Die blutrote Fahne, ihr Seeleut, habt acht!

„Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Dieses Bonmot aus dem thematisch überhaupt nicht passenden Kinofilm „8mm“ ist für sich genommen die treffendste Umschreibung für den neusten Wurf von Stuart Turton. Nachdem er mit „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ debütierte und das Buch in mehr als 30 Sprachen übersetzt und international ein Bestseller wurde (völlig zurecht übrigens), durfte man gespannt sein, was Turton mit dem zweiten Roman vollbringen würde.

Kurz gesagt: Es ist eines der besten Bücher des Jahres 2021 geworden, ein Schmöker, der seinen Namen verdient hat, und ein Buch, das man am liebsten nicht zu Ende gehen lassen möchte. Wenn Sie in diesem Jahr nur noch ein Buch lesen können oder wollen, lesen Sie dieses.

Erneut eine klar umrissene Bühne

Während wir uns in Turtons Erstling auf einem herrschaftlichen Anwesen befanden und das Grundstück kaum verließen, wählte der britische Autor, der mit seiner Frau und seiner Tochter in London lebt, für seinen zweiten Roman erneut eine klar umrissene Bühne aus. Auch hier ist ein Entkommen nur schwer möglich.

Man schreibt das Jahr 1634. Im Hafen von Batavia, heute bekannt unter dem Namen Jakarta, liegt ein Ostindienfahrer namens „Saardam“ vertäut. Mit Schiffen wie diesem bringt die Vereinigte Niederländische Ostindien-Kompanie regelmäßig Gewürze und Seidenstoffe aus den Kolonien nach Europa. Der Seeweg nach Amsterdam ist lang und gefährlich. Es lauern Piraten, Pest und pöbelnde Stürme auf See, und noch weist kein Radar sicher den Weg. Wer also von der Route abweicht, findet mitunter nicht mehr das Land, was er ansteuern wollte.

Essensrationen können knapp werden, wenn die Strecke länger ist als erwartet. Und ein Kapitän muss in manch ausweglos scheinenden Situation die Meuterei befürchten. „Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“, das galt zumindest nicht für die Seefahrt im Jahr 1634.

Im Bann seiner Fabulierkunst

Turton schreibt „Der Tod und das dunkle Meer“ mit cineastischem Blick. Schon mit den Eingangsszenen, bei der die handelnden Personen nach und nach den Hafen von Batavia betreten, ist man im Bann von Turtons Fabulierkunst, der man sich nicht entziehen kann. Das geschäftige Treiben hier, das Beladen des Schiffes dort; Schweine, Hühner, Kühe, Fährboote kommen an und fahren wieder. Wohlhabende Passagiere stehen unter weißen Schirmen in der sengenden Sonne und warten darauf, die „Saardam“ betreten zu dürfen. Ja, fast meint man, sogar die Gerüche in der Nase zu haben, die durch den Hafen wehen.

Menschen jubeln einer Prozession zu, die einige der wichtigsten Personen dieses Romans zum Schiff bringt: Vorne weg der stolze Generalgouverneur Jan Haan auf einem weißen Hengst, hinter ihm in einer Sänfte seine Frau Sara und Tochter Lia, die körperlich und seelisch unter ihm leiden. Beide aber sind stark und selbstbewusst unter dem Deckmäntelchen des scheinbaren Gehorsams, und beide werden sich emanzipieren, wie man es nicht erwartet, aber umso mehr feiert. Das ist eine der vielen raffinierten Wendungen.

Der frühe Sherlock Holmes

Mit der Prozession kommen auch Arent Hayes und Samuel „Sammy“ Pipps, besser bekannt unter ihren Spitznamen „der Bär und der Spatz“, zum Schiff. Arent ist groß wie ein Bär und Sammy klein wie ein Spatz. Sammy ist sozusagen der frühe Sherlock Holmes, der knifflige Kriminalfälle löst, und Arent der frühe Dr. Watson, der Sammys Fälle aufschreibt und ihm ein Freund und ständiger Begleiter ist. Die Geschichten von Sammy und Arent sind in allen Teilen der zivilisierten Welt bekannt – doch jetzt ist Sammy in Ungnade gefallen und soll in Amsterdam hingerichtet werden.

