Buch Wien: Michal Hvoreckys „Troll“-Dystopie ist schon Realität

Michal Hvorecky im Gespräch mit Christa Eder. © LCM Foto Richard Schuster
Michal Hvorecky im Gespräch mit Christa Eder. © LCM Foto Richard Schuster

Die österreichische Tageszeitung Kurier kündigte nichts Geringeres an, als dass Michal Hvorecky „die Zukunft“ vorstelle. Am vergangenen Donnerstagabend war mit ihm einer der wohl bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller der Slowakei anlässlich der „Buch Wien“ zu Gast im Literaturhaus Wien. Im Gepäck hatte Hvorecky seinen neuen Roman „Troll“, der im November im Tropen-Verlag erschienen ist.

Darin entwickelt der Autor eine düstere Science-Fiction-Geschichte über ein Heer von Internet-Trollen, das die Online-Kommentarspalten und die sozialen Medien mit Hass flutet, die Massen beeinflusst und die öffentlichte Meinung in die gewünschte Richtung lenkt. Was bedeutet noch die eigene Meinung, wenn Trolle von allen Seiten mit Hass feuern? Die EU ist in Hvoreckys Szenario zerschlagen, im Osten beherrscht eine Diktatur das sogenannte „Reich“. Zwei Freunde entwickeln jedoch immer stärkere Zweifel und beschließen, das System von innen heraus zu stören. Dabei geraten sie selbst in die Unkontrollierbarkeit der Netzwelt – und an die Grenzen ihres gegenseitigen Vertrauens.

„Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Hass im Netz“, erklärt Hvorecky in Wien. Die neuen Trolle haben mit den alten mythischen Figuren nicht mehr viel gemein. „Sie kennen keine Grenzen, sie wollen die Gesellschaft spalten und sind ziemlich real.“ 2015 habe er angefangen, das Buch zu schreiben, aber mit der Zeit sei seine Fiktion Realität geworden. Spätestens mit dem Mord an dem slowakischen Investigativjournalisten Ján Kuciak und dessen Freundin im Februar 2018.

„Dreckige, antislowakische Prostituierte“

Kuciak hatte versucht nachzuweisen, dass höchste Regierungsbeamte mit der italienischen Mafia zusammenarbeiten und hatte immer wieder kritisch über Oligarchen geschrieben. Der damalige Premierminister Robert Fico betitelte Kuciak  und dessen unbequeme Journalistenkollegen daraufhin als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ oder „schleimige Schlangen“. Wenig später war Kuciak tot – erschossen.

Ganze Trollfabriken betreiben mittlerweile professionelle Propaganda für ihre Auftraggeber. „Falsche Kommentare wie ‚Clooney hat sich entschieden, für Trump zu wählen‘ kommen leider bei Menschen gut an – ob sie stimmen oder nicht“, erklärt der Autor. „Trolle wollen die Menschen verwirren und verachten die Freiheit.“

Er selbst sei schon oft Opfer des Trollings geworden: „Die kommen zu meinen Veranstaltungen, machen grässliche Fotos von mir, die sie im Internet verbreiten, und gleichzeitig legen sie mir Sätze in den Mund, die ich nie gesagt habe.“ So unterstelle man ihm etwa , dass er sich islamistische Angriffe wünsche oder dass alle Menschen homosexuell werden. „Es dauert leider länger, eine Wahrheit zu beweisen, als eine Lüge zu verbreiten.“

Engagiert sich für die Pressefreiheit

Wie Kuciak, mit dem er befreundet war, ist auch Hvorecky Journalist. Er lebt in Bratislava und schreibt regelmäßig Beiträge für die FAZ, die Zeit und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Was die richtige Reaktion auf solche Digitalattacken sei, fragt ORF-Moderatorin Christa Eder. Ob es nicht besser sei, sich aus den sozialen Netzwerken ganz zurückzuziehen. „Nein“, antwortet Hvorecky entschieden, „das ist die falsche Richtung, stattdessen sollten wir die sozialen Netzwerke mit sinnvollen Inhalten füllen.“ Es wachse inzwischen eine Generation heran, die zur Information und Prägung ihrer Meinung nicht mehr die traditionellen Medien nutze, sondern Facebook & Co. Glauben schenken.

„Die sozialen Netzwerke haben unsere Zivilgesellschaft geschwächt“, ist sich Hvorecky  sicher. Auf der anderen Seite aber hätten sich die Proteste in der Slowakei nach dem Mord an Kuciak vor allem über Facebook gebildet. Man dürfe die sozialen Netzwerke also nicht per se verteufeln. In jeder Generation müsse Demokratie neu gelernt werden, sagt Hvorecky: „Der Freiheitskampf ist nie beendet.“

