Die Nette und Dr. Biest

Washington SquareWas kann ein Vater seiner Tochter antun, wenn er nicht glauben möchte, dass sein Kind von einem Mann um seiner selbst willen geliebt wird, sondern beharrlich davon ausgeht, der Verlobte sei nur an der Mitgift interessiert! Henry James‘ zeitlos gebliebener Roman „Washington Square“ handelt mitunter von einer solchen Misere und ist im Manesse-Verlag in vortrefflicher Art neu erschienen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts praktiziert in New York ein Dr. Austin Sloper, der als Arzt einen hervorragenden Ruf genießt. Seine Patienten nennen ihn „brillant“, der allwissende Erzähler beschreibt ihn als „zutiefst ehrenhaften Mann“. Doch auch Arztfamilien sind nicht vor dem Schicksal gefeit, und so verstirbt zunächst der erstgeborene Sohn im frühen Kindesalter und wenig später nach der Geburt der Tochter auch die eigene so innig geliebte Ehefrau.

Die Tochter Catherine ist für den Vater früh eine Enttäuschung, sieht er in ihr doch nur einen schlechten Ersatz für den verlorenen Sohn, den er zu einem Prachtexemplar von Mann heranziehen wollte. Catherine aber, ach!, hat nichts von der Schönheit ihrer verstorbenen Mutter geerbt. Sie sähe „nett“ aus, sagen die Leute, wenn sie Catherines Äußeres loben wollen, und auch im 19. Jahrhundert schon war nett nix für’s Bett, geschweige denn für eine Hochzeit.

Rechthaberisch bis ins letzte Detail

Catherine ist schlicht, wo andere klug sind, sie hat weder eine schnelle Auffassungsgabe noch war sie in ihrer Jugend ein Ausbund an Wildheit. Was sie jedoch von frühester Kindheit auszeichnet, ist ihre schier unerschütterliche Liebe für ihren Vater, gleichzeitig aber fürchtet sie ihn sehr. Das macht sie unterwürfig. Ihrem Vater zu gefallen, ist ihr seligster Wunsch. Der wiederum kennt keine väterliche Liebe. Kalt ist er, berechnend, ein Analytiker. Und vor allem rechthaberisch bis ins letzte Detail.

In diese schwierige Vater-Tochter-Konstellation tritt nun ein junger, gutaussehender Mann namens Morris Townsend, der Catherine den Hof macht, aber sein eigenes Vermögen durchgebracht hat. Dr. Sloper hält nichts von dem möglichen Schwiegersohn in spe, er sieht in ihm nur einen Taugenichts, der hinter dem Geld seiner Tochter her ist.

Catherine jedoch ist bereits in schüchterner Liebe entbrannt. Unglückselige Unterstützung findet sie in ihrer nicht besonders intelligenten Tante Mrs. Penniman, die hoffnungslos romantisch und sentimental ist und am liebsten selbst einen Liebhaber hätte, mit dem sie unter falschem Namen geheimnisvolle Briefe austauschen kann. Dr. Sloper erkennt bald den Ernst der Lage und verkündet, er werde seine Tochter enterben, wenn diese den Heiratsschwindler eheliche. Es beginnt ein Ziehen und Zerren zwischen zwei Männern, die nur aus blindem Egoismus handeln, nicht aus Edelmut oder zum Schutze von Catherine. Man möchte meinen, Catherine wäre dem Untergang geweiht, ein Spielball der eigensinnigen Intentionen zweier Männer. Doch Henry James entwirft mit ihr langsam die Geschichte einer stillen Heldin, die wahrhaftig liebt.

Feine Ironie und geistreiche Erzählkunst

Die Neuübersetzung von Bettina Blumenberg, die auch ein lesenswertes Nachwort verfasst hat, ist über die Maßen gelungen. Henry James‘ feine Ironie und geistreiche Erzählkunst werden hier erstmalig offenbar. Die Antiquiertheit früherer Übersetzungen sucht man vergebens. Ohnehin ist „Washington Square“ kein antiquiertes Sujet, denn auch heute noch heiratet mancher aufgrund geldwerten Vermögens.

Das Buch erscheint mit einem wunderbar handkolorierten Buchschnitt und einem passenden Lesebändchen. Dem Manesse-Verlag ist es damit gelungen, einmal mehr ein besonderes Stück Literatur herauszugeben. Eine wahre Wiederentdeckung!

