Ego und Ego

Das Buch „Der Raum, in dem alles geschah“ ist als eines der wichtigsten Trump-Enthüllungbücher angekündigt worden, die in diesem Jahr auf den Markt kommen. Doch der mehr als 600 Seiten dicke Wälzer über die Erlebnisse und Eindrücke des ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton liest sich wie ein ermüdendes, minutiöses Sitzungsprotokoll – und verrät zu wenig über das hinaus, was bereits bekannt ist. Neben dem viel zu detaillierten Blick hinter die Kulissen entlarvt Bolton nicht zuletzt seine eigene charakterliche Ähnlichkeit zu Donald Trump. 

John Bolton war 519 Tage lang Sicherheitsberater im Weißen Haus. Er gilt als umstrittener, konservativer Hardliner und Vertreter einer aggressiven militärischen Außenpolitik. Zur Zeit der Präsidentschaft von George W. Bush war Bolton Berater im US-Außenministerium und propagierte zum Beispiel intensiv den Einmarsch der US-Truppen in den Irak. Zuvor war er bereits für George Bush und Ronald Reagan tätig. Er ist scharfer Kritiker der Vereinten Nationen, setzte sich für das Recht ein, dass Privatpersonen weltweit Schusswaffen tragen dürfen und war langjähriger Kommentator des rechten US-Nachrichtensenders Fox News, der es mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt und zu Trumps Lieblingssendern gehört. Erst im April 2018 übernimmt Bolton den „zweitbesten Job“ als Nationaler Sicherheitsberater. Eigentlich wollte er Außenminister werden.

Dass rund 17 Monate seit Trumps Wahlsieg im November 2016 vergehen sollen, bevor Bolton der Regierung beitreten darf, scheint ihn getroffen zu haben. Anklänge der kopflosen Hinhaltetaktik finden sich im ersten Kapitel mit dem Titel „Der lange Marsch zu einem Eckbüro im West Wing“. Am 17. November 2016 nimmt der Reigen seinen Anfang. Trump ruft Bolton an und erklärt vielsagend: „Wir werden Sie in den nächsten Tagen hier bei uns haben, und wir ziehen Sie für eine Reihe von Möglichkeiten in Betracht.“ Thanksgiving ruft Trumps Schwiegersohn und Chefberater Jared Kushner an: „Donald ist ein großer Fan von Ihnen, wie wir alle.“ Bolton sei durchaus noch im Rennen für den Posten des Außenministers. Tage, Wochen und Monate vergehen, während sich das Personalkarussell weiterdreht. Ein republikanischer Stratege empfiehlt Bolton zwischenzeitlich, „zu versuchen, der letzte Mann zu sein, der noch steht“. Bolton hat Kontakt zu Vize-Präsident Mike Pence, Reince Priebus (vorübergehend Trumps Stabschef), Steve Bannon (vorübergehend Chef-Stratege im Weißen Haus), Rex Tillerson (vorübergehend US-Außenminister) – und immer wieder auch zu Donald Trump, der ihn regelmäßig um Rat fragt.

„Einige von denen denken, Sie sind der böse Bulle“

Boltons eiserne Ausdauer wird belohnt. Im April 2018 kommt es zum Schulterschluss der beiden Männer, den wohl kaum ein Wortwechsel am Telefon besser belegen kann, als dieser:
Trump: „Einige von denen denken, Sie sind der böse Bulle.“
Bolton: „Wenn wir ‚guter Bulle / böser Bulle‘ spielen, ist der Präsident immer der gute Bulle.“
Trump: „Das Problem ist, dass wir zwei böse Bullen haben.“

Bolton schreibt dazu: „Und ich konnte hören, wie die anderen, die im Oval zur Geheimdienstbesprechung waren, lachten, genau wie ich.“ Doch die gelöste Stimmung weicht bei Bolton bald der sicheren Gewissheit, dass Trump das Land nicht wie ein erwachsener Präsident führt, sondern wie ein Kind auf der Suche nach dem größten, eigenen Nutzen. Erschüttert diagnostiziert er Trumps Defizite beim Intellekt und Allgemeinwissen. So soll er Bolton gefragt haben, ob Finnland zu Russland gehöre. Trump ist auch längst nicht der Hardliner, für den Bolton ihn anfangs wohl gehalten hat. Trump rasselt lieber nur mit dem Säbel, während der Militarist Bolton ihn im Zweifel auch einsetzen würde, zum Beispiel bei politischen Gegnern wie Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. Trump setzte jedoch auf eine diplomatische Lösung.

