Buch Wien: Kafkas Konzern, Punkrock, John F. Kennedy und die Eroberung Amerikas

Stefan Franke (r.) mit Moderator Florian Baranyi.
Stefan Franke (r.) mit Moderator Florian Baranyi.

Der Freitag begann für mich mit einer Lesung auf der Standard-Bühne. Stefan Franke stellte dort seinen neuen Roman „Der Konzern“ vor, den Moderator und ORF-Redakteur Florian Baranyi als „sehr kafkaesk“ einführte. Vieles erinnere ihn an Franz Kafkas „Prozess“. Ein Mann namens Florian Köhler (im „Prozess“ heißt der Protagonist Josef K.) wird von einem Konzern als Unternehmensberater engagiert. Sagt er zumindest. Doch niemand in diesem Konzern weiß über seine Einstellung Bescheid. Es stellt sich dann zwar heraus, dass die Bestellung eines sogenannten „Evaluierers“ diskutiert worden war, es bleibt jedoch ungeklärt, ob seine Berufung tatsächlich erfolgte. So darf Köhler zwar bleiben, aber seine eigentliche Tätigkeit nicht aufnehmen.

Der Konzern wiederum scheint alle durch einen gewaltigen, undurchschaubaren bürokratischen Apparat zu kontrollieren und bleibt dabei unnahbar und unerreichbar. Die Angestellten fühlen sich einer nicht direkt greifbaren, seltsam bedrohlichen Hierarchie ausgesetzt.

Bei Überschreitung der Vorschriften – so wird gemutmaßt – droht Schlimmes. Tatsächlich werden von der Konzernleitung aber nie erkennbare Sanktionen gesetzt. Anfangs voll Ehrgeiz und Zuversicht, fühlt sich Köhler zunehmend ohnmächtig angesichts der Diffusität und Undurchschaubarkeit des Systems, in das er sich verstrickt.

“Kafka war mein Lehrmeister“

„Mein ganz großer Pate war Kafka, immer schon; Kafka war mein Lehrmeister“, sagte Franke. Und er sehe in seinem Roman auch Anzeichen von Kafkas „Schloss“. Dort habe der Landvermesser ähnliche Probleme wie der Evaluierer in Frankes „Konzern“. Der 1967 geborene Stefan Franke ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Inhaber einer Werbeagentur und hat mit vielen Firmen und Konzernen zusammengearbeitet. Ihn habe immer abgestoßen, wie Menschen zu einer Personalnummer degradiert werden, gleichzeitig habe ihn aber angezogen, wie schwerfällig Konzerne agierten. Das habe ihn fasziniert.

Franke erzählte eine Anekdote aus seinem Berufsleben: Er war bei einem deutschen Unternehmen in Wien beschäftigt – zu einer Zeit, als es noch keine Großraumbüros gab. Eines Tages sei seinen Kolleg*innen und ihm aufgefallen, wie ein unbekannter, großgewachsener Mann immer durch die Flure und Räume lief, hin und wieder telefonierte und sich Notizen machte, aber sonst keinen Ton sagte. Nach ein paar Tagen habe er den Mann gefragt: „Was machen Sie?“ Der Mann sagte nur ein Wort: „Evaluieren.“ Und dann ging er wieder.

Die Idee für den Roman liegt schon länger zurück, sagte Franke. Wie lange, sagte er nicht. Der Schreibprozess habe dann rund zwei Jahre gedauert. Immerhin ist „Der Konzern“ nicht wie bei Kafkas „Schloss“ ein Fragment geblieben. So viel verrät er: „Herr Köhler kommt ziemlich nah an den Konzern ran, aber wie nah – das sage ich jetzt nicht.“

Stefan Franke: Der Konzern, Hollitzer-Verlag, Wien, 2021, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 20 Euro, ISBN 978-3990128893, Leseprobe

“Pop ist tot“, lang lebe der Punk

Thomas Mulitzer (r.) liest aus seinem Roman. Links: Moderator Florian Baranyi.
Thomas Mulitzer (r.) liest aus seinem Roman. Links: Moderator Florian Baranyi.

Von Kafka zu Punkrock – wenn das mal nicht passt! Der österreichische Singer/Songwriter Thomas Mulitzer stellte am Freitag auf der „Buch Wien“ seinen zweiten Roman vor: „Pop ist tot“. Nach Gott ist jetzt also auch noch der Pop tot. Dabei geht es in Mulitzers Buch weniger um Pop, sondern viel mehr um Punkmusik. Denn „Pop ist tot“ ist nicht nur der Name des Buches, sondern auch der fiktiven Punk-Band, deren ehemalige Bandmitglieder noch heute von ihren Erinnerungen an den Lärm, die Drogen, den Spaß und das jugendliche Gefühl der Unsterblichkeit zehren. „Pop ist tot“ war die glorreichste, lauteste, leidenschaftlichste Punkband der Welt in der österreichischen Provinz der Neunziger.

Aber das ist lange vorbei. Heute kämpfen sich einige durch den grauen Alltag ihrer spießbürgerlichen Existenz, die anderen bekommen ihr Leben nicht auf die Reihe. Bei der erstbesten Gelegenheit fliehen sie auf Teufel komm raus in eine Reunion-Tour quer durch das Land. Dass das in ihrem Alter nicht gutgehen kann, liegt auf der Hand – oder um mit den Ärzten zu fragen: „Ist das noch Punkrock?“

Ein Buch übers Älterwerden und die beste Musik

Der 1988 geborene Mulitzer weiß, wovon er schreibt. Er ist ja nicht bloß Singer/Songwriter, sondern auch noch Gitarrist und Sänger in der Salzburger Mundart-Punkband „Glue Crew“ sowie in der Punkrock-Band „Three on Speed“. Sein Roman sei, kurz zusammengefasst, ein Buch übers Älterwerden und die beste Musik. Punk sei der Ausstieg aus der Leistungsgesellschaft – beim Pop funktioniere das nicht, hier müsse man seine Instrumente beherrschen und sowas wie eine Gesangsausbildung haben. „Beim Punk ist das egal: Hier kann jede*r ein Instrument spielen und jede*r Songs schreiben.“

Dass es auch ein Buch über das Älterwerden ist, liegt schon daran, dass die ehemaligen Punkrocker von „Pop ist tot“ in die Jahre gekommen sind. Sie arbeiten in Hipster-Berufen und haben sozusagen das ehemalige Lebensmodell verraten. „Ich kenne das aus meinem Bekanntenkreis: Musiker, die jetzt 40 Jahre alt sind, sprechen immer wieder von den alten Konzerten, die sie gespielt haben – in dem Alter sehnt man sich zurück zu den Tourzeiten mit der Band. Man muss auch viel warten, auf den Soundcheck, auf den Konzertbeginn, Auf- und Abbau, aber wenn man da raus geht auf die Bühne, dann entsteht das wirklich Wahre, dann schreit man alles raus.“

Gott ist tot, Pop ist tot, und was ist mit dem Punk? „Punk ist wie ein Zombie“, sagte Mulitzer. „Irgendwie unsterblich, aber so richtig lebendig ist er auch nicht mehr.“

Thomas Mulitzer: Pop ist tot, Kremayr & Scheriau, Wien, 2021, 192 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 20 Euro, ISBN 978-3218012812, Leseprobe, Spotify-Playlist zum Roman, Buchtrailer

Drei Krimi-Autorinnen in 30 Minuten

Elia Barceló (v.l.), Teresa Ruiz Rosas, die Übersetzerin (Name nicht bekannt), Mercedes Rosende sowie Moderator Paco Bernal.
Elia Barceló (v.l.), Teresa Ruiz Rosas, die Übersetzerin (Name nicht bekannt), Mercedes Rosende sowie Moderator Paco Bernal.

