Eine viel zu kurze Geschichte von fast allem

Eine schöne junge FrauDer niederländische Autor Tommy Wieringa hat einen Kurzroman über einen erfolgreichen Virologen geschrieben, der sich in eine 15 Jahre jüngere Frau verliebt. Als die beiden ein Schrei-Baby bekommen, nimmt das Drama seinen Lauf. Leider ist der nur 124 Seiten lange Roman mit Themen dermaßen überfrachtet, dass er seine Stärke nicht entfalten kann. Die Kürze jedoch hat Gründe.

Jedes Jahr im Frühjahr wird in Amsterdam die „Nationale Buchwoche“ gefeiert, bei der Verlage ihre Neuerscheinungen vorstellen und Autoren aus ihren Werken lesen. Traditionell vergibt die Veranstalterin, die „Stiftung Kollektive Propaganda für das niederländische Buch“, jedes Jahr einen lukrativen Auftrag an einen Autoren, einen kurzen Roman zu schreiben, der dann an die Buchkäufer verteilt wird. Das sogenannte Buchwochengeschenk wird immer von bekannten Autoren verfasst. Harry Mulisch, Cees Nooteboom und Salman Rushdie haben schon ihren Beitrag dazu geleistet. Im Jahr 2014 bekam Tommy Wieringa den Auftrag. Das Ergebnis ist das jetzt in Deutsche übersetzte Werk „Eine schöne junge Frau“.

Edward ist 42 Jahre alt, als er auf einer Caféterrasse sitzt und eine unfassbar schöne, junge Frau an sich vorbeiradeln sieht. Wenig später trifft er Ruth in einer Billardkneipe wieder und macht Nägel mit Köpfen. Trotz des Altersunterschieds verlieben sich die beiden ineinander und heiraten. Als auch der Kinderwunsch nach langen Mühen in Erfüllung geht, könnte ihr Glück perfekt sein, doch Ruth entwickelt den irrsinnigen Glauben, ihr Sohn reagiere allergisch auf Edward und sei deshalb solch ein Schrei-Kind. Fortan übernachtet er nicht mehr im Ehebett, sondern im Dachstuhl.

Aber ihr Glück ist auch vorher schon nicht perfekt, denn Edward geht mit einer jungen Chemielaborantin fremd. Sein Gewissen beruhigt er mit sozialpsychologischen Studien, nach denen es nicht anormal ist, dass ein Mann in der Schwangerschaft seiner Frau fremd geht. Außerdem glaubt er, er habe sich schon zu sehr an die Schönheit seiner Frau gewöhnt, so dass neue optische Reize hermüssen: „Man gewöhnte sich an alles. Und was war Gewohnheit anderes als der erste Schritt zum Tod? Auch ihre Schönheit führte nicht automatisch zu Geilheit, ganz im Gegenteil, ein Mädchen wie Marjolein van Unen erregte ihn viel mehr als seine tausendmal besser aussehende Frau.“

Der Nährboden ist damit genug bereitet, um ein Ehedrama darzustellen. Wieringa hätte nur alle anderen Themenanrisse unterlassen sollen: Die Tierversuche, zu denen Edward als Virologie eine sehr drastische Einstellung hat, die Geschichte des Aids-Virus‘, von der der allwissende Erzähler in epischer Breite berichtet, die Nebenhandlung mit Ruths Bruder. Stattdessen hätte Wieringa die Tücken des Altersunterschieds intensiver herausarbeiten und die Ängste vor Verlust und Alleinsein sowie die Überlegungen zum Ehebruch stärker in den Blick nehmen können.

Außerdem bleiben vor allem die Frauenfiguren des Romans seltsam blass, obwohl der Leser sie mit Edwards Augen betrachtet. Zu selten wird ihnen die Bühne bereitet, auf der sie sich hervortun können. Edward ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt dieses Romans, und auch das ist schlichtweg zu wenig. Warum sich Ruth beispielsweise von der betörend jungen Frau in das streitsüchtige Muttertier verwandelt, wird nicht annähernd erklärt.

