Buch Wien: Frédéric Beigbeder und der Skandal des Todes

Frédéric Beigbeder bei der "BuchWien". © LCM Foto Richard Schuster
Frédéric Beigbeder bei der „BuchWien“. © LCM Foto Richard Schuster

Ewige Zeiten schon haben die Menschen den Traum vom ewigen Leben. Vampire leben endlos, wenn ihnen niemand einen Holzpflock durchs Herz treibt, Dorian Gray bleibt für eine gewisse Zeit ewiglich jung, manch einer geht sogar einen Pakt mit dem Teufel ein. Das alles sind Gestalten der Literatur. Eine der Gegenwart aber ist der französische Star-Autor Frédéric Beigbeder. In seinem neuen Roman „Endlos leben“ sucht er das ewige Leben, wie es mit dem heutigen Stand von Medizin und Technik möglich ist. Bei der „Buch Wien“ stellte er in der vergangenen Woche seinen Roman vor.

„Papa, ich möchte nicht, dass du stirbst“, sagt die Tochter des 50-jährigen Erzählers eines Tages zu ihm. Er, der verblüffende Ähnlichkeiten mit seinem Autor Frédéric Beigbeder hat, beginnt, sich mit dem Tod zu beschäftigen und beschließt: „Von jetzt an stirbt niemand mehr.“ Er begibt sich auf Reisen, trifft Wissenschaftler und Ärzte und stellt den Forschungsstand dar.

In Wien erzählt Beigbeder, wie er in den drei Jahren, in denen er das Buch geschrieben hat, immer wieder „vollkommen absurde Wissenschaftler“ getroffen hat. „Jedes Mal, wenn ich mit einem Wissenschaftler gesprochen habe, habe ich ihn gebeten, mir einen anderen und wenn möglich einen noch abgedrehteren zu empfehlen, und die allerverrücktesten sitzen in Kalifornien, in San Diego. Da gibt’s vollkommen absurde Institute, wo die Medizin dann schon eher ins Sektentum mündet.“ Da gibt es zum Beispiel ein Institut, das älteren Menschen das Blut von jungen Menschen injiziert wird, wodurch man angeblich verjüngt. Kosten: schlappe 8.000 Dollar am Tag. Vampirismus sei dort an der Tagesordnung, koste aber natürlich auch einiges. „Dort ist meine anfängliche Begeisterung wirklich in Angst umgeschlagen.“

Das Ende der Utopien gesehen

Das ewige Leben ist die älteste Utopie der Welt, und der Mensch kann nicht ohne Ideale leben, sagt Beigbeder. „Dabei gehöre ich eigentlich einer Generation an, die das Ende der Utopien gesehen hat. Ich habe den Sturz der Mauer und den Zusammenbruch des World Trade Centers miterlebt, das heißt ich gehöre einer Generation an, die eigentlich keine Ideale hat und keine Utopie.“

Beigbeder ist ein Fan von Büchern, in denen Helden „unmögliche Träume“ haben, erzählt er. Als Beispiele nennt er Don Quixote, Dorian Gray, Frankenstein und Dracula, „dieser berühmte Graf Dracula“. „Und deshalb ist es für mich ganz besonders wichtig, dass ich heute hier in Wien bin, in einer Stadt, wo die Gräfin Báthory Blutbäder genommen hat – sie hat wunderschöne Jungfrauen zerstückelt und in dem Blut gebadet, um daraus Ewigkeit zu erlangen.“ Wäre sie zuvor in Kalifornien gewesen, hätte sie gewusst, dass sie nicht im Blut baden, sondern es sich in die Venen spritzen lassen musste, sagt Beigbeder und lacht.

Auch in Österreich gebe es eine Klinik am Ufer des Wörthersees, wo er einige Zeit verbracht und Bluttransfusionen bekommen habe, um seinem Blut Sauerstoff und Mineralsalze zuzuführen. „Und ich habe einen roten Laser in die Venen gesteckt bekommen – das war eine äußerst interessante Erfahrung, denn angeblich bekommt dadurch das Blutplasma mehr Vitamin D.“ Wenn er dann auf die roten Reflexe des Lasers geblickt habe, sei er sich allerdings vorgekommen wie eine Discokugel. „Ich habe gedacht: das war schon immer mein Traum – ich bin jetzt wie eine Tanzfläche.“

„Ein fasziniertes Opfer“

Es sei aber ja tatsächlich so, dass die Wissenschaft heute zu unglaublichen Entdeckungen in der Lage sei. Insbesondere die Genetik eröffne völlig neue Perspektiven. Das Ziel seines Buches sei es auch gewesen, diese zu erforschen, erklärt Beigbeder, die DNA, die Veränderung und Transformation des Menschen zu einer Art anderen Wesen. Gleichzeitig wolle er diesen Wahnsinn aufzeigen, denn er habe immer angeprangert, welche Wahnsinnigkeiten in unserer Zeit passieren. „Ich bin also gleichzeitig ein fasziniertes Opfer davon und auch jemand, der davor warnt.“

Er habe ein „sehr leichtes Buch über das ernsteste Problem“ schreiben wollen. „Ich habe versucht, über den Tod zu sprechen, als sei er nur ein technisches Problem, das man ganz einfach mit medizinischen Entdeckungen verändern oder abschaffen.“ Er habe sich darüber amüsiert, dass er die Vor- und Nachteile des Todes in zwei Listen aufgeschlüsselt habe, als hätten wir die Wahl, es uns auszusuchen.

