Buch Wien: Frédéric Beigbeder und der Skandal des Todes

Frédéric Beigbeder bei der "BuchWien". © LCM Foto Richard Schuster
Frédéric Beigbeder bei der „BuchWien“. © LCM Foto Richard Schuster

Ewige Zeiten schon haben die Menschen den Traum vom ewigen Leben. Vampire leben endlos, wenn ihnen niemand einen Holzpflock durchs Herz treibt, Dorian Gray bleibt für eine gewisse Zeit ewiglich jung, manch einer geht sogar einen Pakt mit dem Teufel ein. Das alles sind Gestalten der Literatur. Eine der Gegenwart aber ist der französische Star-Autor Frédéric Beigbeder. In seinem neuen Roman „Endlos leben“ sucht er das ewige Leben, wie es mit dem heutigen Stand von Medizin und Technik möglich ist. Bei der „Buch Wien“ stellte er in der vergangenen Woche seinen Roman vor.

„Papa, ich möchte nicht, dass du stirbst“, sagt die Tochter des 50-jährigen Erzählers eines Tages zu ihm. Er, der verblüffende Ähnlichkeiten mit seinem Autor Frédéric Beigbeder hat, beginnt, sich mit dem Tod zu beschäftigen und beschließt: „Von jetzt an stirbt niemand mehr.“ Er begibt sich auf Reisen, trifft Wissenschaftler und Ärzte und stellt den Forschungsstand dar.

In Wien erzählt Beigbeder, wie er in den drei Jahren, in denen er das Buch geschrieben hat, immer wieder „vollkommen absurde Wissenschaftler“ getroffen hat. „Jedes Mal, wenn ich mit einem Wissenschaftler gesprochen habe, habe ich ihn gebeten, mir einen anderen und wenn möglich einen noch abgedrehteren zu empfehlen, und die allerverrücktesten sitzen in Kalifornien, in San Diego. Da gibt’s vollkommen absurde Institute, wo die Medizin dann schon eher ins Sektentum mündet.“ Da gibt es zum Beispiel ein Institut, das älteren Menschen das Blut von jungen Menschen injiziert wird, wodurch man angeblich verjüngt. Kosten: schlappe 8.000 Dollar am Tag. Vampirismus sei dort an der Tagesordnung, koste aber natürlich auch einiges. „Dort ist meine anfängliche Begeisterung wirklich in Angst umgeschlagen.“

Das Ende der Utopien gesehen

Das ewige Leben ist die älteste Utopie der Welt, und der Mensch kann nicht ohne Ideale leben, sagt Beigbeder. „Dabei gehöre ich eigentlich einer Generation an, die das Ende der Utopien gesehen hat. Ich habe den Sturz der Mauer und den Zusammenbruch des World Trade Centers miterlebt, das heißt ich gehöre einer Generation an, die eigentlich keine Ideale hat und keine Utopie.“

Beigbeder ist ein Fan von Büchern, in denen Helden „unmögliche Träume“ haben, erzählt er. Als Beispiele nennt er Don Quixote, Dorian Gray, Frankenstein und Dracula, „dieser berühmte Graf Dracula“. „Und deshalb ist es für mich ganz besonders wichtig, dass ich heute hier in Wien bin, in einer Stadt, wo die Gräfin Báthory Blutbäder genommen hat – sie hat wunderschöne Jungfrauen zerstückelt und in dem Blut gebadet, um daraus Ewigkeit zu erlangen.“ Wäre sie zuvor in Kalifornien gewesen, hätte sie gewusst, dass sie nicht im Blut baden, sondern es sich in die Venen spritzen lassen musste, sagt Beigbeder und lacht.