Glücklicherweise ist der Roman wenigstens sprachlich gelungen. Wieringa beobachtet sehr fein, hat Sinn für leise Zwischentöne, und manche Sätze und Metaphern möchte man sich einfach gern notieren. Zum Beispiel: „Die Hitze lag seufzend wie ein Hund auf der Straße.“ Oder die Beschreibung des Schrei-Babys: „So tritt der Lärm in Edwards Leben, wie ununterbrochen hupende Lastwagenfahrer im Streik, angeführt von einem Umzug des Vereins ‚Mopeds ohne Auspuff‘. Hundert lautstark wehklagende semitische Witwen bilden das Schlusslicht.“ Wieringa vereint Witz und Ernsthaftigkeit, ohne dass es gekünstelt wirkt. Doch sprachliche Raffinesse genügt nicht. So bleibt „Eine schöne junge Frau“ leider nur ein Werk, das das Regal nicht braucht.

Tommy Wieringa: Eine schöne junge Frau, Carl Hanser Verlag, München, 2015, 124 Seiten, gebunden, 14,90 Euro, ISBN 978-3446247888, Leseprobe

Bizarre Begierde nach dem Vergewaltiger

OhEines der bekanntesten Enfants terribles der französischen Literatur hat wieder zugeschlagen: Philippe Djian stichelt in seinem neuen, ins Deutsche übersetzte Werk mit dem schlichten Titel „Oh…“ nicht mehr gegen den Literaturbetrieb, sondern widmet sich der Film- und Fernsehindustrie. Hauptthema aber ist die Bewältigung einer erlebten Vergewaltigung. Wie immer hat Djian das raffiniert verwoben. Nur mit seinem üblichen Chaos-Setting hat er es diesmal etwas übertrieben.

Michèle ist eine knallharte Filmproduzentin, die an mehreren Fronten gleichzeitig kämpft: Sie hat eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin, ihr Sohn ist auf dem besten Wege, sich ein Kuckuckskind unterschieben zu lassen, und ihr eigener Vater sitzt seit Jahren im Gefängnis, weil er einst 70 Kinder in einem Ferienlager an der Atlantikküste erschossen hat. In Frankreich kennt man Michèles Vater nur als „Das Monster von Aquitanien“. Zu allem Überfluss kündigt Michèles 75-jährige Mutter an, wieder heiraten zu wollen, und zwar ihren wesentlich jüngeren Lover.

Michèle ist es gewohnt, dass die Menschen vor ihrer Dominanz zurückschrecken und unter ihr einknicken. Eines Tages aber wird sie in ihrem eigenen Haus überfallen und vergewaltigt. Sie selbst ist nun die Schwache, die Unterlegene, und das wirft sie völlig aus der Bahn. Sie beschließt, niemandem davon zu erzählen, weiterzumachen wie bisher, sich aber Pfefferspray zu kaufen und das Haus mit einer Alarmanlage zu sichern. Vielleicht glaubt sie, die völlig durchgedrehte Welt um sie herum werde sie das Erlebte schon vergessen lassen. Aber das funktioniert nicht. Mehr noch: Sie beginnt zu realisieren, dass ihr die Erinnerung an die Machtübernahme durch den vermummten Mann ungeahnte Lust verschafft. Sie begehrt ausgerechnet den Mann, der sie zuvor vergewaltigt hat. Die anderen Männer und Geliebten in ihrem Leben sind dagegen Langweiler, Banker, Nachbarn und vor allem: stets unterwürfig.

Sex spielt eine wichtige Rolle

Wer jetzt glaubt, Djian hätte die französische Version von „Shades of Grey“ geschrieben, der irrt. Solche Nacheiferungen hat Djian nicht nötig. Sex spielt in allen seinen Büchern eine wichtige Rolle, und auch bei „Oh…“ ist er allgegenwärtig. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus erklärte Djian, auf das Thema Sex in seinen Büchern angesprochen: „Zuerst geht es mir um die Beziehungen zwischen Menschen. Da kann ich diesen Bereich schwerlich auslassen. Die Gesten, die mit Sex zu tun haben, sind äußerst aufschlussreich für die Psyche der Personen. Da kann man wirklich erkennen, ob jemand ein gemeiner Hund ist oder nicht.“

Michèle ist kein gemeiner Hund, sondern schlichtweg eine Frau, der etwas Ungeheuerliches passiert ist, und der wir dabei folgen, das Erlebte zu verstehen. Und trotz der vielen wörtlichen Rede in diesem Buch ist es eher ein innerer Monolog, den man zwischen den Zeilen lesen muss, zwischen den assoziativen Reihungen, die manchmal so viel Fahrt aufnehmen, dass es einem schwindelig werden kann beim Lesen.

