German Scham

Endlich! Endlich ist auch in Deutschland der hervorragende Debütroman von Katharina Volckmer erschienen. „Der Termin“, von Volckmer in ihrer Zweitsprache Englisch verfasst, fand lange Zeit keinen deutschen Verlag, wurde aber in zwölf andere Sprachen übersetzt. In England erschien das Buch 2020 als „The Appointment (Or, The Story of a Cock)“, in den USA als „The Appointment (Or, The Story of a Jewish Cock)“, in Frankreich als „Jewish Cock“.

In Deutschland jetzt also als „Der Termin“ ohne Untertitel, verlegt beim neu gegründeten und mit vielversprechendem Herbst-Katalog startenden Kanon-Verlag. In diesem an Philip Roths „Portnoys Beschwerden“ erinnernden Buch (andere Rezensenten halten dem Buch gerne den Thomas-Bernhard-Spiegel vor) hält eine namentlich nicht bekannte Patientin einen 117 Seiten langen Monolog, während sie auf dem Behandlungsstuhl des jüdischen Gynäkologen Dr. Seligmann liegt.

Sie obduziert das peinliche Schweigen

Die Themenvielfalt dieses Bewusstseinsstroms ist groß, das Unbehagen beim Lesen nicht minder. Die Patientin eröffnet ihre Rede mit dem Bekenntnis, sie habe mal davon geträumt, Hitler zu sein. Ihre Ausführungen darüber, dass man niemals hätte davon ausgehen können, dass die Deutschen „mit der miserablen Landesküche ein Reich für tausend Jahre würden halten können“ wandeln sich zu in sehr drastischen Worten umschriebenen sexuellen Fantasien, bei denen Hitler ebenfalls Rollen zugesprochen werden, bis sie schließlich auch darüber redet, welche Scham sie als Deutsche empfindet. Sie obduziert die Geschichte Deutschlands und das peinliche Schweigen der Täter- und Nachkriegsgenerationen. „Der Termin“ ist auch eine Coming-of-Silence-Geschichte.

Die namenlose Ich-Erzählerin hat sich von ihrer katholisch geprägten nachkriegsdeutschen Familie abgenabelt und lebt, wie die Autorin, in London. In einer Rückschau macht sie ihre eigene Geschlechtsidentität sowie die Beziehung zu Mutter, Vater, Urgroßvater („Ich bin mir nicht einmal sicher, ob er ein richtiger Nazi war“) zum Thema. Ihr Ton ist dabei oft lakonisch-komisch.

Sie erzählt, wie sie bei einer Wutattacke im Büro einem Kollegen drohte, sein Ohr am Tisch festzutackern. Dann ist sie überrascht, wieso ihr nach dieser Geschichte gekündigt wurde. Obwohl doch jedem klar sein müsse, dass man mit diesen Billigtackern eher sich selbst verletzt, als anderer Leute Ohren an Schreibtischplatten festtackern zu können.

Das deutsche Brot ist zu trocken

Über Nürnberg, einst Stadt der Reichsparteitage der Nationalsozialisten, unkt sie, dass dort jetzt jährlich Messen für Waschmaschinen abgehalten werden und ruft die Erinnerung an deutsche Fernsehwerbung auf, die meterweise reine, weiße Wäsche verspricht. Gedankensprung: Das deutsche Brot ist zu trocken, deshalb gelingt Deutschen der Oralverkehr nicht gut.

Volckmer ist provokant, ja. Und einiges davon glaubt man auf den ersten Blick gleich erkannt zu haben: Hitler und Juden als Aufreger, der Skandal scheint programmiert.

Was soll das eigentlich?

Ist das nicht Verharmlosung der deutschen Geschichte? Wird hier nicht zu sehr auf Hitler fokussiert? Hitler, mal als komische Figur, dann wieder als Sexphantasie – was soll das eigentlich?

Ja, das alles brodelt an der Oberfläche. Aber wie beim qualvollen Häuten der Zwiebel treten nach und nach untere, verborgene Schichten nach oben, die Frage der Geschlechtsidentität vor allem. Bin ich Mann, bin ich Frau? Warum fühle ich mich als Mann, bin aber als Frau geboren? Welchen Prozess durchlaufen Transmenschen? „Jedenfalls glaube ich, dass unsere Körper manches wissen, lange bevor unser Kopf es tut“, sagt die Patientin, die als heterosexuelle Cis-Frau sozialisiert wurde.

