Buch Wien: Frédéric Beigbeder und der Skandal des Todes

Frédéric Beigbeder bei der "BuchWien". © LCM Foto Richard Schuster
Frédéric Beigbeder bei der „BuchWien“. © LCM Foto Richard Schuster

Ewige Zeiten schon haben die Menschen den Traum vom ewigen Leben. Vampire leben endlos, wenn ihnen niemand einen Holzpflock durchs Herz treibt, Dorian Gray bleibt für eine gewisse Zeit ewiglich jung, manch einer geht sogar einen Pakt mit dem Teufel ein. Das alles sind Gestalten der Literatur. Eine der Gegenwart aber ist der französische Star-Autor Frédéric Beigbeder. In seinem neuen Roman „Endlos leben“ sucht er das ewige Leben, wie es mit dem heutigen Stand von Medizin und Technik möglich ist. Bei der „Buch Wien“ stellte er in der vergangenen Woche seinen Roman vor.

„Papa, ich möchte nicht, dass du stirbst“, sagt die Tochter des 50-jährigen Erzählers eines Tages zu ihm. Er, der verblüffende Ähnlichkeiten mit seinem Autor Frédéric Beigbeder hat, beginnt, sich mit dem Tod zu beschäftigen und beschließt: „Von jetzt an stirbt niemand mehr.“ Er begibt sich auf Reisen, trifft Wissenschaftler und Ärzte und stellt den Forschungsstand dar.

In Wien erzählt Beigbeder, wie er in den drei Jahren, in denen er das Buch geschrieben hat, immer wieder „vollkommen absurde Wissenschaftler“ getroffen hat. „Jedes Mal, wenn ich mit einem Wissenschaftler gesprochen habe, habe ich ihn gebeten, mir einen anderen und wenn möglich einen noch abgedrehteren zu empfehlen, und die allerverrücktesten sitzen in Kalifornien, in San Diego. Da gibt’s vollkommen absurde Institute, wo die Medizin dann schon eher ins Sektentum mündet.“ Da gibt es zum Beispiel ein Institut, das älteren Menschen das Blut von jungen Menschen injiziert wird, wodurch man angeblich verjüngt. Kosten: schlappe 8.000 Dollar am Tag. Vampirismus sei dort an der Tagesordnung, koste aber natürlich auch einiges. „Dort ist meine anfängliche Begeisterung wirklich in Angst umgeschlagen.“

Das Ende der Utopien gesehen

Das ewige Leben ist die älteste Utopie der Welt, und der Mensch kann nicht ohne Ideale leben, sagt Beigbeder. „Dabei gehöre ich eigentlich einer Generation an, die das Ende der Utopien gesehen hat. Ich habe den Sturz der Mauer und den Zusammenbruch des World Trade Centers miterlebt, das heißt ich gehöre einer Generation an, die eigentlich keine Ideale hat und keine Utopie.“

Beigbeder ist ein Fan von Büchern, in denen Helden „unmögliche Träume“ haben, erzählt er. Als Beispiele nennt er Don Quixote, Dorian Gray, Frankenstein und Dracula, „dieser berühmte Graf Dracula“. „Und deshalb ist es für mich ganz besonders wichtig, dass ich heute hier in Wien bin, in einer Stadt, wo die Gräfin Báthory Blutbäder genommen hat – sie hat wunderschöne Jungfrauen zerstückelt und in dem Blut gebadet, um daraus Ewigkeit zu erlangen.“ Wäre sie zuvor in Kalifornien gewesen, hätte sie gewusst, dass sie nicht im Blut baden, sondern es sich in die Venen spritzen lassen musste, sagt Beigbeder und lacht.

Auch in Österreich gebe es eine Klinik am Ufer des Wörthersees, wo er einige Zeit verbracht und Bluttransfusionen bekommen habe, um seinem Blut Sauerstoff und Mineralsalze zuzuführen. „Und ich habe einen roten Laser in die Venen gesteckt bekommen – das war eine äußerst interessante Erfahrung, denn angeblich bekommt dadurch das Blutplasma mehr Vitamin D.“ Wenn er dann auf die roten Reflexe des Lasers geblickt habe, sei er sich allerdings vorgekommen wie eine Discokugel. „Ich habe gedacht: das war schon immer mein Traum – ich bin jetzt wie eine Tanzfläche.“

