„Wir haben keine Beziehung“

Die Zeiten von „Sex sells“ sind vorbei. „Sex is everywhere, chemistry isn’t.“ Uns kommt die Chemie zwischen den Menschen abhanden, wir werden oberflächlich bei der Partnersuche, swipen durch Apps, suchen uns Menschen aus, als wären wir im Supermarkt, wo die Regale nach Aussehen und sexuellen Vorlieben sortiert sind.

Das französische Zeichner- und Autoren-Duo Florent Ruppert & Jérôme Mulot schlägt mit seiner schon sechs Jahre alten, aber jetzt erst auf Deutsch übersetzten Graphic Novel „Die Perineum-Technik“ genau in diese Kerbe der heutigen Gesellschaft. Das Perineum ist übrigens die sensible Region zwischen After und äußeren Geschlechtsorganen, besser bekannt als „Damm“. Hebammen, Geburtshelfer und Schwangere kennen das Perineum als mögliche Komplikation am Ende einer Geburt, Proktologen empfehlen eine Massage, um Verstopfungen zu lösen. Die „Perineum-Technik“ aber kümmert sich nur um den Samenerguss des Mannes – oder vielmehr: verhindert ihn. Dadurch sollen auch Männer zu multiplen Orgasmen fähig sein.

Als sich der Video-Künstler JH und Sarah online zum unverbindlichen Skype-Sex treffen, sind sie von der Perineum-Technik jedoch noch weit entfernt. Ihre Wege kreuzen sich in der Dating-App „OkCupid“, einer der ältesten Kontaktbörsen im Internet. Sarah nennt sich wenig einfallsreich „sarah.hot“, JH steht ihr in nichts nach und heißt „jh.soft“. Weichspülprogramm vorprogrammiert? Von wegen!

Nutzt sein Wesen als Neunte Kunst

Die ersten acht Seiten dieser Geschichte reißen den Leser gleich in eine surreale Sequenz, die man nicht einfach überblättert. Das ist kein Comic, der nur eine Geschichte erzählt, sondern er nutzt sein Wesen als Neunte Kunst und will vom Leser aktives Mitdenken: Eine Frau und ein Mann steigen auf eine Leiter, deren Füße bedenklich nah am Abgrund eines hohen Monolithen stehen. Die beiden kippen die Leiter um, und wie sie im Fallen begriffen sind, ziehen sie sich aus und stecken einen Dolch und ein Schwert in die Seite des Monolithen, auf dass ihr Fall abgebremst wird, während sie Sex haben, um dann aus dem Panel-Rahmen zu fallen, als ein Telefon klingelt und die reale Welt die Phantasie stört.

Während sie fallen – und vielleicht ist das schon eine Anspielung darauf, wie sich Menschen bei einem vertrauten Partner mehr und mehr fallen lassen können, der Monolith und die damit einhergehende Fallhöhe also immer mächtiger werden -, sprechen JH und Sarah unpassend unaufgeregt darüber, wie gut er sie sehen kann und mit welchen Bildern im Kopf sie gewöhnlich zum Orgasmus kommt. Hier werden also auf den ersten acht Seiten mehrere Ebenen geöffnet, die viel Raum für Interpretationen lassen. In Texten liest man zwischen den Zeilen, hier aber muss man ganz klar auch zwischen den Panels lesen, denn so einiges ist mehrdeutig, und wenn nicht das, dann zumindest zweideutig.

Doch es geht in dieser Graphic Novel nicht bloß um Cybersex in seinen unterschiedlichen Extremen. JH will mehr, vor allem: mehr wissen. Und mit dem Plus an Wissen steigt auch das Interesse an Sarah und einem realen Treffen. Doch Sarah will das alles nicht. Sie will den unverbindlichen Onlinesex, JH die zwischenmenschliche und echte Beziehung. Er: „Hey, bleib doch noch kurz, nur das eine Mal.“ Sie: „Warum denn? Wir sind doch gekommen.“ Der Orgasmus als Ziel. Aber JH will reden und eine persönliche Verbindung: „Wir haben jetzt seit fast einer Woche diese Beziehung.“ Sie: „Wir haben keine Beziehung.“ Das, was sie haben, lässt sich nicht mal als Freundschaft Plus bezeichnen, denn er weiß praktisch nichts über sie, und sie nur das, was er ihr aufdrängt. Dennoch lässt sie sich eines Tages auf ein Treffen ein. Auf einen Kaffee? Ein gemeinsames Essen im Restaurant?

