Die Welt ist eine Google

Silicon JungleWenn der Chefentwickler bei Google einen Roman schreibt, der auch von den Geschäftsgebahren eines fiktiven Suchmaschinenkonzerns handelt, muss man hellhörig werden. Die Enthüllungen von Edward Snowden haben eine Ahnung davon gegeben, wie mit persönlichen Daten umgegangen wird. Seitdem ist Shumeet Balujas Roman „Silicon Jungle“ aktueller denn je. Die Handlung selbst ist lau erzählt, die Sache an sich jedoch geradezu beklemmend.

Der junge Informatiker Stephen Thorpe hat sein erstes Startup-Unternehmen schon vor die Wand gesetzt, da wird er unter Tausenden von Bewerbern für ein Praktikum bei Ubatoo ausgewählt. Ubatoo ist die bekannteste Suchmaschine der Welt. Daneben bietet das Unternehmen viele weitere Produkte an: E-Mail-Adresse, Kalender, Kreditkarte, Mobiltelefon. Server, die auf der ganzen Welt verteilt stehen, speichern die Daten und erzeugen so eine riesige Datenwolke. Und genau auf diese Datenwolke bekommen die Praktikanten nun Zugriff.

„In diesem gewaltigen Archiv waren mehr personenbezogene Informationen gespeichert, als je zuvor in der Geschichte der Menschheit gesammelt worden war. (…) Ubatoo war über alles informiert, über deine Kaufgewohnheiten, deine E-Mails, von denen dein Boss nichts wissen sollte, die Fotos, nach denen du hinter verschlossenen Türen gesucht hattest. Und warum wurden diese Informationen gesammelt? Aus dem einfachen Grund: damit Ubatoo dir optimierte Werbung schicken konnte.“

Terror-Liste der Regierung

Stephen will sich beweisen. Er wird in einem sogenannten Data-Mining-Team untergebracht und erstellt aus den Benutzerdaten Algorithmen, um Produktwünsche voraussagen zu können, bevor der Nutzer selbst davon weiß. Doch eine solche Datenwolke birgt auch die Gefahr, dass sie missbraucht wird. Für den Mitarbeiter einer Bürgerrechtsorganisation, offensichtlich auch Geschäftspartner von Ubatoo, ermittelt Stephen eine Liste von 5.000 Menschen, die angeblich auf eine Terror-Liste der Regierung geraten sind. Fast zu spät merkt Stephen, dass seine Datenliste ganz woanders landet.

Balujas Roman funktioniert weder als Krimi noch als Roman, wie der Suhrkamp Verlag ihn eingestuft hat. Richtig warm wird man mit den Charakteren ohnehin nicht, dafür sind sie zu blass gezeichnet. Es fehlt an Tiefe und nachvollziehbarer Emotionalität.

Wäre es ein Sachbuch, hätte es bei seinem Erscheinen im Jahr 2012 die Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen. Und wahrscheinlich hätte Shumeet Baluja unter Pseudonym schreiben müssen. So aber eröffnet er sein Buch mit den Worten: „Die Figuren, Unternehmen und Zahlen sind nicht real. Keine Sorge.“

Internetnutzer produzieren immense Datenmengen über sich

Das klingt beschwichtigend angesichts der Tatsache, dass Internetnutzer tagtäglich online unterwegs sind und immense Datenmengen über sich produzieren, die von Unternehmen wie Google und Facebook ausgewertet und wirtschaftlich genutzt werden. Wie groß diese Datenmengen sind, die auch geheimdienstlich gespeichert werden, ist erst bekannt, seitdem Snowden die Weltöffentlichkeit über das Überwachungsprogramm der USA informiert hat.

Balujas „Keine Sorge“-Empfehlung wirkt deshalb nur noch zynisch. Und es bleibt unklar, warum er sich in seinem ersten Roman ausgerechnet dem Thema Datenmissbrauch und Datenschutz widmet. Womöglich nur, weil er sich damit auskennt. Denn auch Google bietet fast allumfassende nützliche Dienste an, sammelt Daten noch und nöcher. Was damit tatsächlich geschieht, ist genauso ungewiss wie bei Ubatoo. Und niemand weiß das besser als Google-Chefentwickler Shumeet Baluja.