Henry James: Washington Sqaure, Manesse Verlag, Zürich, 2014, 275 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 24,95 Euro, ISBN 978-3717523109, Leseprobe

Bizarre Begierde nach dem Vergewaltiger

OhEines der bekanntesten Enfants terribles der französischen Literatur hat wieder zugeschlagen: Philippe Djian stichelt in seinem neuen, ins Deutsche übersetzte Werk mit dem schlichten Titel „Oh…“ nicht mehr gegen den Literaturbetrieb, sondern widmet sich der Film- und Fernsehindustrie. Hauptthema aber ist die Bewältigung einer erlebten Vergewaltigung. Wie immer hat Djian das raffiniert verwoben. Nur mit seinem üblichen Chaos-Setting hat er es diesmal etwas übertrieben.

Michèle ist eine knallharte Filmproduzentin, die an mehreren Fronten gleichzeitig kämpft: Sie hat eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin, ihr Sohn ist auf dem besten Wege, sich ein Kuckuckskind unterschieben zu lassen, und ihr eigener Vater sitzt seit Jahren im Gefängnis, weil er einst 70 Kinder in einem Ferienlager an der Atlantikküste erschossen hat. In Frankreich kennt man Michèles Vater nur als „Das Monster von Aquitanien“. Zu allem Überfluss kündigt Michèles 75-jährige Mutter an, wieder heiraten zu wollen, und zwar ihren wesentlich jüngeren Lover.

Michèle ist es gewohnt, dass die Menschen vor ihrer Dominanz zurückschrecken und unter ihr einknicken. Eines Tages aber wird sie in ihrem eigenen Haus überfallen und vergewaltigt. Sie selbst ist nun die Schwache, die Unterlegene, und das wirft sie völlig aus der Bahn. Sie beschließt, niemandem davon zu erzählen, weiterzumachen wie bisher, sich aber Pfefferspray zu kaufen und das Haus mit einer Alarmanlage zu sichern. Vielleicht glaubt sie, die völlig durchgedrehte Welt um sie herum werde sie das Erlebte schon vergessen lassen. Aber das funktioniert nicht. Mehr noch: Sie beginnt zu realisieren, dass ihr die Erinnerung an die Machtübernahme durch den vermummten Mann ungeahnte Lust verschafft. Sie begehrt ausgerechnet den Mann, der sie zuvor vergewaltigt hat. Die anderen Männer und Geliebten in ihrem Leben sind dagegen Langweiler, Banker, Nachbarn und vor allem: stets unterwürfig.

Sex spielt eine wichtige Rolle

Wer jetzt glaubt, Djian hätte die französische Version von „Shades of Grey“ geschrieben, der irrt. Solche Nacheiferungen hat Djian nicht nötig. Sex spielt in allen seinen Büchern eine wichtige Rolle, und auch bei „Oh…“ ist er allgegenwärtig. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus erklärte Djian, auf das Thema Sex in seinen Büchern angesprochen: „Zuerst geht es mir um die Beziehungen zwischen Menschen. Da kann ich diesen Bereich schwerlich auslassen. Die Gesten, die mit Sex zu tun haben, sind äußerst aufschlussreich für die Psyche der Personen. Da kann man wirklich erkennen, ob jemand ein gemeiner Hund ist oder nicht.“

Michèle ist kein gemeiner Hund, sondern schlichtweg eine Frau, der etwas Ungeheuerliches passiert ist, und der wir dabei folgen, das Erlebte zu verstehen. Und trotz der vielen wörtlichen Rede in diesem Buch ist es eher ein innerer Monolog, den man zwischen den Zeilen lesen muss, zwischen den assoziativen Reihungen, die manchmal so viel Fahrt aufnehmen, dass es einem schwindelig werden kann beim Lesen.

Das ist starke Literatur, fürwahr! Aber für den Leser bedeutet das Arbeit: Viel Aufmerksamkeit ist vonnöten! Wer gerne kurz vor dem Schlafen noch ein paar Seiten liest, sollte besser zu einem anderen Buch greifen. Hinzu kommt das eingangs erwähnte maßlos chaotische Setting. Da hätte sich Djian etwas in Zurückhaltung üben können – wobei das noch nie eine von Djians Eigenschaften gewesen ist.

Was dem Diogenes Verlag noch anzukreiden wäre, ist die missglückte Umschlagbeschreibung. Dort ist zu lesen, Michèle sage das titelgebende „Oh…“, „nachdem sie in ihrem Haus bei Paris überfallen wurde“. Möglicherweise ist da zu Beginn ein „Oh…“ verloren gegangen, aber das einzige „Oh…“ dieses Romans fällt auf Seite 231. Und es steht im letzten Satz. Die Beschreibung auf dem Umschlag lässt etwas anderes vermuten. Aber das ist wohl bei einem Buch wie diesem nur eine Nebensache und kann als Kleinlichkeit des Rezensenten abgetan werden.