Das ist starke Literatur, fürwahr! Aber für den Leser bedeutet das Arbeit: Viel Aufmerksamkeit ist vonnöten! Wer gerne kurz vor dem Schlafen noch ein paar Seiten liest, sollte besser zu einem anderen Buch greifen. Hinzu kommt das eingangs erwähnte maßlos chaotische Setting. Da hätte sich Djian etwas in Zurückhaltung üben können – wobei das noch nie eine von Djians Eigenschaften gewesen ist.

Was dem Diogenes Verlag noch anzukreiden wäre, ist die missglückte Umschlagbeschreibung. Dort ist zu lesen, Michèle sage das titelgebende „Oh…“, „nachdem sie in ihrem Haus bei Paris überfallen wurde“. Möglicherweise ist da zu Beginn ein „Oh…“ verloren gegangen, aber das einzige „Oh…“ dieses Romans fällt auf Seite 231. Und es steht im letzten Satz. Die Beschreibung auf dem Umschlag lässt etwas anderes vermuten. Aber das ist wohl bei einem Buch wie diesem nur eine Nebensache und kann als Kleinlichkeit des Rezensenten abgetan werden.

Philippe Djian: Oh…, Diogenes Verlag, Zürich, 2014, 231 Seiten, gebunden, 21,90 Euro, ISBN 978-3257069044, Leseprobe

Stalking in Stockholm – Kepler kann’s doch

Ich jage dichRund ein Jahr lang hat Lars Kepler seine Leser warten lassen. Jetzt endlich ist der fünfte Kriminalroman mit dem eigensinnigen Ermittler Joona Linna erschienen – und das Rätsel um seinen möglichen Tod gelöst. Anfangs noch etwas wacklig auf den Beinen sucht er diesmal einen brutalen Serienmörder und Stalker, der offenbar ein heftiges Problem mit Frauengesichtern hat. Glücklicherweise ist der fünfte Band durchdachter und spannender als sein Vorgänger.

Stellen Sie sich vor, es ist Abend und Sie sitzen allein mit einem Glas Wein auf dem Sofa und schauen Fernsehen. In einer Werbepause blicken Sie gedankenverloren aus dem Fenster und entdecken plötzlich ein Gesicht an der Scheibe. Im nächsten Augenblick ist es verschwunden, und Sie können sich nicht mehr sicher sein, ob Sie es wirklich gesehen haben. Sie stehen auf und treten näher ans Fenster, doch dort spiegelt sich nur das hell erleuchtete Zimmer, in dem Sie stehen. Hat Ihnen die eigene Müdigkeit ein Schnippchen geschlagen? Sie lächeln über ihre Angst und kehren zum Sofa zurück. Doch jetzt haben Sie ein Geräusch gehört und fragen sich: Bin ich wirklich allein?

Die Frauen, die in Stockholm dem Stalker begegnen, stellen sich diese Frage nicht lange, denn schon im nächsten Moment bringt er sie auf blutrünstige und bestialische Art und Weise um. Er entstellt ihre Gesichter und lässt die Leichen in rätselhaften Positionen zurück. Der Polizei mailt er zuvor ein Video, das das Opfer noch zu Lebzeiten zeigt, gefilmt durch die hell erleuchteten Fenster. Die Informationen reichen jedoch nie aus, um den Mord zu verhindern.

Großteil der Spuren vernichtet

Gerade der letzte Mord aber hat es noch besonders in sich, denn der Ehemann des Opfers findet seine Frau kurz nach der Tat und reagiert panisch. Er putzt das Haus und trägt seine Frau ins Bett. Für die Kriminalpolizei ist es ein Fiasko, weil er damit den Großteil der Spuren vernichtet hat. Hinzu kommt, dass der Ehemann unter der traumatischen Erfahrung einbricht und sich nur noch bruchteilhaft daran erinnert, was er gesehen hat. Die Landeskriminalpolizei unter Leitung der hochschwangeren Kommissarin Margot Silverman beauftragt den Psychiater Erik Maria Bark damit, den Ehemann unter Hypnose zu befragen.

