Lebst du schon, oder existierst du noch?

Den ersten Spatenstich gab’s bereits im September 2015 im Internet. Die 1972 geborene Comic-Autorin und Cartoonistin Katharina Greve zeichnete seitdem online Woche für Woche jeweils eine Etage eines Hochhauses, bis sie im September 2017 das Dachgeschoss fertig hatte. Inzwischen hat der Webcomic es in die Welt der Bücher und Buchrollen geschafft. Das farbig illustrierte „Hochhaus“ dokumentiert schonungslos mit Witz und manchmal fiesem Humor das Leben unterschiedlichster Menschen in einem Wolkenkratzer.

Im Kellergeschoss beginnt die Reise quer durch alle Wohnungen mit einem Blick in eine Ehe, in der die Partner das Liebenswürdige aneinander schon lange aus den Augen verloren zu haben scheinen. Loriot und Ekel Alfred hätten diese Szene nicht besser beschreiben können: Ein Mann kramt in einer Umzugskiste, die wahrscheinlich schon lange kein Tageslicht mehr gesehen hat. Seine Frau leuchtet ihm mit der Taschenlampe – funktionierendes Kellerlicht scheint es nicht zu geben. „Wie schon Goethe sagte: ‚Mehr Licht!‘ – blöde Kuh!“, herrscht er seine Frau bildungsbürgerlich an. Die denkt im „Morgen bring‘ ich ihn um, morgen bring‘ ich ihn um“-Mantra der genervten Ehefrau vor sich hin: „Wenn ich ihn jetzt umbringe, wären sogar seine letzten Worte abgedroschen.“

Es treffen sich Not, Rassismus, Chauvinismus und Vergnügen

Menschliche Eiseskälte herrscht da im Keller. Aber das zieht sich nicht durch alle 102 Stockwerke dieses mehr oder minder ehrenwerten Hochhauses. Es gibt Orte der Nachbarschaftshilfe, ja, sogar der Nachbarschaftsliebe. Es grassieren Klatsch und Tratsch und es treffen sich Not, Leid, Rassismus, Chauvinismus, Masochismus und Vergnügen. Im Erdgeschoss strickt Frau Möller ihrem Mann die Norwegerpullis, die er mit Vorliebe oder voller Devotie trägt. Über dem Plüschsofa hängen gerahmte Fotos der Lieben, in der Küche steht der Hackenporsche für die nächsten Einkäufe parat. Im Flur und hinter der Wohnzimmertür stapeln sich Pakete – die Paketdienste klingeln immer nur hier. Herr Möller ist genervt, schon wieder ist ein Paket bei ihnen abgegeben worden, dabei sind die Mutlus aus der 5. Etage sicher zu Hause. Seine Frau aber sieht in dem Nachbarschaftsdienst vor allem etwas Gutes: sie hätten sonst gar keine sozialen Kontakte mehr.

Mag vielleicht an dem Geruch in ihrer Wohnung liegen. Davon erfährt der Leser allerdings erst, als er bei den Mutlus in der 5. Etage angekommen ist. Die Tochter ist regelrecht angewidert, dass sie ihr Paket dort abholen muss. Im 4. Stock erfahren wir, dass in der 8. Etage eine Wohnung frei wird, in anderen Wohnungen ist eingebrochen worden, in der 7. ist eine Mutter verärgert, dass ihr Sohn, der im selben Haus wohnt, sie nie besucht. Dessen Partnerin aber, das wird im 16. offenbar, muss davon ausgehen, dass der Peter zweimal in der Woche bei seinen Eltern ist. Stattdessen aber geht er zu einer Domina und lässt sich den Hintern versohlen. Und so geht es Stockwerk für Stockwerk höher und höher in die Welt der deutschen Spießigkeit.

Architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung

Der Leser sieht dabei oft dasselbe Dreierlei: Küche, Flur, Wohnzimmer. Ein architektonischer Aufriss der deutschen Durchschnittswohnung. Oscar Wilde soll gesagt haben: „Leben ist das Allerseltenste in der Welt – die meisten Menschen existieren nur.“ Er könnte „Das Hochhaus“ rezensiert haben. Niemand will in diesem Haus wohnen, niemand, und doch erkennt man Anzeichen von sich selbst in manchen Bildern. Weil wir ja alle auch Durchschnittsmenschen sind, weil Katharina Greve auch von uns erzählt, von dir und von mir. Und so gerät „Das Hochhaus“ auch zu einem diskreten Anschubser zum Hinschauen und Nachdenken.

Apropos Hinschauen: Der Webcomic hatte natürlich den Charme, dass er sich die Eigenheiten des Internets zu Nutze machte, sodass man liftgleich und schier endlos durch die Etagen scrollen konnte. In der Buchrolle von „Round not Square“ gelingt Ähnliches. Hier ist das Hochhaus auf einer sieben Meter langen Seite komplett gedruckt und dann zusammengerollt worden.

Einzig bei der Edition des Avant-Verlags ändert sich die Art des Hinschauens. Das sehr schlanke, hochformatige Buch muss zum Lesen um 90 Grad gekippt werden, dann blättert man sich jeweils zwei Stockwerke pro Seite in die Höhe. So gelingt ein noch genaueres Hinsehen und Betrachten, und man entdeckt auch bald die noch so feinen Details, die Greve in ihrem Wimmelbild für Große versteckt hat.

„Das Hochhaus“ ist ein Buch zum Vielfachschauen, das sich immer wieder zur Hand nehmen lässt, eine Erzählung, die nie auserzählt ist. Nehmen Sie den Lift und drücken Sie alle Tasten!

Katharina Greve: Das Hochhaus, Avant Verlag, Berlin, 2017, 56 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3945034712, Leseprobe

Katharina Greve: Das Hochhaus, Round not Square, Berlin, 2017, 30 Euro, Bezug über den Verlag

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Wie nur diese ganze Leere füllen?

In den USA ist Melissa Broder schon lange keine Unbekannte mehr. Auf ihrem Twitter-Account @sosadtoday schreibt sie seit Jahren über Sex, Einsamkeit und Selbstzweifel. Mehr als 677.000 Menschen folgen der Poetin dort. Jetzt ist ihr erster Roman auf Deutsch erschienen – und der ist ihr hervorragend gelungen.

Das Buch mit dem lapidaren Titel „Fische“ handelt von der 38-jährigen Lucy, einer frustrierter Singlefrau, die seit neun Jahren an ihrer Doktorarbeit über die antike griechische Dichterin Sappho schreibt, und das Projekt ebensowenig zu Ende bringt, wie sie ihrem Leben einen rechten Sinn geben mag. Als sie ihrem Ex-Freund Jamie die Nase bricht, weil der ihre Beziehungspause als Beziehungsende verstanden und sich die nächste Frau geangelt hat, geht ihr Leben noch ein wenig mehr den Bach runter.

Eines Abends erwacht sie mit Heißhunger, nachdem sie zu viele Schlaftabletten geschluckt hat. Als sie das zweite Mal wach wird, sitzt sie im Nachthemd im Auto, überall liegen Donuts verstreut, und ein Polizist beugt sich über den Beifahrersitz. Sie kann einer Anzeige nur entgehen, indem sie eine Therapie macht.

Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen

Und so landet sie schließlich weit entfernt von ihrer Heimat am Venice Beach und hütet das gläserne Strandhaus ihrer Halbschwester Annika, die für den Sommer auf Reisen ist. Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen: regelmäßig die Gruppentherapiesitzungen zu besuchen und Annikas diabeteskranken Jagdhund Dominic zu versorgen.

Dass die Geschichte gründlich nach hinten losgeht, muss man wahrscheinlich nicht erwähnen. Aber bei aller Komik, die dieses Buch so famos einzufangen weiß, erstarrt dem Leser das Lächeln dann und wann im Gesicht. Denn Melissa Broder schreibt in der Langform genauso weiter, wie sie bei Twitter Bonmots am laufenden Meter in die Welt entlässt. Ihre Wörter und Sätze umschreiben die Leere, die ein Leben manchmal hat.