Philippe Djian: Oh…, Diogenes Verlag, Zürich, 2014, 231 Seiten, gebunden, 21,90 Euro, ISBN 978-3257069044, Leseprobe

Max von der Grün darf nicht vergessen werden

Männer in zweifacher NachtDas Nachrichtenmagazin Der Spiegel nannte ihn einmal den „Revier-Goethe“, die jüngere Generation kennt ihn vor allem durch seinen Jugendroman „Vorstadtkrokodile“: Max von der Grün. Heute vor zehn Jahren verstarb der deutsche Schriftsteller. Das ist Anlass genug, um sich wieder mit seinem Werk zu beschäftigen, das erschreckend aktuell geblieben ist. Das gilt bereits für seinen Erstlingsroman „Männer in zweifacher Nacht“. Erschienen im Jahr 1962 erzählt er die Geschichte dreier Bergleute, die bei einem Grubenunglück unter Tage eingeschlossen werden. Es ist ein hervorragendes und bedrückendes Kammerspiel, aber auch eine deutliche Anklage an die profit- und raffgierigen Unternehmer.

An einem Tag zwischen Weihnachten und Neujahr, „die Feiertage standen noch in ihren Gesichtern“, fährt die nächste Schicht in die Tiefe, darunter der junge Johannes Brinkmann sowie die Hauer Stanislaus „Stacho“ Hubalek und Josef Kießling. Von Anfang an hat Brinkmann keinen leichten Stand unter den Kumpeln: Er ist Werkstudent und angehender Theologe, ein „studierter Hanswurst“. Der Steiger rät Hubalek sogar, er möge Brinkmann „besonders an die Kandare (…) nehmen, diesen Leuten solle nichts geschenkt werden, auch sie sollten im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen.“

Sie haben ihre Arbeit noch nicht richtig begonnen, da werden die drei plötzlich bei einem Strebbruch eingeschlossen und zu Schicksalsgenossen. Es gehört zu den eindringlichsten Passagen des Buches, als Stacho das Unglück kommen sieht, jedoch wie gelähmt stehen bleibt, weil er es nicht fassen kann. Wie die „Zeitlupenwiedergabe eines Filmstreifens“ sieht er die so sicher aufgestellt geglaubten Stützen in sich drehend zusammenbrechen. Mit wenigen Worten skizziert von der Grün das Schrecknis, das Charaktere wie Leser gefangen nimmt.

Zwei Männer aus zwei unterschiedlichen Welten

Kießling ist bei dem Unglück so schwer verletzt worden, dass er an seinen Wunden stirbt. Übrig bleiben zwei Männer aus zwei unterschiedlichen Welten, glaubt Stacho: Die der Arbeiter und die der „Bonzen“, zu denen er Brinkmann zählt. Der weiß ganz genau, wie Stacho tickt. Er kennt die Vorwürfe der Arbeiterklasse: Arbeiter dürfe sich nur schimpfen, wer durch seine Arbeit schwitzt, aber durch das Ausarbeiten von Predigten werde man noch nicht zum Arbeiter.

Von der Grün hat den Bergarbeitern im Jahr 1962 mit diesem Roman erstmals eine Bühne gebaut. Eine Literatur der industriellen Arbeitswelt gab es zu der Zeit nicht. Von der Grün aber kannte sich dort aus. Er selbst entstammt diesem Milieu, schuftete noch als Bergmann in der Zeche Königsborn im Kreis Unna unter Tage, als er an seinem ersten Roman arbeitete. Zweimal wurde er bei seiner Arbeit verschüttet. Das Gefühl des „Wir hier unten, Ihr da oben“ kannte er zur Genüge aus eigener Erfahrung. Es ist also auch Max von der Grün, der aus Stacho spricht: „Der Kumpel ist der Arsch der Welt, hat außerdem einen breiten Buckel, auf dem die Dividende ausgehandelt wird.“

