Das Drahtseil der gerechten Strafe

TerrorDer Strafverteidiger Ferdinand von Schirach ist nicht nur ein glänzender Erzähler, sondern stellt jetzt unter Beweis, dass er auch noch Theaterstücke schreiben kann. „Terror“ heißt sein erstes Werk und ist nach den Anschlägen von Paris unfreiwillig hochaktuell. Es ist für die Bühne konzipiert, wirkt aber auch als Phantasiespiel im Kopf des Lesers unmittelbar und eindringlich. „Terror“ ist die moderne Fassung der alten ZDF-Gerichtsshow „Wie würden Sie entscheiden?“ – ein Gerichtsdrama mit zwei unterschiedliche Enden, und der Leser muss das aus seiner Sicht richtige wählen.

Der Leser und der Theaterzuschauer werden zum Schöffen, ja, gar zu Richtern gemacht. Die Bühnen, die Schirachs Stück bereits spielen, lassen den Zuschauer meist nach der Pause entscheiden: Soll der Angeklagte verurteilt oder freigesprochen werden? 16 deutsche Theater haben „Terror“ auf dem Spielplan, die Uraufführung lief zeitgleich in Frankfurt und Berlin. Es besteht enormes Interesse.

Erklären lässt sich das sicher schon mit dem gewählten Sujet: Terroristen haben eine Lufthansa-Maschine mit 164 Menschen an Bord entführt und drohen, es in das vollbesetzte Münchner Fußballstadion zu fliegen. Lars Koch ist Kampfpilot der Luftwaffe, sitzt zu diesem Zeitpunkt im Cockpit seines Eurofighters und versucht erfolglos, die entführte Maschine vom Kurs abzubringen. Dann trifft der 31-Jährige eine einsame Entscheidung: Er schießt die Passagiermaschine ab, um die 70.000 Stadionbesucher zu retten. Jetzt steht er wegen 164-fachen Mordes vor Gericht und soll sich verantworten.

Was ist Menschenwürde?

Das Theaterstück stellt Fragen, die auch stets wiederkehrende Themen in Schirachs Büchern sind: Darf man Menschenleben gegeneinander aufrechnen? Was ist Menschenwürde? Was ist Schuld? Lars Koch hat für sich entschieden: Ja, man darf Menschenleben gegeneinander aufrechnen. Er hat sie abgewogen. Die Rettung von 70.000 Menschen wog schwerer, denn die 164 Menschen an Bord der Passagiermaschine wären wahrscheinlich ohnehin gestorben, rechnet er dem Gericht vor. Aber er hat damit nicht nur über Leben und Tod anderer Menschen entschieden, er hat auch gegen einen ausdrücklichen Befehl gehandelt. Denn selbst in solchen Notsituationen hat das Bundesverfassungsgericht den Abschuss von Passagiermaschinen verboten.

Die Bundesregierung hatte nach dem 11. September 2001 das neue Luftsicherheitsgesetz erlassen. Danach sollte der Verteidigungsminister in solchen Fällen entscheiden können, notfalls Waffengewalt einzusetzen und unschuldige Menschen zu töten, um andere zu retten. Doch das Bundesverfassungsgericht sah das anders und hob diesen Paragrafen wieder auf. Menschenleben dürften niemals gegeneinander abgewogen werden, das widerspreche schon der Verfassung. Lars Kochs Verteidiger erklärt, sein Mandant habe im übergesetzlichen Notstand gehandelt. Damit legt Schirach ihm das Argument des früheren Bundesverteidigungsministers Franz Josef Jung (CDU) in den Mund, der auch noch nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts erklärt hatte, er werde dennoch ein für einen Terroranschlag entführtes Flugzeug notfalls durch die Bundeswehr abschießen lassen.

Der Fall „Lars Koch“ ist selbstverständlich erfunden, aber er eignet sich hervorragend als juristisches Lehrstück. Da macht es auch nichts, dass wir manche Argumente Schirachs für Rechtsstaatlichkeit, Foltervervot und Menschenwürde schon aus anderen Büchern, zuletzt aus der Essay-Sammlung „Die Würde ist antastbar“, kennen. Wie würden Sie entscheiden? Ist Lars Koch schuldig oder unschuldig? Wie die Theaterbesucher in den bisherigen Aufführungen abgestimmt haben, kann man im Internet nachlesen. Bis jetzt plädierte die Mehrheit für „unschuldig“. Lars Koch würde im Namen des Volkes freigesprochen.

