Helle Sprache, dunkle Zeit

Schon mal von Kronsnest gehört? Sie meinen, das klinge wie der Phantasiename einer von Kindern gebauten Baumhütte hoch droben in den Wipfeln? Nein, Kronsnest ist ein Ortsteil von Neuendorf bei Elmshorn. Schleswig-Holstein also. Dort zwischen den holsteinischen Elbmarschen, wo heute noch die kleinste Fähre Deutschlands über die Krückau gesteuert wird, spielt der sprachlich hervorragende Debütroman von Florian Knöppler, der in diesem Frühjahr im Pendragon-Verlag erschienen ist.

Wir befinden uns in den 1920er Jahren. Der 15-jährige Hannes ist ein zartbesaiteter, bücherliebender Junge; von seinen Mitschülern gehänselt, vom eigenen Vater ständig gemaßregelt. Irgendwann soll er den elterlichen Bauernhof übernehmen, wenn der Vater nicht mehr kann. Das ist hier so: Die Söhne übernehmen die elterlichen Höfe, Fisimatenten wie ein Umzug nach Hamburg oder Berlin sind schöne Träume, aber die Realität ist eine andere. Das war schon immer so auf dem Land. Die Berufswahl ist vorherbestimmt. Doch der Vater – ein wortkarger Mann, der oft wie ein Besessener arbeitet – hält Hannes für einen Schwächling. Zu verweichlicht, nicht annähernd fähig, einen Hof zu führen. Wie soll der jemals ein Auskommen als Bauer haben? Regelmäßig setzt es Prügel. Die Mutter schaut weg, versorgt still die Wunden, die man sehen kann.

Hannes hat nicht viel. Einen besten Freund: Thies, vom Nachbarhof. Einen Hund: Böltje. Einen Lehrer, der ihn mit Büchern versorgt: Herr Govinski, dem eine Granate im Ersten Weltkrieg ein Bein zerfetzt hat. Und dann ist da noch Mara, ungünstigerweise die Tochter des Großbauern Harm von Heesen. Im Dorf und unter dem Kleinbauern rümpft man die Nase über diese Familie. Doch Hannes ist derbe verliebt in Mara, die ihrerseits Blumen so liebt wie er und mit der er so zauberhafte, unbeschwerte Momente erlebt, die ihm das Herz ganz leicht und gleichzeitig so schwer machen.

Die 20er Jahre schleichen sich aufs Land – politisch und wirtschaftlich

Denn die 20er Jahre schleichen sich auch politisch und wirtschaftlich aufs Land. Hier, wo seit Jahren alles seinen vorbestimmten Gang geht, alles in ruhigen Bahnen verläuft, alles immer derselbe Trott ist. Hier, wo Hannes erwachsen wird, bricht nun plötzlich etwas ein, zunächst unterschwellig, doch bald ist es offenbar: Der Nationalsozialismus keimt auf. Thies schließt sich den Nationalsozialisten an, ein anderer Freund den Kommunisten. Hannes bleibt dem allen fern.

Doch das Augenverschließen ist keine Lösung mehr. Der Nationalsozialismus kommt. „Ja, die Kerle wissen, was sie tun, und haben Erfolg damit. Die Hälfte der Leute findet es gut, die andere kriegt es mit der Angst“, sagt Harm von Heesen, nachdem sein Hof von Nazis angegriffen wurde. Heute weiß man: Der große Erfolg der nationalsozialistischen Bewegung bei der Landbevölkerung von Schleswig-Holstein war eine der wesentlichen Grundlagen für den immensen Anstieg der NSDAP-Stimmen in den Jahren 1930 bis 1932. 1 Dabei galt gerade Schleswig-Holstein seit 1870 als liberales Bauernland.

Die Stimmung kippt, das einst stille Marschland wird von den politischen Entwicklungen überschattet, und Hannes betrifft das alles plötzlich ganz persönlich. Auf dem elterlichen Hof lösen sich Probleme mit einem Mal von selbst, der Hof der von Heesens dagegen treibt in den wirtschaftlichen Ruin. Und Maja? Ach, Maja!

