Artamanen, wo der „Blonde Hund“ untergekommen sein soll. Die Artamanen wollten im Osten des Deutschen Reiches möglichst autark von bäuerlicher Tätigkeit leben („Fast jeden Tag ein Ei, das ist schon was“), auch um polnische Saisonarbeiter aus dem Land zu drängen. Sie verfochten eine völkische, agrarromantische Blut-und-Boden-Ideologie, 1934 gingen sie in der Hitlerjugend auf. Heute gibt es sie übrigens wieder, die völkischen Siedler: Neo-Artamanen nennen sie sich.1)

Äußerst penibel recherchiert

In Ehmers brillantem Kriminalroman ist wie immer viel drin, und dennoch wirkt er an keiner Stelle überfrachtet. Die Autorin recherchiert für ihre Romane stets äußerst penibel und schafft mit ihrem Fachwissen die prächtige Bühne für ihre Figuren. Natürlich schwingt auch immer viel Lokalkolorit mit: Die Männer trinken sich abends ihre Molle, die Damen gießen sich das Likörchen aus der Mampe-Flasche ein, und dann geht’s hinein ins pulsierende Berlin mit seinen Clubs und Bars, mit Tanz und Eleganz, mit Jazz und Klaviermusik. Dazu die Reichen und Schönen, die Arbeiter und Elenden, die Verbrecher und die ganze politische Dramaturgie der scheinbar Goldenen Zwanziger.

Während Spiro durch Deutschland fährt, bleibt seine eigenwillige Geliebte Nike Fromm in Berlin. Neugierig nimmt sie an Séancen teil, geht zu einem Wahrsager und versucht auf eigene Faust, das Rätsel um einen schwer verletzten jungen Mann zu lösen, der offenbar von einem brutalen Nazi-Offzier bei ausartenden SM-Spielen misshandelt wurde. Um Näheres herauszufinden, besucht sie eine Pension, in der Menschen mit dieser besonderen sexuellen Neigung im wahrsten Sinne des Wortes verkehren und in der niemand Fragen stellt.

Ja, es ist viel drin zwischen den beiden Buchdeckeln, und Kerstin Ehmer gelingt es auch in ihrem dritten Roman, gekonnt und mit viel Feingefühl die Spannung zu halten. Es ist ein geschickter Schachzug der Autorin, ihren Kommissar durchs Land reisen zu lassen, in einer Zeit, an der Deutschland langsam an den Scheitelpunkt gerät. Hervorragend stellt sie dar, wie die nationalsozialistische Ideologie auf der einen Seite bei immer mehr Menschen verfängt, während sie auf der anderen Seite abgetan oder gar unterschätzt wird. Der Oberkommissar der Politischen Polizei etwa verkennt die Lage völlig und sagt zu Spiro: „Meine Abteilung ermittelt überwiegend am linken Rand des politischen Spektrums, wo ich persönlich die größere Gefahr für unsere Republik sehe. Die Nationalsozialisten sind so gut wie tot.“

Nur eine ist hellsichtig und klug

Der Abgrund nähert sich, und selbst Spiro sieht es nicht. Für ihn sind die Bachmanns und Feldsteins alle „Traumtänzer, die mit Scheuklappen die Gegenwart ausblenden“. Nur eine in diesem Roman ist hellsichtig und klug: Nike Fromm. Sie sagt zu Spiro: „Etwas geschieht. Aber es ist viel größer als dein Fall. Es geschieht gleichzeitig an verschiedenen Orten. Der Aberglaube ist zurück. Unwissen und Dummheit sind wiederauferstanden und der Hass auf die Juden. Wir gehen nicht mehr vorwärts. Wir gehen zurück.“

Weniger als ein Jahr ist Spiro jetzt in Berlin. Er hat ein Mädchen gefunden, liebe Freunde und eine neue Heimat. Man hofft so sehr, dass die wandelnden Zeiten ihm das Glück nicht zerstören, aber wir gedanklich Zeitreisenden wissen es vermutlich besser: Das wird arg und ärger. Ja, fürwahr, der Abgrund nähert sich. Spiro, was wirst du tun?

