Das Wellenspiel der Liebe

Zwei Paare auf einer kleinen Segelyacht zwischen Neapel und Capri, das könnte ein wunderbarer Sommertörn sein. Die beiden Männer sind jedoch Brüder, und der Jüngere hatte einst eine heimliche Affäre mit der Immer-noch-Frau des Älteren, bringt aber nun die neue Freundin mit. Mit seinem kurzen Roman „Ein Sommer“ schafft der Franzose Vincent Almendros ein hervorragendes Kammerspiel auf hoher See, das beeindruckend beweist, welch Wellenspiel die Liebe doch ist.

So richtig geheuer ist dem Ich-Erzähler Pierre die Idee seines segelbegeisterten Bruders Jean von Anfang an nicht. Die Yacht ist kaum länger als acht Meter, die Kajüte entsprechend klein. Lone, seine skandinavische Freundin, und er müssen in getrennten Kojen schlafen, jegliche Privatsphäre wird an Land zurückgelassen. Und sobald erstmal das offene Meer erreicht ist, gibt es kein Zurück mehr.

Ein betörendes Zusammenspiel

Das Unheil muss ja kommen, das ist klar. Anfangs sind Pierres Befürchtungen noch unbestimmt, die Begegnungen mit Jeanne, der Frau seines Bruders, zu wenig bedeutungsschwer. Beide sind scheinbar bemüht, jegliches Mehr zu verhindern. Aber das ändert sich. Es ist ein betörendes Zusammenspiel aus Jeannes verführerischem Können und der Erkenntnis, dass Pierre sie nie wirklich aus seinem Herzen entlassen hat.

Bald ist sein Kopf voller Jeanne-Gedanken. Das rächt sich etwa bei einem Landgang auf Capri, als er Lone in einer Eisdiele vergisst. Er versucht es mit einer Ausflucht: „Wir haben dich verloren“, sagt er, „wo warst du denn?“ Doch Lone antwortet: „Ja, du hast mich vergessen, das ist lustig.“ Aber niemand lacht.

Ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur

„Ein Sommer“, der nicht umsonst 2015 in Frankreich „als schönster Roman des Frühlings“ mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet wurde, ist sprachlich umwerfend gelungen. In kurzen, knappen Sätzen entwirft Almendros ein flirrendes, Sommerluft atmendes Stück Literatur und eine raffinierte Variante von Goethes „Wahlverwandtschaften“. Es ist zweifelsohne zeitlos, und doch sollte man es in der warmen Jahreszeit lesen. Denn fürwahr: Es ist ein vortreffliches Sommerbuch.

Vincent Almendros: Ein Sommer, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2017, 96 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3803113245

Inseln am Rande der Wirklichkeit

Lexikon der PhantominselnDie Ozeane und Meere sind mittlerweile fast vollständig erforscht. Dennoch sind auch heute noch in vielen Navigationskarten Inseln aufgeführt, die tatsächlich nur reine Phantasie sind. Jahrhunderte lang haben Entdecker immer wieder nach solchen Phantominseln gesucht – und sie nie gefunden. Davon zeugt höchst aufschlussreich das wunderbare „Lexikon der Phantominseln“ von Dirk Liesemer, das jetzt im Mare-Verlag erschienen ist. Es ist ein kleiner Schatz, bibliophil aufgemacht und mal spannend, mal belustigend erzählt.

Als die LZ-127 „Graf Zeppelin“, das damals größte Luftschiff der Welt, im Sommer 1931 von Berlin aus die Reise in die Arktis beginnt, hoffen die Forscher an Bord nicht nur auf einen neuen Rekord für die Luftfahrt (noch nie ist ein Zeppelin so weit nach Norden gelangt). Sie hoffen auch darauf, unbekannte Inseln zu entdecken, denn Anfang des 20. Jahrhunderts ist kaum eine Region derart wenig erkundet wie die Polargebiete.