Sprachlich eine Perle

„Kronsnest“ liest sich über weite Strecken als ruhiger Roman, unaufgeregt, gemächlich, sanft, wie ein Nebenfluss, so wie die Krückau einer ist. Er erzählt sich mühelos dahin, hat es den Anschein. Das gelingt gerade deshalb so hervorragend, weil es sprachlich eine Perle ist, was und wie Florian Knöppler schreibt. Seinen Protagonisten Hannes beschreibt er derart liebevoll und mit einer so intensiven Wärme, als wolle er ihn damit vor allen Unwägbarkeiten beschützen, die einem Heranwachsenden in dieser Zeit eiskalt um die Ohren fliegen können. Und das Dorf Kronsnest ist ein wundersames Kleinod, das man unbedingt einmal selbst erleben möchte. Knöppler wohnt mit seiner Familie dort in der Nähe. Im Blog des Pendragon-Verlags schreibt er: „Durch solch direkte Bezüge fällt es mir leichter, eine Wirklichkeit entstehen zu lassen, die konkret ist, nicht nebulös, die es mit der Realität aufnehmen kann und zugleich eine Bedeutung hat, mit einem Gefühl verbunden ist.“

Knöpplers Roman ist ein faszinierender Erstling, bildhaft, stark, eindringlich. Vor allem auch: umfangreich recherchiert. Sechs Jahre hat er daran gearbeitet. „Kronsnest“ zeigt am zeithistorischen Beispiel, wie sich politische Veränderungen einschleichen, politische Tendenzen entwickeln und politische Meinungen nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Notlagen ändern. Und wie gefährlich das ist. Die Auswirkungen davon lesen wir in der Fortsetzung, an der Knöppler bereits arbeitet. Die spielt zwölf Jahre später, 1941. Hannes lebt noch. Und was ist mit Maja? Ach, Maja!

Florian Knöppler: Kronsnest, Pendragon-Verlag, Bielefeld, 2021, 448 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24 Euro, ISBN 978-3865327468, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

1. Lesetipp für den geschichtlichen Hintergrund: Der Soziologe Rudolf Heberle hat als Privatdozent in Kiel in den Jahren 1932/33 den Versuch unternommen, die Gründe des politischen Umschwungs in Schleswig-Holstein durch eine wahlsoziologische Untersuchung festzustellen. Nach der Machtübernahme der Nazis konnte die Schrift nicht mehr veröffentlicht werden. Sie ist aber 1963 in der Deutschen Verlags-Anstalt mit einem Vorwort von Heberle veröffentlicht worden und derzeit als pdf-Datei kostenlos verfügbar, etwa hier direkt bei De Gruyter oder bei den Schweitzer Fach- und Unibuchhandlungen.

Buch Wien: Eine Anleitung zum Lesen und das unheilvolle Lachen der Primaten

Felicitas von Lovenberg. © LCM Foto Richard Schuster
Felicitas von Lovenberg. © LCM Foto Richard Schuster

Wenn schon die Verlegerin eines deutschen Verlags eine „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ schreiben muss, scheint es sehr schlecht bestellt zu sein um die Welt der Bücher. Felicitas von Lovenberg, ehemalige FAZ-Literaturchefin und seit 2016 Verlegerin des Piper-Verlags, hat genau das getan. Am Donnerstag stellte sie ihr kleines, handliches Buch auf der „Buch Wien“ vor.

Laut Verlagsangaben schildert von Lovenberg, wie sich die Rolle des Buches immer wieder gewandelt habe und welch ungewöhnliche Lesegewohnheiten es gibt, gleichzeitig gehe sie auf Lieblingsbücher und Entdeckungen ein.  Die in Münster geborene von Lovenberg zeige, wie „aus dem Zeitvertreib Lesen eine beglückende, lebenslange Sucht werden kann“.