Kerstin Ehmer: Der blonde Hund, Pendragon-Verlag, Bielefeld, 2022, 460 Seiten, broschiert, 22 Euro, ISBN 978-3865327635, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

1) Der „Deutschlandfunk Kultur“ hat 2017 in der Sendung „Zeitfragen“ über die neuen völkischen Siedler im ländlichen Raum berichtet. Der Beitrag ist hier nachzulesen.

Das Auto rollt, das „R“ nicht mehr

Der Debütroman „Roter Affe“ der in Wien geborenen und zwischen Wien und Warschau aufgewachsenen Autorin Kaśka Bryla ist vielschichtige Literatur, klug und mit experimenteller Raffinesse geschrieben. Er erzählt eine deutsch-österreichisch-polnische Geschichte über Grenzerfahrungen und sucht gleichsam und gekonnt nach den Grenzen des Schreibens.

Wir lernen Mania kennen, die als Gefängnispsychologin in der JVA Moabit in Berlin arbeitet. Sie erfährt eines Tages, dass Tomek, ihr bester Freund aus Kindheitstagen, aus Wien verschwunden ist. Seine Hündin Sue hat er zurückgelassen. Auf dem Tisch in seiner Wohnung liegen Zettel, auf denen zu lesen ist, wie er vor einem Jahr einen Pakt eingegangen ist – mit einer Frau namens Marina, von der Tomek noch nie erzählt hat. Marina, so ist in verblasster Schrift zu lesen, sei depressiv, wolle sich das Leben nehmen, Tomek bat sie, ein Jahr lang unter seiner Regie und Obhut zu leben, in der Hoffnung, sie zurück ins Licht ziehen zu können. Ändere sich nichts, dürfe sie sterben, und er helfe ihr dabei. Jetzt ist das Jahr vorbei, die Schatten sind noch da, und Tomek ist weg.

Mania lässt in Berlin alles stehen und liegen. Mit dem syrischen Geflüchteten Zahit, den Mania 2015 bei Tomek untergebracht hatte („Er möchte in Wien bleiben. Kümmerst du dich?“), der Hackerin Ruth und der Hündin Sue machen sich die Freund*innen von Wien auf in Richtung Polen. Während ihr Auto vorwärts fährt, erfahren wir in Rückblenden mehr über Tomeks und Manias Kindheit sowie über die polnischen Wurzeln der beiden, die zwar in Österreich geboren wurden, sich ihrer Migrationsbiografie aber sehr bewusst sind. Wir sehen den Plot aus verschiedenen Blickwinkeln, ja sogar aus der Sicht eines Hundes, nah an den starken Gerüchen und fern dem Himmel.

Was, wenn der Roman das alles und nichts ist?

Was ist „Roter Affe“ nun? Ein Road-Trip zwischen West und Ost? Ein Roman über Flucht und Migration? Ein literarisches Experiment? Was, wenn er das alles und nichts ist? Er ist keiner dieser Romane, die man betulich in Setzkästen sortiert, weil wir Menschen Ordnung brauchen. Wohl aber gibt es Themen, denen sich Kaśka Bryla widmet, vor allem den Fragen: Wie gehe ich mit Verlust und traumatischen Erlebnissen um? Wie sehr darf man Rache üben? Was ist Strafe? Und was ist Schuld?

Das Auto, mit dem die Freund*innen unterwegs sind, ist derweil das Vehikel für alle anderen Themen, die wie Tafeln an der Straße stehen und Tourist*innen auf Sehenswürdigkeiten hinweisen: die LGBTQIA*-Feindlichkeit der amtierenden polnischen Regierung, Antisemitismus, Suizid, das Böse.