Shumeet Baluja: Silicon Jungle, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 375 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro, ISBN 978-3518463017

Hotlist 2013 – Gehen Sie wählen!

Hotlist 2013 Symbol30 Bücher stehen auf der Hotlist 2013, zehn sollen es werden – die besten zehn der unabhängigen Verlage im Jahr 2013. Sie als Leser können Ihren persönlichen Favoriten mit Ihrer Stimme nach vorne bringen. Also: Gehen Sie wählen! Diese Bücher haben es verdient!

Die Idee der Hotlist entstand im Jahr 2009. Nachdem die Liste für den Deutschen Buchpreis bekannt geworden war, taten sich 20 deutschsprachige Independent-Verlage zusammen und stellten ihrerseits eine Liste von 20 Büchern auf. In einem Interview mit der Online-Ausgabe des Börsenblatts erklärte die Verlegerin Anya Schutzbach, die Hotlist sei „kein Spiegelbild der Longlist, kein böser Angriff, sondern nur ein zusätzlicher Blick in die Vielfalt des Literaturlebens“. Mittlerweile ist die Hotlist als Independent-Literaturpreis anerkannt.

Auch in diesem Jahr sind wieder alle deutschsprachigen Verlage aufgefordert worden, ihr jeweils bestes Buch aus dem aktuellen Programm einzusenden. Aus 141 Büchern hat ein Kuratorium 30 Kandidaten ausgesucht, die nun zur Wahl stehen. Drei Plätze auf der Hotlist werden von den Lesern im Internet gewählt, die übrigen sieben Plätze bestimmt eine Jury, die schließlich auch den Hauptpreisträger kürt.

Und hier geht’s zum Wahllokal!

Die Nominierten:
Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde (Assoziation A)

Anne Dreesbach (Hrsg.): Typotopografie Leipzig (August Dreesbach Verlag)

Nellie Bly: Around the World in 72 Days (AvivA Verlag)

Christine Wunnicke: Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood (Berenberg Verlag)

Marco Grosse: Die Grenze liegt am Horizont (Bernstein Verlag)

Patrick Deville: Äquatoria (bilgerverlag)

Emil Hakl: Regeln des lächerlichen Benehmens (Braumüller)

Dimitri Verhulst: Monolog einer Frau, die in die Gewohnheit verfiel, mit sich selbst zu reden (Covadonga Verlag)

Thomas Jonigk: Melodram (Literaturverlag Droschl)

Michael Guggenheimer: Tel Aviv – Hafuch Gadol und Warten im Mersand (Edition Clandestin)

Abbas Khider: Brief in die Auberginenrepublik (Edition Nautilus)

einzlkind: Gretchen (Edition Tiamat)

David Schönherr: Der Widerschein (Frankfurter Verlagsanstalt)

Saskia Hennig von Lange: Alles, was draußen ist (Jung und Jung)

Björn Bicker: Was wir erben (Verlag Antje Kunstmann)

Nelly Dix: Die Geschichte vom weitgereisten kleinen Teufel Eitel (Libelle Verlag)

Amy Hempel: Die Ernte (Luxbooks)

Stevan Paul: Schlaraffenland (mairisch Verlag)

Philip Hoare: Leviathan oder Der Wal (mareverlag)

Petra Kabus, Bernd Echte (Hrsg.): Das Wort und die Freiheit. Jean Paul. (Nimbus)

Sylvia Schenk: Bodin lacht (Picus Verlag)

Chris Ware: Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt (Reprodukt)

Lars Reyer: Magische Maschinen (Schöffling & Co.)

Ryu Murakami: Das Casting (Septime Verlag)

Astrid Dehe, Achim Engstler: Auflaufend Wasser (Steidl Verlag)

Jamaica Kincaid: Damals, jetzt und überhaupt (Unionsverlag)

Barbara Kalender & Jörg Schröder: Kriemhilds Lache (Verbrecher Verlag)

Nora Gomringer: Monster Poems (Voland & Quist)

Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville (Verlag Klaus Wagenbach)

Wsewolod Petrow: Die Manon Lescaut von Turdej (Weidle Verlag)

Buchtipps für den Sommerurlaub 2013

DSC_0048Sieben Bundesländer sind schon in den Sommerferien – es wird also Zeit, die Buchtipps für den Sommerurlaub auszugeben. Empfohlen werden nur bereits rezensierte Bücher, die sich als Urlaubslektüre anbieten. Für die bessere Übersicht sind die Tipps in Kategorien unterteilt.

