Im Modder und Zauber von Berlin

Die Mode- und Porträtfotografin Kerstin Ehmer hat sich in Berlin besonders wegen ihrer „Victoria Bar“ einen Namen gemacht. Seit 2001 führt sie mit ihrem Mann diesen Hort für alle Connaisseure der gepflegten und ernsthaften Trinkkultur. Jetzt hat sie ihren ersten Kriminalroman geschrieben. „Endlich!“, möchte man rufen, denn was Ehmer da unter dem Titel „Der weiße Affe“ vorgelegt hat, ist ein wahrlich kluges und raffiniertes Kriminalstück aus der Zeit der Weimarer Republik, sprachlich umwerfend dazu.

Der junge Kommissar Ariel Spiro ist soeben aus dem brandenburgischen Wittenberge nach Berlin gezogen. Noch nicht einmal seinen Koffer kann er auspacken, da ermittelt er schon in seinem ersten Fall in dieser berauschenden Großstadt. Der jüdische Bankier Eduard Fromm liegt mit eingeschlagenem Kopf auf der Stiege im Hinterhaus, kurz vor der Tür seiner Geliebten. Mund offen, Blick starr geradeaus, als habe ihn der Schlag getroffen.

Kurz zuvor hatte er noch seine Hilde besucht. Viermal in der Woche kam er und war der ehemaligen Tänzerin ein Gönner und Geliebter. Hatte ihr nach seinen peniblen Vorstellungen die Wohnung eingerichtet und ein ganz besonderes Schmuckstück als Dauerleihgabe gebracht: einen weißen Porzellan-Affen. Und allzu gern überfraß der Bankier sich an Schweinewürsten, erzählt man sich.

Zeit der nationalsozialistischen Emporkömmlinge

Nicht nur Spiro ist bass erstaunt, sondern auch Fromms Ehefrau Charlotte, eine zartgliedrige Konzertpianistin, sowie die beiden Kinder Ambros und Nike, beide nicht weniger anmutig. Spiro, der sonst immer wieder betont, er sei kein Jude – seine Mutter habe Shakespeare verehrt, Lieblingsstück „Der Sturm“, und Ariel ein Luftgeist – verschweigt das vor der Familie geflissentlich. Es ist die Zeit, wo mit den nationalsozialistischen Emporkömmlingen auch der Antisemitismus erstarkt. Spiro ist kein Antisemit; er erhofft sich mehr Offenheit, wenn die Familie glaubt, auch er sei Jude.

Spiro verfolgt so manche falsche Fährte, die ihn tief in den Morast der zwanziger Jahre der deutschen Hauptstadt bringt, in die Bars und Spelunken, auf die grellen Prachtstraßen und in die finsteren Gassen mit ihrem löcherigen Kopfsteinpflaster. „Diese Stadt ist ein Sumpf“, sagt ihm ein Kollege der Berliner Polizei. „Wo immer Sie hier hintreten, Spiro, da ist Modder.“

Eine Schönheit par excellence

Kerstin Ehmer vermag diesen Modder und Zauber der Großstadt und der damaligen Zeit so grandios einzufangen, dass es eine Freude ist. Trotz düsterem Sujet sind die Worte, ist die Sprache eine Schönheit par excellence. Schon der Duktus führt den Leser in die damalige Zeit. Die Phantasie eines jeden tut ihr übriges.

Die Figuren sind bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt. Spiros Mitbewohner Jack etwa, den man sich wirklich ans Herz liest, arbeitet in der Bar „La Cocotte“ und nennt einen Hund namens „Erbse“ sein Eigen. Oder die grünäugige Bankierstochter Nike, der Spiro blauäugig verfällt, die Medizin studiert und nebenbei als Sexualtherapeutin im berühmten Hirschfeld-Institut arbeitet. Und dann sei auch noch die rätselhafte Figur erwähnt, der wir in kursiv gesetzter Schrift dann und wann folgen, einem Kind, das unter Drogen gesetzt irgendwo in Berlin in einem Verschlag sein Leben fristet und 14 Jahre keine Schule von innen gesehen hat.

Eine Fährte, eine Fährte!