Doch die Passagiere, zu denen auch drei Reporter gehören, enthüllen vielmehr, dass eine im Franz-Josef-Archipel kartierte Insel (Armitage Island) nur eine Halbinsel ist, eine andere namens Albert Edward Island gar nicht existiert, und Harmsworth Island, 1897 von dem britischen Polarforscher Frederick George Jackson entdeckt, ebenfalls nicht vorhanden ist. Der US-Wissenschaftler Lincoln Ellsworth funkt nach Amerika: „Aktuelle Karten nicht korrekt. Albert Edward Island und Harmsworth Island existieren nicht.“

Schlaraffen-Eiland mit Früchten und Edelsteinen

„Aktuelle Karten nicht korrekt“ – dieses Schicksal teilen sich viele historische Karten und Globen der vergangenen Jahrhunderte. Zum Beispiel die des mallorquinischen Geografen Angelino Dulcert, der im Jahr 1325 eine legendäre Insel in sein Werk einträgt, von der sich die Menschen bislang nur erzählt haben, eine Art Schlaraffen-Eiland mit süßen Früchten an den Bäumen und glänzenden Edelsteinen auf der Erde. Keltische Mönche haben sie im 6. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt, und mit der Zeit verfestigt sich die Geschichte zu einer echten Insel. Und wie eine Geschichte verändert sich auch die Form. Mal ist sie groß und schlank, mal klein und rund. Aber hat sie wirklich jemand gesehen? Ja, ein Kapitän namens John Nisbet of Killybegs will die Insel 1674 tatsächlich betreten haben und erzählt eine nicht minder spannende Geschichte von altmodisch gekleideten Männern, Schafen, schwarzen Hasen und einem Schloss.

Viel Seemannsgarn wird gesponnen, um die eine oder andere Insel aus den Fluten auftauchen zu lassen. Der amerikanische Kapitän Benjamin Morrell etwa, der zeit seines Lebens Abenteuergeschichten und Reiseliteratur verschlungen hat, ist dafür verantwortlich, dass mindestens zwei Inseln das Licht der Welt erblickten, ohne dass es sie je gegeben hätte. Morrell trieb nicht nur die Lust am Geschichtenerfinden an, sondern auch die Geltungssucht – endlich würde man auch ihn einen Entdecker nennen. Beide Phantominseln waren übrigens auch kurzzeitig der Grund für eine Verschiebung der internationalen Datumsgrenze. Geltungssucht hin oder her, aber schon damit hat sich Kapitän Morrell in die Geschichtsbücher geschrieben.

Ja, es sind die verschiedensten Motive, aus denen manche eine Insel erfunden haben. Oft hat Politik eine Rolle gespielt, dann und wann aber hat auch die Natur den Seefahrern einen Streich gespielt und sie sind einer Fata Morgana aufgesessen. Manchmal sind sie nur im Nebel herumgeirrt, dann wieder stimmten Messungen und Standortbestimmungen nicht – mit technischen Hilfsmitteln wie GPS ist das heutzutage kaum noch vorstellbar. Doch eine der 30 Phantominseln hat es sogar noch in die hochtechnologisierte Zeit geschafft: Das mysteriöse Sandy Island im östlichen Korallenmeer war bis November 2012 bei Google Earth als Insel zu finden. Erst eine Expedition der University of Sydney und ein Bibliothekar am Auckland War Memorial Museum in Neuseeland erkennen: Die Insel ist ein Hirngespinst.

Von Irrfahrten, Christoph Kolumbus und anderen großen Entdeckern

Liesemer erzählt sehr einnehmend von allerlei Irrfahrten durch die Meere, von Christoph Kolumbus und anderen großen Entdeckern. Im Nachwort erklärt Liesemer, die Quellenlage sei schwierig gewesen, bis heute gebe es nur eine begrenzte Auswahl an Sekundärliteratur. Umso begeisternder ist seine detaillierte Beschreibung, seine Fähigkeit, trotz der wissenschaftlichen Hintergründe die Inselgeschichten so mitreißend erlebbar zu machen.

