Der Preis der Leipziger Buchmesse 2014: Die Gewinner

Alle Preisträger: Saša Stanišić (v. l.), Robin Detje  und Helmut Lethen. Foto: Leipziger Messe GmbH / Uli Koch
Alle Preisträger: Saša Stanišić (v. l.), Robin Detje und Helmut Lethen. Foto: Leipziger Messe GmbH / Uli Koch
Eine Dekade ist geschafft! Zum zehnten Mal ist am Donnerstagnachmittag in Leipzig der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen worden. Der mit insgesamt 45.000 Euro dotierte Preis gilt mittlerweile als einer der renommiertesten Buchpreise im deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr entschied sich die siebenköpfige Jury unter dem Vorsitzenden Hubert Winkels für:

Saša Stanišić (Kategorie Belletristik) mit seinem Roman „Vor dem Fest“, erschienen im Luchterhand Literaturverlag,

Helmut Lethen (Kategorie Sachbuch/Essayistik) mit seinem Buch „Der Schatten des Fotografen“, erschienen bei Rowohlt Berlin, und

Robin Detje (Kategorie Übersetzung) mit seiner Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von William T. Vollmanns „Europe Central“, erschienen im Suhrkamp Verlag.

Als Henry Hasenpflug, Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen, den Namen Saša Stanišić als Sieger des Buchpreises in der Kategorie Belletristik nennt, ist Jubel und Hochstimmung im Publikum. Stanišićs Roman über ein fiktives Dorf in der Uckermark ist erst am Anfang der Buchmesse-Woche erschienen und hat dennoch bereits begeisterten Anklang in den Feuilletons gefunden.

„Stanišić hat ein Dorf aus Sprache erfunden, ein Kaleidoskop, einen Kosmos aus vielen Stimmen, Klangfarben, Jargons, die Welt in nuce, magisch zusammengehalten von einem kollektiven Erzähler, der dazugehört, einem, der verschmitzt ist und gewitzt und klug und ein bisschen weise“, urteilt die Jury über den Roman des Mannes, der zuvor schon als Autor, Blogger und Kolumnist zahlreiche Preise und Stipendien erhalten hat.

Stanišić nimmt den Preis sichtlich überrascht entgegen. Er sei „wahnsinnig froh“ und erzählt, er habe auf dem Weg zur Preisverleihung ein Ei geschenkt bekommen. „Ich glaube, das ist aus der Uckermark.“ Er dankt dem Verlag, der Uckermark und seiner eigenen Freundin, die zuletzt auch zu seiner Lektorin geworden sei, erzählt er. So einsam sei das Schriftstellerleben also nicht.

In der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“ kürte die Jury den Essay „Der Schatten des Fotografen“ des Literaturwissenschaftlers Helmut Lethen. Woher rührt die ungeheure Wirkung, die Fotos auf uns haben? Und wie viel Wirklichkeit steckt in oder hinter den Bildern? Lethen geht diesen Fragen auf einem Streifzug durch die Kunst- und Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts nach.

Die Jury sagt: „Wenn man dieses Buch als Verhaltenslehre des Sehens bezeichnet – als nützliche, sinnliche, analytische Verhaltenslehre des Sehens –, dann nur, wenn man einen Aspekt noch ergänzt. Nichts Autoritäres gibt es hier, im Gegenteil. „Der Schatten des Fotografen“, das ist eine Lehre zum Mitdenken; anregend noch lange nach der Lektüre.“

Als Lethen ans Mikrofon tritt, ruft er als erstes aus: „Da ist ein Scheck!“ Das Publikum lacht. Dann grüßt er, so wie er es von der Oscar-Verleihung gelernt habe, seine Frau, seine fünf Kinder sowie seine Ex-Frau im Amsterdam und verlässt dann die Bühne.

In der Kategorie „Übersetzung“ wird Robin Detje für seine Übertragung von William T. Vollmanns “Europe Central” aus dem amerikanischen Englisch mit dem Leipziger Buchpreis prämiert. Das rund 1.000 Seiten umfassende Buch, in den USA bereits 2005 erschienen, ist ein historischer Roman über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa und Russland.

