Goethe und der Schweizer Wilhelm Busch

IMG_2044-1Comics sind nur etwas für junge Leute? Von wegen! Johann Wolfgang von Goethe war 82 Jahre alt, als er jene Bildergeschichte las und lobte, die manche Wissenschaftler heute als den ersten Comic bezeichnen. Jetzt sind drei von Rodolphe Töpffers Geschichten unter dem Titel „Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten“ in einer bibliophilen Ausgabe im Berliner Avant-Verlag erschienen. Der Herr Geheimrat hätte seine wahre Freude gehabt!

Schon die titelgebende Geschichte hat fulminanten Witz! Der arme Tropf Monsieur Vieux Bois ist schwer verliebt, wird aber von seiner Auserwählten (die nur als „das geliebte Ding“ („l’objet aimé“) bezeichnet wird) nicht erhört. Also will er aus dem Leben treten und ersticht sich. Hält sich 48 Stunden lang für tot und „kommt äußerst abgemagert wieder zu Bewusstsein“. Er erhängt sich, und schafft auch das nicht. Nicht nur das geliebte Ding nimmt keine Notiz von ihm, nein, auch der Tod scheint kein Interesse zu zeigen, wie immer er es auch anzustellen versucht. Allzu gern folgt der Leser den wahnwitzigen Erlebnissen des Monsieur Vieux Bois, die rasant und wahrlich komisch erzählt sind. Wie übrigens auch die zweite und dritte Geschichte der Sammlung, die deutlich machen, aus welchem bildgestalterischen Schatz Töpffer schon schöpfen konnte.

Manch ein Rezensent stellt inzwischen die Frage, ob es möglicherweise ohne Johann Wolfgang von Goethe heutzutage keine Comics gegeben hätte. Thomas von Steinaecker spricht in der Süddeutschen Zeitung von Goethe gar als „Hebamme bei der Geburt der neunten Kunst“. Ja, es ist verbrieft, dass der Herr Geheimrat geradezu entzückt war, als er im Alter von 82 Jahren den Bildergeschichten des Genfer Zeichners gewahr wurde: „Töpffer ist Original durch und durch. (…) Es funkelt alles von Talent und Geist! Einige Blätter sind ganz unübertrefflich!“ So jubilierte Goethe und ermutigte Töpffer, seine Geschichten unbedingt in Buchform zu veröffentlichen.

Chronisches Augenleiden macht Pläne zunichte

Der 1799 in Genf geborene Töpffer war ein regelrechtes Multitalent. Von seinem Vater, einem anerkannten Landschaftsmaler, ist Rodolphe Töpffer früh zum Künstler ausgebildet worden – ein Traum für viele angehende Künstler, bei den Eltern so selbstverständlich auf Verständnis für die Berufswahl zu treffen. Doch es sollte anders kommen: Ein chronisches Augenleiden macht Pläne zunichte, es gilt, andere Professionen zu finden. Nach einem Griechisch- und Lateinstudium beginnt er, als Lehrer zu arbeiten. Seine Schüler sind es schließlich, die sich für seine zunächst noch außerhalb des Lichts der Öffentlichkeit entworfenen Skizzen so sehr begeistern, dass er mehrere Skizzenbücher füllt. Über einen alten Schulfreund gelangen die Skizzen bald nach Weimar – zu Goethe.

Den Rest der Geschichte schlagen Sie besser im lesenswerten Vorwort von Herausgeber Simon Schwartz nach. Dort lesen Sie auch, wie die Bildgeschichten entstanden und zu Lebzeiten Töpffers in der Öffentlichkeit aufgenommen worden sind, mitsamt den Schattenseiten von Raubkopien und bislang fehlendem Urheberrecht. Und dann stürzen Sie sich in die titelgebenden „Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois“! Was sofort auffällt: Die für Comics oft wesentlichen Sprechblasen fehlen bei Töpffers Bildergeschichten. Stattdessen sind die einzelnen Panels untertitelt, sowohl mit dem handgeschriebenen französischen Original, als auch mit der deutschen Übersetzung. Was jedoch ebenso ins Auge fällt, ist die Erzählweise: Bild folgt auf Bild, und die schnelle Abfolge sorgt für einen erzählerischen Fluss. Töpffers Strich ist sowohl skizzenhaft, als auch schwungvoll, oft jedoch überzeichnet, als fertige er Karikaturen seiner Figuren an.

Seine Bildgeschichten sind oft sehr amüsant, bisweilen aber auch ganz schön zotig und derb. Dagegen vermisst man manchenorts Tiefgründigkeit, wie sie etwa einem Wilhelm Busch gelungen ist. Möglicherweise ist Töpffer deshalb nach und nach in Vergessenheit geraten, auch weil er zunehmend in Buschs Schatten geriet. Es lohnt sich dennoch, ihn jetzt neu zu entdecken. Und die schmucke Ausgabe im Avant-Verlag erleichtert den Zugang, wenngleich auch diese Zusammenstellung aufgrund ihres ausladenden Querformats eher nicht als Buch für unterwegs geeignet ist – wie schon Héctor G. Oesterhelds „Eternauta“.

Wichtigste Ehrung für grafische Literatur

Dass sich der Avant-Verlag in letzter Zeit dadurch auszeichnet, dass er neben zeitgenössischen Comics und Graphic Novels auch Klassiker der Comic-Geschichte wiederveröffentlicht, und zwar jedes Mal in durchaus beachtlich liebevoller Ausstattung, ist auch der Jury des Max-und-Moritz-Preises aufgefallen. Der Preis, der alle zwei Jahre beim Internationalen Comic-Salon in Erlangen verliehen wird, gilt als die wichtigste Ehrung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum.

In diesem Jahr ist der Avant-Verlag, auch stellvertretend für die Bemühungen kleinerer Verlage, für seine Dienste um die Pflege des kulturellen Erbes mit dem Spezialpreis ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte dabei besonders die Ausgaben von „Eternauta“, dem bekanntesten argentinische Comic der 50er Jahre, geschrieben von Héctor Germán Oesterheld, Hans Hillmanns Adaption von Dashiell Hammetts Roman „Fliegenpapier“ (Trailer) und, ja!, die soeben erschienene Edition „Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten“ von Rodolphe Töpffer.

Wer sich darüber hinaus mit Töpffer und seinem Werk beschäftigen möchte, sollte noch bis zum 28. August 2016 im Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl (Schaumburger Land/Niedersachsen) die Ausstellung „Literatur in Bildern – Die Bild-Geschichten des Rodolphe Töpffer“ besuchen. Zusammen mit der neu verlegten Töpffer-Sammlung im Avant-Verlag bietet sich so ein umfassender Einblick in die Anfänge der Comic-Historie. Schon deshalb unbedingt empfehlenswert, aber auch, weil es nach fast 200 Jahren immer noch nicht an Lesbarkeit und Vergnüglichkeit verloren hat. Das muss einem Autor erst mal gelingen.

Rodolphe Töpffer: Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten, Avant-Verlag, Berlin, 2016, 280 Seiten, gebunden, mit Leinenrücken, 39,95 Euro, ISBN 978-3945034286, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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