Wie still es bleibt

Ferdinand von Schirach, Bernhard Schlink, Herbert Rosendorfer. Dichterjuristen gibt es einige, auch in Deutschland. Zu dem Kreis gesellt sich noch ein weiterer als Schriftsteller publizierender Jurist hinzu: Markus Thiele. Mit „Echo des Schweigens“ legt der 48-jährige Rechtsanwalt aus Göttingen einen anspruchsvollen und politisch wichtigen, aber leider nicht in allen Facetten überzeugenden Roman vor.

Hannes Jansen ist seit sechs Jahren Anwalt für Strafrecht in einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei. Völlig unerwartet bekommt der verschuldete Jurist von seinem Chef das verlockende Angebot, Partner der Kanzlei zu werden – für viele Juristen das Karriereziel schlechthin. Partner sind die erste Garde der Kanzlei, der Titel verspricht Status und – Geld. Bedingung für den Aufstieg ist lediglich ein gewonnener Prozess. Wenn da das Aber nicht wäre, denn der Prozess, denn es zu gewinnen gilt, ist der wieder aufgerollte Fall um den Senegalesen Abba Okeke, der in einer Polizeizelle tot aufgefunden wurde.

Angeklagt ist zum zweiten Mal der Polizeibeamte Maik Winkler, der zunächst in einem Indizienprozess freigesprochen worden war. Jetzt gibt es durch ein neues rechtsmedizinisches Gutachten neue Beweise, damit eine neue Anklage – und Jansen soll nun einen Freispruch für Winkler rausholen.

Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit

Die Vorgeschichte: Der in Deutschland geduldete Senegalese Abba Okeke kam Anfang Januar 2005 in Polizeigewahrsam, nachdem er alkoholisiert und unter Drogeneinfluss Frauen belästigt hatte. Weil er in seiner Zelle randalierte, wurde er an Händen und Füßen an seinem Bett fixiert. Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit. Zwei Gutachten kommen unabhängig voneinander zum Ergebnis, dass Okeke sich mit einem Feuerzeug selbst entzündet habe. Der Polizei-Dienststellenleiter und zwei weitere Beamten, darunter Maik Winkler, werden freigesprochen. Dass nun entgegen des Verbots der Doppelbestrafung das Verfahren wieder aufgerollt wird, ist unter engen Voraussetzungen möglich. Der Fall Okeke erlebt damit eine neue Chance, die der Sierra-Leoner Oury Jalloh nicht bekam.

Dass der Roman von Markus Thiele an den mysteriösen und nie geklärten Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle angelehnt ist, ist augenfällig, wird aber im aufschlussreichen Nachwort noch einmal genauer vom Autor erklärt. Auch Jalloh war in seiner Zelle mit Händen und Füßen an die Pritsche fixiert, auch Jalloh verbrannte. Der Dienstgruppenleiter wurde später wegen fahrlässiger Tötung nur zu einer Geldstrafe verurteilt, ein Polizeibeamter, der in der Tatnacht Dienst hatte, war zuvor schon mangels hinreichender Verdachtsmomente freigesprochen worden. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Dessau sprach in seiner Urteilsbegründung von „Schlamperei“ und „Falschaussagen der Beamten“, die die Aufklärung verhindert hätten. Dennoch: Freispruch.

Alle Versuche der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ und der Hinterbliebenen, mit einem neuen Gutachten das Verfahren wieder aufrollen zu lassen, scheiterten, zum Teil regelrecht erschreckend. Beispiel: Die Staatsanwaltschaft Dessau eröffnete aufgrund des neuen Gutachtens ein neues Ermittlungsverfahren. Der zuständige Oberstaatsanwalt sprach von „sehr ernsten, überraschenden und zum Teil erschreckenden Informationen“. Doch die Generalstaatsanwaltschaft entzog ihm den Fall, verwies ihn an die Staatsanwaltschaft Halle (Saale) – und die stellte das Verfahren 2017 wieder ein.

Im Oktober 2019 verwarf schließlich noch das Oberlandesgericht Naumburg das Klageerzwingungsverfahren des Bruders von Oury Jalloh. Begründung: Nicht nur, dass vieles weiterhin für eine Selbstentzündung spreche, fehle es für eine Brandlegung durch Dritte an einem hinreichenden Tatverdacht gegen einen konkreten mutmaßlichen Täter. Außerdem sei das unterstellte Tatmotiv (Verdecken einer Misshandlung) nicht ausreichend schlüssig dargelegt.

Sonderermittler: Keine offenen Ansätze für Mord-Ermittlungen

Ende August 2020 dann die derzeit aktuellste und nächste niederschmetternde Nachricht für die Hinterbliebenen: die beiden Sonderermittler, die vom Landtag Sachsen-Anhalt mit der Prüfung des Falls beauftragt worden sind, kommen zu dem Schluss, dass das Handeln der Polizei  zwar fehlerhaft und „rechtswidrig“, die Einstellung des Verfahrens im Oktober 2017 jedoch „nachvollziehbar und angesichts der Beweislage sachlich und rechtlich richtig“ gewesen sei. Offene Ansätze, um wegen Mordes oder Mordversuchs zu ermitteln, gebe es nicht.