„Robin Detje schreibt seine Übersetzung stimmig am amerikanischen Original entlang. Immer wieder findet er überzeugende Entsprechungen für Töne, Bilder, Motivreihen. Mit diesem Sprachgefühl, Akribie und auf Augenhöhe mit dem Autor bringt er uns diese Hymne auf die Kunst des Erzählens, die dabei selbst die Grenzen klassischen Erzählens immer wieder durchbricht, auch musikalisch nah“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Detje habe das Werk „eindrucksvoll übersetzt“, es seien Sätze „voller Schönheit und Abgründe, in denen Zynismus, Lakonie und Poesie aufeinander fallen“.

Insgesamt sind in diesem Jahr 410 Titel von 136 Verlagen für den Preis eingereicht worden. Daraus nominierte die Jury fünf Autoren oder Übersetzer in jeder Kategorie.

Nominierte Kategorie Belletristik:
Fabian Hischmann:
„Am Ende schmeißen wir mit Gold“ (Berlin Verlag)
Per Leo: „Flut und Boden: Roman einer Familie“ (Klett-Cotta)
Martin Mosebach: „Das Blutbuchenfest“ (Carl Hanser Verlag)
Katja Petrowskaja: „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag)
Saša Stanišić: „Vor dem Fest“ (Luchterhand Literaturverlag)

Nominierte Kategorie Sachbuch/Essayistik:
Diedrich Diederichsen:
„Über Pop-Musik“ (Kiepenheuer&Witsch)
Jürgen Kaube: „Max Weber: Ein Leben zwischen den Epochen“ (Rowohlt Berlin)
Helmut Lethen: „Der Schatten des Fotografen“ (Rowohlt Berlin)
Barbara Vinken: „Angezogen: Das Geheimnis der Mode“ (Klett-Cotta)
Roger Willemsen: „Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“ (S. Fischer)

Nominierte Kategorie Übersetzung:
Paul Berf:
„Spielen“, aus dem Norwegischen, von Karl Ove Knausgård (Luchterhand Literaturverlag)
Robin Detje: „Europe Central“, aus dem amerikanischen Englisch, von William T. Vollmann (Suhrkamp Verlag)
Ursula Gräfe: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, aus dem Japanischen, von Haruki Murakami (Dumont Buchverlag)
Hinrich Schmidt-Henkel: „Jacques der Fatalist und sein Herr“ aus dem Französischen, von Denis Diderot (Matthes & Seitz Berlin)
Ernest Wichner: „Buch des Flüsterns“, aus dem Rumänischen, von Varujan Vosganian (Paul Zsolnay Verlag)

Seitengang fährt zur Leipziger Buchmesse 2014

Druck„Seitengang – Ein Literatur-Blog“ fährt auch in diesem Jahr wieder zur Leipziger Buchmesse. Vom 13. bis 16. März 2014 berichtet Seitengang direkt aus Leipzig über Lesungen, Autoren und Verlage sowie natürlich auch über die Sputnik LitPop 2014.

Zu den besonderen Höhepunkten in diesem Frühjahr zählen die Auftritte berühmter Autoren wie Margaret Atwood, Simon Beckett, Margriet de Moor, Arne Dahl, Håkan Nesser, Ingrid Noll, Frank Schätzing oder Friedrich Ani. Leipzig bereitet aber auch erneut die Bühne für politische Autoren und Themen: Pankaj Mishra etwa, Publizist und Historiker aus Indien, bekommt in diesem Jahr den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Im Jahr 2006 ist der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch mit diesem Preis geehrt worden – derzeit demonstriert er auf dem Majdan-Platz in Kiew und reist im März nach Leipzig, um unter anderem über die politischen Entwicklungen seines Landes zu informieren.