Dieser Fall, dieser Roman ist spannend gewoben, fürwahr – und man darf nicht mehr erzählen, um nicht Gefahr zu laufen, zu viel zu verraten. Sie wollen wissen, was es mit dem titelgebenden weißen Affen auf sich hat? Eine Fährte, eine Fährte. Wie so viele!

Die Zeit der Goldenen Zwanziger findet seit einigen Jahren wieder zurück in die heutige Kultur. Maßgeblichen Anteil daran hat Volker Kutscher mit seinen Romanen um den Kriminalkommissar Gereon Rath. Ihm folgten etwa eine ebenso lesenswerte Graphic-Novel-Bearbeitung von Arne Jysch sowie die gefeierte Serien-Adaption „Babylon Berlin“. Kerstin Ehmers Krimi sollte man jedoch nicht als kleinen Nachen sehen, der im Fahrwasser von Kutschers Romanen im Landwehrkanal dümpelt. „Der weiße Affe“ schlägt seine ganz eigenen Wellen. So sehr, dass wir am Ende nur hoffen und bitten, dass Ariel Spiro zurückkommen möge und „Der weiße Affe“ der phänomenale Auftakt einer neuen Krimi-Reihe ist. Darauf einen Charleston!

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2017, 280 Seiten, broschiert, 17 Euro, ISBN 978-3865325846, Leseprobe

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Hart, aber herrlich

neonregenEndlich haben die deutschen Leser James Lee Burke für sich entdeckt. Schon in den 90er Jahren gab es Versuche, den US-amerikanischen Autor auf dem deutschen Buchmarkt zu etablieren – ohne durchschlagenden Erfolg. Jetzt scheint seine Zeit gekommen zu sein. Dem kleinen Pendragon-Verlag aus Bielefeld gebührt dabei alle Ehre, denn dort werden in den nächsten Jahren alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe erscheinen, teilweise erstmalig auf Deutsch. Mit „Neonregen“ ist im Sommer 2016 der Band veröffentlicht worden, in dem der eigenwillige Krimi-Held zum ersten Mal die Bildfläche betritt. Sie sind Hardboiled-Fan? Dann sollten Sie das gelesen haben!

Dave Robicheaux ist Lieutenant beim New Orleans Police Department und bekommt von einem zum Tode Verurteilten den Hinweis, dass die kolumbianische Drogenmafia zu gerne seinen Kopf hätte. Der Organisation ist nämlich sauer aufgestoßen, dass Robicheaux vor einiger Zeit die Leiche einer jungen Frau aus dem Wasser gezogen hat, die die Mafia da so sicher versenkt geglaubt hatte. Ziemlich ärgerliche Sache für die Mafia, denn Robicheaux hat Lunte gerochen und ermittelt jetzt gegen alle Widerstände, auch gegen die der CIA. Mit seinem besten Freund Clete Purcel macht er den bösen Jungs und Querschlägern aus den eigenen Reihen deutlich: So läuft das hier nicht!

Und Robicheaux ist wirklich ein Held, ein toller Kerl und ein feiner Mann zugleich. Vietnam-Veteran und Kenner der englischen Literatur. Ein harter Hund mit Idealismus. Lebenssüchtig, aber auch alkoholkrank und deshalb eher für Softdrinks zu haben. Und die fantastischen Beschreibungen des Aufgießens eines Dr. Peppers in ein mit Crushed Ice aufgefülltes Glas macht unbändige Lust, es dem Ermittler gleichzutun. Wer sie beim Lesen nicht spürt, dem entgehen womöglich auch die anderen intensiven Fabulierkünste Burkes. Der Autor vermag es, über mehrere hundert Seiten ein bildgewaltiges Kopfkino zu erzeugen, das mitunter allerdings auch recht blutig und brutal ausfällt. Zimperliche Seelen sollten deshalb hier eher nicht zugreifen. Nicht umsonst gehören die Robicheaux-Krimis zum Hardboiled-Genre.