Dabei hat er gerade noch für den Generalgouverneur die geheimnisvolle Phantasterei wiedergefunden – die kostbarste Fracht der „Saardam“. Was sie kann und wer sie erfunden hat (nein, es waren nicht die Schweizer), wird man später erfahren. So viel aber ist sicher: Kostbarste Fracht bleibt nie unbeobachtet, im Guten wie im Bösen.

Und das Böse ist mit an Bord. Ob es schon da war, oder der Teufel erst in Batavia als blinder Passagier auf die „Saardam“ geschmuggelt wurde, ist lange nicht klar. Wandelt der Teufel in Menschengestalt oder ist er unsichtbar? Im 17. Jahrhundert glauben die Seeleute ohnehin an vielerlei übersinnliches Unheil und versuchen, sich bestmöglich zu schützen. Sei es mit einem Talisman um den Hals, einer glücksbringenden Münze in der Hosentasche oder einem hoffnungsmachenden, ewige Liebe versprechenden Brief einer Frau in der Brusttasche über dem Herzen. Und ein jeder fasst sich an den gewählten Glücksbringer oder murmelt Gebete, als die „Saardam“ die Taue löst und die Mannschaft die Segel setzt. Denn als das Großsegel gehisst wird, prangt auf dem weißen Tuch plötzlich das Zeichen eines Auges mit einem Teufelsschwanz. Schockschwerenot!

Der Teufel verändert die Bühne immerzu

Mit der Ankunft des Teufels geschehen seltsame Dinge an Bord, Menschen und Tiere sterben unnatürliche Tode, und immer wieder taucht dieses Teufelszeichen auf. Der Teufel verändert die von Wasser und Gezeiten umgebene Bühne immerzu. Und wir sind gefühlt überall dabei: Ob an der frischen Luft auf dem Achterdeck oder dem dicht gefüllten Orlopdeck für die Passagiere, ob in den großen Kabinen für die reichen Leute oder auf Deck bei den Matrosen. Wir sind im Frachtraum, in der Pulverkammer, rund um den Großmast und ganz vorne an der Galionsfigur. Und an keiner Stelle engt der begrenzte Raum die Geschichte ein, denn Turton gelingt es meisterhaft, diese Bühne bis in die letzte Ecke, wo keiner mehr putzt, zu nutzen.

Seine Figuren, vor allem aber die unvergesslichen Held*innen, zeichnet Turton sehr raffiniert. Wie beim Häuten einer Zwiebel oder dem Öffnen einer Matroschka erfährt man erst nach und nach mehr über die handelnden Personen – und das kann schon mal ein paar hundert Seiten dauern.

Erst auf Seite 248 etwa erfahren wir, wie groß der Hochbootsmann Johannes Wyck ist, eines der wichtigsten Besatzungsmitglieder, das zugleich eine zentrale Rolle in der Aufklärung um die seltsamen Vorfälle an Bord der „Saardam“ spielt. Und seine Größe ist alles andere als unwichtig für die Geschichte.

Turton aber gelingt es hervorragend, die Figuren in den Augen der anderen Protagonisten spiegeln zu lassen, so dass die scheibchenweise Charakterbeschreibung nicht unangenehm auffällt – eher im Gegenteil. Seine Figuren entwickeln so Licht und Schatten. Und den Rest übernimmt die Phantasie.