Kepler-Leser kennen Bark schon seit dem Debüt-Roman „Der Hypnotiseur“. Inzwischen ist er von seiner Frau geschieden, hat hin und wieder Frauenbekanntschaften und frönt immer noch seinem Laster, der Tablettensucht. Die Hypnose des Ehemanns führt ihn zurück zu einem alten Fall, bei dem der Tatort ähnlich aussah. Bark verschweigt der Polizei dieses Detail, offenbart sich aber gegenüber seinem besten Freund Joona Linna. Gemeinsam ermitteln sie auf eigene Faust, aber auch sie können das Morden nicht aufhalten. Und plötzlich steht Bark selbst direkt in der Schusslinie.

Mit dem neuen Roman hat das schwedische Autoren-Ehepaar Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler zu seiner alten Klasse zurückgefunden. Die liebgewonnenen Charaktere Joona Linna und Erik Maria Bark entwickeln sich entscheidend weiter, und auch andere Figuren aus der Reihe tauchen wieder auf. Neu in dem Gefüge ist die schwangere Kommissarin Margot Silverman, die trotz weit vorgeschrittener Schwangerschaft noch arbeitet und unter der zusätzlichen Belastung leidet, einen schnellen Ermittlungserfolg vorweisen zu müssen. Lars Kepler lässt sie deshalb leicht aus der Haut fahren, sie ist oft genervt, ähnlich starrköpfig wie Linna und wirkt über weite Strecken des Buches eher unsympathisch. Sie ist für den Leser nicht leicht zu nehmen, und gerade das macht sie zu einer der interessantesten Figuren.

Spannend und dramatisch

Litt der Vorgänger noch an zahlreichen Ungereimtheiten, so merkt man diesem Roman an, dass er besser recherchiert worden ist. Nach wie vor schreibt Lars Kepler sehr brutal und blutig; für zarte Gemüter ist auch der neue Roman deshalb nicht geeignet. Als Schwedenkrimi-Leser ist man einiges gewöhnt, aber hier legt Kepler nochmal eine Psycho-Schippe nach. Es ist spannend und dramatisch, und die kurzen Kapitel sorgen für einen ganz eigenen Lese-Sog. Es bleibt zu hoffen, dass die restlichen Bände der auf acht Bücher ausgelegten Serie weiterhin auf diesem Niveau bleiben.

Fraglich ist aber erneut, warum der Bastei Lübbe Verlag den passenden Titel der schwedischen Originalausgabe („Stalker“) nicht übernommen, sondern ihn mit „Ich jage dich“ übersetzt hat. Die Umschlaggestaltung mit einem auf den Betrachter gerichteten Fotoapparat unterfüttert die Deutungsmöglichkeit, dass nicht Stalking das Thema des Buches ist, sondern vielleicht ein Paparazzo. Der Mörder aber fotografiert seine Opfer nicht, sondern filmt sie. Positiv hervorzuheben ist allerdings, dass der Verlag weiterhin seiner Linie treu bleibt und die Bücher der Serie mit farblich passenden Lesebändchen versieht.

Lars Kepler: Ich jage dich, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2015, 687 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3785725115, Leseprobe

Ein Manifest zur Sexarbeit

Hure spielenMelissa Gira Grant ist in den USA eine der bekanntesten Stimmen in der Debatte um Sexarbeit. Jetzt ist ihr Sachbuch „Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit“ auch auf Deutsch erschienen. Es beleuchtet vor allem die Diskussion in den USA, wo das Kaufen und Verkaufen von Sex illegal ist. Die Analyse der Journalistin, die früher selbst Sexarbeiterin war, stellt überzeugend die Vielfalt der Sexarbeit dar, aber auch wie einfältig wir immer noch das Thema betrachten. Dabei finden sich auch nachdenklich stimmende Parallelen zur deutschen Debatte um ein Verbot der Prostitution. Wer sich zu diesem Thema eine Meinung erlaubt, sollte „Hure spielen“ gelesen haben.