Der Gynäkologe bleibt die meiste Zeit stumm, und doch spricht die Patientin nie ins Leere. Erst spät fragt er sie, und wir lesen nie seine Frage, sondern nur ihre Antwort, ob sie wütend auf ihre Eltern sei. Ist sie nicht. Denn ihr Kopf ist nach dem Körper schon ein Stück auf dem Befreiungsweg vorangekommen.

„Ich wünschte, wir beide hätten das durchschaut“

Sie erzählt von ihren Schwierigkeiten, als sie jung ist, und die Mutter sie zu einer jungen Dame machen will, mit Schminke und Parfüm und schönen Kleidern. „Ein Großteil unserer Schwierigkeiten miteinander rührte von einem völlig unnötigen Lampenfieber, das uns von einer Welt aufgezwungen wird, die Leute ohne Schwanz auf ihren Platz verweisen will, und ich wünschte, wir beide hätten das durchschaut.“

Das auf den ersten Blick „nur“ die deutsche Scham und Vergangenheit ankratzende Buch ist wie ein trojanisches Pferd, das ein Hitlerbärtchen trägt, vielleicht auch nur einen Hoden hat und von Dirty Talk-AnhängerInnen geschoben wird, das aber bei genauerer Betrachtung und Überwindung der Befestigungsanlagen gefüllt ist mit Kriegerinnen und Kriegern, Cis- und Transmenschen, die traditionelle Geschlechterrollen, Geschlechterbinarität, Transphobie und das Patriarchat bekämpfen. Und letztlich schaut man sich um, wie man hergekommen ist, sieht das trojanische Pferd, und muss sich doch wieder der eigenen Vergangenheitsbewältigung und dem deutschen Völkermord stellen. Dr. Seligmann kann beides verbinden, und die Patientin ist genau deshalb bei ihm.

Katharina Volckmer, wurde 1987 in Deutschland geboren und zog mit 19 Jahren zum Sprachen-Studium nach England. Heute lebt sie in London und arbeitet für eine Literatur-Agentur. „Der Termin“ ist ihr erster Roman, und es ist so ein temporeiches Wahnsinnsbuch! Man verschlingt es in wenigen Stunden und lacht und weint und fühlt sich furchtbar und interessiert und pikiert. Das ist wirklich raffinierte, konzertante und elegant kurzweilig geschriebene Literatur, die ihresgleichen sucht. Wenn das gleich beim kühnen Debüt dermaßen reinhaut, was kommt mit dem Zweitwerk auf uns zu? Kann nur gut werden für die Literatur!

Katharina Volckmer: Der Termin, Kanon-Verlag, Berlin, 2021, 128 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3985680009

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Stolz und Vorurteil

Als sich der Angeklagte zum letzten Wort erhebt, steht auch die Frau auf. Sie zieht die Waffe und schießt. Acht Schuss, acht Treffer. „Hoffentlich ist er tot“, sagt sie noch und lässt sich widerstandslos festnehmen. „Die Wahrheit der Dinge“, der neue Justiz-Roman von Markus Thiele (Debüt: „Echo des Schweigens“), beginnt ungewohnt dramatisch.

Wie schon beim Vorgänger liegen ihm wahre Rechtsfälle zugrunde: Zum einen der von Marianne Bachmeier, einer Mutter, die 1981 im Gerichtssaal den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter erschoss. Zum anderen das Schicksal des Schwarzen Amadeu Antonio Kiowa, der 1990 in Eberswalde eines der ersten tödlich verletzten Opfer rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland wurde. „Die Wahrheit der Dinge“ ist ein bedrückender, anspruchsvoller Roman von unbedingter Aktualität, den man nicht so schnell vergisst.

Hat er Fehler gemacht?

Seit Corinna Maier in seinem Gerichtssaal die Pistole aus der Handtasche zog und den Angeklagten erschoss, rutscht der Strafrichter am Landgericht Hamburg, Frank Petersen, in eine tiefe Sinnkrise. Hätte er die Tat verhindern können? Hat er Fehler gemacht? Seine Frau wirft ihm vor, er habe den Respekt verloren. Allem gegenüber. Seine Chefin widerspricht: „Das hat die Frau nicht dazu veranlasst, den Abzug zu drücken. Sie hat geschossen, weil sie mit keinem anderen Urteil außer dem Tod des Angeklagten einverstanden gewesen wäre. Sie hat sich selbst zum Richter erhoben, weil sie Ihren Spruch nie akzeptiert hätte.“

Ein Akt der Selbstjustiz also. Dass vor Gericht nur Recht gesprochen wird, nicht aber Gerechtigkeit hergestellt wird, fassen Juristen gerne mit dem Satz zusammen, man bekomme nur ein Urteil, keine Gerechtigkeit.

