Du hast Angst vorm Hermannplatz

RequiemBerliner Hipster haben längst den Jutebeutel wiederentdeckt. Über der Schulter tragen sie jetzt Aufschriften wie „Bitte nicht schubsen, ich hab einen Joghurt im Beutel“ oder „Mir reicht’s! Ich geh schaukeln!“ durch die Hauptstadt. Das Modelabel „Muschi Kreuzberg“ hat den Beutel „Du hast Angst vorm Hermannplatz“ unters Volk gebracht – er ist mittlerweile ausverkauft. Für Peter Huths Horrorroman „Berlin Requiem“ müsste der Beutel neu aufgelegt werden, denn dort schlurfen am Hermannplatz Zombies durch die Gegend und verbreiten Angst und Schrecken.

Der Hermannplatz. Nüchtern betrachtet ist er nur ein hässlicher, lauter Platz im Norden von Neukölln, Grenze zu Kreuzberg und Knotenpunkt für allerlei Straßen. Graffiti, Karstadt und Multikulti zeichnen ein vielfältiges Bild. Der Hermannplatz wird aber auch seinen negativen Ruf nicht los, ist er doch nicht nur ein Austragungsort für die jährlichen Maikrawalle, sondern auch noch Ausläufer der Hasenheide, Berlins Drogenumschlagsplatz Nummer eins. Und jetzt lässt Peter Huth dort auch noch eine Zombie-Seuche los. Aber Benjamin von Stuckrad-Barre frohlockt: „Berlin ist voller Zombies – endlich schreibt es mal jemand auf.“

Ganz so ist es leider nicht. „Berlin Requiem“ ist keine Bereicherung der Buchlandschaft, sondern allenfalls eine nette Idee. In der Hauptstadt grassiert eine seltsame Seuche, die die Infizierten zunächst sterben und dann zu Zombies werden lässt. Wer von einem dieser Untoten gebissen wird, kann sich eigenlich nur noch die Kugel geben, denn ein Kopfschuss ist das einzige Mittel dagegen.

Mauerbau rund um die Bezirke Kreuzberg und Neukölln

Der Populist Olaf Sentheim nutzt die Gunst der Stunde und verbreitet über ein Fernsehinterview, dass angeblich nur Menschen mit Migrationshintergrund infiziert werden können. Der Berliner Senat entscheidet, rund um die Bezirke Kreuzberg und Neukölln eine Mauer zu ziehen. Polizisten auf den Wachtürmen kontrollieren, dass niemand rausgelangt. Rein will sowieso keiner. Die verbliebenen Migranten aus den anderen Stadtteilen flüchten, Bürgerwehren bewaffnen sich, rechtes Gedankengut schlägt durch. Die Stadt steht vor dem Ausnahmezustand.

Ein Journalist mit dem sehr sinnigen Namen Robert Truhs recherchiert die Hintergründe, bekommt aber eher zufällig den entscheidenden Hinweis, was dieser Virus tatsächlich alles anrichten kann. Am Ende ist es aber dann doch die Liebe, die zur Entscheidung drängt, denn Truhs erfährt, dass seine Geliebte Sarah in die Kontrollierte Zone innerhalb der Mauer eingedrungen ist.

Peter Huths Freund Kai Meyer, selbst Autor, schreibt im Nachwort eine kurze Geschichte der Horrorfilme, die „schon früh das politische Geschehen gespiegelt“ haben, begonnen mit George A. Romeros „Night of the Living Dead“ (1968), der wirklich sehenswert ist. Für Meyer kommt „Berlin Requiem“ „genau zum richtigen Zeitpunkt“, und er hält das Buch für einen wichtigen Roman. Leider kann man allenfalls ersteres behaupten: Zombies sind nach den Vampiren jetzt gerade noch angesagt, und Huths Roman hat damit noch Chancen, im genreliebenden Publikum seichte Gesellschaftskritik unterzubringen. Wichtig ist der Roman nur für all diejenigen, die unmittelbar oder mittelbar daran verdienen.