Menschen neigen dazu, ihre Einsamkeit, Verzweiflung, ihren brutalen Neid auf das Glück anderer und die innige Sucht nach Nähe zu überspielen. Melissa Broder schreibt darüber, und zwar so messerscharf, dass es wehtut. Dass man manchmal wegschauen mag, weil man sich fragen muss: Wie ist das eigentlich bei mir?

Männerhirn im sexuellen Eifer des Gefechts

Die anderen, zum Teil exzentrischen, aber auch sehr amüsanten Frauen in ihrer Gruppentherapie betrachtet Lucy lange Zeit mit Spott, erkennt jedoch bald: So viel anders ergeht es ihr selbst nicht. Sie alle gelangen immer wieder an die falschen Männer, wollen sich davon befreien, um gleich darauf den nächsten derselben Art und Güte an Land zu ziehen.

Mit bitterer Satire beschreibt Broder auch Lucys Versuche, ihre sexuelle Lust zu befriedigen. Dabei ist vor allem die Hotelbegegnung mit einem Tinder-Date lesenswert, weil sie das stumpfe Hirn des Mannes im sexuellen Eifer des Gefechts so hervorragend entlarvt. Gleichzeitig wird deutlich, wie selbstzerstörerisch und obsessiv (nicht nur Liebes-)Beziehungen sein können. Weil sie mit der Sucht einhergehen, sich nicht einsam fühlen zu müssen und deshalb zwanghaft nach der Liebe streben.

Melissa Broder nimmt auch bei der Schilderung von Sex kein Blatt vor den Mund und erst recht kein Feigenblatt vor die Intimzone. Körperteile und Körperfunktionen werden in expressis verbis und fast akribisch detailliert beschrieben – wer damit ein Problem hat, sollte Broders „Fische“ besser meiden, denn nach der mittelmäßigen Beziehung mit Jamie probiert sich Lucy nun in einer Art Sexsucht aus.

Jetzt spinnt die Broder total

An diesem Buch reibt man sich auf. Man liest lachend und mit Kopfschütteln, mit Wut und Mitgefühl. Und dann kommt die Passage, wo das Buch völlig abdreht – und hier ist es wichtig, dass man es dann nicht zur Seite legt und sagt: Jetzt spinnt die Broder total. Denn Lucy begegnet ihrem Traummann Theo. Und der ist ein Fischmann. Kein Fischer, sondern ein ausgewachsener Fischmann. Mit Schwanzflosse. Ein junger Mann, der zu lieben versteht. Und der den Tinder-Sex als solchen in den Schatten stellt, weil er Sex wieder als Liebesspiel zwischen Mann und Frau erlebbar macht.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Begegnung entnahm Broder der Erzählung „La Sirena“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die sie gerade las, als das Buch entstand. „Es geht darum, dass ein Mann die Geschichte seiner Liebesaffäre mit einer Meerjungfrau erzählt, und ich wusste nicht, wie dunkel es war“, sagte Broder der New York Times. Und weiter: „So viele Männer sind von Schiffen mit Steinen in den Taschen weggegangen. Aber warum ist es immer ein Mann und eine Meerjungfrau? Was, wenn es eine Frau wäre, und was, wenn es in Venice Beach spielt, wo ich lebe?“, fragte sich Broder.

Oscar für den besten Film

Neun Monate später war der Roman fertig. Und wenn man ehrlich ist: So richtig abgedreht ist die Idee nicht, denn auch Star-Regisseur Guillero del Toro inszenierte in „Shape of Water“ gerade erst eine zarte Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Fischmann – und erhielt dafür unter anderem den Oscar für den besten Film.