Entscheidung nach eigener Fasson

Man könnte argwöhnen, das Stück langweile doch sicher. Es ist nun wirklich auch nur eine Gerichtsverhandlung, wie sie sich tatsächlich abspielen könnte. Die einst in diversen Privatsendern gezeigten Gerichtsshows gehören der Vergangenheit an, auch die von 1974 bis 2000 produzierte ZDF-Sendung „Wie würden Sie entscheiden?“ ist längst Fernsehgeschichte, warum also fesselt dieses Theaterstück so sehr? Weil der Leser und der Theaterbesucher seine Entscheidung nicht juristisch begründen muss. Weil er nur danach entscheidet, wie er tickt, ganz nach seiner Fasson. Und das ist zugleich das Ungeheuerliche dieses Theaterstücks. Schirach spielt damit: Er stellt die juristischen Prinzipien dar und lässt dann das Volk richten.

Nicht völlig von der Hand zu weisen ist natürlich auch der aktuelle Rahmen, in dem „Terror“ jetzt besonders hervorsteht. Auf dem Buchrücken erklärt Schirach, er habe das Theaterstück vor dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo geschrieben. „Es wird weitere Anschläge geben, weitere Morde, weiteren Schmerz.“ Aber er glaube an den „gelassenen Geist unserer Verfassung, an ihre souveräne Toleranz und ihr freundliches Menschenbild“. Das Buch enthält auch die Rede, die Schirach zur Verleihung des M100-Sanssouci-Medienpreises an Charlie Hebdo geschrieben und noch vor den Anschlägen von Paris gehalten hat. Wer das Buch bis zur letzten Seite gelesen hat, wird es aufgewühlt zuschlagen und sich bis dahin selbst besser kennengelernt haben, wenn und soweit es um Fragen von Recht, Moral, Terrorbekämpfung und die Grenzen des Grundgesetzes geht. Nie zuvor hat Ferdinand von Schirach eine solch persönliche Vereinnahmung des Rezipienten erreicht. Lesen Sie es!

Ferdinand von Schirach: Terror, Piper Verlag, München, 2014, 176 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 16 Euro, ISBN 978-3492056960, Leseprobe

Die verrätselte Frau und der Schurke im gelben Pullover

Roses Lächeln„Roses Lächeln“ war eigentlich eine Fortsetzungsgeschichte. Im digitalen Comic-Magazin „Professor Zyklop“, das im deutsch-französischen Kulturkanal Arte einen Unterstützer hat, erschienen die einzelnen Folgen. Jetzt gibt es alle Teile der Serie von Sacha Goerg in einem handgeletterten Sammelband beim Berliner Reprodukt-Verlag. Der zu Herzen gehende Graphic-Novel-Thriller schafft damit den Sprung in die analoge Welt. Zu Recht, muss man sagen, denn erst als Buch kann er zum Pageturner werden, und erst als Buch lässt er sich mit allen Sinnen erleben.

Goergs Held heißt Desmond, er ist 32 Jahre alt und hat nicht nur seinen Job verloren, sondern ist auf dem besten Wege, auch noch seinen einzigen Sohn Theo an seine Ex-Frau zu verlieren. Die hat sich nach acht Jahren von ihm getrennt und sich gleich einen neuen Mann geangelt. Desmond wird nun das Gefühl nicht los, dass seine Ex-Frau alles dafür tut, dass er seinen Sohn nicht mehr zu Gesicht bekommt.

So ist es nicht gerade sein Glückstag, als Desmond Theo von der Schule abholen will, dort aber nur erfährt, dass seine Ex-Frau ihm schon zuvorgekommen ist. Es schneit, und die Freitreppe vor der Schule ist so spiegelglatt, dass Desmond ausrutscht und sich ordentlich auf den Rücken legt. Der Wind reißt ihm das Foto seines Sohnes aus der Hand, und als er dem durch die Luft wirbelnden Andenken hinterherstürmt, prallt er mit einer fremden Frau zusammen: Rose. Sie entpuppt sich als eine eigentümliche, mysteriöse Person. Die Lösungen der Rätsel, die sie umgeben, halten einige Überraschungen bereit. Eines der Geheimnisse, die es zu lüften gilt, hängt mit der Reliquienjagd eines alternden Industriellen zusammen. Er verfolgt Rose unerbittlich und bringt damit auch Desmond und den kleinen Theo in Gefahr.