Auch in Österreich gebe es eine Klinik am Ufer des Wörthersees, wo er einige Zeit verbracht und Bluttransfusionen bekommen habe, um seinem Blut Sauerstoff und Mineralsalze zuzuführen. „Und ich habe einen roten Laser in die Venen gesteckt bekommen – das war eine äußerst interessante Erfahrung, denn angeblich bekommt dadurch das Blutplasma mehr Vitamin D.“ Wenn er dann auf die roten Reflexe des Lasers geblickt habe, sei er sich allerdings vorgekommen wie eine Discokugel. „Ich habe gedacht: das war schon immer mein Traum – ich bin jetzt wie eine Tanzfläche.“

„Ein fasziniertes Opfer“

Es sei aber ja tatsächlich so, dass die Wissenschaft heute zu unglaublichen Entdeckungen in der Lage sei. Insbesondere die Genetik eröffne völlig neue Perspektiven. Das Ziel seines Buches sei es auch gewesen, diese zu erforschen, erklärt Beigbeder, die DNA, die Veränderung und Transformation des Menschen zu einer Art anderen Wesen. Gleichzeitig wolle er diesen Wahnsinn aufzeigen, denn er habe immer angeprangert, welche Wahnsinnigkeiten in unserer Zeit passieren. „Ich bin also gleichzeitig ein fasziniertes Opfer davon und auch jemand, der davor warnt.“

Er habe ein „sehr leichtes Buch über das ernsteste Problem“ schreiben wollen. „Ich habe versucht, über den Tod zu sprechen, als sei er nur ein technisches Problem, das man ganz einfach mit medizinischen Entdeckungen verändern oder abschaffen.“ Er habe sich darüber amüsiert, dass er die Vor- und Nachteile des Todes in zwei Listen aufgeschlüsselt habe, als hätten wir die Wahl, es uns auszusuchen.

Die Lebenserwartung habe sich unglaublich verlängert: im Mittelalter war die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre, dann ist sie auf 50 Jahre gestiegen und mittlerweile liege sie bei 80 Jahren. „Warum sollte es dann nicht möglich sein, dass man die Lebenszeit verdoppelt oder verdreifacht bis 2050 oder 2100? Viele Ärzte halten das durchaus für möglich.“ Mit der Unsterblichkeit könnte man  mehr Bücher lesen, mehr Filme sehen, man könnte mehr Liebesgeschichten haben und mehr Reisen machen. „Und das ist eine Aussicht, die mich keineswegs erschreckt.“

„Für mich ist der Tod ein Skandal“

Eigentlich sei das Versprechen des ewigen Lebens die Rolle der Religion gewesen, macht Beigbeder im Alten Rathaus von Wien deutlich: „Aber wir haben inzwischen Mediziner statt Priester, wir haben Biochemiker und Stammzellenforscher, die uns alle dasselbe versprechen, und das ist das Thema meines Buches. Warum hasst der Mensch den Tod so sehr? Und auch ich kann den Tod nicht akzeptieren, ich kann dem nichts Interessantes abgewinnen, ich habe keine Lust selbst zu sterben und will auch nicht die sterben sehen, die ich liebe. Ich habe keine Lust alt zu werden, krank zu werden, kurzum: für mich ist der Tod ein Skandal.“

Darauf angesprochen, ob es nicht zu Platzproblemen auf Erden führen würde, wenn niemand mehr stirbt, sagte Beigbeder: „Das ist natürlich ein Problem, das ich noch gar nicht bedacht habe, als ich meinen Roman geschrieben habe, aber tatsächlich müssten wir wohl, wenn wir jetzt 300 Jahre alt werden, unsere Geburtstagsfeiern in Stadien veranstalten.“Man müsse allerdings auch beachten, dass diese Langlebigkeit der Menschen nur einer gewissen Elite vorbehalten wäre.

„Alle diese Methoden, das Leben zu verlängern, kosten Unsummen und ein riesiges Vermögen – daher werden die Menschen weiterhin sterblich sein, und nur eine kleine Elite wäre unsterblich.“ Im Grunde sei das keine Utopie, sondern ein Albtraum. In den drei Jahren, in denen er recherchiert habe, sei aus seiner anfänglichen Begeisterung nicht mehr sehr viel übrig geblieben, wiederholt er. „Sie hat sich in einen Schrecken verwandelt, denn wenn wir wirklich dieses längere Leben anstreben, dann müssen wir gleichzeitig auf unser Menschsein verzichten“, sagt Beigbeder.

