Was Frauen nicht wollen

Wer den Erzählband „Ihr Körper und andere Teilhaber“ der US-amerikanischen Autorin Carmen Maria Machado gelesen hat, bleibt mit Gefühlen von Leere, Wut, Beschämen, aber vor allem mit Ratlosigkeit zurück. Denn allen Geschichten ist gemein, dass es im Grunde keine (Er-)Lösung, keine Antwort gibt, nur ein alles beherrschendes Thema: Die oft erschreckende Lebensrealität von Frauen und welches Leid sie und ihre Körper erfahren müssen.

In den acht Geschichten geht es schlichtweg um Macht und das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. In „Der Extrastich“ muss sich eine Frau ihres übergriffigen Mannes erwehren, der nicht akzeptieren will, dass er das seltsame, grüne Band, das sie um ihren Hals trägt, nicht lösen darf. Eine andere Frau, Opfer eines gewalttätigen Übergriffs, stellt fest, dass sie die Gedanken von Schauspielern in Pornofilmen hören kann. Andere verblassen oder lassen sich in ihre Ballkleider einnähen. Eine Frau muss im Wochenbett mit anhören, wie ihr Mann den Arzt fragt, ob der die Vagina seiner Frau nach dem Dammriss nicht noch enger zunähen könne.

Das Buch erschien in den USA Ende 2017; wenige Tage später kamen die Vorwürfe gegen Harry Weinstein ans Licht, er habe zahlreiche Frauen vergewaltigt oder sexuell belästigt. Es folgte die MeToo-Bewegung, und Machados literarisches Debüt erschien als mehr als treffsicherer Kommentar zu den Diskussionen. Den Erfolg ihres Buches nur darauf zu reduzieren, würde aber die hohe literarische Qualität verleugnen. Die New York Times setzte „Ihr Körper und andere Teilhaber“ im Jahr 2018 auf die Liste von „15 bemerkenswerten Büchern von Frauen, die im 21. Jahrhundert die Art und Weise, wie wir Fiktion lesen und schreiben, prägen“.

Bemerkenswert – diese vorsichtig zum Lob anstimmende Meinung werden viele Leser unterschreiben können. Auch jene, die von den allzu phantasiereichen Darstellungen verwirrt oder abgestoßen sind. Manchenorts erinnert Machado an Melissa Broder und ihren ersten märchenhaften Roman „Fische“ (zur Rezension). Dann und wann ist „Ihr Körper und andere Teilhaber“ verstörend oder voller Horror, aber fast immer ist dieses Buch einfach nur brillant und originell. Wie sie über das (teilweise queere) Lieben und Leben mit Männern und Frauen schreibt, über Sex und Verlangen, Körper und Brutalität, ist sonderbar, bizarr, immer sehr deutlich und ohne falsche Scheu, aber auch oft herzerwärmend.

Dem Band ist ein Zitat der Poetin Elisabeth Hewer vorangestellt, das gleich zu Beginn deutlich macht, was hier zu erwarten ist: „Gott hätte Frauen zu Gifttieren machen sollen, als er aus Männern Monster machte.“ Machados Erzählband ist ein erschreckender Erlebnispark, aus dem es kein Entrinnen gibt, denn auch die Jobs der Karussellbremser sind hier allesamt mit Männern besetzt, die einem leise Angst machen und die Kehle zuschnüren.

Machado hat in den USA viel Aufmerksamkeit erregt, und sie hat noch so viel mehr davon auch in anderen Ländern verdient. Offen und mutig für den Feminismus eintretend, so sind die literarischen Stimmen, die diese Welt für Frauen positiv verändern können. Machados ist darunter eine der lautesten und beeindruckendsten.

Carmen Maria Machado: Ihr Körper und andere Teilhaber, Tropen Verlag, Stuttgart, 2019, 300 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3608503975, Leseprobe

Buch Wien: Bösland, Feminismus und die Wiener Unterwelt

Berndhard Aichner (r.) mit Florian Scheuba. © LCM Foto Richard Schuster
Berndhard Aichner (r.) mit Florian Scheuba. © LCM Foto Richard Schuster

Die internationale Buchmesse in Wien, die „Buch Wien“, beginnt mittlerweile traditionell mit der „Langen Nacht der Bücher“, bei der die Messehalle bis Mitternacht geöffnet bleibt, sich den Besuchern ein vielfältiges Programm bietet und die Messestände schon zum ersten Reinlinsen einladen. Nach der Eröffnungsrede der deutschen Philosophin Svenja Flaßpöhler und dem Eröffnungskonzert der österreichischen Singer-Songwriterin Clara Luzia, die gerade ihr neues Album „When I Take Your Hand“ veröffentlicht hat, nehmen auf der großen, den meisten Raum einnehmenden ORF-Bühne Autoren wie Bernhard Aichner, Hanna Herbst, David Schalko oder die Kabarettgruppe maschek sowie die Anchorwoman Lou Lorenz-Dittlbacher Platz. Auf der Kochbühne wird, nun, der Name verrät es bereits, gekocht und gebacken, am lautstärksten nach Clara Luzia & Band sind aber wie eh und je die Zuschauer des jährlichen Poetry Slams, der von den österreichischen Slam-Ikonen Mieze Medusa und Markus Köhle souverän moderiert wird.