Meinungsmacher wie Thilo Sarrazin

Mit „Berlin Requiem“ greift Huth vor allem Meinungsmacher wie Thilo Sarrazin auf. Wie schon in dessen Erstlingswerk verbreitet Sarrazin auch in seinem im Februar 2014 erschienenen Buch „Der neue Tugendterror“ anti-islamische und -muslimische Thesen und klassischen Rassismus. Welche Folgen das haben kann, zeigt Huth am Beispiel des Populisten Olaf Sentheim. Bis der seltsamerweise seine Meinung ändert. Die Beweggründe dafür aber bleiben leider im Dunkeln.

In einem Interview mit dem Online-Medienportal meedia.de erklärt Huth, warum er Zombies nach Berlin geschafft hat: „Weil die Grundthematik die gleiche wie die der Integrationsdebatte ist: Die Angst vor einer rasant wachsenden Masse, die Furcht, dass Quantität eine vermeintliche Qualität schlägt, dass wir überrollt werden von etwas, was uns fremd ist. So kamen die Zombies nach Berlin. Und am Ende, wie in jedem guten Horrorfilm, müssen wir uns am meisten vor denen gruseln, die uns am nächsten sind: unseren Mitmenschen.“

Das stimmt soweit. Das schafft dieses Buch. Das funktioniert aber gerade deshalb so gut, weil Peter Huth ein Boulevard-Mann ist: Volontär beim Express, dann Bild-Journalist in Hamburg und seit 2008 Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung B.Z. – dieser Mann hat den Boulevardjournalismus von der Pike auf gelernt.

Boulevardeske Trivialliteratur

Und genauso schreibt Huth auch seinen Roman: Einfachste Sprache, kurze Sätze, stark emotionalisierend, klassische Schwarz-Weiß-Zeichnung. Das ist ihm nicht vorzuwerfen, weil er es nicht anders kann, aber das macht den Schreibstil leider auch genauso billig, wie die Trash-Zombiefilme monitär in ihren besten Zeiten immer gewesen sind. „Berlin Requiem“ ist boulevardeske Trivialliteratur. Kostprobe gefällig? „Roberts Kopf zuckt, er träumt. Wer schläft, verarbeitet die Wirklichkeit. Kein Wunder, dass Roberts Kopf zuckt.“

Der Roman krankt aber nicht nur am Schreibstil, sondern auch am Erzählgerüst. Immer wieder wird etwa eine völlig unwichtige Dreiecksbeziehung zwischen Robert Truhs, seinem Freund Christian und seiner Geliebten Sarah als Grundlage für ohnehin unlogische Entscheidungen der drei Charaktere herangezogen. Die Hintergründe der Seuche bleiben im Dunkeln, Mechanismen des Katastrophenschutzes fehlen in diesem Zombie-Berlin offensichtlich auch, die Regierung flüchtet nach Bonn und eine nicht besonders intelligente Meute von Berlinern greift zur Waffe. Andere Bürger scheint es nicht zu geben. Das ist nicht wirklich nachvollziehbar. Ein wichtiges Buch? Nein.

Haben Sie keine Angst vorm Hermannplatz! Haben Sie Angst, dass Ihnen jemand dieses Buch empfiehlt!

Peter Huth: Berlin Requiem, Heyne Verlag, München, 2014, 333 Seiten, broschiert, 12,99 Euro, ISBN 978-3453676664, Leseprobe, Trailer zum Buch

Die Matrix über Berlin

DeleteErinnern Sie sich an den Film „Die Matrix“ der Wachowski-Geschwister? Bestimmt. Aber können Sie auch mit dem Fassbinder-Film „Welt am Draht“ noch etwas anfangen? Gemein haben diese Streifen, dass ihre Hauptpersonen mit einem Mal feststellen, dass sie nur Simulationen in einer Computerwelt sind. In Karl Olsbergs neuem Thriller „Delete“ scheint sich die Matrix plötzlich über Berlin zu legen. Ein interessantes und zugleich spannendes Gedankenspiel.