„Andere verstehen auch nicht immer alles“

Aber auch: Sprache. Die eigene Sprache. Verlieren, finden und nutzen. Zum Erzählen in nur eine Richtung, zum Sprechen in viele. Warum hat Tomek das rollende R („wie es im Polnischen üblich war und im Deutschen ihre Herkunft verraten würde“) behalten, Mania aber nicht? Warum sprechen wir dieselbe Sprache, aber das Verständnis bleibt beim anderen zurück wie ein Koffer, den man am Rastplatz vergessen hat? Richtigerweise sind polnische Gespräche im Roman nicht immer übersetzt worden. „Andere verstehen auch nicht immer alles“, sagt Kaśka Bryla in einem Text in der von ihr gegründeten Literaturzeitschrift „PS – Politisch Schreiben“, der die Gespräche und Korrespondenzen aus dem Lektoratsprozess zu „Roter Affe“ wiedergibt. Lesenswert wie ihr Buch, das an keiner Stelle langweilig wird oder sich wie eine Abhandlung liest. Auch weil es sprachlich so leuchtet. Deshalb: auf keinen Fall abschrecken lassen von der Wucht der Themen!

Im Anhang ihres vielschichtigen, ja geradezu philosophisch-psychologischen Romans finden sich Hinweise, welche Autor*innen und Bücher, Serien und Filme sie inspiriert haben und mit welcher Ernsthaftigkeit sich Kaśka Bryla mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa zu den Theorien des Bösen oder posttraumatischen Störungen auseinandergesetzt hat. Seit 2016 gibt sie in Gefängnissen Kurse zum Kreativen Schreiben, hat selbst am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Seit März 2022 ist ihr zweiter Roman „Die Eistaucher“ auf dem Markt. Hoffen wir, dass wir von dieser wahnsinnig guten Autorin noch viel mehr zu lesen bekommen.

Kaśka Bryla: Roter Affe, Residenz-Verlag, Salzburg, 2020, 232 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3701717323, Leseprobe

Von den flatterigen Launen der Liebe im alten Frankreich

Sie war mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt, in zweiter Ehe ein paar Monate mit dem österreichisch-ungarischen Playboy Pál Graf Pálffy de Erdöd verheiratet und genoss Liebesaffären mit Jean Cocteau, Thomas Maria Graf Paul Esterházy de Galántha und mit dem britischen Botschafter Alfred Duff Cooper. Die Rede ist von Louise de Vilmorin, der heute leider ein wenig in Vergessenheit geratenen französischen Autorin.

Am 4. April wäre sie 120 Jahre alt geworden – Anlass genug, um ihre Romane endlich neu zu entdecken. Seit einigen Jahren bringt der Dörlemann-Verlag in Zürich ihre Bücher in wunderbaren Neuübersetzungen heraus. Zuletzt ist in diesem Jahr „Belles Amours“ (im französischen Original: „Les Belles Amours“, 1954) erschienen, ein überwältigender, tragikomischer Roman über Liebe, Versuchung, Freundschaft, Untreue und Rache in einer verzwickten Dreiecksbeziehung. Für Sammler*innen von Aphorismen und Bonmots ist das Buch zugleich eine wahre Fundgrube.

Angelt sich der Sohn die falsche Frau?

Der 30-jährige Samenhändler Louis Duville führt mit seinem Vater ein alteingesessenes Geschäft in der französischen Provinz. Zum Leidwesen seiner Eltern gibt der Filius das sauer verdiente Geld mit vollen Händen in Paris wieder aus, mit Frauen und Freunden, für schnelle Autos, Pferderennen und amouröse Abenteuer, aber ohne dass sich eine der vielen Damen an seiner Seite dauerhaft verfestigen würde. Die elterliche Sorge ist deshalb groß, dass sich der Luftikus die falsche Frau angelt, noch dazu möglicherweise von anrüchiger Herkunft.

Madame Duville wird deshalb selbst aktiv, mustert auf Hochzeiten die Brautjungfern und lädt passende Frauen in das familiäre Landhaus nach Valronce ein. Doch alle verlassen das Anwesen wieder, ohne eine Liebe zu entfachen. Da will es das Schicksal eines Tages wohl gut meinen mit der verzweifelten Madame Duville, denn ein Cousin schaut mit seiner Nichte in Valronce vorbei.