Im echten Fall von Marianne Bachmeier zeigten Menschen damals Verständnis für ihre Tat. Im Roman will Frank Petersen die Frau verstehen, ihre Motive, ihre Gedanken. Als er hört, dass sie ihre Haftstrafe abgesessen hat und demnächst in die Freiheit entlassen wird, fasst er den Entschluss, sie zu treffen. Er beschließt, ihr und sich selbst die Fragen zu stellen, vor denen er bisher die Augen verschlossen hat.

„Sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll“

Eine zweite Zeitebene erzählt von dem Schwarzen Steve Otremba, der 1989 an der Uni Hamburg als Gastdoktor die Bekanntschaft einer jungen Studentin macht. Die beiden verlieben sich, wollen bald heiraten. Doch von Anfang an wird diese Beziehung gesellschaftlich geächtet. Im Linienbus will Steve einem gestürzten Betrunkenen aufhelfen, reicht ihm dazu die Hand. Der aber lallt nur: „Ey, Blondie, sag dem Affenmann, dass er mich nicht anpacken soll.“ Keiner der anderen Fahrgäste reagiert, der Busfahrer fährt beharrlich weiter. Steve nimmt’s mit Humor, klettert auf einen Sitz, mimt den Affen. Der Bus hält an. Der Fahrer wirft Steve aus dem Bus. Die Fahrgäste bleiben stumm.

Es ist auch das Jahr 1989, als in der Bäckerei neben Mandelhörnchen und Himbeertorte auch Blechkuchen verkauft wird mit Vanillepudding und schwarz-brauner Schokoglasur. Das nennt sich dann Nigeria-Platte.

Der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland beunruhigen Steve scheinbar nicht. 1990 zieht der Mediziner für sein praktisches Jahr nach Eberswalde (Brandenburg). Wenig später ist er tot. Neonazistische Skinheads haben ihn und zwei weitere Schwarze auf der Straße angegriffen. Steve ist so schwer verletzt, dass er ins Koma fällt, aus dem er nicht wieder erwacht.

Thiele glänzt einmal mehr mit seiner Art zu schreiben

Der selbst als Rechtsanwalt praktizierende Autor Markus Thiele führt beide Fälle raffiniert und glaubwürdig zusammen, und doch steht jeder Handlungsstrang für sich selbst. Wie schon in seinem Debütroman glänzt Thiele einmal mehr mit seiner Art zu schreiben. Seine feinfühligen Personenbeschreibungen und seine Beobachtungsgabe für die poetischen, kleinen Momente des Lebens zeugen von seinem Können.

Thiele beweist, dass Juristen nicht nur staubtrockene Gesetzestext-Wälzer oder unverbindliche „Kommt drauf an“-Schwadronierer sein müssen, sondern gute Romanciers sein können. Im Gegensatz zu seinem Erstling „Echo des Schweigens“ über den Strafverteidiger Hannes Jansen hat er sich diesmal thematisch zurückgenommen und nicht versucht, möglichst viele Sujets zwischen zwei Buchdeckel zu pressen.

Leider ist die Figur des zweifelnden Richters im Grenzgebiet von Recht und Schuld nicht eine so ans Herz wachsende Rolle wie die des verschuldeten und schwer verliebten Hannes Jansen, der zwischen Gesetz und Moral steht. Das mag aber auch an der Persönlichkeitsstruktur des Richters liegen, den Thiele analytisch als authentisch leidenschaftlichen, aber eigenwilligen Juristen zeichnet. Wo Hannes Jansen noch gefallen will, hat Frank Petersen das nicht mehr nötig.

Markus Thiele weiß, was er tut. Ihm ist mit „Die Wahrheit der Dinge“ einmal mehr ein kluger Roman gelungen, spannend und anrührend geschrieben, mit einer klaren Meinung, aber ohne belehrend zu sein. Nachdenklich stimmend und sehr empfehlenswert!

Markus Thiele: Die Wahrheit der Dinge, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2021, 240 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3710900938, Leseprobe

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Helle Sprache, dunkle Zeit

Schon mal von Kronsnest gehört? Sie meinen, das klinge wie der Phantasiename einer von Kindern gebauten Baumhütte hoch droben in den Wipfeln? Nein, Kronsnest ist ein Ortsteil von Neuendorf bei Elmshorn. Schleswig-Holstein also. Dort zwischen den holsteinischen Elbmarschen, wo heute noch die kleinste Fähre Deutschlands über die Krückau gesteuert wird, spielt der sprachlich hervorragende Debütroman von Florian Knöppler, der in diesem Frühjahr im Pendragon-Verlag erschienen ist.