Auf der ORF-Bühne ist es der österreichische Kabarettist und bekennende „Lese-Junkie“ Florian Scheuba, der bereits zum fünften Mal in Folge die stets keinen Blatt vor den Mund nehmende Moderation übernimmt. Zur Einführung von Bernhard Aichners neustem Thriller „Bösland“ etwa schockiert er das Publikum mit der Ankündigung, frevelhafterweise die letzte Seite des Buches vorzulesen. Von Aichner nicht abgehalten (keine Sorge, dieser Text ist spoilerfrei!), liest Scheuba die Bitte des Autors vor, die Leser mögen sich doch per Mail an ihn wenden, wie Ihnen „Bösland“ gefallen habe. Damit also schließt das Buch – nichts, was man nicht verraten könnte.

„Bei zwei Leuten habe ich das Geld zurücküberwiesen“

Aichner erklärt, dass ihm die Meinung seiner Leserinnen und Leser wichtig sei. „Ich bin gerne mit denen im Austausch, auch bei Facebook.“ Zu 98 Prozent seien die Rückmeldungen auch „sehr schön“, aber es gebe auch Leute, die ihr Geld zurückforderten. „Bei zwei Leuten habe ich das Geld zurücküberwiesen“, sagt Aichner und lacht. Aber es wird sehr schnell wieder ernst auf der Bühne, denn Aichners neuer Thriller behandelt eine ernste Hintergrundgeschichte: Gewalt an Kindern.

Der Fall: Im Sommer 1987 wird auf dem Dachboden eines Bauernhauses ein Mädchen brutal ermordet. Ein 13-jähriger Junge schlägt sieben Mal mit einem Golfschläger auf seine Mitschülerin ein und richtet ein Blutbad an. 30 Jahre bleibt diese Geschichte im Verborgenen, bis der Junge von damals wieder das Morden beginnt. Die Idee dazu habe Aichner eines Nachts geträumt. „Ich hab das dann gleich aufgeschrieben und bald mit der Recherche begonnen.“

Dass Aichner gerne selbst erfährt, was er seinen Helden zutraut, ist bekannt. Im Jahr 2016 erklärte Aichner bei einem Gespräch auf der „Buch Wien“, er habe für seine Bücher über die mordende Bestatterin Brünhilde Blum (Die „Totenfrau“-Trilogie) nicht nur selbst schon ein Grab ausgehoben („Das war eine tolle Erfahrung, aber richtig harte Arbeit“), sondern sei auch in der Rechtsmedizin Hamburg bei einer Obduktion dabei gewesen. Für „Bösland“ hat Aichner in der Psychiatrie recherchiert, viele Fallgeschichten gelesen und mit Kinder- und Jugendpsychiatern zusammengearbeitet. „Ich wollte von denen wissen: Wie lebt ein 13-Jähriger weiter, der eine Mitschülerin erschlägt?“

Pamela, Petting und Apfelfruchtfleisch

In einem Interview mit der Wiener Zeitung wurde Aichner 2015 gefragt, ob er jetzt in der „Bestsellermaschinerie“ sei, weil er einen Krimi nach dem nächsten schreibe. Und auch auf der „Buch Wien 2018“ kündigt der Tiroler das nächste Buch bereits für Herbst 2019 an. Von Scheuba darauf angesprochen, erklärt er, dass er erst sieben Bücher habe schreiben müssen, die nur mäßig verkauft worden seien, bis der Erfolg kam. Mit 15 habe er sein Erstlingswerk geschrieben, einen Liebesroman, der nach nur 36 Seiten schon beendet war. Ein Quickie literarischen Schaffens in der jungen Blüte  eines pubertierenden Teenagers, dessen Helden aus Fernsehserien wie „Knight Rider“ und „Baywatch“ stammen. Und so heißt die weibliche Hauptrolle seines Erstlings „Baywatch“-inspiriert Pamela. Aichner liest die „ersten 11 Zeilen“ vor, sehr zur Erheiterung des Wiener Publikums, das hier von Pamela, Petting und Apfelfruchtfleisch hört.

Wie ein Thriller-Autor wie Aichner seine Bücher schreibt, will Scheuba wissen. Ob es stimme, was im bereits erwähnten Interview mit der Wiener Zeitung von 2015 zu lesen war. Dass er beim Schreiben „sanfte Popsongs“ höre. „Auch kitschig-romantische Schmachtfetzen, manche davon höre ich 70 Mal hintereinander.“ Florian Scheuba dazu trocken: „Kein Wunder, dass man da jemanden umbringen will.“

Bernhard Aichner: Bösland, btb Verlag, München, 2018, 448 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3442756384, Leseprobe

Die Journalistin Hanna Herbst. © LCM Foto Richard Schuster
Die Journalistin Hanna Herbst. © LCM Foto Richard Schuster

Die ehemalige Vize-Chefredakteurin der österreichischen Vice und derzeitige Vize-Chefredakteurin des Magazins Liga, Hanna Herbst, stellt bei der „Langen Nacht der Bücher“ ihr erstes Buch vor: „Feministin sagt man nicht“. Darin zeigt sie laut Angaben ihres Verlags, dass ein Frauenleben auch heute noch nur in einem Kontext aus Macht- und Gewaltfragen zu verstehen sei. Leider bleibt dem Buchmessen-Publikum eine Lesung aus dem Buch jedoch verwehrt: „Aus Sachbüchern liest man nicht, sagen die Verleger“, entschuldigt sich Herbst. Es ist nicht zu übersehen, wie unsinnig sie selbst diesen verlegerischen Rat findet. Aus Sachbüchern liest man nicht, aber Herbst hat ja genug zu sagen. Also hat sie kurzerhand einen neuen Text geschrieben, einen Essay, der kurz anreißt, was man eigentlich nicht anreißen kann. Vielleicht stimmt er deshalb doch, dieser Rat der Verleger.

