Buch Wien: Michal Hvoreckys „Troll“-Dystopie ist schon Realität

Michal Hvorecky im Gespräch mit Christa Eder. © LCM Foto Richard Schuster
Michal Hvorecky im Gespräch mit Christa Eder. © LCM Foto Richard Schuster

Die österreichische Tageszeitung Kurier kündigte nichts Geringeres an, als dass Michal Hvorecky „die Zukunft“ vorstelle. Am vergangenen Donnerstagabend war mit ihm einer der wohl bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller der Slowakei anlässlich der „Buch Wien“ zu Gast im Literaturhaus Wien. Im Gepäck hatte Hvorecky seinen neuen Roman „Troll“, der im November im Tropen-Verlag erschienen ist.

Darin entwickelt der Autor eine düstere Science-Fiction-Geschichte über ein Heer von Internet-Trollen, das die Online-Kommentarspalten und die sozialen Medien mit Hass flutet, die Massen beeinflusst und die öffentlichte Meinung in die gewünschte Richtung lenkt. Was bedeutet noch die eigene Meinung, wenn Trolle von allen Seiten mit Hass feuern? Die EU ist in Hvoreckys Szenario zerschlagen, im Osten beherrscht eine Diktatur das sogenannte „Reich“. Zwei Freunde entwickeln jedoch immer stärkere Zweifel und beschließen, das System von innen heraus zu stören. Dabei geraten sie selbst in die Unkontrollierbarkeit der Netzwelt – und an die Grenzen ihres gegenseitigen Vertrauens.

„Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Hass im Netz“, erklärt Hvorecky in Wien. Die neuen Trolle haben mit den alten mythischen Figuren nicht mehr viel gemein. „Sie kennen keine Grenzen, sie wollen die Gesellschaft spalten und sind ziemlich real.“ 2015 habe er angefangen, das Buch zu schreiben, aber mit der Zeit sei seine Fiktion Realität geworden. Spätestens mit dem Mord an dem slowakischen Investigativjournalisten Ján Kuciak und dessen Freundin im Februar 2018.

„Dreckige, antislowakische Prostituierte“

Kuciak hatte versucht nachzuweisen, dass höchste Regierungsbeamte mit der italienischen Mafia zusammenarbeiten und hatte immer wieder kritisch über Oligarchen geschrieben. Der damalige Premierminister Robert Fico betitelte Kuciak  und dessen unbequeme Journalistenkollegen daraufhin als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ oder „schleimige Schlangen“. Wenig später war Kuciak tot – erschossen.

Ganze Trollfabriken betreiben mittlerweile professionelle Propaganda für ihre Auftraggeber. „Falsche Kommentare wie ‚Clooney hat sich entschieden, für Trump zu wählen‘ kommen leider bei Menschen gut an – ob sie stimmen oder nicht“, erklärt der Autor. „Trolle wollen die Menschen verwirren und verachten die Freiheit.“

Er selbst sei schon oft Opfer des Trollings geworden: „Die kommen zu meinen Veranstaltungen, machen grässliche Fotos von mir, die sie im Internet verbreiten, und gleichzeitig legen sie mir Sätze in den Mund, die ich nie gesagt habe.“ So unterstelle man ihm etwa , dass er sich islamistische Angriffe wünsche oder dass alle Menschen homosexuell werden. „Es dauert leider länger, eine Wahrheit zu beweisen, als eine Lüge zu verbreiten.“

Engagiert sich für die Pressefreiheit

Wie Kuciak, mit dem er befreundet war, ist auch Hvorecky Journalist. Er lebt in Bratislava und schreibt regelmäßig Beiträge für die FAZ, die Zeit und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Was die richtige Reaktion auf solche Digitalattacken sei, fragt ORF-Moderatorin Christa Eder. Ob es nicht besser sei, sich aus den sozialen Netzwerken ganz zurückzuziehen. „Nein“, antwortet Hvorecky entschieden, „das ist die falsche Richtung, stattdessen sollten wir die sozialen Netzwerke mit sinnvollen Inhalten füllen.“ Es wachse inzwischen eine Generation heran, die zur Information und Prägung ihrer Meinung nicht mehr die traditionellen Medien nutze, sondern Facebook & Co. Glauben schenken.