„Ein fasziniertes Opfer“

Es sei aber ja tatsächlich so, dass die Wissenschaft heute zu unglaublichen Entdeckungen in der Lage sei. Insbesondere die Genetik eröffne völlig neue Perspektiven. Das Ziel seines Buches sei es auch gewesen, diese zu erforschen, erklärt Beigbeder, die DNA, die Veränderung und Transformation des Menschen zu einer Art anderen Wesen. Gleichzeitig wolle er diesen Wahnsinn aufzeigen, denn er habe immer angeprangert, welche Wahnsinnigkeiten in unserer Zeit passieren. „Ich bin also gleichzeitig ein fasziniertes Opfer davon und auch jemand, der davor warnt.“

Er habe ein „sehr leichtes Buch über das ernsteste Problem“ schreiben wollen. „Ich habe versucht, über den Tod zu sprechen, als sei er nur ein technisches Problem, das man ganz einfach mit medizinischen Entdeckungen verändern oder abschaffen.“ Er habe sich darüber amüsiert, dass er die Vor- und Nachteile des Todes in zwei Listen aufgeschlüsselt habe, als hätten wir die Wahl, es uns auszusuchen.

Die Lebenserwartung habe sich unglaublich verlängert: im Mittelalter war die durchschnittliche Lebenserwartung 30 Jahre, dann ist sie auf 50 Jahre gestiegen und mittlerweile liege sie bei 80 Jahren. „Warum sollte es dann nicht möglich sein, dass man die Lebenszeit verdoppelt oder verdreifacht bis 2050 oder 2100? Viele Ärzte halten das durchaus für möglich.“ Mit der Unsterblichkeit könnte man  mehr Bücher lesen, mehr Filme sehen, man könnte mehr Liebesgeschichten haben und mehr Reisen machen. „Und das ist eine Aussicht, die mich keineswegs erschreckt.“

„Für mich ist der Tod ein Skandal“

Eigentlich sei das Versprechen des ewigen Lebens die Rolle der Religion gewesen, macht Beigbeder im Alten Rathaus von Wien deutlich: „Aber wir haben inzwischen Mediziner statt Priester, wir haben Biochemiker und Stammzellenforscher, die uns alle dasselbe versprechen, und das ist das Thema meines Buches. Warum hasst der Mensch den Tod so sehr? Und auch ich kann den Tod nicht akzeptieren, ich kann dem nichts Interessantes abgewinnen, ich habe keine Lust selbst zu sterben und will auch nicht die sterben sehen, die ich liebe. Ich habe keine Lust alt zu werden, krank zu werden, kurzum: für mich ist der Tod ein Skandal.“

Darauf angesprochen, ob es nicht zu Platzproblemen auf Erden führen würde, wenn niemand mehr stirbt, sagte Beigbeder: „Das ist natürlich ein Problem, das ich noch gar nicht bedacht habe, als ich meinen Roman geschrieben habe, aber tatsächlich müssten wir wohl, wenn wir jetzt 300 Jahre alt werden, unsere Geburtstagsfeiern in Stadien veranstalten.“Man müsse allerdings auch beachten, dass diese Langlebigkeit der Menschen nur einer gewissen Elite vorbehalten wäre.

„Alle diese Methoden, das Leben zu verlängern, kosten Unsummen und ein riesiges Vermögen – daher werden die Menschen weiterhin sterblich sein, und nur eine kleine Elite wäre unsterblich.“ Im Grunde sei das keine Utopie, sondern ein Albtraum. In den drei Jahren, in denen er recherchiert habe, sei aus seiner anfänglichen Begeisterung nicht mehr sehr viel übrig geblieben, wiederholt er. „Sie hat sich in einen Schrecken verwandelt, denn wenn wir wirklich dieses längere Leben anstreben, dann müssen wir gleichzeitig auf unser Menschsein verzichten“, sagt Beigbeder.

Die Frage sei doch, warum man den Menschen überhaupt verbessern und ihm ein längeres Leben geben wolle. „Ist der Mensch nicht schön in seiner Imperfektion, in seiner Unvollendung und so, wie er ist?“, fragt Beigbeder. „Alle diese Menschen, die versuchen, das Leben zu verlängern, die mögen den Menschen, so wie er ist, nicht. So wie er ist in seinem Provisorischen, in seiner Fragilität, in seiner Kurzlebigkeit, mit all seinen Fehlern.“ Und genau darum gehe es in seinem Roman über einen Menschen, der versucht, diese Verbesserungen zu erreichen, der aber irgendwann mal erkennt, dass es besser ist, sich selbst mit all seinen Fehlern zu akzeptieren.

Frédéric Beigbeder: Endlos leben, Piper Verlag, München, 2018, 352 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3492059237