Sprachlich und stilistisch keineswegs hervorragend

Das Meiste davon ist bereits überholt, berichtet, bekannt. Neben der überflüssig wortreichen sowie sprachlich und stilistisch keineswegs hervorragenden Protokollierung des politischen Geschehens lässt sich deshalb nicht viel essentiell Neues aus dem Buch entnehmen. Es fühlt sich an wie ein Dokumentarfilm, bei dem ein aufwendig produzierter Trailer schon die besten Szenen vorweggenommen hat. 

Man muss sich wohl auch fragen, warum Bolton für zwei Millionen Dollar Honorar unbedingt dieses Buch schreiben, gleichzeitig aber partout nicht im Amtsenthebungsverfahren gegen Trump aussagen wollte, wenn die Demokraten ihn vorgeladen hätten. Bolton steht schon länger im Verdacht, dass er sich nur an Trump rächen und sein eigenes Ego stärken wollte. Die Journalistin Jennifer Szalai schreibt in ihrer Buchkritik in der New York Times: „Das Buch strotzt vor Selbstbewusstsein, obwohl es am meisten davon erzählt, dass Bolton nicht viel erreichen kann.“ Treffender geht es kaum.

Dass „Der Raum, in dem alles geschah“ in den USA dennoch zu einem Bestseller wurde, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen „funktionieren“ Trump-Bücher auf dem Buchmarkt, gerade im Wahljahr. Amerika liebt und hasst den Präsidenten, und man kann so trefflich über ihn streiten. Die Verlage wissen darum und nutzen den Hype. Möglicherweise endet er in diesem November. Und einen besseren Veröffentlichungszeitpunkt als direkt zum Präsidentschaftswahlkampf hätte sich Bolton nicht aussuchen können. Zum anderen hat Trump selbst die Verkaufszahlen effektiv in die Höhe getrieben, als er Bolton einen Lügner nannte und die Regierung das Buch verbieten lassen wollte.

Überraschungsdeal in Deutschland

In Deutschland ist Boltons schwergewichtige Abrechnung am 14. August vom Kleinverlag „Das neue Berlin“ veröffentlicht worden. Die Berliner Verlagsgruppe Eulenspiegel, zu der der Verlag gehört und die aus früheren DDR-Verlagen hervorgegangen ist, hat damit einen wahren Überraschungsdeal hingelegt. Gegenüber der Fachzeitschrift Buchreport erklärte die zuständige Mitarbeiterin für Rechte und Lizenzen, sie seien selbst ein bisschen überrascht gewesen, dass sie den Zuschlag bekommen hätten, aber „wir wollten das Buch und haben schnell die Vorbereitungen für Übersetzung und Druck getroffen“. An manchen Stellen merkt man die notwendige Rasanz, mit der das deutsche Übersetzerteam über die Seiten fegen musste, damit der Verlag es weniger als zwei Monate nach der US-amerikanischen Veröffentlichung auf Deutsch auf den Markt bringen konnte.

Was hat „Der Raum, in dem alles geschah“ geändert? Im Grunde nichts. Die Republikaner im Kongress ignorieren die in immer neuen Büchern deutlich manifestierte Faktenlage für Trumps Unvermögen, Planlosigkeit und Ich-Bezogenheit – und so erging es auch Boltons mit Spannung und Furcht erwarteten Bericht aus der Schaltzentrale der Macht. In Bob Woodwards Buch „Rage“ (USA: 15. September; Deutsch: „Wut“, 19. Oktober) werden ebenfalls neue brisante Details veröffentlicht. Und wieder wird man sich fragen: Wird es Trump schaden? Das Problem ist: Nach fast vier Jahren Trump-Regierung und zahllosen Büchern, Filmen und Artikeln über ihn hat sich eine gefährliche Gewöhnung eingestellt. Die Wahrheit überrascht nicht mehr. Nur eine Wahl kann jetzt noch etwas ändern.

John Bolton: Der Raum, in dem alles geschah, Das neue Berlin, Berlin, 2020, 640 Seiten, gebunden, 28 Euro, ISBN 978-3360013712, Leseprobe

Seitengang dankt dem Verlag „Das neue Berlin“ für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Es kann nur einen geben

Manche Menschen wünschen sich die perfekte Liebe, den perfekten Partner, der wie beim biologischen Schlüssel-Schloss-Prinzip zu einem anderen Menschen passt. Zeitschriften, Bücher, TV-Serien und Filme nähren diese Sehnsucht nach Vollkommenheit. Auch Singlebörsen leben davon, dass manch einer nie zufrieden ist.