Vier Studenten werden in Berlin vermisst. Sie alle haben dasselbe Online-Rollenspiel gespielt: World of Wizardry (Genrekenner werden das Vorbild dafür schnell erahnen). Mina Hinrichsen steuert gerade ihre Halb-Ork-Kriegerin durch die virtuelle Welt, als plötzlich die Spielfigur eines Freundes „O mein Gott, es ist wahr!“ und „Welt am Draht! Alles ist wahr!“ ruft, stehen bleibt und sich fortan nicht mehr rührt.

Mina versucht, den Freund in der realen Welt zu erreichen und eine Erklärung für dessen mysteriöses Verhalten zu bekommen, aber Thomas reagiert weder auf Telefonanrufe noch auf Sturmklingeln an der Tür. Seine Eltern haben nichts von ihm gehört, Freunde und Kommilitonen ebenfalls nicht.

Von Thomas fehlt jede Spur

Mit einer Finte gelangt Mina in Thomas‘ Wohnung und entdeckt, dass er offensichtlich ohne Schlüssel die Wohnung verlassen hat. Die Vorhänge sind zugezogen, das Bett nicht gemacht, und der Laptop läuft noch. Doch von Thomas fehlt jede Spur. Aus einem Reflex heraus nimmt Mina von Thomas‘ Nachttisch das Buch „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye mit – Vorlage für den Film „Welt am Draht“ von Rainer Werner Fassbinder.

Galouyes „Simulacron-3“, Fassbinders „Welt am Draht“, „Die Matrix“ der Wachowski-Geschwister, aber auch Roland Emmerichs „The 13th Floor“, Platons Höhlengleichnis oder René Descartes‘ „Cogito ergo sum“ – sie alle haben die simulierte Realität zum Thema. Mina recherchiert und stößt dabei aber nur auf immer mehr offene Fragen.

Wie es der Zufall – oder vielmehr: der Autor – will, steht in Berlin die „Sonderermittlungsgruppe Internet“ des LKA kurz vor dem Ende, wenn sie nicht endlich beweist, dass sie doch zu etwas nutze ist. Ihr neuer Leiter Adam Eisenberg ist soeben von Hamburg nach Berlin gewechselt und muss ein Team von höchst eigenwilligen Einzelgängern zu einer Einheit formen. Einer von ihnen, Benjamin Varnholt, erfährt während seiner verdeckten „Ermittlungen“ in World of Wizardry (tatsächlich hatte er bislang nichts zu tun und spielt deshalb während der Arbeit lieber Computer) von Minas Recherchen.

Fall aus einem Computerspiel

Hauptkommissar Eisenberg ist zunächst noch skeptisch, ob ein Fall aus einem Computerspiel tatsächlich der richtige Beweis für die notwendige Existenz der Ermittlungsgruppe ist. Er ändert seine Meinung aber, als bekannt wird, dass nicht nur Mina Hinrichsen ihren Kommilitonen in der realen Welt als vermisst gemeldet hat, sondern dass alle anderen drei verschwundenen Studenten ebenfalls polizeilich als vermisst gemeldet sind. Und plötzlich ist auch Mina wie vom Erdboden verschluckt.

Ist Mina – wie wir alle – nur ein simulierter Mensch in einer simulierten Welt und von einem Admin oder einem allmächtigen Schöpfer gelöscht worden, weil sie der Wahrheit zu nah kam? Und teilt sie das Schicksal mit den anderen vier vermissten Studenten? Oder ist ein Serienmörder am Werk?

Karl Olsberg verwebt die philosophischen Fragen unserer Existenz zu einem spannenden Technikthriller. Wer sich darauf einlassen kann, wird auch durch Olsbergs lesenswertes Nachwort interessante Anregungen für weitere Recherchen und Überlegungen zu diesem Thema bekommen. Auch Olsbergs Blog ist zu empfehlen. Dort gibt es schon die ersten zwei ergänzenden Kurzgeschichten zum Roman „Delete“ zu lesen. Die dritte soll im August erscheinen.