Dass sie eine wahre Büchernärrin ist, zeigt sich auf bei ihrer Buchpräsentation auf der „Buch Wien“. Schon als Kind habe sie nichts mehr geliebt, als ein Buch in der Hand zu haben. „Im Sommer war ich entweder draußen und habe Räuber und Gendarme gespielt, oder ich lag mit einem Buch auf der Wiese.“

„Der Inbegriff von Geborgenheit“

Dass sie schon früh zur Leseratte wurde, habe sie wesentlich ihrem Vater zu verdanken. Sie erinnert sich noch heute gerne daran, erzählt sie Moderator Günter Kaindlstorfer, wie ihr Vater in einem alten Sessel gesessen und ihr Grimms Märchen vorgelesen habe, aus einer alten, schon etwas zerfledderten Dünndruckausgabe von Winkler. „Das war für mich der Inbegriff von Geborgenheit.“ Das dritte Wort, was sie damals nach „Mama“ und „Papa“ habe sagen können, sei „Buch“, behaupten die Eltern. „Ich glaube ihnen das mal.“

Der Vater war Anwalt und „gläubiger FAZ-Leser“. Bedeutet: Bücher, die im Kultur-Ressort gut besprochen waren, wurden gekauft. Und so bekam von Lovenberg schon früh Zugang zu Büchern, Büchern und noch mehr Büchern. „Ich habe mit 12 Jahren ‚Krieg und Frieden‘ gelesen, nix verstanden, kam mir aber sehr schlau vor“, erzählt sie lachend. Dabei lasen Mädchen in ihrem Alter lieber andere Bücher, die es jedoch niemals in die FAZ schafften. Mit ihrer Mutter fuhr sie oft in die Stadt und durfte sich dann im Buchladen wünschen, was sie wollte. „Wir verheimlichten vor meinem Vater, dass ich dort ‚Bille und Zottel‘ und anderes, was man damals so las, kaufte.“

Von Kaindlstorfer darauf angesprochen, ob so eine „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ vielleicht deshalb nötig sei, weil das Buch als solches nicht mehr das Leitmedium sei, erklärte von Lovenberg, sie glaube sehr wohl, dass das Buch diese Rolle noch inne habe. „Unser Wissen ist und bleibt dort gespeichert.“ Aber das Buch sei davon abhängig, dass andere Medien anerkennen, dass es ein Leitmedium ist.

Menschen orientieren sich an Bestsellerlisten

„Es fehlt an der Vermittlung“, kritisiert sie und verdeutlicht: „Die Menschen sagen immer mehr: ‚Ich finde nicht mehr die zu mir passenden Bücher.'“ Es gebe inzwischen viel zu wenige Empfehlungen in Zeitungen. Stattdessen orientierten sich die Menschen an Bestsellerlisten. „Viele glauben daran: Wenn viele dieses und jene Buch lesen, muss es ja gut sein.“

Früher seien wesentlich mehr Debatten über Bücher geführt worden, ist von Lovenberg überzeugt, „aber diese Debatten sind leiser geworden.“ Dabei seien es gute Jahre für Literatur: „In Zeiten von gesellschaftlichen Umbrüchen haben wir Sehnsucht nach guten Büchern, die uns weiterbringen.“ In diesem Zusammenhang könne sie auch nicht verstehen, dass die Buchbranche Jahr für Jahr darüber klage, wie schlecht es ihr gehe. „Niemand kauft gerne beim Verlierer – ich rede lieber positiv über Bücher.“

Kaindlstorfer weist darauf hin, dass Bücher aber doch mittlerweile im täglichen Zeitbudgt der Menschen große Konkurrenz bekommen haben. Vor allem die Neigung der Menschen, stundenlang hintereinander Fernsehserien zu gucken, sei der Nutzung von Büchern sicherlich nicht zuträglich. „Das stimmt alles“, sagt von Lovenberg, „aber Lesen ist dem überlegen.“ Das Austauschen über Serien sei niemals „so filigran“ wie das Austauschen mit Freunden über Bücher. „Niemand wird das Buch genauso lesen wie ich – das ist bei Serien anders.“ Außerdem sei die Erfahrung des Lesens nicht multitaskingfähig. Beim Serienschauen könne man bügeln, aufs Handy schauen, und allerlei Sachen nebenher machen. Beim Lesen nicht.