Romane & Erzählungen

Ein toter Lehrer1. Simon Lelic: Ein toter Lehrer: Ein Lehrer geht in eine Schulvollversammlung und erschießt drei Schüler sowie eine Kollegin. Danach richtet er sich selbst. Das Motiv ist rätselhaft. Was wie der Beginn eines Krimis klingt, ist ein zutiefst erschütterndes menschliches Drama. Man sollte es gelesen haben.

Samuel Szajkowski ist der neue Geschichtslehrer an einer renommierten Londoner Schule. Dort hat er es von Anfang an schwer. Der ignorante Schulleiter stellt ihn nur ein, weil er “der am wenigsten unterqualifizierte einer wahrlich nicht begeisternden Truppe” von Bewerbern war. Der machohafte Sportlehrer der Schule schikaniert Szajkowski, wo es nur geht. Auch die Schüler gehen mit ihm nicht gerade zimperlich um. Schon in der ersten Schulstunde schlägt Ober-Rowdy Donovan den neuen Geschichtslehrer in die Flucht – weinend.

Man kann sicherlich behaupten, dass Szajkowski der Lehrerrolle nicht unbedingt gewachsen ist und er wahrscheinlich den falschen Beruf ergriffen hat, aber was den Leser wirklich tief erschüttert, ist nicht nur Szajkowskis Hilflosigkeit, sondern vor allem das Versagen der Schule, das sich nach und nach entrollt. Zur Rezension.

Simon Lelic: Ein toter Lehrer, Droemer Verlag, München, 2011, 349 Seiten, gebunden, 16,99 Euro, ISBN 978-3426198698
Knaur Taschebuch Verlag, München, 2012, 352 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro, ISBN 978-3426505199

Skippy stirbt2. Paul Murray: Skippy stirbt: Selten ist die Titelfigur eines Romans so schnell gestorben wie in Paul Murrays Zweitlings-Werk. Bereits auf Seite zwölf lässt der irische Schriftsteller seinen Helden das Zeitliche segnen, die restlichen 768 Seiten beschäftigen sich mit den Hintergründen von Skippys Tod. Der ist übrigens kein Känguru, sondern Schüler an einem altehrwürdigen katholischen Jungeninternat. Richtig heißt er Daniel Juster, wird von seinen Freunden wegen seiner vorstehenden Zähne aber nur „Skippy“ gerufen.

Skippy wohnt mit seinem besten Freund Ruprecht van Doren im Turmzimmer des Seabrook Colleges. Während Skippy sich für das Computerspiel „Hopeland“ begeistert, ist Ruprecht auf der Suche nach außerirdischer Intelligenz und stellt komplexe mathematische Gleichungen auf. Als sich Skippy jedoch in die wunderschöne, Frisbee-spielende Lori Wakeham vom Mädcheninternat gegenüber verliebt, gerät alles aus den Fugen. Zur Rezension.

Paul Murray: Skippy stirbt, Antje Kunstmann Verlag, München, 2010, 780 Seiten, broschiert im Schuber, 26 Euro, ISBN 978-3888977008
Goldmann Verlag, München, 2012, 784 Seiten, Taschenbuch, 12,99 Euro, ISBN 978-3442476954

Krimi, Thriller und all das

(c) Luchterhand Literaturverlag1. Austin Wright: Tony & Susan: Es ist ein Roman im Roman. Rund zwanzig Jahre lang hat Susan Morrow nichts von ihrem Exmann Edward gehört, da bekommt sie mit einem Mal einen Brief von ihm. Er bittet sie, sein Roman-Manuskript zu lesen. Die Neugier siegt: Sie liest es. Der Roman im Roman ist ein dramatischer und fesselnder Thriller: Edwards “Nachttiere” erzählt von dem Mathematikprofessor Tony Hastings, der mit seiner Frau und seiner Tochter auf dem Weg in den Urlaub ist.

