Die Liga der außergewöhnlichen Super-Dänen

Der Susan-EffektDänemark ist nicht gerade bekannt für seine Superhelden. Der dänische Schriftsteller Peter Høeg hat jetzt für seinen neuen Roman eine ganze Superhelden-Familie erfunden. Als alle Familienmitglieder der Svendsens in Indien in heftige Schwierigkeiten geraten, kann sie nur noch der Geheimdienst retten. Der aber macht nichts umsonst, und so muss die Elementarphysikerin Susan ihre besondere Fähigkeit einsetzen, um den Rest der Familie auszulösen. Eigenwillig, zeitweise höchst amüsant und mit Bonmots gespickt ist dieser neue Wurf von Peter Høeg die richtige Wahl für anspruchsvolle Thriller-Leser.

Susans Noch-Ehemann Laban, in Dänemark ein berühmter Komponist und Konzertpianist, hat in Indien eine 17-jährige Maharadschatochter aufgegabelt und ist mit ihr nach Goa gefahren – und die südindische Mafia hinterher. Susans 16-jähriger Sohn Harald hat versucht, Antiquitäten nach Nepal zu schmuggeln und wurde festgenommen. Seine Zwillingsschwester Thit ist derweil mit einem Priester des Kalitempels in Kalkutta stiften gegangen. Und Susan selbst? Nun, Susan soll versucht haben, ihren Liebhaber mit bloßen Händen zu erwürgen. Kurzum: Es läuft wahrlich nicht gut für die Familie Svendsen in Indien. Wenn Susan dem Geheimdienst nur einen kleinen Gefallen tut, könnte alles andere vergessen sein.

Nur widerwillig nimmt sie den Job an und macht sich auf die Suche nach dem geheimen letzten Sitzungsprotokoll einer ominösen Zukunftskommission. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche haben seit den 70er Jahren mit großem Erfolg die Zukunft vorausgesagt, aber ausgerechnet der letzte Orakelspruch ist nicht auffindbar. Und genau der soll Dänemark jetzt einen Wissensvorsprung verschaffen, denn auch andere Länder sind von der letzten Weissagung betroffen. Leider aber scheint das irgendwer verhindern zu wollen, denn die Wissenschaftler sterben in diesen Tagen wie die Fliegen. Und meist ziemlich blutig.

Wen es nicht erwischt, den erwischt immerhin Susan, und das ist auch nicht immer erstrebenswert, denn Susan hat jene übernatürliche Gabe, die sich mit physikalischen Grundsätzen nicht erklären lässt: Wer mit ihr in einem Raum ist oder ihr nahe kommt, wird aufrichtig, ganz und gar aufrichtig. Sie ist eine Empathikerin, und irgendwas an ihr oder in ihr sorgt dafür, dass sich die Menschen in ihrer Umgebung ihr spontan offenbaren. Nicht behutsam, sondern häufig in erbrechensartigen Entladungen. Neben ihrem ohnehin schon sehr trockenen Humor führt auch ihre Gabe mitunter zu sehr komischen Situationen.

Susan ist eine starke Frau, die sich in einer männerdominierten Welt gegen allerlei Widrigkeit zur Wehr setzt, ohne dass es klischeehaft wird. Ihre Methoden sind unkonventionell, aber hilfreich. Trotz ihrer Gabe ist für Gefühle und vor allem familiäre Nähe nicht viel Platz, und das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass ihre Zwillinge zu solchen frühreifen Intelligenzbestien aufwachsen. Auch Freundschaften sind ihr im Grunde fremd. Susan lebt in ihrer eigenen Welt, ist vielleicht sogar ein wenig autistisch veranlagt, und denkt und sagt so häufig kluge Dinge, dass man sich als Leser Stift und Papier bereit legen sollte, um sie aufzuschreiben.

Wieder also steht eine starke Frauenfigur im Mittelpunkt, wie auch schon bei Høegs viel beachtetem Debüt „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ vor 23 Jahren. Dass Høeg aus der weiblichen Ich-Perspektive schreibt und das Superweib dabei so herrlich überspitzt darstellt, ohne jedoch sexistisch zu sein, macht allein schon Freude, das Buch zu lesen. Andererseits wissen Høeg-Kenner, dass der Autor in seinen Büchern gerne mal esoterisch abdriftet. Im aktuellen Roman aber gehören diese Passagen zu den seltenen. Stattdessen könnten Physikverdrossene genervt sein von den diversen Exkursen und philosophischen Betrachtungen zum Thema Physik und Mathematik. Letztendlich sind diese beiden Wissenschaften aber jene Mächte, die nicht nur Susans Welt zusammenhalten.

„Der Susan-Effekt“ ist zwar nicht die hohe Kunst der Literatur, aber ein wirklich fesselnder, anspruchsvoller und lesenswerter Thriller, mit dem man die Nächte durchmachen könnte. Vielleicht nehmen Sie sich dafür besser frei.

Peter Høeg: Der Susan-Effekt, Carl Hanser Verlag, München, 2015, 397 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 21,90 Euro, ISBN 978-3446249042, Webseite zum Buch

  1. Bin schon seit“ Fräulein Smilla “ Fan von Peter Høeg. Die ausgezeichnete Besprechung des letzten Romans macht Appetit auf das Buch. Ich werde es mir kaufen und hoffentlich mit Genuss lesen.

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