Die geblieben sind

Die Arbeiterliteratur ist endlich zurück in der deutschen Wohlstandsgesellschaft. Was Max von der Grün für die Kumpel war und Bruno Gluchowski für die Stahlarbeiter, das ist Domenico Müllensiefen für die Bestatter. Sein Roman „Aus unseren Feuern“ ist ein weiterer Glücksgriff des Kanon-Verlags, der so wunderbare Bücher wie „Meter pro Sekunde“ von Stine Pilgaard oder „Steine schmeißen“ von Sophia Fritz herausgebracht hat. Der in Magdeburg aufgewachsene und heute in Leipzig wohnende Domenico Müllensiefen beschreibt in seinem glänzenden Debütroman die Nachwendezeit in der ostdeutschen Großstadt Leipzig. „Aus unseren Feuern“ ist überzeugende Arbeiterliteratur und Milieustudie zugleich, schonungslos und rasant geschrieben.

Heiko Persberg ist Bestatter und wird im Sommer 2014 zu einem Unfall gerufen, den er nicht vergessen wird. Es ist Freitagabend, das Viertelfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen Frankreich und Deutschland läuft. Als er das Kennzeichen des völlig zerstörten Unfallwagens sieht, wird ihm flau im Magen, und als er die Aluminiumplane von der Leiche zieht, hat er vollkommene Gewissheit: vor ihm liegt sein alter Freund Thomas. Mit ihm hatte er einst seine besten Jahre, wird er später sagen.

Heiko, Thomas und Karsten waren in den Nullerjahren eine Gang. Karsten ist heute in den USA, Thomas ist jetzt tot. Aber früher, da waren sie ganz dicke miteinander. Eine Szene ganz zu Anfang des Buches offenbart nicht nur die Qualität ihrer Freundschaft, sondern zeigt auch das Dilemma zwischen Ost und West, zwischen denen, die geblieben sind, und denen, die aus dem Westen rübergekommen sind. In den Sommerferien 1999 kommen die drei auf die wenig glorreiche Idee, ihre Schulbücher zu verbrennen. Niemand werde die im neuen Schuljahr zurückfordern, meint Heiko. Sie grillen Würstchen über dem lodernden Feuer des Wissens – und müssen zu Beginn des nächsten Schuljahrs mit ihren Eltern zum Schuldirektor.

„Und wo kommen wir her?“

Ihr Vergehen fällt dort jedoch schnell unter den Tisch, denn der neue Schuldirektor ist aus dem Westen. Der letzte musste seinen Posten aufgeben, weil er früher bei der Stasi war. Jetzt sitzt da also dieser Dr. Rademacher, und eine unbedachte Äußerung zündet von 0 auf 100 die nächste Eskalationsstufe. Auf die Frage, woher er komme, antwortet Dr. Rademacher: „Aus dem Siegerland.“ Thomas‘ Vater, ein Schlachter, explodiert förmlich. „Und wo kommen wir her? Aus dem Verliererland?“ Dr. Rademacher ist schwer um ein friedliches Gespräch bemüht, sagt, Deutschland sei jetzt wiedervereinigt. Für Schlachter Meier aber ist das ein Reizwort, nix sei wiedervereinigt, allenfalls annektiert. „Ihr kommt hier rüber, macht es euch in unseren Betrieben bequem, verkauft uns Schrott, fickt unsere Weiber, und dann faselst du was von wiedervereinigt? (…) Ihr Wessis habt uns nie verstanden.“ Es braucht nur diese wenigen Seiten, um zu zeigen, wie abwesend der Toleranzbereich zwischen Ost und West war. Und mitunter noch oder wieder ist.