„Er küsste sie, sie blickten sich an, und es war alles gesagt“

Die 25-Jährige ist schon Witwe, ihr Mann 1918 im Krieg gefallen. Durch einen kleinen Zufall, eine zeitliche Koexistenz an einem Ort, begegnet Louis Duville der jungen Witwe und schlägt lang hin. Es braucht nur einen kurzen Spaziergang, wenige Liebesschwüre, einen Kuss und den gemeinsamen Traum vom Leben zu zweit, dann ist alles besiegelt: „Er küsste sie, sie blickten sich an, und es war alles gesagt.“ Sie sind verliebt, verlobt, und verheiratet sollen sie auch bald sein. Doch damit fängt der Trubel erst richtig an.

Denn zur Hochzeit im Herbst 1925 kommt auch ein guter Freund der Familie, der 54-jährige weltmännische Monsieur Zaraguirre aus Südamerika, ein Prachtkerl, der mit seiner Ausstrahlung und im lockeren Plauderton Frauen für sich begeistert, ein Frauenheld, wie Louis Duville selbst einer war, bis er seine Braut traf. Doch Duvilles Glück währt nicht lang, denn auch Monsieur Zaraguirre verliebt sich in die Braut und macht als Mann von Welt kurzen Prozess: Noch am Abend vor der Hochzeit flieht er mit der Braut – und heiratet sie selbst.

Könnte jetzt zu Ende sein, der Roman? Nix da – der wird jetzt noch besser und dreht die nächsten Twists! Denn der düpierte Louis Duville sinnt auf Rache.

Herrlich beißender Sarkasmus

Die beiden Frauenhelden kommen in „Belles Amours“ nicht gut weg, aber auch den Frauenfiguren widmet sich Vilmorin mit herrlich beißendem Sarkasmus, vor allem der naiven Braut, aber auch der ebenso schlichten, aber immerhin herzensguten Madame Duville. Die Mutter des Bräutigams lässt sich etwa zu sinnstiftenden Sätzen hinreißen wie: „Will man Ordnung schaffen, muss man zunächst Chaos stiften.“ Zur Hochzeit ihres Sohnes wünscht sie sich Vollmond, denn „das macht immer besonders viel her“. Und als ihr Mann ihr wenig Hoffnung macht, dass ihr Wunsch zu erfüllen sei, gibt sie munter zurück: „Manche wissen sich immer zu helfen. Man braucht einfach nur zu beten. Du vergisst, dass es Wunder gibt.“

Hinreißend beschrieben ist auch Madame Dajeu, eine entzückend direkte und fortschrittliche Pariserin, die sich mit Madame Zaraguirre anfreundet und ihr das flirrende Paris zeigt. Madame Dajeu ist eine Bereicherung, auch für den Roman. Über die Ehe sagt sie: „Die Ehe hat zwar viele Nachteile, aber sie liefert uns Frauen wenigstens ehrenwerte Vorwände. So kann eine Frau ihren Mann betrügen, weil sie ihn liebt, und wenn sie ihr Ziel erreicht hat, wird sie, gerade weil sie ihn liebt, jede etwaig eigennützige Verbindung kappen, durch die sie sich schuldig machen würde.“

Louise de Vilmorin weiß, wovon sie schreibt, sie war selbst zweimal verheiratet und bei amourösen Abenteuern auch kein Kind von Traurigkeit. Sie lässt Madame Dajeu sagen: „Ein vernünftiger Mann gibt sich mit den Lügen seiner Frau zufrieden.“ Und weiter: „Eine Frau sollte vor allem das Gewissen und das Mitgefühl eines Mannes erobern. Das wird ihn nicht unbedingt davon abhalten, sie zu betrügen, aber so muss er sein Tun wenigstens hinterfragen und wird meistens Skrupel haben, die Betrogene zu verlassen. Damit ist ihre Ehre gerettet, und das ist das Wichtigste.“ Und über Männer sagt sie: „Männer haben es besser. Selbst wenn sie halbtot sind, merkt man ihnen nichts an. Sie sehen immer gleich aus.“

Mit viel Witz und Herzenswärme geschrieben

Vilmorin hat diesen teuflischen Roman über die flatterigen Launen der Liebe mit viel Witz und Herzenswärme geschrieben, und Patricia Klobusiczky hat ihn gekonnt in ein vorzügliches Deutsch übersetzt. „Belles Amours“ ist leichte, nicht aber seichte Lektüre. Der Roman zeigt uns vortrefflich, wie schwierig zu finden ist, wovon schon der französische Schriftsteller Honoré de Balzac 1839 in der Erzählung „Die Geheimnisse der Fürstin von Cadignan“ („Les secrets de la princesse de Cadignan“) schrieb: „Wir können lieben, ohne glücklich zu sein; wir können glücklich sein, ohne zu lieben, aber lieben und glücklich sein – diese beiden, so großen menschlichen Genüsse zu verbinden, dazu bedarf es eines Wunders.“ Vielleicht aber hat Madame Duville recht: Man vergisst, dass es Wunder gibt.