Karl Olsberg ist vom Fach

Karl Olsberg, der mit seinem Pseudonym seiner Heimatstadt im Sauerland ein würdiges Denkmal setzt, ist vom Fach: Er promovierte über Anwendungen künstlicher Intelligenz, war Geschäftsführer und Gründer zweier Unternehmen in der New Economy und wurde von der Wirtschaftswoche mit dem „eConomy Award“ für das beste Start-up im Jahr 2000 ausgezeichnet. Auch andere Bücher von ihm beschäftigen sich mit der Computerwelt („Das System“, „Rafael 2.0“, „Schöpfung außer Kontrolle“).

Und so geht’s auch weiter, denn die „Sonderermittlungsgruppe Internet“ (SEGI) darf weitermachen. Auf Anfrage von Seitengang erklärt Olsberg: „Ich bin gerade dabei, die erste Rohfassung des zweiten SEGI-Romans abzuschließen, der im nächsten Frühjahr im Berlin Verlag erscheinen wird. Worum es in dem Buch geht, verrate ich noch nicht.“ Ob und wenn ja, wie viele weitere SEGI-Geschichten dann noch folgen werden, sei ungewiss und hänge auch vom Erfolg der Bücher ab. „Aber Ideen habe ich noch“, sagt Olsberg.

Sind wir real? Ist die Welt, in der wir leben, real? Oder ist das alles nur ein groß angelegtes Computerexperiment? Sind Déjà-vus wirklich Fehler in der Matrix? Zu diesen Gedankenspielen muss man bereit sein, wenn man Olsbergs Thriller mit Freude lesen möchte. Den Rest erledigen wechselnde Perspektiven und interessant angelegte Personen, die Entwicklungspotential haben und nicht an üblichen Kommissar-Klischees leiden. Das ist keine hochtrabende Literatur, aber spannende Unterhaltung mit interessanten Gedankenspielen. Fortsetzung folgt? Ja, bitte!

Karl Olsberg: Delete, Berlin Verlag, Berlin, 2013, 461 Seiten, Taschenbuch, 9,99 Euro, ISBN 978-3833309397, Leseprobe

Hotlist 2014 – Wählen Sie Ihren Favoriten!

Logo+Hotlist+201430 Bücher stehen auf der Hotlist 2014, zehn sollen es werden – die besten zehn der unabhängigen Verlage im Jahr 2014. Sie als Leser haben es in der Hand und können Ihren persönlichen Favoriten mit Ihrer Stimme nach vorne bringen. Also: Klicken Sie sich zur Wahl! Diese Bücher haben es verdient!

Die Idee der Hotlist ist im Jahr 2009 entstanden. Nachdem der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Liste für den Deutschen Buchpreis bekannt gegeben hatte, taten sich 20 deutschsprachige Independent-Verlage zusammen und stellten in eigener Initiative eine Liste von 20 Büchern auf.

In einem Interview mit der Online-Ausgabe des Börsenblatts erklärte die Verlegerin Anya Schutzbach, die Hotlist sei “kein Spiegelbild der Longlist, kein böser Angriff, sondern nur ein zusätzlicher Blick in die Vielfalt des Literaturlebens”. Mittlerweile gehört die Hotlist zu den etablierten Literaturpreisen.

Auch in diesem Jahr waren die deutschsprachigen Verlage aufgerufen, ihr jeweils bestes Buch aus dem aktuellen Programm einzusenden. Aus 144 Büchern hat ein Kuratorium 30 Kandidaten ausgesucht, die nun zur Wahl stehen. Drei Plätze auf der Hotlist werden von den Lesern im Internet gewählt, die übrigen sieben Plätze bestimmt eine Jury, die schließlich auch den Hauptpreisträger kürt.