Chronist der Zeitgeschichte

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Burke auch ein Chronist der Zeitgeschichte ist, denn seine Bücher spiegeln immer die aktuelle politische Lage wieder. In „Neonregen“, den Burke erstmalig 1987 veröffentlichte, ist die Iran-Contra-Affäre das wichtige Thema. Die Contras waren eine Guerilla-Bewegung in Nicaragua, die gegen die sozialistische Regierung kämpfte. Zur Unterstützung leitete die damalige US-Führungsspitze unter Ronald Reagan Gelder aus geheimen Waffengeschäften mit dem Iran an die Contras weiter. Die wiederum hatten jahrelang tonnenweise Kokain in die USA geschmuggelt, was die CIA auch wusste, aber dagegen nichts unternahm.

Die Robicheaux-Reihe sollte man natürlich mit „Neonregen“ beginnen. Der Pendragon-Verlag hat bereits Band 2 der Reihe veröffentlicht („Blut in den Bayous“). Dann aber wird’s schwierig mit der Lesereihenfolge, denn bisher sind ansonsten nur „Mississippi Jam“ (Band 7, zur Rezension) und „Sturm über New Orleans“ (Band 16) erschienen. Ein Manko? Nein, die unsortierte Veröffentlichung ist nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt. Greifen Sie zu!

James Lee Burke: Neonregen. Ein Dave-Robicheaux-Krimi (Band 1), Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 432 Seiten, Taschenbuch, 17 Euro, ISBN 978-3865325488

Seitengang dankt dem Pendragon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Gewaltige Fabulierkunst

Mississippi JamWie Phönix aus der Asche steigt seit einiger Zeit der US-Autor James Lee Burke auf dem deutschen Buchmarkt auf und wird hier – endlich! – gefeiert. Nach weniger erfolgreichen Versuchen der Verlage Ullstein und Goldmann in den 90er Jahren, ihn den deutschen Lesern schmackhaft zu machen, gelingt das nun dem Heyne-Verlag, vor allem aber dem Bielefelder Kleinverlag Pendragon. Letzterer hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle 20 Bände der Dave-Robicheaux-Reihe zum Teil erstmals auf Deutsch herauszubringen. Eine wahre Wucht von nervenaufreibendem Hardboiled-Krimi ist der 588-Seiten-Wälzer „Mississippi Jam“.

Das Buch ist unbedingt zu empfehlen – das weiß man besser, bevor man etwas über den Plot erfährt. Es klingt einfach geradezu hanebüchen: 1942 soll vor dem Mississippi-Delta ein U-Boot der Nazis gesunken sein, an Bord ein sagenumwobener Nazi-Schatz. Einige zwielichtige Schatzsucher wollen das Wrack rund 50 Jahre später bergen, und niemand Geringeres als ausgerechnet Dave Robichaeux weiß, wo das Ding liegt. Robicheaux ist Detective und Bootsverleiher mit Anglerladen in New Orleans, hat mittlerweile einiges auf dem Kerbholz, Vietnam-Erfahrungen und Alkohol-Narben, aber immerhin eine tolle Frau, seine dritte.

Ja, er ist ein ziemlich harter Hund, und dennoch erschüttert es ihn, als ihm nicht nur die städtischen Gangster auf den Pelz rücken, sondern auch noch der skrupellose Neo-Nazi Will Buchalter deutlich macht, dass auch er ein intensives Interesse an dem U-Boot hat. Man könnte jetzt sagen: komm, das ist eine schöne Südstaaten-Posse. Aber „Mississippi Jam“ geht empfindlich darüber hinaus. Denn was der Nazi-Psychopath da so abliefert, gehört zu den krassesten gewaltlosen Wunden, die man so schlagen kann. Und damit nicht genug. James Lee Burke ist ein famoser Fabulierer! Wie er die rivalisierenden Milieus der Stadt zeichnet und den florierenden Drogenhandel, den Rassismus und Judenhass, und wie liebevoll und gleichzeitig erbarmungslos er Menschen beschreibt, das ist literarisch auf hohem Niveau. Sie werden außerdem selten so intensive und mitreißende Schilderungen der Louisiana-Landschaft und ihrer Wetterumschwünge gelesen haben wie in „Mississippi Jam“.