Fantastisch gelöst

„Roses Lächeln“ ist ein toll gezeichneter Thriller für die kalten Tage des Jahres. Panelrahmen werden durch Goergs Aquarellzeichnungen völlig überflüssig – das ist hier fantastisch gelöst. Zudem wechselt er immer wieder zu freigestellten Szenen, die die dargestellten Personen noch eindringlicher ins Blickfeld rücken. Manchmal sind die Figuren etwas klischeehaft, aber das stört überhaupt nicht, denn ansonsten haben sie ganz nachvollziehbare Ecken und Kanten. Gelungen sind vor allem die Charaktere Desmond, Rose sowie der gelbe Pullover tragende, homosexuelle Großindustrielle, der vor nichts zurückschreckt.

Sacha Goerg, 1975 in Genf geboren, hat den belgischen Autorenverlags „L’Employé du Moi“ mitbegründet und ist in Deutschland auch als einer der Zeichner der Graphicnovela „Sechs aus 49“ (als Buch bei Schreiber & Leser) bekannt geworden. „Roses Lächeln“ dürfte den Belgier nun noch bekannter machen – es wird Zeit, dass er nachlegt.

Sacha Goerg: Roses Lächeln, Reprodukt Verlag, Berlin, 2015, 102 Seiten, broschiert, 20 Euro, ISBN 978-3956400681, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Stalking in Stockholm – Kepler kann’s doch

Ich jage dichRund ein Jahr lang hat Lars Kepler seine Leser warten lassen. Jetzt endlich ist der fünfte Kriminalroman mit dem eigensinnigen Ermittler Joona Linna erschienen – und das Rätsel um seinen möglichen Tod gelöst. Anfangs noch etwas wacklig auf den Beinen sucht er diesmal einen brutalen Serienmörder und Stalker, der offenbar ein heftiges Problem mit Frauengesichtern hat. Glücklicherweise ist der fünfte Band durchdachter und spannender als sein Vorgänger.

Stellen Sie sich vor, es ist Abend und Sie sitzen allein mit einem Glas Wein auf dem Sofa und schauen Fernsehen. In einer Werbepause blicken Sie gedankenverloren aus dem Fenster und entdecken plötzlich ein Gesicht an der Scheibe. Im nächsten Augenblick ist es verschwunden, und Sie können sich nicht mehr sicher sein, ob Sie es wirklich gesehen haben. Sie stehen auf und treten näher ans Fenster, doch dort spiegelt sich nur das hell erleuchtete Zimmer, in dem Sie stehen. Hat Ihnen die eigene Müdigkeit ein Schnippchen geschlagen? Sie lächeln über ihre Angst und kehren zum Sofa zurück. Doch jetzt haben Sie ein Geräusch gehört und fragen sich: Bin ich wirklich allein?

Die Frauen, die in Stockholm dem Stalker begegnen, stellen sich diese Frage nicht lange, denn schon im nächsten Moment bringt er sie auf blutrünstige und bestialische Art und Weise um. Er entstellt ihre Gesichter und lässt die Leichen in rätselhaften Positionen zurück. Der Polizei mailt er zuvor ein Video, das das Opfer noch zu Lebzeiten zeigt, gefilmt durch die hell erleuchteten Fenster. Die Informationen reichen jedoch nie aus, um den Mord zu verhindern.

Großteil der Spuren vernichtet

Gerade der letzte Mord aber hat es noch besonders in sich, denn der Ehemann des Opfers findet seine Frau kurz nach der Tat und reagiert panisch. Er putzt das Haus und trägt seine Frau ins Bett. Für die Kriminalpolizei ist es ein Fiasko, weil er damit den Großteil der Spuren vernichtet hat. Hinzu kommt, dass der Ehemann unter der traumatischen Erfahrung einbricht und sich nur noch bruchteilhaft daran erinnert, was er gesehen hat. Die Landeskriminalpolizei unter Leitung der hochschwangeren Kommissarin Margot Silverman beauftragt den Psychiater Erik Maria Bark damit, den Ehemann unter Hypnose zu befragen.

