Vom natürlichen Glück

Wer das Buch zum ersten Mal in den Händen hält oder den Titel sieht, hält es für einen Schreibfehler. Aber das Buch heißt wirklich so: „Mikroorgasmen überall“. Wortneuschöpfer dafür ist Dominik Eulberg. Der Mann mit dem Vogel im Namen, nicht im Kopf, ist Biologe und Naturschützer, und auch noch international bekannt und erfolgreich als DJ. Gerade erst hat er sein siebtes Album veröffentlicht („Avichrom“, ein Kunstwort, quasi „vogelfarben“) und die einzelnen Titel nach Vögeln benannt. Schwarzhalstaucher, Weißstorch, Gelbspötter.

Mit „Mikroorgasmen überall“ begeistert Eulberg seit dem vergangenen Jahr nicht nur Berufsbiolog*innen. Sein Buch über die „Raffinesse und Mannigfaltigkeit der Natur vor unserer Haustür“ wurde „Wissensbuch des Jahres“ und kam zur rechten Zeit, als sich wegen Pandemie und Lockdown immer mehr Menschen in die Natur begaben, zu Fuß oder auf dem Fahrrad.

Andere entdeckten durch ihre Homeoffice-Tage, was tagsüber und von ihnen bisher kaum beobachtet in ihren Gärten unterwegs ist oder auf den Balkonkästen landet und die sorgsam gepflanzten Blumen durcheinanderbringt.

Das komplexe Sexleben der fliegenden Minidrachen

Wer sich für das Getier und Gewusel um uns herum auch nur ein bisschen begeistert, kommt an diesem wunderbaren Buch nicht vorbei. Es gehört in Wanderrucksäcke, auf Fensterbänke mit Aussicht (bestenfalls ins Grüne), in die Gartenhütte sowie in die Hände von jungen Leser*innen, die der Natur auf der Spur sind. Fans von „Game of Thrones“ fangen am besten ganz hinten an und lesen das Kapitel „Fliegende Minidrachen“. Daenerys Targaryen hat hier nichts zu melden, dabei geht es um Drachen, die einst eine Flügelspannweite von bis zu 70 Zentimetern hatten, heute nur noch bis zu 19 Zentimetern, um ihre bunten Augen und ihr komplexes Sexleben.

Bleiben wir beim Thema: Andernorts lesen wir von „kuriosen Brutgeschäften“, vom „bunten Vögeln von Vögeln (FSK 18)“, von „drei Millionen Musketieren“ (und stellen Sie sich da mal das Prinzip „einer für alle“ vor!) und über einen „Baumbewohner für Zaubertränke und Liebesschwüre“. Diese Kapitelüberschriften machen neugierig und verraten fast nichts darüber, wem wir da gegenübertreten. „Spitzer – Leben am Limit“ etwa. Hätten Sie gewusst, dass es da um Spitzmäuse geht?

Eulberg beschreibt die kleinen flinken Wesen so liebevoll, dass man am liebsten gleich eine Stiftung für burnout-gefährdete Spitzmäuse ins Leben rufen würde, denn die possierlichen Insektenfresser sind immer unter Strom – oder, wie Eulberg schreibt, „so als hätten sie etwas zu viele Energydrinks konsumiert“. Alle zwei Stunden etwas fressen, um nicht zu verhungern, Nahrungssuche, Nahrungssuche, Nahrungssuche. Huch, zwei Stunden rum. Wieder fressen. Was für ein Leben! Und das Ende ist nah, denn auch das erklärt Eulberg: Spitzmäuse können sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode erschrecken.

Eulberg beschreibt die Welt voller Warmherzigkeit

Wo es in der Jugendsprache der 1990er ganz salopp „affengeil“ hieß, heißt es bei Eulberg heute „bibergeil“. Im „Bat Kingdom“ erklärt er, warum Fledermäuse keine Kopfschmerzen bekommen, wenn sie auf dem Kopf hängen. Und recht weit am Schluss räumt er mit dem Bambi-Irrtum auf und dass ein Reh nicht die Frau eines Hirsches ist: „Walt Disney ist schuld.“ In 56 Kapiteln, die meist nicht länger sind als drei bis fünf Seiten, streift Eulberg mit uns einmal durch die Fauna unserer Natur. Er beschreibt die Welt dort draußen voller Liebe und Warmherzigkeit, stets anschaulich und eloquent, aber ohne erhobenen „Kinder, das müsst Ihr wissen“-Zeigefinger. Dabei hätte man sich in der Schule manchmal einen Lehrer wie Eulberg im Naturkundeunterricht gewünscht.

