And it burns, burns, burns

Spätestens wenn Vögel brennend vom Himmel fallen, sollte der Mensch argwöhnisch werden. Vielleicht nicht gleich an die Apokalypse denken, aber dennoch das Erlebte hinterfragen. Am besten sogar: handeln und Lösungen finden.

Schon am Anfang von Seraina Koblers Roman „Regenschatten“ wird deutlich, dass sie mehr als eine Dystopie über den Klimawandel geschrieben hat. Kobler zeigt, sprachlich hervorragend, dass alles zusammenhängt, übertragbar und, ja: eine Metapher ist. Ein vortreffliches Buch und ein beeindruckendes Debüt.

„Manchmal denke ich, es hätte mir von Beginn an klar sein müssen. Wenn ich meine eigene Geschichte besser gekannt hätte, näher bei mir selbst gewesen wäre. Alle relevanten Ereignisse in den richtigen Zusammenhang gestellt hätte.“ Die Welt um Anna herum brennt, während Anna in einem leeren Mehrfamilienhaus am Fenster sitzt und wartet, dass die Stare kommen.

Doch die Stare kommen nicht mehr, denn die Welt um Anna herum brennt. Der Klimawandel hat Zürich in den vergangenen Monaten in den Schwitzkasten genommen. Das hätte man verhindern können, wenn man „alle relevanten Ereignisse in den richtigen Zusammenhang gestellt hätte“. In unserer Jetztzeit. In Annas Jetztzeit dräut die Katastrophe und zeigt das Ausmaß von zögerlichem Handeln. So wie in ihrem privaten Leben.

Mit Witz und Ernsthaftigkeit zugleich

Anna ist schwanger, aber nicht von David. Es war ein einmaliger Fehltritt, der das Leben unerwartet in neue Bahnen lenkt. Zudem eine Konfliktschwangerschaft. Über den ersten Wochen hängt deshalb nicht nur die Frage, wie bringt sie ihrem Freund bei, dass sie das Kind eines anderen unter dem Herzen trägt. Die immer drängendere Frage ist auch: Schwangerschaftsabbruch oder nicht. Das Zweifeln, das Grübeln, das Zögern, das Abwägen von Für und Wider; das Wie-sag-ichs-ihm, das Wann-sag-ichs-ihm, das umschreibt Kobler mit Witz und Ernsthaftigkeit zugleich. Allein die Passage, als David und Anna zum Wandern in die Berge gefahren sind, um der Gluthitze der Stadt zu entkommen, ist grandios.

Anna sucht nach dem passenden Moment für die Wahrheit, macht zweideutige Anmerkungen („Und ich wünschte mir, David hätte die gesamte Tragweite meiner Aussagen verstehen können.“), verfehlt die günstige Stille zwischen zwei Sätzen und scheitert unter anderem an der Ignoranz ihres Partners, der vehement voranschreitet, während Anna Mühe hat, ihm zu folgen. Das Bild, dass David ihr fortwährend wegläuft, wird sich wiederholen.

Derweil ist um sie beide herum der touristische Wahnsinn ausgebrochen, wie man ihn sonst an den Mittelmeerstränden findet: Die Hotels verkaufen allerlei Souvenir-Ramsch, Männer und Frauen stapfen im Partnerlook durch die Landschaft und irgendwo sieht man jemanden einen aufgeblasenen Gummi-Flamingo den Berg hochtragen. Die Szenerie bereitet den illustren Bühnenboden für die Beziehung zwischen David und Anna und dem ungeborenen Kind, beschaut wie unter einem Brennglas.

Koblers bildhafter Schreibstil ist außergewöhnlich und verlangt Konzentration beim Lesen. Man sollte die Sätze nicht geflissentlich überfliegen, denn die zuweilen metaphorische Sprache ist Wort für Wort ein wahrer Genuss.

Aufwühlend, zu Herzen gehend, beängstigend

Dieser Roman ist eine Bereicherung für die deutschsprachige Literaturlandschaft! Ja, er ist nicht immer so vergnüglich wie in der Passage mit dem Gummi-Flamingo, meist ist er aufwühlend, zu Herzen gehend, manchmal beängstigend. Er beschreibt eine drohende Klimakatastrophe, vor der wir nach wie vor in der zarten Hoffnung die Augen verschließen, sie möge an der Erde vorbeischrappen wie ein Meteor, der schon verglühen wird. Wie er immer verglüht.

Er beschreibt aber vor allem die sehr persönliche Geschichte einer schwangeren Frau und der Geburt ihres Erstgeborenen unter den äußeren Einflüssen, die – und das mag mal zwischendurch kaum glauben – auch etwas Ermutigendes hat. Diesem Spagat in einem Roman dermaßen kunstfertig gerecht zu werden, ist beeindruckend und zeugt von großem Talent.