Die Frage sei doch, warum man den Menschen überhaupt verbessern und ihm ein längeres Leben geben wolle. „Ist der Mensch nicht schön in seiner Imperfektion, in seiner Unvollendung und so, wie er ist?“, fragt Beigbeder. „Alle diese Menschen, die versuchen, das Leben zu verlängern, die mögen den Menschen, so wie er ist, nicht. So wie er ist in seinem Provisorischen, in seiner Fragilität, in seiner Kurzlebigkeit, mit all seinen Fehlern.“ Und genau darum gehe es in seinem Roman über einen Menschen, der versucht, diese Verbesserungen zu erreichen, der aber irgendwann mal erkennt, dass es besser ist, sich selbst mit all seinen Fehlern zu akzeptieren.

Frédéric Beigbeder: Endlos leben, Piper Verlag, München, 2018, 352 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3492059237

 

 

Frankenstein, der unsterbliche Mythos

Einen der bedeutendsten und grandiosesten Schauerromane der Weltliteratur haben wir dem verregneten Sommer 1816 zu verdanken. Weil in Genf kein Nachtleben möglich war, versammelte sich eines Abends eine illustre Runde britischer Touristen um ein loderndes Holzfeuer und erzählte sich Gruselgeschichten. Unter den Gästen befand sich auch die damals 18-jährige Mary Godwin. Eineinhalb Jahre später, sie hatte mittlerweile Percey Shelley geheiratet, erschien ihr Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.

Zum 200. Geburtstag des Wissenschaftlers Frankenstein und seines berühmt gewordenen Monsters in Menschengestalt hat jetzt der britische Historiker Christopher Frayling, eine anerkannte Instanz in Sachen Schauerliteratur und Horrorfilmen, eine fantastische Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte sowie der Auswirkungen des Romans auf die populäre Kultur verfasst.

Mary Godwin verbrachte den Sommer 1816 mit ihrem zukünftigen Ehemann Percy Shelley und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont bei dem englischen Dichter Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori in der Schweiz. Lord Byron hatte in Cologny am Genfersee, rund zwei Meilen von Genf entfernt, die Villa Diodati gemietet, von der man einen herrlichen Blick über die Ostküste des Sees gehabt hätte – wenn das Wetter nicht so schlecht gewesen wäre.

Das Jahr ohne Sommer

Das Jahr 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Verursacht wurde es durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815, der mehr Staub in die Atmosphäre schleuderte als jeder andere Ausbruch eines Vulkans zuvor. Dieser Sommer war ausgesprochen kalt, regnerisch und stürmisch, und die Reisenden waren meist im Haus gefangen. Die ummauerte Stadt Genf schloss ihre Tore pünktlich um 10 Uhr abends und „keine Bestechung (wie in Frankreich) kann sie öffnen“, schrieb Mary Godwin in ihr Notizbuch.

Wie also sollte man sich die Zeit vertreiben? Die Freunde trafen sich des Abends am Kamin, philosophierten und stritten über wissenschaftliche Errungenschaften der damaligen Zeit oder lasen sich gegenseitig Gespenstermärchen vor. Eines Abends kam Lord Byron auf die Idee, jeder aus der Runde solle eine eigene Geschichte erzählen. Dr. Polidori sorgte mit seiner Erzählung „Der Vampyr“ für allerlei Schrecken in der Runde, noch bevor Bram Stoker sich „Dracula“ ausdenken konnte.

Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches

Und Mary Godwin, mit ihren zarten 18 Jahren bereits eine sehr belesene junge Frau, schockierte die Schicksalsgemeinschaft mit ihrer Erzählung über die Erschaffung eines künstlichen Menschen. Mit Unterstützung ihres Mannes Percy Shelley brachte Mary am Neujahrstag des Jahres 1818 schließlich den Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ heraus, in einer Auflage von 500 Exemplaren und ohne Namensnennung der Autorin. Niemand glaubte an einen Erfolg des Buches, dabei war das Sujet durchaus modern zu jener Zeit.

Anfang des 19. Jahrhundert hatte das Zeitalter der Elektrizität begonnen. Die erste Batterie war erfunden (die sogenannte Voltasäule), Wissenschaftler wie Luigi Galvani forschten mit Froschschenkeln an Muskelkontraktionen durch elektrischen Strom, und der Schweizer Uhrmacher Pierre Jaquet-Droz und sein Sohn Henri-Louis verblüfften die Öffentlichkeit mit ihren automatischen Figuren, die schreiben, Klavier spielen sowie Augen und Kopf bewegen konnten.