Die Lebenserwartung habe sich unglaublich verlängert: im Mittelalter war die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre, dann ist sie auf 50 Jahre gestiegen und mittlerweile liege sie bei 80 Jahren. „Warum sollte es dann nicht möglich sein, dass man die Lebenszeit verdoppelt oder verdreifacht bis 2050 oder 2100? Viele Ärzte halten das durchaus für möglich.“ Mit der Unsterblichkeit könnte man  mehr Bücher lesen, mehr Filme sehen, man könnte mehr Liebesgeschichten haben und mehr Reisen machen. „Und das ist eine Aussicht, die mich keineswegs erschreckt.“

„Für mich ist der Tod ein Skandal“

Eigentlich sei das Versprechen des ewigen Lebens die Rolle der Religion gewesen, macht Beigbeder im Alten Rathaus von Wien deutlich: „Aber wir haben inzwischen Mediziner statt Priester, wir haben Biochemiker und Stammzellenforscher, die uns alle dasselbe versprechen, und das ist das Thema meines Buches. Warum hasst der Mensch den Tod so sehr? Und auch ich kann den Tod nicht akzeptieren, ich kann dem nichts Interessantes abgewinnen, ich habe keine Lust selbst zu sterben und will auch nicht die sterben sehen, die ich liebe. Ich habe keine Lust alt zu werden, krank zu werden, kurzum: für mich ist der Tod ein Skandal.“

Darauf angesprochen, ob es nicht zu Platzproblemen auf Erden führen würde, wenn niemand mehr stirbt, sagte Beigbeder: „Das ist natürlich ein Problem, das ich noch gar nicht bedacht habe, als ich meinen Roman geschrieben habe, aber tatsächlich müssten wir wohl, wenn wir jetzt 300 Jahre alt werden, unsere Geburtstagsfeiern in Stadien veranstalten.“Man müsse allerdings auch beachten, dass diese Langlebigkeit der Menschen nur einer gewissen Elite vorbehalten wäre.

„Alle diese Methoden, das Leben zu verlängern, kosten Unsummen und ein riesiges Vermögen – daher werden die Menschen weiterhin sterblich sein, und nur eine kleine Elite wäre unsterblich.“ Im Grunde sei das keine Utopie, sondern ein Albtraum. In den drei Jahren, in denen er recherchiert habe, sei aus seiner anfänglichen Begeisterung nicht mehr sehr viel übrig geblieben, wiederholt er. „Sie hat sich in einen Schrecken verwandelt, denn wenn wir wirklich dieses längere Leben anstreben, dann müssen wir gleichzeitig auf unser Menschsein verzichten“, sagt Beigbeder.

Die Frage sei doch, warum man den Menschen überhaupt verbessern und ihm ein längeres Leben geben wolle. „Ist der Mensch nicht schön in seiner Imperfektion, in seiner Unvollendung und so, wie er ist?“, fragt Beigbeder. „Alle diese Menschen, die versuchen, das Leben zu verlängern, die mögen den Menschen, so wie er ist, nicht. So wie er ist in seinem Provisorischen, in seiner Fragilität, in seiner Kurzlebigkeit, mit all seinen Fehlern.“ Und genau darum gehe es in seinem Roman über einen Menschen, der versucht, diese Verbesserungen zu erreichen, der aber irgendwann mal erkennt, dass es besser ist, sich selbst mit all seinen Fehlern zu akzeptieren.

Frédéric Beigbeder: Endlos leben, Piper Verlag, München, 2018, 352 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3492059237

 

 

Eternauta reloaded

Im Jahr 2016 erschien in Deutschland zum ersten Mal der bekannteste argentinische Comic der 50er Jahre: „Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld. Der Science-Fiction-Klassiker wird noch heute als hellsichtiges Vorzeichen der Militärdiktatur in Argentinien gelesen, ist aber auch eng mit dem Leben seines Autors verknüpft. 1969 hat Oesterheld ein Remake seines Stoffes geschrieben – mit einem neuen Zeichner an seiner Seite, der einen neuen illustratorischen Zeitgeist vertrat. Auch dieses Buch ist nun auf Deutsch erschienen, vermag aber den ursprünglichen Geist des Eternauta nicht mehr so recht einzufangen. Das allerdings hat verständliche Gründe.

Wie schon im Ur-Eternauta sitzt der Held Juan Salvo eines Abends mit drei Freunden in Buenos Aires beim Kartenspiel zusammen, als plötzlich das Radio verstummt, das Licht erlischt und es draußen zu schneien beginnt. Für uns Europäer ist das nicht gerade das siebte Weltwunder, aber in der argentinischen Hauptstadt hat es zuletzt 1918 Schnee gegeben, und umso faszinierter sind die Großstädter von diesem Phänomen. Beim Blick aus dem Fenster wird den Vieren aber schnell klar, dass das kein gewöhnlicher Schnee ist. Wie ein Leichentuch legt sich eine dichte Decke aus tödlichen Flocken über die Außenwelt, und alles Lebende, was von ihnen berührt wird, stirbt augenblicklich.

Juan überprüft alle Fenster im Haus und berichtet seiner Frau Elena und Tochter Martita von der Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist. Einen der Freunde aus der Kartenrunde hält die Todesgefahr jedoch nicht zurück – zu groß ist die Sorge um die daheimgebliebene Familie. Er rennt zur Tür hinaus und fällt nach nur wenigen Metern leblos zu Boden. Ausgelöscht. Die Freunde werden stumme Zeugen, die nur tatenlos zusehen können.

Die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert

Das Radio macht schließlich alle Deutungen, woher der Niederschlag kommen mag, zunichte: Außerirdische haben ganz Lateinamerika angegriffen und rotten jetzt die Bevölkerung aus. Hilfe wird nicht kommen, denn die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert, um selbst nicht angegriffen zu werden. Die Argentinier bestärkt das nur noch mehr: Sie werden sich gemeinsam dem Gegner in den Weg stellen. Und so wird auch in diesem Remake aus einer Science-Fiction-Nummer ein Kriegs-Epos.