Von Seraina Kobler, einst Redakteurin bei Schweizer Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung, werden wir in Zukunft mehr lesen.  Die Journalistin und Autorin, die sich mit einem eigenen Schreibatelier in der Zürcher Altstadt selbstständig gemacht hat, arbeitet bereits an einem neuen Roman. Eine Kriminal-Reihe rund um die Zürcher Seepolizistin Rosa Zambrano soll es werden. Zu einer Zeit, als der See noch nicht ausgetrocknet ist, die Klimakatastrophe aber bereits begonnen hat. Im Jetzt.

Seraina Kobler: Regenschatten, Kommode Verlag, Zürich, 2020, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 18 Euro, ISBN 978-3952501467, Video aus dem Schreibatelier von Seraina Kobler

Seitengang dankt dem Kommode-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Wie still es bleibt

Ferdinand von Schirach, Bernhard Schlink, Herbert Rosendorfer. Dichterjuristen gibt es einige, auch in Deutschland. Zu dem Kreis gesellt sich noch ein weiterer als Schriftsteller publizierender Jurist hinzu: Markus Thiele. Mit „Echo des Schweigens“ legt der 48-jährige Rechtsanwalt aus Göttingen einen anspruchsvollen und politisch wichtigen, aber leider nicht in allen Facetten überzeugenden Roman vor.

Hannes Jansen ist seit sechs Jahren Anwalt für Strafrecht in einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei. Völlig unerwartet bekommt der verschuldete Jurist von seinem Chef das verlockende Angebot, Partner der Kanzlei zu werden – für viele Juristen das Karriereziel schlechthin. Partner sind die erste Garde der Kanzlei, der Titel verspricht Status und – Geld. Bedingung für den Aufstieg ist lediglich ein gewonnener Prozess. Wenn da das Aber nicht wäre, denn der Prozess, denn es zu gewinnen gilt, ist der wieder aufgerollte Fall um den Senegalesen Abba Okeke, der in einer Polizeizelle tot aufgefunden wurde.

Angeklagt ist zum zweiten Mal der Polizeibeamte Maik Winkler, der zunächst in einem Indizienprozess freigesprochen worden war. Jetzt gibt es durch ein neues rechtsmedizinisches Gutachten neue Beweise, damit eine neue Anklage – und Jansen soll nun einen Freispruch für Winkler rausholen.

Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit

Die Vorgeschichte: Der in Deutschland geduldete Senegalese Abba Okeke kam Anfang Januar 2005 in Polizeigewahrsam, nachdem er alkoholisiert und unter Drogeneinfluss Frauen belästigt hatte. Weil er in seiner Zelle randalierte, wurde er an Händen und Füßen an seinem Bett fixiert. Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit. Zwei Gutachten kommen unabhängig voneinander zum Ergebnis, dass Okeke sich mit einem Feuerzeug selbst entzündet habe. Der Polizei-Dienststellenleiter und zwei weitere Beamten, darunter Maik Winkler, werden freigesprochen. Dass nun entgegen des Verbots der Doppelbestrafung das Verfahren wieder aufgerollt wird, ist unter engen Voraussetzungen möglich. Der Fall Okeke erlebt damit eine neue Chance, die der Sierra-Leoner Oury Jalloh nicht bekam.

Dass der Roman von Markus Thiele an den mysteriösen und nie geklärten Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle angelehnt ist, ist augenfällig, wird aber im aufschlussreichen Nachwort noch einmal genauer vom Autor erklärt. Auch Jalloh war in seiner Zelle mit Händen und Füßen an die Pritsche fixiert, auch Jalloh verbrannte. Der Dienstgruppenleiter wurde später wegen fahrlässiger Tötung nur zu einer Geldstrafe verurteilt, ein Polizeibeamter, der in der Tatnacht Dienst hatte, war zuvor schon mangels hinreichender Verdachtsmomente freigesprochen worden. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Dessau sprach in seiner Urteilsbegründung von „Schlamperei“ und „Falschaussagen der Beamten“, die die Aufklärung verhindert hätten. Dennoch: Freispruch.

Alle Versuche der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ und der Hinterbliebenen, mit einem neuen Gutachten das Verfahren wieder aufrollen zu lassen, scheiterten, zum Teil regelrecht erschreckend. Beispiel: Die Staatsanwaltschaft Dessau eröffnete aufgrund des neuen Gutachtens ein neues Ermittlungsverfahren. Der zuständige Oberstaatsanwalt sprach von „sehr ernsten, überraschenden und zum Teil erschreckenden Informationen“. Doch die Generalstaatsanwaltschaft entzog ihm den Fall, verwies ihn an die Staatsanwaltschaft Halle (Saale) – und die stellte das Verfahren 2017 wieder ein.