Dies ist zugleich eine der zentralen politischen Aussagen des ganzen Romans. Und sie ist Resümee einer Rede, die die Ohnmacht der Bergarbeiter vor den Machtstrukturen deutlicher nicht ausdrücken könnte: „Wirtschaftswunder. – Käse. Arbeiter erleben keine Wunder, sie wundern sich nur über die Wunder der andern, und schließlich wird alles Wunder auf unseren Rücken ausgetragen. Wirtschaftlicher Aufstieg? – Käse. Die Kohle ist noch genauso schwarz wie vorher, und in den Streben ist es noch genauso heiß. Russen? Na und? Sollen doch kommen. Für uns Bergleute ist jedes Regime annehmbar, Hauptsache, wir haben unser Geld und unser Recht. Leben wollen wir, einen Garten haben und Ruhe. Gefasel von Freiheit. Die Idioten, als ob unter Tage Freiheit wäre. Ist nur ein Wort für Großverdiener, sprechen von Freiheit und meinen das Geld. Bande. Spekulanten.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das „Wir hier unten, Ihr da oben“-Gefühl ist nicht gewichen. Deshalb liest sich „Männer in zweifacher Nacht“ nicht nur als zeithistorisch bedeutendes Buch, sondern noch immer als aktuelles Beispiel aus der Arbeitswelt.

Ein handfester Skandal

Ein großer Erfolg wurde „Männer in zweifacher Nacht“ im Jahr 1962 nicht. Erst mit seinem zweiten Roman „Irrlicht und Feuer“ wurde Max von der Grün 1963 einem überregionalen Publikum bekannt, auch weil daraus ein handfester Skandal wurde. Walter Ahrend, stellvertretender Vorsitzender der IG Bergbau und Energie und späterer Bundesarbeitsminister, verurteilte den Roman als „Machwerk“ und schlug vor, ihn zu verbrennen. Ein Vorabdruck brachte auch die Gewerkschaften in Rage. Schikanen seitens der Firmenleitung sorgten schließlich dafür, dass von der Grün seinen Job als Bergmann aufgab und freier Schriftsteller wurde. Sein zweiter Roman war zu diesem Zeitpunkt bereits auch international ein Erfolg geworden. Die Bühne für die Bergarbeiter und gesellschaftlich Unterdrückten aber hat er nie wieder eingerissen, sondern weiterhin bespielt.

Einige Jahre lang waren seine Werke trotzdem im Buchhandel vergriffen und nur noch im Antiquariat zu bekommen. Vergaß Deutschland etwa einen der bedeutendsten Vertreter der sozialkritischen Literatur der Nachkriegszeit? Nicht ganz. Seit 2009 gibt der Pendragon Verlag aus Bielefeld Max von der Grüns Werkausgabe heraus, und zwar in vortrefflicher Art und Weise. Sämtliche Bände der zehnteiligen Werkausgabe sind gebunden erschienen und enthalten weitere Erzählungen, Reportagen und Erinnerungen sowie jeweils ein Nachwort. So finden sich im vorliegenden Band I („Männer in zweifacher Nacht“) die drei kurzen Prosatexte „Der Betriebsrat“, „Das Wunder“ sowie „Der Wacholderkönig“.

Dass die Werkausgabe von Max von der Grün nicht bei einem Verlag aus dem Ruhrgebiet gelandet ist, sondern in Bielefeld verlegt wird, verwundert allerdings. Auf Seitengang-Anfrage erklärt Eike Birck vom Pendragon-Verlag, das sei dem Engagement von Verleger Günther Butkus zu verdanken. „Schon früh hat er sich für die Romane von Max von der Grün begeistert und sich dafür eingesetzt, dass sein Werk nicht in Vergessenheit gerät.“ Dass die Gefahr überhaupt besteht, müsste überraschen, denn von der Grün war nie nur der „Chronist einer versunkenen Kultur – der des deutschen Proletariats“, wie Jan Feddersen, Redakteur der Berliner Tageszeitung taz, ihn in seinem ansonsten lesenswerten Nachruf bezeichnete. Seine Romane sind stets aktuell geblieben: Ob es die Ausländerfeindlichkeit in „Springflut“ ist, Liebe im Alter („Späte Liebe“), die wieder erstarkende rechte Szene in „Flächenbrand“ oder Mitarbeiterbespitzelung in „Stellenweise Glatteis“ – das alles sind keine Themen, die nur noch zeithistorisches Interesse haben.

Max von der Grün starb am 7. April 2005 im Alter von 78 Jahren in Dortmund. Was ist von ihm geblieben? Seine „Vorstadtkrokodile“ werden vor allem an den Schulen noch immer gelesen – nicht aus zeithistorischem Interesse. Seine restlichen literarischen Werke aber gehören auch wieder in die Leserhände. Greifen wir zu!