Das Buch der US-Autorin in der Öffentlichkeit zu lesen, könnte zur Folge haben, dass Sie skeptische, prüfende Blicke ernten. Zunächst auf den Buchumschlag, dann ins Gesicht. Abschätzend, nicht unbedingt abschätzig. „Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit“ steht in großen Lettern auf der Vorderseite des Buchdeckels. „Hure“ funktioniert als Reizwort und ist immer noch zutiefst negativ besetzt.

Grant, die dem Hurenstigma ein eigenes Kapitel widmet, erklärt, dass auch viele Menschen, die gar nicht der Sexarbeit nachgehen, mit dem Wort „Hure“ gebrandmarkt werden: „Sie werden mit diesem Stigma behaftet, weil sie gegen bestimmte ‚Zwangstugenden‘ verstoßen haben, oder weil ihnen das unterstellt wird.“ Die Äußerung des Hurenstigmas als Folge der feministischen Tradition der Hurenbewegung könne aber einen Ausweg aus der Situation bieten, indem sich Frauen innerhalb und außerhalb der Sexbranche mehr miteinander solidarisieren.

Das Wort von dem Hass befreien

In einem späteren Kapitel erklärt Grant jedoch, dass es womöglich schwierig sei, genug aktive und ehemalige Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter zusammenzubekommen, die „sich darauf einigen können, die Bezeichnung ‚Hure‘ für sich positiv zu besetzen, so wie das mit dem Adjektiv ’schwul‘ gelungen ist.“ Dabei sei es doch erstrebenswert, das Wort von dem Hass zu befreien, den es mit sich trage, und den Mechanismen etwas entgegensetzen zu können, mit denen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter definiert oder in Kategorien eingeteilt werden.

„Ich glaube nicht, dass wir irgendjemanden und schon gar nicht uns selbst abwerten, wenn wir uns selbst als ‚Huren‘ bezeichnen. Allein schon um zu zeigen, dass niemand durch das abgewertet wird, was zwischen meinen Beinen passiert, und auch nicht durch das, was ich darüber zu sagen habe, sollten wir den Begriff ‚Hure‘ für uns besetzen.“

Grant ist selbst ehemalige Sexarbeiterin, hat aber in ihrem Buch ausdrücklich nicht von ihren Erfahrungen geschrieben, sondern andere zu Wort kommen lassen. Trotzdem ist es eine sehr persönliche Streitschrift geworden, auch weil sie nicht immer journalistisch korrekt objektiv berichtet und analysiert und auch mit Humor und Polemik nicht spart. Aber sie stellt die Fragen, auf die es oft nur unbequeme Antworten gibt. Und in vielen Bereichen ist dieses Buch vor allem eins: ein Manifest der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter.

Stereotyper Irrglaube

Kommen wir zum Lesen in der Öffentlichkeit zurück: Wird Frauen womöglich eine andere Motivation zur Lektüre unterstellt als Männern? Das könnte eine Folge des stereotypen Irrglaubens sein, Männer seien die Freier, Frauen die Prostituierten. Doch es gibt Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Dankenswerterweise beschränkt sich Grant in ihrem klugen Buch nicht nur auf die Frauen in der Sexarbeit, sondern bezieht auch die Männer und Transsexuellen ein.

Die „Prostituierten-Rettungsindustrie“ aber, wie die Ethnologin Laura Augustín das Phänomen nennt, sieht nur die Frauen – und die sind stets die Opfer. Nach Ansicht der „Retter“ muss deshalb zum einen den Sexarbeiterinnen geholfen werden, weil sie von den Freiern ausgenutzt werden, zum anderen aber auch den Frauen, die sich gegen die professionellen Reize der Sexarbeiter nicht wehren können. Diesen Irrglauben beleuchtet die deutsche Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal in ihrem lesenswerten Vorwort auch in einem Exkurs zum Thema Geschlechtsehre.