Im Oktober 2019 verwarf schließlich noch das Oberlandesgericht Naumburg das Klageerzwingungsverfahren des Bruders von Oury Jalloh. Begründung: Nicht nur, dass vieles weiterhin für eine Selbstentzündung spreche, fehle es für eine Brandlegung durch Dritte an einem hinreichenden Tatverdacht gegen einen konkreten mutmaßlichen Täter. Außerdem sei das unterstellte Tatmotiv (Verdecken einer Misshandlung) nicht ausreichend schlüssig dargelegt.

Sonderermittler: Keine offenen Ansätze für Mord-Ermittlungen

Ende August 2020 dann die derzeit aktuellste und nächste niederschmetternde Nachricht für die Hinterbliebenen: die beiden Sonderermittler, die vom Landtag Sachsen-Anhalt mit der Prüfung des Falls beauftragt worden sind, kommen zu dem Schluss, dass das Handeln der Polizei  zwar fehlerhaft und „rechtswidrig“, die Einstellung des Verfahrens im Oktober 2017 jedoch „nachvollziehbar und angesichts der Beweislage sachlich und rechtlich richtig“ gewesen sei. Offene Ansätze, um wegen Mordes oder Mordversuchs zu ermitteln, gebe es nicht.

Im Roman von Markus Thiele ist beim fiktiven Fall Okeke jedoch alles wieder offen. Und Hannes Jansen will einen Freispruch für seinen Mandanten, er will gewinnen – er muss. Hannes Jansen stürzt sich also in die Arbeit, wälzt Aktenordner, liest, liest und liebt. Ja, das ist kein Verschreiber. Hannes Jansen ist zugleich schwer verliebt, und zwar in Sophie Tauber, die, das muss man schon so sagen, dummerweise Brandgutachterin ist und wesentliche Teile des neuen rechtsmedizinischen Gutachtens im Fall Okeke geschrieben hat. Das erfährt Hannes allerdings erst bei der ersten Hauptverhandung. In der Liebe vereint, in der Sache getrennt. Kann das gut gehen?

„Echo des Schweigens“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem ohnehin schon mächtigen Fall Okeke und der alles umtänzelnden und manchmal schwermütigen Liebesgeschichte von Sophie und Hannes. Der Autor hat noch zwei weitere Handlungsstränge in seinem Roman verwoben: Sophies Mutter ist verstorben und hinterlässt ihr neben einem Haus in den Schweizer Bergen einen vergilbten Briefumschlag, adressiert an die Mutter und mit einer Briefmarke aus Kanada frankiert. Der Brief darin: von Richard. Sophies Vater? Ihre Mutter hatte nie über ihren Vater gesprochen, nie seinen Namen erwähnt. „Das Einzige, was du wissen musst, ist, dass er uns sitzen gelassen hat“, sagte ihre Mutter immer nur. Sophie will sich damit nicht mehr begnügen und beginnt mit der Recherche. 

Zweite Zeitebene im Nationalsozialismus

In einer zweiten Zeitebene befinden wir uns schließlich noch in der Zeit zwischen November 1938 und Dezember 1948. In Braunschweig und Wolfenbüttel begleiten wir die Jüdin Lea Rosenbaum sowie die beiden Brüder Carl und Heinrich durch die letzten Jahre des Nationalsozialismus. Heinrich ist glühender Verehrer der nationalsozialistischen Bewegung und geht voll darin auf, Carl ist erschrocken, wohin alles steuert und versucht Lea und ihre Familie mit aller Macht zu beschützen. Macht haben beide Brüder, denn sie sind Hersteller eines namhaften Kräuterlikörs – die Ähnlichkeit zu Curt und Wilhelm Mast, den Gründern der Mast-Jägermeister SE, ist gewollt (Markus Thiele: „Die Geschichte um Carl und Heinrich beleuchtet einen Ausschnitt der bis heute ungeklärten Verflechtungen des Unternehmens [Jägermeister] mit dem Dritten Reich.“)

„Echo des Schweigens“ ist sprachlich und atmosphärisch gut erzählt. Am besten gelingt dem Autor jedoch der Zeitsprung in die Vergangenheit, vielleicht weil er hier nicht zu sehr von seinem eigenen Beruf erzählen muss. Gerade bei juristischen Details liegt die Schwierigkeit darin, den Leser weiterhin zu fesseln, gleichzeitig aber die teilweise rechtsphilosophischen Fragen in der notwendigen Tiefe zu beantworten. Thiele beschreibt in wesentlichen Zügen Hannes‘ moralischen Konflikt, seine Zweifel, ob sein Mandant ihn anlügt oder nicht. Zu wenig aber beleuchtet er die Fragen, was Recht ist im Gegensatz zu Gerechtigkeit und was ein Anwalt riskiert, wenn er Parteiverrat begeht. Wo hört die wohlwollende Auslegung eines Sachverhalts auf, und wo fängt die Lüge an? Und wie baut man Vertrauen auf? In der Liebe und zwischen Anwalt und Mandant? Wenn ich meinem Anwalt die Wahrheit sage, baut der dann seine Verteidigung in Richtung einer sicheren Verurteilung auf? Ist es dann nicht besser so zu tun, als wäre ich es nicht gewesen, damit der Anwalt, der glaubt, ich sei unschuldig, besonders hart für mich kämpft? Und was ist mit dem Gewissen des Anwalts im Gegensatz zum Recht eines jeden auf ein faires Verfahren und eine effektive Strafverteidigung? Der innere Konflikt bleibt zu oberflächlich, etwas mehr Tiefe hätte dem Buch an dieser Stelle sehr geholfen.

