Haut einen um: Der Woodcutter

Rache verjährt nichtLassen Sie sich nicht vom reißerischen Titel täuschen! „Rache verjährt nicht“ ist keiner dieser Krimis, die es zuhauf auf den Tischen der Buchhandlungen zu kaufen gibt. „Rache verjährt nicht“ ist eines der wenigen aktuellen Werke, das den Stempel „Kriminalliteratur“ wirklich verdient. Lesen, lesen, lesen!

Wilfred „Wolf“ Hadda beschreibt sein bisheriges Leben als märchenhaft. Er, einst der einfache Holzfäller, hat sich in die adelige Imogen verliebt, ihr Herz erobert und sie schließlich geheiratet. Wolf kann sein Glück kaum fassen: Mittlerweile ist er ein erfolgreicher Hedgefondsmanager mit einem millionenschweren Vermögen, einem Privatjet und mehreren Wohnsitzen, und er hat diese bezaubernde Frau an seiner Seite. Doch auch in den Märchen leben die Menschen nur glücklich und zufrieden bis an ihr seliges Ende. Dass einen Menschen das schon nach 14 Jahren ereilen kann, erlebt Wolf an einem strahlenden Herbstmorgen im Jahr 2008.

Es klingelt an der Tür. Eine ganze Horde von Polizisten stürmt ins Haus, draußen warten Pressefotografen und ein Fernsehteam, das ganze Programm. Der Inspektor präsentiert selbstgefällig einen Durchsuchungsbefehl, woraufhin Wolf die Sicherungen durchbrennen und er dem Mann die Faust ins Gesicht schlägt. Festnahme. Erst auf dem Polizeirevier erfährt er, dass er Kinderpornografie gehortet und verkauft haben soll. Eine zweite Panikhandlung: Er flüchtet von der Anhörung im Amtsgericht und wird vom Bus überfahren. Als er aus dem Koma erwacht, ist er entstellt. Aus der Traum. Ende vom Märchen. Ab in den Knast.

Zurück in die Wälder von Cumbria

Dass er nach sieben Jahren aus der Haft entlassen wird, verdankt er seiner Psychiaterin Alva Ozigbo. Doch draußen hat er alles verloren: Seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen und ist mit seinem Freund und Anwalt liiert, seine Tochter ist an einer Überdosis gestorben und seine Freunde haben sich von ihm abgewandt, obwohl er stets seine Unschuld beteuert hat. Er zieht zurück in die Wälder von Cumbria in Nordengland, wo das Märchen seinen Anfang nahm, und macht sich daran, die Hintergründe seines Falls zu erforschen.

„The Woodcutter“, vom Suhrkamp Verlag nicht nachvollziehbar mit „Rache verjährt nicht“ übersetzt, ist das letzte Werk des 2012 verstorbenen englischen Autors Reginald Hill. Es ist eines jener seltenen Bücher, deren Inhalt man möglichst schnell wieder vergessen will, damit man sie bald mit der Begeisterung des ersten Mals erneut lesen kann.

Der deutsche Titel aber führt in die Irre. Es ist kein Rachefeldzug eines zu Unrecht Verurteilten, sondern eine intelligente Spurensuche nach der Ursache einer perfiden Intrige. Hill hält seine Leser mit Erzählkunst ständig unter Spannung, seine Figuren haben Ecken und Kanten, wirken aber nicht wie so oft am Reißbrett entworfen. Allen voran ist es die Person Wolf Hadda, die den Leser gefangen nimmt. Und dann ist da noch der seltsame, dreiteilige Prolog, der dem Roman vorangestellt ist. Ach, man möchte so vieles darüber schreiben und kann es doch nicht, um nicht zu viel zu verraten.

Lesen Sie den „Woodcutter“, vergessen Sie ihn und lesen Sie ihn wieder. Verschenken und empfehlen Sie ihn, aber lassen Sie ihn nicht liegen. Und freuen Sie sich, dass noch weitere Übersetzungen folgen sollen. Oder wie Wolf Hadda mit Alexandre Dumas sagen würde: „Im Übrigen konnte ein Mensch nur eines tun: warten und hoffen.“ Hoffen wir auf die nächste posthume Veröffentlichung.

