Finnlands letzter Schund

Lauras letzte PartyEine Gruppe von finnischen Autoren und Drehbuchschreibern hat sich an einer Krimi-Trilogie versucht. Band 1 ist jetzt auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag erschienen. Der Fall über das Verschwinden einer Schülerin und die Facebook-Ermittlungen einer Ex-Polizei-Internetspezialistin und jetzigen Sonderpädagogin ist ihnen jedoch nicht geglückt. Sie hätten das Schreiben wohl besser einem versierten Krimi-Autoren überlassen sollen.

Miia Pohjavirta ist internetsüchtig und musste deshalb ihren Job als Coach bei der Polizei in Helsinki aufgeben, wo sie einst die Einheit für Ermittlungen in sozialen Netzwerken begründete und dann schnell als Internet-Spionin bekannt geworden ist. Das soll nun alles der Vergangenheit angehören, denn sie hat ein völlig neues Betätigungsfeld gefunden: In ihrer Heimatstadt Palokaski arbeitet sie jetzt an ihrer alten Schule als Sonderpädagogin. Ein Teil ihrer früheren Clique wohnt noch immer in dem ruhigen, finnischen Nest, und ihr kleiner Bruder Nikke arbeitet an ihrer Schule als Psychologe.

Ausgerechnet am letzten Ferientag, als sich Miia gerade dem versammelten Lehrerkollegium vorstellen möchte, wird bekannt, dass die 16-jährige Schülerin Laura Anderson verschwunden ist. Wie jedes Jahr hatten die Schüler die Ferien mit einer Party am Badestrand beendet. Seitdem wurde Laura nicht mehr gesehen.

Keine normale Beziehung zu der 16-Jährigen

Miia verfällt schnell wieder in alte Muster: Sie bietet ihrem ehemaligen Chef ihre Hilfe bei den Ermittlungen an, sie recherchiert bei Facebook mögliche Hintergründe für das Verschwinden und wird schnell darauf gestoßen, dass ihr Bruder Nikke offensichtlich keine ganz so normale Beziehung zu der 16-Jährigen gehabt haben soll, wie man es gemeinhin von einem Schulpsychologen erwartet.

An sich ist der Plot eine Kriminalgeschichte, wie es sie zigfach schon in anderen Büchern erzählt worden ist. Die finnische Uusimaa Newspaper findet jedoch, das Buch sei „ein dunkler, psychologischer Thriller, ein fesselndes Beziehungsdrama in Zeiten des Internets“. Dass nun ausgerechnet eine Internetspezialistin mit Fachgebiet „Soziale Medien“ ermittelt, ist für diejenigen, die das Internet noch für Neuland halten, vielleicht spektakulär. Digital Natives können darüber nur müde lächeln. Und leider nimmt gerade die Internetrecherche dann auch noch zu wenig Raum ein. Es genügt einfach nicht, eine Ermittlern ein wenig durch Facebook zu schicken, um dem Leser deutlich zu machen, dass hier eine Spezialistin am Werk ist.

Wer wirklich einen guten Thriller lesen möchte, in dem eine Internetspezialeinheit der Polizei agiert, sollte beherzt zu der neuen Reihe von Karl Olsberg rund um die “Sonderermittlungsgruppe Internet” des LKA Berlin greifen. Der zweite Band ist im Frühjahr erschienen, weitere werden wohl folgen. Von der Palokaski-Trilogie jedoch kann man nur abraten.

Ein finnischer Anwalt sagt „Servus“

Möglicherweise liegt es an der Übersetzung, dass der Roman auch sprachlich nicht ansprechend ist. Dass die Schuldirektorin nicht in der Lage sein soll, die Grammatik zu beherrschen, ist wohl kaum vorstellbar. Dennoch gebraucht sie „brauchen“ ohne „zu“, und der Rezensent wird nicht müde werden, solche grammatikalischen Fehler zu erwähnen. Und dass ein finnischer Anwalt zur Verabschiedung tatsächlich „Servus“ sagten sollte, ist zwar ein nettes Beispiel von einem zusammenwachsenden Europa, aber dennoch eher ungewöhnlich.