Vorstellung der Neuerscheinungen des Frühjahrs

Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse ist neben der Vorstellung der Neuerscheinungen des Frühjahrs zum dritten Mal in Folge das Programm “tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus”. Dort präsentieren wie schon in den vergangenen beiden Jahren etablierte und aufstrebende Autoren aus Mittelosteuropa zum Teil noch unbekannte Literaturwelten. Eines der wichtigsten Themen wird dabei der Erste Weltkrieg sein. Polen, die Ukraine und Belarus waren wichtige Schauplätze des Krieges, der diese Länder mit all seinen Folgen heimsuchte.

Gastland der diesjährigen Buchmesse ist die Schweiz, die mit mehr als 80 Autorinnen und Autoren sowie vielen Aktionen nach Leipzig reist. Angekündigt haben sich unter anderem Milena Moser, Adolf Muschg, Peter Stamm und Martin Suter.

Außerdem wird am 13. März um 16 Uhr in der Glashalle der Messe der Preis der Leipziger Buchmesse für herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen verliehen. Zum zehnten Mal ist das Rennen um den begehrten Preis eröffnet. Im Jubiläumsjahr reichten 136 Verlage insgesamt 410 Titel ein, die im Zeitraum bis zur Leipziger Buchmesse 2014 erscheinen werden. Unter der Leitung von Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels nominierte die siebenköpfige Jury jeweils fünf Autoren und Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung.

Bis zum 6. März können Sie Ihren Favoriten in der Kategorie Belletristik wählen. Unter allen Teilnehmern wird ein Paket mit den nominierten Belletristiktiteln sowie Eintrittskarten zur Leipziger Buchmesse verlost.

Die drei Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse erfahren Sie am schnellsten, wenn Sie Seitengang bei Twitter folgen. Dort werden die Preisträger noch während der Preisvergabe bekannt gegeben, so schnell es möglich ist. Der ausführliche Text folgt dann selbstverständlich später hier im Blog.

Clemens Meyer : „Sexualität ist wie ein Überraschungsei“

DSC_0260Am Donnerstagabend las der Leipziger Kult-Autor Clemens Meyer in Wien aus seinem gefeierten Roman „Im Stein“, den er selbst als „Lebensstoff“ bezeichnet. Dabei zeigte er sich nicht nur als offener und sympathischer Interviewpartner, sondern auch als ernsthafter Vorleser des eigenen Stoffes.

„Sexualität ist wie ein Überraschungsei, nur dass es nicht ganz so gut schmeckt am Ende“, sagt Clemens Meyer in Wien. Sein Roman offenbart das Rotlichtmilieu in all seinen Facetten. „Kaum jemand unter den Schriftstellern seiner Generation weiß so viel wie Clemens Meyer“, schreibt Ina Hartwig in der Süddeutschen Zeitung. Die Feuilletonisten überschlagen sich, begeisterte Synonyme für diesen Roman, dieses Panoptikum und Sittenbild zu finden.

Der Roman erzählt nicht linear, sondern ist voller Zeitsprünge. „Mein Roman ist schwierige Literatur, auch für den Leser nicht leicht“, hat er Gerrit Bartels vom Tagesspiegel in einem lesenswerten Interview gesagt. Meyer ist ein Kunstschaffender, ein Suchender. Und er hat ein surreales Epos geschrieben, das schonungslos und dennoch mit Herz von der Subkultur der käuflichen Liebe erzählt, von Gewalt und Konkurrenz, aber auch vom Geld, das mit der Prostitution verdient wird.

Das „steinere Geschäft“ der Baulöwen

Eine Vielzahl von Gründen haben zum Titel des Buches geführt, erklärt Meyer in Wien. Zum einen versinnbildliche der Stein diese unbekannte Großstadt, in der der Roman angesiedelt ist. Rund 600.000 Einwohner seien in einem Hybrid aus Halle/Saale und Leipzig gefangen. Der „Schweinehans“ lebt teilweise in Katakomben, eine andere Figur im Krematorium. „Es ist auch der archäologische Blick – wir leben ja auch alle auf früheren Städten, und vielleicht werden auch wir irgendwann eine Schicht unter einer Stadt sein.“ „Im Stein“ meine aber auch das „steinere Geschäft“ der Baulöwen und Wohnungsvermieter.