Reginald Hill: Rache verjährt nicht, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 686 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, ISBN 978-3518463901

Die Kummer-Nummer

Miss Lonelyhearts„Haben Sie Sorgen? Schreiben Sie Miss Lonelyhearts!“ Diesem Angebot der New Yorker „Post-Dispatch“ folgen immer mehr Leserinnen und Leser, und auf dem Schreibtisch der Kummerkastentante stapeln sich die Briefe ratsuchender Menschen. Doch Miss Lonelyhearts ist nicht nur keine Frau, sondern ihre Tipps und Anregungen sind auch noch dreist erlogen. Nathanael West hat daraus einen schwachen Roman gemacht, der erstaunlicherweise von Schriftstellerkollegen und der Presse hoch gelobt wurde.

„Miss Lonelyhearts“ spielt in den Jahren 1930/1931. Viele Zeitungen haben eine regelmäßig erscheinende Ratgeberkolumne, in der mehr oder minder berufene Journalisten die meist banalen Alltagsprobleme der Leserschaft zu lösen vorgeben. Je triefender, trivialer oder anrüchiger die Problematik, desto höher ist die Begeisterung bei der Leserschaft der Boulevardblätter, die sich vornehmlich dieser Kategorie der journalistischen Darstellungsform befleißigen.

Und so hat also auch der „Post-Dispatch“ eine solche Kolumne, doch seine Kummerkastentante zeigt erste Anzeichen der Erschöpfung. Tag für Tag kommen mehr als 30 Briefe, und Miss Lonelyhearts, die ein Mister ist, findet keine Worte mehr, die nach Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft klingen. Miss Lonelyhearts ist am Ende. Der Winter hängt über der Stadt, seine Behausung ist „so voller Schatten wie ein alter Stahlstich“, und selbst der Whisky in seiner Stammkneipe kann ihn nicht erwärmen. „Wenn er nur an Christus glauben könnte, dann wäre Ehebruch eine Sünde, dann wäre alles einfach, und die Briefe wären überaus leicht zu beantworten.“

Dilemma der Moral

Religion spielt eine gewichtige Rolle in diesem Roman, „Christus“ scheint oft die wirkliche und einzige Antwort auf alle brieflichen Fragen – das Christus-Business, wie sein Feuilletonredakteur und Vorgesetzter die Sache nennt. Stattdessen aber lässt Miss Lonelyhearts das Beantworten der Briefe sein, es hat ja doch kein Zweck, und versteift sich in doppeldeutigem Sinne bei Hausbesuchen von hilfesuchenden Damen. Er zerbricht an dem Dilemma der Moral.

Das alles ist schön und gut, aber beileibe keine übertriebenen Lobeshymnen wert. Der US-amerikanische Schriftsteller Samuel Dashiell Hammett („Der dünne Mann“) erklärte nach Angaben des Manesse-Verlags: „‚Miss Lonelyhearts‘ ist aus dem Stoff, aus dem unsere Zeitungen sind – bloß dass West die Wahrheit erzählt.“ Nun, das ist famos. Aber solcherlei Lob lässt sich auf vielerlei Buchrücken drucken, das ist kein Alleinstellungsmerkmal. Ja, West schreibt leichtfüßig, ohne viele Schnörkel und verschachtelte Sätze. Kurz, prägnant, sachlich, fast ein wenig zu sehr distanziert. Das passt zu einem Text, der sich mit dem Zeitungsmilieu beschäftigt. Aber es ist keine Wucht.

Die Geschichte der Kummerkastentante bleibt schwach. Es ist eine zynische Abwärtsspirale, die unweigerlich in die Tragik führt. Am Ende müsste Miss Lonelyhearts wohl einen Brief an sich selbst schreiben, dermaßen trostlos steht es um ihn. Vortrefflich von Dieter E. Zimmer übersetzt – die erste Übersetzung der „Miss Lonelyhearts“ ins Deutsche seit 1961 -, sind es aber vor allem seine Anmerkungen und sein Nachwort, die den Roman schlußendlich erst nachvollziehbar machen.

Nathanael West: Miss Lonelyhearts, Manesse Verlag, Zürich, 2012, 170 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,95 Euro, ISBN 978-3717522744

Ende im Gelände

EndeNeun Menschen treffen sich in der spanischen Wildnis, die meisten davon Freunde, die sich vor 25 Jahren schon einmal an diesem Ort aufgehalten haben. Es ist ein Wiedersehen, ein Wiederbeleben, ein Wiedererinnern. Doch dann fällt der Strom aus und einer nach dem anderen verschwindet spurlos.