Letztlich kann ein Leser von einer Sonderermittlerin der Polizei wohl mehr Feingefühl, Klasse und Lebenserfahrung erwarten, als Gedankengänge wie diese hier: „Als Verdächtiger kam der sonderbare Kauz auch weiterhin in Frage. Wer so unverfroren über die Brüste fremder Frauen redete, konnte sich locker an seinen Schülerinnen vergreifen.“ Das ist eigentlich nur eins: Billige Schund-Kriminalliteratur, die den Stempel „Literatur“ nicht verdient hat. Es erstaunt, dass es der renommierte Suhrkamp-Verlag ist, der sich die „Palokaski“-Trilogie an Land gezogen hat. Wer so großartige Krimi-Autoren wie Don Winslow, Reginald Hill und André Georgi im Programm hat, kann doch solche Bücher nun wirklich Publikumsverlagen wie Bastei Lübbe überlassen.

„Lauras letzte Party“ enttäuscht auf der ganzen Linie. Teil zwei und drei erscheinen im September und November. Wer den ersten Teil gelesen hat, muss im Grunde auch zum zweiten und dritten greifen, denn eine Lösung ist im ersten Buch nicht annähernd in Sicht. Wer aber gute Kriminalliteratur schätzt, findet sicher Besseres als die „Palokaski“-Trilogie.

J. K. Johansson: Lauras letzte Party, Suhrkamp Verlg, Berlin, 2015, 267 Seiten, Taschenbuch, 8,99 Euro, ISBN 978-3518465905, Buchtrailer, Leseprobe

Eine viel zu kurze Geschichte von fast allem

Eine schöne junge FrauDer niederländische Autor Tommy Wieringa hat einen Kurzroman über einen erfolgreichen Virologen geschrieben, der sich in eine 15 Jahre jüngere Frau verliebt. Als die beiden ein Schrei-Baby bekommen, nimmt das Drama seinen Lauf. Leider ist der nur 124 Seiten lange Roman mit Themen dermaßen überfrachtet, dass er seine Stärke nicht entfalten kann. Die Kürze jedoch hat Gründe.

Jedes Jahr im Frühjahr wird in Amsterdam die „Nationale Buchwoche“ gefeiert, bei der Verlage ihre Neuerscheinungen vorstellen und Autoren aus ihren Werken lesen. Traditionell vergibt die Veranstalterin, die „Stiftung Kollektive Propaganda für das niederländische Buch“, jedes Jahr einen lukrativen Auftrag an einen Autoren, einen kurzen Roman zu schreiben, der dann an die Buchkäufer verteilt wird. Das sogenannte Buchwochengeschenk wird immer von bekannten Autoren verfasst. Harry Mulisch, Cees Nooteboom und Salman Rushdie haben schon ihren Beitrag dazu geleistet. Im Jahr 2014 bekam Tommy Wieringa den Auftrag. Das Ergebnis ist das jetzt in Deutsche übersetzte Werk „Eine schöne junge Frau“.

Edward ist 42 Jahre alt, als er auf einer Caféterrasse sitzt und eine unfassbar schöne, junge Frau an sich vorbeiradeln sieht. Wenig später trifft er Ruth in einer Billardkneipe wieder und macht Nägel mit Köpfen. Trotz des Altersunterschieds verlieben sich die beiden ineinander und heiraten. Als auch der Kinderwunsch nach langen Mühen in Erfüllung geht, könnte ihr Glück perfekt sein, doch Ruth entwickelt den irrsinnigen Glauben, ihr Sohn reagiere allergisch auf Edward und sei deshalb solch ein Schrei-Kind. Fortan übernachtet er nicht mehr im Ehebett, sondern im Dachstuhl.