Wir befinden uns in den 1920er Jahren. Der 15-jährige Hannes ist ein zartbesaiteter, bücherliebender Junge; von seinen Mitschülern gehänselt, vom eigenen Vater ständig gemaßregelt. Irgendwann soll er den elterlichen Bauernhof übernehmen, wenn der Vater nicht mehr kann. Das ist hier so: Die Söhne übernehmen die elterlichen Höfe, Fisimatenten wie ein Umzug nach Hamburg oder Berlin sind schöne Träume, aber die Realität ist eine andere. Das war schon immer so auf dem Land. Die Berufswahl ist vorherbestimmt. Doch der Vater – ein wortkarger Mann, der oft wie ein Besessener arbeitet – hält Hannes für einen Schwächling. Zu verweichlicht, nicht annähernd fähig, einen Hof zu führen. Wie soll der jemals ein Auskommen als Bauer haben? Regelmäßig setzt es Prügel. Die Mutter schaut weg, versorgt still die Wunden, die man sehen kann.

Hannes hat nicht viel. Einen besten Freund: Thies, vom Nachbarhof. Einen Hund: Böltje. Einen Lehrer, der ihn mit Büchern versorgt: Herr Govinski, dem eine Granate im Ersten Weltkrieg ein Bein zerfetzt hat. Und dann ist da noch Mara, ungünstigerweise die Tochter des Großbauern Harm von Heesen. Im Dorf und unter dem Kleinbauern rümpft man die Nase über diese Familie. Doch Hannes ist derbe verliebt in Mara, die ihrerseits Blumen so liebt wie er und mit der er so zauberhafte, unbeschwerte Momente erlebt, die ihm das Herz ganz leicht und gleichzeitig so schwer machen.

Die 20er Jahre schleichen sich aufs Land – politisch und wirtschaftlich

Denn die 20er Jahre schleichen sich auch politisch und wirtschaftlich aufs Land. Hier, wo seit Jahren alles seinen vorbestimmten Gang geht, alles in ruhigen Bahnen verläuft, alles immer derselbe Trott ist. Hier, wo Hannes erwachsen wird, bricht nun plötzlich etwas ein, zunächst unterschwellig, doch bald ist es offenbar: Der Nationalsozialismus keimt auf. Thies schließt sich den Nationalsozialisten an, ein anderer Freund den Kommunisten. Hannes bleibt dem allen fern.

Doch das Augenverschließen ist keine Lösung mehr. Der Nationalsozialismus kommt. „Ja, die Kerle wissen, was sie tun, und haben Erfolg damit. Die Hälfte der Leute findet es gut, die andere kriegt es mit der Angst“, sagt Harm von Heesen, nachdem sein Hof von Nazis angegriffen wurde. Heute weiß man: Der große Erfolg der nationalsozialistischen Bewegung bei der Landbevölkerung von Schleswig-Holstein war eine der wesentlichen Grundlagen für den immensen Anstieg der NSDAP-Stimmen in den Jahren 1930 bis 1932. 1 Dabei galt gerade Schleswig-Holstein seit 1870 als liberales Bauernland.

Die Stimmung kippt, das einst stille Marschland wird von den politischen Entwicklungen überschattet, und Hannes betrifft das alles plötzlich ganz persönlich. Auf dem elterlichen Hof lösen sich Probleme mit einem Mal von selbst, der Hof der von Heesens dagegen treibt in den wirtschaftlichen Ruin. Und Maja? Ach, Maja!

Sprachlich eine Perle

„Kronsnest“ liest sich über weite Strecken als ruhiger Roman, unaufgeregt, gemächlich, sanft, wie ein Nebenfluss, so wie die Krückau einer ist. Er erzählt sich mühelos dahin, hat es den Anschein. Das gelingt gerade deshalb so hervorragend, weil es sprachlich eine Perle ist, was und wie Florian Knöppler schreibt. Seinen Protagonisten Hannes beschreibt er derart liebevoll und mit einer so intensiven Wärme, als wolle er ihn damit vor allen Unwägbarkeiten beschützen, die einem Heranwachsenden in dieser Zeit eiskalt um die Ohren fliegen können. Und das Dorf Kronsnest ist ein wundersames Kleinod, das man unbedingt einmal selbst erleben möchte. Knöppler wohnt mit seiner Familie dort in der Nähe. Im Blog des Pendragon-Verlags schreibt er: „Durch solch direkte Bezüge fällt es mir leichter, eine Wirklichkeit entstehen zu lassen, die konkret ist, nicht nebulös, die es mit der Realität aufnehmen kann und zugleich eine Bedeutung hat, mit einem Gefühl verbunden ist.“