„Die sozialen Netzwerke haben unsere Zivilgesellschaft geschwächt“, ist sich Hvorecky  sicher. Auf der anderen Seite aber hätten sich die Proteste in der Slowakei nach dem Mord an Kuciak vor allem über Facebook gebildet. Man dürfe die sozialen Netzwerke also nicht per se verteufeln. In jeder Generation müsse Demokratie neu gelernt werden, sagt Hvorecky: „Der Freiheitskampf ist nie beendet.“

Vertrauen in den Staat wiederherstellen

Im Fall der ermordeten Kuciak haben die Ermittlungen mittlerweile ergeben, dass ein Multimillionär und ehemaliger Nachbar des früheren Premierministers Fico möglicherweise den Auftrag gegeben hat, den Journalisten zu ermorden. Auch den hatte sich Kuciak zum Feind gemacht. „Ich will, dass die Täter verurteilt werden“, erklärt Hvorecky. Das sei wichtig, um das Vertrauen in den Staat wieder herzustellen. „Ansonsten bleibt der Eindruck, dass es Menschen gibt, die andere Rechte haben als ’normale‘ Menschen.“

Zum Ende der Lesung befasst sich Hvorecky mit der Eröffnungsrede der Philosophin Svenja Flaßpöhler und der von ihr aufgeworfenen Frage des richtigen Umgangs mit Rechts. Er habe die gekürzte Fassung in der SZ gelesen und stimme ihr zu. „Allerdings sind Diskussionen mit Menschen, die Diskussionen verachten, sehr mühsam.“ Jeder habe das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. „Lügen sind Lügen“, sagt er und wiederholt damit eine Äußerung der Heldin seines Romans: „Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen.“

Michal Hvorecky: Troll, Tropen Verlag, Stuttgart, 2018, 215 Seiten, gebunden, 18 Euro, ISBN 978-3608504118, Leseprobe

Finnlands letzter Schund

Lauras letzte PartyEine Gruppe von finnischen Autoren und Drehbuchschreibern hat sich an einer Krimi-Trilogie versucht. Band 1 ist jetzt auf Deutsch im Suhrkamp-Verlag erschienen. Der Fall über das Verschwinden einer Schülerin und die Facebook-Ermittlungen einer Ex-Polizei-Internetspezialistin und jetzigen Sonderpädagogin ist ihnen jedoch nicht geglückt. Sie hätten das Schreiben wohl besser einem versierten Krimi-Autoren überlassen sollen.

Miia Pohjavirta ist internetsüchtig und musste deshalb ihren Job als Coach bei der Polizei in Helsinki aufgeben, wo sie einst die Einheit für Ermittlungen in sozialen Netzwerken begründete und dann schnell als Internet-Spionin bekannt geworden ist. Das soll nun alles der Vergangenheit angehören, denn sie hat ein völlig neues Betätigungsfeld gefunden: In ihrer Heimatstadt Palokaski arbeitet sie jetzt an ihrer alten Schule als Sonderpädagogin. Ein Teil ihrer früheren Clique wohnt noch immer in dem ruhigen, finnischen Nest, und ihr kleiner Bruder Nikke arbeitet an ihrer Schule als Psychologe.

Ausgerechnet am letzten Ferientag, als sich Miia gerade dem versammelten Lehrerkollegium vorstellen möchte, wird bekannt, dass die 16-jährige Schülerin Laura Anderson verschwunden ist. Wie jedes Jahr hatten die Schüler die Ferien mit einer Party am Badestrand beendet. Seitdem wurde Laura nicht mehr gesehen.

Keine normale Beziehung zu der 16-Jährigen

Miia verfällt schnell wieder in alte Muster: Sie bietet ihrem ehemaligen Chef ihre Hilfe bei den Ermittlungen an, sie recherchiert bei Facebook mögliche Hintergründe für das Verschwinden und wird schnell darauf gestoßen, dass ihr Bruder Nikke offensichtlich keine ganz so normale Beziehung zu der 16-Jährigen gehabt haben soll, wie man es gemeinhin von einem Schulpsychologen erwartet.

An sich ist der Plot eine Kriminalgeschichte, wie es sie zigfach schon in anderen Büchern erzählt worden ist. Die finnische Uusimaa Newspaper findet jedoch, das Buch sei „ein dunkler, psychologischer Thriller, ein fesselndes Beziehungsdrama in Zeiten des Internets“. Dass nun ausgerechnet eine Internetspezialistin mit Fachgebiet „Soziale Medien“ ermittelt, ist für diejenigen, die das Internet noch für Neuland halten, vielleicht spektakulär. Digital Natives können darüber nur müde lächeln. Und leider nimmt gerade die Internetrecherche dann auch noch zu wenig Raum ein. Es genügt einfach nicht, eine Ermittlern ein wenig durch Facebook zu schicken, um dem Leser deutlich zu machen, dass hier eine Spezialistin am Werk ist.