Für ihn, schreibt er in der Einleitung, seien die „Natursensibilisierung und der Schutz unserer heimischen Biodiversität“ seit Kindheitstagen seine Mission, „der tiefste und mich ganzheitlich erfüllendste Sinn meines Lebens“. Das merkt man seinem Buch in jeder Zeile, in jedem Absatz, in jedem Kapitel an. Sein Ziel ist es, Menschen auch außerhalb der „Ökoblase“ zu erreichen, „denn die Dinge ändern sich nur, wenn sie entweder wehtun (Fukushima und Atomausstieg) oder mehrheitsfähig sind“.

Der Vater nimmt ihn früh mit in die Natur

In der Einleitung erklärt Eulberg, wie aus dem kleinen Jungen ein großer Naturliebhaber wird. Aufgewachsen im Westerwald mit einem Vater, der ebenfalls ein großer Naturliebhaber ist und ihn schon früh mit in die Natur nahm, träumt er von bunten Schmetterlingen und gedenkt der ersten Begegnung mit einem Eisvogel auf einer Bachwanderung. Und wie er so schreibt und erzählt, meint man als Leser*in den Bach rauschen und das Rotkehlchen singen zu hören, den Rotmilan am Himmel schweben und den kleinen Dominik Eulberg staunen zu sehen. Vielleicht schwebt er auch ein wenig über dem Erdboden, weil er so voll des Glücks ist. Und so lässt sich auch der Titel erklären: In der Natur zu sein, das bedeutet, unzählige Male überall das kleine Glück zu spüren. Eben „Mikroorgasmen überall“.

Eulberg sagt: „Wir schützen nur das, was wir auch schätzen, was wir lieben.“ Schätzen können wir die Dinge aber erst, wenn wir wissen, dass sie da sind. Dominik Eulberg hat mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass wir nicht nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, sondern auch in Kleinigkeiten Wissenswertes erkennen. Dazu: Die Umschlagsgestaltung und die Innenillustrationen sind wahre Augenschmeichler und Herzöffner. Es ist eine faszinierende Pracht. Nutzen wir sie doch, um die Natur zu schützen!

Dominik Eulberg: Mikroorgasmen überall, Eichborn-Verlag, Köln, 2021, 350 Seiten, gebunden, 25 Euro, ISBN 978-3847900658, Leseprobe

Seitengang dankt dem Eichborn-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Nichts geworden mit der Idylle

Das Feuerwerk ist abgesagt, und wer es in diesem Jahr zu Silvester vermisst, hat einen guten Grund, Sophia Fritz‘ Debütroman „Steine schmeißen“ zu lesen. Denn in diesem in der Jetztzeit von Wien spielenden Roman begleiten wir Anna und ihre Freundinnen und Freunde vom alten Jahr ins neue. Was eine entspannte Silvesternacht werden könnte, gerät zu einem Tanz auf brüchigem Boden – und zu einem Ergebnis, als habe jemand aus Versehen ein Streichholz in die Kiste mit dem Feuerwerk fallen lassen.

Es gibt nicht nur einen guten Grund, dieses Buch zu lesen, es gibt viele: Die Sprache, der Drive, die Figuren, der Witz. Und nicht zuletzt ist es ein umwerfendes, packendes, eloquentes Stück Literatur, bei der wir uns fragen dürfen: Warum, zum Teufel, hat Sophia Fritz erst jetzt angefangen, Romane zu schreiben? Was haben wir in den vergangenen Jahren verpasst!

Sophia Fritz – wer ist das eigentlich? Die Debütantin wurde 1979 in Tübingen geboren, sie studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München Drehbuch und erarbeitet Serienformate für verschiedene Produktionsfirmen. Sie hat bereits literarischen Kurztexte geschrieben und dafür zahlreiche Literaturpreise und Stipendien bekommen. Außerdem schreibt sie für die Wochenzeitung Die Zeit.

„Ein Freilichtmuseum von Gefühlen“

Und nun also „Steine schmeißen“, über das Sophia Fritz in einem Interview für das Branchenmagazin Buchreport selber sagt: „Ein gordischer Knoten an Beziehung und ein Freilichtmuseum von Gefühlen. Lauter Herzen, die so schwer sind vom Schwimmbad, und Tauwettergesichter, die nicht so genau wissen, wohin jetzt. Und dann auch mein bester Versuch, ehrlich zu bleiben.“

Ehrlich bleiben. Treibt es auch die jungen Erwachsenen an, über die Fritz in ihrem Roman schreibt? Diese Generation Z, die „Z-ler“, die versuchen, cringe Situationen zu vermeiden, tapern in „Steine schmeißen“ so unausweichlich in ihre Zukunft, an langen Fäden gelenkt von einer Autorin, die nicht nur Sprachbilder beherrscht, sondern auch den nötigen Abstand zu ihren Figuren einhält, um ihnen mit direkter Ehrlichkeit die Folgen ihres Handelns vor den Latz zu knallen.