In „Frankenstein – Die ersten zweihundert Jahre“ ordnet Christopher Frayling die Entstehungsgeschichte von „Frankenstein“ in den historisch-wissenschaftlichen Kontext ein, legt dar, welche Bücher Mary Shelley gelesen hat, mit welchen Wissenschaftlern sie sich beschäftigte und zeigt anschaulich den heutigen Stand der Literaturforschung über den Ursprung von Mary Shelleys „Frankenstein“. Faszinierend dabei ist auch der Faksimile-Nachdruck der frühesten bekannten Manuskriptversion der Schöpfungsszene.

Frankenstein kommt ins Kino

Aber „Frankenstein“ ist nicht nur eine Weltliteratur gewordene Schauergeschichte, „Frankenstein“ wurde zu einem Mythos und nahm schon bald den Weg in die populäre Kultur. 1823 wurde der Stoff erstmalig fürs Theater adaptiert, wo Mary Shelley diese Bearbeitung auch gesehen haben soll. Im Jahr 1910 dann die erste filmische Bearbeitung der „Edison Studios“, bevor 1931 „Frankenstein“ mit Boris Karloff in der Rolle des Monsters in die Kinos kam. Maskenbildner Jack Pierce brauchte damals täglich zwischen vier und sechs Stunden, um aus dem Schauspieler das Ungeheuer zu machen, mit dessen Äußerem jahrzehntelang jeder Frankensteins Monster verband oder bis heute verbindet.

Auch in diesem Teil des großformatigen Bandes von Christopher Frayling bleibt die Lektüre erhellend, was wohl auch daran liegt, dass Frayling ein wahrer Horrorfilm-Fan ist. In seinem Nachwort schreibt er, dass er „verspätet“ jenem unbekannten Mitarbeiter im „Plaza Cinema“ in London dankt, der ihn als 11-Jährigen in eine Vorstellung des erst ab 18 Jahren freigegebenen Films „Frankensteins Rache“ schlüpfen ließ und „unwissentlich einen tiefen Samen gepflanzt hat“.

Inbegriff der Grenzüberschreitung

Frayling zeigt im umfangreichen Bildteil des Buches die visuelle Entwicklung und ständige Neubelebung des Frankenstein-Themas in zahlreichen Filmen, Comics, Theaterstücken, Musicals, TV-Serien, Werbeplakaten, Briefmarken und Plastikspielzeug. Frankenstein ist allgegenwärtig und thematisch aktuell wie eh und je: Er bleibt der Inbegriff der Grenzüberschreitung, die Wissenschaftler stetig anstreben – ohne dass sie auch immer erstrebenswert scheint. Oder wie Frayling selbst umreißt: „Der wahre Schöpfungsmythos der Neuzeit (…) ist nicht mehr Adam und Eva im Garten Eden“, der „wahre Schöpfungsmythos ist ‚Frankenstein'“.

Der reich illustrierte Band ist ein ausgezeichneter Start in das Frankenstein-Jubiläumsjahr, dem neben Neuveröffentlichungen des Romans weitere Bücher, Filme und andere Produkte folgen werden. Christopher Frayling gelingt es hervorragend, erzählerisch mitreißend und dabei ohne akademisch-trockenen Ton ein kulturelles Phänomen von der stürmisch-elektrischen Geburtsstunde bis heute darzustellen. Mehr geht kaum.

Christopher Frayling: Frankenstein – The First Two Hundred Years, Reel Art Press, London, 2017, 208 Seiten, gebunden, 39,95 Euro, ISBN 978-1909526464 (englischsprachige Ausgabe)

Die deutschsprachige Ausgabe (ISBN 978-3981889017) erscheint voraussichtlich im August 2018, ebenfalls im Verlag Reel Art Press.