Kepler-Leser kennen Bark schon seit dem Debüt-Roman „Der Hypnotiseur“. Inzwischen ist er von seiner Frau geschieden, hat hin und wieder Frauenbekanntschaften und frönt immer noch seinem Laster, der Tablettensucht. Die Hypnose des Ehemanns führt ihn zurück zu einem alten Fall, bei dem der Tatort ähnlich aussah. Bark verschweigt der Polizei dieses Detail, offenbart sich aber gegenüber seinem besten Freund Joona Linna. Gemeinsam ermitteln sie auf eigene Faust, aber auch sie können das Morden nicht aufhalten. Und plötzlich steht Bark selbst direkt in der Schusslinie.

Mit dem neuen Roman hat das schwedische Autoren-Ehepaar Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler zu seiner alten Klasse zurückgefunden. Die liebgewonnenen Charaktere Joona Linna und Erik Maria Bark entwickeln sich entscheidend weiter, und auch andere Figuren aus der Reihe tauchen wieder auf. Neu in dem Gefüge ist die schwangere Kommissarin Margot Silverman, die trotz weit vorgeschrittener Schwangerschaft noch arbeitet und unter der zusätzlichen Belastung leidet, einen schnellen Ermittlungserfolg vorweisen zu müssen. Lars Kepler lässt sie deshalb leicht aus der Haut fahren, sie ist oft genervt, ähnlich starrköpfig wie Linna und wirkt über weite Strecken des Buches eher unsympathisch. Sie ist für den Leser nicht leicht zu nehmen, und gerade das macht sie zu einer der interessantesten Figuren.

Spannend und dramatisch

Litt der Vorgänger noch an zahlreichen Ungereimtheiten, so merkt man diesem Roman an, dass er besser recherchiert worden ist. Nach wie vor schreibt Lars Kepler sehr brutal und blutig; für zarte Gemüter ist auch der neue Roman deshalb nicht geeignet. Als Schwedenkrimi-Leser ist man einiges gewöhnt, aber hier legt Kepler nochmal eine Psycho-Schippe nach. Es ist spannend und dramatisch, und die kurzen Kapitel sorgen für einen ganz eigenen Lese-Sog. Es bleibt zu hoffen, dass die restlichen Bände der auf acht Bücher ausgelegten Serie weiterhin auf diesem Niveau bleiben.

Fraglich ist aber erneut, warum der Bastei Lübbe Verlag den passenden Titel der schwedischen Originalausgabe („Stalker“) nicht übernommen, sondern ihn mit „Ich jage dich“ übersetzt hat. Die Umschlaggestaltung mit einem auf den Betrachter gerichteten Fotoapparat unterfüttert die Deutungsmöglichkeit, dass nicht Stalking das Thema des Buches ist, sondern vielleicht ein Paparazzo. Der Mörder aber fotografiert seine Opfer nicht, sondern filmt sie. Positiv hervorzuheben ist allerdings, dass der Verlag weiterhin seiner Linie treu bleibt und die Bücher der Serie mit farblich passenden Lesebändchen versieht.

Lars Kepler: Ich jage dich, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2015, 687 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3785725115, Leseprobe

Die Matrix über Berlin

DeleteErinnern Sie sich an den Film „Die Matrix“ der Wachowski-Geschwister? Bestimmt. Aber können Sie auch mit dem Fassbinder-Film „Welt am Draht“ noch etwas anfangen? Gemein haben diese Streifen, dass ihre Hauptpersonen mit einem Mal feststellen, dass sie nur Simulationen in einer Computerwelt sind. In Karl Olsbergs neuem Thriller „Delete“ scheint sich die Matrix plötzlich über Berlin zu legen. Ein interessantes und zugleich spannendes Gedankenspiel.

Vier Studenten werden in Berlin vermisst. Sie alle haben dasselbe Online-Rollenspiel gespielt: World of Wizardry (Genrekenner werden das Vorbild dafür schnell erahnen). Mina Hinrichsen steuert gerade ihre Halb-Ork-Kriegerin durch die virtuelle Welt, als plötzlich die Spielfigur eines Freundes „O mein Gott, es ist wahr!“ und „Welt am Draht! Alles ist wahr!“ ruft, stehen bleibt und sich fortan nicht mehr rührt.

Mina versucht, den Freund in der realen Welt zu erreichen und eine Erklärung für dessen mysteriöses Verhalten zu bekommen, aber Thomas reagiert weder auf Telefonanrufe noch auf Sturmklingeln an der Tür. Seine Eltern haben nichts von ihm gehört, Freunde und Kommilitonen ebenfalls nicht.