Im Roman von Markus Thiele ist beim fiktiven Fall Okeke jedoch alles wieder offen. Und Hannes Jansen will einen Freispruch für seinen Mandanten, er will gewinnen – er muss. Hannes Jansen stürzt sich also in die Arbeit, wälzt Aktenordner, liest, liest und liebt. Ja, das ist kein Verschreiber. Hannes Jansen ist zugleich schwer verliebt, und zwar in Sophie Tauber, die, das muss man schon so sagen, dummerweise Brandgutachterin ist und wesentliche Teile des neuen rechtsmedizinischen Gutachtens im Fall Okeke geschrieben hat. Das erfährt Hannes allerdings erst bei der ersten Hauptverhandung. In der Liebe vereint, in der Sache getrennt. Kann das gut gehen?

„Echo des Schweigens“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem ohnehin schon mächtigen Fall Okeke und der alles umtänzelnden und manchmal schwermütigen Liebesgeschichte von Sophie und Hannes. Der Autor hat noch zwei weitere Handlungsstränge in seinem Roman verwoben: Sophies Mutter ist verstorben und hinterlässt ihr neben einem Haus in den Schweizer Bergen einen vergilbten Briefumschlag, adressiert an die Mutter und mit einer Briefmarke aus Kanada frankiert. Der Brief darin: von Richard. Sophies Vater? Ihre Mutter hatte nie über ihren Vater gesprochen, nie seinen Namen erwähnt. „Das Einzige, was du wissen musst, ist, dass er uns sitzen gelassen hat“, sagte ihre Mutter immer nur. Sophie will sich damit nicht mehr begnügen und beginnt mit der Recherche. 

Zweite Zeitebene im Nationalsozialismus

In einer zweiten Zeitebene befinden wir uns schließlich noch in der Zeit zwischen November 1938 und Dezember 1948. In Braunschweig und Wolfenbüttel begleiten wir die Jüdin Lea Rosenbaum sowie die beiden Brüder Carl und Heinrich durch die letzten Jahre des Nationalsozialismus. Heinrich ist glühender Verehrer der nationalsozialistischen Bewegung und geht voll darin auf, Carl ist erschrocken, wohin alles steuert und versucht Lea und ihre Familie mit aller Macht zu beschützen. Macht haben beide Brüder, denn sie sind Hersteller eines namhaften Kräuterlikörs – die Ähnlichkeit zu Curt und Wilhelm Mast, den Gründern der Mast-Jägermeister SE, ist gewollt (Markus Thiele: „Die Geschichte um Carl und Heinrich beleuchtet einen Ausschnitt der bis heute ungeklärten Verflechtungen des Unternehmens [Jägermeister] mit dem Dritten Reich.“)

„Echo des Schweigens“ ist sprachlich und atmosphärisch gut erzählt. Am besten gelingt dem Autor jedoch der Zeitsprung in die Vergangenheit, vielleicht weil er hier nicht zu sehr von seinem eigenen Beruf erzählen muss. Gerade bei juristischen Details liegt die Schwierigkeit darin, den Leser weiterhin zu fesseln, gleichzeitig aber die teilweise rechtsphilosophischen Fragen in der notwendigen Tiefe zu beantworten. Thiele beschreibt in wesentlichen Zügen Hannes‘ moralischen Konflikt, seine Zweifel, ob sein Mandant ihn anlügt oder nicht. Zu wenig aber beleuchtet er die Fragen, was Recht ist im Gegensatz zu Gerechtigkeit und was ein Anwalt riskiert, wenn er Parteiverrat begeht. Wo hört die wohlwollende Auslegung eines Sachverhalts auf, und wo fängt die Lüge an? Und wie baut man Vertrauen auf? In der Liebe und zwischen Anwalt und Mandant? Wenn ich meinem Anwalt die Wahrheit sage, baut der dann seine Verteidigung in Richtung einer sicheren Verurteilung auf? Ist es dann nicht besser so zu tun, als wäre ich es nicht gewesen, damit der Anwalt, der glaubt, ich sei unschuldig, besonders hart für mich kämpft? Und was ist mit dem Gewissen des Anwalts im Gegensatz zum Recht eines jeden auf ein faires Verfahren und eine effektive Strafverteidigung? Der innere Konflikt bleibt zu oberflächlich, etwas mehr Tiefe hätte dem Buch an dieser Stelle sehr geholfen.

Markus Thiele ist jedoch ein feiner Beobachter mit allen Sinnen. Das merkt man besonders dort, wo er Personen, Szenen, Geräusche oder einen bestimmten Geschmack beschreibt. Zum Beispiel wie es im Café Paris in Hamburg zugeht. Wie Vanillekipferl mit einer Spur Marzipan schmecken können. Wie sich stumme Panik anfühlt. Das alles umfasst er nonchalant und mit einer nüchternen, unaufgeregten Sprache, die den Leser durch den Roman trägt.

Am Ende hat Markus Thiele wohl zu viel gewollt für ein 400 Seiten langes Buch. Der Mann muss einfach ab jetzt dicke Schinken schreiben! Denn darüberhinaus ist „Echo des Schweigens“, das weder Thriller noch Kriminalroman ist, ein hochaktuelles Buch, das nachhallt. Das wütend und traurig macht. Und das man nicht zuletzt wegen des juristischen Skandals um Oury Jalloh lesen sollte, damit sein Tod und die unfassbaren Wirren um dessen Aufklärung nicht in Vergessenheit geraten.