„Wir leben in einer Zeit, in der die Gier nach dem Geld üblich ist, aber in diesem Bereich kommt plötzlich die Moral ins Spiel“, erklärt er. Das fände er interessant. Es gehe um Körper, um das Körperliche an sich, das sich zu Geld machen lasse. „So wie Badelatschen, und doch sind es keine. Ich dachte, hier kannst du mit Sprache, mit Struktur etwas zeigen, die Welt, in der wir leben.“ Auch die Geschleusten, die Geschleppten kommen im Roman vor. Clemens Meyer formuliert es so: „Die Stimmen der Frauen füllen den Stein.“

Reale Vorbilder für die Figuren gibt es indes nicht. „Es gab aber im Jahr 1998 einen Zündfunken.“ Ein Zeitungsartikel über einen Rotlichtboss in Leipzig, dem beide Beine weggeschossen worden sind. „Da habe ich gedacht: Das ist ein interessanter Fall – wenn der das überlebt und zurückkommt, ist der stärker als zuvor, ein König, fast schon von shakespeareschen Ausmaßen.“ Und trotzdem sei er nicht der Rotlichtboss seines Romans geworden. „Der würde mich auch verklagen“, sagt er und lacht. „Nein, er ist es nicht. Er hat das Buch auch gelesen und gemerkt, dass er das nicht ist.“

„Man muss viel zuhören können“

Seit 1998 hat Meyer an seinem Roman gearbeitet. Da war er Anfang 20, und der Roman trug noch den Arbeitstitel „Das Hurenhaus“. Er traf sich mit Leuten, sprach mit Frauen aus dem Gewerbe und hörte vor allem viel zu. „Man muss viel zuhören können“, wiederholt er. Erst im Jahr 2008 begann er mit dem Schreiben. „Zwischendurch habe ich dann „Gewalten“ geschrieben, weil ich mit dem „Stein“ nicht weiterkam.“

Als er am „Stein“ schrieb, war der Schreibtisch mit Notizen bedeckt, Zeitungsausschnitte und Bücher stapelten sich, rundherum standen Pinnwände. Jetzt hat er wie in einem Akt der Loslösung und der Trennung von seinen Romanfiguren alle seine Notizen und Bücher vernichtet. „Ich habe alles weggeworfen – in so eine Aschetonne und musste sogar mehrfach draufspringen“, erzählt er dem Publikum in der Wiener Hauptbücherei. Er habe sogar die Bücher weggeworfen, solche von Sexarbeiterinnen und Bordellkönigen. Milieuliteratur.

Nur zwei Bücher hat er aufgehoben: „Im Strich“, ein Buch, das in Wien spielt und „gar nicht leicht zu kriegen“ war sowie ein Callgirlführer aus München vom Anfang der 70er Jahre. „Das ist sehr schön, dieses Buch, das hat eine ganz eigene Philosophie, und früher konnte ich die Sprüche daraus auswendig.“ Außerdem habe er natürlich den „Zündfunken“ aufgehoben, den Zeitungsausschnitt, mit dem alles begann.

Jetlag in Tokio mit Whisky bekämpft

Meyer ist einer jener Schriftsteller, die an den Schauplätzen ihrer Romane gewesen sein müssen, sofern sie nicht völlig der Phantasie entspringen. Deshalb flog er 2002 nach Tokio. Er habe versucht, den Jetlag mit Whisky zu bekämpfen. „Aber der kam zurück und schlug mich wieder mehrere Stunden zurück – vielleicht hätte ich so viel trinken müssen, dass ich da angekommen wäre, wo ich herkam.“ Er lacht.

Als die Moderatorin und Standard-Kulturchefin Andrea Schurian erklärt, Meyer würden schriftstellerische Vorbilder wie Daniel Woodrell unterstellt, sagt der: „Wer? Den kenn‘ ich gar nicht.“ Uwe Johnson, Alfred Döblin, Hubert Fichte oder Wolfgang Hilbig, die hätten ihn beeindruckt. Und dann: „Wie hieß der Amerikaner?“ „Woodrell.“ „Kenn ich gar nicht!“ Er klappt sein Leseexemplar auf und notiert sich den Namen.