Von Thomas fehlt jede Spur

Mit einer Finte gelangt Mina in Thomas‘ Wohnung und entdeckt, dass er offensichtlich ohne Schlüssel die Wohnung verlassen hat. Die Vorhänge sind zugezogen, das Bett nicht gemacht, und der Laptop läuft noch. Doch von Thomas fehlt jede Spur. Aus einem Reflex heraus nimmt Mina von Thomas‘ Nachttisch das Buch „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye mit – Vorlage für den Film „Welt am Draht“ von Rainer Werner Fassbinder.

Galouyes „Simulacron-3“, Fassbinders „Welt am Draht“, „Die Matrix“ der Wachowski-Geschwister, aber auch Roland Emmerichs „The 13th Floor“, Platons Höhlengleichnis oder René Descartes‘ „Cogito ergo sum“ – sie alle haben die simulierte Realität zum Thema. Mina recherchiert und stößt dabei aber nur auf immer mehr offene Fragen.

Wie es der Zufall – oder vielmehr: der Autor – will, steht in Berlin die „Sonderermittlungsgruppe Internet“ des LKA kurz vor dem Ende, wenn sie nicht endlich beweist, dass sie doch zu etwas nutze ist. Ihr neuer Leiter Adam Eisenberg ist soeben von Hamburg nach Berlin gewechselt und muss ein Team von höchst eigenwilligen Einzelgängern zu einer Einheit formen. Einer von ihnen, Benjamin Varnholt, erfährt während seiner verdeckten „Ermittlungen“ in World of Wizardry (tatsächlich hatte er bislang nichts zu tun und spielt deshalb während der Arbeit lieber Computer) von Minas Recherchen.

Fall aus einem Computerspiel

Hauptkommissar Eisenberg ist zunächst noch skeptisch, ob ein Fall aus einem Computerspiel tatsächlich der richtige Beweis für die notwendige Existenz der Ermittlungsgruppe ist. Er ändert seine Meinung aber, als bekannt wird, dass nicht nur Mina Hinrichsen ihren Kommilitonen in der realen Welt als vermisst gemeldet hat, sondern dass alle anderen drei verschwundenen Studenten ebenfalls polizeilich als vermisst gemeldet sind. Und plötzlich ist auch Mina wie vom Erdboden verschluckt.

Ist Mina – wie wir alle – nur ein simulierter Mensch in einer simulierten Welt und von einem Admin oder einem allmächtigen Schöpfer gelöscht worden, weil sie der Wahrheit zu nah kam? Und teilt sie das Schicksal mit den anderen vier vermissten Studenten? Oder ist ein Serienmörder am Werk?

Karl Olsberg verwebt die philosophischen Fragen unserer Existenz zu einem spannenden Technikthriller. Wer sich darauf einlassen kann, wird auch durch Olsbergs lesenswertes Nachwort interessante Anregungen für weitere Recherchen und Überlegungen zu diesem Thema bekommen. Auch Olsbergs Blog ist zu empfehlen. Dort gibt es schon die ersten zwei ergänzenden Kurzgeschichten zum Roman „Delete“ zu lesen. Die dritte soll im August erscheinen.

Karl Olsberg ist vom Fach

Karl Olsberg, der mit seinem Pseudonym seiner Heimatstadt im Sauerland ein würdiges Denkmal setzt, ist vom Fach: Er promovierte über Anwendungen künstlicher Intelligenz, war Geschäftsführer und Gründer zweier Unternehmen in der New Economy und wurde von der Wirtschaftswoche mit dem „eConomy Award“ für das beste Start-up im Jahr 2000 ausgezeichnet. Auch andere Bücher von ihm beschäftigen sich mit der Computerwelt („Das System“, „Rafael 2.0“, „Schöpfung außer Kontrolle“).

Und so geht’s auch weiter, denn die „Sonderermittlungsgruppe Internet“ (SEGI) darf weitermachen. Auf Anfrage von Seitengang erklärt Olsberg: „Ich bin gerade dabei, die erste Rohfassung des zweiten SEGI-Romans abzuschließen, der im nächsten Frühjahr im Berlin Verlag erscheinen wird. Worum es in dem Buch geht, verrate ich noch nicht.“ Ob und wenn ja, wie viele weitere SEGI-Geschichten dann noch folgen werden, sei ungewiss und hänge auch vom Erfolg der Bücher ab. „Aber Ideen habe ich noch“, sagt Olsberg.