Markus Thiele: Echo des Schweigens, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2020, 408 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3710900914, Leseprobe, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Buch Wien: Frédéric Beigbeder und der Skandal des Todes

Frédéric Beigbeder bei der "BuchWien". © LCM Foto Richard Schuster
Frédéric Beigbeder bei der „BuchWien“. © LCM Foto Richard Schuster

Ewige Zeiten schon haben die Menschen den Traum vom ewigen Leben. Vampire leben endlos, wenn ihnen niemand einen Holzpflock durchs Herz treibt, Dorian Gray bleibt für eine gewisse Zeit ewiglich jung, manch einer geht sogar einen Pakt mit dem Teufel ein. Das alles sind Gestalten der Literatur. Eine der Gegenwart aber ist der französische Star-Autor Frédéric Beigbeder. In seinem neuen Roman „Endlos leben“ sucht er das ewige Leben, wie es mit dem heutigen Stand von Medizin und Technik möglich ist. Bei der „Buch Wien“ stellte er in der vergangenen Woche seinen Roman vor.

„Papa, ich möchte nicht, dass du stirbst“, sagt die Tochter des 50-jährigen Erzählers eines Tages zu ihm. Er, der verblüffende Ähnlichkeiten mit seinem Autor Frédéric Beigbeder hat, beginnt, sich mit dem Tod zu beschäftigen und beschließt: „Von jetzt an stirbt niemand mehr.“ Er begibt sich auf Reisen, trifft Wissenschaftler und Ärzte und stellt den Forschungsstand dar.

In Wien erzählt Beigbeder, wie er in den drei Jahren, in denen er das Buch geschrieben hat, immer wieder „vollkommen absurde Wissenschaftler“ getroffen hat. „Jedes Mal, wenn ich mit einem Wissenschaftler gesprochen habe, habe ich ihn gebeten, mir einen anderen und wenn möglich einen noch abgedrehteren zu empfehlen, und die allerverrücktesten sitzen in Kalifornien, in San Diego. Da gibt’s vollkommen absurde Institute, wo die Medizin dann schon eher ins Sektentum mündet.“ Da gibt es zum Beispiel ein Institut, das älteren Menschen das Blut von jungen Menschen injiziert wird, wodurch man angeblich verjüngt. Kosten: schlappe 8.000 Dollar am Tag. Vampirismus sei dort an der Tagesordnung, koste aber natürlich auch einiges. „Dort ist meine anfängliche Begeisterung wirklich in Angst umgeschlagen.“

Das Ende der Utopien gesehen

Das ewige Leben ist die älteste Utopie der Welt, und der Mensch kann nicht ohne Ideale leben, sagt Beigbeder. „Dabei gehöre ich eigentlich einer Generation an, die das Ende der Utopien gesehen hat. Ich habe den Sturz der Mauer und den Zusammenbruch des World Trade Centers miterlebt, das heißt ich gehöre einer Generation an, die eigentlich keine Ideale hat und keine Utopie.“

Beigbeder ist ein Fan von Büchern, in denen Helden „unmögliche Träume“ haben, erzählt er. Als Beispiele nennt er Don Quixote, Dorian Gray, Frankenstein und Dracula, „dieser berühmte Graf Dracula“. „Und deshalb ist es für mich ganz besonders wichtig, dass ich heute hier in Wien bin, in einer Stadt, wo die Gräfin Báthory Blutbäder genommen hat – sie hat wunderschöne Jungfrauen zerstückelt und in dem Blut gebadet, um daraus Ewigkeit zu erlangen.“ Wäre sie zuvor in Kalifornien gewesen, hätte sie gewusst, dass sie nicht im Blut baden, sondern es sich in die Venen spritzen lassen musste, sagt Beigbeder und lacht.

Auch in Österreich gebe es eine Klinik am Ufer des Wörthersees, wo er einige Zeit verbracht und Bluttransfusionen bekommen habe, um seinem Blut Sauerstoff und Mineralsalze zuzuführen. „Und ich habe einen roten Laser in die Venen gesteckt bekommen – das war eine äußerst interessante Erfahrung, denn angeblich bekommt dadurch das Blutplasma mehr Vitamin D.“ Wenn er dann auf die roten Reflexe des Lasers geblickt habe, sei er sich allerdings vorgekommen wie eine Discokugel. „Ich habe gedacht: das war schon immer mein Traum – ich bin jetzt wie eine Tanzfläche.“

„Ein fasziniertes Opfer“

Es sei aber ja tatsächlich so, dass die Wissenschaft heute zu unglaublichen Entdeckungen in der Lage sei. Insbesondere die Genetik eröffne völlig neue Perspektiven. Das Ziel seines Buches sei es auch gewesen, diese zu erforschen, erklärt Beigbeder, die DNA, die Veränderung und Transformation des Menschen zu einer Art anderen Wesen. Gleichzeitig wolle er diesen Wahnsinn aufzeigen, denn er habe immer angeprangert, welche Wahnsinnigkeiten in unserer Zeit passieren. „Ich bin also gleichzeitig ein fasziniertes Opfer davon und auch jemand, der davor warnt.“

Er habe ein „sehr leichtes Buch über das ernsteste Problem“ schreiben wollen. „Ich habe versucht, über den Tod zu sprechen, als sei er nur ein technisches Problem, das man ganz einfach mit medizinischen Entdeckungen verändern oder abschaffen.“ Er habe sich darüber amüsiert, dass er die Vor- und Nachteile des Todes in zwei Listen aufgeschlüsselt habe, als hätten wir die Wahl, es uns auszusuchen.