Die Online-Abstimmung läuft bis zum 18. August. Anfang September wird das Ergebnis verkündet: Die zehn besten Bücher des Jahres!

Und hier geht’s zum Wahllokal!

Die Nominierten:
Ross Thomas: Fette Ernte (Alexander Verlag)

James Hanley: Fearon (Arco Verlag)

Pochmann / Andreas / Palmer: Fallen (August Dreesbach Verlag)

Lili Grün: Mädchenhimmel! (AvivA)

junge verlierer (binooki)

Friederike Gräff: Warten (Ch. Links Verlag)

Lydia Davis: Kanns nicht und wills nicht (Droschl)

Ulrike Schmitzer: Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt (Edition Atelier)

8 finnische Autorinnen: Alles absolut bestens bei mir (edition fünf)

Günter Saalmann: Fiedlerin auf dem Dach (Eichenspinner Verlag)

Piersandro Pallavicini: Ausfahrt Nizza (Folio Verlag)

Jean-Philippe Toussaint: Nackt (Frankfurter Verlagsanstalt)

Tessa Müller: Etwas, das mich glücklich macht (Jung und Jung)

Ayelet Gunda-Goshen: Eine Nacht, Markowitz (Kein & Aber)

Emma Donoghue: Zarte Landung (Krug & Schadenberg)

Andri Pol: Menschen am CERN (Lars Müller Publishers)

Czurda / Kretzen / Renninger: Handbuch der Ratlosigkeit (Limmat Verlag)

Florian Wacker: Albuquerque (mairisch)

Maruan Paschen: Kai. Eine Internatsgeschichte (Matthes & Seitz)

Christopher Ecker: Die letzte Kränkung (Mitteldeutscher Verlag)

Karin Peschka: Watschenmann (Otto Müller Verlag)

Mawil: Kinderland (Reprodukt)

Julia Korbik: Stand up (Rogner & Bernhard)

Rolf Niederhauser: Seltsame Schleife (Rotpunktverlag)

Beile Ratut: Das schwarze Buch der Gier (Ruhland Verlag)

Mia Couto: Das Geständnis der Löwin (Unionsverlag)

Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz (Verbrecher Verlag)

Marie-Luise Könneker: Asseblick (Verlag die brotsuppe)

Tanguy Viel: Das Verschwinden des Jim Sullivan (Wagenbach)

Carl Nixon: Settlers Creek (Weidle Verlag)

Wenn ein Kind zum Mörder wird

Das Kind das tötetWenn der Brite Simon Lelic ein Buch schreibt, kann man sicher sein, dass es ungewöhnlich ist und umstrittene Themen anpackt. Sein Debütroman „Ein toter Lehrer“ befasste sich mit einem Lehrer, der in seiner Schule Amok läuft. In seinem neuesten Streich („Das Kind, das tötet“) erzählt er von einem Anwalt, der einen 12-jährigen mutmaßlichen Mörder verteidigen will. Was die Gesellschaft vom Ideal eines fairen Verfahrens für jeden Angeklagten, gleich seiner ihm vorgeworfenen Tat, hält, führt Lelic eindrucksvoll vor Augen.

Der Geschichte liegt ein Fall aus Englands Justizgeschichte zugrunde: Im Jahr 1993 entführen die beiden Zehnjährigen Jon Venables und Robert Thompson im Einkaufszentrum von Liverpool den erst zwei Jahre alten Jamie Bulger. Eine Videokamera filmt, wie die drei zusammen das Gebäude verlassen. Es sind die letzten Bilder des lebendigen Jamie. Rund drei Stunden später ist er tot. Misshandelt und schließlich von einem Zug überrollt.

Auch Felicitas Forbes muss bis zu ihrem Tod Schreckliches erleiden. Die 11-Jährige in Lelics Roman wird von ihrem Mörder schwer misshandelt, sexuell missbraucht und anschließend in einem Fluss ertränkt. Daniel Blake, „Das Kind, das tötet“, wird wenige Zeit nach der Tat gefasst. Genauso erging es auch damals Jon Venables und Robert Thompson. Und in beiden Fällen folgt eine Hexenjagd sondergleichen.