Das Instituto Cervantes, das sich mit seinen weltweiten Dependancen zum Ziel gesetzt hat, die spanische Sprache zu fördern und das Kulturgut Spaniens und der iberoamerikanischen Länder im Ausland zu verbreiten, brachte gleich drei bekannte Krimi-Autorinnen aus Spanien, Peru und Uruguay auf die Bühne: Elia Barceló, Mercedes Rosende und Teresa Ruiz Rosas. Leider war die Zeit samt Konsekutivübersetzung dafür etwas zu knapp bemessen.

Der Journalist Paco Bernal fragte die drei Frauen, wie ihre Bücher sich verändert hätten, wenn sie Männer wären. Immerhin sei die Kriminalliteratur doch ein maskulin dominierter Bereich. Elia Barceló ergriff gleich das Wort und sagte, es sei völlig egal, ob man Frau oder Mann sei – wichtig sei zu wissen, welche Person man ist. Und das Dunkle, über das sie als Krimi-Autorinnen schreiben, sei ohnehin vom Geschlecht unabhängig. Teresa Ruiz Rosas erinnerte an einen Essay von Gertrude Stein („Was sind Meisterwerke?“), in dem es heißt, dass es nur so wenige Meisterwerke gibt, weil „die Menschen meist in Identität und Erinnerung leben“. Deshalb solle man die eigene Identität beim Schreiben besser vergessen. Mercedes Rosende erklärte, dass sie natürlich anders schriebe, als ein Mann – „wegen des Drucks, dem wir ausgesetzt sind“. Allein das stereotype Frauenbild „ewig jung und schön“. „Ich würde mich nicht damit befassen, wenn ich ein Mann wäre“, sagte Rosende. Barceló ergänzte, sie selbst würde unüblicherweise eher ältere Hauptfiguren verwenden. „Normal ist: Frauen sind zwischen 20 und 50 Jahre alt, Kommissare müssen immer älter sein – wegen der Erfahrung“, erklärte sie und lachte. Sie versuche damit zu brechen.

“Was weißt du denn über Waffen?“

Sodann will Bernal wissen, wie frei sich die drei Autorinnen in der Themenwahl sehen. Rosende erinnerte sich an eine Begegnung bei einer Lesung mit einem älteren Mann. Der habe sich vor sie gestellt und gefragt: „Was weißt du denn über Waffen?“ Und sie habe einfach zurückgefragt: „Ja, was weißt du denn?“ Bei den Themen gebe es keine Einschränkungen. „Als Autor*in liest man sich ein, recherchiert viel, auch über Waffen. Aber natürlich schreibe ich auch über den Druck in der männerdominierten Welt – das sind die Themen, mit denen ich mich beschäftige.“

Oft würden TV-Serien oder das Kino die Themenwahl beeinflussen, erläuterte Elia Barceló. Ein großes Thema sei auch immer das Marketing: Was verkauft sich wie gut? Was kaufen eher Männer, was eher Frauen? Sie wolle sich aber keine Schranken setzen. Man merke ja, was Mode ist. „Ich mache, was mir gefällt, auch wenn es nicht gerade die Mode ist. Das Problem haben Männer und Frauen, aber Frauen sind vielleicht etwas resistenter.“

Für Teresa Ruiz Rosas ist es wichtig, in den Romanen Hintergründe aufzudecken und Verbrechen nicht als etwas Alltägliches zu zeigen. Wichtig sei aber auch, fügte Barceló hinzu, aufzupassen, dass man nicht zu Übertreibungen neigt. In der US-amerikanischen Kriminalliteratur würden inzwischen sehr oft Serienkiller ihr Unwesen treiben. „Es reicht nicht mehr ein Opfer, nein, es müssen, vier, fünf, sechs Menschen getötet werden, meistens junge, hübsche Frauen. Diese Übertreibungen sind eine Gefahr für die Literatur.“

Elia Barceló, zuletzt: Töchter des Schweigens, Piper Verlag, München, 2017, 432 Seiten, Taschenbuch, 12 Euro, ISBN 978-3492311250

Mercedes Rosende, zuletzt: Der Ursula-Effekt (Teil 3 der Montevideo-Krimis), Unionsverlag, Zürich, 2021, 288 Seiten, Taschenbuch, 18 Euro, ISBN 978-3293005761

Teresa Ruiz Rosas, zuletzt: Wer fragt schon nach Kuhle Wampe?, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, 2008, 320 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3941037021

John F. Kennedy in Nazi-Deutschland

Oliver Lubrich (r.) und Moderator Wolfgang Popp.
Oliver Lubrich (r.) und Moderator Wolfgang Popp.

Ebenfalls am Freitag stellte der deutsche Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich sein Buch „Das geheime Tagebuch: Was der junge John F. Kennedy als Besucher in Nazi-Deutschland erlebte“ vor. John F. Kennedy reiste als junger Mann dreimal nach Nazi-Deutschland: 1937 als Student; 1939 als Botschafter­sohn, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs; und 1945 als Reporter während der Potsdamer Konferenz. Seine Aufzeichnungen hat Kennedy selbst nie veröffentlicht. „Die Tagebücher zeigen, wie der junge Kennedy die Diktaturen in Europa erlebte, und das ohne nachträgliche Bearbeitungen“, erklärte Lubrich. Neben Kennedys Tagebucheintragungen enthält das Buch als Pendant auch das bislang noch nie veröffentlichte Reisetagebuch von Lem Billings, der als enger Freund und Reisebegleiter des späteren US-Präsidenten die Grand Tour der beiden Studenten aus seiner Sicht dokumentierte.