Markus Thiele ist jedoch ein feiner Beobachter mit allen Sinnen. Das merkt man besonders dort, wo er Personen, Szenen, Geräusche oder einen bestimmten Geschmack beschreibt. Zum Beispiel wie es im Café Paris in Hamburg zugeht. Wie Vanillekipferl mit einer Spur Marzipan schmecken können. Wie sich stumme Panik anfühlt. Das alles umfasst er nonchalant und mit einer nüchternen, unaufgeregten Sprache, die den Leser durch den Roman trägt.

Am Ende hat Markus Thiele wohl zu viel gewollt für ein 400 Seiten langes Buch. Der Mann muss einfach ab jetzt dicke Schinken schreiben! Denn darüberhinaus ist „Echo des Schweigens“, das weder Thriller noch Kriminalroman ist, ein hochaktuelles Buch, das nachhallt. Das wütend und traurig macht. Und das man nicht zuletzt wegen des juristischen Skandals um Oury Jalloh lesen sollte, damit sein Tod und die unfassbaren Wirren um dessen Aufklärung nicht in Vergessenheit geraten.

Markus Thiele: Echo des Schweigens, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2020, 408 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3710900914, Leseprobe, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Im Schloss des leisen Horrors

In der Zeit des ersten Corona-Lockdowns überschlugen sich die Feuilletons förmlich damit, welche Lektüre nun in dieser Zeit die passende sei. „Die Pest“ von Albert Camus vielleicht? Oder „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic? Oder Marlen Haushofers „Die Wand“ und „Die Arena“ von Stephen King? SZ.de fragte sogleich: „Die Pest, Momo oder doch die Bibel?“ und sortierte die Empfehlungen in einem Listicle nach Lesetypen. Nur das (ohnehin stets lesenswerte) Online-Magazin „54books“ ließ Till Raether völlig zurecht die grandiose US-amerikanische Autorin Shirley Jackson empfehlen („Immer im Lockdown – Warum Shirley Jackson die Autorin der Stunde ist“).

Die 1965 verstorbene Shirley Jackson ist eigentlich keine in völliger Vergessenheit dümpelnde Schriftstellerin. Zuletzt lief sehr erfolgreich die Serien-Adaption von Jacksons „Spuk in Hill House („The Haunting of Hill House“) bei Netflix, und im vergangenen Jahr kam, allerdings wohl nicht ganz so erfolgreich, die Verfilmung von Jacksons letztem Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ in die Kinos. Das Buch, auf dem der Film basiert, ist ein literarisches Juwel, an dem man nicht so achtlos vorbeiziehen sollte, denn es begeistert sprachlich, feministisch, gespenstisch und menschlich.

Der Roman „Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ erzählt von den Überresten der einst altehrwürdigen Familie Blackwood: Von der 18-jährigen, eigensinnigen und immer noch etwas kindlich-naiven Mary Katherine – von allen nur Merricat genannt -, ihrer älteren Schwester Constance, und ihrem gebrechlichen Onkel Julian. Alle übrigen Familienmitglieder, mit denen die drei einst in dem herrschaftlichen Anwesen zusammenwohnten, sind durch eine eigentümliche Arsenvergiftung dahingerafft worden. Denn eines Tages, man weiß nicht wie, war Arsen im Zuckerdöschen, mit dem die Familie bei Tisch wie immer ihr Dessert versüßte. Merricat war noch vor dem Abendmahl auf ihr Zimmer geschickt worden, Constance nahm keinen Zucker, Onkel Julian nur wenig. So wenig, dass er überlebte. Zwar schwer angeschlagen, aber er lebt. Der Rest: tot.