Neu ist indes vor allem, dass die Großmächte den Angriff der Außerirdischen auf Lateinamerika tolerieren – eine deutliche Anspielung auf den US-amerikanischen imperialistischen Einfluss. Argentinien befand sich zum Entstehungszeitpunkt der neuen Fassung in einer Diktatur. General Juan Carlos Onganía war 1966 durch einen Putsch an die Macht gekommen und regierte das Land mit einem wirtschaftsliberalen Kurs, der den Arbeitern mehr und mehr gegen den Strich ging.

Als am 29. Mai 1969 die ersten drei Seiten des neuen „Eternauta“ in der Illustrierten „Gente“ („Leute“) erschienen, begann in Córdoba, der zweitgrößten Industriestadt des Landes, der berühmte „Cordobazo“, ein Volksaufstand, bei dem sich Arbeiter und Studenten zu einer großen demonstrierenden Masse vereinten. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften; viele Menschen wurden getötet. Onganía musste später zurücktreten.

„Sie baten mich, meine Zeichnungen zu ändern“

Neu ist aber auch der Stil der Illustration, den der neue Zeichner Alberto Breccia einführt: düster, mit teils unvollständigem Strich, die Gesichter oft grimassenhaft verzerrt. Das kommt bei vielen Lesern und auch im Verlag der populären Zeitschrift überhaupt nicht gut an. Breccia erinnert sich: „Sie riefen mich an und baten mich, meine Zeichnungen zu ändern, sie klarer und kommerzieller zu machen. Ich antwortete, dass dies mein Zeichenstil sei, und wenn er ihnen nicht gefalle, sollten sie ‚Eternauta‘ nicht weiter publizieren.“

Jede Woche sollten drei neue Seiten veröffentlicht werden. Der Verlag sprach auch mit Oesterheld, der aber der Meinung war, das Werk müsse fertiggestellt werden. Sie vereinbarten deshalb, den größeren Teil der Story zu kürzen und in wenigen Kapiteln zusammenzufassen. Das wiederum führt dazu, dass die Geschichte gehetzt wirkt, während sie in der Ursprungsfassung manchmal sogar zu detailliert daherkam. Die erste Version kommt noch auf 392 Seiten, das Remake nur noch auf knappe 50 Seiten.

Man sollte sich in diesem Fall nicht an Seitenzahlen aufhalten. Der neue Eternauta ist ganz unabhängig von der Dicke des Bandes nicht die besser erzählte Story. Aber der Grund seines Scheiterns im Jahr 1969 ist elementar: Oesterheld und Breccia erzählen von Einzelnen, die sich zusammenschließen, um sich gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, während die Großmächte sie verraten. Vor dem Hintergrund der Unruhen des Jahres 1969 bekommt der Comic eine Realitätsnähe, die wohl nicht so recht in eine Zeitschrift zu passen scheint, die sich den Reichen und Schönen verschrieben hat. Die Realität im Lande darzustellen, und zwar mit den düsteren expressionistischen Zeichnungen, in denen Alberto Breccia sie sah, das ging dem Chefredakteur der „Gente“ entschieden zu weit. Nach nur 16 Wochen ist Schluss mit dem „Eternauta“, die Geschichte ist auserzählt, und Chefredakteur Carlos Fontanarrosa entschuldigt sich in einem Artikel bei seinen Lesern: „Unser Auftrag ist die Kommunikation und wir hätten uns auf die Ästhetik seiner Zeichnungen, die sie manchmal völlig unverständlich machte, nicht einlassen dürfen.“ Zurück zur Weltflucht mit den Schönen und Reichen.

Reine Comic-Freunde werden enttäuscht sein

Der „Eternauta 1969“ ist ein Werk für Eternauta-Fans, für historisch Interessierte im Bereich Lateinamerika oder für Kunstkenner. Reine Comic-Freunde aber werden vermutlich von der zusammengerafften Story enttäuscht sein und sollten eher zum Ursprungswerk greifen (hier geht‘s zur Seitengang-Rezension) – wenngleich das Nachwort, ein Essay von Guillermo Saccomanno und Carlos Trillo, die Entstehungsgeschichte des Comic-Remakes gut einordnet. Bedauerlich, dass Oesterheld und Breccia nie die Gelegenheit hatten, ihre neue Version des „Eternauta“ mit allen Facetten zu erzählen. Vermutlich hätte es die erste Version in den Schatten gestellt.

Oesterheld, Sohn eines deutschen Auswanderers und einer spanischen Mutter, hat wenige Jahre später seinen ganz eigenen Kampf erlebt. Man geht davon aus, dass er selbst um 1978 ermordet worden ist. Geklärt ist sein Verbleib jedoch nicht. Kurz vor einem erneuten Putsch des Militärs war er 1976 mit seinen vier Töchtern in den Untergrund gegangen, um für die Revolution zu kämpfen. Er kam nie zurück. Geblieben ist der Welt seine bedeutsamste Geschichte: der Eternauta, der ewig Reisende zwischen den Welten.

Héctor Germán Oesterheld / Alberto Breccia: Eternauta 1969, Avant-Verlag, Berlin, 2017, 64 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3945034699, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Solange wir uns erinnern

Welches Erbe tritt man an, wenn der Vater stirbt? Wie gehen wir Söhne und Töchter mit dem Tod um, und wie halten wir das Andenken und die Erinnerungen an die Eltern und die Kindheit wach? Der spanische Illustrator Paco Roca hat mit „La casa“ versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden – und zugleich sein persönlichstes Werk vorgelegt: ein zutiefst berührendes Buch über sich und den Tod seines eigenen Vaters.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters Antonio kommen die drei Geschwister Vicente, José und Carla im ehemaligen Ferienhaus der Familie zusammen, um das verwitternde Gebäude zu renovieren und es danach zu einem guten Preis verkaufen zu können. Vicente ist dabei einer der hilfreichsten Gesellen, denn der Mechaniker weiß mit Werkzeug umzugehen und beginnt gleich mit den ersten Instandsetzungen.