Das liegt vielleicht auch daran, dass dem Autor die Seefahrergeschichten zweifelsohne in die Wiege gelegt worden sind – sein Vater, ein gestrandeter Kapitän zur See, hatte mehr als zehn Jahre in der Südsee verbracht und war zeitweise Privatkapitän des Gouverneurs von Guam gewesen. Liesemer, 1977 im westfälischen Steinheim (Kreis Höxter) geboren und aufgewachsen im lippischen Feldrom, studierte Politik und Philosophie in Münster und Rennes und arbeitete später als Redakteur in Berlin und München. Heute lebt und arbeitet Liesemer als Autor und freier Journalist in Leipzig. Das „Lexikon der Phantominseln“ ist sein erstes Buch.

Die optische Gestaltung ist hervorragend: Schon auf dem Vorsatzpapier sind auf einer Karte die 30 Phantominseln eingezeichnet, und zu fast jeder Insel sind im Innenteil neue Karten angefertigt worden. Dazu werden einführend jeweils Position, Größe, Sichtungen und die historischen Karten kurz benannt. Von außen lassen Buchschnitt und Lesebändchen in herrlichstem Meerblau Bibliophile wonnig seufzen. Einzig und allein hätte ein Schuber den Eindruck noch perfektioniert. Segelfreunde, Kapitäne von allerlei Wasserstraßen, große und kleine Entdecker sowie all jene, die dem Meer schlichtweg hoffnungslos erlegen sind, sollten Kurs nehmen und dieses fantastische Bändchen an Bord nehmen. Segel setzen und denn man tau!

Dirk Liesemer: Lexikon der Phantominseln, Mare-Verlag, Hamburg, 2016, 157 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3866482364

Diese Rezension ist in gekürzter Fassung auch im Wochenendmagazin der Neuen Westfälischen (Samstag/Sonntag, 29./30. Oktober 2016) erschienen.

Schrulliges Lustspiel am Strand

9783956400742-frontcoverDer Sommer bedeutet für viele Familien: Nichts wie raus ans Meer! Dass der Strand dadurch jedes Jahr zur Spielwiese der Eitelkeiten wird, aber auch zum Theater der Nacktheit, zum Schauplatz von Konflikten und zur Bühne eines Sozialkosmos sondergleichen, ist nie treffender und vergnüglicher beschrieben worden als in der Graphic Novel „Rein in die Fluten!“ vom französischen Comic-Duo David Prudhomme und Pascal Rabaté. Die perfekte Lektüre für den sich noch einmal aufbäumenden Sommer.

Schon auf dem Weg in den fiktiven Badeort Polovos Plage begegnen sich die ersten Charaktere dieses Lustspiels: Die Familienväter, die argwöhnisch die Autos der anderen Tankstellenbesucher beäugen („Wieviel pumpt der denn in seine Karre?“, „Was braucht der auch ’nen Allrad, um ans Meer zu fahren?“) und auf dem Rücksitz die eigene Brut sitzen haben, die sich entweder missmutig einen MP3-Player teilen muss oder damit beschäftigt, alle Varianten von „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ zu singen, zur Freude ihrer Eltern („Singt uns doch mal was Schönes, ihr Racker!“). Die zugreisenden Bierbäuchigen mit ihren überheblichen Sprüchen und die jovialen Jungväter mit ihren frenetischen Ausrufen, die jedes Abteil zur Weißglut treiben. Die Stausteher, die bereits am Vortag Angelangten und die Yuppies von Welt. Doch dieses Menschen-Potpourri ist noch steigerungsfähig, denn erst am Strand entrollt sich das wahre Panorama.

Und mal ehrlich: Wir kennen sie alle, diese wunderlichen Typen, denen man an so einem Tag am Meer unweigerlich begegnet. Wir kennen sie alle, und auch deshalb ist dieser Comic so amüsant. Diese Geschichte braucht keine Hauptfigur, denn die Protagonisten sind wir selbst, die wir uns an den Meeren dieser Welt zum Zeitvertreib, zum Sonnenbad oder auch – das würde natürlich keiner zugeben – aus voyeuristischen Motiven tummeln.