„Feministin sagt man nicht“, heißt der Titel ihres Buches. Nicht, weil es einem Schimpfwort gleich käme, die man ja auch nicht sagt. „Feminismus nahm mir die Berufsbezeichnung weg – war ich vorher Journalistin, bin ich jetzt Feministin“, schreibt die 1990 in Mainz geborene und jetzt in Wien lebende Herbst in ihrem Text. Im Gespräch mit Kabarettist Florian Scheuba erzählt sie auch von den Stereotypen, die ihr Kritiker entgegenschleudern. Am häufigsten: „Du hast nicht genug Sex, deshalb bist du Feministin.“ Ähnlich übergriffige Varianten wie „Der muss man es nur einmal richtig besorgen“ kennen auch lesbische Frauen aus ihrem Alltag. Und weil sich Herbst auch bei den Themen Rechtsextremismus und Flüchtlingshilfe einen Namen gemacht hat, bekommt sie auch das oft zu hören und zu lesen: „Frauen wie du gehören vergewaltigt. Weil du findest, dass immer noch mehr Ausländer zu uns kommen sollen – und die sind alle Vergewaltiger.“

Dem Thema „Hass“ hat sie ein eigenes Kapitel in ihrem Buch gewidmet. „Der Männerhass, der Feministinnen vorgeworfen wird, steht diametral zu dem Hass, der Frauen – und gerade Feministinnen – entgegenschlägt. Es ist psychische Gewalt, der sie Tag für Tag ausgesetzt sind. (…) Findet psychische Gewalt online statt, wird sie oft nicht als solche angesehen. Obwohl ihr viele Frauen ständig ausgesetzt sind.“ Dass Hassbotschaften nicht erst existieren, seit es die sozialen Netzwerke gibt, wird deutlich, wenn Herbst von den Suffragetten erzählt, die ähnliche Anfeindungen über sich ergehen lassen mussten. „Hass auf Feministinnen ist so alt wie der Feminismus selbst.“

„So erbärmliche Sachen“ über die sozialen Netzwerke

Herbst selbst bekommt über sie sozialen Netzwerke „so erbärmliche Sachen“. Am schlimmsten werde es, wenn ein Thema politisch aufgeheizt sei. „Wenn man sich nur minimalst gegen die FPÖ und für Menschenrechte äußert, ist man gleich schon die linke Zecke“, erklärt sie Scheuba. Je politisch angespannter die Situation, desto schärfer werde der Ton.

Zu ihrem ersten Buch aber habe sie bislang durchweg positive Nachrichten bekommen. Nur einer habe ihr geschrieben, er wolle das Buch gar nicht erst anfassen, es sei ihm „zu schirch“ („zu hässlich“). Zur Erklärung: Das Cover zeigt ein Porträt der Autorin. Im Gespräch mit Florian Scheuba erklärt Herbst, dass ja auch Männer in den sozialen Netzwerken durchaus einschüchternde Nachrichten bekämen. „Aber bei den Frauen sind sie zusätzlich auf den Körper bezogen.“ Wer nach Hanna Herbst googelt, findet bald auf einschlägigen Blogs und in FPÖ-nahen Medien Beispiele dafür. Die „hübsche Hass-Hanna“ ist nur eines davon.

Es war auch ein FPÖ-nahes Medium, das sie in Verruf brachte, Fan von Andreas Gabalier zu sein, erzählt sie. Der österreichische Schlagersänger macht aus seiner homophoben Gesinnung keinen Hehl. Im Jahr 2015 hatte er bei der Gala zum österreichischen Musikpreis gesagt, dass man es „nicht leicht auf dieser Welt (habe), wenn man als Manderl noch auf ein Weiberl steht“. In einem Interview mit der Welt im Juni 2015  kritisierte er zu viel Homosexualität in der Öffentlichkeit: „Man muss doch nicht jeden Tag schmusende Männlein in der Zeitung oder auf Plakaten drucken. Das löst das Gegenteil aus. Abwehr, Überdruss, Antipathie, selbst bei Leuten, die es doch eigentlich tolerieren.“

„Und wir Frauen machen da mit und unterstützen die Arschlöcher auf der Bühne“

Gabalier ist gegen die österreichische Bundeshymne, in der seit 2012 nicht nur die „großen Söhne“, sondern auch die Töchter besungen werden, und er sammelt bei Konzerten BHs seiner Fans und hängt sie demonstrativ über seinen Mikrofonständer: „Und wir Frauen machen da mit und unterstützen die Arschlöcher auf der Bühne“, sagt Herbst fassungslos auf der „Buch Wien“. (lesenswert: Der Vice-Artikel von Hanna Herbst über einen Besuch eines Gabalier-Konzerts)

Ob sie nicht in die Politik gehen oder eine Frauenpartei gründen wolle, will Scheuba wissen. „Nein“, lautet die klare Antwort, „aber ich würde jede Frauenpartei unterstützen. Und ich würde sagen, ich kann außerhalb der Politik mehr tun.“