Grausame Spöttereien auf den Lippen

Dass solch ein plötzliches Ableben fast einer ganzen Familie im nahen Dorf nicht unkommentiert bleibt, ist kaum verwunderlich. Die Volksseele hat die vermeintliche Übeltäterin schnell gefunden: Es kann ja nur Constance Blackwood sein. Kann ja nur! Also schießt man sich auf sie ein. Der Roman beginnt zu der Zeit, in der Constance schon längst nicht mehr das Anwesen verlässt. Nur Merricat geht dann und wann hinunter ins Dorf, um wenige Lebensmittel zu kaufen und aus der Bibliothek neue Bücher auszuleihen. Der Weg hin und zurück ist ein ewiger Spießrutenlauf. Männer und Frauen machen aus ihrem Urteil keinen Hehl, und die Kinder haben grausame Spöttereien auf den Lippen:

Merricat, fragt Connie, willst du einen Tee?
Oh nein, sagt Merricat, darin ist Gift, o weh!
Merricat, fragt Connie, willst du nicht schlafen nun?
Drei Meter tief im Grabe ruhn!

Der Alltag der Familie Blackwood bestimmt sich in ihrer Oase der Zurückgezogenheit ganz nach Routinen. Die festen Strukturen des Tages und der Woche sind für Merricat wahre Kraftgeber und werden fast magisch aufgeladen. Das sind die Tage, an denen sie das Haus putzt und in dem Zustand hält, wie es einst gewesen ist. Ein Psychiater würde darin vermutlich eine Zwangsstörung sehen. Die Tage, an denen sie ins Dorf muss, sind die kraftraubenden, die schlimmen Tage.

Autoritär, aggressiv und einnehmend

Wie sehr die schlimmen Tage in den empfindlichen Alltag einbrechen können, erfährt Merricat, als plötzlich der schneidige Cousin Charles seine Aufwartung macht. Er ist gekommen, um zu bleiben. Autoritär, aggressiv und einnehmend spielt er sich als berechtigter Patriarch auf.

Damit ist die Bühne für den unvermeidlichen Konflikt bereitet, und es bleibt nicht bloß die Frage: wer überlebt? Sondern auch: wem kann der Leser trauen? Sollten wir jedes Wort einer Erzählerin für bare Münze nehmen, die sich in ihrer Freizeit mit Pilztoxikologie beschäftigt und sich hervorragend auskennt? Und die jegliche Grundstücksgrenzen mit Fetischen, Totems und Talismanen markiert, um die restliche Familie zu schützen? Nun …

„Wir haben schon immer im Schloss gelebt“ ist ein Roman des leisen Horrors, der sich in Zwischentönen auslebt, und an der Oberfläche leicht erzählt scheint. Es ist eine bezaubernde und zugleich beängstigende Geschichte, denn Tod und Unheil reisen ständig mit, und dennoch ist so viel Leben in diesem Roman. Leider sollte es Shirley Jacksons letzter sein.

Shirley Jackson: Wir haben schon immer im Schloss gelebt, Festa Verlag, Leipzig, 2019, 252 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3865527097, Leseprobe

Es kann nur einen geben

Manche Menschen wünschen sich die perfekte Liebe, den perfekten Partner, der wie beim biologischen Schlüssel-Schloss-Prinzip zu einem anderen Menschen passt. Zeitschriften, Bücher, TV-Serien und Filme nähren diese Sehnsucht nach Vollkommenheit. Auch Singlebörsen leben davon, dass manch einer nie zufrieden ist.

In der nicht ganz so fernen Zukunftsversion von John Marrs Roman „The One“ hat die Suche nach dem perfekten Partner ein Ende. Denn mit dem Online-Angebot „Match your DNA“ ist es möglich, den allereinzigen Partner zu finden, der aufgrund der DNA zu einem anderen Partner passt. Das perfekte Match. Was man dafür tun muss? Einfach nur einen Gentest machen und dann: warten. Millionen von Menschen weltweit haben diesen Test gemacht und „sind glücklich geworden“. Journalisten würden schreiben: „Nach eigenen Angaben des Unternehmens.“ Denn kann wirklich unsere DNA darüber entscheiden, wie glücklich wir mit einem Partner werden? Oder ist es nicht vielmehr die Hoffnung, die ein Mensch darauf setzt, dass das jetzt aber nun wirklich mal der richtige Deckel zum Topf ist?

Nicht  nur diesen Fragen geht der britische Journalist und Autor in seinem Buch nach, sondern entwickelt auch Szenarien, wie sehr es unter dem Deckmäntelchen des DNA-Glücks brodeln kann. Welche kriminelle Energie möglich ist. Und wie Glück dann doch wieder zu Unglück führt. Willkommen in der Spirale der Suche nach dem perfekten Partner! Oder wie Albert Camus formuliert: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Christopher, der Serienmörder