In der nicht ganz so fernen Zukunftsversion von John Marrs Roman „The One“ hat die Suche nach dem perfekten Partner ein Ende. Denn mit dem Online-Angebot „Match your DNA“ ist es möglich, den allereinzigen Partner zu finden, der aufgrund der DNA zu einem anderen Partner passt. Das perfekte Match. Was man dafür tun muss? Einfach nur einen Gentest machen und dann: warten. Millionen von Menschen weltweit haben diesen Test gemacht und „sind glücklich geworden“. Journalisten würden schreiben: „Nach eigenen Angaben des Unternehmens.“ Denn kann wirklich unsere DNA darüber entscheiden, wie glücklich wir mit einem Partner werden? Oder ist es nicht vielmehr die Hoffnung, die ein Mensch darauf setzt, dass das jetzt aber nun wirklich mal der richtige Deckel zum Topf ist?

Nicht  nur diesen Fragen geht der britische Journalist und Autor in seinem Buch nach, sondern entwickelt auch Szenarien, wie sehr es unter dem Deckmäntelchen des DNA-Glücks brodeln kann. Welche kriminelle Energie möglich ist. Und wie Glück dann doch wieder zu Unglück führt. Willkommen in der Spirale der Suche nach dem perfekten Partner! Oder wie Albert Camus formuliert: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Christopher, der Serienmörder

Das Setting und die Idee sind hervorragend, die Umsetzung allerdings dürfte nur denjenigen gefallen, die seichte Unterhaltung schätzen und in Buchhandlungen zielsicher zu pinkfarbenen Büchern greifen. In kurzen Cliffhanger-Kapiteln folgen wir fünf Hauptpersonen, die ihre teilweise fiesen Erfahrungen mit „Match your DNA“ machen: Es beginnt mit Mandy (ja, der Ohrwurm drängt sich auf), die unter anderem aufgrund mehrerer Fehlgeburten ihre Ehe in den Sand gesetzt hat und jetzt beginnt, die Social-Media-Profile des „schönen Fremden“ zu stalken. Problem: Ihr perfektes Match ist vor kurzem verstorben. Dann hätten wir noch Christopher, den Serienmörder, der allerdings, soviel darf verraten werden, nicht für den Tod von Mandys Match verantwortlich ist. Seine perfekte Partnerin arbeitet bei der Polizei. Das muss man wollen.

Nick wiederum möchte den DNA-Test gar nicht machen, aber seine Verlobte Sally will sicher gehen, dass sie in biologischer Hinsicht füreinander bestimmt sind. Denn ihre Eltern sind mittlerweile zum dritten (Mutter) und vierten Mal (Vater) verheiratet. „Und ich will nicht genauso enden.“ Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Nicks perfekter Partner ein Mann ist. Und auch die unsichere Jade hat ein Match, allerdings nicht in England, sondern in Australien. Einigermaßen naiv lässt sie alles stehen und liegen und fliegt zu ihm. Als sie vor seiner Tür steht, ist Kevin nicht allein zu Haus. Am Telefon sagt er: „Tut mir leid, du hättest nicht kommen sollen.“ Und legt auf. Traumtyp!

Und zuletzt ist da noch die schwerreiche Ellie, ein „irrer Kontrollfreak“, wie sie ein Exfreund offenbar zurecht bezeichnet hatte, die, aus zu großer Angst vor den Boulevardmedien und deren Interesse, ihr Privatleben nach außen zu kehren, keinen Mann an sich heranlässt. Umso argwöhnischer ist diese klischeehaft gezeichnete Frau mit ihren Miu-Miu-Highheels, der Bettwäsche aus Mako-Baumwolle und dem Kronleuchter aus Swarovski-Kristallen, als auch sie plötzlich ein DNA-Match hat. Ärgerlicherweise entstammt Timothy Hunt (nomen est omen?) nicht ihrer Gesellschaftsriege und entspricht äußerlich nicht ihrem Typ. (Der Mann steht auf Coldplay, die Foo Fighters und die Stereophonics und hat so gut wie alle Filme mit Matt Damon oder Leonardo DiCaprio gesehen.) „Kurz gesagt war Timothy Hunt allem Anschein nach ein unauffälliger Mann, mit dem Ellie jedoch auf ganz besondere Weise verbunden war.“ Es kann nur einen geben – und das zieht sogar bei Ellie.