David Monteagudos erster Roman „Ende“ hat die spanischen Bestsellerlisten im Sturm erobert. Im Jahr 2012 hat der Rowohlt Verlag das Debüt in Deutschland veröffentlicht. Es ist ein Erstlingswerk, über das sich trefflich streiten lässt. Viele Leser wird es wohl enttäuschen, einige mit einem rätselnden Blick zurücklassen. Dabei ist gerade das Rätsel des titelgebenden Endes die große Raffinesse dieses Buches.

Wenn sich Schulfreunde nach 25 Jahren wiedersehen, ist das ein großes Hallo. Es werden Lebensläufe verglichen, mit Erfolgen geprahlt, Misserfolge verschwiegen. Manche haben es zu Geld gebracht, andere gehen in familiären Strukturen auf. Das ist auch bei „Ende“ nicht anders. Im zarten Alter von 20 Jahren verbrachten die Schulfreunde eine Nacht in der Herberge der Burg Penahonda bei El Tiemplo. Und weil es ein Erlebnis war, kam einer von ihnen auf die Idee, die Sause zu wiederholen: am selben Tag, zur selben Uhrzeit, aber 25 Jahre später.

„Der Prophet“ kommt nicht

Einer fehlt. Die Freunde nennen ihn nur „Der Prophet“, ein Außenseiter. Er kommt nicht zum Treffen, doch ohnehin hat kaum jemand damit gerechnet, denn nach und nach wird dem Leser klar: Die Clique muss dem Propheten einst übel mitgespielt haben. Es bleibt unklar, was genau passiert ist, aber es muss derart demütigend gewesen sein, dass alle sich im Nachhinein schämen und die Sache lieber unerwähnt lassen.

Doch spät am Abend, als Ibánez die Musik an der Stereoanlage lauter drehen will, und die kleine Feier auf einem Höhepunkt angelangt ist, flammt draußen vor der Tür plötzlich ein weißes Licht auf. Mit einem Mal ist alles dunkel, alles still. Ein totaler Stromausfall ist die erste Vermutung. Dann bemerkt Hugo, dass sein Handy nicht mehr funktioniert. Nieves‘ und Rafas auch nicht. Selbst die Autos springen nicht mehr an. Und von der anfänglichen Begeisterung über den wolkenlosen Sternenhimmel bleibt nichts übrig als blankes Entsetzen und hilflose Angst.

Als Rafa am nächsten Morgen fehlt, glauben die Zurückgebliebenen, er sei nur kurz spazieren gegangen, doch er kehrt nicht zurück. Da sind es nur noch acht. Acht Menschen in der spanischen Wildnis. Sie brechen zu einer nahe gelegenen Siedlung auf, doch auch dort ist keine Menschenseele zu finden. Wie ausgestorben.

Mixtur aus Optimismus und Verzweiflung

Die nächste Großstadt gibt Hoffnung. Die Freunde machen sich auf den Weg, an einer Schlucht entlang. Plötzlich fehlt Cova. Verschwunden, spurlos verschwunden wie schon Rafa vor ihr. Da sind es nur noch sieben. Treibt da jemand seinen mörderischen Spaß mit den Freunden? Oder hat das Verschwinden ganz andere Ursachen? Es ist eine Mixtur aus Optimismus und Verzweiflung.

Monteagudo legt geschickte Fährten, lässt den Leser im Ungewissen, und macht Gedankenspiele möglich. Romanfiguren und Leser, die nach Sicherheit streben, nach Antworten auf Fragen, die unlösbar scheinen, beißen sich die Zähne aus. Monteagudos Roman „Ende“ ist ein weiterer gelungener Versuch, Menschen mit der Ungewissheit zu konfrontieren. Trotz einiger Längen, die es zu überstehen gilt, ist „Ende“ ein empfehlenswertes Buch. Und nach dem Lesen gehen die Gedankenspiele erst richtig los.

David Monteagudo: Ende, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2012, 349 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,95 Euro, ISBN 978-3498045203

Lesen Sie Gasdanow!

Das Phantom des Alexander WolfEin junger Mann von 16 Jahren erschießt im russischen Bürgerkrieg einen Reiter. Noch Jahre später bedrückt ihn die Erinnerung daran. Doch eines Tages fällt ihm ein Buch in die Hände, in dem genau diese Szene beschrieben steht – aus der Sicht des vermeintlich Getöteten. Hat er überlebt? Der inzwischen erwachsen gewordene Erzähler macht sich auf die Suche nach dem Mann, der offenbar ihr gemeinsames Erlebnis aufgeschrieben hat.