„Wollen Sie meine Brüste sehen?“

Weit gefehlt: er darf sie auf eine private Swingerparty begleiten – und weiß offenbar nicht annähernd, worauf er sich da einlässt. Sarah ist wesentlich erfahrener, und so sehen wir ihm mit Sarah belustigt dabei zu, wie er eine – abgesehen von ihren Stiefeln – splitternackte Frau nach der Uhrzeit fragt und pikiert ist, wie an der langen Tafel unverhohlen Geschlechtsteile entblößt werden. Auch seins. Während Sarah zwischen seinen Beinen beschäftigt ist (keine Sorge: für den Leser ist darüber das Tischtuch des Schweigens gedeckt), nimmt er Kontakt zur Tischnachbarin auf, die sich „Paris.Bitch“ nennt. Auf seine Frage, was sie „so macht“, also wieder eine Frage abseits der Sexualität, der gemeinsamen Sache, ergießt sich ein Schwall möglicher Antworten aus ihrem Mund: „Ich bin Feministin und organisiere Twerk-Workshops.“ / „Wollen Sie meine Brüste sehen?“ / „Polizistin in Marseille.“ / „Ich bin Schach-Europa-Meisterin. Ja, in dieser Liga spielen nur wenige Frauen.“ Alle Identitäten und Antworten sind möglich und sind es gleichzeitig nicht. Es ist das Wesen des unverbindlichen Sex, ob real oder online, dem Gegenüber möglichst wenig preiszugeben vom eigenen Ich. Bin ich ich oder spiele ich eine Rolle? Beim nächsten Partner kann die Antwort schon eine andere sein. Und allzuoft ist es nur Lug und Trug, denn schließlich geht es nur um das eine.

Ruppert & Mulot wissen das zeichnerisch und auf den verschiedenen Erzählebenen dicht und nachvollziehbar einzufangen. Insbesondere die Figur des JH ist hervorragend umrissen. Das große Manko dieser Graphic Novel ist allerdings die Darstellung des weiblichen Geschlechts. „Die Perineum-Technik“ nimmt einfach zu sehr den männlichen Blick ein. Je mehr die Geschehnisse aus der Online-Welt in die reale treten, desto deutlicher wird das. Die Frauen heißen „sarah.hot“ oder „paris.bitch“, was schon ziemlich schlicht ist, selbst wenn es parodisch gemeint wäre, und dienen als Hochglanz-Porno-Phantasie auf dem Weg zum trockenen Orgasmus. Frauen sind idealisierte Kopfgeburten und bloße Spielflächen für eine feuchte männliche Phantasie. Aber, und das ist kein kleines Aber: man sollte „Die Perineum-Technik“ nicht auf die unglückliche heterosexuell-männliche Sicht reduzieren, weil es trotzdem noch ein humor- und zeichnerisch kunstvolles Werk ist, das mit den Ebenen spielt und seine Vielschichtigkeit zwischen Bild und Text zu nutzen weiß.

Florent Ruppert & Jérôme Mulot: Die Perineum-Technik, Reprodukt Verlag, Berlin, 2020, 104 Seiten, Klappenbroschur, 20 Euro, ISBN 978-3956402180

Was Frauen nicht wollen

Wer den Erzählband „Ihr Körper und andere Teilhaber“ der US-amerikanischen Autorin Carmen Maria Machado gelesen hat, bleibt mit Gefühlen von Leere, Wut, Beschämen, aber vor allem mit Ratlosigkeit zurück. Denn allen Geschichten ist gemein, dass es im Grunde keine (Er-)Lösung, keine Antwort gibt, nur ein alles beherrschendes Thema: Die oft erschreckende Lebensrealität von Frauen und welches Leid sie und ihre Körper erfahren müssen.

In den acht Geschichten geht es schlichtweg um Macht und das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. In „Der Extrastich“ muss sich eine Frau ihres übergriffigen Mannes erwehren, der nicht akzeptieren will, dass er das seltsame, grüne Band, das sie um ihren Hals trägt, nicht lösen darf. Eine andere Frau, Opfer eines gewalttätigen Übergriffs, stellt fest, dass sie die Gedanken von Schauspielern in Pornofilmen hören kann. Andere verblassen oder lassen sich in ihre Ballkleider einnähen. Eine Frau muss im Wochenbett mit anhören, wie ihr Mann den Arzt fragt, ob der die Vagina seiner Frau nach dem Dammriss nicht noch enger zunähen könne.