Vertrauen in den Staat wiederherstellen

Im Fall der ermordeten Kuciak haben die Ermittlungen mittlerweile ergeben, dass ein Multimillionär und ehemaliger Nachbar des früheren Premierministers Fico möglicherweise den Auftrag gegeben hat, den Journalisten zu ermorden. Auch den hatte sich Kuciak zum Feind gemacht. „Ich will, dass die Täter verurteilt werden“, erklärt Hvorecky. Das sei wichtig, um das Vertrauen in den Staat wieder herzustellen. „Ansonsten bleibt der Eindruck, dass es Menschen gibt, die andere Rechte haben als ’normale‘ Menschen.“

Zum Ende der Lesung befasst sich Hvorecky mit der Eröffnungsrede der Philosophin Svenja Flaßpöhler und der von ihr aufgeworfenen Frage des richtigen Umgangs mit Rechts. Er habe die gekürzte Fassung in der SZ gelesen und stimme ihr zu. „Allerdings sind Diskussionen mit Menschen, die Diskussionen verachten, sehr mühsam.“ Jeder habe das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. „Lügen sind Lügen“, sagt er und wiederholt damit eine Äußerung der Heldin seines Romans: „Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen.“

Michal Hvorecky: Troll, Tropen Verlag, Stuttgart, 2018, 215 Seiten, gebunden, 18 Euro, ISBN 978-3608504118, Leseprobe

Buch Wien: Lebenslange Lügen und ein blutiger, blutiger Samstag

Philipp Blom stellt seinen neuen Roman vor. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Philipp Blom stellt seinen neuen Roman vor. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Am dritten Messetag der „Buch Wien“ 2016 habe ich erneut nur zwei Veranstaltungen besucht. Zunächst war der deutsche Autor, Historiker und Journalist Philipp Blom gekommen, um seinen neuen Roman „Bei Sturm am Meer“ vorzustellen. Blom ist mit Bestsellern über die europäische Kulturgeschichte bekannt geworden, viele verbinden mit seinem Namen Sachbücher über die Schlüsselmomente des 20. Jahrhunderts (so etwa „Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914“). Er hat allerdings auch schon ein Sachbuch über österreichische Weine geschrieben.

„Bei Sturm am Meer“ ist sein dritter Roman. Darin schickt er einen melancholischen Mittvierziger namens Benedikt auf eine überraschungsreiche Reise zu sich selbst. Nach dem Tod seiner Mutter muss der Marketingfachmann feststellen, dass seine Familiengeschichte eine andere war, als er sein Leben lang gedacht hat. Der Roman über zerplatzte Träume und lebenslange Lügen beginnt mit einem Brief, den Benedikt an seinen vierjährigen Sohn schreibt, während er in Amsterdam auf die Urne seiner Mutter Marlene wartet, deren Lieferung sich verzögert.

Benedikt erfährt im Laufe des Buches, dass viele der Lebensgeschichten, die er zu kennen glaubt, nicht stimmen, zum Beispiel dass sein Vater, ein Journalist, im Kampf gestorben sei. Selbstverständlich verbindet Blom die Geschichten von Benedikts Mutter und Großmutter mit den historischen Ereignissen – hier kann der Historiker Realität und Fiktion vermischen. Das sei auch einer der Vorteile beim Romaneschreiben, erklärt er: „In einem Sachbuch muss immer alles so gewesen sein, in einem Roman kann es so gewesen sein.“

„Das wird dann einfach nicht gut“

Aber es gibt auch Nachteile: „Das Romaneschreiben ist nicht lukrativ.“ Außerdem rate er Menschen, die glauben, sie trügen einen Roman in sich, den sie unbedingt aufschreiben müssten, dies nicht am Abend um 23 Uhr zu tun, wenn sie erschöpft von der Arbeit und den familiären Verpflichtungen sind. „Das wird dann einfach nicht gut – man muss sich dafür Zeit nehmen.“ Das erinnert an die Lesung von Cynthia D’Aprix Sweeney („Das Nest“, Klett-Cotta) im Literaturhaus Wien. Dort erklärte sie, sie habe erst am College „eine gewisse Priorisierung im Leben“ gelernt: „Denn wenn man auch noch familiäre Verpflichtungen hat, kann das Schreiben auf der To-do-Liste ganz schnell auf dem letzten Platz landen – ich aber habe gelernt, es ganz nach oben zu setzen.“

Weil das Buch auch viel im Hamburg der 1970er Jahren spielt und Blom dort geboren und aufgewachsen ist, wurde er gefragt, ob „Bei Sturm am Meer“ auch ein wenig die Geschichte seiner Familie erzähle. „Nun“, antwortete Blom, „Menschen, die mich ein bisschen kennen, werden vielleicht sagen: Aha!“ Aber seine Familie sei nicht die im Roman dargestellte Familie, er selbst habe auch andere Themen als der Protagonist seines Romans. „Aber die Geschichte baut vielleicht auf Themen auf, die in unserer Familie spielen.“