Wer wirklich einen guten Thriller lesen möchte, in dem eine Internetspezialeinheit der Polizei agiert, sollte beherzt zu der neuen Reihe von Karl Olsberg rund um die “Sonderermittlungsgruppe Internet” des LKA Berlin greifen. Der zweite Band ist im Frühjahr erschienen, weitere werden wohl folgen. Von der Palokaski-Trilogie jedoch kann man nur abraten.

Ein finnischer Anwalt sagt „Servus“

Möglicherweise liegt es an der Übersetzung, dass der Roman auch sprachlich nicht ansprechend ist. Dass die Schuldirektorin nicht in der Lage sein soll, die Grammatik zu beherrschen, ist wohl kaum vorstellbar. Dennoch gebraucht sie „brauchen“ ohne „zu“, und der Rezensent wird nicht müde werden, solche grammatikalischen Fehler zu erwähnen. Und dass ein finnischer Anwalt zur Verabschiedung tatsächlich „Servus“ sagten sollte, ist zwar ein nettes Beispiel von einem zusammenwachsenden Europa, aber dennoch eher ungewöhnlich.

Letztlich kann ein Leser von einer Sonderermittlerin der Polizei wohl mehr Feingefühl, Klasse und Lebenserfahrung erwarten, als Gedankengänge wie diese hier: „Als Verdächtiger kam der sonderbare Kauz auch weiterhin in Frage. Wer so unverfroren über die Brüste fremder Frauen redete, konnte sich locker an seinen Schülerinnen vergreifen.“ Das ist eigentlich nur eins: Billige Schund-Kriminalliteratur, die den Stempel „Literatur“ nicht verdient hat. Es erstaunt, dass es der renommierte Suhrkamp-Verlag ist, der sich die „Palokaski“-Trilogie an Land gezogen hat. Wer so großartige Krimi-Autoren wie Don Winslow, Reginald Hill und André Georgi im Programm hat, kann doch solche Bücher nun wirklich Publikumsverlagen wie Bastei Lübbe überlassen.

„Lauras letzte Party“ enttäuscht auf der ganzen Linie. Teil zwei und drei erscheinen im September und November. Wer den ersten Teil gelesen hat, muss im Grunde auch zum zweiten und dritten greifen, denn eine Lösung ist im ersten Buch nicht annähernd in Sicht. Wer aber gute Kriminalliteratur schätzt, findet sicher Besseres als die „Palokaski“-Trilogie.

J. K. Johansson: Lauras letzte Party, Suhrkamp Verlg, Berlin, 2015, 267 Seiten, Taschenbuch, 8,99 Euro, ISBN 978-3518465905, Buchtrailer, Leseprobe

Die Zukunft hat schon begonnen

Der CircleDave Eggers Buch „Der Circle“ wird als das „1984“ des Digitalzeitalters beworben. Seitdem der Roman im August auch in Deutschland erschienen ist, wird er vielfach gelobt und gefeiert. Sogar renommierte Literaturkritiker wie Iris Radisch und der eigentlich so kluge Denis Scheck überschlagen sich förmlich und finden kaum Worte der Kritik. Doch um es deutlich zu sagen: „Der Circle“ ist alles andere als visionär. Und sterbenslangweilig ist er auch.

Der „Circle“ ist ein fiktiver Onlinedienst mit Sitz in Kalifornien. Nicht irgendeiner, sondern der größte und beliebteste. Er bietet die Online-Identität, mit der schlichtweg alles abgewickelt werden kann. Ein bisschen wie Google. Und ein bisschen wie Google versucht auch der „Circle“, den Weg zum Monopol zu beschreiten. Mit allen Mitteln.

Natürlich ist der „Circle“ auch ein begehrter Arbeitgeber. Und so ist vielleicht auch die Dankbarkeit und Überglücklichkeit der 24-jährigen Mae Holland zunächst zu verstehen, als sie einen Job beim „Circle“ ergattert. Der Roman steigt mit ihrem ersten Arbeitstag ein und begleitet Mae danach ganz linear bei ihren Erfahrungen.

Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas

Mit ihr entdeckt der Leser auch den „Circle“-Campus, der das Nonplusultra von Arbeit und Freizeit vereint: Architektonische Wunderwerke aus Stahl und Glas bieten nicht nur helle Arbeitsräume und Büros, sondern auch Wohneinheiten für die Mitarbeiter, Fitnessräume, ein Schwimmbad, ein medizinisches Zentrum, eine Kindertagesstätte, ein Kino. Grünflächen laden zum Verweilen ein, und auf einer Bühne treten internationale Stars auf und geben kostenlose Konzerte, weil es eine Ehre ist, auf dem „Circle“-Gelände spielen zu dürfen. Das alles geht mit dem Wunsch des „Circles“ einher, dass sich das Leben seiner Mitarbeiter nur noch auf dem Campus abspielen sollte.

Doch der „Circle“ will noch mehr: Anfangs hat Mae nur zwei Bildschirme auf ihrem Schreibtisch stehen. Dann drei. Bald fünf. Immer mehr Aufgaben werden der jungen Mitarbeiterin zugeteilt. Und noch ein weiterer Bildschirm. Über die sozialen Netzwerke soll sie die Community stets über ihre Lieblingsprodukte auf dem Laufenden halten und immer mehr neue Freundschaften schließen. Als sie schließlich noch eine Kamera um den Hals trägt, die rund um die Uhr ihr Leben aufzeichnet und live ins Internet sendet, bleibt ihre Privatsphäre gänzlich auf der Strecke. Der „Circle“ nennt das „transparent werden“.

Doch ist das alles so visionär wie einst George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“? Beide Bücher wurden im Zusammenhang mit „Der Circle“ immer wieder genannt. Viele der „Circle“-Visionen haben wir jedoch längst erreicht. Die Daten-Armbänder zum Beispiel, die Informationen zu Maes Gesundheit anzeigen, gibt es schon. Die Firma Apple hat gerade erst die iWatch präsentiert, die Ähnliches vermag. Bei Facebook oder Foursquare verbreiten wir, was wir mögen und wo wir uns gerade aufhalten, und Webcams weben ein immer dichteres Netz digitaler Scheinwerfer in die dunkelsten Ecken unserer Welt. Ohnehin sind wir über unsere Smartphones inzwischen fast überall und immer erreichbar. Schalten wir die Geräte ab, fehlt uns etwas. Wir haben gelernt, nicht privat sein zu müssen. Um es also mit dem Titel des lesenswerten ersten Buchs des Zukunftsforschers Robert Jungk zu sagen: „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Der Roman „Der Circle“ aber bringt uns nichts, was wir nicht ohnehin schon wissen.

Geradezu überschwenglich gelobt

Vielleicht darf man das nicht als Makel dieses Buches sehen. Vielleicht genügt es schon, „mit einem Roman eine wichtige gesellschaftliche Debatte neu zu befeuern“. Das nämlich bescheinigt die Wochenzeitung Der Freitag dem Autor. Soviel ist sicher: Das Buch wird geradezu überschwenglich gelobt. Doch wird damit eine Debatte losgetreten oder gar befeuert? Vornehmlich werden damit die Verkaufszahlen befeuert, aber eine Debatte rund um die Auswirkungen des Internets auf die Menschheit und die Privatsphäre? Eher nein.

Man dächte sicherlich auch gnädiger über einen solchen Roman, wenn er wenigstens gut geschrieben wäre, oder zumindest so spannend und facettenreich, wie ihn manche Rezensenten offensichtlich gesehen haben:

„Eggers hat […] einen wahnsinnig fesselnden Roman [geschrieben], der Schauder hervorruft, den man […] keine Minute mehr aus der Hand legen möchte.“ (Hamburger Abendblatt)

„Aufregende Lektüre bis zur letzten Seite.“ (NDR Kultur)

„Dave Eggers hat sehr viel Ahnung von den katastrophischen Nachtseiten unserer Zeit. [Eine] grandiose Dystopie […].“ (Matthias Mattusek)

„Der Circle […], voller Dialogwitz und Rasanz, ist schon jetzt das meistdiskutierte Buch der Saison hierzulande – und das mit vollem Recht.“ (Bayrischer Rundfunk)