Weil es die Nacht der Nächte ist

Anna und ihre Clique versammeln sich bei Marie, um ganz gemütlich, mit gestreamtem Kachelofen, ins neue Jahr zu feiern. Man fläzt sich in den Ledersesseln, und in den Hosentaschen nehmen die mitgebrachten Drogen die Körperwärme an. Koks und vielleicht eine kleine Menge Ecstasy. Weil es die Nacht der Nächte ist. Und weil diese jungen Menschen intensive Erfahrungen suchen, denn Anna sagt an einer Stelle: “ Nicht mal von Worten lassen wir uns berühren, damit etwas Spuren hinterlässt, muss es uns am Kiefer packen, in den ersten drei Sekunden explodieren oder sehr persönliche Fragen stellen“. Da hat man keine Fragen mehr.

Sie alle bringen an diesem Abend ihr Päckchen mit. Die Halbwaise Anna ist von ihrem Freund, ihrer großen Jugendliebe, verlassen worden, aber niemand außer ihrer Mutter weiß davon. Ihren Freunden erzählt sie, Alex habe Magen-Darm. Jara und Lukas sind in einer On-off-Beziehung, Marie dagegen „hat nie jemand Festes bei sich, nur manchmal ihren Bruder, von dem sie sich beschützen lässt“: Samir, mit dem sich Anna seit zwei Jahren trifft, wenn sie harten Sex braucht. Weiß aber natürlich niemand. Marie hat sich die Wangen unterspritzen lassen, um ihren Vater aus dem Gesicht zu tilgen; weiß Anna.

Fede ist auch da, das ist Annas bester Freund. Der will sich in den nächsten vier Stunden noch verlieben und dabei am liebsten betrunken sein. Anna erinnert sich an dessen Vater und wie der ansonsten so schweigsame Mann einmal sagte: „Es tut mir leid, dass das nichts geworden ist mit der Idylle.“ Manchmal brechen sich Weissagungen auf ungewöhnliche Art und Weise Bahn. Eine weitere könnte sein: Eigentlich sind Tantramasseur*innen die wahren Retter*innen in der Not.

Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht

Es ist Lukas, der den Stein ins Fliegen bringt. Er hat die Idee, dass sie alle mit Filzstiften jene Dinge auf Steine schreiben, die sie loswerden wollen. Vor Mitternacht sollen die Steine dann in die Donau geworfen werden, um sich damit sinnbildlich von den jeweiligen Belastungen zu befreien. Schöne Idee, leicht esoterisch angehaucht, aber das Ding geht – um in der Böllersprache zu bleiben – komplett nach hinten los und zerfetzt jede Form von Geheimnis und Stillschweigen.

Sophia Fritz schreibt mit einem Blick für Dramaturgie prägnante, scharf umrissene Sätze. Klar, möchte man sagen, sie hat das Drehbuchschreiben ja studiert. Aber eine studierte Drehbuchschreiberin ist ja nicht automatisch eine hervorragende Romancière.

„Steine schmeißen“ kitzelt beim Lesen den Wunsch, hier und dort ein paar Sätze zu notieren, um sie nicht zu vergessen. Kleinode wie „Der Himmel hat Lampenfieber und winkt die Wolken weiter“, „rutschige Träume“, „Baumwollbrüste“, „ein Herz wie ein Sitzsack“, „laufen, als würde ich auf Schnitzel und Schlagringe stehen“, „das Gesicht in die Handflächen einbuddeln“, „mit den Augen vertippen“ und „das Geländer ist es gewöhnt, festgehalten zu werden“. In ähnlich starker Sprache schreibt noch Simone Buchholz ihre Krimis.

Was Sophia Fritz leider nicht beherrscht, aber auch hier ist sie in bester Gesellschaft, ist das Wortfeld „sagen/sprechen“. So lässt sie jemanden ein „Ja“ lächeln, wenig später nickt jemand ein „mega“, dann wieder räuspert sich Lukas ein „ich glaube“. Das soll mal jemand beim Film versuchen: „Ich glaube“ sagen und sich gleichzeitig räuspern. Das „Mega“-Nicken wird später noch ergänzt durch ein „‚Touché‘, nickte er.“ Nun. Es muss ja auch nicht alles schön sein in der deutschen Literatur.