Das Setting und die Idee sind hervorragend, die Umsetzung allerdings dürfte nur denjenigen gefallen, die seichte Unterhaltung schätzen und in Buchhandlungen zielsicher zu pinkfarbenen Büchern greifen. In kurzen Cliffhanger-Kapiteln folgen wir fünf Hauptpersonen, die ihre teilweise fiesen Erfahrungen mit „Match your DNA“ machen: Es beginnt mit Mandy (ja, der Ohrwurm drängt sich auf), die unter anderem aufgrund mehrerer Fehlgeburten ihre Ehe in den Sand gesetzt hat und jetzt beginnt, die Social-Media-Profile des „schönen Fremden“ zu stalken. Problem: Ihr perfektes Match ist vor kurzem verstorben. Dann hätten wir noch Christopher, den Serienmörder, der allerdings, soviel darf verraten werden, nicht für den Tod von Mandys Match verantwortlich ist. Seine perfekte Partnerin arbeitet bei der Polizei. Das muss man wollen.

Nick wiederum möchte den DNA-Test gar nicht machen, aber seine Verlobte Sally will sicher gehen, dass sie in biologischer Hinsicht füreinander bestimmt sind. Denn ihre Eltern sind mittlerweile zum dritten (Mutter) und vierten Mal (Vater) verheiratet. „Und ich will nicht genauso enden.“ Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Nicks perfekter Partner ein Mann ist. Und auch die unsichere Jade hat ein Match, allerdings nicht in England, sondern in Australien. Einigermaßen naiv lässt sie alles stehen und liegen und fliegt zu ihm. Als sie vor seiner Tür steht, ist Kevin nicht allein zu Haus. Am Telefon sagt er: „Tut mir leid, du hättest nicht kommen sollen.“ Und legt auf. Traumtyp!

Und zuletzt ist da noch die schwerreiche Ellie, ein „irrer Kontrollfreak“, wie sie ein Exfreund offenbar zurecht bezeichnet hatte, die, aus zu großer Angst vor den Boulevardmedien und deren Interesse, ihr Privatleben nach außen zu kehren, keinen Mann an sich heranlässt. Umso argwöhnischer ist diese klischeehaft gezeichnete Frau mit ihren Miu-Miu-Highheels, der Bettwäsche aus Mako-Baumwolle und dem Kronleuchter aus Swarovski-Kristallen, als auch sie plötzlich ein DNA-Match hat. Ärgerlicherweise entstammt Timothy Hunt (nomen est omen?) nicht ihrer Gesellschaftsriege und entspricht äußerlich nicht ihrem Typ. (Der Mann steht auf Coldplay, die Foo Fighters und die Stereophonics und hat so gut wie alle Filme mit Matt Damon oder Leonardo DiCaprio gesehen.) „Kurz gesagt war Timothy Hunt allem Anschein nach ein unauffälliger Mann, mit dem Ellie jedoch auf ganz besondere Weise verbunden war.“ Es kann nur einen geben – und das zieht sogar bei Ellie.

Kaum raffinierte Cliffhanger

Alle fünf nicht besonders einfallsreich gezeichneten Figuren begegnen sich nie. Die mäßige Spannung entwickelt sich durch die kurzen Kapitel und die kaum raffinierten Cliffhanger. Weil die Abfolge der Figuren immer dieselbe bleibt, muss man also vier andere Kapitel lesen, bevor man weiterlesen kann und weiß, ob Christopher die Frau jetzt wirklich umgebracht hat oder nicht (bei seinem Ziel, 30 Frauen zu töten, kann man sich die Chancen ausrechnen).

Wer sich die äußere Aufmachung anschaut, kann ahnen, dass der Roman nicht in literarischen Höhen schwebt. Wir sind nicht nur auf dem Niveau von Privatsender-Vorabend-Seifenopern, sondern befinden uns zudem auf einem simplen Romantiklevel  von Bella und Edward aus der Twilight-Saga oder Anastasia Steele und Christian Grey aus der „Shades of Grey“-Reihe. Allerdings entsteht beim Lesen von „The One“ kein Schmerz durch Schläge mit der Hand, sondern durch Tiefschläge mit dem literarischen Können. Dem Roman ist noch ein geistreiches Zitat aus Victor Hugos Roman „Die Elenden“ vorangestellt, danach geht’s triefend bergab – das Problem der Fallhöhe von literarischen Mottos. Einige Beispiele:

Fünf Beispiele literarischer Tiefschläge

„‚Oh mein Gott‘, flüsterte sie. Ohne es zu bemerken, hatte sie den Atem angehalten. In ihren Fingerspitzen kribbelte es, und sie spürte, dass sie rot wurde. Wenn sie schon so auf ein Foto reagierte – was würde dann erst in ihrem Körper passieren, wenn er leibhaftig vor ihr stand?“

„Indem sie jedoch zugelassen hatte, dass unter ihrem dicken Fell ihre warme, liebevolle Seite hervorleuchtete, hatte sie sich verwundbar gemacht. Wegen ihrer Entdeckung hatte sie so vieles verloren, doch diese Opfer, so schwor sie sich, sollten nicht vergebens sein.“