Gleich bei der ersten Reise nach Europa werde deutlich, dass Kennedy sehr privilegiert ist. Er lässt ein Cabriolet überführen, mit dem sie fortan durch Europa reisen, sie haben Zugang zu Botschaftern, Generälen und allerlei Honorationen, und Kennedy beginnt dabei, seinen politischen Blick zu schärfen. „Kennedys Vater war da eher im Isolationismus unterwegs – lass Europa mal machen, wir halten uns raus, ähnlich wie Donald Trump“, sagte Lubrich. Der junge Kennedy aber habe sich von seinen Europa-Erfahrungen aus zum Interventionalisten gewandelt. „Ihn interessierte sehr die Frage, wie populär die Diktatoren im eigenen Land sind.“

„Absurd: Urlaub im Dritten Reich“

Die erste Stadt in Deutschland, die sie 1937 besuchen, ist München. Dort gehen sie ins Hofbräuhaus, aber auch ins Kino. „Es ist ja absurd aus heutiger Sicht, dass Kennedy da Urlaub im Dritten Reich machte, aber gleichzeitig ist auch unsere Frage spannend, wie viel man wissen kann, wenn man die Augen aufmacht.“

Überhaupt habe es zu der Zeit viele namhafte Beobachter gegeben. Samuel Beckett etwa führte rund ein halbes Jahr lang ein Tagebuch in Deutschland (September 1936 bis April 1937; das Tagebuch erscheint voraussichtlich am 10. Oktober 2022 bei Suhrkamp, Herausgeben ist ebenfalls Oliver Lubrich). Auch Thomas Wolfe („Schau heimwärts, Engel“) war Beobachter, erklärte Deutschland zu seiner zweiten Heimat, verehrte das Land der Dichter und Denker. Mitte der 1930er Jahre kommt er wieder nach Deutschland und erlebt den nationalsozialistischen Massenwahn und Adolf Hitler und erkennt, dass es „sein Deutschland“ nicht mehr gibt. Oliver Lubrich hat sich auch mit Wolfes Deutschlandreise beschäftigt und 2020 im Manesse-Verlag ein gleichlautendes Buch veröffentlicht („Eine Deutschlandreise: Literarische Zeitbilder 1926–1936“).

„Blinde Flecken und Fehleinschätzungen“ beim jungen Kennedy

Im Rückblick seien bei Kennedy „blinde Flecken und Fehleinschätzungen“ zu sehen, aber auch „Einsichten von großer Aktualität“. Kennedys berühmte Berliner Rede von 1963 (“Ich bin ein Berliner”) sei vor dem Hintergrund dieser Europa-Reisen auch anders zu sehen. „Er hat da eine eigene Anfälligkeit gespürt – deshalb hat er diese Reisen nie öffentlich erwähnt – er hätte in Berlin ja sagen können, dass er schonmal in Deutschland gewesen sei, damals zur Nazi-Zeit.“

Bemerkenswert an dem Tagebuch sei einfach das Unredigierte: „Das ist einfach überraschend, diese Ambivalenz von Einsicht und Irrtümern sowie von Banalität und Scharfsinn“, sagte Lubrich. Der Moderator Wolfgang Popp, österreichischer Schriftsteller und Journalist, fügte hinzu: „Und das Bildmaterial ist unglaublich toll!“

Oliver Lubrich (Hrsg.): John F. Kennedy – das geheime Tagebuch; Europa 1937, DVB Verlag, Wien, 2021, 224 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3903244184

Eines der 52 besten Bücher des Jahres

Romana Ganzoni liest aus ihrem Roman, neben ihr Moderator Michael Freund.
Romana Ganzoni liest aus ihrem Roman, neben ihr Moderator Michael Freund.

Die Autorin der nächsten Lesung, die ich besucht habe, ist aus dem Schnee angereist: „Bei uns kann man schon Ski fahren“, sagte Romana Ganzoni, die auf der „Buch Wien“ ihren neuen Roman „Magdalenas Sünde“ vorstellte. Für den Radiosender SRF2 Kultur gehört er zu den 52 besten Büchern des Jahres. Das Buch sei eine Erlösungsgeschichte im herbstlichen Zürich. Sie erzähle von Sehnsucht, Nähe, Freundschaft und Fantasie in einer Welt voller Gewalt und sexueller Obsession.

Der Verlag fasst zusammen: Die Realität der Konditoreiverkäuferin Magdalena ist düster. Verlust und Schuld quälen die Bulimikerin und Ex-Prostituierte. Ihr krebskranker Vater dämmert dem Tod entgegen. Ihr Freund und Beschützer macht Pause, weil er ihre zerstörerische Beziehung mit einem selbsternannten Grossschriftsteller nicht länger aushält. Magdalena denkt an Suizid und verlangt gleichzeitig nach einem Wunder. Sie erzwingt es in einem Akt der Selbstermächtigung, als an einem Sonntag ein Mensch in ihr Leben tritt, der nichts mehr zu verlieren hat.

Die Namenspatronin, die biblische Maria Magdalena, sei ihr das erste Mal begegnet, als Ganzoni vier Jahre alt war. „Mich beeindruckte das lange Haar, mit dem sie die Füße von Jesus trocknete – das hat mich geprägt.“ Die Figur habe sie immer interessiert, später habe sie darüber auch einen Abitur-Aufsatz geschrieben. Ohnehin sei das Spiel mit den Namen immer sehr reizvoll für sie.

Die romangewordene Geschichte der Magdalena, die in einer prekären Existenz lebt, eine schwierige Vergangenheit hat und an Bulimie leidet, sei eine erfundene Geschichte und orientiere sich also an keinem Vorbild, sagte die Autorin. „Es stecken darin aber viele Dinge, die mich interessieren, die Ausnützung der Protagonistin zum Beispiel, die sich ja auch selbst ausbeutet, das bewegt mich sehr.“

Sie habe einen Aufsatz von Arno Grün über den Gehorsam gelesen („Wider den Gehorsam“, Klett-Cotta), dessen Kernthese sei: Es komme vor, dass geschundene Menschen ihrem Unterdrücker beitreten, eine Unterform des Stockholm-Syndroms. „Mich interessiert deshalb auch, warum so viele Menschen in Beziehungen zurückkehren, die toxisch und zerstörerisch sind, manchmal auch nur subtil.“ Der Moderator und Journalist Michael Freund fasste am Ende zusammen: „Sehr ungewöhnliches, sehr spannendes Buch und ein tiefer Einblick ins Milieu.“

Romana Ganzoni: Magdalenas Sünde, Telegramme-Verlag, Zürich, 2021, 126 Seiten, Taschenbuch, 14,50 Euro, ISBN 978-3907198520, Buchtrailer

Eroberer – wild, aber erfolglos

Dann ging es für mich weiter zu Franzobel, der seinen schon im Januar 2021 erschienenen Roman „Die Eroberung Amerikas“ auf der Buchmesse den zahlreichen Zuschauer*innen vorstellte. Nach seinem Bestseller „Das Floß der Medusa“ (2017, Zsolnay-Verlag), für den er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, begibt sich Franzobel in seinem neuen Roman auf die Spuren eines wilden, aber erfolglosen Eroberers der USA im Jahr 1538.

Ferdinand Desoto hatte Pizarro nach Peru begleitet, dem Inkakönig Schach und Spanisch beigebracht, dessen Schwester geschwängert und mit dem Sklavenhandel ein Vermögen gemacht. Er war bereits berühmt, als er 1538 eine große Expedition nach Florida startete, die eine einzige Spur der Verwüstung durch den Süden Amerikas zog. Knapp 500 Jahre später klagt ein New Yorker Anwalt im Namen aller indigenen Stämme auf Rückgabe der gesamten USA an die Ureinwohner. Soweit der Plot.