Kaum raffinierte Cliffhanger

Alle fünf nicht besonders einfallsreich gezeichneten Figuren begegnen sich nie. Die mäßige Spannung entwickelt sich durch die kurzen Kapitel und die kaum raffinierten Cliffhanger. Weil die Abfolge der Figuren immer dieselbe bleibt, muss man also vier andere Kapitel lesen, bevor man weiterlesen kann und weiß, ob Christopher die Frau jetzt wirklich umgebracht hat oder nicht (bei seinem Ziel, 30 Frauen zu töten, kann man sich die Chancen ausrechnen).

Wer sich die äußere Aufmachung anschaut, kann ahnen, dass der Roman nicht in literarischen Höhen schwebt. Wir sind nicht nur auf dem Niveau von Privatsender-Vorabend-Seifenopern, sondern befinden uns zudem auf einem simplen Romantiklevel  von Bella und Edward aus der Twilight-Saga oder Anastasia Steele und Christian Grey aus der „Shades of Grey“-Reihe. Allerdings entsteht beim Lesen von „The One“ kein Schmerz durch Schläge mit der Hand, sondern durch Tiefschläge mit dem literarischen Können. Dem Roman ist noch ein geistreiches Zitat aus Victor Hugos Roman „Die Elenden“ vorangestellt, danach geht’s triefend bergab – das Problem der Fallhöhe von literarischen Mottos. Einige Beispiele:

Fünf Beispiele literarischer Tiefschläge

„‚Oh mein Gott‘, flüsterte sie. Ohne es zu bemerken, hatte sie den Atem angehalten. In ihren Fingerspitzen kribbelte es, und sie spürte, dass sie rot wurde. Wenn sie schon so auf ein Foto reagierte – was würde dann erst in ihrem Körper passieren, wenn er leibhaftig vor ihr stand?“

„Indem sie jedoch zugelassen hatte, dass unter ihrem dicken Fell ihre warme, liebevolle Seite hervorleuchtete, hatte sie sich verwundbar gemacht. Wegen ihrer Entdeckung hatte sie so vieles verloren, doch diese Opfer, so schwor sie sich, sollten nicht vergebens sein.“

„Ein Teil von ihr wollte Mark ohrfeigen, ein anderer dagegen sich nur so fest wie möglich an ihn drücken.“

„Jade hatte sich noch nie so herzlos gefühlt wie in den Moment, als sie, halb nackt und noch immer ganz erhitzt, vor ihrer Schwiegermutter stand, mit deren Sohne sie gerade geschlafen hatte – der allerdings nicht der war, den sie geheiratet hatte.“

„‚Es zerreißt mir das Herz, das so zu sagen, aber wenn ich nicht durchdrehen will, muss ich dich gehen lassen. Wenn es jemand wäre, der nicht dein Match ist, würde ich um dich kämpfen. Aber mich mit den Genen anzulegen, ist aussichtslos.'“

Wer in diesen Zeiten seichte Unterhaltung sucht und den Kopf nicht zu sehr anstrengen mag, kann hier zugreifen. Allen anderen sei geraten: unterstützen Sie Buchhandlungen in Ihrer Stadt und bestellen Sie dort etwas anderes. In der Seitengang-Rubrik „Vortreffliches“ finden Sie Anregungen. „The One“ landet dagegen in der Rubrik „Werke, die das Regal nicht braucht“.

John Marrs: The One – Finde dein perfektes Match, Heyne Verlag, München, 2019, 496 Seiten, broschiert, 15,99 Euro, ISBN 978-3453320611, Leseprobe

Finale ohne Finesse

mind-controlWenn Sie all jene Menschen sehen, die im Alltag auf ihre Handys und Tablets starren und die Umgebung völlig zu vergessen scheinen, denken Sie manchmal daran, dass ein Bösewicht sie alle hypnotisiert? Dass er Schindluder mit ihnen treibt? Sie sollten das in Erwägung ziehen, oder Stephen Kings neuer Roman „Mind Control“ wird Ihnen brutal die Augen öffnen. Dabei ist der abschließende Roman der Trilogie um den pensionierten Cop Bill Hodges leider nicht so raffiniert und brillant gelungen wie seine beiden Vorgänger.

Die unheilbringenden Geräte in Kings neustem Wurf sind keine Mobilfunkgeräte, sondern etwas viel profaneres: tragbare Videospielsysteme aus vergangenen Zeiten, als solche Spiele noch auf kleinen LCD-Bildschirmen liefen. Man könnte meinen, die Dinger locken heutzutage nur noch Sammler und Nerds hinter dem Ofen hervor. Und dennoch: Ob Teenager, Krankenschwester oder ein querschnittsgelähmtes Unfallopfer – die billig produzierten Spiele üben auf die Menschen in „Mind Control“ einen seltsam faszinierenden Reiz aus.