Sophia Fritz hat einen großen Wurf getan, und es werden weitere folgen. Bereits für das Frühjahr ist im Kanon-Verlag ein zweites Buch von ihr angekündigt, das sie zusammen mit Martin Bechler, dem Mastermind der Kölner Indie-Band „Fortuna Ehrenfeld“, geschrieben hat. „Kork“ heißt es und soll vom richtigen Wein im falschen Leben erzählen. Der hätte Anna und Konsorten aber auch nicht mehr geholfen. Ehrlich bleiben, das schon eher.

Sophia Fritz: Steine schmeißen, Kanon-Verlag, Berlin, 2021, 229 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3985680078

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Alles nur Fassade

„In seiner Stimme klang das Grollen einer anderen Welt nach, als höre man in der Ferne ein Gewitter, ohne dass klar war, ob die Wolken vorbeiziehen oder einen nass regnen würden.“ Die Rede ist von Hanif Amid, einem der Protagonisten in Wolfgang Muellers neuem Roman „Das weiße Haus“.

Er erzählt die Erlebnisse von Elisabeth Winterscheidt, die bei ihrer Recherche für ein neues Buch über Architektenhäuser auf ein weißes Haus bei Berlin und auf den Eigentümer, den Schönheitschirurgen Hanif Amid, aufmerksam wird. Wer fand, dass in „Shades of Grey“ sexuelle Handlungen zu explizit dargestellt worden sind, und gleichzeitig Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Mann und Frau sowie naive und klischeebehaftete Personen in Büchern liebt, sollte hier unbedingt zugreifen.

Der ideale Nährboden

Die 42-jährige Elisabeth Winterscheidt fühlt sich unattraktiv und lebt mit ihrem Lebensgefährten Anton Kern zusammen, der ebenfalls architekturbegeistert, aber im Hauptberuf Finanzbeamter ist. Der Job begeistert ihn allerdings kaum noch; Zweifel kommen ihm zuletzt, als sich ein Steuersünder das Leben nimmt. Anton ist entsetzt und bekommt es mit der Angst: „Die Menschen werden uns noch mehr hassen! Wir haben doch jetzt schon Angst, durchs Dorf zum Bahnhof zu laufen. Und nach dieser Sache wird es richtig gefährlich für… mich.“ Anton blockt jede Ermunterung, jeden Trost ab. Ohnehin liegt in letzter Zeit eine schwelende Anspannung und Aggression zwischen Elisabeth und Anton, die nur einen kleinen Anreiz braucht, um die Stimmung kippen zu lassen.

Der ideale Nährboden ist angerichtet, oder wie es in Kochsendungen so schön heißt: Wir haben da mal was vorbereitet.

Man nehme dann eine möglichst naive Frau, die angesichts eines offensichtlich erfreulich gut verdienenden Schönheitschirurgen mit ägyptischen Wurzeln sofort aus dem Pumps kippt, sobald der ihr nach der ersten Begegnung sanft mit dem Daumen über den Handrücken streichelt und dabei raunt: „Wir sollten uns wiedersehen! Nur wir beide.“ Voilà, fertig ist das Fast Food für schlichte Gemüter.

Abgeschmackte Mischung

Was folgt, ist eine abgeschmackte Mischung, bei der man nur ungern dabei bleibt. Die Sicht einer Frau gelingt dem Autor überhaupt nicht. Zu naiv, zu klischeehaft, zu wendehälserisch.

Man muss sich das mal vorstellen: Da trifft Elisabeth Winterscheid einmal diesen Mann, weil sie sein Haus in ihr neues Buch aufnehmen will. Der überschreitet sofort ihre Grenze, als er ihr über den Handrücken streicht. Dann kommt die Aufforderung (!) zum Treffen, per SMS. Die zweite SMS (kurz, prägnant, vielleicht kostet aber auch jeder Buchstabe Geld: „Hilton. Lobby. Mittwoch 13:00 Uhr!“) löscht sie, aber „die Aufregung über das unverhohlene Angebot ließ sie auch zwei Tage später noch zittern“. Sie will ihn nicht treffen, zittert sich aber wegen einer SMS durch zwei ganze Tage?

Ach, es wird noch besser! Nachdem sie diese zweite SMS bekam, hat sie „stundenlang (…) im Schlafzimmer vor dem riesigen Wandspiegel gestanden und sich begutachtet“. Stundenlang! Mal Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt stundenlang vor dem Spiegel gestanden und sich angesehen? Die Zeit muss man auch haben!