Ganz anders als José: der verdient sein schmales Geld als Schriftsteller, hat eher zwei linke Hände und steht sich oft selbst im Weg. Als er mit dem Schlauch den trockenen Garten bewässern soll, macht der Tollpatsch sich erst mal selber nass. Niemand käme wohl auf die Idee, diesen Mann einen Liegestuhl aufbauen zu lassen, geschweige denn, ihn mit Handwerksarbeit zu betrauen. Und dann ist da noch Carla, das Nesthäkchen, das den Papierkram rund ums Haus übernommen hat, aber auch sonst keine Arbeit liegen lässt.

Vorwurf als scheinbar unüberwindbare Mauer

Zwei Geschwister, die anpacken können, und ein Heiopei-Bruder, dem man eher unterstellt, dass er schon eine Ausrede finden wird, warum er dieses oder jenes nicht tun kann – schon diese Konstellation sorgt für Streitereien. Vicente aber macht zusätzlich noch das Fass auf, dass er im Krankenhaus ganz allein die Entscheidung treffen musste, ob Papa Antonio reanimiert werden soll oder nicht. Er ließ den Vater gehen. Und zweifelt nun furchtbar, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Zudem steht der gegenseitige Vorwurf, man habe sich nicht ausreichend um den kranken Antonio gekümmert, als scheinbar unüberwindbare Mauer zwischen den Geschwistern.

Und dann sind da noch die Erinnerungen. Jeder Leser kennt sie, diese Erinnerungen, die einen plötzlich überfallen: an gemeinsam Erlebtes, an Schrullen und Marotten der Eltern, an Liebgewonnenes und Eigentümliches, an Vertrautes und Fremdgewordenes. Carla erzählt: „Neulich war mir, als hätte ich ihn auf der Straße gesehen. Ich wollte ihn rufen, aber dann fiel mir ein, dass er nicht mehr da ist. Das hat mich traurig gemacht.“

Vicente und Carla stehen am Pool, der – fast metaphorisch – wasserlos vor sich hinrottet, während die Erinnerungen sie überschwemmen. Wie sie als Kinder fast einen Aufstand angezettelt und gedroht haben, erst dann beim weiteren Ausbau des Hauses mitzuhelfen, wenn sie einen Pool bekämen. „Den ganzen Sommer haben wir gegraben.“ – „Aber fertig war er erst im November, als es zu kalt zum Baden war.“ Vor dem geistigen Auge flimmern der stets schuftende Vater, mal im Garten, mal in der Garage, und die Mutter, die in der Tür steht und ruft, dass das Essen kalt wird.

Zeichnerisch grandios gelungen

Zeichnerisch sind die Überänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Zeitsprünge und Erinnerungsblitze grandios gelungen. „La casa“ ist kein Comic der grellen Farben, sondern ein behutsam koloriertes Werk, das sich in vielen herbstlichen Ockertönen ergeht, ohne dadurch eintönig zu wirken. So gelingt es Paco Roca ganz wunderbar, (Ver-)Stimmungen einzufangen, auch durch den Einsatz von filmischen Gestaltungsmitteln wie Zoom oder Nahaufnahmen.

Nehmen Sie sich Zeit für diese Graphic Novel. „La casa“ benötigt Muße und Geduld, um wie ein leichter Herbstwind durch die Geschichte zu ziehen und zaghaft ein paar Erinnerungen aufzuwirbeln. Am Leser geht dieses Buch nicht spurlos vorbei; und im Erinnern an die eigene Familie wird gewiss, dass das Altern und das Abschiednehmen lange Prozesse sind, vor denen wir nicht flüchten sollten. Und dass eine Familiengeschichte nicht stirbt, wenn ein Mensch von uns geht. Solange wir uns erinnern.

Paco Roca: la casa, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3956401046, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Ein Revoluzzer verkauft den Zwang

von-allen-guten-geisternLange Zeit erinnerte in Hamburg nur noch die Friedrichsberger Straße und die S-Bahn-Haltestelle Friedrichsberg an die einstige Heil- und Irrenanstalt aus dem 19. Jahrhundert. Jetzt aber ist es dem Schriftsteller Andreas Kollender in vortrefflicher Weise gelungen, diese Geschichte wieder ans Licht zu holen – und nicht nur das. Mit seinem neuen Roman „Von allen guten Geistern“ würdigt er besonders den Begründer der Anstalt und schreibt diesen Mann furchtbar schön und direkt ins Herz des Lesers. Eine Wucht von einem Roman!

In der alten Hansestadt Hamburg schreibt man das Jahr 1864, als die Zeitungen von einem seltsamen Vorfall auf dem Heiligengeistfeld berichten. Ein Mann namens Ludwig Meyer verkauft auf dem Markt alte Zwangsjacken – und die Leute reißen sie ihm förmlich aus den Händen. Dieser Meyer war niemand Geringeres als der neue Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg, der, wie Kollender es ihm so schön in den Mund legt, den „Zwang verkauft“ hat. Der Psychiater war seiner Zeit und dem Wissen und Wollen seiner Kollegen weit voraus und Anhänger der sogenannten „No Restraint“-Bewegung. Keine Zwangsmaßnahmen sollten die Patienten einengen, sondern sie sollten sich weitestgehend frei entfalten können.