Aber ihr Glück ist auch vorher schon nicht perfekt, denn Edward geht mit einer jungen Chemielaborantin fremd. Sein Gewissen beruhigt er mit sozialpsychologischen Studien, nach denen es nicht anormal ist, dass ein Mann in der Schwangerschaft seiner Frau fremd geht. Außerdem glaubt er, er habe sich schon zu sehr an die Schönheit seiner Frau gewöhnt, so dass neue optische Reize hermüssen: „Man gewöhnte sich an alles. Und was war Gewohnheit anderes als der erste Schritt zum Tod? Auch ihre Schönheit führte nicht automatisch zu Geilheit, ganz im Gegenteil, ein Mädchen wie Marjolein van Unen erregte ihn viel mehr als seine tausendmal besser aussehende Frau.“

Der Nährboden ist damit genug bereitet, um ein Ehedrama darzustellen. Wieringa hätte nur alle anderen Themenanrisse unterlassen sollen: Die Tierversuche, zu denen Edward als Virologie eine sehr drastische Einstellung hat, die Geschichte des Aids-Virus‘, von der der allwissende Erzähler in epischer Breite berichtet, die Nebenhandlung mit Ruths Bruder. Stattdessen hätte Wieringa die Tücken des Altersunterschieds intensiver herausarbeiten und die Ängste vor Verlust und Alleinsein sowie die Überlegungen zum Ehebruch stärker in den Blick nehmen können.

Außerdem bleiben vor allem die Frauenfiguren des Romans seltsam blass, obwohl der Leser sie mit Edwards Augen betrachtet. Zu selten wird ihnen die Bühne bereitet, auf der sie sich hervortun können. Edward ist und bleibt der Dreh- und Angelpunkt dieses Romans, und auch das ist schlichtweg zu wenig. Warum sich Ruth beispielsweise von der betörend jungen Frau in das streitsüchtige Muttertier verwandelt, wird nicht annähernd erklärt.

Glücklicherweise ist der Roman wenigstens sprachlich gelungen. Wieringa beobachtet sehr fein, hat Sinn für leise Zwischentöne, und manche Sätze und Metaphern möchte man sich einfach gern notieren. Zum Beispiel: „Die Hitze lag seufzend wie ein Hund auf der Straße.“ Oder die Beschreibung des Schrei-Babys: „So tritt der Lärm in Edwards Leben, wie ununterbrochen hupende Lastwagenfahrer im Streik, angeführt von einem Umzug des Vereins ‚Mopeds ohne Auspuff‘. Hundert lautstark wehklagende semitische Witwen bilden das Schlusslicht.“ Wieringa vereint Witz und Ernsthaftigkeit, ohne dass es gekünstelt wirkt. Doch sprachliche Raffinesse genügt nicht. So bleibt „Eine schöne junge Frau“ leider nur ein Werk, das das Regal nicht braucht.

Tommy Wieringa: Eine schöne junge Frau, Carl Hanser Verlag, München, 2015, 124 Seiten, gebunden, 14,90 Euro, ISBN 978-3446247888, Leseprobe

Hercule Poirot wäre lieber tot geblieben

Die Monogramm-MordeIhre Autoren liegen unter der Erde, aber die einst erfundenen Helden sind einfach nicht totzukriegen: Sherlock Holmes ermittelt noch immer, obwohl Arthur Conan Doyle längst das Zeitliche gesegnet hat. James Bond ist weiter im Dienste Ihrer Majestät unterwegs, Ian Fleming aber hat das Schreiben todesbedingt aufgeben müssen. Und jetzt ist auch noch Hercule Poirot, der wohl berühmteste belgische Privatdetektiv, wiederbelebt worden – eine Exhumierung, die man besser sein gelassen hätte.