Schneise der Verwüstung im Garten Eden

Und dann sind manche Passagen auch perfekte Vorlagen für das eigene Kopfkino. Allein die Szene, wie Robicheauxs bester Freund Clete Purcel ins Führerhaus einer Planierraupe steigt und damit eine Schneise der Verwüstung durch den Garten Eden und die Villa eines Mafiosos zieht, ist wahrlich eine Pracht und muss eigentlich auch auf die große Leinwand. Burke kommentiert lapidar: „Die Römer in Karthago konnten ihre Sache kaum besser und gründlicher gemacht haben.“ Viele andere Szenen könnten auch einer Tarantino-Idee entstammen, das heißt, man muss als Leser schon gewalttätige und blutige Auseinandersetzungen in Krimis mögen, um das Buch nicht zur Seite zu legen.

Burke hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Robicheaux nach seinem Vorbild geschaffen hat. Wie sein Krimi-Held hat auch der 79-jährige Burke eine Alkoholvergangenheit und wie sein Alter Ego wohnt er in der Stadt New Iberia nordwestlich von New Orleans. Sein Held ist nur nicht so mit renommierten Preisen überhäuft, darunter als einer von wenigen Autoren gleich zwei Mal mit dem Edgar-Allan-Poe-Award und mit dem Hammett Prize.

Seit 1987 hat Burke insgesamt 20 Bände für die Robicheaux-Reihe geschrieben. Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat indes angekündigt, sie in den nächsten Jahren nach und nach auf Deutsch zu veröffentlichen, allerdings nicht chronologisch. „Mississippi Jam“, im amerikanischen Original 1994 als „Dixie City Jam“ veröffentlicht, ist der siebte Band. Zuvor ist mit „Sturm über New Orleans“ („The Tin Roof Blowdown“, 2007) schon Band 16 erschienen. Ganz neu hat Pendragon im Juli Band 1 („Neonregen“) der Reihe in einer überarbeiteten Übersetzung herausgegeben. Die unsortierte Veröffentlichung ist im Übrigen nicht hinderlich für den Lesegenuss, denn Robicheauxs persönliche Historie wird in jedem Roman ausreichend erklärt.

Dem Verlag aus Bielefeld ist jetzt Durchhaltevermögen zu wünschen, auf dass irgendwann tatsächlich alle 20 Bände über den hartgesottenen Sheriff auf Deutsch und in ansprechender Übersetzung vorliegen. Das wäre eine Pracht für alle Hardboiled-Fans, und für die Burke-Fans ohnehin. Dieser Mann ist einfach ein Könner seines Genres, und es wird Zeit, dass die deutschen Leser das endlich erkennen. Vielleicht braucht es einfach einen neuen alten Kult-Krimihelden. Voilà, dürfen wir vorstellen? Dave Robicheaux.

James Lee Burke: Mississippi Jam, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2016, 588 Seiten, broschiert, 17,99 Euro, ISBN 978-3865325273, Leseprobe

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 3./4. September 2016) erschienen.

Zwischen Astra und Auftragskillern

Blaue NachtTreffen sich ein österreichischer Auftragskiller, ein albanischer Drogenboss und eine Hamburger Staatsanwältin… So könnte ein schlechter Witz beginnen. Simone Buchholz‘ „Blaue Nacht“ ist weder Witz noch schlecht. Ihr neuster Wurf ist schlichtweg einer der besten Krimis dieses Frühjahrs. Völlig zu Recht hat er es im Mai auf der Bestenliste der Wochenzeitung „Die Zeit“ von Null auf Platz eins geschafft.

Die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley hat es nun wirklich nicht leicht. Zum einen ist sie als Halbamerikanerin mit dem furchtbaren Vornamen geschlagen, der immer noch partout falsch verstanden wird. Zum anderen aber ist sie mittlerweile zur Opferschutzbeauftragten degradiert worden, nachdem sie einen Vorgesetzten der Korruption überführt und einem Gangster die Familienplanung unmöglich gemacht hat. Cojones hat der jedenfalls allerhöchstens noch im übertragenen Sinne.