Der satirische Debütroman der US-amerikanischen Social-Media-Ikone ist nicht nur ein bisschen märchenhaft, sondern in weiten Teilen mitreißend, berührend und zeitweise auch philosophisch und meditativ. Melissa Broder hat in den USA bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht. 2016 inspirierten sie ihre Tweets zu einer Sammlung von Essays über das Altern, den Tod und den Sex. Sie nannte das Buch wie ihren Twitter-Account: „So sad today“. Twitter ist mittlerweile nicht mehr auf 140 Zeichen beschränkt. Aber Broders Worte eignen sich für mehr. Ein Roman zumindest ist die richtige Weite für sie. Das hat sie mit „Fische“ bewiesen.

Melissa Broder: Fische, Ullstein Verlag, 2018, 352 Seiten, gebunden, 21 Euro, ISBN 978-3550050299, Leseprobe

Das Wellenspiel der Liebe

Zwei Paare auf einer kleinen Segelyacht zwischen Neapel und Capri, das könnte ein wunderbarer Sommertörn sein. Die beiden Männer sind jedoch Brüder, und der Jüngere hatte einst eine heimliche Affäre mit der Immer-noch-Frau des Älteren, bringt aber nun die neue Freundin mit. Mit seinem kurzen Roman „Ein Sommer“ schafft der Franzose Vincent Almendros ein hervorragendes Kammerspiel auf hoher See, das beeindruckend beweist, welch Wellenspiel die Liebe doch ist.

So richtig geheuer ist dem Ich-Erzähler Pierre die Idee seines segelbegeisterten Bruders Jean von Anfang an nicht. Die Yacht ist kaum länger als acht Meter, die Kajüte entsprechend klein. Lone, seine skandinavische Freundin, und er müssen in getrennten Kojen schlafen, jegliche Privatsphäre wird an Land zurückgelassen. Und sobald erstmal das offene Meer erreicht ist, gibt es kein Zurück mehr.

Ein betörendes Zusammenspiel

Das Unheil muss ja kommen, das ist klar. Anfangs sind Pierres Befürchtungen noch unbestimmt, die Begegnungen mit Jeanne, der Frau seines Bruders, zu wenig bedeutungsschwer. Beide sind scheinbar bemüht, jegliches Mehr zu verhindern. Aber das ändert sich. Es ist ein betörendes Zusammenspiel aus Jeannes verführerischem Können und der Erkenntnis, dass Pierre sie nie wirklich aus seinem Herzen entlassen hat.

Bald ist sein Kopf voller Jeanne-Gedanken. Das rächt sich etwa bei einem Landgang auf Capri, als er Lone in einer Eisdiele vergisst. Er versucht es mit einer Ausflucht: „Wir haben dich verloren“, sagt er, „wo warst du denn?“ Doch Lone antwortet: „Ja, du hast mich vergessen, das ist lustig.“ Aber niemand lacht.

Ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur

„Ein Sommer“, der nicht umsonst 2015 in Frankreich „als schönster Roman des Frühlings“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet wurde, ist sprachlich umwerfend gelungen. In kurzen, knappen Sätzen entwirft Almendros ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur und eine raffinierte Variante von Goethes „Wahlverwandtschaften“. Es ist zweifelsohne zeitlos, und doch sollte man es in der warmen Jahreszeit lesen. Denn fürwahr: Es ist ein vortreffliches Sommerbuch.

Vincent Almendros: Ein Sommer, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2017, 96 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3803113245

Die Wand am Strand

SandburgWie reagieren Menschen in Extremsituationen, wenn sie den Ort des Geschehens nicht verlassen können, obwohl sie nichts lieber tun würden, als vor dem Grauen zu flüchten? Diesem Thema widmet sich die Graphic Novel „Sandburg“ des Genfer Comic-Zeichners Frederik Peeters, der damit ein kleines Meisterwerk geschaffen hat, das den Leser und Betrachter wahrlich in seinen Bann zieht. Unbedingt anschauen!

Es beginnt herrlich idyllisch: Über einer Bucht am Meer bricht ein Sommertag an. Zwei Familien genießen die Einsamkeit der Badestelle. Oma geht mit dem Kleinen schwimmen, die anderen beiden Kinder buddeln Sandburgen, die Eltern liegen in der Sonne, und Hund Elvis tollt am Wasser herum. Doch plötzlich ist es vorbei mit der Sommerfrische, denn Oma und der Kleine entdecken im Wasser die Leiche einer jungen Frau. Die Vermutungen zur Todesursache überschlagen sich, als ausgerechnet ein einsamer Mann dazu tritt. Ein Algerier, wie sich herausstellt.