Die Lebenserwartung habe sich unglaublich verlängert: im Mittelalter war die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre, dann ist sie auf 50 Jahre gestiegen und mittlerweile liege sie bei 80 Jahren. „Warum sollte es dann nicht möglich sein, dass man die Lebenszeit verdoppelt oder verdreifacht bis 2050 oder 2100? Viele Ärzte halten das durchaus für möglich.“ Mit der Unsterblichkeit könnte man  mehr Bücher lesen, mehr Filme sehen, man könnte mehr Liebesgeschichten haben und mehr Reisen machen. „Und das ist eine Aussicht, die mich keineswegs erschreckt.“

„Für mich ist der Tod ein Skandal“

Eigentlich sei das Versprechen des ewigen Lebens die Rolle der Religion gewesen, macht Beigbeder im Alten Rathaus von Wien deutlich: „Aber wir haben inzwischen Mediziner statt Priester, wir haben Biochemiker und Stammzellenforscher, die uns alle dasselbe versprechen, und das ist das Thema meines Buches. Warum hasst der Mensch den Tod so sehr? Und auch ich kann den Tod nicht akzeptieren, ich kann dem nichts Interessantes abgewinnen, ich habe keine Lust selbst zu sterben und will auch nicht die sterben sehen, die ich liebe. Ich habe keine Lust alt zu werden, krank zu werden, kurzum: für mich ist der Tod ein Skandal.“

Darauf angesprochen, ob es nicht zu Platzproblemen auf Erden führen würde, wenn niemand mehr stirbt, sagte Beigbeder: „Das ist natürlich ein Problem, das ich noch gar nicht bedacht habe, als ich meinen Roman geschrieben habe, aber tatsächlich müssten wir wohl, wenn wir jetzt 300 Jahre alt werden, unsere Geburtstagsfeiern in Stadien veranstalten.“Man müsse allerdings auch beachten, dass diese Langlebigkeit der Menschen nur einer gewissen Elite vorbehalten wäre.

„Alle diese Methoden, das Leben zu verlängern, kosten Unsummen und ein riesiges Vermögen – daher werden die Menschen weiterhin sterblich sein, und nur eine kleine Elite wäre unsterblich.“ Im Grunde sei das keine Utopie, sondern ein Albtraum. In den drei Jahren, in denen er recherchiert habe, sei aus seiner anfänglichen Begeisterung nicht mehr sehr viel übrig geblieben, wiederholt er. „Sie hat sich in einen Schrecken verwandelt, denn wenn wir wirklich dieses längere Leben anstreben, dann müssen wir gleichzeitig auf unser Menschsein verzichten“, sagt Beigbeder.

Die Frage sei doch, warum man den Menschen überhaupt verbessern und ihm ein längeres Leben geben wolle. „Ist der Mensch nicht schön in seiner Imperfektion, in seiner Unvollendung und so, wie er ist?“, fragt Beigbeder. „Alle diese Menschen, die versuchen, das Leben zu verlängern, die mögen den Menschen, so wie er ist, nicht. So wie er ist in seinem Provisorischen, in seiner Fragilität, in seiner Kurzlebigkeit, mit all seinen Fehlern.“ Und genau darum gehe es in seinem Roman über einen Menschen, der versucht, diese Verbesserungen zu erreichen, der aber irgendwann mal erkennt, dass es besser ist, sich selbst mit all seinen Fehlern zu akzeptieren.

Frédéric Beigbeder: Endlos leben, Piper Verlag, München, 2018, 352 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3492059237

 

 

Eternauta reloaded

Im Jahr 2016 erschien in Deutschland zum ersten Mal der bekannteste argentinische Comic der 50er Jahre: „Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld. Der Science-Fiction-Klassiker wird noch heute als hellsichtiges Vorzeichen der Militärdiktatur in Argentinien gelesen, ist aber auch eng mit dem Leben seines Autors verknüpft. 1969 hat Oesterheld ein Remake seines Stoffes geschrieben – mit einem neuen Zeichner an seiner Seite, der einen neuen illustratorischen Zeitgeist vertrat. Auch dieses Buch ist nun auf Deutsch erschienen, vermag aber den ursprünglichen Geist des Eternauta nicht mehr so recht einzufangen. Das allerdings hat verständliche Gründe.

Wie schon im Ur-Eternauta sitzt der Held Juan Salvo eines Abends mit drei Freunden in Buenos Aires beim Kartenspiel zusammen, als plötzlich das Radio verstummt, das Licht erlischt und es draußen zu schneien beginnt. Für uns Europäer ist das nicht gerade das siebte Weltwunder, aber in der argentinischen Hauptstadt hat es zuletzt 1918 Schnee gegeben, und umso faszinierter sind die Großstädter von diesem Phänomen. Beim Blick aus dem Fenster wird den Vieren aber schnell klar, dass das kein gewöhnlicher Schnee ist. Wie ein Leichentuch legt sich eine dichte Decke aus tödlichen Flocken über die Außenwelt, und alles Lebende, was von ihnen berührt wird, stirbt augenblicklich.