Max von der Grün: Männer in zweifacher Nacht, Pendragon Verlag, Bielefeld, 2009, 246 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN 978-3865321206

Seitengang dankt dem Pendragon Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Stalking in Stockholm – Kepler kann’s doch

Ich jage dichRund ein Jahr lang hat Lars Kepler seine Leser warten lassen. Jetzt endlich ist der fünfte Kriminalroman mit dem eigensinnigen Ermittler Joona Linna erschienen – und das Rätsel um seinen möglichen Tod gelöst. Anfangs noch etwas wacklig auf den Beinen sucht er diesmal einen brutalen Serienmörder und Stalker, der offenbar ein heftiges Problem mit Frauengesichtern hat. Glücklicherweise ist der fünfte Band durchdachter und spannender als sein Vorgänger.

Stellen Sie sich vor, es ist Abend und Sie sitzen allein mit einem Glas Wein auf dem Sofa und schauen Fernsehen. In einer Werbepause blicken Sie gedankenverloren aus dem Fenster und entdecken plötzlich ein Gesicht an der Scheibe. Im nächsten Augenblick ist es verschwunden, und Sie können sich nicht mehr sicher sein, ob Sie es wirklich gesehen haben. Sie stehen auf und treten näher ans Fenster, doch dort spiegelt sich nur das hell erleuchtete Zimmer, in dem Sie stehen. Hat Ihnen die eigene Müdigkeit ein Schnippchen geschlagen? Sie lächeln über ihre Angst und kehren zum Sofa zurück. Doch jetzt haben Sie ein Geräusch gehört und fragen sich: Bin ich wirklich allein?

Die Frauen, die in Stockholm dem Stalker begegnen, stellen sich diese Frage nicht lange, denn schon im nächsten Moment bringt er sie auf blutrünstige und bestialische Art und Weise um. Er entstellt ihre Gesichter und lässt die Leichen in rätselhaften Positionen zurück. Der Polizei mailt er zuvor ein Video, das das Opfer noch zu Lebzeiten zeigt, gefilmt durch die hell erleuchteten Fenster. Die Informationen reichen jedoch nie aus, um den Mord zu verhindern.

Großteil der Spuren vernichtet

Gerade der letzte Mord aber hat es noch besonders in sich, denn der Ehemann des Opfers findet seine Frau kurz nach der Tat und reagiert panisch. Er putzt das Haus und trägt seine Frau ins Bett. Für die Kriminalpolizei ist es ein Fiasko, weil er damit den Großteil der Spuren vernichtet hat. Hinzu kommt, dass der Ehemann unter der traumatischen Erfahrung einbricht und sich nur noch bruchteilhaft daran erinnert, was er gesehen hat. Die Landeskriminalpolizei unter Leitung der hochschwangeren Kommissarin Margot Silverman beauftragt den Psychiater Erik Maria Bark damit, den Ehemann unter Hypnose zu befragen.

Kepler-Leser kennen Bark schon seit dem Debüt-Roman „Der Hypnotiseur“. Inzwischen ist er von seiner Frau geschieden, hat hin und wieder Frauenbekanntschaften und frönt immer noch seinem Laster, der Tablettensucht. Die Hypnose des Ehemanns führt ihn zurück zu einem alten Fall, bei dem der Tatort ähnlich aussah. Bark verschweigt der Polizei dieses Detail, offenbart sich aber gegenüber seinem besten Freund Joona Linna. Gemeinsam ermitteln sie auf eigene Faust, aber auch sie können das Morden nicht aufhalten. Und plötzlich steht Bark selbst direkt in der Schusslinie.

Mit dem neuen Roman hat das schwedische Autoren-Ehepaar Alexandra Coelho Ahndoril und Alexander Ahndoril alias Lars Kepler zu seiner alten Klasse zurückgefunden. Die liebgewonnenen Charaktere Joona Linna und Erik Maria Bark entwickeln sich entscheidend weiter, und auch andere Figuren aus der Reihe tauchen wieder auf. Neu in dem Gefüge ist die schwangere Kommissarin Margot Silverman, die trotz weit vorgeschrittener Schwangerschaft noch arbeitet und unter der zusätzlichen Belastung leidet, einen schnellen Ermittlungserfolg vorweisen zu müssen. Lars Kepler lässt sie deshalb leicht aus der Haut fahren, sie ist oft genervt, ähnlich starrköpfig wie Linna und wirkt über weite Strecken des Buches eher unsympathisch. Sie ist für den Leser nicht leicht zu nehmen, und gerade das macht sie zu einer der interessantesten Figuren.