Bier statt Messewasser

Der österreichische Schriftsteller lehnte das angebotene Messewasser ab und blieb lieber bei seinem mitgebrachten Fläschchen Bier. „Ich glaube, ich habe dich bei einer Lesung noch nie ohne Bier gesehen – ist das sowas wie ein Ritual für dich?“, fragte Moderator Günter Kaindlstorfer, österreichischer Literaturkritiker, Schriftsteller und Journalist. „Joa, das beruhigt mich“, antwortete Franzobel und lachte. Es stimme aber nicht, dass er nie ohne Bier lese. „Es gab aber schon Lesungen am Vormittag ohne Bier, und auch im Parlament hatte ich einen Vortrag ohne Bier – dabei hätte ich da eins haben sollen.“

Doch zurück zu den Eroberern. Franzobel kam die Idee zum neuen Buch beim Fernsehen. “In einer TV-Doku fiel in einem Nebensatz der Name Ferdinand Desoto und dass er einer der erfolglosesten Conquistadoren gewesen sei – das interessierte mich.“ Er habe dann viel recherchiert, auch in Spanien, wo die Eroberer noch immer sehr angesehen seien. Nur in den gebildeteren Schichten sei auch Kritik zu hören.

Als Desoto aufbrach, hatte er ein drittes Goldland erwartet, das ihm Reichtum bringen würde. „Dass die damaligen Goldschätze die Inflation unglaublich beschleunigt haben, wusste ich auch nicht“, sagte Franzobel in dem Zusammenhang.

Der Impuls zum Schreiben sei dann durch die Recherche entstanden. “Mich hat die Zeit fasziniert. Es gab ein anderes Weltbild, die Wissenschaft hat sich von der Religion getrennt, man hat die Kindheit kennengelernt, die der Gegenpol war die spanische Inquisition, die an den alten Werten festhalten wollte.“

Seinen neuen Roman wird Franzobel über die Physik schreiben, soviel verriet er schon. “Ich war vor zehn Jahren im CERN in der Nähe von Genf, und seitdem hat das Thema in mir gegärt – und jetzt schreibe ich darüber.“

Franzobel: Die Eroberung Amerikas, Zsolnay-Verlag, München, 2021, 544 Seiten, gebunden, 26 Euro, ISBN 978-3552072275, Leseprobe

Austrofred, Barbi und Christl Clear

Kaum zu übersehen: Austrofred (r.), neben ihm Moderator Stefan Weiss.
Kaum zu übersehen: Austrofred (r.), neben ihm Moderator Stefan Weiss.

Die letzten Lesungen, die ich an diesem Tag noch besucht habe, waren die von Austrofred, nochmal von Barbi Marković und von der österreichischen Bloggerin Christl Clear.

Austrofred hatte ich zuerst 2013 auf der “Buch Wien“ live gesehen, das neuste Werk des Freddie-Mercury-Wiedergängers trägt nun den doppeldeutigen Namen “Die fitten Jahre sind vorbei“, ein zwei Jahre andauerndes Frage-und-Antwort-Stück zwischen dem oberösterreichischen Tausendsassa und seinen Fans, geführt bei Facebook. Themen? “Nun, vielfältig: Ernährung, Metaphysik, altersbedingte Erscheinungen.“ Und so geht es oft los mit “Sehr geehrter Herr Austrofred, …“.

Zum Abschluss erfuhren die Zuschauer*innen noch einen kurzen Einblick in Austrofreds Fähigkeiten. Nein, er sang nicht, und er zeigte auch nicht seine viel gerühmten Mercury-Moves, sondern er beantwortete schlichtweg die Frage, wie lange es den Menschen noch gibt: “500 bis 600 Jahre.“ Woher er das weiß? “Das ist ein Gefühl. Ich habe eine Gabe dafür.“ Wie lange es Austrofred noch gibt? “Bis man mich von der Bühne trägt.“

Bei Barbi Marković bin ich nochmal gewesen, um so weitere Zitate für meine irgendwann folgende Rezension ihres Romans “Die verschissene Zeit“ zu bekommen.

Und die Bloggerin Christl Clear hat mich interessiert, weil sie als schwarze Feministin viele vor allem junge Menschen inspiriert. Christl Clear, die mit richtigem Namen Christina heißt, ist mit drei Geschwistern und ihren nigerianischen Eltern in einfach Verhältnissen aufgewachsen. Das Studium hat sie abgebrochen, sie hat für Lifestyle-Magazine geschrieben, sie hat gebloggt und ist jetzt bei Instagram. Mehr als 38.000 Menschen folgen ihr dort.

Christl Clear liest aus ihrem Debüt, neben ihr Moderator Michael Freund.
Christl Clear liest aus ihrem Debüt, neben ihr Moderator Michael Freund.

Frei nach dem Liedermacher Wolfgang Ambros nennt sie sich eine “Blume aus dem Gemeindebau“. Sie schreibt mit Slang und Wiener Schmäh, ihr Buch aber sei kein Ratgeber, sondern eine Textsammlung zu Themen, die sie interessieren und wichtig findet, erklärte sie bei der “Buch Wien“. Das Buch trägt den einprägsamen Titel “Let me be Christl Clear“. Lässt man ihren Namen weg, bleibt “Let me be“, “Lasst mich sein“.

Es geht um das Lebenlassen, ohne Alltagsrassismus, Sexismus und den ganzen Druck von außen (etwa zum Heiraten, was sie vorliest: „Ihr müsst nicht heiraten“, “Ihr braucht keine bessere Hälfte, ihr seid das bessere Ganze“). „Macht das Nickerchen. Sagt die Party ab, fahrt (alleine) auf Urlaub, besteht beim Sex darauf, dass ihr auch befriedigt aus der Geschichte rausgeht, und sagt öfter mal ‚Nein’ zu Dingen, auf die ihr keinen Bock habt.“

Austrofred: Die fitten Jahre sind vorbei, Czernin-Verlag, Wien, 2021, 200 Seiten, Taschenbuch, 18 Euro, ISBN 978-3707607321

Barbi Marković: Die verschissene Zeit, Residenz-Verlag, Salzburg und Wien, 2021, 229 Seiten, Taschenbuch, mit Beiheft, 24 Euro, ISBN 978-3701716982, LeseprobeSpielmaterial

Christl Clear: Let me be Christl Clear, Kremayr & Scheriau, Wien, 2021, 160 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3218012874

Ego und Ego

Das Buch „Der Raum, in dem alles geschah“ ist als eines der wichtigsten Trump-Enthüllungbücher angekündigt worden, die in diesem Jahr auf den Markt kommen. Doch der mehr als 600 Seiten dicke Wälzer über die Erlebnisse und Eindrücke des ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton liest sich wie ein ermüdendes, minutiöses Sitzungsprotokoll – und verrät zu wenig über das hinaus, was bereits bekannt ist. Neben dem viel zu detaillierten Blick hinter die Kulissen entlarvt Bolton nicht zuletzt seine eigene charakterliche Ähnlichkeit zu Donald Trump. 