Ein solches wäre auch Louise de Vilmorin zu wünschen, auf dass ihre Bücher wieder einem breiteren Publikum bekannt werden. Ihre Werke wurden erstmalig 1953 bis 1962 ins Deutsche übertragen und zuletzt seit 2009 im Dörlemann-Verlag veröffentlicht, jeweils in Neuübersetzungen von Patricia Klobusiczky. Vom Verlag heißt es, es sei nicht ausgeschlossen, dass die Reihe fortgeführt wird, konkrete Planungen gibt es jedoch noch nicht. Dabei hat Vilmorin nicht nur die bereits veröffentlichten Romane geschrieben, sondern auch noch einige Gedichtbände. Im französischen Verlag Gallimard sind außerdem Briefwechsel von Louise de Vilmorin erschienen, darunter auch die Korrespondenz, die Louise de Vilmorin mit Jean Cocteau ausgetauscht hat und ein neues Licht auf die Beziehung wirft, die sie seit 1934 pflegten.1)

Doch noch einmal zurück zu „Belles Amours“: Ein Nachbar der Duvilles sagt am Schluss: „Was für eine Geschichte, mein Lieber, was für ein Roman!“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Parbleu!

Louise de Vilmorin: Belles Amours, Dörlemann-Verlag, Zürich, 2022, 254 Seiten, gebunden, Leinen, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3038201021, Leseprobe

Seitengang dankt dem Dörlemann-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

1) Wer sich näher mit Louise de Vilmorin beschäftigen möchte, findet von Elodie Nel weitere Informationen zur Biografie in MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003 ff. Stand vom 12. November 2015, zuletzt abgerufen am 4. April 2022. Wer des Französischen mächtig ist, sollte sich auch die beiden Video-Interviews von 1955 und 1964 ansehen.

Mit Parkplatzpeter in der Provinz

Der unabhängige Kanon-Verlag („die mit dem Affen“) aus Berlin ist ein Phänomen. Erst 2020 gegründet und im Herbst 2021 sein erstes Programm vorgelegt, hat der Verleger Gunnar Cynybulk entweder das richtige Näschen, Händchen oder beides, um ein Knaller-Buch nach dem nächsten an Land zu ziehen und auf den Markt zu bringen.

Pro Jahr erscheinen nur zehn Bücher, „was zählt, ist die erzählerische Kraft eines Textes“, heißt es auf der Verlagswebseite. Zuletzt erlebte die Veröffentlichung der Tagebücher von Manfred Krug Ende Januar 2022 ein großes und begeistertes Medienecho (weitere Bände sind in Planung). Zuvor sind bereits Bücher erschienen wie der grandiose Roman „Steine schmeißen“ von Sophia Fritz oder der 117 Seiten lange, herausragende Monolog „Der Termin“ von Katharina Volckmer. Und jetzt, im Februar 2022, kommt direkt der nächste Hammer hinterher – weichen Sie dem nicht aus, sondern lassen Sie sich treffen.

Bravouröses Sprachgefühl

Das Buch mit dem passenden Titel „Meter pro Sekunde“ von Stine Pilgaard wird Sie umhauen und nachhaltig beeindrucken. Der Roman der dänischen Autorin zeugt von einem bravourösen Sprachgefühl und feinsinnigen Gespür für Komik. Es ist wahnsinnig lustig und tränenreich. Letzteres, weil Sie entweder aus dem Lachen nicht mehr rauskommen oder weil dieses Buch Sie so emotional anfasst. Es ist für Eltern, Freund*innen von Eltern, Eltern von Eltern, werdende Eltern, Lehrer*innen, Freund*innen von Lehrer*innen, Fahrschüler*innen, Schweigsame, wasserfallartig Redende, Redakteur*innen, Dänemark-Fans, Kolumnenschreiber*innen und -leser*innen, für, ach – alle sollten das lesen!