In einer Szene, wie sie aus einer alten Stephen-King-Verfilmung stammen könnte, gerät er nachts auf einer einsamen Straße mit einem merkwürdigen Trio aneinander. Die drei in ihrem Buick drängen ihn von der Straße ab, entführen seine Frau und seine Tochter, vergewaltigen und ermorden sie. Was nach üblichem Thriller-Schema klingt, wird vielmehr zum verstörenden Psychogramm eines Mannes, dem die Realität mit all ihren Strukturen abhanden kommt, der sich verirrt. Zur Rezension.

Austin Wright: Tony & Susan, Luchterhand Literaturverlag, München, 2012, 414 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3630873664

Die Namen der Toten2. Glenn Cooper: Die Namen der Toten: Alles deutet auf den perfiden Plan eines Serienkillers: Obwohl die Opfer sonst nichts miteinander gemein haben, erhalten sie alle einen Tag vor ihrem Tod eine schlichte, weiße Postkarte mit ihrer Adresse in schwarzer Maschinenschrift. Auf der Rückseite steht das Datum des nächsten Tages; daneben ist mit schwarzer Tinte ein Sarg gemalt.

In Las Vegas treibt sich derweil ein Mann namens Mark Shackleton herum, der in einer Identitätskrise steckt. Sein Alter Ego träumt davon, Drehbücher in Hollywood unterzubringen, und auch Mark Shackleton will endlich etwas Herausragendes bewirken.

Und dann sind da noch die anfangs verwirrenden Rückblicke in die Vergangenheit, die seltsam anmuten, aber für die Lösung des Falls unabdingbar sind. Hochspannend! Zur Rezension.

Glenn Cooper: Die Namen der Toten, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2009, 508 Seiten, Taschenbuch, 9,95 Euro, ISBN 978-3499249280

Rache verjährt nicht3. Reginald Hill: Rache verjährt nicht: Wilfred “Wolf” Hadda, ein einfacher Holzfäller, hat sich in die adelige Imogen verliebt, ihr Herz erobert und sie schließlich geheiratet. Mittlerweile ist er ein erfolgreicher Hedgefondsmanager mit einem millionenschweren Vermögen, einem Privatjet und mehreren Wohnsitzen, und er hat diese bezaubernde Frau an seiner Seite. Doch eines Morgens findet das alles ein jähes Ende.

Wolf wird verhaftet. Erst auf dem Polizeirevier erfährt er, dass er Kinderpornografie gehortet und verkauft haben soll. Als er nach sieben Jahren aus der Haft entlassen wird, zieht er zurück in die Wälder von Cumbria in Nordengland, wo alles seinen Anfang nahm, und macht sich daran, die Hintergründe seines Falls zu erforschen. Lesen, lesen, lesen! Zur Rezension.

Reginald Hill: Rache verjährt nicht, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 686 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3518463901

Ganz klassisch

Das Phantom des Alexander Wolf1. Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf: Ein junger Mann von 16 Jahren erschießt im russischen Bürgerkrieg einen Reiter. Noch Jahre später bedrückt ihn die Erinnerung daran. Doch eines Tages fällt ihm ein Buch in die Hände, in dem genau diese Szene beschrieben steht – aus der Sicht des vermeintlich Getöteten. Hat er überlebt? Der inzwischen erwachsen gewordene Erzähler macht sich auf die Suche nach einem Schriftsteller namens Alexander Wolf, der offenbar ihr gemeinsames Erlebnis aufgeschrieben hat.