Seit sie ihr Buch veröffentlicht habe und zu Lesungen unterwegs sei, habe sie außerdem ein neues Hobby für sich entdeckt: das Büchersignieren. „Das ist ja so weird! Würdest du einer 10-jährigen Hanna sagen, du sitzt da mal und signierst Bücher, ich würde sterben.“ Und was sie meint, als sie sagt „Ich lieb’s, ich lieb’s!“, wird deutlich, als die Schlange am Büchertisch nur sehr langsam kürzer wird. Hanna Herbst lässt einen zweiten Stuhl aufstellen und bittet jeden Buchkäufer zum Gespräch. Das wird mitunter so lang wie die kleinen Romane, die die Journalistin danach als Widmung auf die Vorsatzblätter der Bücher schreibt. Als schon längst der nächste Autor auf der ORF-Bühne sitzt, stehen und sitzen noch immer Menschen am Büchertisch. Und Hanna Herbst schreibt noch sehr lange sehr lange Widmungen.

Hanna Herbst: Feministin sagt man nicht, Brandstätter Verlag, Wien, 2018, 136 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3710601941, Buchtrailer

Der Regisseur und Autor David Schalko. © LCM Foto Richard Schuster
Der Regisseur und Autor David Schalko. © LCM Foto Richard Schuster

Kurz vor Mitternacht ist schließlich noch David Schalko mit seinem bereits im April erschienenen Roman „Schwere Knochen“ zu Gast auf der „Buch Wien“. Darin setzt er der Wiener Unterwelt der Kriegs- und Nachkriegsjahre ein literarisches Denkmal. Die Zusammenfassung des Sujets aus Verlagssicht: „Wien, März 1938, ‚Anschluss‘ Österreichs ans Deutsche Reich. Am Tag, als halb Wien am Heldenplatz seinem neuen Führer zujubelt, raubt eine Bande jugendlicher Kleinganoven, die sich darauf spezialisiert hat, Wohnungen zu ‚evakuieren‘, einen stadtbekannten Nazi aus. Sieben Jahre lang müssen die Kleinkriminellen daraufhin als sogenannte Kapos für die ‚Aufrechterhaltung des Betriebs‘ in den KZs Dachau und Mauthausen sorgen und wachsen so zu Schwerverbrechern heran, die lernen, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier eine Illusion ist. Zurück in der österreichischen Hauptstadt übernimmt die Bande um Ferdinand Krutzler die Wiener Unterwelt. Mit ungekannter Brutalität nutzt sie ihre Macht nicht zuletzt, um ehemalige Nazi-Widersacher aus dem Weg zu räumen. Aber der eingeschworene Zusammenhalt täuscht. Zunehmend verlieren sie einander in verräterischen Verstrickungen und verhängnisvollen Liebschaften. So lange, bis sie ihren Ehrenkodex aufgeben und aus Freunden unerbittliche Feinde werden.“

„Die banalsten Dinge in meinem Roman habe ich erfunden“, erklärt der 1973 in Wien geborene und dort lebende Regisseur und Autor. „Aber die krassesten nicht.“ Sein Roman orientiert auch an echten Nachkriegskriminellen. Und so geht’s in dem Gespräch mit Florian Scheuba, das nach und nach zu einer feinen Plauderei gerät, viel um die Unterwelt von damals und heute. Einen starken Ehrenkodex gebe es noch heute, er habe jedoch einen erheblichen Wandel erfahren. „In der 30er Jahren war es nicht üblich, ein Messer oder eine Pistole zu verwenden.“ Meinungsverschiedenheiten wurden mit den Fäusten ausgetragen. In den Jahrzehnten danach kamen die Schusswaffen, darunter sogar die Maschinengewehre, die der Unterwelt eine brutalere Macht gaben.

„Für die Deutschen ist das KZ-Kapitel sehr schwierig“

Wie sein Buch in Deutschland ankomme, will Scheuba wissen. „Für die Deutschen ist das KZ-Kapitel sehr schwierig“, sagt Schalko, „weil sie nicht kennen, dass man das aus der Unterwelt-Perspektive erzählt.“ Ohnehin erkenne der Deutsche den Wiener Humor selten. „Was die Deutschen als skurril empfinden, ist bei uns in Österreich Naturalismus. Und was sie lustig finden, ist von uns Österreichern gar nicht lustig gemeint.“ Scheuba: „Aber es gibt doch lustige Deutsche.“ Schalko: „Ja, Helge Schneider. Aber der ist kein Deutscher, das ist ein Missverständnis.“ Scheuba: „Loriot.“ Schalko: „Nein, nicht Loriot.“

Schalko ist über Österreich hinaus bekannt geworden mit Fernsehformaten wie der „Sendung ohne Namen“. Seine Filme wie „Aufschneider“ mit Josef Hader und die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ genießen Kultstatus und wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Für den ORF und RTL Crime hat er gerade die Mini-Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, ein Remake von Fritz Langs berühmtem Film, abgedreht – mit Udo Kier, Lars Eidinger, Bela B und Moritz Bleibtreu unter den Schauspielern. Die Serie wird im Frühjahr 2019 ausgestrahlt.