Juan überprüft alle Fenster im Haus und berichtet seiner Frau Elena und Tochter Martita von der Katastrophe, die über sie hereingebrochen ist. Einen der Freunde aus der Kartenrunde hält die Todesgefahr jedoch nicht zurück – zu groß ist die Sorge um die daheimgebliebene Familie. Er rennt zur Tür hinaus und fällt nach nur wenigen Metern leblos zu Boden. Ausgelöscht. Die Freunde werden stumme Zeugen, die nur tatenlos zusehen können.

Die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert

Das Radio macht schließlich alle Deutungen, woher der Niederschlag kommen mag, zunichte: Außerirdische haben ganz Lateinamerika angegriffen und rotten jetzt die Bevölkerung aus. Hilfe wird nicht kommen, denn die Großmächte haben Südamerika ausgeliefert, um selbst nicht angegriffen zu werden. Die Argentinier bestärkt das nur noch mehr: Sie werden sich gemeinsam dem Gegner in den Weg stellen. Und so wird auch in diesem Remake aus einer Science-Fiction-Nummer ein Kriegs-Epos.

Neu ist indes vor allem, dass die Großmächte den Angriff der Außerirdischen auf Lateinamerika tolerieren – eine deutliche Anspielung auf den US-amerikanischen imperialistischen Einfluss. Argentinien befand sich zum Entstehungszeitpunkt der neuen Fassung in einer Diktatur. General Juan Carlos Onganía war 1966 durch einen Putsch an die Macht gekommen und regierte das Land mit einem wirtschaftsliberalen Kurs, der den Arbeitern mehr und mehr gegen den Strich ging.

Als am 29. Mai 1969 die ersten drei Seiten des neuen „Eternauta“ in der Illustrierten „Gente“ („Leute“) erschienen, begann in Córdoba, der zweitgrößten Industriestadt des Landes, der berühmte „Cordobazo“, ein Volksaufstand, bei dem sich Arbeiter und Studenten zu einer großen demonstrierenden Masse vereinten. Es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Sicherheitskräften; viele Menschen wurden getötet. Onganía musste später zurücktreten.

„Sie baten mich, meine Zeichnungen zu ändern“

Neu ist aber auch der Stil der Illustration, den der neue Zeichner Alberto Breccia einführt: düster, mit teils unvollständigem Strich, die Gesichter oft grimassenhaft verzerrt. Das kommt bei vielen Lesern und auch im Verlag der populären Zeitschrift überhaupt nicht gut an. Breccia erinnert sich: „Sie riefen mich an und baten mich, meine Zeichnungen zu ändern, sie klarer und kommerzieller zu machen. Ich antwortete, dass dies mein Zeichenstil sei, und wenn er ihnen nicht gefalle, sollten sie ‚Eternauta‘ nicht weiter publizieren.“

Jede Woche sollten drei neue Seiten veröffentlicht werden. Der Verlag sprach auch mit Oesterheld, der aber der Meinung war, das Werk müsse fertiggestellt werden. Sie vereinbarten deshalb, den größeren Teil der Story zu kürzen und in wenigen Kapiteln zusammenzufassen. Das wiederum führt dazu, dass die Geschichte gehetzt wirkt, während sie in der Ursprungsfassung manchmal sogar zu detailliert daherkam. Die erste Version kommt noch auf 392 Seiten, das Remake nur noch auf knappe 50 Seiten.

Man sollte sich in diesem Fall nicht an Seitenzahlen aufhalten. Der neue Eternauta ist ganz unabhängig von der Dicke des Bandes nicht die besser erzählte Story. Aber der Grund seines Scheiterns im Jahr 1969 ist elementar: Oesterheld und Breccia erzählen von Einzelnen, die sich zusammenschließen, um sich gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, während die Großmächte sie verraten. Vor dem Hintergrund der Unruhen des Jahres 1969 bekommt der Comic eine Realitätsnähe, die wohl nicht so recht in eine Zeitschrift zu passen scheint, die sich den Reichen und Schönen verschrieben hat. Die Realität im Lande darzustellen, und zwar mit den düsteren expressionistischen Zeichnungen, in denen Alberto Breccia sie sah, das ging dem Chefredakteur der „Gente“ entschieden zu weit. Nach nur 16 Wochen ist Schluss mit dem „Eternauta“, die Geschichte ist auserzählt, und Chefredakteur Carlos Fontanarrosa entschuldigt sich in einem Artikel bei seinen Lesern: „Unser Auftrag ist die Kommunikation und wir hätten uns auf die Ästhetik seiner Zeichnungen, die sie manchmal völlig unverständlich machte, nicht einlassen dürfen.“ Zurück zur Weltflucht mit den Schönen und Reichen.

Reine Comic-Freunde werden enttäuscht sein

Der „Eternauta 1969“ ist ein Werk für Eternauta-Fans, für historisch Interessierte im Bereich Lateinamerika oder für Kunstkenner. Reine Comic-Freunde aber werden vermutlich von der zusammengerafften Story enttäuscht sein und sollten eher zum Ursprungswerk greifen (hier geht‘s zur Seitengang-Rezension) – wenngleich das Nachwort, ein Essay von Guillermo Saccomanno und Carlos Trillo, die Entstehungsgeschichte des Comic-Remakes gut einordnet. Bedauerlich, dass Oesterheld und Breccia nie die Gelegenheit hatten, ihre neue Version des „Eternauta“ mit allen Facetten zu erzählen. Vermutlich hätte es die erste Version in den Schatten gestellt.