Sind wir real? Ist die Welt, in der wir leben, real? Oder ist das alles nur ein groß angelegtes Computerexperiment? Sind Déjà-vus wirklich Fehler in der Matrix? Zu diesen Gedankenspielen muss man bereit sein, wenn man Olsbergs Thriller mit Freude lesen möchte. Den Rest erledigen wechselnde Perspektiven und interessant angelegte Personen, die Entwicklungspotential haben und nicht an üblichen Kommissar-Klischees leiden. Das ist keine hochtrabende Literatur, aber spannende Unterhaltung mit interessanten Gedankenspielen. Fortsetzung folgt? Ja, bitte!

Karl Olsberg: Delete, Berlin Verlag, Berlin, 2013, 461 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro, ISBN 978-3833309397, Leseprobe

In des Waldes finstern Gründen

WildwoodAls die zwölfjährige Prue nur einen Moment nicht aufpasst, geschieht das Unfassbare: Ein Schwarm Krähen greift sich ihren kleinen Bruder Mac und fliegt mit ihm in die „Undurchdringliche Wildnis“ jenseits der Stadt. Die mutige Prue zögert nicht lang und macht sich auf, ihren Bruder zu retten. So beginnt eines der derzeit schönsten Kinder- und Jugendbücher: „Wildwood“, geschrieben von Colin Meloy und zauberhaft illustriert von dessen Frau Carson Ellis.

Prue lebt mit ihrem einjährigen Bruder Mac und ihren Eltern in Portland im amerikanischen Bundesstaat Oregon. Im Südosten grenzt die Stadt an die „Undurchdringliche Wildnis“, jene finsteren Wälder, die kaum ein Mensch je betreten hat und wovor die Eltern stets warnen. Nur wilde Tiere leben dort, und die gehen wenig zimperlich mit Menschen um, die ihre Grenzen übertreten, heißt es. Doch jetzt sind die Tiere in die Stadt eingedrungen und haben ein Baby entführt, Prues Bruder!

Mit ihrem Klassenkameraden Curtis macht sich Prue auf, ihren kleinen Bruder aus den Fängen der Krähen zu retten. Der Übergang in die „Undurchdringliche Wildnis“ ist wesentlich einfacher als gedacht, denn ganz so undurchdringlich ist sie gar nicht. Doch als sie auf die erste Lichtung stoßen, wird ihnen schnell klar, dass hier einiges anders ist als drüben in der Stadt. Dort auf der Lichtung nämlich hat sich ein Dutzend Kojoten um die Überreste eines Lagerfeuers versammelt – und sie sprechen miteinander und tragen alle die gleichen roten Uniformen!

Eine ganz schön fiese Pflanze

Eine seltsame Welt haben die beiden da betreten. Und auf ihrer Reise erleben sie noch viel eigentümlichere Dinge. Phantasievoll und mit Witz erzählen Meloy und Ellis ein skurriles Märchen über gefiederte Freunde, eine böse Hexe, Kojoten und Räuber. Es geht um Macht, Magie und Politik. Und ganz nebenbei erfährt der Leser, dass Efeu im Grunde eine ganz schön fiese Pflanze sein kann.

Bemerkenswert sind auch die Illustrationen und Farbtafeln von Carson Ellis, die durch die Gestaltung der Alben von „The Decemberists“, der Band ihres Mannes, bekannt wurde. Ihr Stil ist großartig und zeigt ihr deutliches Gespür für Minimalistik. Eindrücke der Illustrationen sind im Buchtrailer des Verlags zu sehen.

Wahrlich eines der schönsten Kinder- und Jugendbücher der heutigen Zeit! Wer schon erwachsen ist, liest es, vielleicht im Lehnstuhl sitzend, Kindern vor. Sobald die im Bett sind, liest man heimlich weiter – garantiert.

Wiedersehen mit der mutigen Portland-Prue

Die Fortsetzung zu „Wildwood“ ist in Amerika schon erschienen, in Deutschland ist noch kein Veröffentlichungsdatum bekannt. Sicher aber ist: Die Abenteuer gehen weiter, und es gibt ein Wiedersehen mit der kleinen, mutigen Portland-Prue. Unbedingt lesen!

Colin Meloy/Carson Ellis: Wildwood, Heyne Verlag, München, 2012, 591 Seiten, gebunden, mit sieben Farbtafeln und 30 Schwarz-weiß-Illustrationen, 19,99 Euro, ISBN 978-3453267145