Pilgaard schreibt aus Sicht der Ich-Erzählerin, die mit ihrem Freund und dem gemeinsamen Baby, das noch keinen Namen hat (!), von Kopenhagen nach Westjütland gezogen ist. Man nennt den Landstrich in Dänemark auch das „Land der kurzen Sätze“; hier wird kein Wort zu viel gesprochen. Erinnern Sie sich an die Krimiserie „Lilyhammer“ mit „Sopranos“-Star Steven Van Zandt, der als verratener New Yorker Mafioso in ein Zeugenschutzprogramm kommt und ein neues Leben im norwegischen Lillehammer beginnen will?

Einen ähnlichen Kulturschock muss auch die Ich-Erzählerin erleben, als sie ihrem Freund nach Velling folgt, der dort in der Heimvolkshochschule einen Job als Lehrer angenommen hat. Klingt provinziell? Ja, das ist es, aber wunderbar unterhaltend und warmherzig und parodistisch.

„Folkehøjskole“ ist nicht gleich Volkshochschule

Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel klärt in seinem aufschlussreichen Nachwort darüber auf, was es mit der dänischen Heimvolkshochschule auf sich hat, die nicht vergleichbar ist mit der deutschen Volkshochschule. Die dänische nicht-staatliche Institution „Folkehøjskole“ umfasst internatsähnliche Schulen mit zwei- bis zwölfmonatigen Kursangeboten. Die Schülerinnen und Schüler sind in der Regel schon erwachsen und zwischen 18 und 25 Jahren alt, meist besuchen sie die Kurse zwischen Abitur und Studium.

Während ihr Mann den neuen Schülerinnen unabsichtlich den Kopf verdreht, beschreibt die Ich-Erzählerin in Kapiteln, die selten länger sind als zwei Seiten, kurz und heiter ihr neues Leben. Da ist natürlich ihr Sohnemann, für den es gilt, eine gute und passende Tagesmutter zu finden. Die Auserwählte heißt Maj-Britt, von der die Erzählerin glaubt, dass Maj-Britt sie nicht so sehr leiden mag wie andere Eltern, „eher so, als ob ich eine hilflose und etwas begriffsstutzige Asylbewerberin wäre, die sie in die dänische Gesellschaft integrieren soll“. Hier zeichnen sich nicht nur die Probleme ab, in dem neuen Ort Fuß zu fassen, sondern auch der eigenen Mutterrolle gerecht zu werden. Manchmal hat es den Anschein, sie betrachte ihren Sohn als einen Außerirdischen, der die Finger ausstreckt, um nach Hause zu telefonieren. „Muh, sagt mein Sohn und winkt, und ich finde, sein Tonfall hat etwas Aufforderndes an sich.“

Aber es wird noch besser. Die Erzählerin fängt an, Fahrstunden zu nehmen, denn um mobil zu sein, braucht man ein Auto in Westjütland. Sie nimmt Fahrstunde um Fahrstunde, die frustrierten Fahrlehrer wechseln sich bald ab, und die Erzählerin nimmt weiterhin Fahrstunde um Fahrstunde. Sie hat Angst. Vor Baustellen, plötzlich auftauchenden Schulkindern und davor, die Fahrstunde einfach nicht zu überleben. Die Fahrprüfung rückt in weite Ferne. „Parkplatzpeter“, einer ihrer Fahrlehrer, geht pädagogisch wertvoll an den schwierigen Fall ran: „Er wirkt aufrichtig beeindruckt, wenn ich in einen anderen Gang schalte.“ Das ist das Niveau, auf dem wir von der Rückbank und in den Sitz gekrallt an den Fahrstunden teilnehmen.

Voller Liebe und Zärtlichkeit

Dabei plaudert die Erzählerin in ihren Episoden so mitreißend, ist eine so lebensbejahende Frau, die das Herz am rechten Fleck hat und so wunderbar über sich selbst lachen kann, dass es nur so eine Freude ist. Voller Liebe und Zärtlichkeit baut Stine Pilgaard ihrer Hauptperson eine Bühne, die sie in ihrer Tiefe voll ausschöpft.