Die Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg, die tatsächlich maßgeblich nach Meyers Plänen eingerichtet wurde, galt als eine der fortschrittlichsten Psychiatrien der damaligen Zeit. Erstmalig blieben die Fenster ohne Gitter, und die Menschen wurden nicht mehr wie Gefängnisinsassen behandelt, sondern bekamen Freizeitangebote. Sie konnten malen, musizieren, ihr eigenes Gemüse anpflanzen. Bis dato ein Ding der Unmöglichkeit, denn wer im frühen 19. Jahrhundert psychisch erkrankte, dem wurde in der Regel nicht geholfen, sondern der wurde weggesperrt, von der Öffentlichkeit ferngehalten. Psychischen Erkrankungen haftete ein Makel an, dem man besser aus dem Wege ging.

Schrecken einer psychischen Erkrankung

Der junge Ludwig Meyer erlebt in der eigenen Familie den Schrecken einer psychischen Erkrankung. Seine Mutter wird zunehmend depressiv, der Arzt weiß sich keinen Rat. Der strenge Vater erklärt seinem wissbegierigen Sohnemann, seine Mutter habe nur eine Verstimmung. „Eine Gemütssache. Frauenunsinn.“ Doch dass seiner Mutter nicht nur Frauenunsinn widerfährt, ist Meyer spätestens klar, als sie versucht, sich in den Tod zu stürzen. Der Vater ist völlig überfordert, fürchtet um den guten Ruf der Kaufmannsfamilie. Die Kutsche, die die Mutter ins Krankenhaus bringt, soll tunlichst nicht gesehen werden. Und als sie aussteigen, sagt er seiner Frau: „Die Schultern zurück, strengerer Blick, Annette, stramm, sonst halten die dich noch für verrückt.“

Bloß nicht verrückt sein. Nur Frauenunsinn. Für Ludwig Meyer folgt an diesem Tag wohl das Erweckungserlebnis für die viel spätere Entscheidung, den Zwang zu verkaufen. Denn er muss mit ansehen, wie seine Mutter überwältigt und in eine Zwangsjacke gesteckt wird. „Die drei Graukittel zogen sie durch eine Tür. Mutters Fersen schleiften über den Boden, sie verlor ihre Schuhe. Sie kreischte. (…) Rums. Weg.“ Oft schreibt Kollender bloß kurze, einfach wirkende Hauptsätze. Doch er schafft damit immer wieder eine Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann. Das ist wahre sprachliche Raffinesse, die mit wenigen Worten das Herz erreicht und das Denken anschiebt.

Ludwig Meyer macht sich auf, ein Reformer der Behandlung geistig kranker Menschen zu werden. Im Studium nennen ihn manche einen „eleganten Spinner“, andere verspotten ihn als „Advocatus der Irren“. Und seine Professoren der Medizin glauben, es sei eine rhetorische Frage, die sie stellen, wenn sie ins Auditorium rufen: „Meine Herren, wirklich, wofür braucht ein Irrer einen Arzt?“ Ja, wofür braucht ein Irrer einen Arzt? Der hat schließlich kein gebrochenes Bein, das man behandeln könnte. Der Irre ist nicht ganz klar im Kopf, dem kommt man nicht bei, deshalb versteckt man ihn lieber im Keller hinter vergitterten Fenstern und überlässt ihn sich selbst. Ludwig Meyer besucht in England den Kollegen John Conolly, der ebenfalls historisch verbrieft ist. Conolly ist in England damals Vorreiter der „No Restraint“-Bewegung, und Kollender lässt ihn deutlich formulieren: „Wir nennen sie Irre. Wahnsinnige. Wir drängen sie weg. Warum, Meyer? Weil wir Angst haben. Wir haben Angst davor, etwas von uns selbst in diesen Menschen zu sehen. Wir haben Angst vor Erkenntnis.“

„Hauen Sie wieder ab mit diesem ganzen Dreckspack“

Und die furchtbare Erkenntnis ist: daran hat sich nach fast 200 Jahren kaum etwas geändert. Wie auch an der Reaktion der Öffentlichkeit nicht. Denn heute wie damals kocht die Volksseele, wenn in die Nachbarschaft ein psychiatrisches Krankenhaus ziehen soll: „Wir wollen Sie da nicht!“ „Hauen Sie wieder ab mit diesem ganzen Dreckspack.“ „Wir wollen keine Irrenanstalt bei uns. Wir wollen die da nicht haben.“ Das sind Sätze aus dem Roman. Aber sie könnten auch aus einer heutigen Bürgerversammlung stammen.

Kollender hat also nicht nur ein zu Herzen gehendes historisch exzellent recherchiertes Porträt über einen Psychiatrie-Revoluzzer geschrieben, sondern auch einen Roman, an dem wir uns selbst messen können: wie gehen wir denn heute mit psychisch Kranken um? Wie behandeln wir Menschen mit Behinderungen? Und braucht nicht jede Zeit Menschen wie Ludwig Meyer, die anderen voraus sind und uns daran erinnern, was wir alle sind? Ohne Ausnahme: Menschen. Meyer muss das sehr häufig sagen: Menschen! Das sind doch Menschen!

Ihm ist nichts Menschliches fremd, diesem Ludwig Meyer. Das ist schon ein dufter Typ, und allzu oft möchte man zu ihm in die Kutsche steigen und die Räder über das Pflaster Hamburgs rattern hören, während man mit dem Herrn Doktor Fallakten bespricht. Aber dann und wann möchte man ihn auch schütteln und zur Vernunft bringen, manchmal ist er gar ein arroganter Angeber – und in der Liebe ein hilfloses Wesen. Obgleich Ludwig Meyer in diesem Roman Bahnbrechendes vollbringt, macht Kollender ihn nicht zum Helden. Das ist er nicht, das macht aber auch einen weiteren Reiz dieses Buches aus: dass Ludwig Meyer seine eigenen Verschrobenheiten hat. Manche würden vielleicht sagen: Verrücktheiten.