„Das Phantom des Alexander Wolf“ ist eine Entdeckung für deutsche Leser. Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow war Ende der 20er Jahre in Paris einer der hoffnungsvollsten Prosaiker, die die aus Russland emigrierten Literaten zu bieten hatten. Neben Vladimir Nabokov war es der Name Gasdanow, der ähnlich häufig genannt wurde, erst recht nach seinem Debütroman „Abend bei Claire“. Bis heute gilt Gasdanow als einer der wichtigsten Exilautoren des 20. Jahrhunderts.

Allerdings ist er in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben. „Das Phantom des Alexander Wolf“ wurde zum ersten Mal 1947 bis 1948 in der New Yorker Zeitschrift „Nowy Schurnal“ veröffentlicht, ab 1950 erschienen europäische Übersetzungen. Deutschland aber musste bis zum Ende des Jahres 2012 warten, ehe der Hanser Verlag die glänzende Übersetzung von Rosemarie Tietze herausgab. Und zu Recht schreibt Tietze am Ende ihres aufschlussreichen Nachworts: „Höchste Zeit, dass auch für den deutschen Leser das Phantom des Gaito Gasdanow endlich reale Gestalt annimmt.“

„Arbeit von ermüdender Vielfalt“

Der Roman spielt im Paris des Jahres 1936. Der Ich-Erzähler ist russischer Emigrant, der als Journalist sein Geld verdient, obwohl er doch lieber Schriftsteller wäre: „Statt dass ich meine Zeit literarischer Tätigkeit widmete, zu der ich mich hingezogen fühlte, die jedoch gehörigen Zeitaufwand und uneigennützigen Einsatz verlangt hätte, gab ich mich mit Journalismus ab, einer sehr unregelmäßigen Arbeit von ermüdender Vielfalt.“

Seine Suche nach dem Schriftsteller Alexander Wolf gestaltet sich trotz intensiver Recherche schwierig. Erst als er Heiligabend in einem russischen Restaurant einen Mann namens Wladimir Petrowitsch Wosnessenski kennenlernt, kommt er dem Phantom auf die Spur. Denn durch einen wahrhaft erstaunlichen Zufall, den der Leser Gasdanow zu gerne verzeiht, kennt ausgerechnet Wosnessenski den geheimnisvollen Alexander Wolf.

Gasdanows Roman ermöglicht dem Leser eine bemerkenswerte Reise in die Welt des russischen Emigrantenmilieus kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Ganz offensichtlich hat Gasdanow von eigenen Erfahrungen gezehrt. Auch er meldete sich mit fast 16 Jahren freiwillig zum Militär, diente als Soldat auf einem Panzerzug und kam mit 23 Jahren nach Paris, wo er Taxi fuhr und schrieb.

Boxkampf im Halbschwergewicht

Sein Stil im „Phantom des Alexander Wolf“ ist sachlich prägnant, schnörkellos, berichtend, auch in Liebesdingen fast distanziert. Die Beschreibung eines Boxkampfes im Halbschwergewicht zwischen einem Franzosen und einem Amerikaner wird zum hervorragenden Beispiel einer guten Sportberichterstattung.

Gasdanow lässt seinen Erzähler über Leben und Tod, Liebe und Moral diskutieren. Und was ist das für eine herrliche Szene, als der Erzähler von seiner Geliebten aufgefordert wird, Konfekt an Prostituierte zu verteilen! Oft möchte man verzückt mit der Zunge schnalzen, so wunderbar allumfassend ist dieser Roman geraten.

Lesen Sie Gasdanow! Er ist eine Entdeckung, fürwahr.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser Verlag, München, 2012, 191 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, ISBN 978-3446238534

Die Schatzinsel? Pah!

Der Master von BallantraeFamos, ganz und gar famos! Seien Sie dem Mareverlag dankbar, dass er erneut einen literarischen Schatz gehoben hat. Mit der glänzenden und modernen Neuübersetzung von Robert Louis Stevensons „Master von Ballantrae“ ist der alte Klassiker über einen Bruderkampf im Schottland des 18. Jahrhunderts neu zu entdecken. Das sollte man nicht versäumen.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1745. In Schottland zieht Bonnie Prince Charlie in den Zweiten Jakobitenaufstand. Unter seiner Fahne reitet auch James Durie, der Master von Ballantrae und einer der Söhne von Lord Durrisdeer, ein Hallodri, Raufbold und Weiberheld, unberechenbar, skrupellos und arrogant. Als der zurückgebliebenen Familie die Kunde vom Tod des Masters zugetragen wird, übernimmt der jüngere und anständige Bruder Henry die Geschäfte und heiratet die Frau, die einst dem Master zugesprochen war. Doch eines Tages kehrt der totgeglaubte James nach Hause zurück.