John Bolton war 519 Tage lang Sicherheitsberater im Weißen Haus. Er gilt als umstrittener, konservativer Hardliner und Vertreter einer aggressiven militärischen Außenpolitik. Zur Zeit der Präsidentschaft von George W. Bush war Bolton Berater im US-Außenministerium und propagierte zum Beispiel intensiv den Einmarsch der US-Truppen in den Irak. Zuvor war er bereits für George Bush und Ronald Reagan tätig. Er ist scharfer Kritiker der Vereinten Nationen, setzte sich für das Recht ein, dass Privatpersonen weltweit Schusswaffen tragen dürfen und war langjähriger Kommentator des rechten US-Nachrichtensenders Fox News, der es mit der Wahrheit nicht so ernst nimmt und zu Trumps Lieblingssendern gehört. Erst im April 2018 übernimmt Bolton den „zweitbesten Job“ als Nationaler Sicherheitsberater. Eigentlich wollte er Außenminister werden.

Dass rund 17 Monate seit Trumps Wahlsieg im November 2016 vergehen sollen, bevor Bolton der Regierung beitreten darf, scheint ihn getroffen zu haben. Anklänge der kopflosen Hinhaltetaktik finden sich im ersten Kapitel mit dem Titel „Der lange Marsch zu einem Eckbüro im West Wing“. Am 17. November 2016 nimmt der Reigen seinen Anfang. Trump ruft Bolton an und erklärt vielsagend: „Wir werden Sie in den nächsten Tagen hier bei uns haben, und wir ziehen Sie für eine Reihe von Möglichkeiten in Betracht.“ Thanksgiving ruft Trumps Schwiegersohn und Chefberater Jared Kushner an: „Donald ist ein großer Fan von Ihnen, wie wir alle.“ Bolton sei durchaus noch im Rennen für den Posten des Außenministers. Tage, Wochen und Monate vergehen, während sich das Personalkarussell weiterdreht. Ein republikanischer Stratege empfiehlt Bolton zwischenzeitlich, „zu versuchen, der letzte Mann zu sein, der noch steht“. Bolton hat Kontakt zu Vize-Präsident Mike Pence, Reince Priebus (vorübergehend Trumps Stabschef), Steve Bannon (vorübergehend Chef-Stratege im Weißen Haus), Rex Tillerson (vorübergehend US-Außenminister) – und immer wieder auch zu Donald Trump, der ihn regelmäßig um Rat fragt.

„Einige von denen denken, Sie sind der böse Bulle“

Boltons eiserne Ausdauer wird belohnt. Im April 2018 kommt es zum Schulterschluss der beiden Männer, den wohl kaum ein Wortwechsel am Telefon besser belegen kann, als dieser:
Trump: „Einige von denen denken, Sie sind der böse Bulle.“
Bolton: „Wenn wir ‚guter Bulle / böser Bulle‘ spielen, ist der Präsident immer der gute Bulle.“
Trump: „Das Problem ist, dass wir zwei böse Bullen haben.“

Bolton schreibt dazu: „Und ich konnte hören, wie die anderen, die im Oval zur Geheimdienstbesprechung waren, lachten, genau wie ich.“ Doch die gelöste Stimmung weicht bei Bolton bald der sicheren Gewissheit, dass Trump das Land nicht wie ein erwachsener Präsident führt, sondern wie ein Kind auf der Suche nach dem größten, eigenen Nutzen. Erschüttert diagnostiziert er Trumps Defizite beim Intellekt und Allgemeinwissen. So soll er Bolton gefragt haben, ob Finnland zu Russland gehöre. Trump ist auch längst nicht der Hardliner, für den Bolton ihn anfangs wohl gehalten hat. Trump rasselt lieber nur mit dem Säbel, während der Militarist Bolton ihn im Zweifel auch einsetzen würde, zum Beispiel bei politischen Gegnern wie Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. Trump setzte jedoch auf eine diplomatische Lösung.

Sprachlich und stilistisch keineswegs hervorragend

Das Meiste davon ist bereits überholt, berichtet, bekannt. Neben der überflüssig wortreichen sowie sprachlich und stilistisch keineswegs hervorragenden Protokollierung des politischen Geschehens lässt sich deshalb nicht viel essentiell Neues aus dem Buch entnehmen. Es fühlt sich an wie ein Dokumentarfilm, bei dem ein aufwendig produzierter Trailer schon die besten Szenen vorweggenommen hat. 

Man muss sich wohl auch fragen, warum Bolton für zwei Millionen Dollar Honorar unbedingt dieses Buch schreiben, gleichzeitig aber partout nicht im Amtsenthebungsverfahren gegen Trump aussagen wollte, wenn die Demokraten ihn vorgeladen hätten. Bolton steht schon länger im Verdacht, dass er sich nur an Trump rächen und sein eigenes Ego stärken wollte. Die Journalistin Jennifer Szalai schreibt in ihrer Buchkritik in der New York Times: „Das Buch strotzt vor Selbstbewusstsein, obwohl es am meisten davon erzählt, dass Bolton nicht viel erreichen kann.“ Treffender geht es kaum.

Dass „Der Raum, in dem alles geschah“ in den USA dennoch zu einem Bestseller wurde, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen „funktionieren“ Trump-Bücher auf dem Buchmarkt, gerade im Wahljahr. Amerika liebt und hasst den Präsidenten, und man kann so trefflich über ihn streiten. Die Verlage wissen darum und nutzen den Hype. Möglicherweise endet er in diesem November. Und einen besseren Veröffentlichungszeitpunkt als direkt zum Präsidentschaftswahlkampf hätte sich Bolton nicht aussuchen können. Zum anderen hat Trump selbst die Verkaufszahlen effektiv in die Höhe getrieben, als er Bolton einen Lügner nannte und die Regierung das Buch verbieten lassen wollte.

Überraschungsdeal in Deutschland

In Deutschland ist Boltons schwergewichtige Abrechnung am 14. August vom Kleinverlag „Das neue Berlin“ veröffentlicht worden. Die Berliner Verlagsgruppe Eulenspiegel, zu der der Verlag gehört und die aus früheren DDR-Verlagen hervorgegangen ist, hat damit einen wahren Überraschungsdeal hingelegt. Gegenüber der Fachzeitschrift Buchreport erklärte die zuständige Mitarbeiterin für Rechte und Lizenzen, sie seien selbst ein bisschen überrascht gewesen, dass sie den Zuschlag bekommen hätten, aber „wir wollten das Buch und haben schnell die Vorbereitungen für Übersetzung und Druck getroffen“. An manchen Stellen merkt man die notwendige Rasanz, mit der das deutsche Übersetzerteam über die Seiten fegen musste, damit der Verlag es weniger als zwei Monate nach der US-amerikanischen Veröffentlichung auf Deutsch auf den Markt bringen konnte.