„Wäre er nicht Chirurg“

Offenbar scheint es der Autor auch mit der Gedankenwelt seiner Protagonistin nicht besonders gut zu meinen, denn dort geht es besonders simpel zu: „Sie war fasziniert vom Lebensweg dieses Mannes. Wäre er nicht Chirurg und Hobbyarchitekt, er wäre Filmstar geworden. Alles an ihm strahlte Männlichkeit und Lebensgier aus.“ Später heißt es sogar noch: „Alles faszinierte sie an diesem Mann, selbst seine Geldsorgen.“

Ein anderes Beispiel: Elisabeth stürmt in Hanifs Praxis. Was sie dort sieht: „Eine umwerfend dunkelhaarige, vollbusige Schönheit thronte am Empfang. Mit Sicherheit war er mit ihr schon im Bett gewesen.“ Später wird diese Frau noch „provozierend langsam, den Po hin- und herschwingend, als müsse sie ihre sexuellen Reize unbedingt unterstreichen“ das Zimmer verlassen, und ein Kollege von Hanif wird ihr „versonnen“ nachsehen.

Noch später wird sie Hanif unterstellen, was mit „Nutten“ zu haben, und zu ihrem ersten Date wird sie hohe Schuhe tragen, „aber nicht nuttig hoch“. Protagonistin oder Autor scheinen ein Problem mit Sexarbeit zu haben, denn das Wort „Nutte“ fällt immer wieder und will so gar nicht in Elisabeths Wortschatz passen.

Die Figuren in diesem Roman bleiben größtenteils blass und oberflächlich. Anton, der durch seine Bedrängnis im Job etwas an Konturen gewonnen hat, wird später ähnlich unglaubwürdig wie seine Frau. Sein Chef grinst gerne „diabolisch“, und Elisabeths Tochter Leonie ist allenfalls eine Randnotiz.

Ein Aufblitzen von sprachlichem Können

Der Roman gewinnt kurzzeitig an sprachlichem Können, als der zweite Teil des Buches beginnt. Hier schreibt Mueller aus der Sicht von Hanif und wie er zu dem Mann wurde, den Elisabeth nun so bewundert. Hier gewinnt man den Eindruck, der Roman nähme nach 68 mühsamen Seiten nun endlich Fahrt auf. Leider kommt die Rasanz dann schnell wieder ins Stocken, und der Rest ergeht sich in ähnlichen hanebüchenen Ereignissen wie zuvor. Es wird noch einen Toten geben, eine Flucht nach London und ein paar Wendungen, aber lesenswert ist das alles nicht.

Leider gehört dann auch noch Wolfgang Mueller zu den Autoren, die das Wortfeld „sagen/sprechen“ nicht kennen. Deshalb lässt er seine Figuren in der wörtlichen Rede etwas grinsen: „‚Wie der junge Frühling höchstpersönlich‘, grinste er.“ Oder lächeln: „‚Es ist wirklich vorzüglich‘, lächelte er.“ Versuchen Sie das selbst mal: Lächeln Sie mal Ihre Sätze! In Romanen aber zeugt das leider nur von schlechtem Stil und fehlendem Verständnis der deutschen Sprache.

Wolfgang Mueller hat unter seinem Pseudonym Oscar Heym verschiedene Romane und Erzählungen veröffentlicht und erstmals 2016 unter seinem richtigen Namen den Roman „Der Freund von früher“, ebenfalls im btb-Verlag. Mueller ist hauptberuflich Filmproduzent, studierte vorher Jura.

Was hätte man in diesem Roman thematisch alles unterbringen können, wenn eine Freundin der Architektur auf einen Experten für die menschliche Fassade trifft! Wolfgang Mueller ist das in diesem Fall nicht geglückt.

Wolfgang Mueller: Das weiße Haus, btb-Verlag, München, 2021, 283 Seiten, Taschenbuch, 12 Euro, ISBN 978-3442719501, Leseprobe, Buchtrailer

Seitengang dankt dem btb-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

German Scham

Endlich! Endlich ist auch in Deutschland der hervorragende Debütroman von Katharina Volckmer erschienen. „Der Termin“, von Volckmer in ihrer Zweitsprache Englisch verfasst, fand lange Zeit keinen deutschen Verlag, wurde aber in zwölf andere Sprachen übersetzt. In England erschien das Buch 2020 als „The Appointment (Or, The Story of a Cock)“, in den USA als „The Appointment (Or, The Story of a Jewish Cock)“, in Frankreich als „Jewish Cock“.

In Deutschland jetzt also als „Der Termin“ ohne Untertitel, verlegt beim neu gegründeten und mit vielversprechendem Herbst-Katalog startenden Kanon-Verlag. In diesem an Philip Roths „Portnoys Beschwerden“ erinnernden Buch (andere Rezensenten halten dem Buch gerne den Thomas-Bernhard-Spiegel vor) hält eine namentlich nicht bekannte Patientin einen 117 Seiten langen Monolog, während sie auf dem Behandlungsstuhl des jüdischen Gynäkologen Dr. Seligmann liegt.

