Der Reportage-Hedonist

Manchmal begegnet man seinem persönlichen Buch des Jahres erst spät – im Suhrkamp Verlag ist jetzt eine Sammlung von Essays und Reportagen des amerikanischen Journalisten John Jeremiah Sullivan erschienen, die unbedingt zum Buch des Jahres vieler Leser werden sollte.

Seine Reportagen aus der Neuen Welt übertreten in außergewöhnlicher Weise die Grenze zwischen Literatur und journalistischer Berichterstattung. Sie sind scharfsinnig, nahegehend, manche mit feinem Witz, ohne zu spotten, insgesamt ganz und gar erstaunlich.

Seine Herangehensweise ist stets direkt und ehrlich, seine Themen sind vielfältig: Reality-Fernsehen, ein Besuch im vom Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans, Robert Johnson und die Wurzeln der Country-Blues-Musik, Disney-Land sowie eine Audienz – anders lässt sich das nicht bezeichnen – bei Bunny Wailer, dem letzten noch lebenden Mitglied von Bob Marleys erster Band. Sullivan ist nicht nur Wissensvermittler und sturer Protokollant, seine Texte sind an keiner Stelle überheblich, sondern strotzen vor Lust am Erleben. Er ist ein Reportage-Hedonist.

Stilsichere Beobachtungsgabe bei Porträts

Das „Time Magazine“ vergleicht den jungen 1974 geborenen Sullivan schon mit David Foster Wallace, Hunter S. Thompson und Tom Wolfe, dabei drängt sich auch der Name Truman Capote auf. Sullivan und Capote eint nicht nur, dass sie beide schnell als Nachwuchsautoren hochgelobt wurden, sondern vor allem ihre stilsichere Beobachtungsgabe bei Porträts.

Wie Sullivan über Axl Rose, Sänger der Rockband Guns N’Roses, schreibt, ist beeindruckend. Wie er von einem Konzertbesuch übergeht in die Beschreibung seiner Recherche zu einem Vorfall in Axls Kindheit, um dann in einer weiteren Passage Axls Stimmlagen im Song „Sweet Child O‘ Mine“ zu hinterfragen und nonchalant das Veröffentlichungsjahr von „Don’t cry“ dazu zu nutzen, aus seiner eigenen Jugend zu erzählen – das ist geschickt und kunstfertig.

Sullivan versteht es, zu begeistern und neugierig zu machen. Danach will man nicht nur wieder die alten Guns N’Roses-Platten hören, sondern noch mehr lesen und wissen über all diese Dinge. Manchmal verweist er auf weitere Nachforschungsmöglichkeiten, etwa als er über Michael Jackson oder den Naturforscher Constantine Samuel Rafinesque erzählt. Sein Text über die Tiere, die in die Städte vordringen und Menschen aus unerfindlichen Gründen anfallen und töten, macht nachdenklich.

Sympathisch nahbar

Die wundersame Heilung seines Bruders, nachdem dieser durch einen Mikrofonständer einen Stromschlag erlitten hatte, liest man zunächst ungläubig und kopfschüttelnd, dann aber derart angerührt durch die Unverstelltheit des Autors. Er schreckt nicht davor zurück, distanzlos zu sein und wirkt dadurch auch gegenüber dem Leser sympathisch nahbar. Ganz offenbar wird das in dem Text „Das Haus der Peyton Sawyer“ über eine Kulisse der Fernsehserie „One Tree Hill“, die zufällig Sullivans eigenes Haus ist.

Suhrkamp hat der Sammlung den Untertitel „Vom Ende Amerikas“ gegeben. Das ist befremdlich. Weder zeigen die Magazinbeiträge, die in Zeitschriften wie dem „New York Time Magazine“ oder der „Gentlemen’s Quarterly“ erschienen sind, eine zeitlich dem Untergang geweihte amerikanische Kultur und Politik, noch ließen sich die Südstaaten, als deren Vertreter Sullivan sich versteht, als das geographische Ende Amerikas bezeichnen. In den USA trug das Buch nur den sachlich richtigen Untertitel „Essays“. In der englischen Ausgabe wurde daraus „Dispatches from the Other Side of America“. Warum konnte Suhrkamp das nicht übernehmen und Sullivan „Depeschen“ schreiben lassen? Das wäre in seinem Sinne gewesen.

Was fängt man nun mit diesem Buch an? Kaufen. Lesen. Immer wieder. Und Freunden davon erzählen. Sullivan steht erst am Anfang. Und er ist bereits jetzt brillant. Mehr davon, Mr. Sullivan.

John Jeremiah Sullivan: Pulphead, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, 416 Seiten, Taschenbuch, 20 Euro, ISBN 978-3518068908

Truman Capote trifft…

Mit der Monroe ging er zur Beerdigung, Liz Taylor lud ihn zum Champagnerschlürfen und Marlon Brandos Schwärmereien über Apple Pie und die Schauspielerei lauschte er in dessen Hotelzimmer in Kioto – Truman Capotes Porträts sind tiefe Einblicke in die Welt früherer Stars und Sternchen, taktlos, direkt und zu Recht legendär. Niemand sonst hätte es gewagt zu offenbaren, dass Marilyn Monroe die englische Königin als „Fotze“ bezeichnete.

Die Porträts, die der Verlag Kein & Aber im Jahr 2009 zum 25. Todestag des amerikanischen Schriftstellers herausgegeben hat, sind alle schon einmal in anderen Werken erschienen, jedoch niemals zusammen. Sie zeigen jene Wahrheiten, die Capote über seine Freunde aus der High Society schrieb und die ihm später die Einsamkeit brachten – denn viele Enthüllungen wurden ihm nicht verziehen. Capote war stets ein feiner Beobachter. Er sezierte die Eigenschaften und Schrulligkeiten der Schriftsteller, Schauspieler und Reichen der Gesellschaft und gehörte doch selbst dazu.

Das schmale, gebundene Büchlein versammelt elf Poträts von einstigen Stars wie Coco Chanel, Louis Armstrong oder Humphrey Bogart. Die meisten von ihnen umfassen nur wenige Seiten, Marilyn Monroe und Marlon Brando aber spielen die beiden Hauptrollen in dieser Sammlung. Von außen betrachtenswert, von innen lesenswert, von der Größe perfekt für die Westentasche des Herrn oder die kleine Handtasche der Dame.

Würden doch heutzutage weniger Gefälligkeitsporträts geschrieben und häufiger solche capote’schen Betrachtungen – es wäre eine Wohltat. Adam Soboczynski, Redakteur im Feuilleton-Ressort der Wochenzeitung „Die Zeit“, bringt es im „Zeit“-Magazin (14.04.2011, Nr. 16) auf den Punkt: „Es gilt bei Porträts die traurige Regel: Je ausgewogener das Porträt, desto unspektakulärer ist es. Allergrößte, himmlische, unerreichte Porträtistenkunst wäre es, mit dieser Regel zu brechen.“ Capote hat das getan. Er wurde dafür bestraft, aber er hat es getan. Die Zeugnisse davon sind nachzulesen.

Truman Capote: Marilyn & Co., Kein & Aber Verlag, Zürich, 2009, 175 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 14,90 Euro, ISBN 978-3036955483

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