Gelesen hat Blom aus seinem aktuellen Buch nicht. Dafür blieb keine Zeit mehr, denn Moderatorin Alexandra Föderl-Schmid (Chefredakteurin des Standard) fragte den Schriftsteller aus aktuellem Anlass nach seiner Meinung zum Brexit und zur US-Wahl. Dafür war Blom nicht nur als Historiker und Journalist ein versierter Gesprächspartner, sondern auch deshalb, weil er ein Jahr in den USA und neun Jahre in England gelebt hat. Teilweise schreibt er seine Bücher auch zunächst auf Englisch und übersetzt sie dann selbst ins Deutsche. „Der Brexit hat mich wirklich überrascht“, sagte er. „Und bei der Wahl von Trump habe ich mich gefühlt, als hätte man mich mit einem Baseballschläger traktiert.“ Er habe gedacht, er schlafe einfach noch und wache irgendwann auf. „Aber das war so nicht.“

Gefährlich bei Wahlen

Manche vergleichen inzwischen die heutige Zeit mit der Weimarer Republik. Das sieht Blom aber nicht so: „Nein, wir leben nicht in der zweiten Weimarer Republik, aber noch eine Wirtschaftskrise wie 2008, dann leben wir in einer Weimarer Republik.“ Gefährlich bei Wahlen und damit auch bei der US-Wahl sei dieses „Irgendetwas muss sich doch ändern“-Gefühl der Wähler. „Auch hier in Europa verlieren die Menschen zunehmend die Hoffnung in die Gesellschaft und die Demokratie“, erklärte Blom weiter.

Von Föderl-Schmid darum gebeten, als Historiker in die Zukunft zu schauen und zu sagen, wie Europa im Jahr 2030 aussähe, antwortete Blom, das gerate wohl eher wie eine Wettervorhersage, denn kleine Faktoren könnten doch alles in eine andere Richtung bringen. „Im Moment sind Kräfte am Werk, die am Zerfall Europas arbeiten. Aber eigentlich hängt alles davon ab, wann das nächste 2008 kommt.“

Philipp Blom: Bei Sturm am Meer, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2016, 224 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3552058101, Leseprobe

Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl, Heinz Sichrovsky, Amelie Fried und Veit Heinichen bei der Krimi-Runde. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl, Heinz Sichrovsky, Amelie Fried und Veit Heinichen bei der Krimi-Runde. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Am späten Nachmittag schließlich traf sich ein Teil der aktuellen Crème de la Crème der deutschsprachigen Bestseller-Krimi-Literatur zu einer kleinen, vergnüglichen Gesprächsrunde unter dem Thema „Morden wie gedruckt“. Ursprünglich waren nur Thomas Raab, Bernhard Aichner, Edith Kneifl und Veit Heinichen eingeladen. Moderator Heinz Sichrovsky (Kulturchef des österreichischen Wochenmagazins News) hatte jedoch zuvor seine Sendung „erLesen“ für den ORF aufgezeichnet und dort die Schriftstellerin und Moderatorin Amelie Fried zu Gast, die er dann kurzerhand mit in die Runde brachte. Ein Glücksgriff, wie sich später herausstellen sollte.

Was macht einen guten Krimi aus und wie schreibt man ihn? Veit Heinichen hat dafür kein Patentrezept, wohl aber durch jahrelange Recherche ein riesiges Archiv angehäuft. „Irgendwann kommt dann der Gedanke, dass ich mich mit meinen Figuren beschäftige, und dann lasse ich sie aufeinander los – richtige Arbeit ist das nicht, ich folge ja nur meinen Figuren.“

Amelie Fried, die mit ihrem Mann Peter Probst eine Reihe von Kinderkrimis („Taco und Kaninchen“) geschrieben hat, hat nur einen einzigen Krimi für Erwachsene verfasst: „Der Mann von nebenan“ (1999). Kurz zusammengefasst erledigen drei Frauen zusammen einen Nachbarn. Erst versuchen sie es in der Badewanne, doch als sie seine Leiche im Wald beseitigen wollen, ist der Mann gar nicht tot. Ein Schlag mit einem Schraubenschlüssel beendet sein Leben dann doch noch, und die drei Frauen versenken die Leiche im See. Vorlage für den Nachbarn? Frieds tatsächlicher Nachbar, der die Familie so sehr genervt hat, dass sie schon an Umzug dachten. „Dann habe ich dieses Buch geschrieben, und es war die beste Rache meines Lebens.“ Das Buch wurde mit Axel Milberg als böser Nachbar verfilmt, „und ich wohnte in diesem bayerischen Dorf, und jeder wusste, wer gemeint ist“, erzählte Fried. Der Nachbar sei kurz danach weggezogen.

„Ein Traum von Mann“

Die österreichische Autorin Edith Kneifl baut beim Krimischreiben stets eine enge Bindung zu ihren Protagonisten auf. Als ehemalige Tischtennis-Landesmeisterin sei es ihr mal in den Sinn gekommen, dass einer der Männer doch bei einem Tischtennisturnier sterben könnte. „Ich habe eine Figur entworfen, einen Traum von Mann, sage ich Ihnen, der hat mir dann so gut gefallen, dass ich ihn nicht mehr umbringen konnte. Er wurde nur schwer verletzt.“ Und nach einer kurzen Pause: „Aber es sind andere Männer umgekommen.“ Dass ein Autor seine Figuren liebgewinnt, bestätigte auch Bernhard Aichner: „Ich liebe zum Beispiel meine Bestatterin Brünhilde Blum – sie bringt Menschen um.“ Ja, zuweilen ist es recht makaber, wenn sich Krimi-Autoren unterhalten.