Cineastische Struktur

Prudhomme und Rabaté haben den ganzen Wahnsinn erzählerisch fantastisch eingefangen: Oft mutet die Struktur cineastisch an, wenn etwa eine Szene zunächst das vor der Bahnschranke stehende Auto zeigt, die nächste Szene einen Perspektivwechsel vornimmt und der Leser plötzlich im vorbeirauschenden Zug sitzt, dort einige Augenblicke verweilt, bis ein Auto vorübersaust und den Leser dorthin katapultiert. Es ist, als säße man in einem chinesischen Restaurant an einem dieser drehbaren Tische, und jeder der Gäste dürfte mal drehen, um sich die Szene aus einem anderen Blickwinkel anzusehen. Es wird gezoomt und geschwenkt.

Das führt auch grafisch zu feinen Überraschungen, wenn sich Illusionen auflösen: eine der schönsten ist sicherlich jene, als sich ein Herr mit gelbem Sonnenhut, sonnenbrandroten Armen und dickem weißen Bauch dem FKK-Strand nähert und man wähnt, er komme über eine Düne. Doch tritt der Betrachter ein Stück zurück, entpuppt sich die Düne als nackter Frauenkörper. Wenige Seiten später suchen Eltern ihren Jungen. Die Mutter entdeckt ihn am Horizont in einem steinernen Wellenbrecher, der Leser aber ist ähnlich blind wie der Vater. Erst als die Szenerie weiter heranrückt, kann man ihn mit Mühe und Not zwischen den Steinen klettern sehen. Die Mutter: „Wir müssen ihm echt so ’ne Neonhose besorgen.“

„Die Ferien des Monsieur Hulot“

Der cineastische Gedanke kommt nicht von ungefähr, auch wenn Autor und Zeichner damit weniger die Kamerafahrten verbinden, denn tatsächlich hat ein alter Kultfilm die beiden zu ihrem Comic inspiriert: „Die Ferien des Monsieur Hulot“ von und mit Komiker und Regisseur Jacques Tati. Der hatte schon 1953 seine Landsleute am Meer ordentlich persifliert. Gegenüber Kai Löffler vom Deutschlandfunk sagte Rabaté: „Wir bewundern beide sehr die Arbeit von Jaques Tati; sie ist gleichzeitig poetisch und burlesk komisch. Ich würde sogar sagen, Tati ist einer unserer Haupteinflüsse.“

Und so wie Tati in die Rolle des Monsieur Hulot schlüpft, haben auch Prudhomme und Rabaté ihren Platz in Polovos Plage gefunden. Entdecken Sie die beiden am Strand oder im Dorf oder irgendwo im Meer! Und auf dem Weg dorthin und beim Lesen ihres Comics können Sie förmlich den heißen Sand unter den Füßen spüren, und die See rauschen und die Kinder juchzen und manche Paare streiten hören. Sie werden die Augen verdrehen, Sie werden lachen und den Kopf schütteln ob der grotesken Figuren, und sich darin vielleicht ein wenig selbst erkennen. Unbedingt aber werden Sie eines des besten Sommerbücher dieses Jahres lesen – und damit einen Schatz heben, von dem Sie noch in grauen Herbsttagen zehren können.

David Prudhomme, Pascal Rabaté: Rein in die Fluten!, Reprodukt Verlag, Berlin, 2016, 120 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3956400742, Leseprobe

Seitengang dankt dem Reprodukt-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Diese Rezension ist auch auf NW.de erschienen, dem Onlinedienst der Neuen Westfälischen (Bielefeld).

