Zwischen Porno und Poesie

Wer Jan Offs Roman „Unzucht“ nur als Porno und Masturbationsvorlage liest, versteht nicht, dass hier eine tragische Leidensgeschichte erzählt wird. Es wird gefickt und gevögelt, aber es ist ein Abarbeiten sexueller Phantasien, unterbrochen von Alkoholexzessen, nur um sich nicht eingestehen zu müssen, die Nähe eines anderen Menschen zu suchen.

Der Ich-Erzähler des Romans jobbt hier und da, versucht sich an der Schriftstellerei und schlägt sich ansonsten mit Drogen, wechselnden Sexbekanntschaften und Parties durch. Nach einer durchzechten Nacht in einem Club findet er zwei Bierdeckel in seiner Hosentasche. Darauf: Jeweils eine Telefonnummer, eine von Vera, eine ohne Namen. Er entscheidet sich dafür, die Namenlose anzurufen und landet nicht nur bei Tanja, sondern auch in ihrem Bett – der Beginn einer Sexbeziehung, die die Grenzen des Machbaren auslotet.

Es ist ein Buch der Vulgarität, denn hier schreibt kein Geringerer als Jan Off, der Punk-Literat der deutschen Poetry-Slam-Szene. Und deshalb ist es neben der Obszönität derart poetisch, dass es die Schubalde „Porno“ nicht verdient. Es ist reich an anstößigen Szenen, doch auch kunstvoll. Es ist voller ausschweifender, hemmungsloser Sexualität, doch auch zutiefst beklemmend. Und es ist das Zeitbild für eine sexualisierte Generation, eine ernste psychologische Studie. Und um jegliche Zweifel auszuräumen: Charlotte Roche ist von all dem meilenweit entfernt. Also: Heranwagen und lesen. Es lohnt sich.

Jan Off: Unzucht, Ventil Verlag, Mainz, 2009, 169 Seiten, Taschenbuch, 11,90 Euro, ISBN 978-3931555634

Hauptsache, du schläfst mit mir

Das Musikprojekt „Sin with Sebastian“ landete in den 90er Jahren mit „Shut up (and sleep with me)“ einen Hit. Joanna Briscoes Roman „Schlaf mit mir“ trägt eine ähnliche Aufforderung im Titel – zum Hit reicht das Buch leider nicht, auch wenn es teilweise erotisch-deftig daherkommt.

Richard und Lelia sind ein glückliches Paar – noch unverheiratet und keine Kinder, beide sind berufstätig. Richard arbeitet als Redakteur in der Feuilleton-Redaktion einer Tageszeitung, Lelia lehrt Französisch und Deutsch an einem College der Universität von London. Auf einer Party bei Freunden lernen sie Sylvie Lavigne kennen. Für Richard ist sie zunächst nur ein „Gespenst“, „irgendein Gesicht in einer Gruppe von zehn Personen“. Lelia erinnert sich an sie als „jemand ziemlich Stilles, aber irgendwie auch Nettes“. Die folgende Geschichte wird dem Leser abwechselnd aus der Sicht von Richard und Lelia erzählt. Worauf das alles hinausläuft, verrät der Klappentext schon – Sylvie macht sich nicht nur an Richard ran, sondern auch an Lelia.

Dann ist Lelia plötzlich schwanger – und Richard einen Moment zu lange schweigsam, als sie ihm die freudige Nachricht überbringt. Richard entfernt sich, ist schockiert angesichts der Milchpumpen, Strampler und Brustwarzenschoner, die Lelia in Erwägung zieht, und wendet sich immer mehr dieser unscheinbaren Französin Sylvie zu. Für den Leser bleibt es aber rätselhaft, was diese blasse Frau mit einem Mal so anziehend macht.

Vom Mauerblümchen zur sexuell anziehenden Gefahr

Es ist eine der großen Schwächen dieses Buches, dass zwar aus beiderlei Sicht die Entfernung und Entfremdung voneinander und die Zuwendung zur Dritten emotional, teilweise stark schwülstig beschrieben wird, die Verwandlung eines Mauerblümchens zur sexuell anziehenden Gefahr aber ungeklärt bleibt. Dass sich hinter der Ménage à trois auch noch ein Psychothriller abspielt, sorgt zwar für einen Spannungsbogen, der aber durch erwartbare Details an Aufgeregtheit verliert.