Seitengang dankt dem Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Tomáš Sedláček und Oliver Tanzer eröffnen die Wiener Lesefestwoche

Moderatorin Renata Schmidtkunz und Tomáš Sedláček. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Moderatorin Renata Schmidtkunz und Tomáš Sedláček. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Der Prager Ökonom Tomáš Sedláček und der Wirtschaftsjournalist Oliver Tanzer haben am Montagabend die Wiener Lesefestwoche 2015 eröffnet. Im altehrwürdigen Stadtsenatssitzungssaal des Wiener Rathauses diskutierten die beiden mit der ORF-Moderatorin Renata Schmidtkunz über ihr neues Buch „Lilith und die Dämonen des Kapitals“ (Leseprobe). Nach Angaben des Verlags (Hanser, München) seziere es unser Wirtschaftssystem und zeige, dass es gestört und krank sei. Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel „Die Ökonomie auf Freuds Couch“.

Die rund eineinhalbstündige Diskussion in englischer Sprache war interessant, solange der redegewandte Sedláček sprach. Er fand populäre Vergleiche für seine Thesen einer kranken Weltwirtschaft und ihrer möglichen Therapien, wohingegen Tanzer eher ungenau formulierte und das Publikum nicht so sehr in seinen Bann schlagen konnte.

Sedláček machte deutlich, dass Wirtschaftswissenschaftler nichts anderes seien als Geschichtenerzähler: Bei Zombie- und Vampirfilmen wisse man schließlich genau, dass es keine Untoten gibt. Aber für die Dauer des Films glaube man fest daran. Auch danach sei man noch zu Tode erschrocken, wenn in der Nacht irgendwo etwas wispert oder ein Ast knackt. Der Wirtschaftswissenschaftler erschaffe ähnlich festen Glauben in den Menschen, erklärte Sedláček. Alles beginne mit einer Annahme. Angenommen, es gibt Vampire und Untote… Angenommen, die bunten Papierscheine in unseren Geldtaschen hätten unterschiedliche Geldwerte… Verliert der Glaube an die Untoten seine Macht, lache man schließlich darüber. Verliere man den Glauben an den Wert des Geldes, nenne man das Inflation.

Oliver Tanzer. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Oliver Tanzer.
© LCM Fotostudio Richard Schuster
Zwei Jahre haben Sedláček und Tanzer an dem Buch geschrieben, erklärten sie am Montagabend. Beide lernten sich in einem der berühmtesten Wiener Kaffeehäuser kennen, dem Café Bräunerhof – ursprünglich zu einem Interview. „Wir haben das Interview nie gemacht, oder?“ fragte Sedláček seinen Mitautoren. „Doch, ich hab’s veröffentlicht“, konterte Tanzer und sorgte damit für Gelächter im Publikum. Nach dem Treffen im Bräunerhof kommunizierten sie zunächst über Whatsapp, und als die Texte immer länger wurden, seien sie schließlich auf E-Mails ausgewichen, erzählte Sedláček.

Warum man das Buch lesen sollte, „die typisch amerikanische Frage“, wie Sedláček Schmidtkunz‘ Vorstoß definierte, beantwortete vor allem Tanzer sehr gefällig: Er habe das größte Lob von seiner eigenen Mutter bekommen, die seine bisherigen Bücher nie gelesen habe. Das jetzige habe sie immerhin bis zur 255. Seite gelesen und ihm dann gesagt: „Ich habe beim Lesen über mich und mein Leben nachgedacht.“ Einen besseren Erfolg könne ein Buch wohl kaum erzielen, schloss Tanzer.

Noch bis Sonntagabend geht es bei mehr als 300 Veranstaltungen in Österreichs Hauptstadt um Bücher, Bücher und noch mehr Bücher. Am Donnerstag beginnt auch die achte Internationale Buchmesse “Buch Wien”. Dort wird am Vorabend der Schriftsteller Adolf Muschg aus der Schweiz als Festredner erwartet, der über die Zukunft des Lesens sprechen wird.

Seitengang wird in den kommenden Tagen sowohl von der Lesefestwoche als auch von der “Buch Wien” berichten.

Der lachende Vaga… Vampir

Die junge Amanda Hocking ist ein Medienphänomen – sie gehört zu Amerikas sogenannten Indie-Autoren und wurde innerhalb von vier Monaten mit neun als E-Books selbst verlegten Jugendbüchern zur Auflagen- und Dollarmillionärin. Im cbt-Verlag sind nun die ersten beiden Bücher ihrer neuen Vampirsaga erschienen. Sie sind eine wahre Erfrischung nach der prüden Twilight-Serie.