Reif für die Insel

Der Mann der Inseln liebteAbgesehen vom „Mitternachtsweg“ (2014) ist es zuletzt ruhig geworden um Benjamin Lebert, den einstigen Shootingstar der jungen deutschen Literaturszene. Mit dem autobiografischen Internatsroman „Crazy“ ist er 1999 bekannt geworden, konnte aber nie wieder an diesen Erfolg anknüpfen. Jetzt hat Lebert D. H. Lawrences Erzählung „Der Mann, der Inseln liebte“ neu übersetzt und ein lesenswertes, kluges Vorwort dazu geschrieben. Bibliophil aufgemacht ist das Büchlein im August bei Hoffmann und Campe erschienen und trifft einen aktuellen Nerv.

Man ist reif für die Insel, wenn man Abstand braucht. Vom Arbeitsstress, vom Alltag, von alledem, was unsere moderne Welt so mit sich bringt. Auch die Forderung des Soziologen Hartmut Rosa nach Entschleunigung ist ein Indiz dafür. Die Neuübersetzung von „Der Mann, der Inseln liebte“ kommt deshalb zur rechten Zeit. Denn was der Inseln liebende Mann da treibt, möchte manch einer sicher auch tun: Ausbrechen und den Rückzug wagen, die Abkehr von der allumfassend vernetzten Welt.

Der namenlose Mann, von dem Lawrence erzählt, ist fasziniert von der Idee, eine Insel ganz für sich zu haben und sie seinen Vorstellungen entsprechend anzupassen. „Ist eine Insel groß genug, dann ist sie nicht besser als das Festland. Sie muss wirklich klein sein, damit sie sich auch wie eine Insel anfühlt; und diese Geschichte wird zeigen, wie winzig sie sein muss, bis man sich anmaßen kann, sie mit dem eigenen Wesen auszufüllen“, schreibt Lawrence.

Geister der Vergangenheit

Es ist eine Anti-Robinsonade, die Lawrence da verfasst hat. Zwar ist jede Insel für den Protagonisten zunächst so etwas wie ein Paradies. Er genießt die Abgeschiedenheit von der Welt, liebt den Geruch von Salzwasser, die unterschiedlichen Geräusche des Meeres und die teilweise üppige Flora. Auf der ersten Insel aber stören ihn bald die Geister der Vergangenheit, auf der nächsten sind es plötzliche Vaterfreuden und die ungebändigte Liebe und Bewunderung der Kindsmutter, die ihn förmlich zu Boden drücken und bewegungslos machen. Und so flüchtet er auf die nächste Insel, und die Suche nach der Stille entwickelt sich auch einer Geschichte der Vereinsamung.

D. H. Lawrence ist den meisten Lesern eher durch den skandalumwobenen Roman „Lady Chatterleys Liebhaber“ bekannt. Mit „Der Mann, der Inseln liebte“ gelingt ihm die bestechende Darstellung eines Mannes, der immer wieder versucht, zu sich selbst zu finden, und es doch nicht recht vermag, weil die Außenwelt seinem Plan stets etwas entgegenzusetzen hat. Lawrence zeigt feines Gespür, diesen Mann nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Auf der anderen Seite skizziert er dann und wann auch mit Humor jene Momente, in denen der Inselbewohner sich der störenden Einflüsse bewusst wird. So etwa das plötzliche Erkennen auf der dritten Insel, dass ein Schafblöken genügt, um Widerwillen zu erzeugen. „Er wollte nichts anderes hören als das Wispern des Ozeans und die spitzen Schreie der Möwen, die aus einer anderen Welt zu stammen schienen. Und am liebsten war es ihm, wenn absolute Stille herrschte.“

Lebert hat die Erzählung und Lawrences bildhafte, ausdrucksstarke Sprache sensibel und überzeugend ins Deutsche übertragen. Auch wenn „Der Mann, der Inseln liebte“ zum ersten Mal bereits 1927 erschienen ist, so bleibt der Text auch heute noch immer eine fesselnde Lektüre über das Spannungsverhältnis zwischen der Suche nach Freiheit und der Gefahr der Vereinsamung.

D. H. Lawrence: Der Mann, der Inseln liebte, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2015, 80 Seiten, gebunden, 15 Euro, ISBN 978-3455405491