Seinem Lieblingsbuch von Fichte hat Meyer in seinem Roman ein kleines Denkmal gesetzt: „Ecki geht über den Naschmarkt: Der Tote Eisenbahner ist genau null Komma neun Kilometer vom Naschmarkt entfernt“, heißt es da. Bei Fichtes „Die Palette“ geht Jäcki über den Gänsemarkt. Es ist eine Huldigung an Meyers Vorbild. Und es ist einer der drei Teile des Romans, die Meyer in Wien seinem Publikum vorliest.

„Dann las ich das und dachte: Mensch, das ist ja gut!“

„Letztens habe ich ein Kapitel in meinem Buch entdeckt“, fängt er später wieder an zu erzählen. Das Publikum lacht und Meyer merkt, wie seltsam das klingt. „Ich saß in Greifswald bei einer Lesung, und der Moderator sagte, er wollte die Tokio-Szene hören.“ Da habe er erstmal suchen müssen in seinem 560 Seiten starken Buch. „Dann las ich das und dachte: Mensch, das ist ja gut!“ Man nimmt sie ihm ab, diese bescheidene Überraschung über die eigene Sprachgewalt und Kunstfertigkeit.

„15 Jahre habe ich an diesem Roman gearbeitet, es war einer meiner Lebensstoffe, das nächste Buch auch, obwohl das Thema schwieriger ist.“ Kroatisch müsse er nächstes Jahr lernen, so wie er für den „Stein“ habe BWL lernen müssen, weil eine seiner Figuren BWL studiert habe. Der neue Roman, so viel verrät er schon, werde in Kroatien spielen, an den alten Winnetou-Film-Schauplätzen und im Krieg der 90er. „Es gibt ein Kino zwischen den Fronten, das immer diese alten Filme zeigt – was man daraus machen kann, weiß ich aber noch nicht.“

Meyers erster Roman „Als wir träumten“ wird in der Zukunft auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen sein. Regisseur Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“) verfilmt den Stoff derzeit, das Drehbuch stammt von Wolfgang Kohlhaase („Die Stille nach dem Schuss“). In Wien erzählt Meyer, dass er gerade erst am Set gewesen sei und seinen Hitchcock-Auftritt gehabt habe: „Ich habe einen Polizisten gespielt und meine Rolle sehr ernst genommen.“ Aber es sei schon seltsam, die Figuren seines Romans in Fleisch und Blut verkörpert zu sehen.

Bei Verfilmung am Drehbuch mitschreiben

Er habe auch schon darüber nachgedacht, „Im Stein“ verfilmen zu lassen. „Es gab eine Anfrage von einer Produktionsfirma, die eine Art amerikanische Serie daraus machen wollte.“ In jedem Fall wolle er aber bei dieser Verfilmung am Drehbuch mitschreiben, das sei ihm sehr wichtig.

„Aber jetzt ist erstmal das Buch da, das war auch schon schwierig genug. Und manchmal kann man sein Buch schon nicht mehr sehen“, sagt er und liest trotzdem noch eine Szene vor.

Der 1977 geborene Clemens Meyer ist bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. Mitte November wurde bekannt, dass er für seinen neuen Roman am 27. Januar mit dem Bremer Literaturpreis 2014 ausgezeichnet wird. In diesem Jahr war er auch für den Deutschen Buchpreis nominiert, den Preis aber bekam Terézia Mora für ihren Roman „Das Ungeheuer“.

Die nächsten Lese-Termine von Clemens Meyer und weitere Informationen sind auf seiner Autoren-Homepage abrufbar. Eine Lesung von ihm ist in jedem Fall empfehlenswert. Nicht nur in Wien.

