Die Zukunft hat schon begonnen

Der CircleDave Eggers Buch „Der Circle“ wird als das „1984“ des Digitalzeitalters beworben. Seitdem der Roman im August auch in Deutschland erschienen ist, wird er vielfach gelobt und gefeiert. Sogar renommierte Literaturkritiker wie Iris Radisch und der eigentlich so kluge Denis Scheck überschlagen sich förmlich und finden kaum Worte der Kritik. Doch um es deutlich zu sagen: „Der Circle“ ist alles andere als visionär. Und sterbenslangweilig ist er auch.

Der „Circle“ ist ein fiktiver Onlinedienst mit Sitz in Kalifornien. Nicht irgendeiner, sondern der größte und beliebteste. Er bietet die Online-Identität, mit der schlichtweg alles abgewickelt werden kann. Ein bisschen wie Google. Und ein bisschen wie Google versucht auch der „Circle“, den Weg zum Monopol zu beschreiten. Mit allen Mitteln.

Natürlich ist der „Circle“ auch ein begehrter Arbeitgeber. Und so ist vielleicht auch die Dankbarkeit und Überglücklichkeit der 24-jährigen Mae Holland zunächst zu verstehen, als sie einen Job beim „Circle“ ergattert. Der Roman steigt mit ihrem ersten Arbeitstag ein und begleitet Mae danach ganz linear bei ihren Erfahrungen.

Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas

Mit ihr entdeckt der Leser auch den „Circle“-Campus, der das Nonplusultra von Arbeit und Freizeit vereint: Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas bieten nicht nur helle Arbeitsräume und Büros, sondern auch Wohneinheiten für die Mitarbeiter, Fitnessräume, ein Schwimmbad, ein medizinisches Zentrum, eine Kindertagesstätte, ein Kino. Grünflächen laden zum Verweilen ein, und auf einer Bühne treten internationale Stars auf und geben kostenlose Konzerte, weil es eine Ehre ist, auf dem „Circle“-Gelände spielen zu dürfen. Das alles geht mit dem Wunsch des „Circles“ einher, dass sich das Leben seiner Mitarbeiter nur noch auf dem Campus abspielen sollte.

Doch der „Circle“ will noch mehr: Anfangs hat Mae nur zwei Bildschirme auf ihrem Schreibtisch stehen. Dann drei. Bald fünf. Immer mehr Aufgaben werden der jungen Mitarbeiterin zugeteilt. Und noch ein weiterer Bildschirm. Über die sozialen Netzwerke soll sie die Community stets über ihre Lieblingsprodukte auf dem Laufenden halten und immer mehr neue Freundschaften schließen. Als sie schließlich noch eine Kamera um den Hals trägt, die rund um die Uhr ihr Leben aufzeichnet und live ins Internet sendet, bleibt ihre Privatsphäre gänzlich auf der Strecke. Der „Circle“ nennt das „transparent werden“.

Doch ist das alles so visionär wie einst George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“? Beide Bücher wurden im Zusammenhang mit „Der Circle“ immer wieder genannt. Viele der „Circle“-Visionen haben wir jedoch längst erreicht. Die Daten-Armbänder zum Beispiel, die Informationen zu Maes Gesundheit anzeigen, gibt es schon. Die Firma Apple hat gerade erst die iWatch präsentiert, die Ähnliches vermag. Bei Facebook oder Foursquare verbreiten wir, was wir mögen und wo wir uns gerade aufhalten, und Webcams weben ein immer dichteres Netz digitaler Scheinwerfer in die dunkelsten Ecken unserer Welt. Ohnehin sind wir über unsere Smartphones inzwischen fast überall und immer erreichbar. Schalten wir die Geräte ab, fehlt uns etwas. Wir haben gelernt, nicht privat sein zu müssen. Um es also mit dem Titel des lesenswerten ersten Buchs des Zukunftsforschers Robert Jungk zu sagen: „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Der Roman „Der Circle“ aber bringt uns nichts, was wir nicht ohnehin schon wissen.