Heiko macht nach der Schule eine Ausbildung zum Elektriker und erlebt den 11. September 2001 in einer Plattenbausiedlung. Seine Kollegen Maik und Mike (ja, wirklich!) schauen an diesem Tag auf einem im Müll entdeckten Fernseher lieber Pornovideos als „diese schwachsinnige Amerika-Scheiße“, während Heiko Kupferkabel abschneidet und -isoliert. Die Beute bringt am Abend eine hübsche Summe bei einem Schrotthändler, der keine Fragen stellt. Heiko sieht dort die Bilder aus Amerika im Fernsehen, erhascht aber nur einen kleinen Einblick, dann übernimmt wieder die Realität vor Ort. Dieser Tag ist für Heiko nicht der Tag der Terroranschläge, sondern der Tag des Reichtums. „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich richtig viel Geld, und ich hatte keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte.“

Heiko will ein Moped, später ist eine Karre der ganz große Traum des Freunde-Trios. Sie hängen ab, trinken Bier, rauchen und palavern. Heiko hat bald die erste Freundin, Jana. Aus der Coming-of-Age-Geschichte erwächst eine Arbeiter-Geschichte. Der Autor Domenico Müllensiefen weiß, wovon er schreibt. Er selbst machte in Magdeburg eine Ausbildung zum Systemelektroniker, fand danach eine Anstellung als Techniker in Leipzig und ging später zum Studium ans Leipziger Literaturinstitut. Nebenher arbeitete er als Bestatter. Seine persönlichen Erfahrungen schlagen sich voll in seinem Debütroman nieder, mit ganzer Wucht, in aller Schönheit und Hässlichkeit.

Ratlosigkeit, Trotz und Lethargie

Müllensiefen zeigt die Abgehängten der Wiedervereinigung, die einfachen Leute aus Stadt und Land, den Verlust ihrer bis dato wahrgenommenen Prägung als Mensch und Staatsangehörige, ihre Ratlosigkeit, ihren Trotz und auch die Lethargie, ganz besonders die der Jugend, die nun mit ihrer neu gewonnen Freiheit nichts anzufangen weiß. Ihm gelingt das, weil er sich nicht darüber erhebt, sondern seine Figuren bis in die Nebenrollen mit einer wunderbaren Zärtlichkeit beschreibt. So etwa Mandy, Heikos heimliche Jugendliebe, die nach der Schule nach Regensburg ging. Eine, die rauskam, hieß es damals. Doch nach wenigen Wochen packte sie ihre Sachen und kam zurück nach Leipzig. Die Bayern hatten sich über ihren Dialekt lustig gemacht und ihr erklärt, „dass man ihr das Arbeiten schon beibringen würde“. Mandy kehrte also zurück. Ihr Autor schreibt auf seiner Webseite: „Ich lebe in Leipzig. Den Osten zu verlassen, kam für mich nie in Frage.“

Sprachlich ist der Roman zu fast jeder Zeit auf dem Punkt, der Jargon treffend, und die Dialoge sind der Knaller. Müllensiefens scharfe Beobachtungsgabe ist eine Wohltat für die deutsche Gegenwartsliteratur. Man kann nur hoffen, dass auch ein Nachfolgeroman aus diesem Schatz schöpfen kann. Müllensiefen gibt darauf die beste Antwort: „Vielleicht ist das sogar das Geheimnis: Man schreibt die Literatur, die man am liebsten selbst lesen möchte, wenn ich so an die Sache herangehe, dann kann das nächste Ding nur ein Kracher werden!“

Domenico Müllensiefen: Aus unseren Feuern, Kanon-Verlag, Berlin, 2022, 336 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24 Euro, ISBN 978-3985680153

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Von der Lesung zum Politgespräch: Gorbatschow und Genscher in der Peterskirche in Leipzig

Schlange stehen für Gorbatschow
Schlange stehen für Gorbatschow
Es war die bewegendste Veranstaltung der Leipziger Buchmesse 2013: In der mit mehr als 1.500 Menschen besetzten Peterskirche traf Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher am zweiten Messetag auf Michail Gorbatschow, den früheren Präsidenten der Sowjetunion. Gorbatschow war zur Buchmesse gereist, um dort seine Memoiren „Alles zu seiner Zeit. Mein Leben“ vorzustellen. Am Vormittag hatte er zwei Termine auf der Buchmesse wegen Erschöpfung kurzfristig absagen müssen. Umso mehr herrschte am Nachmittag großes Interesse in der Stadt, in der 1989 durch die Montagsdemonstrationen die Friedliche Wende begann.