Clemens Meyer: Im Stein, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013, 560 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, mit Lesebändchen, ISBN 978-3100486028, Leseprobe

Von der Lesung zum Politgespräch: Gorbatschow und Genscher in der Peterskirche in Leipzig

Schlange stehen für Gorbatschow
Schlange stehen für Gorbatschow
Es war die bewegendste Veranstaltung der Leipziger Buchmesse 2013: In der mit mehr als 1.500 Menschen besetzten Peterskirche traf Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher am zweiten Messetag auf Michail Gorbatschow, den früheren Präsidenten der Sowjetunion. Gorbatschow war zur Buchmesse gereist, um dort seine Memoiren „Alles zu seiner Zeit. Mein Leben“ vorzustellen. Am Vormittag hatte er zwei Termine auf der Buchmesse wegen Erschöpfung kurzfristig absagen müssen. Umso mehr herrschte am Nachmittag großes Interesse in der Stadt, in der 1989 durch die Montagsdemonstrationen die Friedliche Wende begann.

Bereits zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung standen die Menschen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt vor der Kirche Schlange. Der Andrang war größer, als die Pfarrkirche Platz bot, so dass viele Besucher draußen bleiben mussten. Moderiert wurde das Gespräch zwischen Genscher und Gorbatschow von Theo Sommer, dem ehemaligen Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“, der zu Beginn die Worte sprach, die während der nächsten Stunde gelten sollten: „Das ist ein sehr bewegender Moment, vor allem hier in Leipzig.“ Als Gorbatschow schließlich das Podest betrat, hielt es die Menschen nicht mehr auf ihren Stühlen. Anhaltend klatschten sie Beifall, applaudierten einem sichtlich geschwächten Mann.

Einen beträchtlichen Teil seiner Memoiren nehmen die Erinnerungen an seine geliebte Frau Raissa ein, die 1999 in Deutschland ihrem Krebsleiden erlag. „Sie war eine Frau, die ich über alles liebte, und ich hoffe, dass sie das auch empfand“, antwortete Gorbatschow, als Sommer zu Beginn nach Raissas Bedeutung fragte. „Jeden Tag denke ich daran, dass sie nicht mehr da ist.“ Dann fügte er hinzu: „Raissa hat die Belastungen und Prüfungen, die uns zuteil wurden, einfach nicht ausgehalten – sie ist daran zerbrochen.“ Gemeint sind die Anfeindungen, denen er sich nach seinem Rücktritt als Präsident gegenübersah, weil viele Menschen in Russland der Meinung waren, er habe zum Zerfall der Sowjetunion beigetragen. In seiner Autobiographie geht der ehemalige Kreml-Chef deshalb der Frage nach, ob er den Tod seiner Frau hätte verhindern können.

Der Schlüssel liegt in Moskau

Die deutsche Wiedervereinigung war das beherrschende Thema in der Peterskirche. „Wir können jetzt sagen: Alles ist gut gelaufen“, erklärte Gorbatschow, „aber vorher haben wir uns Sorgen gemacht, wie man das alles löst. Wir mussten die Sowjetunion verändern und den Bürgern zeigen, was Offenheit („Glasnost“) bedeutet – wie viel mussten wir uns streiten! Alles war in Aufruhr, Veränderungen waren überall im Gange, wie sollte Deutschland da abseits bleiben?“ Natürlich habe Deutschland die deutsche Frage klären wollen, und irgendjemand habe gesagt, der Schlüssel dazu liege in Moskau, erinnerte sich Gorbatschow.

Hans-Dietrich Genscher war deutscher Außenminister, als er Gorbatschow zum ersten Mal traf. In Leipzig erzählte Genscher, dass der französische Staatspräsident François Mitterrand ihm vorher erklärt habe, Gorbatschow sei völlig anders als alle, die er bisher kannte. „Der liest ihnen nicht wie Breschnew alles vor“, habe Mitterand gesagt. Daraufhin habe sich Genscher ganz besonders auf das erste Treffen vorbereitet. „Danach habe ich zu meinem Mitarbeiter gesagt: Wenn der das alles schafft, was er vorhat, verändert er die Welt. Heute kann ich sagen: Er ist ein großer Staatsmann unserer Zeit, und als diesen schätze ich ihn.“

Gorbatschow erwiderte: „Ich halte ihm sehr zugute, dass er mir vertraut und sich für mich stark gemacht hat.“ Als erster westlicher Staatsmann hatte Genscher gesagt, man solle Gorbatschow ernst nehmen. Gorbatschow: „Die ganze Entwicklung war mühevoll, und es war unsere gemeinsame Leistung, was wir geschafft haben.“ Das Publikum antwortete mit Applaus.

„Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben“

Der Friedensnobelpreisträger, der das Ende des Kalten Krieges einleitete, wird immer wieder gerne mit dem Spruch zitiert „Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben“. Moderator Theo Sommer versuchte, in der Peterskirche nun endlich Licht in das Dunkle zu bringen, was mit diesem Zitat denn gemeint sei. Gorbatschow erklärte, er habe bei den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR mit Erich Honecker über das Programm „Perestroika“ („Umgestaltung“) gesprochen und ihm dazu gesagt, wer hinter den Herausforderungen der Zeit hinterherlaufe, der werde bestraft.

Der Mauerfall aber, sagte Gorbatschow deutlich, sei erst durch das deutsche Volk möglich gewesen, gerade in Leipzig: „Eben hier in dieser Stadt fielen die Worte „Wir sind ein Volk“, und diese Worte wurden überall vernommen.“ 300.000 Soldaten seien zu dem Zeitpunkt auf deutschem Boden gewesen, aber sie hätten ihre Kasernen nicht verlassen – „es fiel kein Schuss“. Erneut lang anhaltender Applaus. Doch Theo Sommer ließ nicht locker und fragte nach, ob es im Kreml nicht doch auch Stimmen gegeben habe, die Panzer rollen zu lassen. Darauf reagierte Gorbatschow aber ganz entspannt: „Es wurde viel diskutiert, aber wenn man jetzt mit einem Spaten Geheimnisse ausgraben will, sollte man mit ihm lieber einen Baum pflanzen. Wir können doch alle stolz darauf sein!“

Dass man sich für den Frieden einsetzen müsse, habe er in der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie in den Jahren danach gelernt. Gorbatschow, dessen Eltern Bauern in einem Kolchos waren, hat fünf Monate unter deutscher Besetzung gelebt. „Um uns herum geschahen schreckliche Sachen: In einem Vorort wurden Zehntausende unserer Bürger in einer Schlucht erschossen, das bekamen wir alles mit.“ Als Gorbatschow zum Jurastudium nach Moskau fuhr, hielt der Zug immer im zerstörten Stalingrad. „Ich bin dort oft für einige Stunden ausgestiegen – es sah verheerend aus, aber aus der kurzen Zeit habe ich gelernt, dass man sich für den Frieden einsetzen muss. Und es ist ja schon wieder im Gange. Wir müssen das Wettrüsten verhindern!“

Forderung nach Abrüstung

Genscher pflichtete ihm bei: „Wir dürfen jetzt nicht stehenbleiben, wir können die Waffen am besten beherrschen, wenn wir sie vernichten!“ Und: „Wann werden die atomaren Vernichtungswaffen abgeschafft? Das ist wichtig zum Überleben der Menschheit.“ Das Gespräch, das ursprünglich der Vorstellung der Gorbatschow-Memoiren dienen sollte, wurde mehr und mehr zu einer offenen Forderung beider Staatsmänner nach Abrüstung. Schon vorher hatte Genscher an die doppelte Nulllösung zwischen den USA und der Sowjetunion erinnert: „Eine ganze Generation von Raketen wurde beseitigt, aber wir sollten nicht über Geschichte reden, sondern die nächste Generation beseitigen.“

Als Theo Sommer schließlich den früheren Präsidenten der Sowjetunion fragte, was er sich derzeit von Deutschland wünsche, antwortete der nur verschmitzt: „Das ist ein Thema für mein nächstes Buch.“ Und brachte damit ein überaus gelungenes Gespräch und einen sehr bewegenden Nachmittag zu einem Abschluss.

Michail Gorbatschow: Alles zu seiner Zeit. Mein Leben, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2013, 546 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, ISBN 978-3455502763

Leipziger Buchmesse 2013: Klaus-Michael Bogdal und Amos Oz

DSC_0009Die Leipziger Buchmesse 2013 hat begonnen, und Seitengang ist mittendrin. Bis Sonntag berichtet Seitengang in unregelmäßigen Abständen von den Ereignissen der Buchmesse.