Wohltuende Überzeugung für Moral und Gerechtigkeit

Für den jungen Anwalt Leo Curtice ist der Anruf, ob er die Pflichtverteidigung im Fall Blake übernehme, wie ein Sechser im Lotto. Er wittert die große Chance, endlich erfolgreich zu sein. Mit großem Ehrgeiz und einer wohltuenden Überzeugung für Moral und Gerechtigkeit macht er sich an die Arbeit, muss aber an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen.

Denn die Öffentlichkeit und die Medien gehen wenig zimperlich mit seinem Mandanten um. Die Gazetten des Landes machen Daniel Blake zu einem Monster, dem kein Recht auf eine Verteidigung gestatten werden dürfe. Leos Tochter Ellie wird in der Schule zunehmend gemobbt und eines Tages sogar mit roter Tinte überschüttet. Die Harmonie in der Familie hängt an einem dünnen Faden, denn auch Leos Frau Meg, die selbst öffentlich beschimpft wird, hat immer weniger Verständnis für sein Engagement in diesem Fall.

Als Leo die ersten Drohbriefe bekommt, ist das der Anfang vom Ende. Er verheimlicht sie. Stattdessen baut er weiter an seiner Verteidigungslinie und versucht, Daniels Vertrauen zu erlangen, der bislang geschwiegen und nichts zu seinen Beweggründen gesagt hat. Auch darum geht es in Lelics Roman: Die Ahnung dafür zu bekommen, was diesen kleinen Jungen dazu gebracht hat, eine 11-Jährige zu ertränken. Eine Ahnung, mehr nicht.

Die Geschichte in der Geschichte

Ausdrücklich muss bei diesem Buch gewarnt werden, dass es sich dabei nicht um einen Krimi oder einen Thriller handelt. Dies ist ein Roman. Und er ist beileibe nicht immer leicht zu lesen, weil Lelic gerne auch die Geschichte in der Geschichte erzählt. Jene über Daniels Familie und die Ohnmacht der Mutter und des Stiefvaters, mit den Geschehnissen umzugehen. Auch jene über die Gefahr des Auseinanderbrechens einer Ehe. Oder eben jene dramatische Geschichte einer Tochter, Leos Tochter Ellie, die plötzlich verschwindet. Als Folge der Drohbriefe? Als Racheakt?

Lelic schreibt das alles gekonnt auf, ohne dabei in reißerische Darstellungen zu verfallen. Seine klare Untersuchung der Ereignisse ist trotzdem nahegehend und aufwühlend. Und so ist Lelics drittes Buch einmal mehr ein empfehlenswertes Werk geworden. Dass der Droemer Verlag den wesentlich zurückhaltenderen Original-Titel „The Child Who“ geradezu marktschreierisch mit „Das Kind, das tötet“ übersetzt und veröffentlicht, ist jedoch nicht zu verstehen.

In der britischen Tageszeitung „The Guardian“ stellte der Kulturredakteur die Frage: „Könnte dieses Buch Lelics absoluter Durchbruch sein?“ Und antwortete selbst: „Verdient hätte er es.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Simon Lelic: Das Kind, das tötet, Droemer Verlag, München, 2013, 350 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, ISBN 3426199435, Leseprobe

Barcelona – du Schöne!

Ein Tag in BarcelonaWer zum Urlaub nach Spanien fährt, findet im Buchhandel reichlich Reiseführer. Auch wer Barcelona besuchen will, und sei es nur für einen kurzen Städtetrip am Wochenende, kann sich mit mehr oder weniger ausführlichen Empfehlungen eindecken. Im Handgepäck sollte aber auf jeden Fall auch Daniel Brühls Buch „Ein Tag in Barcelona“ stecken.