Das einzige Manko

Die Übersetzung ins Deutsche durch Dorothee Merkel, auch das muss man lobend erwähnen, ist ausgezeichnet. Das einzige Manko, was der Rezensent auch hier nicht müde wird zu erwähnen, ist, dass „lachen“ kein Wort aus dem Wortfeld „sagen/sprechen“ ist. Das ist eine eigentümliche Angewohnheit von immer mehr Autor*innen und Übersetzer*innen, Personen in Büchern in der wörtlichen Rede etwas lachen zu lassen. Hier etwa der Satz: „‚Ich werde gegen Arent wetten‘, lachte dieser.“ Das zeugt leider nicht von einem guten Verständnis der deutschen Sprache.

Sprachlich ist „Der Tod und das dunkle Meer“ eine Wucht. Das cineastische Auge, die ungewöhnliche Art der Personenbeschreibung und das bestechende Gespür für Situationsbeschreibungen ergeben eine wunderbare Mixtur für dieses Wunderwerk an Fiktion. „Eine kaum merkliche, filigrane, aber dennoch entscheidende Balance hatte sich auf der ‚Saardam‘ verschoben.“ Merken Sie sich diesen Satz – er wird Ihnen irgendwann im Buch begegnen, und Sie werden wissen, dass er stimmt. Wer Stimmungen beiläufig scheinend, aber so treffend mit nur einem Satz einfangen kann, ist ein Meister der Worte. Stuart Turton ist ein Meister der Worte.

Die Genre-Frage

Lässt sich Turtons Buch einem Genre zuordnen? Kurze Antwort: Nein. In seinem mit britischem Humor verfassten Nachwort, das den Titel „Eine Entschuldigung an die Geschichte und das Schifffahrtswesen“ trägt, schreibt er: „Ich mache mir ein wenig Sorgen, die Leute könnten es als ein Buch über Schiffe oder als historischen Roman bezeichnen.“ Seine Angst ist vermutlich nicht unbegründet. Menschen wollen Ordnung und stecken Dinge gerne in Schubladen. Doch „Der Tod und das dunkle Meer“ passt in keine.

Für einen historischen Roman passen manche Ereignisse in diesem Buch nicht, auch die Sprache ist nicht angepasst. Für einen Roman über Schiffe sind die Details der „Saardam“ zu ungenau. Die Kleidung der Passagiere und der Besatzung sind nicht bis zum letzten Knopf recherchiert, die technischen Errungenschaften waren 1634 teilweise noch nicht erfunden. „Ich habe gründlich recherchiert, und dann habe ich alles wieder verworfen, was meiner Geschichte hinderlich war.“ Vielleicht ist es genau das, was Turtons zweiten Roman so lesenswert macht: dass die Phantasie hier das Ruder übernehmen darf.

Stuart Turtons Roman ist ein Buch zum Lachen, denn es hat Witz. Es ist zum Weinen, denn es hat sehr anrührende und traurige Passagen. Es ist zum Mitfiebern und Miträtseln. Es ist zum Fürchten und zum Bangen und Hoffen. Es bringt hinreißende Menschen hervor, die einem so sehr ans Herz wachsen, dass sie die Tage und Nächte bestimmen und man sich keine Leseminute ohne sie vorstellen mag. Es macht süchtig und es bringt einen dazu, das Ende hinauszuzögern. Was will man denn mehr?

Deshalb: Egal, welches Buch Sie gerade lesen – legen Sie es beiseite und schlagen Sie diesen Roman auf. Er wird Ihre Zeit beglücken und Sie an das köstliche Lesegefühl erinnern, als Sie das erste Mal „Moby Dick“ oder „Die Schatzinsel“ gelesen haben.