Geradezu überschwenglich gelobt

Vielleicht darf man das nicht als Makel dieses Buches sehen. Vielleicht genügt es schon, „mit einem Roman eine wichtige gesellschaftliche Debatte neu zu befeuern“. Das nämlich bescheinigt die Wochenzeitung Der Freitag dem Autor. Soviel ist sicher: Das Buch wird geradezu überschwenglich gelobt. Doch wird damit eine Debatte losgetreten oder gar befeuert? Vornehmlich werden damit die Verkaufszahlen befeuert, aber eine Debatte rund um die Auswirkungen des Internets auf die Menschheit und die Privatsphäre? Eher nein.

Man dächte sicherlich auch gnädiger über einen solchen Roman, wenn er wenigstens gut geschrieben wäre, oder zumindest so spannend und facettenreich, wie ihn manche Rezensenten offensichtlich gesehen haben:

„Eggers hat […] einen wahnsinnig fesselnden Roman [geschrieben], der Schauder hervorruft, den man […] keine Minute mehr aus der Hand legen möchte.“ (Hamburger Abendblatt)

„Aufregende Lektüre bis zur letzten Seite.“ (NDR Kultur)

„Dave Eggers hat sehr viel Ahnung von den katastrophischen Nachtseiten unserer Zeit. [Eine] grandiose Dystopie […].“ (Matthias Mattusek)

„Der Circle […], voller Dialogwitz und Rasanz, ist schon jetzt das meistdiskutierte Buch der Saison hierzulande – und das mit vollem Recht.“ (Bayrischer Rundfunk)

Doch „Der Circle“ ist leider auch stilistisch nicht gelungen: flache Figurenzeichnungen und schiefe Bilder gibt es hier eine Menge. Das fängt bei der Protagonistin Mae Holland an, die unglaublich naiv zu Werke geht. Möglicherweise ist das Absicht, aber so unreflektiert kann man doch nun wirklich nicht sein. Am Abend ihres ersten Arbeitstages ist Mae auf einer Party auf dem Campus eingeladen und trifft einen unbekannten Mann. Sie geht mit ihm mit. Denn: „Sie empfand in diesem Moment so viel Liebe für alle innerhalb dieser Mauern, wo alles neu und alles erlaubt war.“

Ähnlich gelingen Eggers auch Personenbeschreibungen: „Er hatte die Haut eines Kindes, die Augen eines deutlich älteren Mannes und eine markante Nase, schief und krumm, aber irgendwie verlieh sie dem Rest des Gesichts Stabilität, wie der Kiel einer Jacht.“ Ja. Das ist selten schöner ausgedrückt worden. Wie auch die Sexszene, an der sich Eggers versucht: „‚Mae‘, sagte er, als sie sich gegen ihn presste, ihre Hüften von seinen Händen gehalten, ihn so tief aufnahm, dass sie seine geschwollene Spitze irgendwo nah an ihrem Herzen spüren konnte.“ Und das soll Spaß machen? Kaum vorstellbar. Das kann nur wehtun!

Darüber hinaus ist die Welt, die Eggers in seinem Roman entwirft, sehr schlicht gehalten. Ist es wirklich vorstellbar, dass ein Konzern wie der „Circle“ so schnell an die Macht kommt und bestehende demokratische Strukturen ändern kann, ohne dass nennenswerte Gegenwehr aufkommt? Wohl kaum. Auch im „Circle“-Konzern ist Kritik praktisch nicht vorhanden. Die Angestellten finden alles dufte und jubeln ihrem Management bei jeder Präsentation frenetisch zu. Es gibt zwar einen geheimnisvollen Gegenspieler, der aber bleibt ziemlich blass im Hintergrund.