„Schlaf mit mir“ ist Briscoes dritter Roman. Sie arbeitet in England als freie Journalistin und Autorin und hat 2012 ihr viertes Werk „Gefährliche Nähe“ veröffentlicht. „Schlaf mit mir“ ist kein Leserherzfüller wie „Shut up (and sleep with me)“ ein Tanzflächenfüller war. Der Roman wird kaum einen Mann ansprechen und ist wohl ohnehin eher für das weibliche Publikum geschrieben worden – allzu unverhohlen stellt Briscoe den Fremdgänger und nichtbereiten Vater Richard als emotionale Nullnummer dar und scheint sich der Zustimmung der Leserinnen gewiss.

Der Dame sei zu raten: Die ersten Seiten anlesen, wenn’s gefällt, mit in den Sommerurlaub nehmen und nach dem Lesen im Hotel lassen. „Schlaf mit mir“ ist ein Werk, das das Regal nicht braucht.

Joanna Briscoe: Schlaf mit mir, Bloomsbury Verlag, Berlin, 2005, 373 Seiten, mit Lesebändchen, gebunden, derzeit vergriffen, ISBN 978-3827005915
Joanna Briscoe: Schlaf mit mir, Bloomsbury Taschenbuch-Verlag, 2006, 371 Seiten, broschiert, 10 Euro, ISBN 978-3833303722

Als Porno schick wurde

Bettie Page und Linda Lovelace sind zwei der berühmtesten amerikanischen Sex-Ikonen. Die französische Zeichnerin Nine Antico erzählt in ihrer großartigen Doppelbiografie von der Karriere dieser beiden Frauen, aber auch vom Wesen und Unwesen der Pornoindustrie. Mit Respekt, aber auch mit dem nötigen Abstand.

Antico lässt als allwissenden Erzähler der Geschichte einen Mann auftreten, der selbst ein Symbol der amerikanischen Sexindustrie geworden ist: Playboy-Chef Hugh Hefner, der zu Beginn des Buches zwei unbedarfte Mädchen, die Playboy-Bunnys werden wollen, mit diabolisch-väterlichem Lächeln fragt: „Mädchen, habt ihr überhaupt eine Ahnung, worauf ihr euch einlasst?“ Haben sie natürlich nicht. Und deshalb zeigt der gute, alte Hugh den beiden Mädchen mal, wie das eigentlich mit Bettie Page und Linda Lovelace war: „Diese beiden Frauen haben mit vielen Schwierigkeiten kämpfen müssen, aber sie haben ihre jeweilige Ära geprägt.“

Bettie Page, das wohl einzige Pin-Up-Model der 50er Jahre, das auch heute noch als Kult gilt und vor allem in der BDSM-Szene als Fetisch- und Bondagemodel bekannt ist, und Linda Lovelace, die Frau, die in dem Pornostreifen „Deep Throat“ ihre Klitoris im Hals hatte und den Pornofilm für das breite Publikum interessant machte.

Die nüchternen schwarz-weißen Zeichnungen zeigen die Wege der beiden Frauen in ihrem gesellschaftlichen und historischen Kontext. Und obwohl das Buch erst ab 18 empfohlen wird und einige sexuelle Passagen zu sehen sind, wird es nie schlüpfrig oder unangenehm. Das Buch erregt viel weniger, als dass es erschüttert.

In Zeitsprüngen stellt die 1981 geborene Antico das Leben der beiden Ikonen gegenüber, zeigt ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und wie sie das Frauenbild ihrer jeweiligen Zeit beeinflusst haben. Beiden Frauen ist gemein, dass sie doch eigentlich Schauspielerinnen werden wollen, dafür aber den Umweg über Nacktfotos und -videos in Kauf nehmen, um irgendwann vielleicht entdeckt zu werden. Und so erleben schließlich beide Frauen sowohl die Glanz- als auch die Schattenseiten des Erfolgs in der Sexindustrie.