Stuart Turton: Der Tod und das dunkle Meer, Tropen-Verlag, Stuttgart, 2021, 608 Seiten, gebunden, 25 Euro, ISBN 978-3608504910, Leseprobe

Seitengang dankt dem Tropen-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Im Modder und Zauber von Berlin

Die Mode- und Porträtfotografin Kerstin Ehmer hat sich in Berlin besonders wegen ihrer „Victoria Bar“ einen Namen gemacht. Seit 2001 führt sie mit ihrem Mann diesen Hort für alle Connaisseure der gepflegten und ernsthaften Trinkkultur. Jetzt hat sie ihren ersten Kriminalroman geschrieben. „Endlich!“, möchte man rufen, denn was Ehmer da unter dem Titel „Der weiße Affe“ vorgelegt hat, ist ein wahrlich kluges und raffiniertes Kriminalstück aus der Zeit der Weimarer Republik, sprachlich umwerfend dazu.

Der junge Kommissar Ariel Spiro ist soeben aus dem brandenburgischen Wittenberge nach Berlin gezogen. Noch nicht einmal seinen Koffer kann er auspacken, da ermittelt er schon in seinem ersten Fall in dieser berauschenden Großstadt. Der jüdische Bankier Eduard Fromm liegt mit eingeschlagenem Kopf auf der Stiege im Hinterhaus, kurz vor der Tür seiner Geliebten. Mund offen, Blick starr geradeaus, als habe ihn der Schlag getroffen.

Kurz zuvor hatte er noch seine Hilde besucht. Viermal in der Woche kam er und war der ehemaligen Tänzerin ein Gönner und Geliebter. Hatte ihr nach seinen peniblen Vorstellungen die Wohnung eingerichtet und ein ganz besonderes Schmuckstück als Dauerleihgabe gebracht: einen weißen Porzellan-Affen. Und allzu gern überfraß der Bankier sich an Schweinewürsten, erzählt man sich.

Zeit der nationalsozialistischen Emporkömmlinge

Nicht nur Spiro ist bass erstaunt, sondern auch Fromms Ehefrau Charlotte, eine zartgliedrige Konzertpianistin, sowie die beiden Kinder Ambros und Nike, beide nicht weniger anmutig. Spiro, der sonst immer wieder betont, er sei kein Jude – seine Mutter habe Shakespeare verehrt, Lieblingsstück „Der Sturm“, und Ariel ein Luftgeist – verschweigt das vor der Familie geflissentlich. Es ist die Zeit, wo mit den nationalsozialistischen Emporkömmlingen auch der Antisemitismus erstarkt. Spiro ist kein Antisemit; er erhofft sich mehr Offenheit, wenn die Familie glaubt, auch er sei Jude.

Spiro verfolgt so manche falsche Fährte, die ihn tief in den Morast der zwanziger Jahre der deutschen Hauptstadt bringt, in die Bars und Spelunken, auf die grellen Prachtstraßen und in die finsteren Gassen mit ihrem löcherigen Kopfsteinpflaster. „Diese Stadt ist ein Sumpf“, sagt ihm ein Kollege der Berliner Polizei. „Wo immer Sie hier hintreten, Spiro, da ist Modder.“

Eine Schönheit par excellence

Kerstin Ehmer vermag diesen Modder und Zauber der Großstadt und der damaligen Zeit so grandios einzufangen, dass es eine Freude ist. Trotz düsterem Sujet sind die Worte, ist die Sprache eine Schönheit par excellence. Schon der Duktus führt den Leser in die damalige Zeit. Die Phantasie eines jeden tut ihr übriges.

Die Figuren sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt. Spiros Mitbewohner Jack etwa, den man sich wirklich ans Herz liest, arbeitet in der Bar „La Cocotte“ und nennt einen Hund namens „Erbse“ sein Eigen. Oder die grünäugige Bankierstochter Nike, der Spiro blauäugig verfällt, die Medizin studiert und nebenbei als Sexualtherapeutin im berühmten Hirschfeld-Institut arbeitet. Und dann sei auch noch die rätselhafte Figur erwähnt, der wir in kursiv gesetzter Schrift dann und wann folgen, einem Kind, das unter Drogen gesetzt irgendwo in Berlin in einem Verschlag sein Leben fristet und 14 Jahre keine Schule von innen gesehen hat.