Er habe lange nicht vom Schreiben leben können, erzählt Schalko, der mit 22 begann, Lyrik zu veröffentlichen. „Jetzt ist es zum ersten Mal wirklich realistisch.“ Fürs Regieführen werde man auch irgendwann zu alt, sagt er lakonisch. Dass das Volkstheater plane, seinen neuen Roman zu einem Theaterstück zu machen, findet er „schmeichelhaft“. Viel interessanter aber fände er die Äußerung, die ein Nachbar ihm gegenüber zuletzt getätigt habe: „Dein Buch wird sehr geschätzt in der Unterwelt.“

David Schalko: Schwere Knochen, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2018, 576 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3462050967, Leseprobe, Videotrailer

Master James und die Dame von Welt

Eine Dame von WeltDer US-amerikanische Schriftsteller Henry James wäre wohl in Deutschland langsam in Vergessenheit geraten, wenn es sich nicht ein paar wenige Verlage in den vergangenen Jahren zur Aufgabe gemacht hätten, ihn immer wieder zu verlegen. Zuletzt hat der Aufbau-Verlag die Salonerzählung „Eine Dame von Welt“ von ihm veröffentlicht, ein kleines Büchlein, geeignet für die ersten zarten Bande, die ein Leserherz zu diesem Autor knüpfen kann. Die Gelegenheit, ihn (wieder) zu entdecken, bietet auch der Kalender: Heute vor 100 Jahren ist James gestorben.

James war und ist dafür bekannt, dass er in seinen Werken mit Vorliebe die Gegensätze zwischen der „Alten Welt“ Europa und der „Neuen Welt“ Amerika und die unterschiedlichen Verhaltensweisen thematisierte. Als „Eine Dame von Welt“ entstand, galt er bereits als führender Schriftsteller seiner Generation und hatte den Ruf eines zukünftigen Erfolgsautors. Zwei Jahre zuvor waren „Washington Square“ und „Bildnis einer Dame“ (beide 1881) erschienen. Die britische Schriftstellerin Rebecca West, die eine Studie über James verfasst hat, bezeichnete „Washington Square“ als Übergangsroman in James‘ Werdegang. Und die Biographin Hazel Hutchison schreibt in ihrem 2015 veröffentlichten Buch über James: „Nach ‚Washington Square‘ war James gerüstet, ein Meisterwerk zu schaffen.“

Hutchison meint damit nicht „Eine Dame von Welt“, und auch James selbst, der seine Texte sehr kritisch beurteilte, hielt es eher für eine „arme kleine Geschichte“, wie in dem aufschlussreichen Nachwort des Übersetzers Alexander Pechmann zu lesen ist. Dabei ist „Eine Dame von Welt“ eine raffinierte, ausgefeilte und durchdachte Geschichte über Moralvorstellungen sowie die Erwartungen von Männern und Frauen an die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Kein Kind von Traurigkeit

Durch Zufall trifft der wohlhabende Amerikaner Littlemore im Pariser Theater der Comédie-Française auf eine alte Bekannte aus San Diego, Mrs. Headway, der er selbst auch einst zugetan war. Mrs. Headway ist bisher kein Kind von Traurigkeit gewesen, mehrfach verheiratet und skandalumwittert kommt sie nun nach Paris, um einen Weg in die feine Gesellschaft zu finden. Ein junger Mann namens Arthur Demesne macht ihr bereits den Hof, zweifelt aber noch an ihrer Ehrbarkeit. Mrs. Headway hofft, dass Littlemore ihr als Gewährsmann zur Seite steht. Nur mit einem ernst zu nehmenden Fürsprecher, glaubt sie, werde die europäische Aristokratie sie anerkennen.

Der Übersetzer Alexander Pechmann sieht in der „Dame von Welt“ ein satirisches Spiegelstück zu James‘ „Daisy Miller“, jenes Werk, das ihn so schlagartig bekannt gemacht hat. Darin reist ein junges, naives Mädchen aus Amerika nach Europa und entdeckt die „Alte Welt“ staunend, etwas planlos, aber mit schonungsloser Ehrlichkeit. Die „Dame von Welt“ dagegen ist für Pechmann das offensichtlich gegensätzliche Modell: eine mehrfach geschiedene Frau, die schon einige Skandale hinter sich hat, und nun nach Europa kommt, mit dem Plan, in der Gesellschaft anerkannt zu werden. „Daisy Miller“ ende als Tragödie, „Eine Dame von Welt“ dagegen sei eher eine Komödie. Dabei verhehlt Pechmann nicht, dass überhaupt nicht bekannt ist, ob James die „Dame von Welt“ wirklich als Gegenentwurf zu „Daisy Miller“ entworfen hat.

Tatsächlich aber muss man dem Übersetzer zumindest insofern beipflichten, als dass ohne „Daisy Miller“ die „Dame von Welt“ wohl nicht entstanden wäre. Denn mit Daisy hat er zunächst einen völlig neuen Typus von Romanheldin geschaffen: Waren seine Helden zuvor von moralischer Gewissenhaftigkeit geprägt, setzte sich „Daisy Miller“ erfrischend darüber hinweg, indem sie gesellschaftliche Konventionen naiv missachtete, es ihr aber trotzdem nicht an Moral mangelte. Aufgrund ihrer Jugendlichkeit durfte sie naiv ihre Erfahrungen sammeln.