Spannend und dramatisch

Litt der Vorgänger noch an zahlreichen Ungereimtheiten, so merkt man diesem Roman an, dass er besser recherchiert worden ist. Nach wie vor schreibt Lars Kepler sehr brutal und blutig; für zarte Gemüter ist auch der neue Roman deshalb nicht geeignet. Als Schwedenkrimi-Leser ist man einiges gewöhnt, aber hier legt Kepler nochmal eine Psycho-Schippe nach. Es ist spannend und dramatisch, und die kurzen Kapitel sorgen für einen ganz eigenen Lese-Sog. Es bleibt zu hoffen, dass die restlichen Bände der auf acht Bücher ausgelegten Serie weiterhin auf diesem Niveau bleiben.

Fraglich ist aber erneut, warum der Bastei Lübbe Verlag den passenden Titel der schwedischen Originalausgabe („Stalker“) nicht übernommen, sondern ihn mit „Ich jage dich“ übersetzt hat. Die Umschlaggestaltung mit einem auf den Betrachter gerichteten Fotoapparat unterfüttert die Deutungsmöglichkeit, dass nicht Stalking das Thema des Buches ist, sondern vielleicht ein Paparazzo. Der Mörder aber fotografiert seine Opfer nicht, sondern filmt sie. Positiv hervorzuheben ist allerdings, dass der Verlag weiterhin seiner Linie treu bleibt und die Bücher der Serie mit farblich passenden Lesebändchen versieht.

Lars Kepler: Ich jage dich, Bastei Lübbe Verlag, Köln, 2015, 687 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 19,99 Euro, ISBN 978-3785725115, Leseprobe

Stephen King leiht sich Frankenstein

RevivalDer neue Roman „Revival“ von Stephen King wird als die Rückkehr des Horror-Meisters beworben. Der Horror in diesem Buch aber tönt nur leise, und schon das macht den Roman um einen gottvergessenen Prediger so lesenswert. Es ist vor allem aber auch eine richtig gute Erzählung. Warum King der Literatur-Stempel immer noch verwehrt bleibt, ist nicht zu verstehen.

Der Roman beginnt im Oktober des Jahres 1962. Während die Kubakrise in vollem Gange ist, lässt Jamie Morton bei seinen Plastiksoldaten lieber die Krauts gegen die Amerikaner antreten. Jamie ist sechs Jahre alt, als an jenem Tag im Oktober erstmals ein Schatten auf ihn fällt, der ihn sein ganzes Leben begleiten wird. „Ich blickte auf und sah einen Mann vor mir stehen. Weil sich die Nachmittagssonne hinter ihm befand, war er eine von goldenem Licht umgebene Silhouette – eine menschliche Sonnenfinsternis.“

Den Schatten wirft der junge Charles Jacobs, der soeben der neue Pfarrer der methodistischen Gemeinde in Harlow geworden ist. Fortan füllt er die Kirche wieder mit Gläubigen und verblüfft seine kleinen Zuschauer in der wöchentlichen Jugendgruppe mit kleinen Wundern. Jamie und die anderen Kinder erkennen jedoch schnell, dass die Wunder nichts anderes sind als Zaubertricks. Die Jesusfigur etwa, die den Anschein macht, als würde sie über einen See laufen, nutzt dafür eine kleine Führungsschiene, die unter dem seichten Wasser mit blauer Farbe verborgen ist.

Elektrizität und Spielereien

Jamie und Jacobs freunden sich an. Gleich am ersten Tag lädt Jacobs seinen jungen Freund zu sich ins Pfarrhaus ein und weiht ihn dort in sein großes Hobby ein: Die Elektrizität und allerlei damit verbundene, technische Spielereien. Er erfindet Batterien, Lichtschranken und natürlich den Wasser überquerenden Jesus. Mit seinen elektrischen Gerätschaften kann er sogar Jamies Bruder heilen, der für Monate seine Stimme verloren hatte.

Jamie ist fasziniert, während die meisten anderen Jungs wesentlich angetaner sind von Jacobs Frau Patsy, deren blonder Schopf beim Orgelspielen immer so schön hin und her wippt, und die auch ansonsten eine durchaus hübsche Erscheinung ist: „(…) und ich bekam einmal mit, wie mein Bruder Andy – der damals wohl auf die vierzehn zuging – sagte, sie über den Platz laufen zu sehen, sei eine ganz eigene religiöse Erfahrung.“ Die Mädchen wiederum sind völlig vernarrt in Jacobs zweijährigen Sohn Morrie (die Jungs nennen ihn dagegen nur „Morrie, das Klettchen“). Und die Erwachsenen, ja, die sind ihrerseits begeistert, dass sie endlich wieder einen ausgebildeten Pfarrer in ihrer Gemeinde haben.