Eine Fährte, eine Fährte!

Dieser Fall, dieser Roman ist spannend gewoben, fürwahr – und man darf nicht mehr erzählen, um nicht Gefahr zu laufen, zu viel zu verraten. Sie wollen wissen, was es mit dem titelgebenden weißen Affen auf sich hat? Eine Fährte, eine Fährte. Wie so viele!

Die Zeit der Goldenen Zwanziger findet seit einigen Jahren wieder zurück in die heutige Kultur. Maßgeblichen Anteil daran hat Volker Kutscher mit seinen Romanen um den Kriminalkommissar Gereon Rath. Ihm folgten etwa eine ebenso lesenswerte Graphic-Novel-Bearbeitung von Arne Jysch sowie die gefeierte Serien-Adaption „Babylon Berlin“. Kerstin Ehmers Krimi sollte man jedoch nicht als kleinen Nachen sehen, der im Fahrwasser von Kutschers Romanen im Landwehrkanal dümpelt. „Der weiße Affe“ schlägt seine ganz eigenen Wellen. So sehr, dass wir am Ende nur hoffen und bitten, dass Ariel Spiro zurückkommen möge und „Der weiße Affe“ der phänomenale Auftakt einer neuen Krimi-Reihe ist. Darauf einen Charleston!

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2017, 280 Seiten, broschiert, 17 Euro, ISBN 978-3865325846, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Finale ohne Finesse

mind-controlWenn Sie all jene Menschen sehen, die im Alltag auf ihre Handys und Tablets starren und die Umgebung völlig zu vergessen scheinen, denken Sie manchmal daran, dass ein Bösewicht sie alle hypnotisiert? Dass er Schindluder mit ihnen treibt? Sie sollten das in Erwägung ziehen, oder Stephen Kings neuer Roman „Mind Control“ wird Ihnen brutal die Augen öffnen. Dabei ist der abschließende Roman der Trilogie um den pensionierten Cop Bill Hodges leider nicht so raffiniert und brillant gelungen wie seine beiden Vorgänger.

Die unheilbringenden Geräte in Kings neustem Wurf sind keine Mobilfunkgeräte, sondern etwas viel profaneres: tragbare Videospielsysteme aus vergangenen Zeiten, als solche Spiele noch auf kleinen LCD-Bildschirmen liefen. Man könnte meinen, die Dinger locken heutzutage nur noch Sammler und Nerds hinter dem Ofen hervor. Und dennoch: Ob Teenager, Krankenschwester oder ein querschnittsgelähmtes Unfallopfer – die billig produzierten Spiele üben auf die Menschen in „Mind Control“ einen seltsam faszinierenden Reiz aus.

Nicht von ungefähr, das darf man wohl verraten, stehen sie alle in Verbindung zu einem Mann namens Brady Hartsfield, der im April 2009 bei einer Amokfahrt acht Menschen getötet und dutzende weitere verletzt hat. Jenem Hartsfield, dem King mit dem ersten Roman der Hodges-Trilogie („Mr. Mercedes“, Rezension) eine Stimme gegeben hat – und die man bis zum Ende des zweiten Teils für endgültig verstummt hielt.

Geschickter Schachzug

Ja, Hartsfield ist zurück, und er will sich rächen – an den vielen jungen Mädchen, die bei seinem letzten großen Coup nicht gestorben sind, vor allem aber an seinem Erzfeind Hodges. Der hatte mit seinem Team den verheerenden Anschlag auf ein Boygroup-Konzert verhindert, Hartsfields Hirn zu einer undefinierbaren Masse zerschlagen und ihn zu einem Pflegefall gemacht. Den Bösewicht zurück auf die Bühne zu heben, ist ein geschickter Schachzug. Aber es ist kein guter, der das Spiel in eine andere Richtung bringt.