„Ich habe viele Männerherzen frustriert“

Zu Anfang wurde von Lovenberg gefragt, ob sie es mit der Männerauswahl genauso halte wie ihre Kollegin Elke Heidenreich, die sich nur in Männe verlieben könne, die lesen. „Nein, bei mir ist das anders, ich habe mich auch in Männer verliebt, die nicht gelesen haben oder nicht so viel wie ich.“ Sie habe allerdings wohl auch „viele Männerherzen frustriert“, weil sie manchmal ein Buch einer Verabredung vorgezogen habe. „Einer meiner Freunde hat mir damals mal gesagt: ‚Du wirst irgendwann von deinen Büchern aus dem zusammenbrechenden Billy-Regal erschlagen, und es kriegt niemand mit.'“

Felicitas von Lovenberg moderierte einst im SWR-Fernsehen die Literatursendung „lesenswert“. Ihre stets letzte Frage an ihre Schriftsteller-Gäste stellte Kaindlstorfer nun ihr selbst: Mit welcher Romanfigur wären Sie gern verheiratet? „Wenn ich nicht schon glücklich mit meinem Mann verheiratet wäre, wäre es vielleicht Boris aus ‚Krieg und Frieden‘ – und ich war auch mal sehr verliebt in den namenlosen Ich-Erzähler aus ‚Liebeserklärung‘ von Michael Lentz.“

Felicitas von Lovenberg: Gebrauchsanweisung fürs Lesen, Piper Verlag, München, 2018, 128 Seiten, gebunden, 10 Euro, ISBN 978-3492277174, Leseprobe

Philipp Weiss bei der Lesung aus seinem Roman. © LCM Foto Richard Schuster
Philipp Weiss bei der Lesung aus seinem Roman. © LCM Foto Richard Schuster

Erstaunlicherweise wird dem jungen Suhrkamp-Autor Philipp Weiss nur eine recht kleine Bühne geboten, um sein von der Kritik hochgelobtes und gefeiertes Debüt-Werk „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ in Wien vorzustellen. Das ist ausgesprochen unglücklich. Und ebenso unglücklich ist es, dass Weiss nicht die Gelegenheit gegeben wird, selbst in seinen in fünf Bände unterteilten Roman (insgesamt 1.064 Seiten im Schuber!) einzuführen. Das übernimmt Stefan Gmünder, Literatur-Redakteur beim Standard, für ihn. Gmünder macht das hervorragend, zweifelsohne, aber aus dem Munde des neben ihm sitzenden Autoren hätte die Einführung vermutlich eine andere Relevanz gehabt.

Laut Verlagsangaben erzählt Philipp Weiss von der Verwandlung der Welt im Anthropozän – „jener Epoche der Erdgeschichte, in welcher der Mensch zur zentralen gestaltenden Kraft geworden ist“. Zwischen Frankreich und Japan, zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert, in Form von Enzyklopädie, Erzählung, Notizheft, Audiotranskription und Comic „entwirft dieser kühne Roman ein Panoptikum unserer fliehenden Wirklichkeit“.

Dass der fünfbändige Roman keine vorgegebene Lesereihenfolge hat, macht Weiss bei seiner kurzen Lesung aktiv deutlich. „Ich lese jetzt sozusagen einen Remix oder ein Medley meines Romans“, sagt der Jazz-Fan und stellt fortan immer das Buch aufrecht vor sich auf den Tisch, aus dem er gerade liest.