Das Buch erschien in den USA Ende 2017; wenige Tage später kamen die Vorwürfe gegen Harry Weinstein ans Licht, er habe zahlreiche Frauen vergewaltigt oder sexuell belästigt. Es folgte die MeToo-Bewegung, und Machados literarisches Debüt erschien als mehr als treffsicherer Kommentar zu den Diskussionen. Den Erfolg ihres Buches nur darauf zu reduzieren, würde aber die hohe literarische Qualität verleugnen. Die New York Times setzte „Ihr Körper und andere Teilhaber“ im Jahr 2018 auf die Liste von „15 bemerkenswerten Büchern von Frauen, die im 21. Jahrhundert die Art und Weise, wie wir Fiktion lesen und schreiben, prägen“.

Bemerkenswert – diese vorsichtig zum Lob anstimmende Meinung werden viele Leser unterschreiben können. Auch jene, die von den allzu phantasiereichen Darstellungen verwirrt oder abgestoßen sind. Manchenorts erinnert Machado an Melissa Broder und ihren ersten märchenhaften Roman „Fische“ (zur Rezension). Dann und wann ist „Ihr Körper und andere Teilhaber“ verstörend oder voller Horror, aber fast immer ist dieses Buch einfach nur brillant und originell. Wie sie über das (teilweise queere) Lieben und Leben mit Männern und Frauen schreibt, über Sex und Verlangen, Körper und Brutalität, ist sonderbar, bizarr, immer sehr deutlich und ohne falsche Scheu, aber auch oft herzerwärmend.

Dem Band ist ein Zitat der Poetin Elisabeth Hewer vorangestellt, das gleich zu Beginn deutlich macht, was hier zu erwarten ist: „Gott hätte Frauen zu Gifttieren machen sollen, als er aus Männern Monster machte.“ Machados Erzählband ist ein erschreckender Erlebnispark, aus dem es kein Entrinnen gibt, denn auch die Jobs der Karussellbremser sind hier allesamt mit Männern besetzt, die einem leise Angst machen und die Kehle zuschnüren.

Machado hat in den USA viel Aufmerksamkeit erregt, und sie hat noch so viel mehr davon auch in anderen Ländern verdient. Offen und mutig für den Feminismus eintretend, so sind die literarischen Stimmen, die diese Welt für Frauen positiv verändern können. Machados ist darunter eine der lautesten und beeindruckendsten.

Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber, Tropen Verlag, Stuttgart, 2019, 300 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3608503975, Leseprobe

Lebst du schon, oder existierst du noch?

Den ersten Spatenstich gab’s bereits im September 2015 im Internet. Die 1972 geborene Comic-Autorin und Cartoonistin Katharina Greve zeichnete seitdem online Woche für Woche jeweils eine Etage eines Hochhauses, bis sie im September 2017 das Dachgeschoss fertig hatte. Inzwischen hat der Webcomic es in die Welt der Bücher und Buchrollen geschafft. Das farbig illustrierte „Hochhaus“ dokumentiert schonungslos mit Witz und manchmal fiesem Humor das Leben unterschiedlichster Menschen in einem Wolkenkratzer.

Im Kellergeschoss beginnt die Reise quer durch alle Wohnungen mit einem Blick in eine Ehe, in der die Partner das Liebenswürdige aneinander schon lange aus den Augen verloren zu haben scheinen. Loriot und Ekel Alfred hätten diese Szene nicht besser beschreiben können: Ein Mann kramt in einer Umzugskiste, die wahrscheinlich schon lange kein Tageslicht mehr gesehen hat. Seine Frau leuchtet ihm mit der Taschenlampe – funktionierendes Kellerlicht scheint es nicht zu geben. „Wie schon Goethe sagte: ‚Mehr Licht!‘ – blöde Kuh!“, herrscht er seine Frau bildungsbürgerlich an. Die denkt im „Morgen bring‘ ich ihn um, morgen bring‘ ich ihn um“-Mantra der genervten Ehefrau vor sich hin: „Wenn ich ihn jetzt umbringe, wären sogar seine letzten Worte abgedroschen.“