Nicht von ungefähr, das darf man wohl verraten, stehen sie alle in Verbindung zu einem Mann namens Brady Hartsfield, der im April 2009 bei einer Amokfahrt acht Menschen getötet und dutzende weitere verletzt hat. Jenem Hartsfield, dem King mit dem ersten Roman der Hodges-Trilogie („Mr. Mercedes“, Rezension) eine Stimme gegeben hat – und die man bis zum Ende des zweiten Teils für endgültig verstummt hielt.

Geschickter Schachzug

Ja, Hartsfield ist zurück, und er will sich rächen – an den vielen jungen Mädchen, die bei seinem letzten großen Coup nicht gestorben sind, vor allem aber an seinem Erzfeind Hodges. Der hatte mit seinem Team den verheerenden Anschlag auf ein Boygroup-Konzert verhindert, Hartsfields Hirn zu einer undefinierbaren Masse zerschlagen und ihn zu einem Pflegefall gemacht. Den Bösewicht zurück auf die Bühne zu heben, ist ein geschickter Schachzug. Aber es ist kein guter, der das Spiel in eine andere Richtung bringt.

Der Plot wirkt, als seien dem Meister des Horrors und des Grauens die Ideen ausgegangen. Schon aus „Mr. Mercedes“ weiß der Leser, dass Hartsfield überzeugend einen anderen Menschen zum Suizid bringen kann. Jetzt soll er trotz zerstörtem Hirn und mit ein wenig übermenschlichen Kräften in der Lage sein, sein suizidales Werk zu verfeinern.

Hätte es nach dem fulminanten Thriller-Auftakt mit „Mr. Mercedes“ und dem wahrlich begeisternden zweiten Teil („Finderlohn“, Rezension), der eine lesenswerte Abhandlung über das Spannungsverhältnis zwischen Leser und Autor war, nicht einen würdigen und adäquaten Abschluss geben können? Das skurrilste Ermittler-Trio der Horror-Welt, das man im ersten Teil so lieben gelernt hat, schwächelte bereits im zweiten Roman, nur um im Finale seine Extravaganz völlig zu verlieren.

Es riecht nach einem Showdown

In „Mind Control“ bleiben nur noch zwei Hauptcharaktere übrig: Brady Hartsfield und Bill Hodges, dem jetzt auch noch die Gesundheit schwer zu schaffen macht. Das riecht nach einem Showdown! Und diese Vorhersehbarkeit der Geschichte ist ein weiterer Kritikpunkt.

Es fehlt an Rückschlägen, an Abzweigungen, unvorhersehbaren Wendungen, für die King so bekannt ist. Viel zu linear ist dieser Roman erzählt, wenn man von den teilweise auch noch ziemlich langen Rückblenden absieht, die Nichtkenner der ersten beiden Teile ins Boot holen soll. Nein, dieser Roman ist zu dürftig und zu wenig originell, als dass er der Wucht der Vorgänger gerecht werden könnte. Schade, dass Kings fantasievoller Ausflug in die Detektivgeschichten mit so einem schwachen Schlusspunkt enden muss.

Stephen King: Mind Control, Heyne Verlag, München, 2016, 528 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453270862, Leseprobe, Buchtrailer

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 10./11. Dezember 2016) erschienen.

Remarque hätte daraus Literatur gemacht!

Berliner OrgieDer Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig hat sich für die Berliner Boulevardzeitung B.Z. ins Rotlichtmilieu der Hauptstadt begeben. Dabei herausgekommen ist – man hätte es bei dem Auftraggeber erwarten können – vor allem ein einseitiger, naiver Bericht über die Prostitution in Berlin, ohne den Frauen die ausreichende Gelegenheit zu geben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Brussig gibt zu, von der Prostitution keinen blassen Schimmer zu haben, erschreckenderweise zeigt er sich aber auch noch als frauenverachtender Macho.