Der Schauspieler Daniel Brühl (bekannt aus „Good Bye, Lenin!“, „Die fetten Jahre sind vorbei“ und auch Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“) hat eine zauberhafte Liebeserklärung an seine Heimatstadt Barcelona geschrieben. Herausgekommen ist kein literarischer Leckerbissen, aber eine freche, erfrischend nonchalante Beschreibung der katalanischen Hauptstadt.

Die Person Daniel Brühl als Prominenz der deutschen Schauspielerei tritt dabei ganz in den Hintergrund. Trotzdem ist es ein sehr persönliches Buch geworden. Daniel Brühl, 1978 als Daniel César Martín Brühl González Domingo in Barcelona geboren, wandert, spaziert, ja, flaniert einen Tag lang durch die Stadt, vom Tibidabo, Barcelonas Hausberg, durch sein Lieblingsviertel Gràcia bis ans Meer.

Das Daumenkino ist eine Besonderheit des Buches

Dabei erzählt er von seinem spanischen Großvater, der Journalist und Stierkampfkritiker war, und von seinem Onkel Juan, der ihn 1986 zum ersten Mal zu einem Spiel des FC Barcelona mitnahm. Die Seiten sind mit persönlichen Fotos gespickt, wobei das Daumenkino in der rechten unteren Buchecke eine Besonderheit des Buches ist, die es zu entdecken gilt.

Von der Dachterrasse seines guten Freundes Manel nämlich hat man einen 360-Grad-Blick auf die Stadt. „Alles liegt da, zum Greifen nah, der Montjuïc, das Meer, die Sagrada Familia.“ Weil man aber wohl niemals die Chance haben wird, mit Daniel Brühl zu einer der sagenumwobenen Paellas von Manel auf dessen Dachterrasse eingeladen zu werden, bleibt nur das Daumenkino, das den eindrucksvollen Ausblick im Kleinformat ermöglicht.

Der Leser begleitet Daniel Brühl durch versteckte Ecken und Straßen und trifft mit ihm Boule-Spieler im Parc del Putget. „Auch hier hat man einen herrlichen Rundblick über die Stadt, der aber den meisten Touristen verborgen bleibt, weil Sant Gervasi auf den normalen Routen nicht dabei ist.“ Den passionierten Boule-Spieler Francisco lässt Brühl aus der Franco-Zeit erzählen, er selbst beichtet lieber einen „schissigen Fußsprung mit angstverzerrter Fratze“ vom Zehnmeterbrett des beachtlichen Schwimmbads der Olympischen Spiele von 1992. Wobei ihm das Lippenbändchen riss.

Brühls Lieblings-Gin-Bar

Und ob man von kleinen Lokalen mit großen Wermut-Fässern oder von grell beleuchteten Tapas-Bars mit rotnasigen Katalanen an der Theke oder über Brühls Lieblings-Gin-Bar liest – man möchte immer wieder nach Barcelona fahren, um noch dieses oder jenes zu entdecken. Oder um es mit Brühl zu sagen:

„Ich werde dich immer lieben, Barcelona, scheißegal, was die anderen sagen. Die Madrilenen, die sich über deine Provinzialität lustig machen und sagen, dass du nachts ein eingeschlafener Fuß bist, die Pariser und Mailänder, die die Nase rümpfen, weil du angeblich nicht schick genug bist, die immer coolen Londoner und Berliner, die sagen, dass du passé bist, nicht mehr en vogue, dass es sich ausdesigned hat, dass deine Attraktivität nur noch von den Neunzigern zehrt, als du noch in schrillen Farben geleuchtet hast, die jetzt angeblich verblasst sind… Lass die Idioten doch reden!“

Lass sie doch reden, die Idioten. Allen anderen sei Daniel Brühls Liebeserklärung in Buchform wärmstens ans Herz gelegt. Danach kann nur noch erhöhtes Reisefieber folgen.

Daniel Brühl: Ein Tag in Barcelona, Ullstein Buchverlag, Berlin, 2012, 192 Seiten, broschiert, 18 Euro, ISBN 978-3550088322, YouTube-Video zum Buch