Was hat „Der Raum, in dem alles geschah“ geändert? Im Grunde nichts. Die Republikaner im Kongress ignorieren die in immer neuen Büchern deutlich manifestierte Faktenlage für Trumps Unvermögen, Planlosigkeit und Ich-Bezogenheit – und so erging es auch Boltons mit Spannung und Furcht erwarteten Bericht aus der Schaltzentrale der Macht. In Bob Woodwards Buch „Rage“ (USA: 15. September; Deutsch: „Wut“, 19. Oktober) werden ebenfalls neue brisante Details veröffentlicht. Und wieder wird man sich fragen: Wird es Trump schaden? Das Problem ist: Nach fast vier Jahren Trump-Regierung und zahllosen Büchern, Filmen und Artikeln über ihn hat sich eine gefährliche Gewöhnung eingestellt. Die Wahrheit überrascht nicht mehr. Nur eine Wahl kann jetzt noch etwas ändern.

John Bolton: Der Raum, in dem alles geschah, Das neue Berlin, Berlin, 2020, 640 Seiten, gebunden, 28 Euro, ISBN 978-3360013712, Leseprobe

Seitengang dankt dem Verlag „Das neue Berlin“ für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Die Rädchen im System

Rund sechs Jahre ist es her, dass Dave Eggers‘ Roman „Der Circle“ auf Deutsch erschien. Im Mittelpunkt des Romans stand die Internetfirma „The Circle“, deren Ziel es ist, die Anonymität im Netz zu beseitigen und umfassende Transparenz, Überwachung und soziale Kontrolle zu schaffen. Jetzt hat der US-Amerikaner Rob Hart mit „Der Store“ einen dystopischen Roman geschrieben, der erneut einen großen Online-Riesen zum Vorbild hat. Bei Eggers war es Google, beim „Store“ dürfte es Amazon sein. Der Unterschied: Das Medienecho in Deutschland ist bei Hart ungleich kleiner, dabei ist „Der Store“ wesentlich nachvollziehbarer, aktueller und vor allem stilistisch besser gelungen.

Im Roman von Rob Hart heißt der weltgrößte Onlinehändler nicht Amazon, sondern Cloud. Bestellen kann man aber auch dort wirklich alles: Bratensaftspritzen, Bücher, Katzenfutter, Kunstfellpantoffeln, Filzstifte, Selfie-Sticks, Baumscheren, Kokosnussöl, Fernseher, Eiweißpulver oder Knopfbatterien. Geliefert wird die Ware überallhin. Hinter dem knallhart kalkulierenden Wirtschaftsunternehmen Cloud steht Firmengründer Gibson Wells, mit einem Vermögen von 304,9 Milliarden Dollar der reichste Mensch in Amerika und der viertreichste der Welt. By the way: Amazon-Chef Jeff Bezos besitzt „nur“ 100 Milliarden Dollar (Stand: November 2019).

Doch Gibson Wells ist an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Während er mit seiner Frau die von der Außenwelt hermetisch abgeriegelten, MotherCloud genannten Standorte des Konzerns abklappert, lernen sich in einem von ihnen Paxton und Zinnia kennen. Beide wollen einen der begehrten Jobs bei Cloud, jedoch aus unterschiedlichen Motiven.

Harter Boden des Ruins

Paxton ist ein Opfer von Cloud. Das Unternehmen hat das von ihm  entwickelte Produkt in den Warenbestand aufgenommen, dann aber immer mehr Rabatt gefordert. Der wurde schließlich so immens, dass Paxton keinen Gewinn mehr erzielen konnte. Als er sich weigerte, auf die Forderung einzugehen, kappte Cloud die Geschäftsverbindung, und Paxton krachte auf den harten Boden des Ruins. Welche Motive die undurchsichtige Zinnia antreiben, erfährt der Leser erst später. Doch auch wenn Zinnia die Revoluzzerin von beiden ist, hat auch sie nicht damit gerechnet, wie weit Cloud gehen würde, um das Unternehmen zu schützen.

An die Nieren gehen vor allem die Szenen, in denen man ihren Arbeitsalltag im Warendepot verfolgt. Zinnia ist dafür verantwortlich, durch eine Halle zu laufen — die so groß ist, dass sie sogar eine Horizontlinie hat —, die angeforderte Ware durch Klettern aus mehrstöckigen Regalen zu holen und auf die Förderbänder zu legen. Im Akkord. Neun Stunden lang. Jede Sekunde zählt, denn der Kunde draußen im Land wartet am nächsten Tag auf seine Lieferung.

Ein Stern bedeutet die sofortige Kündigung

Das CloudBand, das jeder Mitarbeiter am Handgelenk trägt, misst nicht nur die Herzfrequenz, öffnet Türen und dient als mobile Kreditkarte, sondern weist auch den Weg und — registriert die Arbeitsleistung. „Grün heißt, dass du das Soll erfüllst. Wenn du hinterherhinkst, wird die Linie gelb, und sobald sie rot wird, stürzt dein Ranking ab. Pass also auf, dass es gar nicht erst dazu kommt“, lautet der Rat eines Kollegen. Das Ranking wird in fünf Sterne unterteilt. Fünf ist das Optimum, einer bedeutet die sofortige Kündigung. „Und wollen wir nicht alle jemand mit fünf Sternen sein?“

Im Kapitel „Alltagstrott“ sind Zinnia und Paxton zu den indoktrinierten Rädchen im System geworden, die Cloud am Laufen halten. Entsprechend kurz sind die Unterkapitel: „Zinnia wachte auf. Arbeitete. Schlief ein.“ Nächstes Kapitel: „Paxton wachte auf. Arbeitete. Schlief ein.“ Sie stecken fest im Hamsterrad, auch wenn Cloud ihnen vorgaukelt, es sei eine Karriereleiter.

Jeder Mitarbeiter wohnt und arbeitet auf dem Cloud-Gelände. Die Wohnungen sind kleine, mehr oder minder praktisch eingerichtete „Zellen“. Wer viel leistet, kann sich größere Unterkünfte verdienen, aufsteigen, Manager werden. Alles ist streng hierarchisch geregelt. Gewerkschaften gibt es nicht, und man sollte das Wort nicht mal laut aussprechen.

Unternehmen nutzen ihre Machtstellung aus

„Der Store“ ist kein modernes „1984“, kein utopischer Roman über eine übermächtige Regierung, sondern eine ziemlich wirklichkeitsnahe Dystopie über ein übermächtiges Wirtschaftsunternehmen. Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook, Apple oder auch Ikea machen Milliarden-Gewinne, zahlen darauf aber kaum Steuern. Sie nutzen ihre Machtstellung aus, auch gegenüber Staaten und Regierungen, während auf der anderen Seite der Einzelhandel den Bach runtergeht. Wie es in Amazon-Logistiklagern zugeht, darüber hat etwa Nina Scholz für das Online-Magazin Vice berichtet. Die Unterzeile des Artikels lautet: „Kollegen werden abgemahnt, weil sie 16 Sekunden zu früh in die Mittagspause gegangen sind. Solche Dinge passieren täglich.“ Dasselbe würde Zinnia wohl auch über Cloud sagen.