Doch „Der Circle“ ist leider auch stilistisch nicht gelungen: flache Figurenzeichnungen und schiefe Bilder gibt es hier eine Menge. Das fängt bei der Protagonistin Mae Holland an, die unglaublich naiv zu Werke geht. Möglicherweise ist das Absicht, aber so unreflektiert kann man doch nun wirklich nicht sein. Am Abend ihres ersten Arbeitstages ist Mae auf einer Party auf dem Campus eingeladen und trifft einen unbekannten Mann. Sie geht mit ihm mit. Denn: „Sie empfand in diesem Moment so viel Liebe für alle innerhalb dieser Mauern, wo alles neu und alles erlaubt war.“

Ähnlich gelingen Eggers auch Personenbeschreibungen: „Er hatte die Haut eines Kindes, die Augen eines deutlich älteren Mannes und eine markante Nase, schief und krumm, aber irgendwie verlieh sie dem Rest des Gesichts Stabilität, wie der Kiel einer Jacht.“ Ja. Das ist selten schöner ausgedrückt worden. Wie auch die Sexszene, an der sich Eggers versucht: „‚Mae‘, sagte er, als sie sich gegen ihn presste, ihre Hüften von seinen Händen gehalten, ihn so tief aufnahm, dass sie seine geschwollene Spitze irgendwo nah an ihrem Herzen spüren konnte.“ Und das soll Spaß machen? Kaum vorstellbar. Das kann nur wehtun!

Darüber hinaus ist die Welt, die Eggers in seinem Roman entwirft, sehr schlicht gehalten. Ist es wirklich vorstellbar, dass ein Konzern wie der „Circle“ so schnell an die Macht kommt und bestehende demokratische Strukturen ändern kann, ohne dass nennenswerte Gegenwehr aufkommt? Wohl kaum. Auch im „Circle“-Konzern ist Kritik praktisch nicht vorhanden. Die Angestellten finden alles dufte und jubeln ihrem Management bei jeder Präsentation frenetisch zu. Es gibt zwar einen geheimnisvollen Gegenspieler, der aber bleibt ziemlich blass im Hintergrund.

Mit seinen Vorgängerwerken sehr aufgefallen

Im Vorfeld durfte man sehr gespannt sein auf das Buch. Der Verlag rührte ordentlich die Werbetrommel und sorgte für die entsprechende Neugier. All die positiven Besprechungen taten das Übrige. Doch Dave Eggers ist in der Literaturszene auch kein Unbekannter mehr. Mit seinen Vorgängerwerken „Weit gegangen“ und „Zeitoun“ ist der US-Amerikaner bereits einem breiten Publikum aufgefallen.

In „Weit gegangen“ beschrieb er die Flucht eines sudanesischen Jungen ins rettende Äthiopien, ein sehr an die Nieren gehendes Stück Literatur, das auf einer wahren Lebensgeschichte beruhte. Auch „Zeitoun“, mehrfach ausgezeichnet, schildert einen wahren Fall: Nach dem Hurrikan Katrina gerät die syrisch-amerikanische Familie Zeitoun ins Visier der amerikanischen Terrorismusfahnder.

Die Vermischung von Fiktion und Realität mit den Stilmitteln der Literatur – das ist Eggers‘ Markenzeichen und seine große Kunst. In „Der Circle“ gelingt das alles leider nicht. Die Erwartungen an einen neuen großen Wurf sind enttäuscht worden. Lesen Sie nicht „Der Circle“. Lesen Sie lieber „Die Zukunft hat schon begonnen“.

Dave Eggers: Der Circle, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2014, 560 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22,99 Euro, ISBN 978-3462046755, Leseprobe

Die Welt ist eine Google

Silicon JungleWenn der Chefentwickler bei Google einen Roman schreibt, der auch von den Geschäftsgebahren eines fiktiven Suchmaschinenkonzerns handelt, muss man hellhörig werden. Die Enthüllungen von Edward Snowden haben eine Ahnung davon gegeben, wie mit persönlichen Daten umgegangen wird. Seitdem ist Shumeet Balujas Roman „Silicon Jungle“ aktueller denn je. Die Handlung selbst ist lau erzählt, die Sache an sich jedoch geradezu beklemmend.

Der junge Informatiker Stephen Thorpe hat sein erstes Startup-Unternehmen schon vor die Wand gesetzt, da wird er unter Tausenden von Bewerbern für ein Praktikum bei Ubatoo ausgewählt. Ubatoo ist die bekannteste Suchmaschine der Welt. Daneben bietet das Unternehmen viele weitere Produkte an: E-Mail-Adresse, Kalender, Kreditkarte, Mobiltelefon. Server, die auf der ganzen Welt verteilt stehen, speichern die Daten und erzeugen so eine riesige Datenwolke. Und genau auf diese Datenwolke bekommen die Praktikanten nun Zugriff.