Die spielt nicht nur durch Hugh Hefner ihre eigene Rolle in Anticos Buch, sondern auch durch viele andere Wegbereiter und -begleiter der beiden Frauen. Der jungen Zeichnerin gelingt damit ein ernsthaftes, vielschichtiges Werk, das dennoch einen Mangel hat: Dass Hugh Hefner, der selbst Nutznießer der Arbeitsbedingungen in der Sexindustrie ist, zwei zukünftige Playboy-Bunnys vor dem Einstieg in diese Welt warnen will, ist kaum vorstellbar.

Doch abgesehen davon: absolute Leseempfehlung für dieses feministische Doppelportait!

Nine Antico: Coney Island Baby, Verlag bbb Edition Moderne, Zürich, 2011, 232 Seiten, broschiert, 26 Euro, ISBN 978-3037310731

Schlag-Zeilen

„Ich lernte ihn an einem Frühlingsabend kennen. Ich wurde seine Geliebte. Den Latexoverall, den er zum Zeitpunkt seines Todes trug, hatte ich ihm geschenkt. Ich war seine Sex-Sekretärin.“

So beginnt der umstrittene Roman „Streng“ des französischen Autors und Journalisten Régis Jauffret. Umstritten deshalb, weil er den Mord an dem französischen Bankier Edouard Stern aus Sicht seiner Geliebten Cécile Brossard erzählt, die ihn im März 2005 bei sadomasochistischen Sex-Spielen in seiner Wohnung in Genf erschoss.

Die Familie des Ermordeten hatte im Vorfeld versucht, die Veröffentlichung zu stoppen, doch prominente Schriftstellerkollegen wie Frédéric Beigbeder und Michel Houellebecq ergriffen Partei für Jauffret. Jetzt ist der Roman auf Deutsch im Piper Verlag erschienen.

Vom Umschlag dräut schon der Inhalt: Eine weiße Peitsche hebt sich plastisch vom schwarzen Buchdeckel ab, darunter steht der Titel in Majuskeln. „Streng“. Streng ist auch die Satzbildung. Nüchtern. In ihr spiegelt sich die Kaltblütigkeit der Mörderin wider.

Als Cécile Brossard der Prozess gemacht wird, sitzt Régis Jauffret im Gerichtssaal und berichtet von dort für die französische Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“. Erst danach schreibt er den Roman, den er in seiner Einleitung ausdrücklich als „erfunden“ und „Fiktion“ bezeichnet. „In diesem Buch tauche ich in ein Verbrechen ein. Ich begutachte, fotografiere, filme es, zeichne es auf, schneide es zusammen und verfälsche es. Ich bin Schriftsteller, ich lüge wie ein Mörder“, heißt es dort.

Ach, hätte er doch nur einen Roman nicht mit dem nüchternen Stil eines juristischen Textes verwechselt. Der Leser erwartet bei all der Innensicht der Mörderin auch einen Einblick in ihre Gefühlswelt, bekommt aber nur die kalte, mechanische Beschreibung eines Mordes, des Weges dorthin und der anschließenden Flucht. Es fehlt an einer überzeugenden Motivation.

Selbstverständlich spart Jauffret nicht mit sexuellen Details, erotisch aber sind sie beileibe nicht. Kühl und distanziert fallen die Worte dahin. Wer einen literarischen Sado-Maso-Roman sucht, halte sich doch besser an den Altmeister Marquis de Sade als an einen Gerichtsreporter, der aus einer ohnehin schon von den Boulevard-Medien ausgeschlachteten Geschichte einen Roman machen will.

Das französische Nachrichtenmagazin „L’Express“ meint: „Seit ‚Madame Bovary‘ weiß man, dass aus wahren Begebenheiten große Romane erwachsen können. ‚Streng‘ ist einer von ihnen.“ Wie ein renommiertes Magazin wie „L’Express“ Jauffrets Roman mit dem Literaturklassiker „Madame Bovary“ vergleichen kann, ist absolut unverständlich. Nur weil sich auch Flaubert durch einen tatsächlichen Fall zum Schreiben angeregt fühlte? Dann müsste Jauffret erst recht mit Truman Capote verglichen werden. Die französische Webseite „Evène“ („Le Figaro“) geht aber sogar soweit, das Buch als „Romeo und Julia auf sadomasochistisch“ zu bezeichnen – seitdem wird der gute alte Shakespeare vor Wut in seinem Grab rotieren. Von „Romeo und Julia“ ist bei „Streng“ nun wirklich überhaupt keine Spur. Es ist ein Ärgernis, in den Pressezitaten auf dem Buchdeckel von so viel Unverstand zu lesen.