Bereits zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung standen die Menschen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt vor der Kirche Schlange. Der Andrang war größer, als die Pfarrkirche Platz bot, so dass viele Besucher draußen bleiben mussten. Moderiert wurde das Gespräch zwischen Genscher und Gorbatschow von Theo Sommer, dem ehemaligen Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, der zu Beginn die Worte sprach, die während der nächsten Stunde gelten sollten: „Das ist ein sehr bewegender Moment, vor allem hier in Leipzig.“ Als Gorbatschow schließlich das Podest betrat, hielt es die Menschen nicht mehr auf ihren Stühlen. Anhaltend klatschten sie Beifall, applaudierten einem sichtlich geschwächten Mann.

Einen beträchtlichen Teil seiner Memoiren nehmen die Erinnerungen an seine geliebte Frau Raissa ein, die 1999 in Deutschland ihrem Krebsleiden erlag. „Sie war eine Frau, die ich über alles liebte, und ich hoffe, dass sie das auch empfand“, antwortete Gorbatschow, als Sommer zu Beginn nach Raissas Bedeutung fragte. „Jeden Tag denke ich daran, dass sie nicht mehr da ist.“ Dann fügte er hinzu: „Raissa hat die Belastungen und Prüfungen, die uns zuteil wurden, einfach nicht ausgehalten – sie ist daran zerbrochen.“ Gemeint sind die Anfeindungen, denen er sich nach seinem Rücktritt als Präsident gegenübersah, weil viele Menschen in Russland der Meinung waren, er habe zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen. In seiner Autobiographie geht der ehemalige Kreml-Chef deshalb der Frage nach, ob er den Tod seiner Frau hätte verhindern können.

Der Schlüssel liegt in Moskau

Die deutsche Wiedervereinigung war das beherrschende Thema in der Peterskirche. „Wir können jetzt sagen: Alles ist gut gelaufen“, erklärte Gorbatschow, „aber vorher haben wir uns Sorgen gemacht, wie man das alles löst. Wir mussten die Sowjetunion verändern und den Bürgern zeigen, was Offenheit („Glasnost“) bedeutet – wie viel mussten wir uns streiten! Alles war in Aufruhr, Veränderungen waren überall im Gange, wie sollte Deutschland da abseits bleiben?“ Natürlich habe Deutschland die deutsche Frage klären wollen, und irgendjemand habe gesagt, der Schlüssel dazu liege in Moskau, erinnerte sich Gorbatschow.

Hans-Dietrich Genscher war deutscher Außenminister, als er Gorbatschow zum ersten Mal traf. In Leipzig erzählte Genscher, dass der französische Staatspräsident François Mitterrand ihm vorher erklärt habe, Gorbatschow sei völlig anders als alle, die er bisher kannte. „Der liest ihnen nicht wie Breschnew alles vor“, habe Mitterand gesagt. Daraufhin habe sich Genscher ganz besonders auf das erste Treffen vorbereitet. „Danach habe ich zu meinem Mitarbeiter gesagt: Wenn der das alles schafft, was er vorhat, verändert er die Welt. Heute kann ich sagen: Er ist ein großer Staatsmann unserer Zeit, und als diesen schätze ich ihn.“

Gorbatschow erwiderte: „Ich halte ihm sehr zugute, dass er mir vertraut und sich für mich stark gemacht hat.“ Als erster westlicher Staatsmann hatte Genscher gesagt, man solle Gorbatschow ernst nehmen. Gorbatschow: „Die ganze Entwicklung war mühevoll, und es war unsere gemeinsame Leistung, was wir geschafft haben.“ Das Publikum antwortete mit Applaus.

„Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben“

Der Friedensnobelpreisträger, der das Ende des Kalten Krieges einleitete, wird immer wieder gerne mit dem Spruch zitiert „Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben“. Moderator Theo Sommer versuchte, in der Peterskirche nun endlich Licht in das Dunkle zu bringen, was mit diesem Zitat denn gemeint sei. Gorbatschow erklärte, er habe bei den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR mit Erich Honecker über das Programm „Perestroika“ („Umgestaltung“) gesprochen und ihm dazu gesagt, wer hinter den Herausforderungen der Zeit hinterherlaufe, der werde bestraft.

Der Mauerfall aber, sagte Gorbatschow deutlich, sei erst durch das deutsche Volk möglich gewesen, gerade in Leipzig: „Eben hier in dieser Stadt fielen die Worte „Wir sind ein Volk“, und diese Worte wurden überall vernommen.“ 300.000 Soldaten seien zu dem Zeitpunkt auf deutschem Boden gewesen, aber sie hätten ihre Kasernen nicht verlassen – „es fiel kein Schuss“. Erneut lang anhaltender Applaus. Doch Theo Sommer ließ nicht locker und fragte nach, ob es im Kreml nicht doch auch Stimmen gegeben habe, die Panzer rollen zu lassen. Darauf reagierte Gorbatschow aber ganz entspannt: „Es wurde viel diskutiert, aber wenn man jetzt mit einem Spaten Geheimnisse ausgraben will, sollte man mit ihm lieber einen Baum pflanzen. Wir können doch alle stolz darauf sein!“

Dass man sich für den Frieden einsetzen müsse, habe er in der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie in den Jahren danach gelernt. Gorbatschow, dessen Eltern Bauern in einem Kolchos waren, hat fünf Monate unter deutscher Besetzung gelebt. „Um uns herum geschahen schreckliche Sachen: In einem Vorort wurden Zehntausende unserer Bürger in einer Schlucht erschossen, das bekamen wir alles mit.“ Als Gorbatschow zum Jurastudium nach Moskau fuhr, hielt der Zug immer im zerstörten Stalingrad. „Ich bin dort oft für einige Stunden ausgestiegen – es sah verheerend aus, aber aus der kurzen Zeit habe ich gelernt, dass man sich für den Frieden einsetzen muss. Und es ist ja schon wieder im Gange. Wir müssen das Wettrüsten verhindern!“

Forderung nach Abrüstung

Genscher pflichtete ihm bei: „Wir dürfen jetzt nicht stehenbleiben, wir können die Waffen am besten beherrschen, wenn wir sie vernichten!“ Und: „Wann werden die atomaren Vernichtungswaffen abgeschafft? Das ist wichtig zum Überleben der Menschheit.“ Das Gespräch, das ursprünglich der Vorstellung der Gorbatschow-Memoiren dienen sollte, wurde mehr und mehr zu einer offenen Forderung beider Staatsmänner nach Abrüstung. Schon vorher hatte Genscher an die doppelte Nulllösung zwischen den USA und der Sowjetunion erinnert: „Eine ganze Generation von Raketen wurde beseitigt, aber wir sollten nicht über Geschichte reden, sondern die nächste Generation beseitigen.“

Als Theo Sommer schließlich den früheren Präsidenten der Sowjetunion fragte, was er sich derzeit von Deutschland wünsche, antwortete der nur verschmitzt: „Das ist ein Thema für mein nächstes Buch.“ Und brachte damit ein überaus gelungenes Gespräch und einen sehr bewegenden Nachmittag zu einem Abschluss.

Michail Gorbatschow: Alles zu seiner Zeit. Mein Leben, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2013, 546 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, ISBN 978-3455502763

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