„In diesem gewaltigen Archiv waren mehr personenbezogene Informationen gespeichert, als je zuvor in der Geschichte der Menschheit gesammelt worden war. (…) Ubatoo war über alles informiert, über deine Kaufgewohnheiten, deine E-Mails, von denen dein Boss nichts wissen sollte, die Fotos, nach denen du hinter verschlossenen Türen gesucht hattest. Und warum wurden diese Informationen gesammelt? Aus dem einfachen Grund: damit Ubatoo dir optimierte Werbung schicken konnte.“

Terror-Liste der Regierung

Stephen will sich beweisen. Er wird in einem sogenannten Data-Mining-Team untergebracht und erstellt aus den Benutzerdaten Algorithmen, um Produktwünsche voraussagen zu können, bevor der Nutzer selbst davon weiß. Doch eine solche Datenwolke birgt auch die Gefahr, dass sie missbraucht wird. Für den Mitarbeiter einer Bürgerrechtsorganisation, offensichtlich auch Geschäftspartner von Ubatoo, ermittelt Stephen eine Liste von 5.000 Menschen, die angeblich auf eine Terror-Liste der Regierung geraten sind. Fast zu spät merkt Stephen, dass seine Datenliste ganz woanders landet.

Balujas Roman funktioniert weder als Krimi noch als Roman, wie der Suhrkamp Verlag ihn eingestuft hat. Richtig warm wird man mit den Charakteren ohnehin nicht, dafür sind sie zu blass gezeichnet. Es fehlt an Tiefe und nachvollziehbarer Emotionalität.

Wäre es ein Sachbuch, hätte es bei seinem Erscheinen im Jahr 2012 die Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen. Und wahrscheinlich hätte Shumeet Baluja unter Pseudonym schreiben müssen. So aber eröffnet er sein Buch mit den Worten: „Die Figuren, Unternehmen und Zahlen sind nicht real. Keine Sorge.“

Internetnutzer produzieren immense Datenmengen über sich

Das klingt beschwichtigend angesichts der Tatsache, dass Internetnutzer tagtäglich online unterwegs sind und immense Datenmengen über sich produzieren, die von Unternehmen wie Google und Facebook ausgewertet und wirtschaftlich genutzt werden. Wie groß diese Datenmengen sind, die auch geheimdienstlich gespeichert werden, ist erst bekannt, seitdem Snowden die Weltöffentlichkeit über das Überwachungsprogramm der USA informiert hat.

Balujas „Keine Sorge“-Empfehlung wirkt deshalb nur noch zynisch. Und es bleibt unklar, warum er sich in seinem ersten Roman ausgerechnet dem Thema Datenmissbrauch und Datenschutz widmet. Womöglich nur, weil er sich damit auskennt. Denn auch Google bietet fast allumfassende nützliche Dienste an, sammelt Daten noch und nöcher. Was damit tatsächlich geschieht, ist genauso ungewiss wie bei Ubatoo. Und niemand weiß das besser als Google-Chefentwickler Shumeet Baluja.

Shumeet Baluja: Silicon Jungle, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 375 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro, ISBN 978-3518463017

Seitengang teilt Lesefreude

Die Aktion „Lesefreunde“ ist in vollem Gange! Nachdem ich am Dienstag vergangener Woche mein Buchpaket im Bielefelder Buchladen „Eulenspiegel“ abgeholt hatte (Seitengang berichtete), begann ich am Freitag, die ersten Bielefelder Institutionen anzurufen, an die ich einige Exemplare der 30 Bücher verschenke.

Erreicht hatte ich bis Montagmorgen leider nur die „Kava“ und die Bielefelder Bahnhofsmission. Zur „Kava“, dem Bethel-Treffpunkt für Menschen in besonderen Lebenslagen, bin ich am heutigen Montag gefahren. Dort gibt es ein offenes Bücherregal, in dem die geschenkten Bücher ab jetzt stehen und von den Bedürftigen mitgenommen und gelesen werden können.