Auch Agatha Christie ist tot, aber sie hat – wenn man ihren Erben glauben soll – eine würdige Nachfolgerin in der britischen Thrillerautorin Sophie Hannah gefunden. Der 43-Jährigen, die in England auch wegen ihrer preisgekrönten Lyrik bekannt ist, erlaubte man deshalb, Poirots 34. Fall zu schreiben. Was ist es geworden? Ein possierliches Krimistück, dem man die Ehrfurcht vor dem großen Vorbild anmerkt und das nicht richtig in Gang kommt.

Die Arroganz in Person sitzt in den 1920er Jahren in einem Londoner Kaffeehaus, als eine junge Frau in den kleinen Laden hastet. Augenscheinlich wird sie verfolgt, denn sie blickt sich ständig nach der Tür um. Poirot wird auf das Schauspiel aufmerksam und bietet selbstverständlich seine Hilfe an – wer sonst könnte der Dame helfen, wenn nicht der Meister selbst? Doch Mademoiselle Jennie ist sich gewiss: Sie wird schon bald das Opfer eines Mordes, der sogar gerechtfertigt sei. Poirot aber möge auf keinen Fall nach dem Mörder suchen.

Prädestinierter Sidekick

Der hat bald auch ganz andere Sorgen, denn im Hotel Bloxham sind drei Leichen gefunden worden, zwei Frauen und ein Mann, jeweils in einem anderen Zimmer. Jede Leiche hat einen Manschettenknopf mit dem Monogramm PIJ im Mund, und das ist noch längst nicht das letzte Rätsel, dem sich Poirot gegenübersieht. Begleitet wird er von seinem Freund von Scotland Yard, Edward Catchpool, einem nicht besonders hellen Burschen und deshalb prädestinierten Sidekick.

Wie Catchpool selbst gerät der Leser aber immer mehr in gründliche Verwirrung, während Poirot fortlaufend erklärt, er habe schon Lunte gerochen und man würde schon bald verstehen, was er selbst längst durchschaut habe. Der Fall ist nicht nur kompliziert, sondern wird immer unübersichtlicher. Hannah scheint es zusätzliche Freude zu bereiten, ihren Helden selbstbeweihräuchernd über die Strenge schlagen zu lassen. Er ist auch bei Christie immer ein eitler Geck gewesen, aber Hannah versucht offenbar zu zeigen, wie gut sie Christies Poirot imitieren kann. Das nervt und trägt nicht zum Lesegenuss bei.

Stattdessen hätte dem Roman etwas mehr Spannung gut getan. Aber leider zieht die Geschichte dahin wie ein vergessener Teebeutel im lauwarmen Wasser. Es mag Leser geben, die dem Plot aus Eifersüchteleien auf dem Land und einer späten Rache dennoch etwas abgewinnen können. Die Mimi, die ohne Krimi nie ins Bett geht, hat „Die Monogramm-Morde“ aber gewiss nicht unterm Arm.

Sophie Hannah: Die Monogramm-Morde – Ein neuer Fall für Hercule Poirot, Atlantik Verlag, Hamburg, 2014, 338 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3455600162, Leseprobe

Die Zukunft hat schon begonnen

Der CircleDave Eggers Buch „Der Circle“ wird als das „1984“ des Digitalzeitalters beworben. Seitdem der Roman im August auch in Deutschland erschienen ist, wird er vielfach gelobt und gefeiert. Sogar renommierte Literaturkritiker wie Iris Radisch und der eigentlich so kluge Denis Scheck überschlagen sich förmlich und finden kaum Worte der Kritik. Doch um es deutlich zu sagen: „Der Circle“ ist alles andere als visionär. Und sterbenslangweilig ist er auch.

Der „Circle“ ist ein fiktiver Onlinedienst mit Sitz in Kalifornien. Nicht irgendeiner, sondern der größte und beliebteste. Er bietet die Online-Identität, mit der schlichtweg alles abgewickelt werden kann. Ein bisschen wie Google. Und ein bisschen wie Google versucht auch der „Circle“, den Weg zum Monopol zu beschreiten. Mit allen Mitteln.