Stellung der Frau in der Gesellschaft

Mrs. Headway dagegen hat in „Die Dame von Welt“ bereits umfangreiche Erfahrungen gemacht und sich bislang ebenfalls nicht um Konventionen geschert. Nun aber steht auch bei ihr die Ehrbarkeit in Frage, eine Eigenschaft, die heute seltsam anmutet, aber damals eine ungeheure Bedeutung hatte. Eine Frau war (auch für britische und amerikanische Autoren) damals nur dann ehrbar, wenn sie in der Lage war, die idealisierte Rolle der Frau und Mutter zu erfüllen. James sah das inzwischen anders. Seine Biographin Hazel Hutchison schreibt: James‘ „Freundschaften mit unkonventionellen Frauen wie Alice Mason und Fanny Kemble, lehrten ihn, dass etwas falsch war an der gegenwärtigen Stellung der Frau in der Gesellschaft – und dies war ein ergiebiges Thema für seine Literatur“.

„Eine Dame von Welt“ ist deshalb nicht nur als mögliches Spiegelbild zu „Daisy Miller“ zu lesen, sondern auch als beachtenswerte Novelle eines Feministen. Zudem ist es ein interessantes Zeugnis von James‘ eigenen Erfahrungen mit der englischen Gesellschaft und dem Kreis der amerikanischen Exilanten in London und Paris.

Sprachlich hat Pechmann das ganz vortrefflich übersetzt – von einer Schrecklichkeit abgesehen. Gleich zu Beginn heißt es im Original: „‚So do you – or very charming – it’s the same thing,‘ Littlemore answered, laughing, and evidently wishing to be easy.“ Pechmann übersetzt das erschreckenderweise so: „‚Sie ebenfalls – oder sehr bezaubernd, was dasselbe ist‘, lachte Littlemore und wünschte sich offenkundig, wirklich entspannt zu sein.“ Es wird wohl schwierig sein, einen Satz zu lachen. Wenn der Übersetzer dessen dennoch mächtig sein sollte, darf er das dem Rezensenten gerne einmal vortragen!

Sollte man nun „Eine Dame von Welt“ lesen? Unbedingt! Und damit nicht genug, dieses Jahr sollten Sie nutzen, um das Werk von Henry James für sich zu entdecken. „Eine Dame von Welt“ ist ein angenehmer Beginn – von dort lässt es sich wunderbar im Werk vor und zurück reisen. Die Ausgabe des Aufbau-Verlags kommt in einem gelben, flexiblen Leineneinband daher, umschlossen mit einer Banderole, dazu ein farblich passendes, gelbes Lesebändchen. Allenfalls ein stabiler Leineneinband hätte den optischen und vor allen haptischen Eindruck noch verbessert.

Henry James: Eine Dame von Welt – Eine Salonerzählung, Aufbau Verlag, Berlin, 2016, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen und Banderole, 16,95 Euro, ISBN 978-3351036348, Leseprobe

Seitengang dankt dem Aufbau-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Ein Manifest zur Sexarbeit

Hure spielenMelissa Gira Grant ist in den USA eine der bekanntesten Stimmen in der Debatte um Sexarbeit. Jetzt ist ihr Sachbuch „Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit“ auch auf Deutsch erschienen. Es beleuchtet vor allem die Diskussion in den USA, wo das Kaufen und Verkaufen von Sex illegal ist. Die Analyse der Journalistin, die früher selbst Sexarbeiterin war, stellt überzeugend die Vielfalt der Sexarbeit dar, aber auch wie einfältig wir immer noch das Thema betrachten. Dabei finden sich auch nachdenklich stimmende Parallelen zur deutschen Debatte um ein Verbot der Prostitution. Wer sich zu diesem Thema eine Meinung erlaubt, sollte „Hure spielen“ gelesen haben.

Das Buch der US-Autorin in der Öffentlichkeit zu lesen, könnte zur Folge haben, dass Sie skeptische, prüfende Blicke ernten. Zunächst auf den Buchumschlag, dann ins Gesicht. Abschätzend, nicht unbedingt abschätzig. „Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit“ steht in großen Lettern auf der Vorderseite des Buchdeckels. „Hure“ funktioniert als Reizwort und ist immer noch zutiefst negativ besetzt.

Grant, die dem Hurenstigma ein eigenes Kapitel widmet, erklärt, dass auch viele Menschen, die gar nicht der Sexarbeit nachgehen, mit dem Wort „Hure“ gebrandmarkt werden: „Sie werden mit diesem Stigma behaftet, weil sie gegen bestimmte ‚Zwangstugenden‘ verstoßen haben, oder weil ihnen das unterstellt wird.“ Die Äußerung des Hurenstigmas als Folge der feministischen Tradition der Hurenbewegung könne aber einen Ausweg aus der Situation bieten, indem sich Frauen innerhalb und außerhalb der Sexbranche mehr miteinander solidarisieren.

Das Wort von dem Hass befreien

In einem späteren Kapitel erklärt Grant jedoch, dass es womöglich schwierig sei, genug aktive und ehemalige Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter zusammenzubekommen, die „sich darauf einigen können, die Bezeichnung ‚Hure‘ für sich positiv zu besetzen, so wie das mit dem Adjektiv ’schwul‘ gelungen ist.“ Dabei sei es doch erstrebenswert, das Wort von dem Hass zu befreien, den es mit sich trage, und den Mechanismen etwas entgegensetzen zu können, mit denen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter definiert oder in Kategorien eingeteilt werden.