Knöpplers Roman ist ein faszinierender Erstling, bildhaft, stark, eindringlich. Vor allem auch: umfangreich recherchiert. Sechs Jahre hat er daran gearbeitet. „Kronsnest“ zeigt am zeithistorischen Beispiel, wie sich politische Veränderungen einschleichen, politische Tendenzen entwickeln und politische Meinungen nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Notlagen ändern. Und wie gefährlich das ist. Die Auswirkungen davon lesen wir in der Fortsetzung, an der Knöppler bereits arbeitet. Die spielt zwölf Jahre später, 1941. Hannes lebt noch. Und was ist mit Maja? Ach, Maja!

Florian Knöppler: Kronsnest, Pendragon-Verlag, Bielefeld, 2021, 448 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24 Euro, ISBN 978-3865327468, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

1. Lesetipp für den geschichtlichen Hintergrund: Der Soziologe Rudolf Heberle hat als Privatdozent in Kiel in den Jahren 1932/33 den Versuch unternommen, die Gründe des politischen Umschwungs in Schleswig-Holstein durch eine wahlsoziologische Untersuchung festzustellen. Nach der Machtübernahme der Nazis konnte die Schrift nicht mehr veröffentlicht werden. Sie ist aber 1963 in der Deutschen Verlags-Anstalt mit einem Vorwort von Heberle veröffentlicht worden und derzeit als pdf-Datei kostenlos verfügbar, etwa hier direkt bei De Gruyter oder bei den Schweitzer Fach- und Unibuchhandlungen.

And it burns, burns, burns

Spätestens wenn Vögel brennend vom Himmel fallen, sollte der Mensch argwöhnisch werden. Vielleicht nicht gleich an die Apokalypse denken, aber dennoch das Erlebte hinterfragen. Am besten sogar: handeln und Lösungen finden.

Schon am Anfang von Seraina Koblers Roman „Regenschatten“ wird deutlich, dass sie mehr als eine Dystopie über den Klimawandel geschrieben hat. Kobler zeigt, sprachlich hervorragend, dass alles zusammenhängt, übertragbar und, ja: eine Metapher ist. Ein vortreffliches Buch und ein beeindruckendes Debüt.

„Manchmal denke ich, es hätte mir von Beginn an klar sein müssen. Wenn ich meine eigene Geschichte besser gekannt hätte, näher bei mir selbst gewesen wäre. Alle relevanten Ereignisse in den richtigen Zusammenhang gestellt hätte.“ Die Welt um Anna herum brennt, während Anna in einem leeren Mehrfamilienhaus am Fenster sitzt und wartet, dass die Stare kommen.

Doch die Stare kommen nicht mehr, denn die Welt um Anna herum brennt. Der Klimawandel hat Zürich in den vergangenen Monaten in den Schwitzkasten genommen. Das hätte man verhindern können, wenn man „alle relevanten Ereignisse in den richtigen Zusammenhang gestellt hätte“. In unserer Jetztzeit. In Annas Jetztzeit dräut die Katastrophe und zeigt das Ausmaß von zögerlichem Handeln. So wie in ihrem privaten Leben.

Mit Witz und Ernsthaftigkeit zugleich

Anna ist schwanger, aber nicht von David. Es war ein einmaliger Fehltritt, der das Leben unerwartet in neue Bahnen lenkt. Zudem eine Konfliktschwangerschaft. Über den ersten Wochen hängt deshalb nicht nur die Frage, wie bringt sie ihrem Freund bei, dass sie das Kind eines anderen unter dem Herzen trägt. Die immer drängendere Frage ist auch: Schwangerschaftsabbruch oder nicht. Das Zweifeln, das Grübeln, das Zögern, das Abwägen von Für und Wider; das Wie-sag-ichs-ihm, das Wann-sag-ichs-ihm, das umschreibt Kobler mit Witz und Ernsthaftigkeit zugleich. Allein die Passage, als David und Anna zum Wandern in die Berge gefahren sind, um der Gluthitze der Stadt zu entkommen, ist grandios.

Anna sucht nach dem passenden Moment für die Wahrheit, macht zweideutige Anmerkungen („Und ich wünschte mir, David hätte die gesamte Tragweite meiner Aussagen verstehen können.“), verfehlt die günstige Stille zwischen zwei Sätzen und scheitert unter anderem an der Ignoranz ihres Partners, der vehement voranschreitet, während Anna Mühe hat, ihm zu folgen. Das Bild, dass David ihr fortwährend wegläuft, wird sich wiederholen.