Rob Hart, der früher als politischer Journalist und Kommunikationsmanager für Politiker und im öffentlichen Dienst der Stadt New York gearbeitet hat, sagt selbst: „Ich glaube, wir müssen alle gründlich überdenken, wie wir konsumieren. Vielleicht muss nicht immer alles erhältlich sein, vielleicht brauchen wir keine Zustellung in zwei Tagen, vielleicht brauchen wir keine Handys für 1.000 Dollar. Aber vielleicht ist dieses System auch einfach so unglaublich groß, vielleicht sind wir so tief darin verwurzelt, vielleicht gibt es kein Entkommen.“ Hart, so viel darf man verraten, gibt auch in und mit seinem Roman keine Antwort darauf.

Regisseur hat sich die Filmrechte gesichert

Dass „Der Store“ hervorragender Stoff fürs Kino ist, ist kaum von der Hand zu weisen. „Der Circle“ ist mit Emma Watson und Tom Hanks verfilmt worden. Und auch den „Store“ werden wir wohl bald im Kino sehen können, denn Star-Wars-Regisseur Ron Howard hat sich bereits die Filmrechte gesichert.

„Der Circle“, „Der Store“: Dass der deutsche Titel den englischen Begriff verwendet, ist folgerichtig. Im Original heißt Harts Roman „The Warehouse“ („Das Warenhaus“), aber niemand in Deutschland würde sagen: „Ich habe das im Warenhaus gekauft.“ Wir gehen shoppen, bevorzugt im Sale oder im Outlet, wir haben Meetings, trinken Coffee to go, und unsere Eltern hatten schon zu Studentenzeiten Sit-ins. Moderne, trendbewusste Menschen würden also auch im „Store“ einkaufen. Was sie damit anrichten, können sie in diesem spannenden, hochaktuellen und intelligenten Roman lesen. Wir alle sind Rädchen in diesem System, das die Cloud am Laufen hält. Wir alle.

Rob Hart: Der Store, Heyne Verlag, München, 2019, 592 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3453272309, Leseprobe

Terror-Thriller auf Verlangen

Deutschland, Griechenland, Zypern, Großbritannien, USA, Afghanistan und Pakistan – das sind die Schauplätze des vielschichtigen und sorgfältig recherchierten Terrorismus-Thrillers „Talib – der Schüler“. Er führt direkt in die Welt eines Mannes, der die Angst des Terrors in Europa verbreiten soll – und in die eines anderen, der den Terror stoppen will. Frank Hartmann hat mit seinem Debütroman eine kluge Analyse der Strukturen und Rekrutierungsmechanismen von Organisationen wie Al-Kaida und dem IS geschrieben, die den Leser packt und teilweise raffiniert in die Zwiespältigkeit führt. Ganz nebenbei hat Hartmann mit Vangélis Tsakátos einen griechischen Geheimdienstler erfunden, mit dem man zu gern mal die Kneipen von Athen unsicher machen würde.

Tsakátos (nicht etwa Tsakatós, darauf legt der Mann wert) ist Analyst des US-Geheimdienstes National Security Worldwide (NSW) und gerade nach Athen versetzt worden. Dort soll er die griechischen Behörden bei der Bekämpfung der nationalen Terrorgruppe „Widerstand Hellas“ unterstützen. Die treibt seit Jahrzehnten ihr Unwesen in Griechenland und hat dabei Unterstützer aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Schmutzige Bombe bei den Olympischen Spielen

Gleichzeitig gerät rund 6.000 Kilometer entfernt ein junger Mann namens Basim Atwa in Afghanistan in das ausgeklügelte Rekrutierungssystem von Al-Kaida. Wir befinden uns im Jahr 2002, rund ein Jahr nach den verheerenden Terroranschlägen von 9/11 in den USA. Der 23-jährige Basim soll der Welt der Ungläubigen den nächsten Schock verpassen und bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen eine schmutzige Bombe zünden.

Mit welchen zum Teil perfiden und manipulativen Methoden Menschen zu Gotteskriegern gemacht werden, welche persönlichen Erfahrungen einen jungen Menschen aber auch in die Fänge von Terrororganisationen treiben, das schildert Hartmann besonders eindrücklich auf den ersten rund 100 Seiten. Basim verliert mit neun Jahren nicht nur seinen geliebten Vater, sondern auch seine Beine und muss fortan im Rollstuhl sitzen.

Über verschlungene Wege und verschiedenste Orte kommen sich beide Protagonisten immer näher, begegnen und verpassen einander, jeder unterwegs in eigener Mission. Diese unterschiedlichen Lebenslinien, die sich unaufhaltsam aufeinander zubewegen, sind spannend konstruiert, obgleich sie nie konstruiert wirken.

Jahrzehntelange journalistische Erfahrung

Auch sprachlich bewegt sich der Roman auf einem hohen Niveau. Nicht nur hier merkt man dem Werk die jahrzehntelange journalistische Erfahrung des Autors an. Hartmann, dessen halbe Familie aus Griechen besteht und der selbst fünf Jahre in der Nähe von Athen gelebt hat, ist seit 35 Jahren Journalist. Seine Reportagen für große deutschsprachige Tageszeitungen und Magazine führten ihn nach Alaska, Afrika, Indien, Indonesien – und auch Afghanistan. Dort, in der Hauptstadt Kabul, ist vor Jahren die Grund-Idee zu „Talib“ entstanden.

„Talib – der Schüler“ ist derzeit nur als „Book on demand“ erhältlich – einen Verlag für seinen Erstling hat Hartmann bislang nicht gefunden. Viele bekannte Autorinnen und Autoren haben in ihren Anfängen ähnlich gearbeitet, nur für die Schublade oder Freunde geschrieben.

Die Bestsellerautorin Nele Neuhaus zum Beispiel hat 500 Exemplare ihres Erstlings „Unter Haien“ auf eigene Kosten drucken lassen, in der Garage gelagert und dann nach und nach im Kofferraum in die Buchhandlungen gefahren und unter die Leser gebracht. Durch Zufall wurde nach zwei weiteren Büchern „on demand“ eine Vertreterin des Ullstein-Verlags auf ein Buch von ihr aufmerksam. Heute haben die Bücher von Nele Neuhaus allein in Deutschland eine Gesamtauflage von rund fünf Millionen verkauften Exemplaren. Ähnlich ging es E.L. James, der Autorin von „50 Shades of Grey“ (Rezension) oder Lena Späth mit „Beyond Curtains“ (Rezension).

Auch Hartmann hat seine Erfahrungen gemacht. 20 Literaturagenten hat er kontaktiert, nur vier haben sich überhaupt zurückgemeldet. Interesse von Verlagen? Fehlanzeige. Hartmann lässt sich davon nicht beirren. Er sitzt mittlerweile an der Fortsetzung von „Talib“ und macht sich nebenbei im Land mit Lesungen bekannt. Möge an irgendeinem Ort, in irgendeiner Lesung zufällig eine Verlagsvertreterin sitzen und spitze Ohren kriegen. Vangélis Tsakátos muss weiterleben!