Alle fünf Autoren sind zudem Serientäter, ihre Helden oder Mörder tummeln sich also in mehreren Büchern. „Aber wann bekommen diese Kerle ein Ablaufdatum?“, wollte Sichrovsky wissen. Für Thomas Raab hängt das mehr damit zusammen, ob ein Buch seine Leser findet: „Bei meinem ersten Buch habe ich nicht gedacht, dass das jemand lesen würde.“ Für Aichner dagegen war es klar, dass seine Bestatterin nur eine Überlebenszeit von drei Büchern haben würde: „Die kann ich jetzt auch gut ziehen lassen. Es ist zwar reizvoll, das weiterzumachen, weil es sich gut verkauft, aber ich wusste vor dem ersten Buch, wie das dritte aufhört, und danach ist Schluss.“ Kneifl: „Vor allem das Publikum und die Verlage wollen doch Serien – aber ich gebe zu, auch ich kann mich manchmal nicht trennen.“

Und Veit Heinichen? Dem schien eine Frage nicht aus dem Kopf zu gehen: „Ich glaube nicht, dass Amelies Nachbar weggezogen ist.“ Schon hatte Heinichen die Lacher wieder auf seiner Seite. Fried parierte und erzählte, sie und ihr Mann hätten ein Gartenhaus bauen lassen. „Kein Scherz, und die beiden polnischen Bauarbeiter, die von dem nervigen Nachbarn gehört hatten, haben uns angeboten, ihn für 2.000 Euro umzubringen. Und für 4.000 Euro auch die Leiche zu beseitigen.“ Heinichen: „Irgendwer muss mal das Beton-Fundament dieses Gartenhauses überprüfen…“ Wieder Gelächter.

Kürzlich das erste Grab ausgehoben

Auch über die Recherchearbeit für ihre Bücher sprechen die Autoren. Während Kneifl mit einem Arzt verheiratet ist und ihn gern schon am Frühstückstisch fragt, an welchen Körperstellen das meiste Blut spritzt („Mein Mann passt bei meinen Leichen immer auf!“), hat Aichner kürzlich sein erstes Grab ausgehoben: „Das war eine tolle Erfahrung, aber richtig harte Arbeit.“ Und in der Rechtsmedizin in Hamburg sei er bei einer Obduktion dabeigewesen, auch das sei sehr faszinierend gewesen. Raab wiederum recherchiert „Problemfälle“, wie er das nennt. „Ich habe beim Skifahren Schnee von einer Schneekanone ins Gesicht bekommen und dann beim Hersteller angerufen und gefragt, ob das, was vorne rauskommt, rot würde, wenn man hinten jemanden reinsteckt.“ Interessant sei auch gewesen, beim örtlichen Schwimmbad anzurufen und zu fragen, wie lange die Filteranlage braucht, um das Wasser nach einem Haiangriff wieder klar zu bekommen. „Danach wusste ich die ganze Lebensgeschichte des Mann, den ich da angerufen hatte.“ Heinichen: „Die Frage ist, woher wusste der Mann, wie lange die Filteranlage brauchen würde…“

Und welche Krimis würden die Autoren empfehlen, ihre eigenen ausgenommen? Veit Heinichen legt den Lesern Fjodor Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ bzw. „Schuld und Sühne“ (ältere Übersetzungen) ans Herz, Edith Kneifl nennt Patricia Highsmiths „Die zwei Gesichter des Januars“, Bernhard Aichner mag gern die Adamsberg-Reihe von Fred Vargas und Thomas Raab empfiehlt den „Kameramörder“ von Thomas Glavinic.

Bernhard Aichner: Interview mit einem Mörder. Ein Max-Broll-Krimi, Haymon Verlag, Innsbruck, 2016, 288 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3709971338, Leseprobe

Amelie Fried: Ich fühle was, was du nicht fühlst, Heyne-Verlag, München, 2016, 400 Seiten, broschiert, 16,99 Euro, ISBN 978-3453265905, Leseprobe

Veit Heinichen: Die Zeitungsfrau, Piper-Verlag, 2016, 352 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3492057585, Leseprobe

Edith Kneifl: Totentanz im Stephansdom, Haymon Verlag, Innsbruck, 2015, 264 Seiten, Taschenbuch, 12,95 Euro, ISBN 978-3709978337, Leseprobe

Thomas Raab: Der Metzger, Droemer Knaur, München, 2016, 336 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3426281369, Leseprobe

Die „Buch Wien“ 2016 war damit für mich beendet, am Sonntag, dem letzten Messetag, habe ich bereits die Heimreise angetreten. Wie in den vergangenen Jahren werde ich in den nächsten Tagen noch ein persönliches Fazit liefern. Einigermaßen sicher aber ist schon, dass ich auch im nächsten Jahr wieder von der „Buch Wien“ berichten werde. Bleiben Sie mir gewogen!