Kollender, der mit seiner Familie in Hamburg lebt, ursprünglich aber aus Duisburg stammt, hat bereits 2015 mit der Wiederentdeckung eines historischen Helden brilliert: In dem Kriminalroman „Kolbe“ erweckte er eindrucksvoll den fast vergessenen Widerstandskämpfer Fritz Kolbe zum Leben. Das Buch, ebenfalls aus dem Pendragon-Verlag, liegt mittlerweile in der fünften Auflage vor und wird derzeit für den US-amerikanischen Markt übersetzt. „Kolbe“ war ein großer Erfolg – und auch Meyer könnte ein solcher werden. Warum? Einer von Meyers Kommilitonen sagt einen Satz, der treffender nicht sein könnte: „Eine gut erzählte Geschichte, Ludwig, das ist doch das Beste.“

Andreas Kollender: Von allen guten Geistern, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2017, 438 Seiten, broschiert, 17 Euro, ISBN 978-3865325754, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 18./19. März 2016) erschienen.

Verlosung: Gewinnen Sie eines von drei Kollender-Buchpaketen!
Mit diesem Beitrag bricht der Bielefelder Pendragon-Verlag zu einer fünftägigen Blogtour auf: fünf Literaturblogs aus Deutschland beschäftigen sich in unterschiedlichster Art und Weise mit dem neuen Buch von Andreas Kollender. Tag für Tag folgen nun die weiteren Beiträge auf den Blogs „Leckere Kekse“, „Der Buch- und Medienblog“, „Die dunklen Felle“ sowie auf dem Blog „Wortgestalt“. Folgen Sie der Blogtour mit dem Hashtag #KollendersGeister in den sozialen Netzwerken und verpassen Sie keinen Beitrag!

Im Rahmen der Blogtour verlost der Pendragon Verlag drei Kollender-Buchpakete mit jeweils einem Exemplar von „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen die TeilnehmerInnen ein Lösungswort bilden. Das Lösungswort findet sich in den fünf Blogbeiträgen zu der Tour. In jedem Beitrag findet sich ein fett gedruckter Buchstabe – das Lösungswort besteht also aus fünf Buchstaben. Zur Teilnahme an der Verlosung muss das Lösungswort an presse@pendragon.de gesendet werden. Einsendeschluss ist Freitag, der 17. März 2017 um 23:59 Uhr.

Die drei Gewinner werden aus allen Teilnehmern ausgelost. Nach der Auslosung werden die Gewinner per Mail benachrichtigt und um ihre Adressdaten gebeten. Die Adressdaten der Gewinner werden nur für den Versand benötigt und nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklären Sie sich mit diesen Bedingungen einverstanden.

Die Spezialität des Pendragon-Verlags aus Bielefeld sind Krimis. Unter den Freunden der Spannungsliteratur ist der Verlag auch deshalb bekannt geworden, weil er angekündigt hat, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe von US-Autor James Lee Burke zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Außerdem veröffentlicht der Verlag seit 2009 die Werkausgabe von Max von der Grün. Sämtliche Bände der zehnteiligen Werkausgabe sind gebunden erschienen und enthalten weitere Erzählungen, Reportagen und Erinnerungen sowie jeweils ein Nachwort (zur Seitengang-Rezension von Band I der Werkausgabe).

Buch Wien: Lebenslange Lügen und ein blutiger, blutiger Samstag

Philipp Blom stellt seinen neuen Roman vor. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Philipp Blom stellt seinen neuen Roman vor. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Am dritten Messetag der „Buch Wien“ 2016 habe ich erneut nur zwei Veranstaltungen besucht. Zunächst war der deutsche Autor, Historiker und Journalist Philipp Blom gekommen, um seinen neuen Roman „Bei Sturm am Meer“ vorzustellen. Blom ist mit Bestsellern über die europäische Kulturgeschichte bekannt geworden, viele verbinden mit seinem Namen Sachbücher über die Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts (so etwa „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914“). Er hat allerdings auch schon ein Sachbuch über österreichische Weine geschrieben.

„Bei Sturm am Meer“ ist sein dritter Roman. Darin schickt er einen melancholischen Mittvierziger namens Benedikt auf eine überraschungsreiche Reise zu sich selbst. Nach dem Tod seiner Mutter muss der Marketingfachmann feststellen, dass seine Familiengeschichte eine andere war, als er sein Leben lang gedacht hat. Der Roman über zerplatzte Träume und lebenslange Lügen beginnt mit einem Brief, den Benedikt an seinen vierjährigen Sohn schreibt, während er in Amsterdam auf die Urne seiner Mutter Marlene wartet, deren Lieferung sich verzögert.

Benedikt erfährt im Laufe des Buches, dass viele der Lebensgeschichten, die er zu kennen glaubt, nicht stimmen, zum Beispiel dass sein Vater, ein Journalist, im Kampf gestorben sei. Selbstverständlich verbindet Blom die Geschichten von Benedikts Mutter und Großmutter mit den historischen Ereignissen – hier kann der Historiker Realität und Fiktion vermischen. Das sei auch einer der Vorteile beim Romaneschreiben, erklärt er: „In einem Sachbuch muss immer alles so gewesen sein, in einem Roman kann es so gewesen sein.“