„Drohgebärde der Primaten“

Der ungewöhnliche Titel seines Romans habe zwei Referenzen, erzählt Weiss auf Nachfrage von Gmünder. Zum einen sei da der Holzstich „Wanderer am Weltenrand“ (auch: „Flammarions Holzstich“), dem er das Wort „Weltenrand“ entliehen habe. Die Darstellung zeigt einen Menschen, der am Horizont als dem Rande seiner Welt mit den Schultern in der Himmelssphäre steckt und das dahinter Befindliche erblickt. „Dieses Bild eröffnet die positive Lesart des Titels und erzählt von der menschlichen Urbewegung der Überschreitung“, erklärt Weiss. „Zum anderen ist das Lachen, wie wir wissen, eine Drohgebärde der Primaten – und das zusammen erzählt die Grundbewegung meines Romans.“

Sechs Jahre hat Weiss an diesem Roman gearbeitet. Zuvor studierte er Germanistik und Philosophie, schrieb Prosa und Theaterstücke, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. 2009 trug er beim Ingeborg-Bachmann-Preis seinen Beitrag „Blätterliebe“ vor, in dem ein Autor seinen eigenen Text isst. Weiss tat es ihm nach und verspeiste daraufhin ebenfalls seinen Text, was aber nicht so richtig gut ankam bei der Kritik.

Nach 30 Minuten ist die Buchvorstellung vorbei – nur 30 Minuten für den Roman, der als der Roman dieses Literatur-Herbstes gilt.

Philipp Weiss: Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2018, 1.064 Seiten, fünf Taschenbücher im Schuber, 48 Euro, ISBN 978-3518428177, Leseprobe, Buchtrailer, Lesung bei zehnSeiten.de

Das sind die schönsten deutschen Bücher 2016

© Uwe Dettmar, Frankfurt am Main
© Uwe Dettmar, Frankfurt am Main
Wieder einmal: Was für eine Pracht! Die Stiftung Buchkunst hat jetzt die „Schönsten deutschen Bücher“ des Jahres 2016 gewählt. Aus rund 800 von den Verlagen eingesandten Titeln wählten zwei Expertenjurys die schönsten 25 Bücher aus – je fünf in den fünf Kategorien „Allgemeine Literatur“, „Fachbücher, wissenschaftliche Bücher, Sachbücher, Schulbücher“, „Ratgeber“, „Kunstbücher, Fotobücher, Ausstellungskataloge“ und „Kinderbücher, Jugendbücher“. Wer bibliophile Ausgaben liebt, sollte sich diese 25 Werke unbedingt anschauen!

Sie seien vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung und zeigten eine große Bandbreite gestalterischer und herstellerischer Möglichkeiten, erklärt die Stiftung in einer Pressemitteilung. „Die prämierten Bücher setzen Zeichen und zeigen wichtige Trends und Strömungen der deutschen Buchproduktion.“

Unter den 25 schönsten Büchern findet sich etwa Jakob Hinrichs Graphic-Novel-Bearbeitung von Hans Falladas „Trinker“, erschienen 2015 im Verlag Metrolit in Berlin. Debütiert hatte Hinrichs im Jahr 2012 mit einer grafischen Adaption von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“, erschienen in der Büchergilde Gutenberg und mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt.

„Bildergeschichten von litarischer Qualität“

Für sein neues Buch hat sich Hinrichs intensiv mit dem Werk und dem Leben Falladas auseinander gesetzt. Mit dem „Trinker“ hat der morphium- und alkoholsüchtige Fallada einst nicht nur die eigenen Erfahrungen mit dem Alkoholismus verarbeitet, sondern auch seine persönlichen Krisen und Demütigungen. Die Jury der Stiftung Buchkunst urteilt: „Dieser Comic belegt, dass auch Bildergeschichten von litarischer Qualität sein können. (…) Der Zeichner definiert auf kreidiger Farbpalette regelrechte Stimmungsregister, die er so einsetzt, wie in frühen Stummfilmen die szenischen Grundemotionen in Farben codiert wurden.“