Alice Bonham ist 17 Jahre alt, als sie den ersten Vampir ihres Lebens trifft. Der gibt sich natürlich nicht als solcher zu erkennen, sondern ist zunächst nur Retter in der Not, als sie und ihre beste Freundin Jane des Nachts von einigen Männern verfolgt werden. Sie flüchten in ein Parkhaus, und schon ist Jack zur Stelle.

Der Twilight-Leser erinnert sich: Bella empfand ihren Edward gleich zu Anfang als atemberaubend schön. Alice aber sieht sich zunächst nur einem „weder außergewöhnlich gut gebauten noch besonders großen“ Typen mit einem pinken T-Shirt mit der Aufschrift „Wahre Männer tragen pink“ gegenüber. Das klingt eher nach Witzfigur als nach Vampir. Doch es ist nur Alice, die Jack nicht besonders anziehend findet. Ihre Freundin Jane dagegen kann gar nicht von ihm lassen, und auch die Gäste und Bedienungen in einem American Diner sind hin und weg von diesem Typen mit dem pinken Shirt.

Jack ist sogar für den männlichen Leser zu ertragen, weil er eigentlich eine coole Socke ist – abgesehen von seiner Angewohnheit, seltsame T-Shirts zu tragen. Aber er hat einen außergewöhnlich guten Musikgeschmack und ist Fan von Bands wie The Cure, The Ramones, Joy Division, Smashing Pumpkin und Motion City Soundtrack.

Und erfreulicherweise sind die Vampire nicht so prüde wie die Twilight-Blutsauger. Das heißt, bei Amanda Hocking wird offen über Sex gesprochen, und auch Homosexualität wird zu einem ernsten Thema.

Was aber ist der Zauber dieser Vampirromanze, wenn Alice Jack nicht besonders anziehend findet? Nun, da ist ja auch noch Peter, Jacks Bruder. Und als Alice Jacks Vampir-Familie kennenlernt, begegnet sie auch Peter – und ist schockiert darüber, wie sie reagiert: „Eigentlich hatte mich Peter nur angesehen, doch sein Blick hatte eine verheerende Wirkung auf mich gehabt. Etwas in mir wollte ihn mit aller Macht, doch ich musste dagegen ankämpfen.“ Es ist ihr Blut, das auf Peter reagiert. Und die Vampirfamilie versteht die Welt nicht mehr, denn das gab es noch nie: Der eine Bruder reagiert auf ihr Blut, und der andere verliebt sich in sie. Und Alice? Die lässt sich mehr und mehr auf Jack ein, weil sie von Peter nur Hass erntet.

Das bietet selbstverständlich genug Potential für mehr als nur einen Vampirroman. Und deshalb folgen dem ersten drei weitere Bände. Band zwei ist bereits erschienen, die Bände drei und vier kommen im April 2012 in die Buchläden.

Doch es gibt auch Kritikpunkte. Jack erinnert den Leser von Seite zu Seite immer mehr an den Lachenden Vagabunden, den die junge Leserschaft von Amanda Hocking allerdings kaum noch kennen dürfte. Hocking lässt Jack jedenfalls derart oft lächeln oder lachen, dass es mitunter auch nerven kann.

Außerdem ist auch bei diesem Buch ärgerlicherweise die mittlerweile verbreitete Unart zu beobachten, in der deutschen Übersetzung die amerikanischen Eltern mit Mom und Dad zu bezeichnen.

Den Freunden von leichten Vampirromanzen sei die Buchserie „Unter dem Vampirmond“ jedenfalls empfohlen, den Vergleich mit Twilight muss sie nicht scheuen. Wer es etwas skurriler mag, sollte sich jedoch besser an die Radleys halten.

Amanda Hocking: Versuchung (Unter dem Vampirmond, Bd. 1), cbt Verlag, München, 2011, 319 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3570161357

Alberne Vampire

„Hier können wir nicht anhalten. Das ist Fledermausland“, sagt Raoul Duke alias Johnny Depp in Fear and Loathing in Las Vegas. Wie recht er hat: Um Fledermausland sollte man besser einen großen Bogen machen, es sei denn, man steht auf alberne Tommy-Jaud-Vampire.