Den Job habe er angenommen, weil ihn seine Ahnungslosigkeit beschäme, schreibt Brussig im Vorwort. Das ist nur eine von vielen Erklärungen, die er parat hat. Ihn interessiere auch „das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Denn in der Welt der Prostitution ist es in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Hier ist es nicht der Mann, der versucht, die Frau ins Bett zu kriegen – hier ist es umgekehrt. Frauen wollen mit Männern Sex haben.“ Ein „Traumjob“ sei es für ihn, das sei mal klar. Weil er nur dieses eine Mal die „köstliche Freiheit des Naiven“ haben könne. Und: „Die Frauen wollen sowieso.“ Ja, klischeehaft ist es auch, dieses Buch.

Und so drückt er sich dann zu Beginn erst einmal am Straßenstrich der Oranienburger Straße herum und fabuliert in Gedanken über das treffendste Synonym für diese Art der Prostituierten. Nachdem er schon den eigentlich korrekten Begriff der Sexarbeiterinnen für sie ausgeschlossen hat („ist was für Theoretiker und Langweiler“), verweigert er ihnen auch die Schublade „Frauen“ („es gibt schließlich vielmehr Frauen als Frauen„) und stammtischphilosophiert sich dann zur Bezeichnung „Bordsteinflamingos“ durch. Völlig stereotyp lässt Brussig während seiner Streifzüge ohnehin außer Acht, dass die Prostitution kein ausschließlich weibliches Betätigungsfeld ist und es auch Männer und Transsexuelle in der Prostitution gibt.

„Mich stört, dass es über das Geld läuft“

Die US-Autorin Melissa Gira Grant hat in ihrer klugen Analyse „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) dafür gekämpft, dass Sexarbeit tatsächlich als Arbeit anerkannt wird, als Option, Geld zu verdienen und der Armut zu entkommen. Eine Art „Rettungsindustrie“ aber erkenne die Sexarbeit nicht nur nicht als Arbeit an, sondern glaube darüber hinaus zu wissen, dass keine Prostituierte ihrer Arbeit freiwillig nachgeht. Dazu gehört offensichtlich auch Thomas Brussig: „War es Alice Miller, die einmal gesagt hat, dass jede Prostituierte eine Vorgeschichte mit sexuellem Missbrauch hat? Das kann ich mir lebhaft vorstellen, denn ein Körper, der immer respektiert wurde, wird sich nicht wahllos zur Verfügung stellen, auch nicht für Geld.“ Mehr noch: „Es ist etwas an der Prostitution, das ich, ganz altmodisch, nicht richtig finde. Mich stört, dass es über das Geld läuft.“

Wer das in Brussigs Vorwort liest, hofft noch, dass sich dessen Einstellung ändert. Dass er den Sexarbeiterinnen zuhört und sie ernst nimmt, und ihnen auch die Gelegenheit bietet, etwa über die Gefahren in ihrem Leben zu erzählen. Doch das ist offenbar nicht Brussigs Ansinnen. Die Frauen, denen er begegnet, wissen nichts von seinem Auftrag. Er flunkert ihnen vor, Architekt und das erste Mal in einem Nachtclub oder einem Bordell zu sein. So hofft er auf Verständnis, wenn er dann doch wieder die Flucht antritt, denn seiner Frau musste er versprechen, dass es für sein „Puffbuch“ niemals zum Äußersten kommt. Die Sexarbeiterinnen erfahren das nicht, der Leser immerhin im letzten Drittel des Buches.

Wie aber soll sich ein ehrliches Gespräch zwischen Autor und Sexarbeiterin entwickeln, wenn Brussig von Anbeginn mit falschen Karten spielt? Respekt hat er gegenüber den Sexarbeiterinnen nicht, fordert den auf der anderen Seite aber deutlich für sich ein: „Was mir an ihr gefällt: dass sie mich mit Respekt behandelt. Es ist ein professioneller Respekt, aber den hätte sie nicht, wenn sie mit dem, was sie tut, nicht im Reinen wäre. Wenn alle Huren wären wie Kamila, dann wäre Hure kein Schimpfwort mehr.“ Das alles entlarvt das Buch als das, was es wirklich ist: Ein boulevardeskes Schundstück für die männlichen B.Z.-Leser.

Boxershorts mit roten Herzchen

Darüber hinaus erfährt der Leser Dinge über Thomas Brussig, die er sicher nie wissen wollte. Angefangen bei den Boxershorts mit roten Herzchen, die Brussig offenbar nicht nur im Schrank liegen hat, sondern auch anzieht. Dann bekennt Brussig auch noch, dass er nicht mit jeder könne, „wäre dann aber für eine ganze Menge offen“. Je länger seine Testreihe dauert, desto mehr rümpft Brussig die Nase. Nur zwei Etablissements haben es ihm angetan: Der Swingerclub „Tempeloase“ („Die Orgien haben starken Eindruck auf mich gemacht“) sowie das Bordell „Artemis“, bei dem sich Brussigs Beschreibung allerdings wie eine Werbebroschüre liest, so begeistert ist er.