Natürlich ist der „Circle“ auch ein begehrter Arbeitgeber. Und so ist vielleicht auch die Dankbarkeit und Überglücklichkeit der 24-jährigen Mae Holland zunächst zu verstehen, als sie einen Job beim „Circle“ ergattert. Der Roman steigt mit ihrem ersten Arbeitstag ein und begleitet Mae danach ganz linear bei ihren Erfahrungen.

Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas

Mit ihr entdeckt der Leser auch den „Circle“-Campus, der das Nonplusultra von Arbeit und Freizeit vereint: Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas bieten nicht nur helle Arbeitsräume und Büros, sondern auch Wohneinheiten für die Mitarbeiter, Fitnessräume, ein Schwimmbad, ein medizinisches Zentrum, eine Kindertagesstätte, ein Kino. Grünflächen laden zum Verweilen ein, und auf einer Bühne treten internationale Stars auf und geben kostenlose Konzerte, weil es eine Ehre ist, auf dem „Circle“-Gelände spielen zu dürfen. Das alles geht mit dem Wunsch des „Circles“ einher, dass sich das Leben seiner Mitarbeiter nur noch auf dem Campus abspielen sollte.

Doch der „Circle“ will noch mehr: Anfangs hat Mae nur zwei Bildschirme auf ihrem Schreibtisch stehen. Dann drei. Bald fünf. Immer mehr Aufgaben werden der jungen Mitarbeiterin zugeteilt. Und noch ein weiterer Bildschirm. Über die sozialen Netzwerke soll sie die Community stets über ihre Lieblingsprodukte auf dem Laufenden halten und immer mehr neue Freundschaften schließen. Als sie schließlich noch eine Kamera um den Hals trägt, die rund um die Uhr ihr Leben aufzeichnet und live ins Internet sendet, bleibt ihre Privatsphäre gänzlich auf der Strecke. Der „Circle“ nennt das „transparent werden“.

Doch ist das alles so visionär wie einst George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“? Beide Bücher wurden im Zusammenhang mit „Der Circle“ immer wieder genannt. Viele der „Circle“-Visionen haben wir jedoch längst erreicht. Die Daten-Armbänder zum Beispiel, die Informationen zu Maes Gesundheit anzeigen, gibt es schon. Die Firma Apple hat gerade erst die iWatch präsentiert, die Ähnliches vermag. Bei Facebook oder Foursquare verbreiten wir, was wir mögen und wo wir uns gerade aufhalten, und Webcams weben ein immer dichteres Netz digitaler Scheinwerfer in die dunkelsten Ecken unserer Welt. Ohnehin sind wir über unsere Smartphones inzwischen fast überall und immer erreichbar. Schalten wir die Geräte ab, fehlt uns etwas. Wir haben gelernt, nicht privat sein zu müssen. Um es also mit dem Titel des lesenswerten ersten Buchs des Zukunftsforschers Robert Jungk zu sagen: „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Der Roman „Der Circle“ aber bringt uns nichts, was wir nicht ohnehin schon wissen.

Geradezu überschwenglich gelobt

Vielleicht darf man das nicht als Makel dieses Buches sehen. Vielleicht genügt es schon, „mit einem Roman eine wichtige gesellschaftliche Debatte neu zu befeuern“. Das nämlich bescheinigt die Wochenzeitung Der Freitag dem Autor. Soviel ist sicher: Das Buch wird geradezu überschwenglich gelobt. Doch wird damit eine Debatte losgetreten oder gar befeuert? Vornehmlich werden damit die Verkaufszahlen befeuert, aber eine Debatte rund um die Auswirkungen des Internets auf die Menschheit und die Privatsphäre? Eher nein.