Buch Wien: New York, New York

Die "Buch Wien" 2016 von oben. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Die „Buch Wien“ 2016 von oben. © LCM Fotostudio Richard Schuster
Auch der zweite Messetag der „Buch Wien“ 2016 stand für mich erneut unter dem Eindruck von zwei herausragenden Lesungen. Zunächst stellte am Nachmittag der Schweizer Schriftsteller und Psychologe Catalin Dorian Florescu seinen bereits im Februar veröffentlichten Auswanderer-Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ vor. Der C. H. Beck-Verlag bewirbt ihn als „Roman voller Komik und Tragik, der gleichzeitig eine literarische Reverenz an die Kraft des Menschen ist, sein Glück zu suchen und zu überleben“. Der Autor mit den rumänischen Wurzeln, 1967 wird er im westlichen Rumänien geboren, erzählt von Ray und Elena, deren Wege sich in einer dramatischen Nacht treffen. Den Leser führt der Roman sowohl ins New York des Fin-de-Siècle als auch ins magische Donaudelta.

Von dort nämlich stammt die Fischerstochter Elena. Sie ist nach New York gekommen, um die Asche ihrer Mutter zu verstreuen. Ray dagegen ist ein erfolgloser Künstler, der noch immer auf den Durchbruch hofft. Insgeheim versucht er den Lebensweg zu nehmen, den sein Großvater für sich selbst erhoffte, als der 1899 nach Amerika auswanderte. Ausgerechnet am 11. September 2001 treffen Elena und Ray zufällig in einem Kellertheater aufeinander. „Sie nutzen die Möglichkeit und Notwendigkeit, sich ihre Familiengeschichten zu erzählen und Nähe zu finden“, erklärte Florescu. Ob die Nacht damit zur Stifterin einer Beziehung werde, lasse er offen, aber sie müssten zunächst zu erzählen beginnen. Im Roman wechseln sich beide Figuren kapitelweise ab, jede Figur spricht für sich, für ihre Geschichte, aber auch für die ihrer Eltern und Großeltern.

Die Auswanderung und die Reise nach New York – immer wieder ist der Mensch in Florescus Büchern auf der Suche nach einem Platz, wo er ohne Angst und mit Würde leben kann. Sein sechster Roman scheint deshalb zur rechten Zeit zu erscheinen, denn auch jetzt sind wieder Hunderttausende auf der Flucht, um in Europa Schutz zu suchen. Damals dagegen, und das spielt in Rays Geschichte eine wesentliche Rolle, waren es Millionen aus Europa, die nach Amerika flüchteten. Hinter den Themen Flucht und Migration steht aber auch die persönliche Erfahrung des Autors, als der damals 15-Jährige im Jahr 1982 mit seiner Familie aus dem kommunistischen Rumänien floh.

Inbrünstig und mit Herzensliebe

Florescu war es deutlich anzusehen, wie sehr er seine Figuren und deren Geschichten liebt. Während er das zweite Kapitel des Buches las, in dem Elena zum ersten Mal zu Worte kommt, saß er recht weit vorne auf der Stuhlkante, dem Publikum nah, der Rücken gerade, als hebe er zum Rezitieren, nicht nur zum Vorlesen an. Wohl selten hat man einen Autor derart inbrünstig und mit Herzensliebe seinen Text vortragen sehen und hören. Vier Jahre hat er für seinen Roman recherchiert. Alles auf Englisch, sagte er und lachte, als er ein deutsches Wort versehentlich mit englischem Akzent aussprach.

Florescu sprudelt, er ist ein wahrer Erzähler, nicht nur in seinen Büchern. Die Lesung hatte noch nicht begonnen, da sprach er schon vorbeihastende Messebesucher an, sie mögen doch Platz nehmen, hier reise man nach New York. Die vorderen Plätze seien die erste Klasse, die hinteren die zweite und dritte Klasse. Er sprach davon, dass er zwar in Zürich lebt, aber in einem Multi-Kulti-Eck von Rumänien aufgewachsen sei, und dieses „Durcheinander der Kulturen“ habe auch seine Art zu schreiben beeinflusst. Florescu sieht den Künstler, den Schriftsteller als „guten Zeugen seiner Zeit“, der literarisch Zeugnis ablege, mit Gefühlen und großem Herzen. Das war ihm deutlichst anzumerken, denn dieser Autor trägt sein Herz auf der Zunge.

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt, C. H. Beck, München, 2016, 327 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3406691126, Leseprobe

Am Abend las nicht nur die US-amerikanische Autorin Cynthia D’Aprix Sweeney (Loriot hätte an diesem Namen seine Freude gehabt!) aus ihrem zum Bestseller gewordenen Debütroman „Das Nest“, sondern sie hatte auch noch den deutschen Schauspieler Johann von Bülow („Nach fünf im Urwald“, „Tatort“, „Mord mit Aussicht“) im Schlepptau. Der las die deutsche Übersetzung in einer Vortrefflichkeit, dass es eine Wonne war, ihm zu lauschen. Nicht umsonst hat von Bülow (der übrigens ein entfernter Verwandter von Loriot ist) die Hörbuchfassung des Romans eingelesen.