Ihr neuster Fall ist von drei üblen Jungs regelrecht fertig gemacht worden. Kaum ein Knochen ist nicht gebrochen, den rechten Zeigefinger hat er, schnipp-schnapp, gleich ganz verloren. Der Mann ohne Namen liegt im Krankenhaus, und ausgerechnet Riley soll nun rausfinden, wer das ist, und wer den Mann so zugerichtet hat. Der aber schweigt beharrlich und lässt sich nur durch die beherzte Astra-Zufuhr erweichen, überhaupt mal mit ein paar Infos rüberzuwachsen. Dadurch kommen Riley und ihre Kollegen einem Ganoven auf die Schliche, der seit Jahren unbehelligt sein Unwesen in der Hamburger Unterwelt treibt, weil er in den Mächtigen der Stadt ebensolche Schutzpatrone hat.

Starke Sprache

Was diesen Roman vor allem so stark macht, ist die Sprache. Was ist das nur für eine Autorin, die so kiezig, so lakonisch, so raubeinig schreibt, dann aber wieder so melancholische Bilder findet? Wer schöne Wörter und Ausdrücke sammelt, kann in „Blaue Nacht“ ein wahres Sammelsurium entdecken. „Der Mond hängt vor meinem Fenster, er ist drauf und dran, sich zu halbieren, und der Hafenstaub hat auch noch einen seiner speziellen Filter draufgepackt. Er sieht aus wie eine große, gelbe Kartoffel.“ Aus Fenstern „kullert gelbes Licht“, in Wohnungen hausen Menschen mit Namen „wie schlechtes Wetter: Niesgrau und Tuschrack“ und „im Hintergrund biegen sich ein paar unerhört magere Birken im Wind nach rechts. Industriegebietsbaumbestand.“

Und der Hamburger Lokalkolorit kommt selbstverständlich auch nicht zu kurz. Allenortens wird Astra gereicht, die Reeperbahn, St. Pauli, die Hafenfähren, die Elbphilharmonie finden ihren Weg in die Geschichte. Und wie schon in Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“ ist auch bei Simone Buchholz eine Kiezkneipe einer der wesentlichen Schauplätze ihres Romans. Da wird nach allen Regeln der Kunst gesoffen, und auch Riley langt kräftig zu. Die „Blaue Nacht“ gibt es übrigens wirklich, eine Fußballkneipe, in einer Parallelstraße zur Reeperbahn. Und wie bei Buchholz dudelt auch hier regelmäßig die Jukebox.

Gefühlt ist Riley wirklich mehr in der Kneipe als mit dem Fall beschäftigt, und manchmal möchte man sie am Kragen aus der Kneipentür schleifen und sagen: Mädchen, nun mach doch mal, die Spannung lässt nach. Und schon hat er dich selbst gepackt, der Roman, denn du bist drin im Plot, du willst, dass Riley den Kopf von der Theke nimmt und die Ermittlungen vorantreibt. Etwas Besseres kann einem Roman und seinem Leser doch gar nicht passieren als die unmittelbare Nähe zur Protagonistin! Denn schon wenig später möchte man sich auch allzu gern auf einen leeren Hocker an der Theke schwingen und zwei weitere Astra bestellen, eins davon für Riley.

Crystal Meth und der neue Wahnsinn namens „Krok“

Das Subthema, die Modedroge Crystal Meth und der neue Wahnsinn namens Krokodil („Krok“), kommen dafür leider etwas zu kurz. Die Darstellung von Drogenabhängigen hätte im Vergleich zur übrigen Gewaltdarstellung etwas drastischer sein können. So wirkt Rileys Reaktion, als sie zum ersten Mal Krok-Abhängige sieht, etwas dürftig, blass, verhalten, wohl auch ungewöhnlich naiv für eine Staatsanwältin ihres Schlags: „Ich kann mich nicht bewegen und ich kann nichts sagen. Ich möchte: schreien. Weinen. So was darf es einfach nicht geben.“ Das ist eine Kleinmädchenrechnung. Und was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

„Blaue Nacht“ ist der sechste Teil der Reihe um die Staatsanwältin Chastity Riley, und man kann mit Fug und Recht behaupten, es ist auch der beste Teil bisher. Gelesen haben muss man die vorherigen Romane zum Verständnis nicht. Aber es schadet natürlich auch nicht. Möglicherweise war es für Buchholz ein geschickter Schachzug, für den neuen Band vom Verlag Droemer Knaur zu Suhrkamp zu wechseln. Die Aufmerksamkeit derzeit ist riesig. Möge sie noch lange anhalten und uns weitere so hervorragende Riley-Krimis besorgen. Noch ein Astra für uns zwei, Chastity?