Frank Hartmann: Talib – der Schüler, Books on Demand, Norderstedt, 2019, 384 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3748110354, Leseprobe

Wie nur diese ganze Leere füllen?

In den USA ist Melissa Broder schon lange keine Unbekannte mehr. Auf ihrem Twitter-Account @sosadtoday schreibt sie seit Jahren über Sex, Einsamkeit und Selbstzweifel. Mehr als 677.000 Menschen folgen der Poetin dort. Jetzt ist ihr erster Roman auf Deutsch erschienen – und der ist ihr hervorragend gelungen.

Das Buch mit dem lapidaren Titel „Fische“ handelt von der 38-jährigen Lucy, einer frustrierter Singlefrau, die seit neun Jahren an ihrer Doktorarbeit über die antike griechische Dichterin Sappho schreibt, und das Projekt ebensowenig zu Ende bringt, wie sie ihrem Leben einen rechten Sinn geben mag. Als sie ihrem Ex-Freund Jamie die Nase bricht, weil der ihre Beziehungspause als Beziehungsende verstanden und sich die nächste Frau geangelt hat, geht ihr Leben noch ein wenig mehr den Bach runter.

Eines Abends erwacht sie mit Heißhunger, nachdem sie zu viele Schlaftabletten geschluckt hat. Als sie das zweite Mal wach wird, sitzt sie im Nachthemd im Auto, überall liegen Donuts verstreut, und ein Polizist beugt sich über den Beifahrersitz. Sie kann einer Anzeige nur entgehen, indem sie eine Therapie macht.

Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen

Und so landet sie schließlich weit entfernt von ihrer Heimat am Venice Beach und hütet das gläserne Strandhaus ihrer Halbschwester Annika, die für den Sommer auf Reisen ist. Lucy hat nur zwei Aufträge zu erfüllen: regelmäßig die Gruppentherapiesitzungen zu besuchen und Annikas diabeteskranken Jagdhund Dominic zu versorgen.

Dass die Geschichte gründlich nach hinten losgeht, muss man wahrscheinlich nicht erwähnen. Aber bei aller Komik, die dieses Buch so famos einzufangen weiß, erstarrt dem Leser das Lächeln dann und wann im Gesicht. Denn Melissa Broder schreibt in der Langform genauso weiter, wie sie bei Twitter Bonmots am laufenden Meter in die Welt entlässt. Ihre Wörter und Sätze umschreiben die Leere, die ein Leben manchmal hat.

Menschen neigen dazu, ihre Einsamkeit, Verzweiflung, ihren brutalen Neid auf das Glück anderer und die innige Sucht nach Nähe zu überspielen. Melissa Broder schreibt darüber, und zwar so messerscharf, dass es wehtut. Dass man manchmal wegschauen mag, weil man sich fragen muss: Wie ist das eigentlich bei mir?

Männerhirn im sexuellen Eifer des Gefechts

Die anderen, zum Teil exzentrischen, aber auch sehr amüsanten Frauen in ihrer Gruppentherapie betrachtet Lucy lange Zeit mit Spott, erkennt jedoch bald: So viel anders ergeht es ihr selbst nicht. Sie alle gelangen immer wieder an die falschen Männer, wollen sich davon befreien, um gleich darauf den nächsten derselben Art und Güte an Land zu ziehen.

Mit bitterer Satire beschreibt Broder auch Lucys Versuche, ihre sexuelle Lust zu befriedigen. Dabei ist vor allem die Hotelbegegnung mit einem Tinder-Date lesenswert, weil sie das stumpfe Hirn des Mannes im sexuellen Eifer des Gefechts so hervorragend entlarvt. Gleichzeitig wird deutlich, wie selbstzerstörerisch und obsessiv (nicht nur Liebes-)Beziehungen sein können. Weil sie mit der Sucht einhergehen, sich nicht einsam fühlen zu müssen und deshalb zwanghaft nach der Liebe streben.

Melissa Broder nimmt auch bei der Schilderung von Sex kein Blatt vor den Mund und erst recht kein Feigenblatt vor die Intimzone. Körperteile und Körperfunktionen werden in expressis verbis und fast akribisch detailliert beschrieben – wer damit ein Problem hat, sollte Broders „Fische“ besser meiden, denn nach der mittelmäßigen Beziehung mit Jamie probiert sich Lucy nun in einer Art Sexsucht aus.

Jetzt spinnt die Broder total

An diesem Buch reibt man sich auf. Man liest lachend und mit Kopfschütteln, mit Wut und Mitgefühl. Und dann kommt die Passage, wo das Buch völlig abdreht – und hier ist es wichtig, dass man es dann nicht zur Seite legt und sagt: Jetzt spinnt die Broder total. Denn Lucy begegnet ihrem Traummann Theo. Und der ist ein Fischmann. Kein Fischer, sondern ein ausgewachsener Fischmann. Mit Schwanzflosse. Ein junger Mann, der zu lieben versteht. Und der den Tinder-Sex als solchen in den Schatten stellt, weil er Sex wieder als Liebesspiel zwischen Mann und Frau erlebbar macht.

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Begegnung entnahm Broder der Erzählung „La Sirena“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, die sie gerade las, als das Buch entstand. „Es geht darum, dass ein Mann die Geschichte seiner Liebesaffäre mit einer Meerjungfrau erzählt, und ich wusste nicht, wie dunkel es war“, sagte Broder der New York Times. Und weiter: „So viele Männer sind von Schiffen mit Steinen in den Taschen weggegangen. Aber warum ist es immer ein Mann und eine Meerjungfrau? Was, wenn es eine Frau wäre, und was, wenn es in Venice Beach spielt, wo ich lebe?“, fragte sich Broder.

Oscar für den besten Film

Neun Monate später war der Roman fertig. Und wenn man ehrlich ist: So richtig abgedreht ist die Idee nicht, denn auch Star-Regisseur Guillero del Toro inszenierte in „Shape of Water“ gerade erst eine zarte Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Fischmann – und erhielt dafür unter anderem den Oscar für den besten Film.

Der satirische Debütroman der US-amerikanischen Social-Media-Ikone ist nicht nur ein bisschen märchenhaft, sondern in weiten Teilen mitreißend, berührend und zeitweise auch philosophisch und meditativ. Melissa Broder hat in den USA bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht. 2016 inspirierten sie ihre Tweets zu einer Sammlung von Essays über das Altern, den Tod und den Sex. Sie nannte das Buch wie ihren Twitter-Account: „So sad today“. Twitter ist mittlerweile nicht mehr auf 140 Zeichen beschränkt. Aber Broders Worte eignen sich für mehr. Ein Roman zumindest ist die richtige Weite für sie. Das hat sie mit „Fische“ bewiesen.

Melissa Broder: Fische, Ullstein Verlag, 2018, 352 Seiten, gebunden, 21 Euro, ISBN 978-3550050299, Leseprobe