In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt (25. März 2007) hat er erklärt, er wolle das „ungefähr so schreiben, wie es vielleicht Remarque getan hätte, wenn er in den Zwanzigern diesen Auftrag bekommen hätte. Eine Melange machen aus konkreten Erlebnissen, etwas Zeitkolorit und natürlich allgemeingültigen, zeitlosen Erkenntnissen über Mann und Frau.“ Mit Verlaub: Aber Remarque hätte daraus Literatur gemacht!

Immerhin hat Brussig das Buch einen lukrativen Nachfolgeauftrag eingebracht: Udo Lindenberg nämlich hat ihn daraufhin als Autor für dessen Musical „Hinterm Horizont“ verpflichtet. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau (12. Januar 2011) sagte Lindenberg: „Ich hab ihn 2007 bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille kennen gelernt. Da hatte ich gerade dieses Rotlichtbuch „Berliner Orgie“ von ihm gelesen. Das gefiel mir, und da hab ich ihm die Story erzählt von dem Mädchen aus Ost-Berlin.“

„Berliner Orgien“ ist 2007 erschienen und glücklicherweise mittlerweile vergriffen. Brussig, der mit dem Wenderoman „Helden wie wir“ bekannt geworden ist, hat zuletzt im Jahr 2015 den Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ veröffentlicht. Das „Orgien“-Buch sollte man in der Brussig-Bibliothek tunlichst vermeiden. Wer sich aber für das Thema Sexarbeit interessiert, dem seien unbedingt Melissa Gira Grants „Hure spielen“ (Edition Nautilus, 2014) sowie Tanja Birkners Porträt-Bildband „Halbe Stunde“ empfohlen.

Thomas Brussig: Berliner Orgie, Piper Verlag, München, 2007, 205 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 16,90 Euro, ISBN 978-3492050371 (vergriffen)

Gone Girl zum Zweiten

Girl on the TrainWie konnte „Girl on the Train“ nur ein Bestseller werden? Es erinnert an allen Ecken und Kanten an Gillian Flynns Bestseller „Gone Girl“, kann aber mit dem Vorbild an Raffinesse und Spannung überhaupt nicht mithalten. Hintergründig betrachtet, ist „Girl on the Train“ das Produkt einer perfekten Werbemaschinerie. Immerhin aber gelingt der Autorin Paula Hawkins bei der Protagonistin des Romans die vortreffliche Darstellung einer alkoholkranken Frau.

Jeden Morgen fährt Rachel mit dem Zug nach London, und jeden Morgen hält der Zug an derselben Stelle auf freier Fläche an. Dann geht ihr Blick zum Fenster hinaus und hinüber zur Wohnsiedlung, die direkt an die Bahngleise grenzt. Früher hat sie dort auch gewohnt, mit ihrem Mann, glücklich, in der kleinen Vorstadtidylle. Jetzt wohnt eine neue Frau bei ihrem Ex-Mann, sie haben ein kleines Kind zusammen, und Rachel kommt und kommt nicht los von ihrem Tom, der nicht mehr ihrer ist. Und weil sie das Leben derzeit so deprimiert, sehnt sie sich nach Liebe, Zuneigung, Geborgenheit und projiziert all diese Wünsche auf ein junges Paar, das sie nicht kennt. Sie nennt sie Jess und Jason.

Beide wohnen ebenfalls in der kleinen Wohnsiedlung an den Bahngleisen. Und jedes Mal, wenn Rachels Zug dort halten muss, beobachtet sie das Leben der beiden. Vieles malt sie sich aus, einiges aber kann sie auch aus dem Fenster sehen. Eines Tages bricht das Bild einer perfekten Liebe entzwei, denn Rachel beobachtet eine Szene, die sie in Mark und Bein erschüttert. Wenig später liest sie in der Zeitung von einem Vermisstenfall – daneben ein Foto von ihrer Jess. Für Rachel steht außer Frage, dass sie ihre Beobachtungen nicht für sich behalten sollte und begibt sich nicht nur dadurch in Gefahr.