Der Plot wirkt, als seien dem Meister des Horrors und des Grauens die Ideen ausgegangen. Schon aus „Mr. Mercedes“ weiß der Leser, dass Hartsfield überzeugend einen anderen Menschen zum Suizid bringen kann. Jetzt soll er trotz zerstörtem Hirn und mit ein wenig übermenschlichen Kräften in der Lage sein, sein suizidales Werk zu verfeinern.

Hätte es nach dem fulminanten Thriller-Auftakt mit „Mr. Mercedes“ und dem wahrlich begeisternden zweiten Teil („Finderlohn“, Rezension), der eine lesenswerte Abhandlung über das Spannungsverhältnis zwischen Leser und Autor war, nicht einen würdigen und adäquaten Abschluss geben können? Das skurrilste Ermittler-Trio der Horror-Welt, das man im ersten Teil so lieben gelernt hat, schwächelte bereits im zweiten Roman, nur um im Finale seine Extravaganz völlig zu verlieren.

Es riecht nach einem Showdown

In „Mind Control“ bleiben nur noch zwei Hauptcharaktere übrig: Brady Hartsfield und Bill Hodges, dem jetzt auch noch die Gesundheit schwer zu schaffen macht. Das riecht nach einem Showdown! Und diese Vorhersehbarkeit der Geschichte ist ein weiterer Kritikpunkt.

Es fehlt an Rückschlägen, an Abzweigungen, unvorhersehbaren Wendungen, für die King so bekannt ist. Viel zu linear ist dieser Roman erzählt, wenn man von den teilweise auch noch ziemlich langen Rückblenden absieht, die Nichtkenner der ersten beiden Teile ins Boot holen soll. Nein, dieser Roman ist zu dürftig und zu wenig originell, als dass er der Wucht der Vorgänger gerecht werden könnte. Schade, dass Kings fantasievoller Ausflug in die Detektivgeschichten mit so einem schwachen Schlusspunkt enden muss.

Stephen King: Mind Control, Heyne Verlag, München, 2016, 528 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453270862, Leseprobe, Buchtrailer

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 10./11. Dezember 2016) erschienen.

Hart, aber herrlich

neonregenEndlich haben die deutschen Leser James Lee Burke für sich entdeckt. Schon in den 90er Jahren gab es Versuche, den US-amerikanischen Autor auf dem deutschen Buchmarkt zu etablieren – ohne durchschlagenden Erfolg. Jetzt scheint seine Zeit gekommen zu sein. Dem kleinen Pendragon-Verlag aus Bielefeld gebührt dabei alle Ehre, denn dort werden in den nächsten Jahren alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe erscheinen, teilweise erstmalig auf Deutsch. Mit „Neonregen“ ist im Sommer 2016 der Band veröffentlicht worden, in dem der eigenwillige Krimi-Held zum ersten Mal die Bildfläche betritt. Sie sind Hardboiled-Fan? Dann sollten Sie das gelesen haben!

Dave Robicheaux ist Lieutenant beim New Orleans Police Department und bekommt von einem zum Tode Verurteilten den Hinweis, dass die kolumbianische Drogenmafia zu gerne seinen Kopf hätte. Der Organisation ist nämlich sauer aufgestoßen, dass Robicheaux vor einiger Zeit die Leiche einer jungen Frau aus dem Wasser gezogen hat, die die Mafia da so sicher versenkt geglaubt hatte. Ziemlich ärgerliche Sache für die Mafia, denn Robicheaux hat Lunte gerochen und ermittelt jetzt gegen alle Widerstände, auch gegen die der CIA. Mit seinem besten Freund Clete Purcel macht er den bösen Jungs und Querschlägern aus den eigenen Reihen deutlich: So läuft das hier nicht!