Im Bereich „Fachbücher, wissenschaftliche Bücher, Sach- und Schulbücher“ begeisterte sich die Jury zum Beispiel für das satt gelbe Buch „Die Biene – Eine Liebeserklärung“, erschienen bei Greenpeace Media. Ein Buch über Bienen, ihre Fähigkeiten, ihre Produkte, aber natürlich auch über ihre Bedrohungen. Die Jury dazu: „Die großzügigen Kapitelanfänge fallen unmittelbar ins Auge; kleines Bienchen auf rechter luftiger Seitenmitte, verso kursive Zitate in übergroßem Grad; gegenüber geht es los mit Kapitelüberschrift und Text. (…) Der Untertitel bekennt: »Eine Liebeserklärung«, die Ausstattung belegt: nicht nur an die Biene.“ Ein Video-Porträt über das Buch und die Autorin Katja Morgenthaler gibt es übrigens hier bei YouTube.

Auch ein Kochbuch hat es unter die 25 schönsten Bücher dieses Jahres geschafft: „Salt & Silver. Reisen, Surfen, Kochen: Lateinamerika“. Es ist das erste Buch von Johannes Riffelmacher und Thomas Kosikowski, die ihre Jobs gekündigt und sich auf die Socken gemacht haben, um die besten Rezepte und die schönsten Surfspots Lateinamerikas zu finden. Kleiner Tipp am Rande: Wenn sie nicht gerade rund unterwegs sind, kochen sie übrigens an ausgewählten Tagen im Hamburger „Kleinen Phi“. Die Jury jubilierte am Ende der ausführlichen Beurteilung: „Dieses Buch strotzt vor Lebensfreude.“

„Zweibücherbuch zum Umstülpen“

Bei den Kinder- und Jugendbüchern sticht die Ausgabe von Lewis Carolls „Alice im Wunderland – Alice hinter den Spiegeln“ aus dem Gerstenberg-Verlag hervor, jenes wunderbare „Zweibücherbuch zum Umstülpen“. „Wo soll man bei diesem komplexen Bild-Text-Arrangement mit der Beschreibung beginnen?“ fragt die Jury in ihrer ausführlichen Bewertung. „Bei der Zauberhaftigkeit des gesamten Bandes? Allein die Kapitelanfangsbilder in ihren floral ornamentalen Varianten reichen aus, um in Verzückung zu geraten.“

Der Gerstenberg-Verlag aus Hildesheim hatte anlässlich des 150. Geburtstags von „Alice im Wunderland“ im Jahr 2015 die von der niederländischen Künstlerin Floor Rieder illustrierte Ausgabe herausgegeben, ein wahres Prachtstück. Besonders raffiniert ist die von der Stiftung Buchkunst erwähnte Wendetechnik: Hat man „Alice im Wunderland“ durchgelesen, dreht man das Buch um und beginnt dort „Alice hinter den Spiegeln“ zu lesen (hier gibt’s eine Leseprobe des Verlags).

Alle prämierten Bücher mit ausführlicher Jury-Begründung und weiteren Informationen zum jeweiligen Buch gibt es natürlich auf der Webseite der Stiftung Buchkunst. Der Blick lohnt sich!

Einer der prämierten Buchtitel hat zusätzlich die Chance, den renommierten und mit 10.000 Euro dotierten „Preis der Stiftung Buchkunst“ zu ergattern. Auch das entscheidet wiederum eine Jury, und das Ergebnis wird am 8. September bei einem Festakt in Frankfurt am Main bekannt gegeben.

Seit 1966 begleitet die Stiftung Buchkunst mit Sitz in Frankfurt am Main und Leipzig kritisch die deutsche Buchproduktion. Ihr Ziel ist, die Qualität des Buches in technischer und künstlerischer Hinsicht zu fördern. Der Wettbewerb „Schönste deutsche Bücher“ ist die Hauptaufgabe der Stiftung. Damit will die Stiftung Buchkunst den Blick der Öffentlichkeit über den Inhalt hinaus auf buchgestalterische und buchherstellerische Spitzenleistungen lenken und damit dem Medium Buch und seiner Form zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen.