Sie obduziert das peinliche Schweigen

Die Themenvielfalt dieses Bewusstseinsstroms ist groß, das Unbehagen beim Lesen nicht minder. Die Patientin eröffnet ihre Rede mit dem Bekenntnis, sie habe mal davon geträumt, Hitler zu sein. Ihre Ausführungen darüber, dass man niemals hätte davon ausgehen können, dass die Deutschen „mit der miserablen Landesküche ein Reich für tausend Jahre würden halten können“ wandeln sich zu in sehr drastischen Worten umschriebenen sexuellen Fantasien, bei denen Hitler ebenfalls Rollen zugesprochen werden, bis sie schließlich auch darüber redet, welche Scham sie als Deutsche empfindet. Sie obduziert die Geschichte Deutschlands und das peinliche Schweigen der Täter- und Nachkriegsgenerationen. „Der Termin“ ist auch eine Coming-of-Silence-Geschichte.

Die namenlose Ich-Erzählerin hat sich von ihrer katholisch geprägten nachkriegsdeutschen Familie abgenabelt und lebt, wie die Autorin, in London. In einer Rückschau macht sie ihre eigene Geschlechtsidentität sowie die Beziehung zu Mutter, Vater, Urgroßvater („Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er ein richtiger Nazi war“) zum Thema. Ihr Ton ist dabei oft lakonisch-komisch.

Sie erzählt, wie sie bei einer Wutattacke im Büro einem Kollegen drohte, sein Ohr am Tisch festzutackern. Dann ist sie überrascht, wieso ihr nach dieser Geschichte gekündigt wurde. Obwohl doch jedem klar sein müsse, dass man mit diesen Billigtackern eher sich selbst verletzt, als anderer Leute Ohren an Schreibtischplatten festtackern zu können.

Das deutsche Brot ist zu trocken

Über Nürnberg, einst Stadt der Reichsparteitage der Nationalsozialisten, unkt sie, dass dort jetzt jährlich Messen für Waschmaschinen abgehalten werden und ruft die Erinnerung an deutsche Fernsehwerbung auf, die meterweise reine, weiße Wäsche verspricht. Gedankensprung: Das deutsche Brot ist zu trocken, deshalb gelingt Deutschen der Oralverkehr nicht gut.

Volckmer ist provokant, ja. Und einiges davon glaubt man auf den ersten Blick gleich erkannt zu haben: Hitler und Juden als Aufreger, der Skandal scheint programmiert.

Was soll das eigentlich?

Ist das nicht Verharmlosung der deutschen Geschichte? Wird hier nicht zu sehr auf Hitler fokussiert? Hitler, mal als komische Figur, dann wieder als Sexphantasie – was soll das eigentlich?

Ja, das alles brodelt an der Oberfläche. Aber wie beim qualvollen Häuten der Zwiebel treten nach und nach untere, verborgene Schichten nach oben, die Frage der Geschlechtsidentität vor allem. Bin ich Mann, bin ich Frau? Warum fühle ich mich als Mann, bin aber als Frau geboren? Welchen Prozess durchlaufen Transmenschen? „Jedenfalls glaube ich, dass unsere Körper manches wissen, lange bevor unser Kopf es tut“, sagt die Patientin, die als heterosexuelle Cis-Frau sozialisiert wurde.

Der Gynäkologe bleibt die meiste Zeit stumm, und doch spricht die Patientin nie ins Leere. Erst spät fragt er sie, und wir lesen nie seine Frage, sondern nur ihre Antwort, ob sie wütend auf ihre Eltern sei. Ist sie nicht. Denn ihr Kopf ist nach dem Körper schon ein Stück auf dem Befreiungsweg vorangekommen.