Derweil ist um sie beide herum der touristische Wahnsinn ausgebrochen, wie man ihn sonst an den Mittelmeerstränden findet: Die Hotels verkaufen allerlei Souvenir-Ramsch, Männer und Frauen stapfen im Partnerlook durch die Landschaft und irgendwo sieht man jemanden einen aufgeblasenen Gummi-Flamingo den Berg hochtragen. Die Szenerie bereitet den illustren Bühnenboden für die Beziehung zwischen David und Anna und dem ungeborenen Kind, beschaut wie unter einem Brennglas.

Koblers bildhafter Schreibstil ist außergewöhnlich und verlangt Konzentration beim Lesen. Man sollte die Sätze nicht geflissentlich überfliegen, denn die zuweilen metaphorische Sprache ist Wort für Wort ein wahrer Genuss.

Aufwühlend, zu Herzen gehend, beängstigend

Dieser Roman ist eine Bereicherung für die deutschsprachige Literaturlandschaft! Ja, er ist nicht immer so vergnüglich wie in der Passage mit dem Gummi-Flamingo, meist ist er aufwühlend, zu Herzen gehend, manchmal beängstigend. Er beschreibt eine drohende Klimakatastrophe, vor der wir nach wie vor in der zarten Hoffnung die Augen verschließen, sie möge an der Erde vorbeischrappen wie ein Meteor, der schon verglühen wird. Wie er immer verglüht.

Er beschreibt aber vor allem die sehr persönliche Geschichte einer schwangeren Frau und der Geburt ihres Erstgeborenen unter den äußeren Einflüssen, die – und das mag mal zwischendurch kaum glauben – auch etwas Ermutigendes hat. Diesem Spagat in einem Roman dermaßen kunstfertig gerecht zu werden, ist beeindruckend und zeugt von großem Talent.

Von Seraina Kobler, einst Redakteurin bei Schweizer Zeitungen wie der Neuen Zürcher Zeitung, werden wir in Zukunft mehr lesen.  Die Journalistin und Autorin, die sich mit einem eigenen Schreibatelier in der Zürcher Altstadt selbstständig gemacht hat, arbeitet bereits an einem neuen Roman. Eine Kriminal-Reihe rund um die Zürcher Seepolizistin Rosa Zambrano soll es werden. Zu einer Zeit, als der See noch nicht ausgetrocknet ist, die Klimakatastrophe aber bereits begonnen hat. Im Jetzt.

Seraina Kobler: Regenschatten, Kommode Verlag, Zürich, 2020, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 18 Euro, ISBN 978-3952501467, Video aus dem Schreibatelier von Seraina Kobler

Seitengang dankt dem Kommode-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Wie still es bleibt

Ferdinand von Schirach, Bernhard Schlink, Herbert Rosendorfer. Dichterjuristen gibt es einige, auch in Deutschland. Zu dem Kreis gesellt sich noch ein weiterer als Schriftsteller publizierender Jurist hinzu: Markus Thiele. Mit „Echo des Schweigens“ legt der 48-jährige Rechtsanwalt aus Göttingen einen anspruchsvollen und politisch wichtigen, aber leider nicht in allen Facetten überzeugenden Roman vor.

Hannes Jansen ist seit sechs Jahren Anwalt für Strafrecht in einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei. Völlig unerwartet bekommt der verschuldete Jurist von seinem Chef das verlockende Angebot, Partner der Kanzlei zu werden – für viele Juristen das Karriereziel schlechthin. Partner sind die erste Garde der Kanzlei, der Titel verspricht Status und – Geld. Bedingung für den Aufstieg ist lediglich ein gewonnener Prozess. Wenn da das Aber nicht wäre, denn der Prozess, denn es zu gewinnen gilt, ist der wieder aufgerollte Fall um den Senegalesen Abba Okeke, der in einer Polizeizelle tot aufgefunden wurde.

Angeklagt ist zum zweiten Mal der Polizeibeamte Maik Winkler, der zunächst in einem Indizienprozess freigesprochen worden war. Jetzt gibt es durch ein neues rechtsmedizinisches Gutachten neue Beweise, damit eine neue Anklage – und Jansen soll nun einen Freispruch für Winkler rausholen.

Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit

Die Vorgeschichte: Der in Deutschland geduldete Senegalese Abba Okeke kam Anfang Januar 2005 in Polizeigewahrsam, nachdem er alkoholisiert und unter Drogeneinfluss Frauen belästigt hatte. Weil er in seiner Zelle randalierte, wurde er an Händen und Füßen an seinem Bett fixiert. Über Nacht verbrannte er bis zur Unkenntlichkeit. Zwei Gutachten kommen unabhängig voneinander zum Ergebnis, dass Okeke sich mit einem Feuerzeug selbst entzündet habe. Der Polizei-Dienststellenleiter und zwei weitere Beamten, darunter Maik Winkler, werden freigesprochen. Dass nun entgegen des Verbots der Doppelbestrafung das Verfahren wieder aufgerollt wird, ist unter engen Voraussetzungen möglich. Der Fall Okeke erlebt damit eine neue Chance, die der Sierra-Leoner Oury Jalloh nicht bekam.

Dass der Roman von Markus Thiele an den mysteriösen und nie geklärten Tod von Oury Jalloh in einer Dessauer Polizeizelle angelehnt ist, ist augenfällig, wird aber im aufschlussreichen Nachwort noch einmal genauer vom Autor erklärt. Auch Jalloh war in seiner Zelle mit Händen und Füßen an die Pritsche fixiert, auch Jalloh verbrannte. Der Dienstgruppenleiter wurde später wegen fahrlässiger Tötung nur zu einer Geldstrafe verurteilt, ein Polizeibeamter, der in der Tatnacht Dienst hatte, war zuvor schon mangels hinreichender Verdachtsmomente freigesprochen worden. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Dessau sprach in seiner Urteilsbegründung von „Schlamperei“ und „Falschaussagen der Beamten“, die die Aufklärung verhindert hätten. Dennoch: Freispruch.

Alle Versuche der „Initiative in Gedenken an Oury Jalloh“ und der Hinterbliebenen, mit einem neuen Gutachten das Verfahren wieder aufrollen zu lassen, scheiterten, zum Teil regelrecht erschreckend. Beispiel: Die Staatsanwaltschaft Dessau eröffnete aufgrund des neuen Gutachtens ein neues Ermittlungsverfahren. Der zuständige Oberstaatsanwalt sprach von „sehr ernsten, überraschenden und zum Teil erschreckenden Informationen“. Doch die Generalstaatsanwaltschaft entzog ihm den Fall, verwies ihn an die Staatsanwaltschaft Halle (Saale) – und die stellte das Verfahren 2017 wieder ein.

Im Oktober 2019 verwarf schließlich noch das Oberlandesgericht Naumburg das Klageerzwingungsverfahren des Bruders von Oury Jalloh. Begründung: Nicht nur, dass vieles weiterhin für eine Selbstentzündung spreche, fehle es für eine Brandlegung durch Dritte an einem hinreichenden Tatverdacht gegen einen konkreten mutmaßlichen Täter. Außerdem sei das unterstellte Tatmotiv (Verdecken einer Misshandlung) nicht ausreichend schlüssig dargelegt.

Sonderermittler: Keine offenen Ansätze für Mord-Ermittlungen

Ende August 2020 dann die derzeit aktuellste und nächste niederschmetternde Nachricht für die Hinterbliebenen: die beiden Sonderermittler, die vom Landtag Sachsen-Anhalt mit der Prüfung des Falls beauftragt worden sind, kommen zu dem Schluss, dass das Handeln der Polizei  zwar fehlerhaft und „rechtswidrig“, die Einstellung des Verfahrens im Oktober 2017 jedoch „nachvollziehbar und angesichts der Beweislage sachlich und rechtlich richtig“ gewesen sei. Offene Ansätze, um wegen Mordes oder Mordversuchs zu ermitteln, gebe es nicht.

Im Roman von Markus Thiele ist beim fiktiven Fall Okeke jedoch alles wieder offen. Und Hannes Jansen will einen Freispruch für seinen Mandanten, er will gewinnen – er muss. Hannes Jansen stürzt sich also in die Arbeit, wälzt Aktenordner, liest, liest und liebt. Ja, das ist kein Verschreiber. Hannes Jansen ist zugleich schwer verliebt, und zwar in Sophie Tauber, die, das muss man schon so sagen, dummerweise Brandgutachterin ist und wesentliche Teile des neuen rechtsmedizinischen Gutachtens im Fall Okeke geschrieben hat. Das erfährt Hannes allerdings erst bei der ersten Hauptverhandung. In der Liebe vereint, in der Sache getrennt. Kann das gut gehen?