Man dächte sicherlich auch gnädiger über einen solchen Roman, wenn er wenigstens gut geschrieben wäre, oder zumindest so spannend und facettenreich, wie ihn manche Rezensenten offensichtlich gesehen haben:

„Eggers hat […] einen wahnsinnig fesselnden Roman [geschrieben], der Schauder hervorruft, den man […] keine Minute mehr aus der Hand legen möchte.“ (Hamburger Abendblatt)

„Aufregende Lektüre bis zur letzten Seite.“ (NDR Kultur)

„Dave Eggers hat sehr viel Ahnung von den katastrophischen Nachtseiten unserer Zeit. [Eine] grandiose Dystopie […].“ (Matthias Mattusek)

„Der Circle […], voller Dialogwitz und Rasanz, ist schon jetzt das meistdiskutierte Buch der Saison hierzulande – und das mit vollem Recht.“ (Bayrischer Rundfunk)

Doch „Der Circle“ ist leider auch stilistisch nicht gelungen: flache Figurenzeichnungen und schiefe Bilder gibt es hier eine Menge. Das fängt bei der Protagonistin Mae Holland an, die unglaublich naiv zu Werke geht. Möglicherweise ist das Absicht, aber so unreflektiert kann man doch nun wirklich nicht sein. Am Abend ihres ersten Arbeitstages ist Mae auf einer Party auf dem Campus eingeladen und trifft einen unbekannten Mann. Sie geht mit ihm mit. Denn: „Sie empfand in diesem Moment so viel Liebe für alle innerhalb dieser Mauern, wo alles neu und alles erlaubt war.“

Ähnlich gelingen Eggers auch Personenbeschreibungen: „Er hatte die Haut eines Kindes, die Augen eines deutlich älteren Mannes und eine markante Nase, schief und krumm, aber irgendwie verlieh sie dem Rest des Gesichts Stabilität, wie der Kiel einer Jacht.“ Ja. Das ist selten schöner ausgedrückt worden. Wie auch die Sexszene, an der sich Eggers versucht: „‚Mae‘, sagte er, als sie sich gegen ihn presste, ihre Hüften von seinen Händen gehalten, ihn so tief aufnahm, dass sie seine geschwollene Spitze irgendwo nah an ihrem Herzen spüren konnte.“ Und das soll Spaß machen? Kaum vorstellbar. Das kann nur wehtun!

Darüber hinaus ist die Welt, die Eggers in seinem Roman entwirft, sehr schlicht gehalten. Ist es wirklich vorstellbar, dass ein Konzern wie der „Circle“ so schnell an die Macht kommt und bestehende demokratische Strukturen ändern kann, ohne dass nennenswerte Gegenwehr aufkommt? Wohl kaum. Auch im „Circle“-Konzern ist Kritik praktisch nicht vorhanden. Die Angestellten finden alles dufte und jubeln ihrem Management bei jeder Präsentation frenetisch zu. Es gibt zwar einen geheimnisvollen Gegenspieler, der aber bleibt ziemlich blass im Hintergrund.

Mit seinen Vorgängerwerken sehr aufgefallen

Im Vorfeld durfte man sehr gespannt sein auf das Buch. Der Verlag rührte ordentlich die Werbetrommel und sorgte für die entsprechende Neugier. All die positiven Besprechungen taten das Übrige. Doch Dave Eggers ist in der Literaturszene auch kein Unbekannter mehr. Mit seinen Vorgängerwerken „Weit gegangen“ und „Zeitoun“ ist der US-Amerikaner bereits einem breiten Publikum aufgefallen.

In „Weit gegangen“ beschrieb er die Flucht eines sudanesischen Jungen ins rettende Äthiopien, ein sehr an die Nieren gehendes Stück Literatur, das auf einer wahren Lebensgeschichte beruhte. Auch „Zeitoun“, mehrfach ausgezeichnet, schildert einen wahren Fall: Nach dem Hurrikan Katrina gerät die syrisch-amerikanische Familie Zeitoun ins Visier der amerikanischen Terrorismusfahnder.