Das Buch handelt von den vier Geschwistern Melody, Jack, Bea und Leo. Sie alle sind in den Vierzigern, stehen mitten im Leben und haben immer gewusst, dass sie eines Tages erben würden. Also, sagen wir es so: sie haben damit gerechnet. Was aber, wenn die Erbschaft ausbleibt? Was geschieht mit den Träumen, die sie hatten? Was ist mit dem Geld, das sie bereits ausgegeben haben, weil sie sich zu sicher waren? Denn ihre Mutter hat das Geld kurzerhand gebraucht, um dem Playboy Leo aus einer Notlage zu helfen. Die Geschwister sind außer Rand und Band und lassen erzürnt den alten Groll untereinander wieder aufleben. Agatha Christie hätte daraus vermutlich einen Fall für Miss Marple oder Hercule Poirot gemacht. D’Aprix Sweeney aber schreibt damit den Roman einer dysfunktionalen Familie, legt genüsslich den Finger in so manche Wunde, ein bisschen böse, aber vor allem scharfsinnig und sehr humorvoll.

„Das Nest“ ist D’Aprix Sweeneys erster Roman. Im Literaturhaus Wien erzählte sie, wie sie in den späten 20er Jahren ihres Lebens eine vage Idee vom Romaneschreiben hatte. Sie sei immer eine große Leserin gewesen, habe auch Autoren und Journalisten gekannt, aber was sie selbst damals zu Papier gebracht habe, seien allenfalls halbherzige Versuche gewesen. „Ich dachte, es sei eher meine Rolle, andere Autoren zu unterstützen und zu ihren Lesungen zu gehen und ihre Bücher zu kaufen, nicht aber, selbst zu schreiben.“

Studium im kreativen Schreiben

Erst als die Kinder im College-Alter waren und die Familie nach Los Angeles zog, wollte sie eine andere Arbeit haben (zuvor hat sie 27 Jahre als PR-Beraterin in New York City gearbeitet) und versuchte es dann mit dem Schreiben. Sie nahm ein Studium im kreativen Schreiben am Bennington College auf, das sie mit dem Master of Fine Arts (MFA) abschloss. Während des Studiums begann sie bereits mit dem „Nest“. Das Wichtigste, was sie am College gelernt habe, seien das Einhalten von Abgabeterminen und Struktur gewesen. „Und eine gewisse Priorisierung im Leben, denn wenn man auch noch familiäre Verpflichtungen hat, kann das Schreiben auf der To-do-Liste ganz schnell auf dem letzten Platz landen – ich aber habe gelernt, es ganz nach oben zu setzen.“

Der Erfolg gibt ihr Recht. „Das Nest“ (der Originaltitel heißt unglaublicherweise „The Nest“ – ein Glücksgriff in der Titelübersetzung!) ist ein wahrer Verkaufshit. Seit es im Frühjahr in Amerika und nun auch auf Deutsch erschienen ist, erklimmt es die Bestsellerlisten, auch die der New York Times (Platz 3). Auch in Deutschland wird es bejubelt: „Die Amerikanerin Cynthia D’Aprix Sweeney hat einen hinreißenden und klugen Familienroman geschrieben … glänzende Unterhaltung und ein literarischer Wurf“, urteilt etwa Denis Scheck in der ARD-Sendung Druckfrisch.

D’Aprix Sweeney reagiert bescheiden, wenn sie gefragt wird, warum sie glaube, dass das Buch so einschlage. In Wien sagte sie, es sei ein Glücksfall gewesen und es treffe offenbar einen Nerv: „Dieses Buch gibt den Menschen die Möglichkeit, mit den Menschen, die sie mögen, über Geld zu reden.“ An der Schnittstelle zwischen Familien und Geld komme es unweigerlich zu Streitigkeiten, wenn die Geschwister sich nicht leiden können. „Und man muss seine Familie nicht lieben, nur weil sie Familie ist. Natürlich haben wir eine Verantwortung als Menschen, uns zu kümmern und freundlich zueinander zu sein, aber nicht nur deshalb, weil man sich die DNA teilt.“

„Tradition des zivilen Ungehorsams“

Zum Ende der Lesung sprach Moderator Klaus Nüchtern D’Aprix Sweeney auf die US-Wahl an. Für sie sei es seltsam gewesen, erklärte sie, weil sie zu der Zeit in Deutschland auf Lesereise gewesen sei. „Ich finde, etwas Schlimmes passiert in der Welt. Die Wahl von Donald Trump ist für mich sehr erschütternd, und das Ereignis hängt zusammen mit der Brexit-Entscheidung und den Hassäußerungen in Deutschland, Österreich und Frankreich. Es macht mir Angst.“ Aber: „Meine Hoffnung als US-Bürgerin und als Weltbürgerin ist, dass die Leute Angst genug bekommen, um dagegen zu protestieren und sich dem zu widersetzen. Wir haben in den USA eine Tradition des zivilen Ungehorsams, und ich hoffe, wir stehen jetzt wieder an der Schwelle dazu.“

Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest, Klett-Cotta, Stuttgart, 2016, 410 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3608980004, Leseprobe

Buch Wien: Terézia Mora vergleicht Migration von Menschen und Literatur

Terézia Mora bei der Eröffnungsrede - © LCM Fotostudio Richard Schuster
Terézia Mora bei der Eröffnungsrede – © LCM Fotostudio Richard Schuster

Die neunte internationale Buchmesse „Buch Wien“ ist eröffnet. Am Mittwochabend sprach die gebürtige Ungarin Terézia Mora eine, wie sie ankündigte, 19 Minuten lange Festrede zum Thema „Sätze und Menschen“. Die Autorin solcher Romane wie „Alle Tage“, „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Das Ungeheuer“ verglich darin die Migration von Menschen und literarischen Texten: „Tatsache ist: Sobald ein Satz in der Welt ist, wird er migrieren.“ Hauptsächlich sprach Mora über Sätze und Zitate, die hinausgehen in die Welt, das Für und Wider der neuen digitalen Buchwelt sowie über das Urheberrecht. Sie machte jedoch auch keinen Hehl daraus, dass sie gleichzeitig über Migration sprach: „Einen öffentlich gemachten Satz am Migrieren zu hindern ist unmöglich, noch viel unmöglicher, als einen lebendigen Menschen daran zu hindern.“ Immer wieder streute sie Hinweise auf die Parallele ein, etwa als sie über die „Qualität des Aufnahmetextes“ sprach („Ich habe diesen Ausdruck aus dem Wort Aufnahmeland abgeleitet, um auch ‚die aktuellen Entwicklungen in Europa‘ nie lange aus den Augen zu verlieren“). Beim Urheberrecht sprach sie sich für weniger Angst und mehr Pragmatismus aus, und auch das durfte man wohl als Parallele verstehen.

Mora, das machte sie deutlich, gehört zu denjenigen, die in der Digitalisierung einer Erweiterung der Möglichkeiten sehen. Der Technologiewechsel bringe neue spannende Formen mit sich, etwa die erwartbaren Versuche einer SMS-Dichtung wie der Twitter-Roman von Jennifer Egan (zur Seitengang-Rezension) oder die Sammlung von bisher unveröffentlichten Gedichten auf Lyrikline. Längere Texte dagegen hätten es online bislang eher schwer. „Am ertragreichsten auf dem Feld der digitalen Literatur scheinen mir die Blogger.“ Es sei allerdings auch leichter, ein digitales Werk zu verändern als ein physisches wie ein Buch. Sie empfehle Autoren daher, immer das Werk auch drucken zu lassen, „wenn du ein integres Kunstwerk in den Händen halten willst“. Sie selbst gehe inzwischen auch immer mehr dazu über, Zeitungen aus Papier zu lesen, weil es dort unter den Artikeln keine Kommentarmöglichkeit gebe. Bei Büchern sei das ähnlich – da werde der Leser ebenfalls nicht von anderen mit ihren Kommentaren belästigt. „Es sei denn, du willst das, aber dafür musst du dann das Medium wechseln.“ (Lesen Sie hier die vollständige Rede von Terézia Mora.)

Zuvor hatte Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels, darauf hingewiesen, dass die deutschsprachigen Buchmessen immer politischer würden. Er erinnerte an die „Buch Wien“ des vergangenen Jahres, als Paris zur Zeit der Wiener Buchmessenparty von terroristischen Anschlägen erschüttert wurde. Auch der 9. November 2016 sei mit der Wahl des neuen US-Präsidenten Donald Trump ein historischer Tag, den Föger, keinesfalls beifällig, nur mit den Worten von Carolin Emcke kommentieren wolle, die diese bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gesagt habe: „Wow.“

Die feierliche Eröffnung der „Buch Wien“ begann indes mit einer kurzen Gedenkminute für die im August nach kurzer schwerer Krankheit verstorbene Inge Kralupper. Sie war langjährige Geschäftsführerin des Hauptverbands, hat die österreichische Buchbranche und Literaturszene geprägt und „ohne sie hätte es die ‚Buch Wien‘ nie gegeben“, erklärte Föger.

Liedermacher "Der Nino aus Wien" mit seiner Band - © LCM Fotostudio Richard Schuster
Liedermacher „Der Nino aus Wien“ mit seiner Band – © LCM Fotostudio Richard Schuster
Die darauffolgende „Lange Nacht der Bücher war ein voller Erfolg für die Veranstalter. Selten waren in den vergangenen Jahren die Bühnen der Messehalle so dicht umringt von Zuschauern wie in diesem Jahr. Den Anfang machte der Liedermacher Nino Mandl, besser bekannt als „Der Nino aus Wien“, mit seiner Band und zeigte die enorme Bandbreite seiner Kunst zwischen Folk, Wienerlied und Indierock. Sobald auf der kleinen Bühne der Poetry Slam begonnen hatte, moderiert von den österreichischen Poerty Slam-Ikonen Mieze Medusa und Markus Köhle, und umjubelt von den zumeist jungen Zuschauern, waren auf der großen ORF-Bühne manchmal die Autoren nicht zu verstehen, weil ihre Stimmen im Poetry-Jubel untergingen.