„Echo des Schweigens“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem ohnehin schon mächtigen Fall Okeke und der alles umtänzelnden und manchmal schwermütigen Liebesgeschichte von Sophie und Hannes. Der Autor hat noch zwei weitere Handlungsstränge in seinem Roman verwoben: Sophies Mutter ist verstorben und hinterlässt ihr neben einem Haus in den Schweizer Bergen einen vergilbten Briefumschlag, adressiert an die Mutter und mit einer Briefmarke aus Kanada frankiert. Der Brief darin: von Richard. Sophies Vater? Ihre Mutter hatte nie über ihren Vater gesprochen, nie seinen Namen erwähnt. „Das Einzige, was du wissen musst, ist, dass er uns sitzen gelassen hat“, sagte ihre Mutter immer nur. Sophie will sich damit nicht mehr begnügen und beginnt mit der Recherche. 

Zweite Zeitebene im Nationalsozialismus

In einer zweiten Zeitebene befinden wir uns schließlich noch in der Zeit zwischen November 1938 und Dezember 1948. In Braunschweig und Wolfenbüttel begleiten wir die Jüdin Lea Rosenbaum sowie die beiden Brüder Carl und Heinrich durch die letzten Jahre des Nationalsozialismus. Heinrich ist glühender Verehrer der nationalsozialistischen Bewegung und geht voll darin auf, Carl ist erschrocken, wohin alles steuert und versucht Lea und ihre Familie mit aller Macht zu beschützen. Macht haben beide Brüder, denn sie sind Hersteller eines namhaften Kräuterlikörs – die Ähnlichkeit zu Curt und Wilhelm Mast, den Gründern der Mast-Jägermeister SE, ist gewollt (Markus Thiele: „Die Geschichte um Carl und Heinrich beleuchtet einen Ausschnitt der bis heute ungeklärten Verflechtungen des Unternehmens [Jägermeister] mit dem Dritten Reich.“)

„Echo des Schweigens“ ist sprachlich und atmosphärisch gut erzählt. Am besten gelingt dem Autor jedoch der Zeitsprung in die Vergangenheit, vielleicht weil er hier nicht zu sehr von seinem eigenen Beruf erzählen muss. Gerade bei juristischen Details liegt die Schwierigkeit darin, den Leser weiterhin zu fesseln, gleichzeitig aber die teilweise rechtsphilosophischen Fragen in der notwendigen Tiefe zu beantworten. Thiele beschreibt in wesentlichen Zügen Hannes‘ moralischen Konflikt, seine Zweifel, ob sein Mandant ihn anlügt oder nicht. Zu wenig aber beleuchtet er die Fragen, was Recht ist im Gegensatz zu Gerechtigkeit und was ein Anwalt riskiert, wenn er Parteiverrat begeht. Wo hört die wohlwollende Auslegung eines Sachverhalts auf, und wo fängt die Lüge an? Und wie baut man Vertrauen auf? In der Liebe und zwischen Anwalt und Mandant? Wenn ich meinem Anwalt die Wahrheit sage, baut der dann seine Verteidigung in Richtung einer sicheren Verurteilung auf? Ist es dann nicht besser so zu tun, als wäre ich es nicht gewesen, damit der Anwalt, der glaubt, ich sei unschuldig, besonders hart für mich kämpft? Und was ist mit dem Gewissen des Anwalts im Gegensatz zum Recht eines jeden auf ein faires Verfahren und eine effektive Strafverteidigung? Der innere Konflikt bleibt zu oberflächlich, etwas mehr Tiefe hätte dem Buch an dieser Stelle sehr geholfen.

Markus Thiele ist jedoch ein feiner Beobachter mit allen Sinnen. Das merkt man besonders dort, wo er Personen, Szenen, Geräusche oder einen bestimmten Geschmack beschreibt. Zum Beispiel wie es im Café Paris in Hamburg zugeht. Wie Vanillekipferl mit einer Spur Marzipan schmecken können. Wie sich stumme Panik anfühlt. Das alles umfasst er nonchalant und mit einer nüchternen, unaufgeregten Sprache, die den Leser durch den Roman trägt.

Am Ende hat Markus Thiele wohl zu viel gewollt für ein 400 Seiten langes Buch. Der Mann muss einfach ab jetzt dicke Schinken schreiben! Denn darüberhinaus ist „Echo des Schweigens“, das weder Thriller noch Kriminalroman ist, ein hochaktuelles Buch, das nachhallt. Das wütend und traurig macht. Und das man nicht zuletzt wegen des juristischen Skandals um Oury Jalloh lesen sollte, damit sein Tod und die unfassbaren Wirren um dessen Aufklärung nicht in Vergessenheit geraten.

Markus Thiele: Echo des Schweigens, Benevento Verlag, Wals bei Salzburg, 2020, 408 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3710900914, Leseprobe, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Benevento-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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