Goethe ruft an? Lass es klingeln!

„Goethe ruft an“, das ist nicht nur der Titel, sondern zugleich auch der erste Satz von John von Düffels neuem Roman, in dem viel über die Qualität eines ersten Satzes gestritten wird. Goethe ist allerdings gar nicht der Goethe, sondern er wird von dem namenlosen Erzähler nur so genannt: „Weil er so sehr Goethe ist, wie man heute nur sein kann. Ein Klassiker gleichsam zu Lebzeiten.“ Goethe, das ist der erfolgreiche, beliebte Schriftsteller, dem einfach alles gelingt. „Vor Elvis war nichts“, sagte John Lennon einst. Ähnlich tief verneigt sich auch der Erzähler vor diesem Goethe, der nicht Goethe ist.

Und genau dieser Mann, dieser überaus erfolgreiche Schriftsteller-Gott, ruft nun beim Erzähler an, der schon seit langer Zeit nichts Großartiges mehr zu Papier gebracht hat. Er sei gezwungen, nach China zu reisen, weil sein neustes Buch dort so überaus groß gefeiert werde, dass man ihn nun höchstselbst vor Ort wissen wolle, sagt Goethe. Er benötige deshalb einen Vertreter, der für ihn den Schreibkurs in der Lausitz übernehme. In wortreichen Erklärungen vermittelt Goethe seinem Freund und Schriftstellerkollegen die Wichtigkeit dieses Kurses, den er selbst wiederholt und selbstverständlich erfolgreich geleitet habe. Der Erzähler nimmt an und bekommt als Hilfestellung ein Goethe-Manuskript, von dem es nur dieses eine gibt. Darin: Die Wahrheit, wie man erfolgreich schreibt. Die Goethe-Formel. Als Goethes Assistentin – sinnvollerweise nennt der Erzähler sie Frau Eckermann – ihm das wertvolle Manuskript nach Hause bringt, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Von Düffel legt seinen Roman als Satire an. Und teilweise ist das auch herrlich zu lesen, wie dort in der Lausitz die Schreibkurs-Teilnehmer nach Perfektion suchen: Der Kritiker Schwamm, der das Buch des Erzählers in einer bösen Rezension verrissen hat, aber selbst schon am ersten Satz für sein eigenes Buch scheitert, weil er dermaßen hohe Maßstäbe für das literarische Schaffen setzt. Marlies Rottenmeier, die sich der Naturlyrik verschrieben hat, und ihr Mann Hermann, der das Schweigen gelernt hat, wenn seine Frau spricht. Und Hedwig, die Unterhaltungsromane für die Bahnhofsbuchhandlung am laufenden Meter produziert und unfassbar schöne Beine hat. So skurril die Figuren gezeichnet sind, so sehr fehlt es ihnen an der Tiefe, in die sie selbst literarisch eindringen wollen. Es ist ein Buch vom Zweifeln und Verzweifeln, aber auch zum Verzweifeln.

Trotzdem, das ist alles mitunter wunderbar zu lesen, weil es auch von Düffels Wortwahl ist, die so begeistern kann. Kritiker sprechen von einer Virtuosität, die er auch in diesem Roman zeigen kann. Doch so virtuos hier mit Worten jongliert wird, so lähmend und nervend ist es auf Dauer. Besonders wenn Goethe anruft, wünscht sich der Leser schnell: Oh, möge er doch wieder auflegen! Deshalb merke: Wenn Goethe anruft, lass es besser klingeln!

Der Erzähler hingegen stammelt mehr vor sich hin, als dass er Sinnvolles beizutragen weiß. Ein „Äh“ ergibt das andere. Die Gespräche der übrigen Charaktere werden bis zum Ende ausgeschlachtet, weil sich der Witz gerade in diesen Dialogen entwickelt. Dort entlarven sich die Ewigsuchenden selbst. Doch der Leser braucht dazu einen langen Atem. Das hätte John von Düffel beachten sollen, seinen Lesern zuliebe, ist er selbst doch der Autor, der sich mit dem Wasser auskennt, wie seine bisherigen Werke gezeigt haben. Und auch in diesem Roman geht es viel um Wasser. Es gibt eine Kahnfahrt, und es wird auch einiges erschwommen und getaucht.

Der Leser allerdings muss leider zu lange im Wörtersee schwimmen. 320 Seiten sind für diesen Roman einfach zu viel.