„Ein Teil von ihr wollte Mark ohrfeigen, ein anderer dagegen sich nur so fest wie möglich an ihn drücken.“

„Jade hatte sich noch nie so herzlos gefühlt wie in den Moment, als sie, halb nackt und noch immer ganz erhitzt, vor ihrer Schwiegermutter stand, mit deren Sohne sie gerade geschlafen hatte – der allerdings nicht der war, den sie geheiratet hatte.“

„‚Es zerreißt mir das Herz, das so zu sagen, aber wenn ich nicht durchdrehen will, muss ich dich gehen lassen. Wenn es jemand wäre, der nicht dein Match ist, würde ich um dich kämpfen. Aber mich mit den Genen anzulegen, ist aussichtslos.'“

Wer in diesen Zeiten seichte Unterhaltung sucht und den Kopf nicht zu sehr anstrengen mag, kann hier zugreifen. Allen anderen sei geraten: unterstützen Sie Buchhandlungen in Ihrer Stadt und bestellen Sie dort etwas anderes. In der Seitengang-Rubrik „Vortreffliches“ finden Sie Anregungen. „The One“ landet dagegen in der Rubrik „Werke, die das Regal nicht braucht“.

John Marrs: The One – Finde dein perfektes Match, Heyne Verlag, München, 2019, 496 Seiten, broschiert, 15,99 Euro, ISBN 978-3453320611, Leseprobe

Die Rädchen im System

Rund sechs Jahre ist es her, dass Dave Eggers‘ Roman „Der Circle“ auf Deutsch erschien. Im Mittelpunkt des Romans stand die Internetfirma „The Circle“, deren Ziel es ist, die Anonymität im Netz zu beseitigen und umfassende Transparenz, Überwachung und soziale Kontrolle zu schaffen. Jetzt hat der US-Amerikaner Rob Hart mit „Der Store“ einen dystopischen Roman geschrieben, der erneut einen großen Online-Riesen zum Vorbild hat. Bei Eggers war es Google, beim „Store“ dürfte es Amazon sein. Der Unterschied: Das Medienecho in Deutschland ist bei Hart ungleich kleiner, dabei ist „Der Store“ wesentlich nachvollziehbarer, aktueller und vor allem stilistisch besser gelungen.

Im Roman von Rob Hart heißt der weltgrößte Onlinehändler nicht Amazon, sondern Cloud. Bestellen kann man aber auch dort wirklich alles: Bratensaftspritzen, Bücher, Katzenfutter, Kunstfellpantoffeln, Filzstifte, Selfie-Sticks, Baumscheren, Kokosnussöl, Fernseher, Eiweißpulver oder Knopfbatterien. Geliefert wird die Ware überallhin. Hinter dem knallhart kalkulierenden Wirtschaftsunternehmen Cloud steht Firmengründer Gibson Wells, mit einem Vermögen von 304,9 Milliarden Dollar der reichste Mensch in Amerika und der viertreichste der Welt. By the way: Amazon-Chef Jeff Bezos besitzt „nur“ 100 Milliarden Dollar (Stand: November 2019).

Doch Gibson Wells ist an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Während er mit seiner Frau die von der Außenwelt hermetisch abgeriegelten, MotherCloud genannten Standorte des Konzerns abklappert, lernen sich in einem von ihnen Paxton und Zinnia kennen. Beide wollen einen der begehrten Jobs bei Cloud, jedoch aus unterschiedlichen Motiven.

Harter Boden des Ruins

Paxton ist ein Opfer von Cloud. Das Unternehmen hat das von ihm  entwickelte Produkt in den Warenbestand aufgenommen, dann aber immer mehr Rabatt gefordert. Der wurde schließlich so immens, dass Paxton keinen Gewinn mehr erzielen konnte. Als er sich weigerte, auf die Forderung einzugehen, kappte Cloud die Geschäftsverbindung, und Paxton krachte auf den harten Boden des Ruins. Welche Motive die undurchsichtige Zinnia antreiben, erfährt der Leser erst später. Doch auch wenn Zinnia die Revoluzzerin von beiden ist, hat auch sie nicht damit gerechnet, wie weit Cloud gehen würde, um das Unternehmen zu schützen.

An die Nieren gehen vor allem die Szenen, in denen man ihren Arbeitsalltag im Warendepot verfolgt. Zinnia ist dafür verantwortlich, durch eine Halle zu laufen — die so groß ist, dass sie sogar eine Horizontlinie hat —, die angeforderte Ware durch Klettern aus mehrstöckigen Regalen zu holen und auf die Förderbänder zu legen. Im Akkord. Neun Stunden lang. Jede Sekunde zählt, denn der Kunde draußen im Land wartet am nächsten Tag auf seine Lieferung.