Doch erst als er Heiligabend in einem russischen Restaurant einen Mann namens Wladimir Petrowitsch Wosnessenski kennenlernt, kommt er dem Phantom auf die Spur. Denn durch einen wahrhaft erstaunlichen Zufall kennt ausgerechnet Wosnessenski den geheimnisvollen Alexander Wolf. “Das Phantom des Alexander Wolf” ist eine Entdeckung für deutsche Leser. Zur Rezension.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser Verlag, München, 2012, 191 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3446238534

Zärtlich ist die Nacht2. Francis Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht: Dick und Nicole Diver sind auf den ersten Blick ein harmonisches Pärchen, das in den Roaring Twenties an der französischen Riviera ein mondänes, ausschweifendes Leben führt. In ihrer Villa gehen Künstler ein und aus, am Strand treffen sich die Reichen, die Schauspieler und Lebenskünstler, schlürfen Gin zur Mittagsstunde, gehen dann und wann im Mittelmeer schwimmen und sind stets bestrebt, den Tag und die Nacht bestmöglich zu genießen.

So trifft eines Tages auch die attraktive 18-jährige Schauspielerin Rosemary am Strand ein. Unbedarft und naiv verliebt sie sich sogleich in Dick Diver und will ihn unbedingt verführen. Sie hätte womöglich von ihrem Plan Abstand genommen, hätte sie gewusst, welches Geheimnis Dick und seine Frau Nicole verbergen. Und wie das alles enden würde.

Im Diogenes Verlag ist jetzt erstmals die ursprüngliche Fassung von 1934 erschienen, übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Es ist ein Genuss. Zur Rezension.

Francis Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht, Diogenes Verlag, Zürich, 2006, 553 Seiten, gebunden, 24,90 Euro, ISBN 978-3257065213
Diogenes Verlag, Zürich, 2007, 552 Seiten, Taschenbuch, 11,90 Euro, ISBN 978-3257236958

Draculas Erben

Die Radleys1. Matt Haig: Die Radleys: Die Radleys sind alles andere als eine normale Familie – sie sind Vampire. Siebzehn Jahre lang haben die Eltern Helen und Peter ihr Geheimnis für sich behalten können. Doch nachdem ihre Tochter Clara auf einer Party einen zudringlichen Mitschüler in Notwehr zu Tode beißt, müssen sie ihr und ihrem Bruder Rowan die erschütternde Wahrheit offenbaren: Sie sind abstinente Vampire, die sich bisher dem Blutdurst verweigert und der Gesellschaft angepasst haben.

Es ist wohl vor allem dem tiefschwarzen Humor des britischen Autors zu verdanken, dass dieser Roman nicht als einer der “Twilight”-Nachahmer gehandelt werden muss. Wer allerdings spannungsgeladene, bluttriefende Seiten erwartet, wird enttäuscht werden. “Die Radleys” ist kein Reißer mit Reißzähnen, sondern ein vergnüglicher Trip mit skurrilen Einfällen. Zur Rezension.

Matt Haig: Die Radleys, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2010, 429 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3462042337;
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 2012, 432 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro, ISBN 978-3499255274

Graphic Novel

Coney Island Baby1. Nine Antico: Coney Island Baby: Bettie Page und Linda Lovelace sind zwei der berühmtesten amerikanischen Sex-Ikonen. Die französische Zeichnerin Nine Antico erzählt in ihrer großartigen Doppelbiografie von der Karriere dieser beiden Frauen, aber auch vom Wesen und Unwesen der Pornoindustrie. Mit Respekt, aber auch mit dem nötigen Abstand.

Die nüchternen schwarz-weißen Zeichnungen zeigen die Wege der beiden Frauen in ihrem gesellschaftlichen und historischen Kontext. Und obwohl das Buch erst ab 18 empfohlen wird und einige sexuelle Passagen zu sehen sind, wird es nie schlüpfrig oder unangenehm. Das Buch erregt viel weniger, als dass es erschüttert. Zur Rezension.

Nine Antico: Coney Island Baby, Verlag bbb Edition Moderne, Zürich, 2011, 232 Seiten, broschiert, 26 Euro, ISBN 978-3037310731

Für Kind und Kegel

Wildwood1. Colin Meloy/Carson Ellis: Wildwood: Als die zwölfjährige Prue nur einen Moment nicht aufpasst, geschieht das Unfassbare: Ein Schwarm Krähen greift sich ihren kleinen Bruder Mac und fliegt mit ihm in die “Undurchdringliche Wildnis” jenseits der Stadt. Die mutige Prue zögert nicht lang und macht sich auf, ihren Bruder zu retten. So beginnt eines der derzeit schönsten Kinder- und Jugendbücher: “Wildwood”, geschrieben von Colin Meloy und zauberhaft illustriert von dessen Frau Carson Ellis.