Oesterheld, Sohn eines deutschen Auswanderers und einer spanischen Mutter, hat wenige Jahre später seinen ganz eigenen Kampf erlebt. Man geht davon aus, dass er selbst um 1978 ermordet worden ist. Geklärt ist sein Verbleib jedoch nicht. Kurz vor einem erneuten Putsch des Militärs war er 1976 mit seinen vier Töchtern in den Untergrund gegangen, um für die Revolution zu kämpfen. Er kam nie zurück. Geblieben ist der Welt seine bedeutsamste Geschichte: der Eternauta, der ewig Reisende zwischen den Welten.

Héctor Germán Oesterheld / Alberto Breccia: Eternauta 1969, Avant-Verlag, Berlin, 2017, 64 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3945034699, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Solange wir uns erinnern

Welches Erbe tritt man an, wenn der Vater stirbt? Wie gehen wir Söhne und Töchter mit dem Tod um, und wie halten wir das Andenken und die Erinnerungen an die Eltern und die Kindheit wach? Der spanische Illustrator Paco Roca hat mit „La casa“ versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden – und zugleich sein persönlichstes Werk vorgelegt: ein zutiefst berührendes Buch über sich und den Tod seines eigenen Vaters.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters Antonio kommen die drei Geschwister Vicente, José und Carla im ehemaligen Ferienhaus der Familie zusammen, um das verwitternde Gebäude zu renovieren und es danach zu einem guten Preis verkaufen zu können. Vicente ist dabei einer der hilfreichsten Gesellen, denn der Mechaniker weiß mit Werkzeug umzugehen und beginnt gleich mit den ersten Instandsetzungen.

Ganz anders als José: der verdient sein schmales Geld als Schriftsteller, hat eher zwei linke Hände und steht sich oft selbst im Weg. Als er mit dem Schlauch den trockenen Garten bewässern soll, macht der Tollpatsch sich erst mal selber nass. Niemand käme wohl auf die Idee, diesen Mann einen Liegestuhl aufbauen zu lassen, geschweige denn, ihn mit Handwerksarbeit zu betrauen. Und dann ist da noch Carla, das Nesthäkchen, das den Papierkram rund ums Haus übernommen hat, aber auch sonst keine Arbeit liegen lässt.

Vorwurf als scheinbar unüberwindbare Mauer

Zwei Geschwister, die anpacken können, und ein Heiopei-Bruder, dem man eher unterstellt, dass er schon eine Ausrede finden wird, warum er dieses oder jenes nicht tun kann – schon diese Konstellation sorgt für Streitereien. Vicente aber macht zusätzlich noch das Fass auf, dass er im Krankenhaus ganz allein die Entscheidung treffen musste, ob Papa Antonio reanimiert werden soll oder nicht. Er ließ den Vater gehen. Und zweifelt nun furchtbar, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Zudem steht der gegenseitige Vorwurf, man habe sich nicht ausreichend um den kranken Antonio gekümmert, als scheinbar unüberwindbare Mauer zwischen den Geschwistern.

Und dann sind da noch die Erinnerungen. Jeder Leser kennt sie, diese Erinnerungen, die einen plötzlich überfallen: an gemeinsam Erlebtes, an Schrullen und Marotten der Eltern, an Liebgewonnenes und Eigentümliches, an Vertrautes und Fremdgewordenes. Carla erzählt: „Neulich war mir, als hätte ich ihn auf der Straße gesehen. Ich wollte ihn rufen, aber dann fiel mir ein, dass er nicht mehr da ist. Das hat mich traurig gemacht.“

Vicente und Carla stehen am Pool, der – fast metaphorisch – wasserlos vor sich hinrottet, während die Erinnerungen sie überschwemmen. Wie sie als Kinder fast einen Aufstand angezettelt und gedroht haben, erst dann beim weiteren Ausbau des Hauses mitzuhelfen, wenn sie einen Pool bekämen. „Den ganzen Sommer haben wir gegraben.“ – „Aber fertig war er erst im November, als es zu kalt zum Baden war.“ Vor dem geistigen Auge flimmern der stets schuftende Vater, mal im Garten, mal in der Garage, und die Mutter, die in der Tür steht und ruft, dass das Essen kalt wird.

Zeichnerisch grandios gelungen

Zeichnerisch sind die Überänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die Zeitsprünge und Erinnerungsblitze grandios gelungen. „La casa“ ist kein Comic der grellen Farben, sondern ein behutsam koloriertes Werk, das sich in vielen herbstlichen Ockertönen ergeht, ohne dadurch eintönig zu wirken. So gelingt es Paco Roca ganz wunderbar, (Ver-)Stimmungen einzufangen, auch durch den Einsatz von filmischen Gestaltungsmitteln wie Zoom oder Nahaufnahmen.

Nehmen Sie sich Zeit für diese Graphic Novel. „La casa“ benötigt Muße und Geduld, um wie ein leichter Herbstwind durch die Geschichte zu ziehen und zaghaft ein paar Erinnerungen aufzuwirbeln. Am Leser geht dieses Buch nicht spurlos vorbei; und im Erinnern an die eigene Familie wird gewiss, dass das Altern und das Abschiednehmen lange Prozesse sind, vor denen wir nicht flüchten sollten. Und dass eine Familiengeschichte nicht stirbt, wenn ein Mensch von uns geht. Solange wir uns erinnern.

