Dieser Unsympath nervt

Vielleicht wollte Frédéric Beigbeder nur in die große Liste der Aphoristiker aufgenommen werden. Vielleicht dachte er, ein Tagebuch-Roman sei der beste Weg dazu. Jeden Tag ein paar sinnreiche Bonmots niederkritzeln, durchzogen von sexuellen Anspielungen und Ausschweifungen, angereichert mit den Namen der angesagten Damen, Herren, Orte und Clubs dieser Welt – das muss doch den anspruchsvollen Leser überzeugen. Entstanden ist das nervigste Buch seit langer Zeit.

Wer die ersten 100 Seiten gelesen hat, kann vom Rest des Buches nicht mehr erwarten als die entsprechenden Synonyme der vorhergegangenen Seiten. Oscar Dufresne heißt der 34-jährige Held des Romans. Wie sein Schöpfer ist er Schriftsteller. „Er ist ein Egoist, dazu faul, zynisch und voller sexueller Obsessionen, kurz: ein Mensch wie du und ich“, ist auf dem Buchrücken zu lesen. Viel schlimmer: Dufresne ist ein Unsympath. Mit wachsendem Missmut liest man die kurzen Einträge, die intellektuell wirken sollen, stattdessen aber in der Masse ermüden und langweilen. Nur hier und da blitzen mal ein paar geistreiche Gedanken auf. Doch würden diese Blitze mehr Aufmerksamkeit erhaschen, wenn sie auf einem Kalenderblatt zum Abreißen geschrieben stünden. So gehen sie in der Masse der Bedeutungslosigkeiten unter. Von der viel gerühmten Genialität des Herrn Beigbeders: keine Spur.

Eine Inhaltsangabe des Buches ist schwierig. Aber mir liegt auch nicht daran, dieses Buch zu empfehlen, denn ich kann nichts Gutes daran finden. Wer seiner Zeit überdrüssig ist, kann sich damit beschäftigen. Wer die Kunst des Querlesens verfeinern will, dem sei dieses Buch angeraten. Allen anderen rate ich, einen großen Bogen um den „Romantischen Egoisten“ zu machen und sich stattdessen den Essais von Michel de Montaigne zu widmen. Oder jedem anderen Buch. Es gibt derlei viele. Auch für Intellektuelle.

Frédéric Beigbeder: Der romantische Egoist, Ullstein Taschenbuch Verlag, Berlin, 2. Auflage 2009, 287 Seiten, Taschenbuch, 8,95 Euro, ISBN 978-3548267104

Kleinode der weiblichen Lust

Es ist ein gefährliches Buch. Ja, fürwahr, denn wenn Männer wüssten, was darin geschrieben steht, wäre es eines der meist gekauften Bücher, die sie ihren Partnerinnen gerne mit einem schelmischen Lächeln aufs Kopfkissen legen. Mit dem kleinen Hinweis: „Schatz, ich habe dir ein Buch gekauft.“ In der Hoffnung, dass das Lesen Wirkung zeigt. Denn was Alina Reyes in ihrem dünnen Büchlein „Tagebuch der Lust“ beschreibt, wird bei vielen Männern offene Türen einrennen. Triebgesteuert sind sie, die Männer. Das sagt man ihnen nach. Und so werden sie in atemloser Hast das Büchlein schnell durchgeblättert haben, auf der Suche nach Reizwörtern, die ihnen Lust verschaffen. Phantasien ins Kopfkino schicken. Derer gibt es viele auf den wenigen Seiten. Aber man(n) sollte sie schon genießen, Wort für Wort lesen und sich an ihrer Sprache laben.

Alina Reyes nimmt kein Blatt vor den Mund. Schonungslos lässt sie den Leser an ihrer Lust teilhaben. Sprachlich schön, bildhaft, mitreißend. Zum Lächeln bringend. Vielleicht auch zum einen oder anderen Kopforgasmus. In 69 knappen Kapiteln, die jeweils kaum länger als eine Seite sind und sich deshalb zum schnellen, anregenden Lesegenuss zwischendurch oder davor oder danach eignen, erinnert sich die Protagonistin Rosa an die acht vergangenen Männer, die sie geliebt hat. „Ohne Scham und ohne Falsch erzählen Rosas intime Aufzeichnungen die nackte Wahrheit über die Vorlieben und Gewohnheiten einer Frau und ihrer acht Lieben“, heißt es zu Beginn. Und schon beginnt der Reigen der Lust, der niemals die Grenze der Geschmacklosigkeit übertanzt, aber doch wohl den einen oder anderen Leser an die eigene Grenze der sexuellen Vorlieben bringen mag.

„Meiner siebten Liebe gefiel es, wenn ich ihn beim Essen, oder wenn er vor dem Computer saß, unter dem Tisch lutschte. Mir gefiel das auch, es war wohl sogar meine Idee gewesen.“

Männer werden behaupten, das Buch sei nur für sie geschrieben, weil es die männliche Lust bediene. Aber es ist für beide Geschlechter. Es sind 69 Möglichkeiten, sich genussvoll zu unterhalten. 69 Möglichkeiten, im Buch zu blättern und wahllos ein Kapitel herauszugreifen, um es zu genießen. Und wenn Männer sich die Mühe machen, es Kapitel für Kapitel zu lesen, erkennen sie, dass es viel mehr ist als ein Reigen der Lust. Es ist Poesie, es ist Anregung. Sinnlich und mit Hingabe. Kein Rein-Raus-Schund, sondern erotische Literatur. Und zum Schluss philosophisch und ein wenig angstmachend.

Frauen: lest es. Männer: lest es. Und dann redet miteinander.

Alina Reyes: Tagebuch der Lust, Bloomsbury Verlag Berlin, 2006, 94 Seiten, gebunden, 12 Euro, ISBN 978-3827006899

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