Grant streitet für viele Aspekte der Sexarbeit. Aber am wichtigsten ist ihr, dass Sexarbeit tatsächlich als Arbeit anerkannt wird, als Option, Geld zu verdienen und der Armut zu entkommen. Die „Rettungsindustrie“ aber erkenne die Sexarbeit nicht nur nicht als Arbeit an, sondern glaube darüberhinaus zu wissen, dass keine Prostituierte ihrer Arbeit freiwillig nachgeht. So werde die Kritik der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter an den Bedingungen der Sexarbeit oft „schlicht als Beweis für deren eigentlichen Wunsch gelesen (…), eine andere Arbeit zu finden.“ Dabei gehörten Beschwerden über Arbeitsbedingungen zu jeglicher Art von Arbeit und sollten nicht anders gesehen werden, nur weil sie Prostituierte äußern. Grant zitiert als Beispiel zu diesem häufigen Missverhältnis die Journalistin Sarah Jaffe, die als Kellerin gearbeitet hat: „Niemand wollte mich je aus dem Gastronomiesektor retten.“

Warnung vor einseitigen Darstellungen

Dass Sexarbeit nicht immer nur Arbeit ist, sondern auch mit Gewalterfahrungen zusammenhängen kann, verschweigt Grant indes nicht. Aber sie warnt davor, die Arbeit einseitig und stets als Gewalterfahrung darzustellen und sie für die „Rettungsindustrie“ zu instrumentalisieren. So gebe es auch andere Arbeitsfelder, in denen Frauen ausgebeutet oder an der Gesundheit geschädigt werden, und trotzdem nenne man deren Beschäftigungsfeld Arbeit. Im Bereich der Sexarbeit aber scheine die Distanz zu fehlen.

Grants Buch handelt selbstverständlich auch viel von der Sexarbeit in den USA. Dort kommt es immer wieder zu demütigenden Polizeieinsätzen gegenüber Menschen, die verdächtigt werden, der Prostitution nachzugehen, und Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter werden gesellschaftlich ausgegrenzt. Grant zeigt detailliert, wie die Sexarbeit systematisch kriminalisiert wird.

Einen weiteren unglaublichen Teil besorgt dann noch ein Teil des Feminismus‘, der fordert, man müsse die Prostitution zum Wohle der Frauen verbieten, ohne je zuvor mit einer Prostituierten gesprochen zu haben. Auch dafür kämpft Grant mit ihrem Buch: Dass die Öffentlichkeit den Sexarbeitern zuhört. Dass sie gehört und vor allem ernst genommen werden. Dass sie über die Gefahren in ihrem Leben sprechen können. Und dass sie nicht gleich in eine Opferrolle gedrängt werden.

Das lässt sich auch auf Deutschland beziehen, wenngleich sich hier die Situation für Prostituierte verbessert hat. Aber auch hier sollten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter am Gesetzgebungsverfahren beteiligt werden. Es sei denn, sie gelten auch bei uns nur als Opfer. Oder als Unmündige. Die öffentliche Debatte zu den angestrebten Änderungen der Bundesregierung am Prostitutionsgesetz ist weitestgehend verstummt. Es ist den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern, aber auch unserer Gesellschaft zu wünschen, dass Grants Manifest die Debatte wieder anheizt.

Melissa Gira Grant: Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit, Edition Nautilus, Hamburg, 2014, 191 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro, ISBN 978-3894017996, Leseprobe

12 Frauen

AnnaliederWelche Entdeckung ist diese Autorin! Ein gutes Dreivierteljahr, nachdem Nadine Kegele bei der Lesefestwoche Wien aus ihrem Debütwerk „Annalieder“ vorgelesen hat, stellt sich das Gefühl der Hochachtung schnell wieder ein. Der Erstling, endlich vollständig vom Rezensenten gelesen, ist so tief beeindruckend wie schwierige Kost, aber nicht für jedermann geeignet.

„Annalieder“, das sind zwölf Erzählungen über zwölf Frauen, von denen Anna nur eine ist. Diese Geschichten sind allesamt keine Lieder, die man vergnügt trällern würde, obgleich sie Momente der Komik haben. Es sind vielmehr Melodien, die zu nachdenklichen Chansons taugen, viel Moll, einige Misstöne, scheinbar Unpassendes dazwischen, wie ein Klavierspieler, der zu viele Tasten auf einmal trifft.