Ein literarischer Wurf von Weltrang ist das nicht. Er dürfte aber an Aufmerksamkeit gewinnen, wenn die Familie des Ermordeten mit ihrer Klage auf Veröffentlichungsverbot nachträglich Recht bekommt und das Buch vom Markt verschwindet.

Régis Jauffret: Streng, Piper Verlag, München, 2011, 174 Seiten, Taschenbuch, 8,95 Euro, ISBN 978-3492264631

Literarischer Quickie

Wenn eine Autorin über Sex schreibt, ist die Tatsache, dass sie aus Sicht einer Frau schreibt, nicht gleich ein Kriterium für literarisch-erotische Texte auf hohem Niveau. Die Französin Alina Reyes dagegen ist gewöhnlich Garantin für ein Karussell aus erotischen Spielarten in literarischer Sprache. Offen, provokant, mit einer Eloquenz, die aus dem Vollen schöpft. Die Leser sind sich wenig einig, ob es erotische Literatur ist oder nur Schund. Ob es sinnliche Kopfkinofilme für die Spätvorstellung sind oder nur Geldmacherei à la „sex sells“.

In dem erneut schmalen Bändchen „Die siebte Nacht“ lotet Reyes die Erwartungen und Sehnsüchte einer Frau aus, die dem ersten sexuellen Akt mit ihrem neuen Liebhaber entgegenfiebert. Sieben Nächte muss sie warten, und in jeder Nacht stellt er die Regeln auf, darf sie ihm jeweils ein Stück näher kommen. „Ich nannte ihn bei seinem Namen. Er trat vor, schlug das Bett auf, bat mich, mich hinzulegen. Ich versuchte, ihn mit aufs Laken zu ziehen, aber er ließ nicht zu, dass ich ihn berührte. ‚Morgen‘, sagte er. ‚In der ersten Nacht darf man sich nicht berühren.'“ So folgt in der zweiten Nacht die Regel, dass sie machen dürfen, was sie wollen, jedoch ohne zum Orgasmus zu kommen und ohne die Geschlechtsteile zu berühren, weder mit der Hand noch mit dem Mund. In der dritten Nacht ist das Berühren mit den Händen erlaubt, überall, aber einen Orgasmus darf es trotzdem nicht geben. Erst in der siebten und letzten Nacht folgt die Erlösung. Der Klappentext spricht gar – ein wenig hochgegriffen – von „Apotheose der sexuellen Erfahrung“.

Die Sprache ist poetisch, anregend, sinnlich, teilweise aber auch flach und gekünstelt. Es gehört sicherlich nicht zu Reyes‘ besten Büchern und erreicht keinesfalls die Stärke von „Tagebuch der Lust“. Beide Bücher sind im selben Verlag erschienen, „Die siebte Nacht“ ist sogar bibliophil angehaucht. Ein Lesebändchen bei einem gebundenen Buch von 84 Seiten – das erwartet man bei Manesse, aber nicht unbedingt bei Bloomsbury Berlin. Dazu die erotische Umschlaggestaltung des Designbüros Rothfos & Gabler aus Hamburg mit einem Ausschnitt aus Felix Vallotons Gemälde „Liegende Frau vor violettem Grund“ – da hat sich der Verlag Mühe gegeben, dem Inhalt ein ebenbürtiges Äußeres zu geben.

„Die siebte Nacht“ ist kein Muss für das Bücherregal oder die Liste der gelesenen Bücher. Aber für den literarischen Quickie zwischendurch ist es allemal geeignet.

Alina Reyes: Die siebte Nacht, Bloomsbury Berlin, 2005, 84 Seiten, gebunden, 12 Euro, ISBN 978-3827005878

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