Denn wahrscheinlich hätte Tommy Jaud einen ähnlich bemüht-lustigen Vampirroman schreiben können, wenn Oliver Dierssen das nicht schon für ihn übernommen hätte. Der Hannoveraner hat als Protagonisten seines Urban-Fantasy-Romans den planlosen Möchtegern-Studenten Sebastian Schätz erfunden, der in Niedersachsens Landeshauptstadt vor sich hinpuzzelt. Er arbeitet für kleines Geld in einem Asiashop, in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung herrscht kreatives Chaos und seine Eltern gehen derweil fest davon aus, dass ihr Filius emsig studiert. Und dann ist da noch Kim, jene nach Mango duftende, unglaublich gutaussehende Frau, an der er interessiert ist, die mit ihm aber immer nur ins Kino gehen will. Kann man ihr allerdings nicht verdenken, denn Sebastian Schätz stellt sich selbst als wehleidiges, antriebsloses Bürschchen dar – die flapsige Sprache, in der er dem Leser von seinen skurrilen Erlebnissen erzählt, macht es leider nicht besser.

Alles beginnt damit, dass Sebastian eines Nachts Besuch von einer Fledermaus bekommt. Das macht ihn derart panisch, dass er zunächst nackt in den Wohnungsflur flüchtet und von dort einige Notrufnummern wählt. Als ihm aber niemand helfen will, packt er erstaunlicherweise das Problem selbst an, mit der Folge, dass er schließlich nur mit einem Bademantel bekleidet auf der Fensterbank steht und seine Hand im Rollladenkasten festklemmt. Danach überschlagen sich die Ereignisse, Spannung kommt deshalb aber nicht auf. Spannung, die klingt im Fledermausland so: „Die Windschutzscheibe des Wagens zerbarst. Eine Flut winziger Scherben ergoss sich ins Fahrzeug. Es klirrte, zischte und schäumte. Die Luft roch nach Fanta. Das Taxi kam von der Fahrbahn ab, stieß ungebremst gegen ein Hindernis, drehte sich um die eigene Achse. Die Fliehkraft riss an mir, warf mich in die Sicherheitsgurte, presste mir die Luft aus den Lungen.“ (S. 244)

Ja, Sebastian Schätz erlebt so einige ereignisreiche Tage. Er wird auf einer Kinotoilette von einem depressiven Vampir angefallen, ein Oger sucht ihn wegen einer Lebensberatung auf und urplötzlich hat er auch noch einen putzwütigen Gast zu Besuch, der in seinem Spülenschrank übernachtet. Als schließlich Zwerge auf seinem Sofa sitzen, glaubt auch Sebastian, dass hier nicht mehr alles mit rechten Dingen zugeht.

Wahrscheinlich braucht es eine bestimmte Art von Humor, um dieses Buch zu mögen. Tommy-Jaud-Fans kommen sicherlich auf ihre Kosten. Wer jedoch einen ernsthaften Vampirroman erwartet, sollte besser die Hände davon lassen und sich an die Radleys halten. Dem „Fledermausland“ fehlt es in weiten Strecken an Spannung, den Protagonisten möchte man rütteln und schütteln, damit der endlich aus seiner Lethargie erwacht und ein Mann der Tat wird, und die Auflösung des Ganzen kommt am Ende viel zu schnell und problemlos daher, als dass sie den Leser begeistern kann. Was allerdings sehr rührend geschrieben ist, sind die Danksagungen des Autors, der laut Angaben des Verlags seit 2007 als Arzt in einer psychiatrischen Klinik arbeitet, sich für das alphabetische Einsortieren von Büchern, gelegentliches stressfreies Reisen und uneingängige Rockmusik interessiert. „Fledermausland“ ist sein erster Roman; mittlerweile liegt als zweites Werk der Roman „Fausto“ vor.

Oliver Dierssen: Fledermausland, Heyne Verlag, München, 2009, 448 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro, ISBN 978-3453266636