Es treffen sich Not, Rassismus, Chauvinismus und Vergnügen

Menschliche Eiseskälte herrscht da im Keller. Aber das zieht sich nicht durch alle 102 Stockwerke dieses mehr oder minder ehrenwerten Hochhauses. Es gibt Orte der Nachbarschaftshilfe, ja, sogar der Nachbarschaftsliebe. Es grassieren Klatsch und Tratsch und es treffen sich Not, Leid, Rassismus, Chauvinismus, Masochismus und Vergnügen. Im Erdgeschoss strickt Frau Möller ihrem Mann die Norwegerpullis, die er mit Vorliebe oder voller Devotie trägt. Über dem Plüschsofa hängen gerahmte Fotos der Lieben, in der Küche steht der Hackenporsche für die nächsten Einkäufe parat. Im Flur und hinter der Wohnzimmertür stapeln sich Pakete – die Paketdienste klingeln immer nur hier. Herr Möller ist genervt, schon wieder ist ein Paket bei ihnen abgegeben worden, dabei sind die Mutlus aus der 5. Etage sicher zu Hause. Seine Frau aber sieht in dem Nachbarschaftsdienst vor allem etwas Gutes: sie hätten sonst gar keine sozialen Kontakte mehr.

Mag vielleicht an dem Geruch in ihrer Wohnung liegen. Davon erfährt der Leser allerdings erst, als er bei den Mutlus in der 5. Etage angekommen ist. Die Tochter ist regelrecht angewidert, dass sie ihr Paket dort abholen muss. Im 4. Stock erfahren wir, dass in der 8. Etage eine Wohnung frei wird, in anderen Wohnungen ist eingebrochen worden, in der 7. ist eine Mutter verärgert, dass ihr Sohn, der im selben Haus wohnt, sie nie besucht. Dessen Partnerin aber, das wird im 16. offenbar, muss davon ausgehen, dass der Peter zweimal in der Woche bei seinen Eltern ist. Stattdessen aber geht er zu einer Domina und lässt sich den Hintern versohlen. Und so geht es Stockwerk für Stockwerk höher und höher in die Welt der deutschen Spießigkeit.

Architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung

Der Leser sieht dabei oft dasselbe Dreierlei: Küche, Flur, Wohnzimmer. Ein architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung. Oscar Wilde soll gesagt haben: „Leben ist das Allerseltenste in der Welt – die meisten Menschen existieren nur.“ Er könnte „Das Hochhaus“ rezensiert haben. Niemand will in diesem Haus wohnen, niemand, und doch erkennt man Anzeichen von sich selbst in manchen Bildern. Weil wir ja alle auch Durchschnittsmenschen sind, weil Katharina Greve auch von uns erzählt, von dir und von mir. Und so gerät „Das Hochhaus“ auch zu einem diskreten Anschubser zum Hinschauen und Nachdenken.

Apropos Hinschauen: Der Webcomic hatte natürlich den Charme, dass er sich die Eigenheiten des Internets zu Nutze machte, sodass man liftgleich und schier endlos durch die Etagen scrollen konnte. In der Buchrolle von „Round not Square“ gelingt Ähnliches. Hier ist das Hochhaus auf einer sieben Meter langen Seite komplett gedruckt und dann zusammengerollt worden.

Einzig bei der Edition des Avant-Verlags ändert sich die Art des Hinschauens. Das sehr schlanke, hochformatige Buch muss zum Lesen um 90 Grad gekippt werden, dann blättert man sich jeweils zwei Stockwerke pro Seite in die Höhe. So gelingt ein noch genaueres Hinsehen und Betrachten, und man entdeckt auch bald die noch so feinen Details, die Greve in ihrem Wimmelbild für Große versteckt hat.

„Das Hochhaus“ ist ein Buch zum Vielfachschauen, das sich immer wieder zur Hand nehmen lässt, eine Erzählung, die nie auserzählt ist. Nehmen Sie den Lift und drücken Sie alle Tasten!

Katharina Greve: Das Hochhaus, Avant Verlag, Berlin, 2017, 56 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3945034712, Leseprobe

Katharina Greve: Das Hochhaus, Round not Square, Berlin, 2017, 30 Euro, Bezug über den Verlag

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Wie nur diese ganze Leere füllen?

In den USA ist Melissa Broder schon lange keine Unbekannte mehr. Auf ihrem Twitter-Account @sosadtoday schreibt sie seit Jahren über Sex, Einsamkeit und Selbstzweifel. Mehr als 677.000 Menschen folgen der Poetin dort. Jetzt ist ihr erster Roman auf Deutsch erschienen – und der ist ihr hervorragend gelungen.