Leider musste der Auftritt der am Dienstagabend mit dem ersten Österreichischen Buchpreis bedachten Friederike Mayröcker abgesagt werden. Stattdessen schoben die Veranstalter eine Diskussion der Journalisten Franz Kössler (ehemaliger ORF-Korrespondent in Washington) und Eric Frey (Der Standard) über „Donald Trump und die Folgen“ ins Programm. Das Zuschauerinteresse hier war nur mäßig. Ganz anders noch sah das beim Auftritt des schwedischen Krimimeisters Arne Dahl aus, der seine neue Thriller-Serie vorstellte. Auch Dahl äußerte sich erschüttert über den Wahlausgang in den USA. Die ganze Welt verändere sich, und die Schweden haben bislang immer gedacht, sie seien eine Ausnahme. „Aber das stimmt nicht.“ Denn auch in Schweden seien populistische Parteien auf dem Vormarsch.

Arne Dahl (l.) im Gespräch mit Moderator Florian Scheuba - © LCM Fotostudio Richard Schuster
Arne Dahl (l.) im Gespräch mit Moderator Florian Scheuba – © LCM Fotostudio Richard Schuster
Dass der Name Arne Dahl nur ein Pseudonym von Jan Lennart Arnald ist, ist mittlerweile lange bekannt. Im Gespräch mit Moderator Florian Scheuba erklärte Dahl, er habe sich das Pseudonym ausgedacht, als er seine Erzähllust verloren habe. „Ich habe an den Spaßfaktor gedacht – Krimis zu schreiben macht viel mehr Spaß.“ Sein richtiger Name sollte geheim bleiben, aber nach fünf Jahren wurde er von einem Journalisten enttarnt. Das weckt natürlich Erinnerungen den sehr aktuellen Fall der Elena Ferrante („Meine geniale Freundin“), die in diesem Sommer enttarnt worden ist. Dahl dazu: „Das ist eine Privatsache, wenn man sich ein Pseudonym aussucht.“ Er könne es nicht verstehen, wenn ein Autor so gegen den Willen ins Licht gezerrt werde. Aber es ginge da ja auch wohl um viel Geld. Er selbst habe fünf Bücher unter Pseudonym schreiben können, erst dann habe man seinen echten Namen herausgefunden. Das erzürne ihn jedoch nicht mehr: „Es war Zeit für mich, ein Gesicht zu haben.“

Dann endlich las der Wiener Volkstheater-Schauspieler Stefan Suskse das zweite Kapitel aus Dahls neuem Thriller „Sieben minus eins“ vor. Um einen Killer zu schnappen, ist der soziopathische Kommissar Sam Berger auf die Hilfe seiner nicht minder soziopathischen Kollegin angewiesen. Bald erkennt der Ermittler, dass es tief verborgen in seiner Vergangenheit etwas gibt, das ihn mit den brutalen Verbrechen verbindet. Dahl: „Ich denke immer filmisch. Diesmal habe ich versucht, eine dichte Art von Spannung zu schaffen – und es wird filmisch, das verspreche ich Ihnen, es ist ein bildlich filmisches Buch.“ Passenderweise sind fast alle seiner Bücher inzwischen verfilmt worden. Ob auch dieser Roman dazu gehören wird, sei aber noch nicht sicher, sagte Dahl.

Dass dem ersten Band weitere folgen werden, ist indes klar. „Am Ende des Buches gibt’s einen Cliffhanger – es muss also mehr geben“, beantwortete Dahl die Frage des Moderators. „Als ich 80 oder 90 Seiten geschrieben hatte, merkte ich, dass die Chemie und Dynamik zwischen den beiden so gut war, dass es auf jeden Fall mehr Bücher geben muss.“

Bewundernswert: Arne Dahl brauchte keinen Übersetzer für das Gespräch, denn er sprach selbst sehr gut Deutsch. Darauf angesprochen sagte er, er habe sein altes Schuldeutsch wieder herausgeholt und versucht, es zu verbessern, denn er habe das Gefühl, bei Lesereisen durch Deutschland werde es so dynamischer auf der Bühne, als wenn man sich immer übersetzen lasse.

Arne Dahl: Sieben minus eins, Piper Verlag, München, 2016, 416 Seiten, broschiert, 16,99 Euro, ISBN 978-3492057707, Leseprobe

Noch bis Sonntagabend werden bei der Buch Wien auf rund 8.800 Quadratmetern die Neuerscheinungen dieses Herbstes präsentiert. Seitengang ist noch bis einschließlich Samstagabend vor Ort und berichtet von der Buchmesse.