Am Vormittag war Klaus-Michael Bogdal der neuerdings prominente Gesprächspartner bei der Eröffnung des „Café Europa“ des Auswärtigen Amts und der Stadt Leipzig. Neuerdings prominent deshalb, weil der Literaturwissenschaftler der Universität Bielefeld erst am Abend zuvor in Leipzig den mit 15.000 Euro dotierten Preis zur Europäischen Verständigung für sein Buch „Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ verliehen bekommen hat.

In dem 2011 bei Suhrkamp erschienenen Buch wird die seit sechs Jahrhunderten andauernde Verfolgung und Ausgrenzung der Romavölker in Europa untersucht. „Bogdal zeigt, wie Europa den Grad der eigenen Kultiviertheit an der Abwertung der Roma im Spannungsfeld zwischen Hass, Abwehr und romantisierender Zigeuner-Folklore festmacht. Gerade angesichts eines neu aufbrandenden Anti-Ziganismus in Europa gewinnt Bogdals epochale Studie eine bedrückende Aktualität und Brisanz“, begründet die international besetzte Jury ihr Urteil.

Im Gespräch mit dem Kulturbügermeister der Stadt Leipzig, Michael Faber, erklärte Bogdal am Donnerstagvormittag, es sei eine für ihn ungewohnte Rolle, derart prominent zu sein. „Aber das kann ja auch ganz nützlich sein.“ Faber fragte, ob denn Niklas Luhmann, erster Professor der Uni Bielefeld und bekannter Soziologe, eine Vorbildfunktion für Bogdal gehabt habe. „Nein, ich fühle mich eher bei Michel Foucault wohl“, erklärte Bogdal, der selbst Philosophie studiert hat. Foucaults analytische Schärfe habe ihn immer beeindruckt.

Rund 20 Jahre hat Bogdal bis zur Fertigstellung seines Buches gebraucht. Er selbst sagt, veröffentlicht worden sei jetzt auch nur ein Extrakt aus 2.000 Seiten. „Anfangs wollte ich nur über die Zigeunerbilder in der deutschen Literatur schreiben – das war dann nach zwei oder drei Jahren fertig.“ Aber schon im Titel stecke der Hinweis, dass es in diesem Buch um viel mehr geht. „Ich meine, dass wir es mit einer großen Erfindergesellschaft zu tun haben, die auch vor dem Menschen nicht Halt macht“, erklärte der Wissenschaftler. „Wir nehmen die Romavölker nicht als Dialogpartner wahr und ernst, stattdessen reden wir nur über sie.“

Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011, 592 Seiten, gebunden, 24,90 Euro, ISBN 978-3518422632

Auf dem Blauen Sofa in der Glashalle sitzen in diesen Tagen wieder Autorinnen und Autoren, die sowohl die Spezialisten als auch die breite Masse interessieren. Am ersten Messetag sind darunter vor allem die Preisträger des Leipziger Buchpreises, aber auch Autorinnen und Autoren wie Bernhard Kegel, Péter Esterházy und Amos Oz. Letzterer hat gerade erst im Suhrkamp Verlag seinen neuen Erzählungsband „Unter Freunden“ herausgegeben. Die acht Erzählungen spielen im fiktiven Kibbuz Ikat und zeigen intime Porträts von Frauen und Männern.

DSC_0007Der Besucherandrang beim Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller Amos Oz ist groß, in den hinteren Reihen ist die Übersetzung seiner Worte teilweise kaum zu verstehen, zu laut sind auch die Umgebungsgeräusche in der Glashalle. Was aber jeder versteht, sind Oz‘ Worte zum Schluss. „Peace will come“, sagt der Befürworter der Zwei-Staaten-Lösung im Nahost-Konflikt laut und deutlich. Und erntet dafür Applaus.

Amos Oz: Unter Freunden, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2013, 216 Seiten, gebunden, 18,95 Euro, ISBN 978-3518423646