Morden als Kunstform

Ich, der MörderMorde üben immer wieder eine seltsame Faszination aus – zahlreiche Bücher und Filme beschäftigen sich etwa mit dem perfekten Mord. Daneben existieren diverse Darstellungen über den Mord als (schöne) Kunst und Frage der Ästethik. Emilio Rodriguez, Professor für Kunstgeschichte an der Universität des Baskenlandes und Protagonist der raffinierten Graphic Novel „Ich, der Mörder“, frönt aktiv dieser besonderen Leidenschaft: dem Morden als Kunstform. Antonio Altarriba und dem Zeichner Keko ist ein philosophisch dichter, aber auch mit vielen Abzweigungen versehener Comic gelungen, der Mühe macht, und sich dennoch zu lesen lohnt.

Rodriguez ist 53 Jahre alt und leitet neben seiner Lehrtätigkeit eine Forschungsgruppe zur Darstellung der Folter in der westlichen Malerei. Er ist verheiratet, hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen und reist ansonsten quer durch Spanien, um aus seiner Sicht ästethisch wunderbare Kunstwerke zu schaffen. „Töten ist kein Verbrechen“, sagt er zu Beginn. „Töten ist eine Kunst.“ Die jedoch sei erst dann möglich, wenn der Mord willkürlich geschehe, nie aus persönlichem Nutzen, nie am selben Ort, und die Opfer mal Mann, mal Frau, jung und alt, arm und reich sind.

Der Leser begleitet Rodriguez von den Anfängen seiner schauderhaften Kunst bis in die Gegenwart, nicht linear erzählt, sondern in Zeitsprüngen. Die Kunst des Mordes bleibt dabei immer vorherrschendes Thema. Der Autor, der selbst Professor für französische Literatur an der Universität des Baskenlandes ist, verknüpft mit der Handlung unterschiedliche kunsttheoretische Diskussionen sowie die politische Frage der Unabhängigkeit des Baskenlandes. Das kann manchenorts ermüdend wirken, denn der Autor hält sich mit seinem Wissen nicht gerade zurück. „Ich, der Mörder“ ist also kein reiner Krimi- und Thriller-Plot, sondern begeistert vor allem durch die philosophische Fachsimpelei.

„Der Mord, als eine schöne Kunst betrachtet“

Dass das Morden eine Kunst sein kann, hat schon der englische Schriftsteller Thomas de Quincey erkannt. In dessen 1827 erschienenen, schwarzhumorigen Essay „Der Mord, als eine schöne Kunst betrachtet“ gibt er einer fiktiven Runde von Londoner Mordliebhabern einen Überblick über die Kunstgattung des Mordes, die ganz eigenen ästethischen Regeln folgt. Dieser Idee fühlt sich auch Rodriguez verpflichtet. Jedem seiner Morde gibt er einen Titel: „Bloody Painting“, „Blood, Sweat & Tears“ oder „Der Puzzle-Mord“. Kein Mord ist wie der andere, unbeweisbar und folgenlos sollen sie sein. Er ist nicht Serienmörder, sondern „Exklusivmörder“ – so sieht er sich selbst. Das geht erstaunlich lange gut. Doch plötzlich scheint ihm gerade sein Ruf als Experte für Grausamkeit in der Malerei zum Verhängnis zu werden, denn es tun sich merkwürdige Parallelen zu einem Mordfall auf, in dem die Polizei ermittelt.

Eine Graphic Novel reduziert sich nie nur auf den Text, sondern wirkt und lebt durch die Koexistenz von Zeichnung und Text. Der spanische Zeichner José Antonio Godoy – Keko ist sein Pseudonym – hat der Kunst- und Mordgeschichte den passenden Rahmen gegeben. Die Graphic Novel ist durchweg schwarzweiß gezeichnet, wobei die schwarzen Flächen überwiegen und eine düstere Grundstimmung erzeugen. Doch sobald rote Dinge ins Spiel kommen, sind sie deftig rot gezeichnet. Das kann ein Apfel oder ein Strauß Rosen sein, fast immer aber ist es Blut. Mal nur ein Tropfen, mal ein ganzer Schwall. Es erinnert in seiner Symbolik an die „Dorian Gray“-Verfilmung von Albert Lewin aus dem Jahr 1945, die hauptsächlich als Schwarzweißfilm gedreht wurde. Nur das Bildnis des Dorian Gray ist als einziges Objekt mehrmals in Farbe zu sehen. So sind auch Godoys Zeichnungen der papiergewordene Schwarzweiß-Film ganz großer Klasse.

„Ich, der Mörder“ ist ein anspruchsvolles Werk, kein Pageturner, der sich rasant lesen lässt. Wer das sucht, sollte sich anderen Büchern zuwenden. Wer sich aber gerne intellektuell auf hohem Niveau unterhält, an verschiedenen Kunstströmungen interessiert ist und einer Graphic Novel die Chance lässt, selbst komplexes Kunstwerk zu sein, sollte sich Altarribas und Kekos bereits preisgekrönte Version des Kunstmords ansehen.

Antonio Altarriba/Keko: Ich, der Mörder, Avant-Verlag, Berlin, 2015, 136 Seiten, gebunden, 24,95 Euro, ISBN 978-3945034323, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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