Nach 32 Seiten drängt sich der Vergleich auf

Das klingt zunächst einmal nach einem soliden Thrillerplot. Nach 32 Seiten aber drängt sich zunehmend der Vergleich mit „Gone Girl“ auf, denn der Roman wird nicht nur aus Rachels Sicht erzählt, sondern auch aus der von Megan, die man bis dahin nur unter dem Namen „Jess“ kennt. Megans Erzählung aber beginnt ein Jahr zuvor und bewegt sich auf das Jetzt zu, während Rachels Erzählstrang linear in der Gegenwart verläuft. Das kennen Leser bereits von „Gone Girl“: Dort ist es der Ehemann, der die Gegenwart erzählt, und aus dem Tagebuch der verschwundenen Ehefrau erfahren die Leser, was zuvor passiert ist. Beide Erzählstränge wechseln sich auch bei „Gone Girl“ immer wieder ab. Doch die Konstruktion des Romans ist nicht die einzige Parallele. Die englischen Romantitel sind in beiden Fällen auch in der deutschen Übersetzung beibehalten worden und klingen zumindest so ähnlich, dass es wohl eher kein Zufall ist. Auch beide Covergestaltungen ähneln sich in Farbe und Typographie.

Der Verlag Blanvalet, der zur Verlagsgruppe Random House gehört, hat zur Veröffentlichung eine große Werbekampage gefahren, die ihre Wirkung offensichtlich nicht verfehlt hat, denn auch in Deutschland kletterte das Buch in den Bestsellerlisten nach oben. Besucher der Bertelsmann-Party 2015 in Berlin fanden in ihren Überraschungstüten ein Exemplar von „Girl on the Train“ – ein geschickter Werbe-Schachzug, um das Buch auch unter den Promi-Multiplikatoren zu verbreiten. Doch kann man das Bertelsmann und Blanvalet wirklich vorwerfen? So funktioniert die Buchbranche nun mal.

Was man dem Roman jedoch lassen muss, ist die hervorragende und zum Fremdschämen geeignete Darstellung der alkoholkranken Rachel. Alkohol ist hier kein Genussmittel mehr, was sich schon daran erkennen lässt, dass sie Gin & Tonic fertig gemischt aus Dosen trinkt. Im Grunde ist Rachel ständig sturzbetrunken und weiß oft am Morgen nicht mehr, was sie in der Nacht so alles angestellt hat, nachdem sie sich am Laden um die Ecke noch eine Flasche Wein gegönnt hat. Oft hat sie dann ihren Ex-Mann angerufen und gebettelt, dass er sie doch wieder lieben solle. Der aber macht sie stattdessen runter und stürzt sie damit noch weiter in die Abhängigkeitsspirale. Hin und wieder redet sie sich ein, keinen Alkohol mehr zu trinken und sich einen neuen Job zu suchen, doch der Vorsatz hält manchmal wenige Tage, häufig jedoch nur wenige Stunden und ein paar Enttäuschungen, bis sie wieder zum Hochprozentigen greift.

Wer kann ihr glauben?

Alkoholisiert ist sie aber die denkbar schlechteste Zeugin für ein mögliches Verbrechen. Wer kann ihr glauben, wenn sie Träume für die Realität hält und ihr allzu oft eine Alkoholfahne vorausflattert? Paula Hawkins stellt das alles hervorragend und sehr eindringlich dar. Auch den Leser führt sie damit gerne an der Nase herum, so dass durch die verschiedenen Sichtweisen immer mehr mögliche Perspektiven und Tatvarianten ins Spiel kommen. Das ist durchaus gut gemacht.

Was bleibt, ist also eine ganz solide Thrillerhandlung, verbunden mit einer ausgezeichneten Darstellung des Alkoholismus. Von Paula Hawkins darf man sicher noch mindestens einen weiteren Roman erwarten, denn die in Simbabwe aufgewachsene Autorin wird wohl gerne an ihren Erfolg anknüpfen wollen. Hawkins arbeitete fünfzehn Jahre lang als Wirtschaftsjournalistin, bevor sie unter dem Pseudonym Amy Silver mit dem Schreiben von Liebesromanen begann. „Girl on the Train“ ist ihr erster Roman unter ihrem Klarnamen. Die Filmrechte hat sich Dreamworks gesichert, und am 7. Oktober 2016 kommt der Film schon in die amerikanischen Kinos. Die Rolle von Rachel hat die britisch-US-amerikanische Schauspielerin Emily Blunt („Der Teufel trägt Prada“, „Lachsfischen im Jemen“) übernommen.

Paula Hawkins: Girl on the Train – Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich, Blanvalet Verlag, München, 2015, 447 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3764505226, Video-Buchtrailer, Leseprobe