Ein Stern bedeutet die sofortige Kündigung

Das CloudBand, das jeder Mitarbeiter am Handgelenk trägt, misst nicht nur die Herzfrequenz, öffnet Türen und dient als mobile Kreditkarte, sondern weist auch den Weg und — registriert die Arbeitsleistung. „Grün heißt, dass du das Soll erfüllst. Wenn du hinterherhinkst, wird die Linie gelb, und sobald sie rot wird, stürzt dein Ranking ab. Pass also auf, dass es gar nicht erst dazu kommt“, lautet der Rat eines Kollegen. Das Ranking wird in fünf Sterne unterteilt. Fünf ist das Optimum, einer bedeutet die sofortige Kündigung. „Und wollen wir nicht alle jemand mit fünf Sternen sein?“

Im Kapitel „Alltagstrott“ sind Zinnia und Paxton zu den indoktrinierten Rädchen im System geworden, die Cloud am Laufen halten. Entsprechend kurz sind die Unterkapitel: „Zinnia wachte auf. Arbeitete. Schlief ein.“ Nächstes Kapitel: „Paxton wachte auf. Arbeitete. Schlief ein.“ Sie stecken fest im Hamsterrad, auch wenn Cloud ihnen vorgaukelt, es sei eine Karriereleiter.

Jeder Mitarbeiter wohnt und arbeitet auf dem Cloud-Gelände. Die Wohnungen sind kleine, mehr oder minder praktisch eingerichtete „Zellen“. Wer viel leistet, kann sich größere Unterkünfte verdienen, aufsteigen, Manager werden. Alles ist streng hierarchisch geregelt. Gewerkschaften gibt es nicht, und man sollte das Wort nicht mal laut aussprechen.

Unternehmen nutzen ihre Machtstellung aus

„Der Store“ ist kein modernes „1984“, kein utopischer Roman über eine übermächtige Regierung, sondern eine ziemlich wirklichkeitsnahe Dystopie über ein übermächtiges Wirtschaftsunternehmen. Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook, Apple oder auch Ikea machen Milliarden-Gewinne, zahlen darauf aber kaum Steuern. Sie nutzen ihre Machtstellung aus, auch gegenüber Staaten und Regierungen, während auf der anderen Seite der Einzelhandel den Bach runtergeht. Wie es in Amazon-Logistiklagern zugeht, darüber hat etwa Nina Scholz für das Online-Magazin Vice berichtet. Die Unterzeile des Artikels lautet: „Kollegen werden abgemahnt, weil sie 16 Sekunden zu früh in die Mittagspause gegangen sind. Solche Dinge passieren täglich.“ Dasselbe würde Zinnia wohl auch über Cloud sagen.

Rob Hart, der früher als politischer Journalist und Kommunikationsmanager für Politiker und im öffentlichen Dienst der Stadt New York gearbeitet hat, sagt selbst: „Ich glaube, wir müssen alle gründlich überdenken, wie wir konsumieren. Vielleicht muss nicht immer alles erhältlich sein, vielleicht brauchen wir keine Zustellung in zwei Tagen, vielleicht brauchen wir keine Handys für 1.000 Dollar. Aber vielleicht ist dieses System auch einfach so unglaublich groß, vielleicht sind wir so tief darin verwurzelt, vielleicht gibt es kein Entkommen.“ Hart, so viel darf man verraten, gibt auch in und mit seinem Roman keine Antwort darauf.

Regisseur hat sich die Filmrechte gesichert

Dass „Der Store“ hervorragender Stoff fürs Kino ist, ist kaum von der Hand zu weisen. „Der Circle“ ist mit Emma Watson und Tom Hanks verfilmt worden. Und auch den „Store“ werden wir wohl bald im Kino sehen können, denn Star-Wars-Regisseur Ron Howard hat sich bereits die Filmrechte gesichert.

„Der Circle“, „Der Store“: Dass der deutsche Titel den englischen Begriff verwendet, ist folgerichtig. Im Original heißt Harts Roman „The Warehouse“ („Das Warenhaus“), aber niemand in Deutschland würde sagen: „Ich habe das im Warenhaus gekauft.“ Wir gehen shoppen, bevorzugt im Sale oder im Outlet, wir haben Meetings, trinken Coffee to go, und unsere Eltern hatten schon zu Studentenzeiten Sit-ins. Moderne, trendbewusste Menschen würden also auch im „Store“ einkaufen. Was sie damit anrichten, können sie in diesem spannenden, hochaktuellen und intelligenten Roman lesen. Wir alle sind Rädchen in diesem System, das die Cloud am Laufen hält. Wir alle.

Rob Hart: Der Store, Heyne Verlag, München, 2019, 592 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3453272309, Leseprobe