Seitengang fährt nicht zur Leipziger Buchmesse 2016

imageAm Donnerstag beginnt die Leipziger Buchmesse 2016. Entgegen der bisherigen Planung berichtet dieser Blog in diesem Jahr jedoch nicht aus Leipzig. Aufgrund eines Trauerfalls in der Familie werde ich auch in diesem Jahr nicht zur Buchmesse fahren.

Wer Interesse daran hat, am Donnerstag ab 16 Uhr die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse zu verfolgen, dem empfehle ich das Streaming der Veranstaltung.

113 Verlage haben für den diesjährigen Preis 401 Werke eingereicht, aus denen die Jury unter der Leitung von Kristina Maidt-Zinke jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung ausgewählt hat. Im Jahr 2015 gewann den Preis der Leipziger Buchmesse der Lyriker Jan Wagner mit seinen “Regentonnenvariationen” (Hanser-Verlag) – ein Novum, denn nie zuvor hatte ein Gedichtband die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik bekommen.

In Leipzig mit ihren neuen Titeln zu erleben sind unter anderem: Jan Böttcher, Friedrich Christian Delius, Thea Dorn, Thomas Glavinic, Reinhard Jirgl, Abbas Khider, Michael Köhlmeier, Michael Kumpfmüller, Sergej Lebedew, Thomas von Steinaecker, Jan Wagner, Peter Wawerzinek, Benedict Wells und Juli Zeh.

Hochspannung versprechen die Krimiautoren Friedrich Ani, Sebastian Fitzek, Petra Hammesfahr, Tom Hillenbrand, Volker Klüpfel und Michael Kobr, Antje Rávic Strubel und Stephan Ludwig. Zu den Höhepunkten für Krimifans gehören die Auftritte von Don Winslow und Dror Mishani, die aus den USA und Israel anreisen.

Neue Bücher im Reisegepäck haben auch Bestseller-Autoren wie Sky Du Mont, Karen Duve, Susanne Fröhlich, Frank Goosen, Markus Heitz, Dora Heldt, Sarah Kuttner, Harald Martenstein, Kai Mayer, Tilman Ramstedt, Benjamin von Stuckrad-Barre und Jan Weiler.

Allen Besuchern der Leipziger Buchmesse 2016 wünsche ich überraschende Neuentdeckungen und interessante Augenblicke, Stunden und Tage. Im nächsten Jahr ist Seitengang dann wieder dabei – und in diesem Jahr auch wieder bei der Internationalen Buchmesse in Wien.

Der mörderische Leser

FinderlohnIn der Literaturgeschichte finden sich mehrere Beispiele von Schriftstellern, die nur wenige Werke geschrieben haben und dann für ewige Zeiten verstummt sind: Jerome David Salinger, Margaret Mitchell, Emily Brontë oder auch Ralph Ellison. Glücklicherweise war bisher keinem von ihnen das Schicksal beschert, das John Rothstein ereilt hat. Denn der fiktive Autor von nur drei Romanen wird in Stephen Kings neuem Thriller „Finderlohn“ von einem glühenden Fan überfallen und ermordet. King hat damit nicht nur den erzählerisch mitreißenden zweiten Band seiner Trilogie um den alternden Ex-Detective Bill Hodges geschrieben, sondern auch eine lesenswerte Abhandlung über das Spannungsverhältnis zwischen Leser und Autor verfasst.

In King-Kennern wird der Roman schnell Erinnerungen an „Misery“ (in der deutschen Übersetzung hieß der Roman schlicht „Sie“) wachrufen. Darin ließ King eine geistesgestörte Leserin ihren Lieblingsautor gefangenhalten und zum Schreiben zwingen. Ihr gefiel nämlich gar nicht, dass ihre Lieblingsfigur sterben sollte. Ähnlich verhält es sich auch in Kings aktuellem Roman: Morris Bellamy vergöttert John Rothstein, der in den Sechzigerjahren eine berühmte Trilogie geschrieben hat. Im letzten Band geht der Held dieser drei Bücher, Jimmy Gold, in die Werbebranche – für Bellamy ein unfassbares Ende. Seine Identifikationsfigur endet im bürgerlichen Leben. Das hätte nicht geschrieben werden dürfen. Rothstein muss sterben, findet Bellamy. „‚Sie haben eine der größten Gestalten der amerikanischen Literatur erschaffen und dann einfach darauf geschissen‘, sagte Morrie. ‚Ein Mensch, der so etwas tut, verdient es nicht, weiterzuleben.“