Die Vermischung von Fiktion und Realität mit den Stilmitteln der Literatur – das ist Eggers‘ Markenzeichen und seine große Kunst. In „Der Circle“ gelingt das alles leider nicht. Die Erwartungen an einen neuen großen Wurf sind enttäuscht worden. Lesen Sie nicht „Der Circle“. Lesen Sie lieber „Die Zukunft hat schon begonnen“.

Dave Eggers: Der Circle, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2014, 560 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22,99 Euro, ISBN 978-3462046755, Leseprobe

Du hast Angst vorm Hermannplatz

RequiemBerliner Hipster haben längst den Jutebeutel wiederentdeckt. Über der Schulter tragen sie jetzt Aufschriften wie „Bitte nicht schubsen, ich hab einen Joghurt im Beutel“ oder „Mir reicht’s! Ich geh schaukeln!“ durch die Hauptstadt. Das Modelabel „Muschi Kreuzberg“ hat den Beutel „Du hast Angst vorm Hermannplatz“ unters Volk gebracht – er ist mittlerweile ausverkauft. Für Peter Huths Horrorroman „Berlin Requiem“ müsste der Beutel neu aufgelegt werden, denn dort schlurfen am Hermannplatz Zombies durch die Gegend und verbreiten Angst und Schrecken.

Der Hermannplatz. Nüchtern betrachtet ist er nur ein hässlicher, lauter Platz im Norden von Neukölln, Grenze zu Kreuzberg und Knotenpunkt für allerlei Straßen. Graffiti, Karstadt und Multikulti zeichnen ein vielfältiges Bild. Der Hermannplatz wird aber auch seinen negativen Ruf nicht los, ist er doch nicht nur ein Austragungsort für die jährlichen Maikrawalle, sondern auch noch Ausläufer der Hasenheide, Berlins Drogenumschlagsplatz Nummer eins. Und jetzt lässt Peter Huth dort auch noch eine Zombie-Seuche los. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre frohlockt: „Berlin ist voller Zombies – endlich schreibt es mal jemand auf.“

Ganz so ist es leider nicht. „Berlin Requiem“ ist keine Bereicherung der Buchlandschaft, sondern allenfalls eine nette Idee. In der Hauptstadt grassiert eine seltsame Seuche, die die Infizierten zunächst sterben und dann zu Zombies werden lässt. Wer von einem dieser Untoten gebissen wird, kann sich eigenlich nur noch die Kugel geben, denn ein Kopfschuss ist das einzige Mittel dagegen.

Mauerbau rund um die Bezirke Kreuzberg und Neukölln

Der Populist Olaf Sentheim nutzt die Gunst der Stunde und verbreitet über ein Fernsehinterview, dass angeblich nur Menschen mit Migrationshintergrund infiziert werden können. Der Berliner Senat entscheidet, rund um die Bezirke Kreuzberg und Neukölln eine Mauer zu ziehen. Polizisten auf den Wachtürmen kontrollieren, dass niemand rausgelangt. Rein will sowieso keiner. Die verbliebenen Migranten aus den anderen Stadtteilen flüchten, Bürgerwehren bewaffnen sich, rechtes Gedankengut schlägt durch. Die Stadt steht vor dem Ausnahmezustand.

Ein Journalist mit dem sehr sinnigen Namen Robert Truhs recherchiert die Hintergründe, bekommt aber eher zufällig den entscheidenden Hinweis, was dieser Virus tatsächlich alles anrichten kann. Am Ende ist es aber dann doch die Liebe, die zur Entscheidung drängt, denn Truhs erfährt, dass seine Geliebte Sarah in die Kontrollierte Zone innerhalb der Mauer eingedrungen ist.