Das Sujet klingt altbekannt, fast trivial, und doch ist es geradezu meisterlich, was Stevenson daraus geschaffen hat. Gäbe es noch Kaminabende, an denen Freunde beisammen sitzen und sich die tollsten Geschichten erzählen, während Tabak geraucht wird und die Gläser klirren, es wäre diese Geschichte des „Masters von Ballantrae“, die die staunendsten Blicke ernten würde. Das Abenteuer führt durch Schottland, Frankreich, Indien und Amerika. Es gibt Piratengeschichten, Moorwanderungen und Schatzsuchen. Indianer skalpieren das eine oder andere Bleichgesicht, ein Inder versteht mehr Englisch, als er zugibt, und Piraten tun das, was sie eben tun.

Ein Pas de deux par excellence

Die Feindschaft der beiden Brüder findet seinen Höhepunkt in einem nur von Kerzen beleuchteten winterlichen Degen-Duell, das wie ein Tanztheater konzipiert ist. Das Bühnenbild von eindringlicher Qualität, die Requisiten spärlich, aber mit Bedacht gewählt, vollführen die handelnden Personen einen Pas de deux par excellence.

Der Winter spielt eine wichtige Rolle im „Master von Ballantrae“. Stevenson bezeichnete das Buch nicht als Roman, sondern als „Eine Wintergeschichte“ und verweist damit auf die Entstehung des Buches. Ende 1887 hielt sich Stevenson in einem Sanatorium in Saranac auf, um sich dort von einem Tuberkulosespezialisten behandeln zu lassen.

In einem Entwurf für ein Vorwort schreibt Stevenson: „Es war Winter; die Nacht war sehr finster; die Luft war außerordentlich klar und kalt und von köstlicher Waldesfrische. Weit unten hörte man den Fluss mit Eis und Felsbrocken kämpfen; einzelne Lichter waren zu sehen, ungleichmäßig in der Dunkelheit verstreut, doch so weit entfernt, dass sie den Eindruck der Einsamkeit nicht minderten. Das waren gute Voraussetzungen für das Verfassen einer Geschichte.“

„Seine einzige Geschichte in Schwarz und Weiß“

Obgleich der „Master von Ballantrae“ nicht notwendigerweise im Winter gelesen werden muss, sind es doch vor allem die winterlichen Szenen, die besonders wirkungsvoll und eindringlich sind, allen voran die schon erwähnte Duell-Szene. Gilbert Keith Chesterton schreibt in einem Essay aus dem Jahr 1927 über Stevenson: „Stevenson bewies seinen untrüglichen Instinkt, als er [das Buch] „Eine Wintergeschichte“ nannte. Es ist seine einzige Geschichte in Schwarz und Weiß, und ich kann mich keines Worts entsinnen, das ein Farbfleck wäre.“

Auch er lobt die Duell-Szene: „Das Haus Durrisdeer geht nicht unter wie das Haus Usher. Diese mörderische Szene ist durchdrungen von etwas unbenennbar Reinem, Salzigem, Gesundem, und allem zum Trotz ist der weiße Raureif für die Kerzen eine kalte Läuterung wie eine Art Lichtmess.“

Ganz vortrefflich ist sie, diese Ausgabe des Mareverlags. Melanie Walz hat den Text nicht nur brillant übersetzt und dabei alle bisherigen Übersetzungen außer Acht gelassen, sondern ihn auch noch kommentiert sowie ein aufschlussreiches Nachwort und Stevensons Entwürfe für ein Vorwort beigefügt.

Auch äußerlich ist der „Master von Ballantrae“ gelungen: In Leinen gebunden und mit zweifarbiger Prägung auf dem Titel und Rücken, mit einem farbigen Vorsatzpapier und einem Lesebändchen, steckt das Werk in einem von Simone Hoschack und Petra Koßmann gestalteten stabilen Schmuckschuber. Wahrlich eine Pracht. Der geneigte Leser sollte nicht lange zögern.

Robert Louis Stevenson: Der Master von Ballantrae, Mareverlag, Hamburg, 2010, 352 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, im Schmuckschuber, 29,90 Euro, ISBN 978-3866481206