Mit ihrem Klassenkameraden Curtis macht sich Prue auf, ihren kleinen Bruder aus den Fängen der Krähen zu retten. Auf ihrer Reise erleben sie noch viel eigentümlichere Dinge. Phantasievoll und mit Witz erzählen Meloy und Ellis ein skurriles Märchen über gefiederte Freunde, eine böse Hexe, Kojoten und Räuber. Es geht um Macht, Magie und Politik. Zur Rezension.

Colin Meloy/Carson Ellis: Wildwood, Heyne Verlag, München, 2012, 591 Seiten, gebunden, mit sieben Farbtafeln und 30 Schwarz-weiß-Illustrationen, 19,99 Euro, ISBN 978-3453267145

(c) Aufbau Verlag: Die Nacht von Shyness2. Leanne Hall: Die Nacht von Shyness: Als Nia in der Diskothek des “Diabetic Hotels” einen jungen Typen mit John-Travolta-Frisur kennenlernt, der nur unter dem Namen Wolfboy bekannt ist, beginnt die wohl schrägste Nacht ihres Lebens. Denn Wolfboy kommt aus dem Stadtviertel Shyness, wo die Sonne niemals aufgeht. Dort herrscht stets völlige Dunkelheit, und in den Straßen sind allerlei zwielichtige Gestalten unterwegs. “Die Nacht von Shyness” – nicht nur für Jugendliche ein ganz und gar ungewöhnliches Buch, das unbedingt nachts gelesen werden sollte. “Shyness” ist kein Fantasy-Buch, und doch strotzt es vor Phantasie.

Der Autorin ist eine besondere Art der Dystopie gelungen: Ein Stadtviertel, in dem seit fast drei Jahren die Sonne nicht mehr scheint, während in anderen Vierteln alles seinen gewöhnlichen Gang geht, zuckersüchtigte Kinderbanden, die von kleinen Affenhorden begleitet werden, sowie ein Psychiater, der offenbar einen rätselhaften Plan verfolgt – und niemand weiß den Grund für die plötzliche Dunkelheit. Zur Rezension.

Leanne Hall: Die Nacht von Shyness, Aufbau Verlag, Berlin, 2012, 280 Seiten, gebunden, 16,99 Euro, ISBN 978-3351041540

Sachgeschichten

Pulphead1. John Jeremiah Sullivan: Pulphead: John Jeremiah Sullivans Reportagen aus der Neuen Welt übertreten in außergewöhnlicher Weise die Grenze zwischen Literatur und journalistischer Berichterstattung. Sie sind scharfsinnig, nahegehend, manche mit feinem Witz, ohne zu spotten, insgesamt ganz und gar erstaunlich.

Seine Herangehensweise ist stets direkt und ehrlich, seine Themen sind vielfältig: Das Reality-Fernsehen, ein Besuch im vom Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans, Robert Johnson und die Wurzeln der Country-Blues-Musik, Disney-Land sowie eine Audienz bei Bunny Wailer, dem letzten noch lebenden Mitglied von Bob Marleys erster Band. Sullivan ist nicht nur Wissensvermittler und sturer Protokollant, seine Texte sind an keiner Stelle überheblich, sondern strotzen vor Lust am Erleben. Er ist ein Reportage-Hedonist. Zur Rezension.

John Jeremiah Sullivan: Pulphead, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 416 Seiten, Taschenbuch, 20 Euro, ISBN 978-3518068908

Seitengang wünscht viel Spaß beim Lesen und einen schönen Urlaub!

In des Waldes finstern Gründen

WildwoodAls die zwölfjährige Prue nur einen Moment nicht aufpasst, geschieht das Unfassbare: Ein Schwarm Krähen greift sich ihren kleinen Bruder Mac und fliegt mit ihm in die „Undurchdringliche Wildnis“ jenseits der Stadt. Die mutige Prue zögert nicht lang und macht sich auf, ihren Bruder zu retten. So beginnt eines der derzeit schönsten Kinder- und Jugendbücher: „Wildwood“, geschrieben von Colin Meloy und zauberhaft illustriert von dessen Frau Carson Ellis.