Peter Huths Freund Kai Meyer, selbst Autor, schreibt im Nachwort eine kurze Geschichte der Horrorfilme, die „schon früh das politische Geschehen gespiegelt“ haben, begonnen mit George A. Romeros „Night of the Living Dead“ (1968), der wirklich sehenswert ist. Für Meyer kommt „Berlin Requiem“ „genau zum richtigen Zeitpunkt“, und er hält das Buch für einen wichtigen Roman. Leider kann man allenfalls ersteres behaupten: Zombies sind nach den Vampiren jetzt gerade noch angesagt, und Huths Roman hat damit noch Chancen, im genreliebenden Publikum seichte Gesellschaftskritik unterzubringen. Wichtig ist der Roman nur für all diejenigen, die unmittelbar oder mittelbar daran verdienen.

Meinungsmacher wie Thilo Sarrazin

Mit „Berlin Requiem“ greift Huth vor allem Meinungsmacher wie Thilo Sarrazin auf. Wie schon in dessen Erstlingswerk verbreitet Sarrazin auch in seinem im Februar 2014 erschienenen Buch „Der neue Tugendterror“ anti-islamische und -muslimische Thesen und klassischen Rassismus. Welche Folgen das haben kann, zeigt Huth am Beispiel des Populisten Olaf Sentheim. Bis der seltsamerweise seine Meinung ändert. Die Beweggründe dafür aber bleiben leider im Dunkeln.

In einem Interview mit dem Online-Medienportal meedia.de erklärt Huth, warum er Zombies nach Berlin geschafft hat: „Weil die Grundthematik die gleiche wie die der Integrationsdebatte ist: Die Angst vor einer rasant wachsenden Masse, die Furcht, dass Quantität eine vermeintliche Qualität schlägt, dass wir überrollt werden von etwas, was uns fremd ist. So kamen die Zombies nach Berlin. Und am Ende, wie in jedem guten Horrorfilm, müssen wir uns am meisten vor denen gruseln, die uns am nächsten sind: unseren Mitmenschen.“

Das stimmt soweit. Das schafft dieses Buch. Das funktioniert aber gerade deshalb so gut, weil Peter Huth ein Boulevard-Mann ist: Volontär beim Express, dann Bild-Journalist in Hamburg und seit 2008 Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung B.Z. – dieser Mann hat den Boulevardjournalismus von der Pike auf gelernt.

Boulevardeske Trivialliteratur

Und genauso schreibt Huth auch seinen Roman: Einfachste Sprache, kurze Sätze, stark emotionalisierend, klassische Schwarz-Weiß-Zeichnung. Das ist ihm nicht vorzuwerfen, weil er es nicht anders kann, aber das macht den Schreibstil leider auch genauso billig, wie die Trash-Zombiefilme monitär in ihren besten Zeiten immer gewesen sind. „Berlin Requiem“ ist boulevardeske Trivialliteratur. Kostprobe gefällig? „Roberts Kopf zuckt, er träumt. Wer schläft, verarbeitet die Wirklichkeit. Kein Wunder, dass Roberts Kopf zuckt.“

Der Roman krankt aber nicht nur am Schreibstil, sondern auch am Erzählgerüst. Immer wieder wird etwa eine völlig unwichtige Dreiecksbeziehung zwischen Robert Truhs, seinem Freund Christian und seiner Geliebten Sarah als Grundlage für ohnehin unlogische Entscheidungen der drei Charaktere herangezogen. Die Hintergründe der Seuche bleiben im Dunkeln, Mechanismen des Katastrophenschutzes fehlen in diesem Zombie-Berlin offensichtlich auch, die Regierung flüchtet nach Bonn und eine nicht besonders intelligente Meute von Berlinern greift zur Waffe. Andere Bürger scheint es nicht zu geben. Das ist nicht wirklich nachvollziehbar. Ein wichtiges Buch? Nein.

Haben Sie keine Angst vorm Hermannplatz! Haben Sie Angst, dass Ihnen jemand dieses Buch empfiehlt!

Peter Huth: Berlin Requiem, Heyne Verlag, München, 2014, 333 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3453676664, Leseprobe, Trailer zum Buch