Das Buch mit dem lapidaren Titel „Fische“ handelt von der 38-jährigen Lucy, einer frustrierter Singlefrau, die seit neun Jahren an ihrer Doktorarbeit über die antike griechische Dichterin Sappho schreibt, und das Projekt ebensowenig zu Ende bringt, wie sie ihrem Leben einen rechten Sinn geben mag. Als sie ihrem Ex-Freund Jamie die Nase bricht, weil der ihre Beziehungspause als Beziehungsende verstanden und sich die nächste Frau geangelt hat, geht ihr Leben noch ein wenig mehr den Bach runter.

Eines Abends erwacht sie mit Heißhunger, nachdem sie zu viele Schlaftabletten geschluckt hat. Als sie das zweite Mal wach wird, sitzt sie im Nachthemd im Auto, überall liegen Donuts verstreut, und ein Polizist beugt sich über den Beifahrersitz. Sie kann einer Anzeige nur entgehen, indem sie eine Therapie macht.

Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen

Und so landet sie schließlich weit entfernt von ihrer Heimat am Venice Beach und hütet das gläserne Strandhaus ihrer Halbschwester Annika, die für den Sommer auf Reisen ist. Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen: regelmäßig die Gruppentherapiesitzungen zu besuchen und Annikas diabeteskranken Jagdhund Dominic zu versorgen.

Dass die Geschichte gründlich nach hinten losgeht, muss man wahrscheinlich nicht erwähnen. Aber bei aller Komik, die dieses Buch so famos einzufangen weiß, erstarrt dem Leser das Lächeln dann und wann im Gesicht. Denn Melissa Broder schreibt in der Langform genauso weiter, wie sie bei Twitter Bonmots am laufenden Meter in die Welt entlässt. Ihre Wörter und Sätze umschreiben die Leere, die ein Leben manchmal hat.

Menschen neigen dazu, ihre Einsamkeit, Verzweiflung, ihren brutalen Neid auf das Glück anderer und die innige Sucht nach Nähe zu überspielen. Melissa Broder schreibt darüber, und zwar so messerscharf, dass es wehtut. Dass man manchmal wegschauen mag, weil man sich fragen muss: Wie ist das eigentlich bei mir?

Männerhirn im sexuellen Eifer des Gefechts

Die anderen, zum Teil exzentrischen, aber auch sehr amüsanten Frauen in ihrer Gruppentherapie betrachtet Lucy lange Zeit mit Spott, erkennt jedoch bald: So viel anders ergeht es ihr selbst nicht. Sie alle gelangen immer wieder an die falschen Männer, wollen sich davon befreien, um gleich darauf den nächsten derselben Art und Güte an Land zu ziehen.

Mit bitterer Satire beschreibt Broder auch Lucys Versuche, ihre sexuelle Lust zu befriedigen. Dabei ist vor allem die Hotelbegegnung mit einem Tinder-Date lesenswert, weil sie das stumpfe Hirn des Mannes im sexuellen Eifer des Gefechts so hervorragend entlarvt. Gleichzeitig wird deutlich, wie selbstzerstörerisch und obsessiv (nicht nur Liebes-)Beziehungen sein können. Weil sie mit der Sucht einhergehen, sich nicht einsam fühlen zu müssen und deshalb zwanghaft nach der Liebe streben.

Melissa Broder nimmt auch bei der Schilderung von Sex kein Blatt vor den Mund und erst recht kein Feigenblatt vor die Intimzone. Körperteile und Körperfunktionen werden in expressis verbis und fast akribisch detailliert beschrieben – wer damit ein Problem hat, sollte Broders „Fische“ besser meiden, denn nach der mittelmäßigen Beziehung mit Jamie probiert sich Lucy nun in einer Art Sexsucht aus.

Jetzt spinnt die Broder total

An diesem Buch reibt man sich auf. Man liest lachend und mit Kopfschütteln, mit Wut und Mitgefühl. Und dann kommt die Passage, wo das Buch völlig abdreht – und hier ist es wichtig, dass man es dann nicht zur Seite legt und sagt: Jetzt spinnt die Broder total. Denn Lucy begegnet ihrem Traummann Theo. Und der ist ein Fischmann. Kein Fischer, sondern ein ausgewachsener Fischmann. Mit Schwanzflosse. Ein junger Mann, der zu lieben versteht. Und der den Tinder-Sex als solchen in den Schatten stellt, weil er Sex wieder als Liebesspiel zwischen Mann und Frau erlebbar macht.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Begegnung entnahm Broder der Erzählung „La Sirena“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die sie gerade las, als das Buch entstand. „Es geht darum, dass ein Mann die Geschichte seiner Liebesaffäre mit einer Meerjungfrau erzählt, und ich wusste nicht, wie dunkel es war“, sagte Broder der New York Times. Und weiter: „So viele Männer sind von Schiffen mit Steinen in den Taschen weggegangen. Aber warum ist es immer ein Mann und eine Meerjungfrau? Was, wenn es eine Frau wäre, und was, wenn es in Venice Beach spielt, wo ich lebe?“, fragte sich Broder.