„Ich glaube nicht, dass wir irgendjemanden und schon gar nicht uns selbst abwerten, wenn wir uns selbst als ‚Huren‘ bezeichnen. Allein schon um zu zeigen, dass niemand durch das abgewertet wird, was zwischen meinen Beinen passiert, und auch nicht durch das, was ich darüber zu sagen habe, sollten wir den Begriff ‚Hure‘ für uns besetzen.“

Grant ist selbst ehemalige Sexarbeiterin, hat aber in ihrem Buch ausdrücklich nicht von ihren Erfahrungen geschrieben, sondern andere zu Wort kommen lassen. Trotzdem ist es eine sehr persönliche Streitschrift geworden, auch weil sie nicht immer journalistisch korrekt objektiv berichtet und analysiert und auch mit Humor und Polemik nicht spart. Aber sie stellt die Fragen, auf die es oft nur unbequeme Antworten gibt. Und in vielen Bereichen ist dieses Buch vor allem eins: ein Manifest der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter.

Stereotyper Irrglaube

Kommen wir zum Lesen in der Öffentlichkeit zurück: Wird Frauen womöglich eine andere Motivation zur Lektüre unterstellt als Männern? Das könnte eine Folge des stereotypen Irrglaubens sein, Männer seien die Freier, Frauen die Prostituierten. Doch es gibt Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter. Dankenswerterweise beschränkt sich Grant in ihrem klugen Buch nicht nur auf die Frauen in der Sexarbeit, sondern bezieht auch die Männer und Transsexuellen ein.

Die „Prostituierten-Rettungsindustrie“ aber, wie die Ethnologin Laura Augustín das Phänomen nennt, sieht nur die Frauen – und die sind stets die Opfer. Nach Ansicht der „Retter“ muss deshalb zum einen den Sexarbeiterinnen geholfen werden, weil sie von den Freiern ausgenutzt werden, zum anderen aber auch den Frauen, die sich gegen die professionellen Reize der Sexarbeiter nicht wehren können. Diesen Irrglauben beleuchtet die deutsche Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal in ihrem lesenswerten Vorwort auch in einem Exkurs zum Thema Geschlechtsehre.

Grant streitet für viele Aspekte der Sexarbeit. Aber am wichtigsten ist ihr, dass Sexarbeit tatsächlich als Arbeit anerkannt wird, als Option, Geld zu verdienen und der Armut zu entkommen. Die „Rettungsindustrie“ aber erkenne die Sexarbeit nicht nur nicht als Arbeit an, sondern glaube darüberhinaus zu wissen, dass keine Prostituierte ihrer Arbeit freiwillig nachgeht. So werde die Kritik der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter an den Bedingungen der Sexarbeit oft „schlicht als Beweis für deren eigentlichen Wunsch gelesen (…), eine andere Arbeit zu finden.“ Dabei gehörten Beschwerden über Arbeitsbedingungen zu jeglicher Art von Arbeit und sollten nicht anders gesehen werden, nur weil sie Prostituierte äußern. Grant zitiert als Beispiel zu diesem häufigen Missverhältnis die Journalistin Sarah Jaffe, die als Kellerin gearbeitet hat: „Niemand wollte mich je aus dem Gastronomiesektor retten.“

Warnung vor einseitigen Darstellungen

Dass Sexarbeit nicht immer nur Arbeit ist, sondern auch mit Gewalterfahrungen zusammenhängen kann, verschweigt Grant indes nicht. Aber sie warnt davor, die Arbeit einseitig und stets als Gewalterfahrung darzustellen und sie für die „Rettungsindustrie“ zu instrumentalisieren. So gebe es auch andere Arbeitsfelder, in denen Frauen ausgebeutet oder an der Gesundheit geschädigt werden, und trotzdem nenne man deren Beschäftigungsfeld Arbeit. Im Bereich der Sexarbeit aber scheine die Distanz zu fehlen.

Grants Buch handelt selbstverständlich auch viel von der Sexarbeit in den USA. Dort kommt es immer wieder zu demütigenden Polizeieinsätzen gegenüber Menschen, die verdächtigt werden, der Prostitution nachzugehen, und Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter werden gesellschaftlich ausgegrenzt. Grant zeigt detailliert, wie die Sexarbeit systematisch kriminalisiert wird.

Einen weiteren unglaublichen Teil besorgt dann noch ein Teil des Feminismus‘, der fordert, man müsse die Prostitution zum Wohle der Frauen verbieten, ohne je zuvor mit einer Prostituierten gesprochen zu haben. Auch dafür kämpft Grant mit ihrem Buch: Dass die Öffentlichkeit den Sexarbeitern zuhört. Dass sie gehört und vor allem ernst genommen werden. Dass sie über die Gefahren in ihrem Leben sprechen können. Und dass sie nicht gleich in eine Opferrolle gedrängt werden.

Das lässt sich auch auf Deutschland beziehen, wenngleich sich hier die Situation für Prostituierte verbessert hat. Aber auch hier sollten Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter am Gesetzgebungsverfahren beteiligt werden. Es sei denn, sie gelten auch bei uns nur als Opfer. Oder als Unmündige. Die öffentliche Debatte zu den angestrebten Änderungen der Bundesregierung am Prostitutionsgesetz ist weitestgehend verstummt. Es ist den Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern, aber auch unserer Gesellschaft zu wünschen, dass Grants Manifest die Debatte wieder anheizt.