Paco Roca: la casa, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3956401046, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Ein Revoluzzer verkauft den Zwang

von-allen-guten-geisternLange Zeit erinnerte in Hamburg nur noch die Friedrichsberger Straße und die S-Bahn-Haltestelle Friedrichsberg an die einstige Heil- und Irrenanstalt aus dem 19. Jahrhundert. Jetzt aber ist es dem Schriftsteller Andreas Kollender in vortrefflicher Weise gelungen, diese Geschichte wieder ans Licht zu holen – und nicht nur das. Mit seinem neuen Roman „Von allen guten Geistern“ würdigt er besonders den Begründer der Anstalt und schreibt diesen Mann furchtbar schön und direkt ins Herz des Lesers. Eine Wucht von einem Roman!

In der alten Hansestadt Hamburg schreibt man das Jahr 1864, als die Zeitungen von einem seltsamen Vorfall auf dem Heiligengeistfeld berichten. Ein Mann namens Ludwig Meyer verkauft auf dem Markt alte Zwangsjacken – und die Leute reißen sie ihm förmlich aus den Händen. Dieser Meyer war niemand Geringeres als der neue Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg, der, wie Kollender es ihm so schön in den Mund legt, den „Zwang verkauft“ hat. Der Psychiater war seiner Zeit und dem Wissen und Wollen seiner Kollegen weit voraus und Anhänger der sogenannten „No Restraint“-Bewegung. Keine Zwangsmaßnahmen sollten die Patienten einengen, sondern sie sollten sich weitestgehend frei entfalten können.

Die Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg, die tatsächlich maßgeblich nach Meyers Plänen eingerichtet wurde, galt als eine der fortschrittlichsten Psychiatrien der damaligen Zeit. Erstmalig blieben die Fenster ohne Gitter, und die Menschen wurden nicht mehr wie Gefängnisinsassen behandelt, sondern bekamen Freizeitangebote. Sie konnten malen, musizieren, ihr eigenes Gemüse anpflanzen. Bis dato ein Ding der Unmöglichkeit, denn wer im frühen 19. Jahrhundert psychisch erkrankte, dem wurde in der Regel nicht geholfen, sondern der wurde weggesperrt, von der Öffentlichkeit ferngehalten. Psychischen Erkrankungen haftete ein Makel an, dem man besser aus dem Wege ging.

Schrecken einer psychischen Erkrankung

Der junge Ludwig Meyer erlebt in der eigenen Familie den Schrecken einer psychischen Erkrankung. Seine Mutter wird zunehmend depressiv, der Arzt weiß sich keinen Rat. Der strenge Vater erklärt seinem wissbegierigen Sohnemann, seine Mutter habe nur eine Verstimmung. „Eine Gemütssache. Frauenunsinn.“ Doch dass seiner Mutter nicht nur Frauenunsinn widerfährt, ist Meyer spätestens klar, als sie versucht, sich in den Tod zu stürzen. Der Vater ist völlig überfordert, fürchtet um den guten Ruf der Kaufmannsfamilie. Die Kutsche, die die Mutter ins Krankenhaus bringt, soll tunlichst nicht gesehen werden. Und als sie aussteigen, sagt er seiner Frau: „Die Schultern zurück, strengerer Blick, Annette, stramm, sonst halten die dich noch für verrückt.“

Bloß nicht verrückt sein. Nur Frauenunsinn. Für Ludwig Meyer folgt an diesem Tag wohl das Erweckungserlebnis für die viel spätere Entscheidung, den Zwang zu verkaufen. Denn er muss mit ansehen, wie seine Mutter überwältigt und in eine Zwangsjacke gesteckt wird. „Die drei Graukittel zogen sie durch eine Tür. Mutters Fersen schleiften über den Boden, sie verlor ihre Schuhe. Sie kreischte. (…) Rums. Weg.“ Oft schreibt Kollender bloß kurze, einfach wirkende Hauptsätze. Doch er schafft damit immer wieder eine Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann. Das ist wahre sprachliche Raffinesse, die mit wenigen Worten das Herz erreicht und das Denken anschiebt.

Ludwig Meyer macht sich auf, ein Reformer der Behandlung geistig kranker Menschen zu werden. Im Studium nennen ihn manche einen „eleganten Spinner“, andere verspotten ihn als „Advocatus der Irren“. Und seine Professoren der Medizin glauben, es sei eine rhetorische Frage, die sie stellen, wenn sie ins Auditorium rufen: „Meine Herren, wirklich, wofür braucht ein Irrer einen Arzt?“ Ja, wofür braucht ein Irrer einen Arzt? Der hat schließlich kein gebrochenes Bein, das man behandeln könnte. Der Irre ist nicht ganz klar im Kopf, dem kommt man nicht bei, deshalb versteckt man ihn lieber im Keller hinter vergitterten Fenstern und überlässt ihn sich selbst. Ludwig Meyer besucht in England den Kollegen John Conolly, der ebenfalls historisch verbrieft ist. Conolly ist in England damals Vorreiter der „No Restraint“-Bewegung, und Kollender lässt ihn deutlich formulieren: „Wir nennen sie Irre. Wahnsinnige. Wir drängen sie weg. Warum, Meyer? Weil wir Angst haben. Wir haben Angst davor, etwas von uns selbst in diesen Menschen zu sehen. Wir haben Angst vor Erkenntnis.“

„Hauen Sie wieder ab mit diesem ganzen Dreckspack“

Und die furchtbare Erkenntnis ist: daran hat sich nach fast 200 Jahren kaum etwas geändert. Wie auch an der Reaktion der Öffentlichkeit nicht. Denn heute wie damals kocht die Volksseele, wenn in die Nachbarschaft ein psychiatrisches Krankenhaus ziehen soll: „Wir wollen Sie da nicht!“ „Hauen Sie wieder ab mit diesem ganzen Dreckspack.“ „Wir wollen keine Irrenanstalt bei uns. Wir wollen die da nicht haben.“ Das sind Sätze aus dem Roman. Aber sie könnten auch aus einer heutigen Bürgerversammlung stammen.