Doch auch Pilgaard versteht es, die Bühne zu nutzen, die ihr zwischen den zwei Buchdeckeln gegeben ist. Der Roman wechselt die Textformen: Zum einen sind da die kurzen Kapitel. Zum anderen nimmt die Erzählerin einen Job als Kolumnenschreiberin beim Lokalblatt an, und ihre „Kummerkasten“-Texte fügen sich in den Roman. Als dritte Form dichtet die Erzählerin Liedtexte aus dem Heimvolkshochschulen-Liederbuch auf ihre persönliche Situation um (der Übersetzer hat sie für den deutschsprachigen Markt an hier bekannte Lieder umgetextet). Alle drei Textformen wechseln sich ab, umschließen und ergänzen sich und manifestieren den ständig im Wechsel begriffenen Tagesablauf einer berufstätigen Mutter.

Schon Pilgaards Debüt, das 2023 im Kanon-Verlag erscheinen soll, wurde in Dänemark mit mehreren Preisen ausgezeichnet und machte die Autorin in ihrem Land schlagartig bekannt. In Dänemark wird das Buch ab März verfilmt – und es spricht für den Humor der Dänen, dass sich der Fernsehmoderator Anders Agger, der in Stine Pilgaards Roman eine besondere Rolle einnimmt, in dem Film selber spielen wird.

„Meter pro Sekunde“ ist nicht nur ein herzerwärmendes Buch über das Elternsein, sondern vor allem eine wundervolle Komödie über den schwierigen Zutritt einer Städter-Familie in eine lokale Gemeinschaft aus glückstrunkenen Menschen in der tiefsten Provinz. Ohne Frage dürfte „Meter pro Sekunde“ hierzulande eines der heitersten und unterhaltsamsten Bücher dieses Bücher-Frühjahrs werden!

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde, Kanon-Verlag, Berlin, 2022, 255 Seiten, gebunden, 23 Euro, ISBN 978-3985680115, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Anlauf in Richtung Abgrund

Wenn Sie an historische Kriminalromane denken, die in Berlin zur Zeit der späten Weimarer Republik und des Nationalsozialismus spielen, kommt Ihnen sicher sofort die Reihe von Volker Kutscher um den nach Berlin versetzten Kommissar Gereon Rath in den Sinn. Es gibt eine Comic-Adaption sowie die sehenswerte Verfilmung als Kriminalserie „Babylon Berlin“. Aber kennen Sie auch Kerstin Ehmer und ihre Reihe über den Kriminalkommissar Ariel Spiro? 2017 ist der phänomenale erste Band mit dem Titel „Der weiße Affe“ erschienen, 2019 folgte „Die schwarze Fee“, und bereits Mitte Februar 2022, früher als ursprünglich vom Verlag geplant, kommt der dritte Fall mit dem Titel „Der blonde Hund“.

Während Kommissar Spiro in seinem ersten Fall den Mord an einem jüdischen Bankier aufklären musste, der mit eingeschlagenem Schädel im Treppenhaus seiner Geliebten zu liegen kam, hat er es in „Die schwarze Fee“ mit einem doppelten Giftmord zu tun. Es beginnt damit, dass an einem Sonntag bei bestem Sommerausflugswetter eine männliche Leiche auf dem Oberdeck eines Dampfers sitzt, und keiner der 70 Fahrgäste hat gesehen, wann sie vom Leben in den Tod hinüberfuhr.

Berlin von allen Seiten, und dabei oft von unten

In hervorragender (und niemals: billiger) Cliffhanger-Manier wechselt Kerstin Ehmer ständig die Perspektiven und beleuchtet den Fall und die Hauptstadt des Vergnügens und Verderbens von allen Seiten, und dabei oft von unten. Denn während die feine Gesellschaft ihr Auskommen hat und die schillernde Schönheit von Berlin in vollen Zügen auskosten kann, erleben wir in den dunklen Gassen und Gossen, in den Hinterhöfen, auf den Industrieflächen, an den Bahnlinien und in den Kneipen mit den Menschen die kalte Realität.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf den russischen Emigrant*innen, die nach der Oktoberrevolution 1917 nach Berlin geflohen sind. Bis zu 350.000 Russinnen und Russen lebten damals in Berlin, der „Stiefmutter der russischen Städte“, wie man die Stadt nannte.