„Das wird dann einfach nicht gut“

Aber es gibt auch Nachteile: „Das Romaneschreiben ist nicht lukrativ.“ Außerdem rate er Menschen, die glauben, sie trügen einen Roman in sich, den sie unbedingt aufschreiben müssten, dies nicht am Abend um 23 Uhr zu tun, wenn sie erschöpft von der Arbeit und den familiären Verpflichtungen sind. „Das wird dann einfach nicht gut – man muss sich dafür Zeit nehmen.“ Das erinnert an die Lesung von Cynthia D’Aprix Sweeney („Das Nest“, Klett-Cotta) im Literaturhaus Wien. Dort erklärte sie, sie habe erst am College „eine gewisse Priorisierung im Leben“ gelernt: „Denn wenn man auch noch familiäre Verpflichtungen hat, kann das Schreiben auf der To-do-Liste ganz schnell auf dem letzten Platz landen – ich aber habe gelernt, es ganz nach oben zu setzen.“

Weil das Buch auch viel im Hamburg der 1970er Jahren spielt und Blom dort geboren und aufgewachsen ist, wurde er gefragt, ob „Bei Sturm am Meer“ auch ein wenig die Geschichte seiner Familie erzähle. „Nun“, antwortete Blom, „Menschen, die mich ein bisschen kennen, werden vielleicht sagen: Aha!“ Aber seine Familie sei nicht die im Roman dargestellte Familie, er selbst habe auch andere Themen als der Protagonist seines Romans. „Aber die Geschichte baut vielleicht auf Themen auf, die in unserer Familie spielen.“

Gelesen hat Blom aus seinem aktuellen Buch nicht. Dafür blieb keine Zeit mehr, denn Moderatorin Alexandra Föderl-Schmid (Chefredakteurin des Standard) fragte den Schriftsteller aus aktuellem Anlass nach seiner Meinung zum Brexit und zur US-Wahl. Dafür war Blom nicht nur als Historiker und Journalist ein versierter Gesprächspartner, sondern auch deshalb, weil er ein Jahr in den USA und neun Jahre in England gelebt hat. Teilweise schreibt er seine Bücher auch zunächst auf Englisch und übersetzt sie dann selbst ins Deutsche. „Der Brexit hat mich wirklich überrascht“, sagte er. „Und bei der Wahl von Trump habe ich mich gefühlt, als hätte man mich mit einem Baseballschläger traktiert.“ Er habe gedacht, er schlafe einfach noch und wache irgendwann auf. „Aber das war so nicht.“

Gefährlich bei Wahlen

Manche vergleichen inzwischen die heutige Zeit mit der Weimarer Republik. Das sieht Blom aber nicht so: „Nein, wir leben nicht in der zweiten Weimarer Republik, aber noch eine Wirtschaftskrise wie 2008, dann leben wir in einer Weimarer Republik.“ Gefährlich bei Wahlen und damit auch bei der US-Wahl sei dieses „Irgendetwas muss sich doch ändern“-Gefühl der Wähler. „Auch hier in Europa verlieren die Menschen zunehmend die Hoffnung in die Gesellschaft und die Demokratie“, erklärte Blom weiter.

Von Föderl-Schmid darum gebeten, als Historiker in die Zukunft zu schauen und zu sagen, wie Europa im Jahr 2030 aussähe, antwortete Blom, das gerate wohl eher wie eine Wettervorhersage, denn kleine Faktoren könnten doch alles in eine andere Richtung bringen. „Im Moment sind Kräfte am Werk, die am Zerfall Europas arbeiten. Aber eigentlich hängt alles davon ab, wann das nächste 2008 kommt.“

Philipp Blom: Bei Sturm am Meer, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2016, 224 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3552058101, Leseprobe

Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl, Heinz Sichrovsky, Amelie Fried und Veit Heinichen bei der Krimi-Runde. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl, Heinz Sichrovsky, Amelie Fried und Veit Heinichen bei der Krimi-Runde. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Am späten Nachmittag schließlich traf sich ein Teil der aktuellen Crème de la Crème der deutschsprachigen Bestseller-Krimi-Literatur zu einer kleinen, vergnüglichen Gesprächsrunde unter dem Thema „Morden wie gedruckt“. Ursprünglich waren nur Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl und Veit Heinichen eingeladen. Moderator Heinz Sichrovsky (Kulturchef des österreichischen Wochenmagazins News) hatte jedoch zuvor seine Sendung „erLesen“ für den ORF aufgezeichnet und dort die Schriftstellerin und Moderatorin Amelie Fried zu Gast, die er dann kurzerhand mit in die Runde brachte. Ein Glücksgriff, wie sich später herausstellen sollte.

Was macht einen guten Krimi aus und wie schreibt man ihn? Veit Heinichen hat dafür kein Patentrezept, wohl aber durch jahrelange Recherche ein riesiges Archiv angehäuft. „Irgendwann kommt dann der Gedanke, dass ich mich mit meinen Figuren beschäftige, und dann lasse ich sie aufeinander los – richtige Arbeit ist das nicht, ich folge ja nur meinen Figuren.“

Amelie Fried, die mit ihrem Mann Peter Probst eine Reihe von Kinderkrimis („Taco und Kaninchen“) geschrieben hat, hat nur einen einzigen Krimi für Erwachsene verfasst: „Der Mann von nebenan“ (1999). Kurz zusammengefasst erledigen drei Frauen zusammen einen Nachbarn. Erst versuchen sie es in der Badewanne, doch als sie seine Leiche im Wald beseitigen wollen, ist der Mann gar nicht tot. Ein Schlag mit einem Schraubenschlüssel beendet sein Leben dann doch noch, und die drei Frauen versenken die Leiche im See. Vorlage für den Nachbarn? Frieds tatsächlicher Nachbar, der die Familie so sehr genervt hat, dass sie schon an Umzug dachten. „Dann habe ich dieses Buch geschrieben, und es war die beste Rache meines Lebens.“ Das Buch wurde mit Axel Milberg als böser Nachbar verfilmt, „und ich wohnte in diesem bayerischen Dorf, und jeder wusste, wer gemeint ist“, erzählte Fried. Der Nachbar sei kurz danach weggezogen.