Melissa Gira Grant: Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit, Edition Nautilus, Hamburg, 2014, 191 Seiten, Taschenbuch, 14,90 Euro, ISBN 978-3894017996, Leseprobe

12 Frauen

AnnaliederWelche Entdeckung ist diese Autorin! Ein gutes Dreivierteljahr, nachdem Nadine Kegele bei der Lesefestwoche Wien aus ihrem Debütwerk „Annalieder“ vorgelesen hat, stellt sich das Gefühl der Hochachtung schnell wieder ein. Der Erstling, endlich vollständig vom Rezensenten gelesen, ist so tief beeindruckend wie schwierige Kost, aber nicht für jedermann geeignet.

„Annalieder“, das sind zwölf Erzählungen über zwölf Frauen, von denen Anna nur eine ist. Diese Geschichten sind allesamt keine Lieder, die man vergnügt trällern würde, obgleich sie Momente der Komik haben. Es sind vielmehr Melodien, die zu nachdenklichen Chansons taugen, viel Moll, einige Misstöne, scheinbar Unpassendes dazwischen, wie ein Klavierspieler, der zu viele Tasten auf einmal trifft.

Die Frauen in Kegeles Geschichten stecken mitten drin. Im Leben, im Schlamassel, im Auf- oder Ausbruch. Die eine schneidet sich versehentlich die Brustwarze auf, als sie mit dem Rasierer in der Hand nach dem Duschgel greift. Die andere kämpft mit den erzkonservativen Vorstellungen ihres Mannes, der eine Schlagbohrmaschine nicht in der Hand einer Frau sehen möchte und meint, Schwangere dürfen nicht verreisen.

Vaterfiguren zum Partner

Eine sucht sich Vaterfiguren zum Partner („Warum keinen Vater suchen, wenn man einen Vater vermisst, hatte sie geantwortet und mit dem Arm über ihren Mund gewischt.“), eine andere ist Prostituierte und mag nicht mehr.

Kegeles Frauen sind verwundet, ob nun tatsächlich blutend wie eine aufgeschnittene Brustwarze oder seelisch. Es geht um den alltäglichen Kampf der Geschlechter, das ewige „Mann und Frau“, das noch immer nicht gleichberechtigt ist. Es geht aber auch um Scham und existenzielle Fragen.

Schwangerschaft ist ebenso ein großes Thema bei Kegele. „Mir tut es immer leid, wenn sichtlich schwangere Frauen im Publikum sitzen und ich diese Geschichten vortrage“, sagte sie bei ihrer Lesung in Wien. Aber eine Mutterschaft sei etwas Schwieriges, wo Frauen viel abverlangt werde.

Man muss sich mit den Erzählungen beschäftigen

Auch dem Leser wird einiges abverlangt, vor allem Konzentration. Manch einer mag sagen, dieses Büchlein zu lesen, sei Arbeit. Ja, das ist es vielleicht, aber mehr im Sinne von Beschäftigung. Man muss sich mit diesen Erzählungen beschäftigen, denn so lapidar Kegele auf den ersten Blick schreibt – wer die Wörter nur überfliegt, könnte die Landebahn für den Sinn verpassen.

Kegele schreibt nicht nur, sie richtet an. Da finden Sätze plötzlich kein Ende, sodass man meint, man habe Unfertiges vor sich. Die Sprache ist so beschädigt wie die Heldinnen der Erzählungen. Das muss man nicht mögen, aber man kann es. Es sind Kunst-Erzählungen. Nicht über Kunst, sondern mit Kunst. Gekonnt.

Das haben auch andere schon erkannt: Die junge Vorarlberger Autorin, die mit 18 nach Wien kam und dort nach dem Zweiten Bildungsweg Germanistik, Theaterwissenschaften und Gender Studies studierte, ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Unter anderem ist sie die Publikumspreisträgerin des Bachmann-Preis-Wettbewerbs 2013.

Kegele schreibt wie Kegele

Neue Autoren werden gerne mit großen Namen verglichen. „Schreibt wie Proust.“ „Denkt wie Aristoteles.“ „Erinnert an Hemingway.“ Hier mal was Neues: Kegele schreibt wie Kegele. Sie braucht keine großen Namen und Vergleiche.

Wer sich ihr und ihrem Werk erst mal vorsichtig und mit Bedacht nähern möchte, dem sei ihre Homepage empfohlen. Auch bei Twitter kann man ihr folgen. Außerdem hat sie für die Literaturseite zehnSeiten.de aus „Annalieder“ vorgelesen. Das Video ist noch bei YouTube abrufbar.

Am 25. August erscheint im Wiener Czernin Verlag der erste Roman von Nadine Kegele („Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“). Für eine Passage aus diesem Buch hatte Kegele im vergangenen Jahr den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs gewonnen.

Der Textauszug war innerhalb der Jury höchst umstritten, wie auf der Internetseite des Bachmann-Preises nachzulesen und zu sehen ist. Dem Publikum aber scheint er gefallen zu haben. Ob Kegele auch einen ganzen Roman so kunstfertig schreiben kann, und ob dem Leser auch das zusagt, bleibt indes abzuwarten.

Nadine Kegele: Annalieder, Czernin Verlag, Wien, 2013, 112 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3707604467, Leseprobe