„Ich wünschte, wir beide hätten das durchschaut“

Sie erzählt von ihren Schwierigkeiten, als sie jung ist, und die Mutter sie zu einer jungen Dame machen will, mit Schminke und Parfüm und schönen Kleidern. „Ein Großteil unserer Schwierigkeiten miteinander rührte von einem völlig unnötigen Lampenfieber, das uns von einer Welt aufgezwungen wird, die Leute ohne Schwanz auf ihren Platz verweisen will, und ich wünschte, wir beide hätten das durchschaut.“

Das auf den ersten Blick „nur“ die deutsche Scham und Vergangenheit ankratzende Buch ist wie ein trojanisches Pferd, das ein Hitlerbärtchen trägt, vielleicht auch nur einen Hoden hat und von Dirty Talk-AnhängerInnen geschoben wird, das aber bei genauerer Betrachtung und Überwindung der Befestigungsanlagen gefüllt ist mit Kriegerinnen und Kriegern, Cis- und Transmenschen, die traditionelle Geschlechterrollen, Geschlechterbinarität, Transphobie und das Patriarchat bekämpfen. Und letztlich schaut man sich um, wie man hergekommen ist, sieht das trojanische Pferd, und muss sich doch wieder der eigenen Vergangenheitsbewältigung und dem deutschen Völkermord stellen. Dr. Seligmann kann beides verbinden, und die Patientin ist genau deshalb bei ihm.

Katharina Volckmer, wurde 1987 in Deutschland geboren und zog mit 19 Jahren zum Sprachen-Studium nach England. Heute lebt sie in London und arbeitet für eine Literatur-Agentur. „Der Termin“ ist ihr erster Roman, und es ist so ein temporeiches Wahnsinnsbuch! Man verschlingt es in wenigen Stunden und lacht und weint und fühlt sich furchtbar und interessiert und pikiert. Das ist wirklich raffinierte, konzertante und elegant kurzweilig geschriebene Literatur, die ihresgleichen sucht. Wenn das gleich beim kühnen Debüt dermaßen reinhaut, was kommt mit dem Zweitwerk auf uns zu? Kann nur gut werden für die Literatur!

Katharina Volckmer: Der Termin, Kanon-Verlag, Berlin, 2021, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3985680009

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

„Wir haben keine Beziehung“

Die Zeiten von „Sex sells“ sind vorbei. „Sex is everywhere, chemistry isn’t.“ Uns kommt die Chemie zwischen den Menschen abhanden, wir werden oberflächlich bei der Partnersuche, swipen durch Apps, suchen uns Menschen aus, als wären wir im Supermarkt, wo die Regale nach Aussehen und sexuellen Vorlieben sortiert sind.

Das französische Zeichner- und Autoren-Duo Florent Ruppert & Jérôme Mulot schlägt mit seiner schon sechs Jahre alten, aber jetzt erst auf Deutsch übersetzten Graphic Novel „Die Perineum-Technik“ genau in diese Kerbe der heutigen Gesellschaft. Das Perineum ist übrigens die sensible Region zwischen After und äußeren Geschlechtsorganen, besser bekannt als „Damm“. Hebammen, Geburtshelfer und Schwangere kennen das Perineum als mögliche Komplikation am Ende einer Geburt, Proktologen empfehlen eine Massage, um Verstopfungen zu lösen. Die „Perineum-Technik“ aber kümmert sich nur um den Samenerguss des Mannes – oder vielmehr: verhindert ihn. Dadurch sollen auch Männer zu multiplen Orgasmen fähig sein.

Als sich der Video-Künstler JH und Sarah online zum unverbindlichen Skype-Sex treffen, sind sie von der Perineum-Technik jedoch noch weit entfernt. Ihre Wege kreuzen sich in der Dating-App „OkCupid“, einer der ältesten Kontaktbörsen im Internet. Sarah nennt sich wenig einfallsreich „sarah.hot“, JH steht ihr in nichts nach und heißt „jh.soft“. Weichspülprogramm vorprogrammiert? Von wegen!

Nutzt sein Wesen als Neunte Kunst

Die ersten acht Seiten dieser Geschichte reißen den Leser gleich in eine surreale Sequenz, die man nicht einfach überblättert. Das ist kein Comic, der nur eine Geschichte erzählt, sondern er nutzt sein Wesen als Neunte Kunst und will vom Leser aktives Mitdenken: Eine Frau und ein Mann steigen auf eine Leiter, deren Füße bedenklich nah am Abgrund eines hohen Monolithen stehen. Die beiden kippen die Leiter um, und wie sie im Fallen begriffen sind, ziehen sie sich aus und stecken einen Dolch und ein Schwert in die Seite des Monolithen, auf dass ihr Fall abgebremst wird, während sie Sex haben, um dann aus dem Panel-Rahmen zu fallen, als ein Telefon klingelt und die reale Welt die Phantasie stört.

Während sie fallen – und vielleicht ist das schon eine Anspielung darauf, wie sich Menschen bei einem vertrauten Partner mehr und mehr fallen lassen können, der Monolith und die damit einhergehende Fallhöhe also immer mächtiger werden -, sprechen JH und Sarah unpassend unaufgeregt darüber, wie gut er sie sehen kann und mit welchen Bildern im Kopf sie gewöhnlich zum Orgasmus kommt. Hier werden also auf den ersten acht Seiten mehrere Ebenen geöffnet, die viel Raum für Interpretationen lassen. In Texten liest man zwischen den Zeilen, hier aber muss man ganz klar auch zwischen den Panels lesen, denn so einiges ist mehrdeutig, und wenn nicht das, dann zumindest zweideutig.