Prue lebt mit ihrem einjährigen Bruder Mac und ihren Eltern in Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon. Im Südosten grenzt die Stadt an die „Undurchdringliche Wildnis“, jene finsteren Wälder, die kaum ein Mensch je betreten hat und wovor die Eltern stets warnen. Nur wilde Tiere leben dort, und die gehen wenig zimperlich mit Menschen um, die ihre Grenzen übertreten, heißt es. Doch jetzt sind die Tiere in die Stadt eingedrungen und haben ein Baby entführt, Prues Bruder!

Mit ihrem Klassenkameraden Curtis macht sich Prue auf, ihren kleinen Bruder aus den Fängen der Krähen zu retten. Der Übergang in die „Undurchdringliche Wildnis“ ist wesentlich einfacher als gedacht, denn ganz so undurchdringlich ist sie gar nicht. Doch als sie auf die erste Lichtung stoßen, wird ihnen schnell klar, dass hier einiges anders ist als drüben in der Stadt. Dort auf der Lichtung nämlich hat sich ein Dutzend Kojoten um die Überreste eines Lagerfeuers versammelt – und sie sprechen miteinander und tragen alle die gleichen roten Uniformen!

Eine ganz schön fiese Pflanze

Eine seltsame Welt haben die beiden da betreten. Und auf ihrer Reise erleben sie noch viel eigentümlichere Dinge. Phantasievoll und mit Witz erzählen Meloy und Ellis ein skurriles Märchen über gefiederte Freunde, eine böse Hexe, Kojoten und Räuber. Es geht um Macht, Magie und Politik. Und ganz nebenbei erfährt der Leser, dass Efeu im Grunde eine ganz schön fiese Pflanze sein kann.

Bemerkenswert sind auch die Illustrationen und Farbtafeln von Carson Ellis, die durch die Gestaltung der Alben von „The Decemberists“, der Band ihres Mannes, bekannt wurde. Ihr Stil ist großartig und zeigt ihr deutliches Gespür für Minimalistik. Eindrücke der Illustrationen sind im Buchtrailer des Verlags zu sehen.

Wahrlich eines der schönsten Kinder- und Jugendbücher der heutigen Zeit! Wer schon erwachsen ist, liest es, vielleicht im Lehnstuhl sitzend, Kindern vor. Sobald die im Bett sind, liest man heimlich weiter – garantiert.

Wiedersehen mit der mutigen Portland-Prue

Die Fortsetzung zu „Wildwood“ ist in Amerika schon erschienen, in Deutschland ist noch kein Veröffentlichungsdatum bekannt. Sicher aber ist: Die Abenteuer gehen weiter, und es gibt ein Wiedersehen mit der kleinen, mutigen Portland-Prue. Unbedingt lesen!

Colin Meloy/Carson Ellis: Wildwood, Heyne Verlag, München, 2012, 591 Seiten, gebunden, mit sieben Farbtafeln und 30 Schwarz-weiß-Illustrationen, 19,99 Euro, ISBN 978-3453267145

Hölle, Hölle, Hölle

InfernoIn einem unsäglichen Lied heißt es: „Das ist Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ Dasselbe könnte man Dan Brown fragen, dessen neues Werk „Inferno“ jetzt erschienen ist. Denn Freunde der Literatur leiden Höllenqualen angesichts Browns Idee, mit Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ ein Verbrechen zu rechtfertigen, das den Helden Robert Langdon in sein nächstes Abenteuer schicken soll. Alle anderen aber lesen einen Dan Brown, wie sie ihn erwarten.

Sein neues Werk folgt wieder dem „Robert rennt“-Prinzip: Robert Langdon, der bereits aus den Büchern „Illuminati“, „Sakrileg“ und „Das verlorene Symbol“ bekannte Symbolforscher aus Harvard, wacht in einem Krankenzimmer in Florenz auf. Er kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie er dorthin gekommen ist. Allerdings hat er auch nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn schon nach wenigen Minuten muss er vor einer auf ihn angesetzten Killerin flüchten. Bald kommt er einem Mann auf die Spur, der Dante Alighieris berühmtestes Werk der Weltliteratur, die „Göttliche Komödie“, als Grundlage dafür nutzt, einen zerstörerischen Plan zu verschlüsseln und gleichzeitig zu begründen.