Morris Bellamy bringt den Autor, den das Time-Magazin mal „Amerikas scheues Genie“ genannt hat, um und räumt dessen Tresor aus. Darin: Bargeld und Dutzende von Notizbüchern mit zwei weiteren Romanen über Jimmy Gold – für den großen Fan ein unglaublicher Schatz. Doch das Schicksal will es, dass er die Beute zunächst in einem Koffer versteckt vergraben muss, weil er für 30 Jahre wegen einer gänzlich anderen Sache in den Knast wandert. In der Zwischenzeit findet der jugendliche Peter Saubers – ebenfalls Verehrer von John Rothstein – den Koffer. Als Bellamy kurz darauf frei kommt, beginnt die wahrlich nervenaufreibende Hatz.

Kings eigene Leidenschaft für Literatur

Doch die wirkliche Stärke dieses Romans ist die erzählerische Kraft, die er entwickelt, ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Viel mehr als der Vorgänger „Mr. Mercedes“ ist „Finderlohn“ auch ein Stoff für’s Kino. Das liegt schon daran, dass King seinen beiden Hauptcharakteren genügend Raum gibt, sich zu entwickeln. Und das ist wirklich fabelhaft erzählt. Privatermittler Bill Hodges tritt erst sehr viel später auf den Plan. Bis dahin macht King keinen Hehl aus seiner eigenen Leidenschaft für Literatur: Immer wieder entwickeln sich Literaturgespräche zwischen handelnden Personen, Lesebekenntnisse werden ausgestoßen, die Welt der Bücher gelobpreist.

Das Verhältnis zwischen Leser und Autor ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Kings Werk. Das beste Beispiel ist der bereits eingangs erwähnte Roman „Misery“. Aber auch in seinem Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, dass er selbst den Ehrgeiz habe, Leuten zu gefallen. „Aber irgendwann kommt auch der Punkt, wo man sich sagt: Ich werde mich nicht prostituieren und genau das schreiben, was man von mir erwartet.“ Insbesondere als er „Mr. Mercedes“ geschrieben habe, was schließlich nichts anderes als ein klassischer Krimi gewesen sei, habe er sich gefragt: „Willst du das machen, wozu dir dein Herz rät – oder das, was Leute von dir erwarten? (…) Schreib besser, was du selbst schreiben willst.“ Zuletzt hat er sein Verständnis von Autor und Leser in einem lesenswerten Aufsatz für die New York Times noch einmal spezifiziert.

„Finderlohn“ ist der erzählerisch besser gelungene, zweite Teil der Hodges-Trilogie, eine Hymne auf Büchernarren dieser Welt und die Mächte der Literatur. Nicht ganz so dramatisch spannend wie „Mr. Mercedes“, aber wie so oft im King-Universum mit dem ersten Teil verknüpft. Bedauerlicherweise lähmt der Auftritt des skurrilen Ermittlertrios die Klasse der Erzählung etwas – dabei sind Hodges und seine zwei Helfer eigentümlich genug, um einen Roman lesenswert zu machen. In „Mr. Mercedes“ haben sie das bewiesen, in „Finderlohn“ leider nicht. Aber das Duell zwischen dem mörderischen Leser Morris Bellamy und dem jungen Fan Peter Saubers entschädigt für alle Schwächen dieses Romans. Im Jahr 2016 soll der abschließende Teil der Trilogie erscheinen. Einen englischen Titel gibt es schon: „Suicide Prince“.

Stephen King: Finderlohn, Heyne Verlag, München, 2015, 544 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453270091, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.