Und Robicheaux ist wirklich ein Held, ein toller Kerl und ein feiner Mann zugleich. Vietnam-Veteran und Kenner der englischen Literatur. Ein harter Hund mit Idealismus. Lebenssüchtig, aber auch alkoholkrank und deshalb eher für Softdrinks zu haben. Und die fantastischen Beschreibungen des Aufgießens eines Dr. Peppers in ein mit Crushed Ice aufgefülltes Glas macht unbändige Lust, es dem Ermittler gleichzutun. Wer sie beim Lesen nicht spürt, dem entgehen womöglich auch die anderen intensiven Fabulierkünste Burkes. Der Autor vermag es, über mehrere hundert Seiten ein bildgewaltiges Kopfkino zu erzeugen, das mitunter allerdings auch recht blutig und brutal ausfällt. Zimperliche Seelen sollten deshalb hier eher nicht zugreifen. Nicht umsonst gehören die Robicheaux-Krimis zum Hardboiled-Genre.

Chronist der Zeitgeschichte

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Burke auch ein Chronist der Zeitgeschichte ist, denn seine Bücher spiegeln immer die aktuelle politische Lage wieder. In „Neonregen“, den Burke erstmalig 1987 veröffentlichte, ist die Iran-Contra-Affäre das wichtige Thema. Die Contras waren eine Guerilla-Bewegung in Nicaragua, die gegen die sozialistische Regierung kämpfte. Zur Unterstützung leitete die damalige US-Führungsspitze unter Ronald Reagan Gelder aus geheimen Waffengeschäften mit dem Iran an die Contras weiter. Die wiederum hatten jahrelang tonnenweise Kokain in die USA geschmuggelt, was die CIA auch wusste, aber dagegen nichts unternahm.

Die Robicheaux-Reihe sollte man natürlich mit „Neonregen“ beginnen. Der Pendragon-Verlag hat bereits Band 2 der Reihe veröffentlicht („Blut in den Bayous“). Dann aber wird’s schwierig mit der Lesereihenfolge, denn bisher sind ansonsten nur „Mississippi Jam“ (Band 7, zur Rezension) und „Sturm über New Orleans“ (Band 16) erschienen. Ein Manko? Nein, die unsortierte Veröffentlichung ist nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt. Greifen Sie zu!

James Lee Burke: Neonregen. Ein Dave-Robicheaux-Krimi (Band 1), Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 432 Seiten, Taschenbuch, 17 Euro, ISBN 978-3865325488

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Gewaltige Fabulierkunst

Mississippi JamWie Phönix aus der Asche steigt seit einiger Zeit der US-Autor James Lee Burke auf dem deutschen Buchmarkt auf und wird hier – endlich! – gefeiert. Nach weniger erfolgreichen Versuchen der Verlage Ullstein und Goldmann in den 90er Jahren, ihn den deutschen Lesern schmackhaft zu machen, gelingt das nun dem Heyne-Verlag, vor allem aber dem Bielefelder Kleinverlag Pendragon. Letzterer hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Eine wahre Wucht von nervenaufreibendem Hardboiled-Krimi ist der 588-Seiten-Wälzer „Mississippi Jam“.

Das Buch ist unbedingt zu empfehlen – das weiß man besser, bevor man etwas über den Plot erfährt. Es klingt einfach geradezu hanebüchen: 1942 soll vor dem Mississippi-Delta ein U-Boot der Nazis gesunken sein, an Bord ein sagenumwobener Nazi-Schatz. Einige zwielichtige Schatzsucher wollen das Wrack rund 50 Jahre später bergen, und niemand Geringeres als ausgerechnet Dave Robichaeux weiß, wo das Ding liegt. Robicheaux ist Detective und Bootsverleiher mit Anglerladen in New Orleans, hat mittlerweile einiges auf dem Kerbholz, Vietnam-Erfahrungen und Alkohol-Narben, aber immerhin eine tolle Frau, seine dritte.