Simone Buchholz: Blaue Nacht, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016, 238 Seiten, broschiert, 14,99 Euro, ISBN 978-3518466629, Leseprobe, Lesung bei zehnseiten.de, Simone Buchholz im Gespräch mit Ralf Grauel

„Sie rümpfen die Nase über uns“ – Sexarbeit im Porträt

Halbe Stunde„Früher konnte ich mich auch mal ausruhen, aber jetzt muss ich immer stehen und kucken, ob die Polizei kommt“, sagt Faghira. Sie ist 23 Jahre alt und arbeitet in einem Stundenhotel im Hamburger Stadtteil St. Georg. Die Fotografin Tanja Birkner hat sich dort drei Jahre lang mit Menschen aus der Prostitution getroffen und sie interviewt. Daraus ist das überzeugende Fotoprojekt „Halbe Stunde“ entstanden, eine Sammlung aus nahe gehenden Porträts in Text und Foto, vorurteilsfrei, respektvoll und nie voyeuristisch. Zunächst war es nur eine Ausstellung, jetzt sind die sensiblen Porträts auch als Buch erschienen.

Faghira heißt nicht wirklich Faghira. Es stimmt aber, dass sie aus Bulgarien kommt, dass sie erst seit zwei Jahren in Hamburg ist, und dass sie nicht nur in einem Stundenhotel arbeitet, sondern auch dort wohnt. Sie hat keine Papiere, denn dazu braucht sie eine Adresse, eine Wohnung. Dafür aber hat sie kein Geld, denn das wenige, das sie verdient, gibt sie für Verpflegung und ihr Zimmer aus. 40 Euro kostet das pro Tag. „Ich finde diese Arbeit nicht gut, aber ich weiß keine andere“, sagt sie.

Tanja Birkner hat ihr Gesicht von der Seite fotografiert. Hinter den langen dunklen Haaren lassen sich Mund und Nase erahnen, in der Hand hält Faghira eine Zigarette. Zwei Seiten weiter steht sie auf einer hölzernen Hängebrücke eines leeren Kinderspielplatzes, dem Betrachter hat sie den Rücken zugewandt. Das nächste Foto zeigt Faghiras Arbeitsplatz: Ein karges Zimmer, ein quadratisches Bett mit rosa Laken, darüber ein kleineres, weißes Laken, darauf ein rosa Handtuch. Am Kopfende ein aufgestelltes, weiß bezogenes Kissen, am Fußende eine Schachtel mit Taschentüchern. Links und rechts ein Nachttisch.

„Ich wusste, alles ist besser als zu Hause“

In „Halbe Stunde“ kommen die Porträtierten selbst zu Wort. Es ist nicht Tanja Birkner, die über sie schreibt, sondern die Menschen erzählen in der Ich-Form von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihren Wünschen und Ängsten sowie von ihrem Blick auf die Welt. So lernt man auch Mariam kennen, die beschreibt, wie sie mit 15 Jahren nach St. Georg gekommen ist, geflüchtet aus einer Familie, in der beide Elternteile schwere Alkoholiker waren. „Ich wusste, alles ist besser als zu Hause. Ich bin dann direkt in die Szene.“ Sie nimmt Drogen, ihr Leben klettert auf und ab, sie infiziert sich mit HIV.