Bei der Bielefelder Bahnhofsmission war ich am Samstag. Es traf sich gut, dass dort gerade der nationale Tag der Bahnhofsmissionen gefeiert wurde. Der kirchliche Dienst im Hauptbahnhof, der von der Diakonie und dem Caritasverband gemeinsam getragen wird, kümmert sich vor allem um Reisende in Notsituationen, aber auch immer mehr um Obdachlose und Suchtkranke, erklärt mir Marcel Bohnenkamp, Leiter der hiesigen Einrichtung. Außerdem sei das Angebot nun auch um die kostenlose Reisebegleitung für Kinder erweitert worden, damit Kinder getrennt lebender Eltern nicht alleine Zug fahren müssen.

„Danke für die Unterstützung! Hooray!“

Fünf Bücher bekam Bohnenkamp von mir für die Bahnhofsmission. „Ich weiß schon, was wir mit den Büchern machen“, sagte er und erzählte mir von einem Gebetsraum, einem Ort der Stille, in dem er die Bücher auslegen will. „Dort werden die Bücher nicht nur in einer Hand, sondern in vielen sein.“ Als ich ging, rief er mir noch ein „Danke für die Unterstützung!“ und schließlich ein „Hooray!“ hinterher. Besser kann Freude kaum klingen.

Samstagmittag schließlich entließ ich in meinem Lieblingscafé Meyerbeer in der ersten Etage der Buchhandlung Thalia ein Exemplar der „Schweigeminute“ via Bookcrossing in die Freiheit. Bislang ist es aber offenbar noch nicht gefunden worden.

Am Montag und Dienstag dürften auch die ersten Bücher bei den Freunden ankommen, denen ich ein Buch per Post geschickt oder gar selbst vorbei gebracht habe. Ich hoffe, sie folgen meiner Aufforderung, lassen sich mit dem Buch fotografieren und laden es auf der Seitengang-Facebook-Seite hoch. Das dürfen übrigens natürlich auch die Bielefelder Institutionen, die Bücher von mir bekommen haben!

Zeitungsartikel über die Schenk-Aktion

Außerdem habe ich auf Anfrage der Kollegen für die Bielefelder Lokalausgabe der Neuen Westfälischen Zeitung einen Artikel über meine Schenk-Aktion geschrieben (Erscheinungstag: Montag, 23. April 2012).

In den nächsten Tagen werde ich hier außerdem von den weiteren Schenk-Aktionen an die anderen Bielefelder Institutionen berichten.

Update 1: Dienstagmorgen werde ich bei der städtischen Schuldnerberatung im Neuen Rathaus erwartet. Die Mitarbeiterin wird vier Bücher von mir bekommen, die sie an Bedürftige weiterverschenken wird. Außerdem gehen am Dienstag vier Bücher an den Verein für Gefangenenbetreuung Bielefeld bei der JVA Bielefeld-Brackwede. Ich telefonierte mit dem Justizvollzugsbeamten Jörg Bade, einem Mitarbeiter des Vereins, dem ich die Bücher zusenden werde. Wahrscheinlich werden sie dann bald in der Gefängnisbücherei stehen.

Auch beim Bielefelder Jugendring erreichte ich am Montag jemanden – am Dienstag werde ich dem Dachverband fünf Exemplare der „Schweigeminute“ vorbeibringen. Jetzt fehlt nur noch der Kontakt zum Städtischen Krankenhaus, dann sind alle Bücher verteilt.

Update 2: Alle Bücher sind weg! Am Dienstagvormittag habe ich zunächst die vier Bücher zur städtischen Schuldnerberatung gebracht. Ein Exemplar wollte die Mitarbeiterin gleich selbst lesen, die anderen drei stehen zurzeit in einem Regal auf dem Flur und finden hoffentlich bald ihre Leser. Gleich danach ging’s weiter zum Bielefelder Jugendring. Die Mitarbeiterin dort hatte inzwischen meinen Zeitungsartikel entdeckt und gelesen und war bestens im Bilde. Sie sagte mir, sie habe mit den Mitarbeitern des Jugendrings gesprochen und ihnen seien schon Ideen gekommen, was sie mit den fünf Büchern anfangen werden. Schließlich fuhr ich noch zum Städtischen Krankenhaus und verschenkte die letzten beiden Exemplare an die Patientenbücherei. Jetzt fahren nur noch vier Bücher in einer Versandtasche mit mir zur Post, um sie an die JVA Bielefeld-Brackwede zu schicken.

Jetzt warte ich nur noch auf die Fotos meiner Freunde auf der Seitengang-Facebook-Seite sowie auf die Mail von Bookcrossing, dass mein Buch gefunden wurde.