In „Revival“ zeigt Stephen King einmal mehr, dass er ganz außerordentlich in der Lage ist, die kindliche und jugendliche Sicht der Dinge zu erzählen. Mit einem Lächeln in der Sprache, dass man meinen könnte, er habe auch beim Schreiben dieser Passagen unaufhörlich lächeln mögen. Bis der Horror das erste Mal sein Antlitz zeigt, kurz, nur ganz kurz. Denn eines Tages reißt ein grausiger Verkehrsunfall Jacobs Frau Patsy und ihren gemeinsamen Sohn Morrie aus dem Leben, von King mit drastischen Bildern beschrieben.

Mit Groll und tödlichem Zorn

Jacobs kann den Verlust seiner Frau und seines Sohnes nicht verwinden. Am darauf folgenden Sonntag liest er eine Messe, die seitdem als die „Furchtbare Predigt“ über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist. Darin listet Jacobs Fall um Fall auf, in denen Gott seine Schäfchen nicht beschützt, sondern offenbar mit Groll verfolgt und mit tödlichem Zorn vernichtet hat. Jacobs Jesus hat jegliche Führungsschiene verlassen. Den Job ist Jacobs aber auch los, denn nach dieser Predigt muss er die Gemeinde verlassen.

Nun dauert es, bis Jacobs Schatten das nächste Mal auf Jamie fällt. Der Leser folgt Jamie auf dem Weg durch die Highschool und die erste Liebe. Aus dem kleinen Jungen wird ein mittelmäßiger Rock-Gitarrist, und falls das Buch jemals verfilmt wird, hat Stephen King dermaßen viele Anspielungen auf berühmte und weniger bekannte Rock-Songs gemacht, dass der Soundtrack zum Film mehrere Tonträger umfassen könnte. Viele der erwähnten Songs finden sich übrigens auch im Repertoire der Band „Rock Bottom Remainders“, in der Stephen King selbst hin und wieder Gitarre spielt. Ein Stephen-King-Fan hat sich die Mühe gemacht und eine YouTube-Playlist zusammengestellt, auf der nahezu alle bei „Revival“ erwähnten Songs zu finden sind. Leider sind einige davon in Deutschland nicht aufrufbar, aber der Rest intensiviert das Leseerlebnis.

„Revival“ trägt auch autobiografische Züge, denn Jamie Morton wird bald drogenabhängig, wie auch Stephen King einst drogen- und alkoholabhängig war. In seinem lesenswerten Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone (Ausgabe 245 / März 2015) erklärt King, er erkenne sich selbst in der Figur des Jamie wieder: „Jamie ist ein Bursche, der nach einem Motorradunfall süchtig wird – so wie ich nach meinem Unfall ein Drogenproblem bekam.“ Im Jahr 1999 wurde King bei einem Spaziergang von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Um die Schmerzen zu betäuben, nahm er ein starkes, süchtig machendes Schmerzmittel ein. Aber schon zuvor habe er um 1978/1979 herum ein heftiges Alkoholproblem gehabt. „Ich musste pro Abend eine ganze 24er-Kiste verputzt haben und sagte mir: Du bist Alkoholiker.“ Ab 1978 sei er dazu noch kokainsüchtig geworden („Zwischen 1978 und 1986 war ich voll drauf“) und habe mit „Das Monstrum“ eines seiner schlechtesten Bücher geschrieben.

Elektrisches Wunder

Auch Jamie Morton ist „voll drauf“. Soeben aus der Band geworfen, tapert er, ausgemergelt und pleite von der Drogensucht, eines Tages ganz zufällig in einen kleinen Laden mit Elektrogeräten. Inhaber des Ladens ist – wie sollte es anders sein – Charles Jacobs. Der bringt Jamie auf die Beine und zurück ins Leben, erneut mit einem elektrischen Wunder, das stärker als das bisher erlebte ist. Jacobs lernt dazu, tüftelt weiter und tingelt schließlich mit seinen Zaubereien über die Jahrmärkte. Raffinierterweise lässt King seinen versessenen Reverend auch auf jenem Jahrmarkt arbeiten, der Schauplatz für seinen früheren Roman „Joyland“ gewesen ist.

Jamie und Jacobs Wege kreuzen sich immer wieder, doch Jamie graust es mehr und mehr vor der Verwandlung seines einstigen Freundes. Der widmet sich nämlich plötzlich einer Karriere als Fernseh-Prediger und Heiler, während er glaubt, Religion sei nichts anderes als ein großes Blendwerk. Mit seiner „Revival“-Show tourt er durch Amerika und lässt Blinde wieder sehen, Taube wieder hören und Menschen an Krücken und aus Rollstühlen wieder beschwerdefrei gehen. Das ist auch der Moment, in dem der leise Horror wieder einkehrt.