Die Frauen in Kegeles Geschichten stecken mitten drin. Im Leben, im Schlamassel, im Auf- oder Ausbruch. Die eine schneidet sich versehentlich die Brustwarze auf, als sie mit dem Rasierer in der Hand nach dem Duschgel greift. Die andere kämpft mit den erzkonservativen Vorstellungen ihres Mannes, der eine Schlagbohrmaschine nicht in der Hand einer Frau sehen möchte und meint, Schwangere dürfen nicht verreisen.

Vaterfiguren zum Partner

Eine sucht sich Vaterfiguren zum Partner („Warum keinen Vater suchen, wenn man einen Vater vermisst, hatte sie geantwortet und mit dem Arm über ihren Mund gewischt.“), eine andere ist Prostituierte und mag nicht mehr.

Kegeles Frauen sind verwundet, ob nun tatsächlich blutend wie eine aufgeschnittene Brustwarze oder seelisch. Es geht um den alltäglichen Kampf der Geschlechter, das ewige „Mann und Frau“, das noch immer nicht gleichberechtigt ist. Es geht aber auch um Scham und existenzielle Fragen.

Schwangerschaft ist ebenso ein großes Thema bei Kegele. „Mir tut es immer leid, wenn sichtlich schwangere Frauen im Publikum sitzen und ich diese Geschichten vortrage“, sagte sie bei ihrer Lesung in Wien. Aber eine Mutterschaft sei etwas Schwieriges, wo Frauen viel abverlangt werde.

Man muss sich mit den Erzählungen beschäftigen

Auch dem Leser wird einiges abverlangt, vor allem Konzentration. Manch einer mag sagen, dieses Büchlein zu lesen, sei Arbeit. Ja, das ist es vielleicht, aber mehr im Sinne von Beschäftigung. Man muss sich mit diesen Erzählungen beschäftigen, denn so lapidar Kegele auf den ersten Blick schreibt – wer die Wörter nur überfliegt, könnte die Landebahn für den Sinn verpassen.

Kegele schreibt nicht nur, sie richtet an. Da finden Sätze plötzlich kein Ende, sodass man meint, man habe Unfertiges vor sich. Die Sprache ist so beschädigt wie die Heldinnen der Erzählungen. Das muss man nicht mögen, aber man kann es. Es sind Kunst-Erzählungen. Nicht über Kunst, sondern mit Kunst. Gekonnt.

Das haben auch andere schon erkannt: Die junge Vorarlberger Autorin, die mit 18 nach Wien kam und dort nach dem Zweiten Bildungsweg Germanistik, Theaterwissenschaften und Gender Studies studierte, ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem ist sie die Publikumspreisträgerin des Bachmann-Preis-Wettbewerbs 2013.

Kegele schreibt wie Kegele

Neue Autoren werden gerne mit großen Namen verglichen. „Schreibt wie Proust.“ „Denkt wie Aristoteles.“ „Erinnert an Hemingway.“ Hier mal was Neues: Kegele schreibt wie Kegele. Sie braucht keine großen Namen und Vergleiche.

Wer sich ihr und ihrem Werk erst mal vorsichtig und mit Bedacht nähern möchte, dem sei ihre Homepage empfohlen. Auch bei Twitter kann man ihr folgen. Außerdem hat sie für die Literaturseite zehnSeiten.de aus „Annalieder“ vorgelesen. Das Video ist noch bei YouTube abrufbar.

Am 25. August erscheint im Wiener Czernin Verlag der erste Roman von Nadine Kegele („Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“). Für eine Passage aus diesem Buch hatte Kegele im vergangenen Jahr den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs gewonnen.

Der Textauszug war innerhalb der Jury höchst umstritten, wie auf der Internetseite des Bachmann-Preises nachzulesen und zu sehen ist. Dem Publikum aber scheint er gefallen zu haben. Ob Kegele auch einen ganzen Roman so kunstfertig schreiben kann, und ob dem Leser auch das zusagt, bleibt indes abzuwarten.

Nadine Kegele: Annalieder, Czernin Verlag, Wien, 2013, 112 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3707604467, Leseprobe