Zwischen allen Rollen

Erst im Juni 2018 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO festgestellt, dass Transmenschen nicht psychisch krank sind. Es ist also erst wenige Wochen her, dass Transsexualität offiziell nicht mehr als Störung gewertet wird. Weltweit leiden Transmenschen jedoch nach wie vor unter einem gesellschaftlichen Stigma, werden diskriminiert und Opfer von Gewalt. Sehr berührend und sensibel beschreibt das die Fotoreportage „Trans*visit“ des Schweizer Fotografen Martin Bichsel. Er hat elf Transmenschen in Ländern wie der Türkei, Griechenland, Tunesien oder der Ukraine getroffen und sie einfühlsam porträtiert.

Transmenschen haben vor allem eins gemeinsam: ihr inneres Wissen, welches Geschlecht sie haben (die Geschlechtsidentität), stimmt nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesen Geschlecht überein. Sie leben ihr Geschlecht jedoch ganz unterschiedlich. Egal, ob sie eindeutig wie ein Mann oder wie eine Frau aussehen, ob sie operiert sind oder sie sich besonders „männlich“ oder „weiblich“ verhalten. Sie alle sind Transmenschen, und nicht nur diejenigen, die  geschlechtsangleichende Operationen machen lassen. Oder wie Nyke Slawik im November 2017 in ihrem Kommentar bei ze.tt so treffend titelte: „Trans* Menschen sind mehr als: ‚Hast du noch/schon deinen Penis?'“

Bichsels Neugier war geweckt

Bichsels berührendes Fotoprojekt begann 2005 in Istanbul durch einen Zufall. Bichsel war mit einem befreundeten Journalisten in der Stadt unterwegs, um über die alternative Musikszene und das Nachtleben zu berichten. Dann aber trafen sie eines Nachts auf Michelle, eine Frau mit deutlich kantigem Kinn und markantem Gesicht, „was beides nicht so recht zum Rest ihrer ausgesprochen weiblichen Aufmachung passen wollte“. Bichsels Neugier war geweckt, und Michelle war eine dankbare Interviewpartnerin, die dem Fotografen erlaubte, ihren Alltag zu begleiten.

Wir sehen Michelle bei der Arbeit und bei der Laserepilation, auf dem Taksim-Platz und früh morgens, wenn sie sich fertig macht für den Tag. Wir erfahren, dass Gewalt und Unverständnis gegenüber Transmenschen in der Türkei, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt, keine Seltenheit ist. Von der Polizei können sie keine Hilfe erwarten, Straftaten gegen Transmenschen werden oft gar nicht erst aufgeklärt.

Eine sichtbare und deutliche Aktivistin

Viele von Michelles Freundinnen arbeiten in der Prostitution, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Einen regulären Arbeitsplatz zu ergattern, ist für Transmenschen aufgrund der Ächtung fast unmöglich. Michelle aber betont immer wieder, dass sie ihren Körper nicht verkaufen will, dass sie auf andere Weise Geld verdienen möchte. Wir erleben die damals 30-Jährige als eine starke Persönlichkeit, die, obwohl Angst ihr ständiger Begleiter ist, eine sichtbare und deutliche LGBT-Aktivistin ist (LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Ihr Glaube daran, dass vor allem Bildung zu mehr gegenseitigem Verständnis führt, verhilft ihr schließlich zu einem Job als Reporterin bei einem Fernsehsender.

Es gibt in diesem Buch viele glückliche Transmenschen. Aber ihre Geschichten sind es oft nicht, denn sie erzählen auch von persönlichen Schicksalen, von Diskriminierung und Gewalt. Da ist zum Beispiel Angela. Sie wohnt in der muslimisch geprägten albanischen Hauptstadt Tirana und arbeitet als Prostituierte. In der Öffentlichkeit wird sie angefeindet – sie fällt auf wie ein bunter Hund, will sich auch nicht verstecken. In vielen Cafés wird sie gar nicht erst bedient, manchmal sogar direkt rausgeworfen, erzählt sie Bichsel.

Menschen werfen mit Steinen nach ihr, Ärzte lachen sie aus

Als sie von einem Freier derart verprügelt wird, dass sie ins Krankenhaus muss, wird sie dort nicht behandelt, sondern zu allem Übel auch noch von den Ärzten ausgelacht. Menschen werfen mit Steinen nach ihr, und von der Polizei kann sie auch keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil: Einmal wurde sie auch von der misshandelt. In Italien, hofft Angela, wird es ihr einmal besser gehen. Deshalb spart sie ihr weniges Geld, um bald einen Pass beantragen und nach Italien ausreisen zu können.

Bichsel zeigt Transmenschen aus ganz verschiedenen Kulturen und von unterschiedlichen Kontinenten. Seine Fotografien kommen den Menschen nahe und sind doch aus einer vorsichtigen Distanz, die nie die Grenze zum Voyeuristischen überschreiten. „Trans*visit“ ist ein eindrückliches Buch, das verstehen hilft, auch und gerade für Leser, die bisher Berührungsängste oder keinen Zugang zu Transmenschen hatten.

Wie ein Spaziergang mit zufälligen Begegnungen

Das Inhaltsverzeichnis des Buches lässt zunächst die Seitenzahlen vermissen. Genannt werden nur die Namen, Wohnorte sowie Jahre, in denen Bichsel den Menschen begegnet ist. Mit Glück schlägt man die richtige Seite mit dem gewünschten Porträt auf, andernfalls aber, und das ist das viel größere Glück und der bessere Zugang, ziehen die Fotografien beim Blättern nach dem gesuchten Porträt den Leser in eine andere Geschichte, zu einem anderen Menschen. „Trans*Visit“ lässt sich lesen wie ein Spaziergang mit zufälligen Begegnungen. Nicht anders erging es Bichsel damals 2005 in Instanbul, als er auf der Straße plötzlich Michelle gegenüberstand.

Im August 2018 berichtete die Zeitschrift Stern Crime (Nr. 20) über das Projekt der beiden Fotografen Andrew Mroczek und Juan José Barboza-Gubo, die in Peru Tatorte fotografierten, wo Lesben, Schwule, Bisexuelle und vor allem Transmenschen ermordet wurden oder nur knapp mit dem Leben davon kamen. Die Behörden sehen dort bei homo- und transphoben Verbrechen weg, Opfer sind unverhohlenem Hass ausgesetzt, Morde bleiben ungesühnt. In Peru wurde über die Ausstellung der beiden homosexuellen Fotografen kaum berichtet. Mittlerweile wurden ihre Fotos in Havanna, La Paz, New York und Houston gezeigt.

Nur Aufklärung kann den Hass vermindern und das Verstehen fördern. Fotografen wie Mroczek, Barboza-Gubo und Bichsel lassen uns erste, aber längst überfällige Schritte gehen. Es wird noch viele weitere brauchen, bis Homo- und Transphobie weltweit überwunden sind. Oder wie Bichsel in seinem aufschlussreichen Vorwort schreibt: „Bevor sich die Lebensumstände für Transmenschen ändern, muss es der gesamten Gesellschaft ermöglicht werden, ein Leben in Freiheit und Würde zu leben.“ Fotoprojekte wie das seine sorgen für die notwendige Aufmerksamkeit und Aufklärung in unserer Gesellschaft, wo LGBT-Themen noch zu oft tabuisiert werden.

Martin Bichsel: Trans*Visit, Kommode Verlag, Zürich, 2014, 96 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3952411469

Seitengang dankt dem Kommode-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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