Damit nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn aus Richtung des einen Familienvaters schlägt dem Mann sofort eine unverhohlene Fremdenfeindlichkeit entgegen. Für ihn ist schnell klar, wer für den Tod der Frau verantwortlich ist: „Dieser Mann hat die junge Frau vergewaltigt, zusammengeschlagen und ertränkt, damit sie schweigt… dann sind wir aufgetaucht und haben ihm die Flucht vermasselt!“ Doch es gibt auch Zweifler und Verteidiger. Und letztendlich, so viel darf man verraten, ist das nur der Anfang eines großen Mysteriums, das sich erschreckend ausweitet. Denn mit einem Mal scheinen die Uhren an dieser Bucht anders zu laufen. Und das hat dramatische Auswirkungen für die Strandbesucher.

Faszinierendes Kammerspiel

Das Szenario zu dieser raffinierten Graphic Novel stammt von dem französischen Filmemacher Pierre Oscar Lévy, der sich hier zum ersten Mal an einem Comicstoff versucht hat. Hoffentlich nicht zum letzten Mal gemeinsam mit Frederik Peeters, denn der international erfolgreiche Zeichner hat dem faszinierenden Kammerspiel am Strand mit seinen großartigen Schwarzweiß-Bildern den richtigen Rahmen gegeben. Das Sujet ist zwar nicht neu – schon viele andere Autoren haben sich auch in ähnlich dystopischen Umgebungen damit beschäftigt, wie sich wenige Menschen in extremen Situationen verhalten, aus denen sie nicht entkommen.

Zu nennen wären da Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ (wunderbar verfilmt von Julian Pölsler), Stephen Kings „Die Arena“ oder auch Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“. Aber obwohl das Thema etwas abgegriffen scheint, ist „Sandburg“ so fürchterlich mitreißend. Und das liegt nicht nur an der mysteriösen Geschichte, sondern auch an den gut angelegten Charakteren der handelnden Personen, die so unterschiedlich mit dem Unbegreiflichen umzugehen versuchen.

„Sandburg“ ist die perfekte Lektüre für die kalten Tage, wenn der vergangene Sommer schon so fern scheint und die Erinnerung an die flirrende Hitze Stoff für allerlei seltsame Phantasien bietet. Diese ist eine der seltsamsten, gleichzeitig aber auch eine eindringlichsten. Schnell vergessen wird man sie nicht.

Frederik Peeters/Pierre Oscar Lévy: Sandburg, Reprodukt Verlag, Berlin, 2013, 100 Seiten, broschiert, 18 Euro, ISBN 978-3943143799, Leseprobe

Eine viel zu kurze Geschichte von fast allem

Eine schöne junge FrauDer niederländische Autor Tommy Wieringa hat einen Kurzroman über einen erfolgreichen Virologen geschrieben, der sich in eine 15 Jahre jüngere Frau verliebt. Als die beiden ein Schrei-Baby bekommen, nimmt das Drama seinen Lauf. Leider ist der nur 124 Seiten lange Roman mit Themen dermaßen überfrachtet, dass er seine Stärke nicht entfalten kann. Die Kürze jedoch hat Gründe.

Jedes Jahr im Frühjahr wird in Amsterdam die „Nationale Buchwoche“ gefeiert, bei der Verlage ihre Neuerscheinungen vorstellen und Autoren aus ihren Werken lesen. Traditionell vergibt die Veranstalterin, die „Stiftung Kollektive Propaganda für das niederländische Buch“, jedes Jahr einen lukrativen Auftrag an einen Autoren, einen kurzen Roman zu schreiben, der dann an die Buchkäufer verteilt wird. Das sogenannte Buchwochengeschenk wird immer von bekannten Autoren verfasst. Harry Mulisch, Cees Nooteboom und Salman Rushdie haben schon ihren Beitrag dazu geleistet. Im Jahr 2014 bekam Tommy Wieringa den Auftrag. Das Ergebnis ist das jetzt in Deutsche übersetzte Werk „Eine schöne junge Frau“.