Mit seinen Vorgängerwerken sehr aufgefallen

Im Vorfeld durfte man sehr gespannt sein auf das Buch. Der Verlag rührte ordentlich die Werbetrommel und sorgte für die entsprechende Neugier. All die positiven Besprechungen taten das Übrige. Doch Dave Eggers ist in der Literaturszene auch kein Unbekannter mehr. Mit seinen Vorgängerwerken „Weit gegangen“ und „Zeitoun“ ist der US-Amerikaner bereits einem breiten Publikum aufgefallen.

In „Weit gegangen“ beschrieb er die Flucht eines sudanesischen Jungen ins rettende Äthiopien, ein sehr an die Nieren gehendes Stück Literatur, das auf einer wahren Lebensgeschichte beruhte. Auch „Zeitoun“, mehrfach ausgezeichnet, schildert einen wahren Fall: Nach dem Hurrikan Katrina gerät die syrisch-amerikanische Familie Zeitoun ins Visier der amerikanischen Terrorismusfahnder.

Die Vermischung von Fiktion und Realität mit den Stilmitteln der Literatur – das ist Eggers‘ Markenzeichen und seine große Kunst. In „Der Circle“ gelingt das alles leider nicht. Die Erwartungen an einen neuen großen Wurf sind enttäuscht worden. Lesen Sie nicht „Der Circle“. Lesen Sie lieber „Die Zukunft hat schon begonnen“.

Dave Eggers: Der Circle, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2014, 560 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22,99 Euro, ISBN 978-3462046755, Leseprobe

6 Antworten auf “Die Zukunft hat schon begonnen”

  1. Ich hatte das Buch vor kurzem bei einer Tasse Kaffee in einer Buchhandlung angelesen, musste aber feststellen, dass ich das Gefühl hatte, diese Geschichte schon in dem Buch „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ gelesen zu haben und habe es daher zurück ins Regal gestellt.

      1. Ja, Du hast recht, dass es da inhaltlich eigentlich um einen andere Story geht. Aber die Freundin des Protagonisten, die ihn bei seinen Forschungen sehr unterstützt, arbeitete in dem Buch bei Google. Die Besuche dort werden sehr umfänglich beschrieben und an die erinnerte ich mich beim Anlesen des von Dir vorgestellten Buches. Und da dachte ich: „Hm, nee, nicht schon wieder.“ ;)

  2. Dass sich hier das Feuilleton keinen Gefallen getan hat, den „Circle“ literarisch zu bejubeln, wird immer deutlicher. Denn offenbar sind viele Feuilletonisten bei dem Thema noch recht unbeleckt und ganz naiv von der Story so mitgerissen, (weil sie wohl ihr Weltbild bestätigt), dass sie nicht mehr das richtige Maß fanden. Allein in Deutschland gibt es wohl aktuell mit Marc Elsberg und Tom Hillebrand zwei bekannte und erfolgreiche Thriller-Autoren, die auf spannende, unterhaltsame und literarisch gekonnte Weise die Netzwelt-Phobien schon zuvor aufgegriffen haben.

    In diesem Zusammenhang aber vielleicht auch interessant der kurze Diskurs unter Bloggern über die Frage „Was ist große Literatur?“, die ebenfalls durch den Circle ausgelöste wurde: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/09/14/ich-bin-zu-klein-fur-grose-literatur/

    Interessante Bücher, die hier im Blog besprochen werden. Werd ich gerne weiter verfolgen. Habe mir vor kurzem den Video „Welt am Draht“ bestellt, doch leider noch nicht gesehen. Werde ich jetzt auch bald nachholen.

    Ein schönes Wochenende noch.

    1. Lieber Thomas, vielen Dank für Deine Zeilen! Auch ich werde Deinem Blog folgen – habe mich gerade schon in ein paar Beiträgen festgelesen. Und ich mag Deinen Eileen-Gray-Büchertisch. :)

      Dir auch ein schönes Wochenende!

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