Um sie herum hat sich die Prostitution verändert. Der Hamburger Senat erklärte St. Georg im Jahr 1980 zum Sperrbezirk. Straßenprostitution ist dort nicht mehr erlaubt. Wer dennoch von der Polizei erwischt wird, muss heute mit Bußgeldern von mindestens 200 Euro rechnen. Seit 2012 gilt ein zusätzliches Kontaktverbot. Seitdem kann die Polizei auch die Freier empfindlich bestrafen. Die Folge: Viele bleiben weg, die Preise sinken, das Arbeitsumfeld für die Prostituierten wird schwieriger und gefährlicher. Derweil wandelt sich auch der Stadtteil, der Hansaplatz wird renoviert, immer mehr neue Wohnungen entstehen. Mariam sagt: „Die Stundenhotels sind in Wohnungen umgewandelt worden, und die neu Hinzugezogenen rümpfen die Nase über uns.“

In ihrer Freizeit geht Mariam gerne ins Gewächshaus im Park Planten und Blomen, sie liest dort oder spielt mit ihrem Gameboy. „Im Gewächshaus gibt es eine Agave, die wächst aus dem Dach. Sie ist jetzt vierzig Jahre alt, wird diesen Sommer blühen und dann sterben“, erzählt sie. Mariam ist nicht mehr Vierzig geworden. Birkner notiert am Ende des Porträts: „Mariam starb im Januar 2015 an den Folgen ihrer Erkrankung.“

Veröffentlichung im Sinne der Beteiligten

Alle Porträtierten haben ihre Texte gegengelesen und konnten sie auch noch ändern, bevor sie veröffentlicht wurden. Auch bei den Fotos gab es ein Mitspracherecht. „So konnte ich sicher sein, dass die Veröffentlichung im Sinne der Beteiligten und der Idee des Projektes ist“, erklärt Tanja Birkner auf Anfrage von Seitengang. Voraussetzung für die Auswahl der porträtierten Menschen sei zunächst ein erstes Gespräch gewesen, in dem über die Idee, Zweifel und die Tragweite des Projektes gesprochen worden sei. „Dafür brauchte es dann manchmal auch die Unterstützung von Sozialpädagogen oder Dolmetschern.“

„Halbe Stunde“ ist konzeptionell hervorragend gestaltet. Auffällig ist zunächst der nur leicht durchsichtige Schutzumschlag, der die Farben des darunter liegenden Fotos abschwächt und ins Diffuse stellt. Wer den Band dann öffnet und zum ersten Porträt blättert, entdeckt auf der rechten Seite ein erstes Foto, auf der linken Seite nur den Namen, das Alter und ein Zitat. Darunter verweist eine Seitenzahl auf das Gesagte, das sich stets im hinteren Teil des Buches finden lässt. So gerät man unweigerlich in andere Fotos und andere Porträts, bevor man schließlich das Gesuchte liest. Von dort zeigt ein weiterer Seitenhinweis an, von welcher vorderen Seite man denn nun gekommen ist. Oder auf welcher Seite die Fotos zum Gesagten stecken, falls man sich vorher von anderen Worten hat ablenken lassen.

Man sollte sich, wie für einen Galeriebesuch, Zeit nehmen. Denn der Leser hält nicht nur eine beeindruckende Fotoausstellung in den Händen, sondern vor allem 16 Lebensgeschichten. Darunter sind zum einen die Zeugnisse der Frauen und Männer aus der Armutsprostitution, aber auch Tamara, Inhaber des Gay-Clubs „La Strada“, stellt seine Sicht dar. Oder der 23-jährige Jan, der als Escort arbeitet. Oder auch die selbstbewusste Domina Undine de Rivière, die das Prostitutionsgesetz zum Thema macht. Hier verändert sich auch die Wortwahl. Statt des Begriffs „Prostituierte“, der sich für manch einen so gut in Schubladen stecken lässt, sagt sie „Sexarbeiterinnnen“ und „Sexarbeiter“: „Wir wollen, dass unsere Arbeit anerkannt wird, was sie offiziell leider immer noch nicht ist.“ Nach wie vor fehle es an der gesellschaftlichen und politischen Anerkennung, stattdessen würden „verschiedene Seiten das Ganze am liebsten kriminalisieren“.