Oscar für den besten Film

Neun Monate später war der Roman fertig. Und wenn man ehrlich ist: So richtig abgedreht ist die Idee nicht, denn auch Star-Regisseur Guillero del Toro inszenierte in „Shape of Water“ gerade erst eine zarte Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Fischmann – und erhielt dafür unter anderem den Oscar für den besten Film.

Der satirische Debütroman der US-amerikanischen Social-Media-Ikone ist nicht nur ein bisschen märchenhaft, sondern in weiten Teilen mitreißend, berührend und zeitweise auch philosophisch und meditativ. Melissa Broder hat in den USA bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht. 2016 inspirierten sie ihre Tweets zu einer Sammlung von Essays über das Altern, den Tod und den Sex. Sie nannte das Buch wie ihren Twitter-Account: „So sad today“. Twitter ist mittlerweile nicht mehr auf 140 Zeichen beschränkt. Aber Broders Worte eignen sich für mehr. Ein Roman zumindest ist die richtige Weite für sie. Das hat sie mit „Fische“ bewiesen.

Melissa Broder: Fische, Ullstein Verlag, 2018, 352 Seiten, gebunden, 21 Euro, ISBN 978-3550050299, Leseprobe

Das Wellenspiel der Liebe

Zwei Paare auf einer kleinen Segelyacht zwischen Neapel und Capri, das könnte ein wunderbarer Sommertörn sein. Die beiden Männer sind jedoch Brüder, und der Jüngere hatte einst eine heimliche Affäre mit der Immer-noch-Frau des Älteren, bringt aber nun die neue Freundin mit. Mit seinem kurzen Roman „Ein Sommer“ schafft der Franzose Vincent Almendros ein hervorragendes Kammerspiel auf hoher See, das beeindruckend beweist, welch Wellenspiel die Liebe doch ist.

So richtig geheuer ist dem Ich-Erzähler Pierre die Idee seines segelbegeisterten Bruders Jean von Anfang an nicht. Die Yacht ist kaum länger als acht Meter, die Kajüte entsprechend klein. Lone, seine skandinavische Freundin, und er müssen in getrennten Kojen schlafen, jegliche Privatsphäre wird an Land zurückgelassen. Und sobald erstmal das offene Meer erreicht ist, gibt es kein Zurück mehr.

Ein betörendes Zusammenspiel

Das Unheil muss ja kommen, das ist klar. Anfangs sind Pierres Befürchtungen noch unbestimmt, die Begegnungen mit Jeanne, der Frau seines Bruders, zu wenig bedeutungsschwer. Beide sind scheinbar bemüht, jegliches Mehr zu verhindern. Aber das ändert sich. Es ist ein betörendes Zusammenspiel aus Jeannes verführerischem Können und der Erkenntnis, dass Pierre sie nie wirklich aus seinem Herzen entlassen hat.

Bald ist sein Kopf voller Jeanne-Gedanken. Das rächt sich etwa bei einem Landgang auf Capri, als er Lone in einer Eisdiele vergisst. Er versucht es mit einer Ausflucht: „Wir haben dich verloren“, sagt er, „wo warst du denn?“ Doch Lone antwortet: „Ja, du hast mich vergessen, das ist lustig.“ Aber niemand lacht.

Ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur

„Ein Sommer“, der nicht umsonst 2015 in Frankreich „als schönster Roman des Frühlings“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet wurde, ist sprachlich umwerfend gelungen. In kurzen, knappen Sätzen entwirft Almendros ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur und eine raffinierte Variante von Goethes „Wahlverwandtschaften“. Es ist zweifelsohne zeitlos, und doch sollte man es in der warmen Jahreszeit lesen. Denn fürwahr: Es ist ein vortreffliches Sommerbuch.

Vincent Almendros: Ein Sommer, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2017, 96 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3803113245