Ja, er ist ein ziemlich harter Hund, und dennoch erschüttert es ihn, als ihm nicht nur die städtischen Gangster auf den Pelz rücken, sondern auch noch der skrupellose Neo-Nazi Will Buchalter deutlich macht, dass auch er ein intensives Interesse an dem U-Boot hat. Man könnte jetzt sagen: komm, das ist eine schöne Südstaaten-Posse. Aber „Mississippi Jam“ geht empfindlich darüber hinaus. Denn was der Nazi-Psychopath da so abliefert, gehört zu den krassesten gewaltlosen Wunden, die man so schlagen kann. Und damit nicht genug. James Lee Burke ist ein famoser Fabulierer! Wie er die rivalisierenden Milieus der Stadt zeichnet und den florierenden Drogenhandel, den Rassismus und Judenhass, und wie liebevoll und gleichzeitig erbarmungslos er Menschen beschreibt, das ist literarisch auf hohem Niveau. Sie werden außerdem selten so intensive und mitreißende Schilderungen der Louisiana-Landschaft und ihrer Wetterumschwünge gelesen haben wie in „Mississippi Jam“.

Schneise der Verwüstung im Garten Eden

Und dann sind manche Passagen auch perfekte Vorlagen für das eigene Kopfkino. Allein die Szene, wie Robicheauxs bester Freund Clete Purcel ins Führerhaus einer Planierraupe steigt und damit eine Schneise der Verwüstung durch den Garten Eden und die Villa eines Mafiosos zieht, ist wahrlich eine Pracht und muss eigentlich auch auf die große Leinwand. Burke kommentiert lapidar: „Die Römer in Karthago konnten ihre Sache kaum besser und gründlicher gemacht haben.“ Viele andere Szenen könnten auch einer Tarantino-Idee entstammen, das heißt, man muss als Leser schon gewalttätige und blutige Auseinandersetzungen in Krimis mögen, um das Buch nicht zur Seite zu legen.

Burke hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Robicheaux nach seinem Vorbild geschaffen hat. Wie sein Krimi-Held hat auch der 79-jährige Burke eine Alkoholvergangenheit und wie sein Alter Ego wohnt er in der Stadt New Iberia nordwestlich von New Orleans. Sein Held ist nur nicht so mit renommierten Preisen überhäuft, darunter als einer von wenigen Autoren gleich zwei Mal mit dem Edgar-Allan-Poe-Award und mit dem Hammett Prize.

Seit 1987 hat Burke insgesamt 20 Bände für die Robicheaux-Reihe geschrieben. Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat indes angekündigt, sie in den nächsten Jahren nach und nach auf Deutsch zu veröffentlichen, allerdings nicht chronologisch. „Mississippi Jam“, im amerikanischen Original 1994 als „Dixie City Jam“ veröffentlicht, ist der siebte Band. Zuvor ist mit „Sturm über New Orleans“ („The Tin Roof Blowdown“, 2007) schon Band 16 erschienen. Ganz neu hat Pendragon im Juli Band 1 („Neonregen“) der Reihe in einer überarbeiteten Übersetzung herausgegeben. Die unsortierte Veröffentlichung ist im Übrigen nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt.

Dem Verlag aus Bielefeld ist jetzt Durchhaltevermögen zu wünschen, auf dass irgendwann tatsächlich alle 20 Bände über den hartgesottenen Sheriff auf Deutsch und in ansprechender Übersetzung vorliegen. Das wäre eine Pracht für alle Hardboiled-Fans, und für die Burke-Fans ohnehin. Dieser Mann ist einfach ein Könner seines Genres, und es wird Zeit, dass die deutschen Leser das endlich erkennen. Vielleicht braucht es einfach einen neuen alten Kult-Krimihelden. Voilà, dürfen wir vorstellen? Dave Robicheaux.

James Lee Burke: Mississippi Jam, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 588 Seiten, broschiert, 17,99 Euro, ISBN 978-3865325273, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 3./4. September 2016) erschienen.