Doch es geht in dieser Graphic Novel nicht bloß um Cybersex in seinen unterschiedlichen Extremen. JH will mehr, vor allem: mehr wissen. Und mit dem Plus an Wissen steigt auch das Interesse an Sarah und einem realen Treffen. Doch Sarah will das alles nicht. Sie will den unverbindlichen Onlinesex, JH die zwischenmenschliche und echte Beziehung. Er: „Hey, bleib doch noch kurz, nur das eine Mal.“ Sie: „Warum denn? Wir sind doch gekommen.“ Der Orgasmus als Ziel. Aber JH will reden und eine persönliche Verbindung: „Wir haben jetzt seit fast einer Woche diese Beziehung.“ Sie: „Wir haben keine Beziehung.“ Das, was sie haben, lässt sich nicht mal als Freundschaft Plus bezeichnen, denn er weiß praktisch nichts über sie, und sie nur das, was er ihr aufdrängt. Dennoch lässt sie sich eines Tages auf ein Treffen ein. Auf einen Kaffee? Ein gemeinsames Essen im Restaurant?

„Wollen Sie meine Brüste sehen?“

Weit gefehlt: er darf sie auf eine private Swingerparty begleiten – und weiß offenbar nicht annähernd, worauf er sich da einlässt. Sarah ist wesentlich erfahrener, und so sehen wir ihm mit Sarah belustigt dabei zu, wie er eine – abgesehen von ihren Stiefeln – splitternackte Frau nach der Uhrzeit fragt und pikiert ist, wie an der langen Tafel unverhohlen Geschlechtsteile entblößt werden. Auch seins. Während Sarah zwischen seinen Beinen beschäftigt ist (keine Sorge: für den Leser ist darüber das Tischtuch des Schweigens gedeckt), nimmt er Kontakt zur Tischnachbarin auf, die sich „Paris.Bitch“ nennt. Auf seine Frage, was sie „so macht“, also wieder eine Frage abseits der Sexualität, der gemeinsamen Sache, ergießt sich ein Schwall möglicher Antworten aus ihrem Mund: „Ich bin Feministin und organisiere Twerk-Workshops.“ / „Wollen Sie meine Brüste sehen?“ / „Polizistin in Marseille.“ / „Ich bin Schach-Europa-Meisterin. Ja, in dieser Liga spielen nur wenige Frauen.“ Alle Identitäten und Antworten sind möglich und sind es gleichzeitig nicht. Es ist das Wesen des unverbindlichen Sex, ob real oder online, dem Gegenüber möglichst wenig preiszugeben vom eigenen Ich. Bin ich ich oder spiele ich eine Rolle? Beim nächsten Partner kann die Antwort schon eine andere sein. Und allzuoft ist es nur Lug und Trug, denn schließlich geht es nur um das eine.

Ruppert & Mulot wissen das zeichnerisch und auf den verschiedenen Erzählebenen dicht und nachvollziehbar einzufangen. Insbesondere die Figur des JH ist hervorragend umrissen. Das große Manko dieser Graphic Novel ist allerdings die Darstellung des weiblichen Geschlechts. „Die Perineum-Technik“ nimmt einfach zu sehr den männlichen Blick ein. Je mehr die Geschehnisse aus der Online-Welt in die reale treten, desto deutlicher wird das. Die Frauen heißen „sarah.hot“ oder „paris.bitch“, was schon ziemlich schlicht ist, selbst wenn es parodisch gemeint wäre, und dienen als Hochglanz-Porno-Phantasie auf dem Weg zum trockenen Orgasmus. Frauen sind idealisierte Kopfgeburten und bloße Spielflächen für eine feuchte männliche Phantasie. Aber, und das ist kein kleines Aber: man sollte „Die Perineum-Technik“ nicht auf die unglückliche heterosexuell-männliche Sicht reduzieren, weil es trotzdem noch ein humor- und zeichnerisch kunstvolles Werk ist, das mit den Ebenen spielt und seine Vielschichtigkeit zwischen Bild und Text zu nutzen weiß.

Florent Ruppert & Jérôme Mulot: Die Perineum-Technik, Reprodukt Verlag, Berlin, 2020, 104 Seiten, Klappenbroschur, 20 Euro, ISBN 978-3956402180

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