„Ein Traum von Mann“

Die österreichische Autorin Edith Kneifl baut beim Krimischreiben stets eine enge Bindung zu ihren Protagonisten auf. Als ehemalige Tischtennis-Landesmeisterin sei es ihr mal in den Sinn gekommen, dass einer der Männer doch bei einem Tischtennisturnier sterben könnte. „Ich habe eine Figur entworfen, einen Traum von Mann, sage ich Ihnen, der hat mir dann so gut gefallen, dass ich ihn nicht mehr umbringen konnte. Er wurde nur schwer verletzt.“ Und nach einer kurzen Pause: „Aber es sind andere Männer umgekommen.“ Dass ein Autor seine Figuren liebgewinnt, bestätigte auch Bernhard Aichner: „Ich liebe zum Beispiel meine Bestatterin Brünhilde Blum – sie bringt Menschen um.“ Ja, zuweilen ist es recht makaber, wenn sich Krimi-Autoren unterhalten.

Alle fünf Autoren sind zudem Serientäter, ihre Helden oder Mörder tummeln sich also in mehreren Büchern. „Aber wann bekommen diese Kerle ein Ablaufdatum?“, wollte Sichrovsky wissen. Für Thomas Raab hängt das mehr damit zusammen, ob ein Buch seine Leser findet: „Bei meinem ersten Buch habe ich nicht gedacht, dass das jemand lesen würde.“ Für Aichner dagegen war es klar, dass seine Bestatterin nur eine Überlebenszeit von drei Büchern haben würde: „Die kann ich jetzt auch gut ziehen lassen. Es ist zwar reizvoll, das weiterzumachen, weil es sich gut verkauft, aber ich wusste vor dem ersten Buch, wie das dritte aufhört, und danach ist Schluss.“ Kneifl: „Vor allem das Publikum und die Verlage wollen doch Serien – aber ich gebe zu, auch ich kann mich manchmal nicht trennen.“

Und Veit Heinichen? Dem schien eine Frage nicht aus dem Kopf zu gehen: „Ich glaube nicht, dass Amelies Nachbar weggezogen ist.“ Schon hatte Heinichen die Lacher wieder auf seiner Seite. Fried parierte und erzählte, sie und ihr Mann hätten ein Gartenhaus bauen lassen. „Kein Scherz, und die beiden polnischen Bauarbeiter, die von dem nervigen Nachbarn gehört hatten, haben uns angeboten, ihn für 2.000 Euro umzubringen. Und für 4.000 Euro auch die Leiche zu beseitigen.“ Heinichen: „Irgendwer muss mal das Beton-Fundament dieses Gartenhauses überprüfen…“ Wieder Gelächter.

Kürzlich das erste Grab ausgehoben

Auch über die Recherchearbeit für ihre Bücher sprechen die Autoren. Während Kneifl mit einem Arzt verheiratet ist und ihn gern schon am Frühstückstisch fragt, an welchen Körperstellen das meiste Blut spritzt („Mein Mann passt bei meinen Leichen immer auf!“), hat Aichner kürzlich sein erstes Grab ausgehoben: „Das war eine tolle Erfahrung, aber richtig harte Arbeit.“ Und in der Rechtsmedizin in Hamburg sei er bei einer Obduktion dabeigewesen, auch das sei sehr faszinierend gewesen. Raab wiederum recherchiert „Problemfälle“, wie er das nennt. „Ich habe beim Skifahren Schnee von einer Schneekanone ins Gesicht bekommen und dann beim Hersteller angerufen und gefragt, ob das, was vorne rauskommt, rot würde, wenn man hinten jemanden reinsteckt.“ Interessant sei auch gewesen, beim örtlichen Schwimmbad anzurufen und zu fragen, wie lange die Filteranlage braucht, um das Wasser nach einem Haiangriff wieder klar zu bekommen. „Danach wusste ich die ganze Lebensgeschichte des Mann, den ich da angerufen hatte.“ Heinichen: „Die Frage ist, woher wusste der Mann, wie lange die Filteranlage brauchen würde…“

Und welche Krimis würden die Autoren empfehlen, ihre eigenen ausgenommen? Veit Heinichen legt den Lesern Fjodor Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ bzw. „Schuld und Sühne“ (ältere Übersetzungen) ans Herz, Edith Kneifl nennt Patricia Highsmiths „Die zwei Gesichter des Januars“, Bernhard Aichner mag gern die Adamsberg-Reihe von Fred Vargas und Thomas Raab empfiehlt den „Kameramörder“ von Thomas Glavinic.

Bernhard Aichner: Interview mit einem Mörder. Ein Max-Broll-Krimi, Haymon Verlag, Innsbruck, 2016, 288 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3709971338, Leseprobe

Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst, Heyne-Verlag, München, 2016, 400 Seiten, broschiert, 16,99 Euro, ISBN 978-3453265905, Leseprobe

Veit Heinichen: Die Zeitungsfrau, Piper-Verlag, 2016, 352 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3492057585, Leseprobe

Edith Kneifl: Totentanz im Stephansdom, Haymon Verlag, Innsbruck, 2015, 264 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro, ISBN 978-3709978337, Leseprobe

Thomas Raab: Der Metzger, Droemer Knaur, München, 2016, 336 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3426281369, Leseprobe

Die „Buch Wien“ 2016 war damit für mich beendet, am Sonntag, dem letzten Messetag, habe ich bereits die Heimreise angetreten. Wie in den vergangenen Jahren werde ich in den nächsten Tagen noch ein persönliches Fazit liefern. Einigermaßen sicher aber ist schon, dass ich auch im nächsten Jahr wieder von der „Buch Wien“ berichten werde. Bleiben Sie mir gewogen!