Intensive Auseinandersetzung

Wie sieht Tanja Birkner selbst inzwischen die Prostitution, vor allem die Armutsprostitution? „Durch die intensive Auseinandersetzung ist mir die Komplexität des Themas bewusst geworden“, erklärt sie gegenüber Seitengang. „Deshalb war es mir wichtig, möglichst viele unterschiedliche Facetten von Prostitution zu zeigen, wie zum Beispiel männliche und weibliche Prostitution, selbstbewusste Prostitution und auch Armutsprostitution, ohne zu bewerten oder zu stigmatisieren.“

Dass die Arbeit an der Porträtserie mitunter sehr schwierig war, es auch Einbrüche und Hindernisse gab, verhehlt sie nicht: „Es gab viele Momente, in denen ich kurz davor stand, das Projekt abzubrechen, weil es sich schwierig gestaltete – auch auf Grund des Kontaktverbots in St. Georg, das durch eine hohe Polizeipräsenz im Stadtteil durchgesetzt wird.“ Das sei keine gute Voraussetzung gewesen, Menschen dazu zu bewegen, über ihre Arbeit als Prostituierte zu erzählen und sich porträtieren zu lassen. „Einige der Menschen habe ich über den gesamten Zeitraum hinweg ein Stück weit begleitet und sie mich.“ Manche habe sie am Anfang getroffen, dann wieder aus den Augen verloren und nach zwei Jahren wieder getroffen. Andere seien am Anfang unsicher gewesen und hätten Zweifel gehabt, ob sie sich am Projekt beteiligen wollen. „Im Laufe der Zeit gab es die Möglichkeit, immer wieder in Kontakt zu kommen und über Unsicherheiten zu sprechen – so hat sich die Idee immer weiterentwickelt und auch die Beziehungen selbst“, erzählt sie.

Gestoßen ist sie auf das Thema schon deshalb, weil die Prostitution in Hamburg so sichtbar sei und mitunter sogar als Werbung für die Toleranz und Freizügigkeit der Stadt diene. „Aber Klischees und Mythen erschweren einen vorurteilsfreien Blick auf die Menschen, die sich prostituieren“, sagt Birkner. „Es gibt wenig Bilder, die von den Menschen selbst erzählen und die die Vielschichtigkeit des Themas beleuchten. Im Rahmen meines Projekts ging es mir genau um diese Vielschichtigkeit.“

Faible für Porträtserien

Tanja Birkner hat ein Faible für Porträtserien. Zuletzt hat sie sich im Projekt „Kleine Freiheit“ mit der Parallelstraße der Großen Freiheit in Hamburg beschäftigt und die Betreiber von alten Handwerksbetrieben und neuen Kreativschuppen porträtiert. Davor zeigte sie in „Xpac“ junge Flüchtlinge, die im Hamburger Stadtteil Billstedt leben, einem sozialen Brennpunkt der Stadt. Und 2004 fotografierte sie junge Frauen aus unterschiedlichen Kulturen mit und ohne Kopftuch. Dazu schreibt sie auf ihrer Webseite: „Die Portraits geben keinen eindeutigen Aufschluss über persönliche und kulturelle Hintergründe der Frauen. Dies soll so sein, um eine möglichst große Vielfalt an Bedeutungen – fern von Festlegungen – sichtbar zu machen.“

Eine möglichst große Vielfalt an Bedeutungen, die zeigt Birkner auch in „Halbe Stunde“. Fernab aller Klischees und Vorverurteilungen, stattdessen behutsam und mit Respekt. Ein Glossar klärt zudem über die wichtigsten Begriffe, Orte und Bars auf, die in den Texten erwähnt werden. Das ist hervorragend gemacht! Die Ausstellung ist weiterhin buchbar, und ihr ist zu wünschen, dass auch andere Galerien noch darauf aufmerksam werden und bereit sind, das Projekt zu zeigen.

Tanja Birkner: Halbe Stunde, Sieveking-Verlag, München, 2015, 160 Seiten, 75 Abbildungen, broschiert mit Schutzumschlag, 35 Euro, ISBN 978-3944874289, Sichtprobe, Webseite der Fotografin, Video-Trailer zum Fotoprojekt

Seitengang dankt dem Sieveking-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.