Kollender hat also nicht nur ein zu Herzen gehendes historisch exzellent recherchiertes Porträt über einen Psychiatrie-Revoluzzer geschrieben, sondern auch einen Roman, an dem wir uns selbst messen können: wie gehen wir denn heute mit psychisch Kranken um? Wie behandeln wir Menschen mit Behinderungen? Und braucht nicht jede Zeit Menschen wie Ludwig Meyer, die anderen voraus sind und uns daran erinnern, was wir alle sind? Ohne Ausnahme: Menschen. Meyer muss das sehr häufig sagen: Menschen! Das sind doch Menschen!

Ihm ist nichts Menschliches fremd, diesem Ludwig Meyer. Das ist schon ein dufter Typ, und allzu oft möchte man zu ihm in die Kutsche steigen und die Räder über das Pflaster Hamburgs rattern hören, während man mit dem Herrn Doktor Fallakten bespricht. Aber dann und wann möchte man ihn auch schütteln und zur Vernunft bringen, manchmal ist er gar ein arroganter Angeber – und in der Liebe ein hilfloses Wesen. Obgleich Ludwig Meyer in diesem Roman Bahnbrechendes vollbringt, macht Kollender ihn nicht zum Helden. Das ist er nicht, das macht aber auch einen weiteren Reiz dieses Buches aus: dass Ludwig Meyer seine eigenen Verschrobenheiten hat. Manche würden vielleicht sagen: Verrücktheiten.

Kollender, der mit seiner Familie in Hamburg lebt, ursprünglich aber aus Duisburg stammt, hat bereits 2015 mit der Wiederentdeckung eines historischen Helden brilliert: In dem Kriminalroman „Kolbe“ erweckte er eindrucksvoll den fast vergessenen Widerstandskämpfer Fritz Kolbe zum Leben. Das Buch, ebenfalls aus dem Pendragon-Verlag, liegt mittlerweile in der fünften Auflage vor und wird derzeit für den US-amerikanischen Markt übersetzt. „Kolbe“ war ein großer Erfolg – und auch Meyer könnte ein solcher werden. Warum? Einer von Meyers Kommilitonen sagt einen Satz, der treffender nicht sein könnte: „Eine gut erzählte Geschichte, Ludwig, das ist doch das Beste.“

Andreas Kollender: Von allen guten Geistern, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2017, 438 Seiten, broschiert, 17 Euro, ISBN 978-3865325754, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 18./19. März 2016) erschienen.

Verlosung: Gewinnen Sie eines von drei Kollender-Buchpaketen!
Mit diesem Beitrag bricht der Bielefelder Pendragon-Verlag zu einer fünftägigen Blogtour auf: fünf Literaturblogs aus Deutschland beschäftigen sich in unterschiedlichster Art und Weise mit dem neuen Buch von Andreas Kollender. Tag für Tag folgen nun die weiteren Beiträge auf den Blogs „Leckere Kekse“, „Der Buch- und Medienblog“, „Die dunklen Felle“ sowie auf dem Blog „Wortgestalt“. Folgen Sie der Blogtour mit dem Hashtag #KollendersGeister in den sozialen Netzwerken und verpassen Sie keinen Beitrag!

Im Rahmen der Blogtour verlost der Pendragon Verlag drei Kollender-Buchpakete mit jeweils einem Exemplar von „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen die TeilnehmerInnen ein Lösungswort bilden. Das Lösungswort findet sich in den fünf Blogbeiträgen zu der Tour. In jedem Beitrag findet sich ein fett gedruckter Buchstabe – das Lösungswort besteht also aus fünf Buchstaben. Zur Teilnahme an der Verlosung muss das Lösungswort an presse@pendragon.de gesendet werden. Einsendeschluss ist Freitag, der 17. März 2017 um 23:59 Uhr.

Die drei Gewinner werden aus allen Teilnehmern ausgelost. Nach der Auslosung werden die Gewinner per Mail benachrichtigt und um ihre Adressdaten gebeten. Die Adressdaten der Gewinner werden nur für den Versand benötigt und nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklären Sie sich mit diesen Bedingungen einverstanden.

Die Spezialität des Pendragon-Verlags aus Bielefeld sind Krimis. Unter den Freunden der Spannungsliteratur ist der Verlag auch deshalb bekannt geworden, weil er angekündigt hat, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe von US-Autor James Lee Burke zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Außerdem veröffentlicht der Verlag seit 2009 die Werkausgabe von Max von der Grün. Sämtliche Bände der zehnteiligen Werkausgabe sind gebunden erschienen und enthalten weitere Erzählungen, Reportagen und Erinnerungen sowie jeweils ein Nachwort (zur Seitengang-Rezension von Band I der Werkausgabe).