Edward ist 42 Jahre alt, als er auf einer Caféterrasse sitzt und eine unfassbar schöne, junge Frau an sich vorbeiradeln sieht. Wenig später trifft er Ruth in einer Billardkneipe wieder und macht Nägel mit Köpfen. Trotz des Altersunterschieds verlieben sich die beiden ineinander und heiraten. Als auch der Kinderwunsch nach langen Mühen in Erfüllung geht, könnte ihr Glück perfekt sein, doch Ruth entwickelt den irrsinnigen Glauben, ihr Sohn reagiere allergisch auf Edward und sei deshalb solch ein Schrei-Kind. Fortan übernachtet er nicht mehr im Ehebett, sondern im Dachstuhl.

Aber ihr Glück ist auch vorher schon nicht perfekt, denn Edward geht mit einer jungen Chemielaborantin fremd. Sein Gewissen beruhigt er mit sozialpsychologischen Studien, nach denen es nicht anormal ist, dass ein Mann in der Schwangerschaft seiner Frau fremd geht. Außerdem glaubt er, er habe sich schon zu sehr an die Schönheit seiner Frau gewöhnt, so dass neue optische Reize hermüssen: „Man gewöhnte sich an alles. Und was war Gewohnheit anderes als der erste Schritt zum Tod? Auch ihre Schönheit führte nicht automatisch zu Geilheit, ganz im Gegenteil, ein Mädchen wie Marjolein van Unen erregte ihn viel mehr als seine tausendmal besser aussehende Frau.“

Der Nährboden ist damit genug bereitet, um ein Ehedrama darzustellen. Wieringa hätte nur alle anderen Themenanrisse unterlassen sollen: Die Tierversuche, zu denen Edward als Virologie eine sehr drastische Einstellung hat, die Geschichte des Aids-Virus‘, von der der allwissende Erzähler in epischer Breite berichtet, die Nebenhandlung mit Ruths Bruder. Stattdessen hätte Wieringa die Tücken des Altersunterschieds intensiver herausarbeiten und die Ängste vor Verlust und Alleinsein sowie die Überlegungen zum Ehebruch stärker in den Blick nehmen können.

Außerdem bleiben vor allem die Frauenfiguren des Romans seltsam blass, obwohl der Leser sie mit Edwards Augen betrachtet. Zu selten wird ihnen die Bühne bereitet, auf der sie sich hervortun können. Edward ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt dieses Romans, und auch das ist schlichtweg zu wenig. Warum sich Ruth beispielsweise von der betörend jungen Frau in das streitsüchtige Muttertier verwandelt, wird nicht annähernd erklärt.

Glücklicherweise ist der Roman wenigstens sprachlich gelungen. Wieringa beobachtet sehr fein, hat Sinn für leise Zwischentöne, und manche Sätze und Metaphern möchte man sich einfach gern notieren. Zum Beispiel: „Die Hitze lag seufzend wie ein Hund auf der Straße.“ Oder die Beschreibung des Schrei-Babys: „So tritt der Lärm in Edwards Leben, wie ununterbrochen hupende Lastwagenfahrer im Streik, angeführt von einem Umzug des Vereins ‚Mopeds ohne Auspuff‘. Hundert lautstark wehklagende semitische Witwen bilden das Schlusslicht.“ Wieringa vereint Witz und Ernsthaftigkeit, ohne dass es gekünstelt wirkt. Doch sprachliche Raffinesse genügt nicht. So bleibt „Eine schöne junge Frau“ leider nur ein Werk, das das Regal nicht braucht.

Tommy Wieringa: Eine schöne junge Frau, Carl Hanser Verlag, München, 2015, 124 Seiten, gebunden, 14,90 Euro, ISBN 978-3446247888, Leseprobe