Wie sehr die Gläubigen nach Wundern lechzen und bereit sind, dafür ihr letztes Geld auszugeben, beschreibt King sehr eindrücklich. Auf der anderen Seite zeigt er auch die erschreckende Wesensveränderung des ehemals beliebten Reverend, der nur ein Ziel vor Augen hat: Die geheime Elektrizität zu entschlüsseln und für ihn nutzbar zu machen, nur um einen Blick hinter die Mauern des Todes zu werfen.

„Es lief mir kalt den Rücken hinunter“

King spielt dabei deutlich mit Mary Shelleys „Frankenstein“-Mythos. Das bekennt er in dem bereits erwähnten Interview mit dem Rolling Stone, als er gefragt wird, wann er die Idee für „Revival“ gehabt habe: „Schon in meiner Jugend. Auf der Highschool las ich ‚The Great God Pan‘, und darin gibt es zwei Männer, die gespannt darauf warten, ob die Protagonistin von den Toten zurückkehren kann oder nicht. Bei dieser Geschichte lief es mir kalt den Rücken hinunter. Und je mehr ich im Lauf der Jahre darüber nachdachte, desto mehr kristallisierte sich dieser ganze Mary-Shelley-Frankenstein-Komplex von ‚Revival‘ heraus.“ Im Roman aber findet sich ebenfalls ein kleiner, wenn auch versteckter Hinweis: Als es zum alles entscheidenden Experiment kommt, heißt die wichtigste Person nicht etwa Jamie Morton oder Charles Jacobs, sondern Mary Fay. Und deren Mutter soll eine geborene Shelley gewesen sein.

Kings Frankenstein aber erschafft nicht nur ein Monster, sondern viele. Denn jede von Jacobs‘ Heilungen sorgt zwar vordergründig für eine Verbesserung des Lebens, aber im Unterbewussten lauern Monster, die besser nicht geweckt worden wären. Um es mit einem berühmt gewordenen Zitat aus dem Film „Acht Millimeter“ zu sagen: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel. Der Teufel verändert dich.“ Ähnlich verhält es sich mit der scheinbar heilenden Elektrizität des Charles Jacobs.

Stephen Kings neuer Roman „Revival“ ist ein erzählerisch dichtes Werk und ein Schmöker bester Güte. Wie schon in „Joyland“ beweist King auch hier erneut, dass er Charaktere erschaffen kann, die einem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass man sie am Ende ungern gehen lassen möchte. Dies ist kein Buch, das man nach dem Lesen wieder verkauft oder weiter verschenkt, denn man weiß, dass der Tag kommen mag, an dem man es wieder lesen möchte. Und dann muss es parat stehen.

Fehlende Bereitschaft zur korrekten Grammatik

Was bei übersetzten Büchern aus dem Heyne Verlag allerdings immer wieder ein Ärgernis ist, ist die fehlende Bereitschaft zur Verwendung der korrekten Grammatik des Hochdeutschen. Hier wird der Rezensent nicht müde werden, auf dieses Manko aufmerksam zu machen. Dass in den südlichen Bereichen Deutschlands im Zusammenhang mit der Präposition „wegen“ der Dativ statt des Genitivs verwendet wird, sollte keine Grundlage bei der Übersetzung ins Deutsche sein. So muten nämlich Passagen in Büchern wie „Revival“ seltsam an, wenn Charles Jacobs dem sechsjährigen Jamie erklärt, dass ein Satz wie „Denen, wo sich selber helfen“ grammatikalisch nicht korrekt sei, er aber eine Seite weiter selbst plötzlich grammatikalisch falsch spricht: „Ihr wisst schon, wegen seinem Unfall.“ Und das ist leider kein Ausnahmefall.

Das aber sollte letztlich niemanden davon abhalten, „Revival“ zu lesen, denn neben der unsauberen Grammatik bleibt es dennoch ein packender und lesenswerter Roman.

Stephen King: Revival, Heyne Verlag, München, 2015, 512 Seiten, gebunden, 22,99 Euro, ISBN 978-3453269637, Leseprobe

Die Zitate aus dem Rolling Stone-Interview entstammen der deutschen Übersetzung aus der deutschen Magazin-Ausgabe (März 2015). Das Interview führte der US-Autor Andy Greene für die amerikanische Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2014. Veröffentlicht wurde es am 31. Oktober 2014. Zum Zeitpunkt der Rezension ist das Interview im Internet nur auf Englisch vollständig abrufbar.