Der Mann, der sich zunächst nur „Der Schatten“ nennt und sich später als der Biochemiker Bertrand Zobrist entpuppt, beschwört das „Inferno“ herauf und will damit die Überbevölkerung der Welt stoppen. Seine Idee: Die Bevölkerung auf vier Milliarden Menschen zu reduzieren. Dazu deponiert er an einem unbekannten unterirdischen Ort eine mysteriöse Substanz, die das Problem schon bald lösen soll. Die Story ist dünn, ohnehin ist der Dan-Brown-Hype vorbei, die Geschichten ähneln sich. Unbestreitbar aber beherrscht Dan Brown es, Städte so detailreich zu beschreiben, dass man sich gleich in den Flieger setzen möchte. Seine Szenen machen reisehungrig.

Es hakt

An einigen Stellen hakt der Roman. Auf Seite 107 etwa ist Robert Langdon weiterhin auf der Flucht und versteckt sich kurze Zeit hinter einem parkenden Lieferwagen. „Der Van jagte vorbei, ohne seine Fahrt zu verlangsamen.“ Und trotzdem kann Langdon einen „flüchtigen Blick auf eine Person im Fond“ werfen. In diesem Bruchteil einer Sekunde erkennt Langdon in der Person nicht nur eine „ältere, attraktive Frau“, sondern auch noch, dass sie zwischen zwei Soldaten sitzt, ihre Augen halb (!) geschlossen hat und ein Amulett um den Hals trägt. Von einer solch schnellen Auffassungsgabe träumen wohl auch so manche Superhelden, denn wirklich realitätsnah ist das nicht.

Über die Arbeit der Übersetzer ist im Vorfeld des Erscheinens werbewirksam berichtet worden: In einem fensterlosen Raum wurde der Stoff innerhalb von zwei Monaten in allerlei Sprachen übersetzt. Vielleicht ist es der Pflicht der Schnelligkeit zuzurechnen, dass sich bei einer Dan-Brown-Übersetzung dann Fehler einschleichen. So entschlüsselt Robert Langdon – so viel darf verraten werden – auf Seite 159 ein Wort, das aus zehn Buchstaben besteht. Die Buchstaben des ursprünglichen Wortes stehen untereinander, ebenso die Buchstaben des neuen, entschlüsselten Wortes. Urplötzlich aber hat sich ein Buchstabe mehr eingeschlichen. Ein Flüchtigkeitsfehler wie dieser muss an einer solchen Stelle bei einer Endkontrolle auffallen. Jetzt fällt er dem aufmerksamen Leser auf und sorgt für Unverständnis.

Ebenfalls ein Beispiel für eine unsaubere Übersetzung ist der folgende Satz: „Langdon grinste innerlich.“ (S. 160) Das erinnert an einen Satz, den der deutsche Komiker Heinz Erhardt geprägt hat: „Äußerlich bin ich völlig ruhig, nur innerlich schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen.“

Lieferant der Motivation

Was hat das nun alles mit Dante Alighieri zu tun? Am Ende nicht viel: Anfangs musste die „Göttliche Komödie“ als Grundlage herhalten, dann zur Erklärung der Motivation das Zitat „Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene,/die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen“ liefern, um dann immer mehr in den Hintergrund zu treten.

Ob jetzt zumindest ein Teil der Brown-Leser auch zu Dante greifen werden – es ist ihm zu wünschen! Ohnehin ist es die bessere Wahl zwischen den beiden Büchern. Immerhin endet Dan Browns „Inferno“ mit dem Wort, mit dem auch Dante Alighieri alle drei Teile seiner „Divina Commedia“ beendet hat: Sterne.

Dan Brown: Inferno, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2013, 685 Seiten, gebunden, 26 Euro, ISBN 978-3785724804