In der Stadt unterwegs ist auch die gefürchtete Tscheka, die sowjetische Geheimpolizei, die auf der Suche nach möglichen Gegner*innen der neuen russischen Machtstrukturen gnadenlos durchgreift. Heute kennt man die Verbrechen der Tschekisten unter dem Begriff „Roter Terror“. Genaue Opferzahlen gibt es nicht. Schätzungen gehen von 250.000 bis 1.000.000 Opfern aus.

Zeitgeschichtlich hochpolitischer Stoff

Es ist also ein zeitgeschichtlich hochpolitischer Stoff, den Kerstin Ehmer hier gut recherchiert zu Papier gebracht hat. Sie verwebt die politisch-gesellschaftliche Brisanz geschickt mit der Hintergrundgeschichte und den Nebenschauplätzen dieses Romans. So hatte Kommissar Ariel Spiro im ersten Roman eine kurze Liebelei mit Nike Fromm, der Tochter des ermordeten Bankiers. In „Die schwarze Fee“ ist Ariel nun trauriger Single mit wundem Herzen, während Nike mit dem Werkzeugmacher Anton Kraftschick angebandelt hat, einem Sozialisten, der sich nach Feierabend um Familien in Not kümmert. Doch nun ist Anton verschwunden; und wer sollte Nike besser helfen können, als Ariel Spiro? Den Rest könnte man sich fast denken. Tatsächlich ist es aber bei Kerstin Ehmers Romanen nie so, wie man sich das denkt.

Zu den grandiosen Szenen dieses Romans gehören etwa jene, in denen sich Antons Mutter, eine der starken Frauenfiguren, einen Ober-Nazi schnappt, den sie für das Verschwinden ihres Sohnes verantwortlich macht, sowie die screwballartige Begebenheit, als mehrere Männer versuchen, unbemerkt eine Leiche verschwinden zu lassen. Nicht nur hier wird Ehmers besonderer Blick für Zwischentöne und Nuancen deutlich. Ihre Art zu schreiben, ist ohnehin eine Wucht.

Nazis klatschen oder: Wie boxt man eigentlich richtig?

Es ist viel los in diesem zweiten Roman, und das spiegelt so hervorragend den vielfältigen Trubel in Berlin wider: die Arbeiter, die Nazis, die Russen, und die Kinderbanden, die Tanzpaläste und Kneipen, die Anarchisten, die SPD und die Frage, wie boxt man eigentlich richtig; Armut, Reichtum und die Syphilis, die nicht nach arm und reich unterscheidet.

Hatte der erste Roman noch ein euphemistisches Flair der Goldenen Zwanziger, verliert Berlin diese Leichtigkeit nun langsam. Die Nazis verdreschen unverhohlen politische Gegner, und der Umgang auf den Straßen wird ruppiger. Tendenzen von Antisemitismus werden erkennbar, und wir wissen: Das ist der Anlauf in Richtung Abgrund.

Die Geschichte um Ariel Spiro geht weiter. Bereits in wenigen Tagen erscheint der dritte Teil, der im November 1925 spielen soll. Aus einem Berliner Kanal wird die Leiche eines Journalisten gezogen, der für das Nazi-Blatt „Völkischer Beobachter“ geschrieben hat. Ariel Spiro wird dafür nicht nur in Berlin ermitteln, sondern in ganz Deutschland, das in diesem Jahr deutlicher unter nationalsozialistischem Eindruck steht: In München ist die NSDAP neu gegründet worden, Hitler veröffentlicht den ersten Band von „Mein Kampf“, und die SS wird ins Leben gerufen. Der Abgrund nähert sich.

Kerstin Ehmer: Die schwarze Fee, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2019, 397 Seiten, broschiert, 18 Euro, ISBN 978-3865326560, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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