John von Düffel: Goethe ruft an, DuMont Buchverlag, Köln, 2011, 320 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 978-3832196493

Bibliomanen unter sich

Meine vielseitigen GeliebtenWer Bücher nur um des Lesens Willen liest und sie danach gleich wieder weitergibt, bei Ebay versteigert oder zurück in die Stadtbibliothek bringt, dem sei dieses kleine Büchlein nur mit Zögern empfohlen. Wer aber einer Büchergier, die gleichzeitig auch eine Neugier ist, eine Sammelleidenschaft, eine Besitzwut empfindet, dem sei Jacques Bonnets Bekenntnisse ans Herz gelegt, ja, fürwahr, es darf nicht fehlen in der heimischen Sammlung. Denn was Bonnet schreibt, kennt jeder Bibliomane, dessen Regale die Bücher kaum noch fassen können.

Bonnet, französischer Redakteur, Lektor und Herausgeber bei zahlreichen namhaften Verlagen in Frankreich, ist bekennender Bibliomane. Mehrere Zehntausend Bücher nennt er sein Eigen. Mit einem Lächeln registriert der Leser, dass Bonnet vor denselben Schwierigkeiten steht: Wie ordnet man seine Bücher? Alphabetisch? Nach Erdteil oder Land? Nach der Farbe? Wohin mit der Menge an Lesestoff? Bonnet erzählt, wie er sogar Bücherregale ins Badezimmer einbaute mit der Folge, dass das Duschen wegen des schädlichen Wasserdampfes nicht mehr möglich war. Aber auch die richtige Ordnung der Bücher stellt den Sammler vor unlösbare Probleme, denn nur ein Zusammenspiel aus mehreren Ordnungsmethoden kann zu einem einigermaßen befriedigenden Ergebnis führen.

Erfrischend ist, dass sich Bonnet nicht als Lehrmeister aufführt. Er führt mit Witz und Charme durch die Freuden und Qualen eines Bibliomanen, so dass sich der Leser dabei ertappt, oftmals bestätigend zu nicken oder gar Ausrufe des Erstaunens zu tätigen. Bislang dachte man vielleicht, man sei einer von wenigen, die sich Jahre später nicht mehr an den Inhalt eines jeden gelesenen Buches erinnern können, doch Bonnet kann beruhigen:

„Selbst wenn wir ein Buch gelesen haben, und zwar so intensiv, dass es ihm gelungen ist, sich einen besonderen Platz in unserem Geist zu erobern, dann bezieht unsere Erinnerung sich meist mehr auf unsere Empfindungen bei der Lektüre, wohingegen wir uns an den Inhalt nur noch ansatzweise erinnern.“

Schon viele Autoren haben versucht, Bücher über Bücher oder das Lesen zu schreiben – denken wir an Umberto Eco, Pierre Bayard, Alberto Manguel, Hermann Hesse, Anne Fadiman oder Rick Gekoski -, einige davon sicherlich auch mit nachhaltigem Erfolg, doch wird es Jacques Bonnet sein, der sich einen besonderen Platz im Geist des geneigten Lesers erobert. Und, mal ehrlich: Haben wir Bücherfreunde nicht alle, ja, alle schon diese Fragen von Besuchern unserer Bibliotheken gestellt bekommen: „Wie viele Bücher haben Sie denn?“ Oder: „Haben Sie die alle gelesen?“ Bonnet kommentiert das lapidar:

„Uns hingegen verwunderte es, beim Betreten einer fremden Wohnung mit der totalen Abwesenheit von Büchern konfrontiert zu werden oder auf die von Schwindsucht befallene Bibliotheks-Magerausgabe eines angeblichen Bibliophilen zu stoßen. Oder auf perfekt in Reih und Glied stehende Bücher, die vielleicht auch noch hinter Glas standen und so mehr als deutlich erkennen ließen, dass ihre Präsenz nichts weiter war als Staffage.“

Da geht einem Bibliomanen das Herz auf, erkennt er doch den Gleichgesinnten auf der anderen Seite des Buches.

Mit Bedauern ist allerdings zu bemerken, dass der Verlag Droemer aus dem kleinen Büchlein nicht gleich ein Schmuckstück gefertigt hat. Ein Lesebändchen hätte dem Werk gut zu Gesicht gestanden. Auch eine andere Auflage mit einem Ledereinband hätte wohl Abnehmer gefunden. Vielleicht folgt eine solche Edition in einigen Jahrzehnten, wenn dem Werk die Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die ihm gebührt.

Jacques Bonnet: Meine vielseitigen Geliebten, Droemer Verlag, 2009, 155 Seiten, gebunden, 14,95 Euro, ISBN 978-3426275160