Kinder, die Monster lauern nicht unterm Bett

In einem kleinen verschlafenen Nest namens Archer’s Peak im mittleren Westen der USA verschwinden seit Wochen Kinder und Jugendliche. An den Anschlagtafeln der Stadt flattern die „Vermisst“-Plakate in mehreren Schichten übereinander, doch die Behörden sind völlig ratlos. Bis eines Tages ein Überland-Bus hält und eine junge Frau aussteigt. Die Reisende heißt Erica Slaughter und ist die wohl coolste Monsterjägerin seit Buffy oder Arya Stark. Willkommen in Archer’s Peak und willkommen in der grandiosen Comic-Reihe „Something is killing the children“ von James Tynion IV und Werther Dell’Edera.

Der amerikanische Bundesstaat Wisconsin ist vor allem ländlich geprägt. Viele Wälder und Farmen, viel Land, und kaum größere Städte. Das fiktive Archer’s Peak liegt mitten im Nirgendwo in der tiefsten Provinz. Immerhin: es gibt eine Schule, eine Hockeymannschaft, ein Diner, einen Baumarkt, eine Wohnwagensiedlung und schummerige Bars. Der Sheriff der Stadt ist ein müder schnauzbärtiger Typ mit Schirmmütze, der in der Vermisstensache nicht mehr weiter weiß. Irgendwann tauchen Leichenteile auf, und die Polizei kann damit immerhin neun Vermisstenfälle klären. Alle diese Vermissten sind mausetot. Die örtliche Polizei geht von einem tollwütigen Bär aus. Mord und Totschlag in Archer’s Peak? Der Sheriff glaubt nicht dran: „Wir sind hier nicht in Milwaukee, Madison oder auch Green Bay. Hier passieren solche Dinge einfach nicht.“ Hier ist Archer’s Peak, wo jede*r jede*n kennt.

Doch es gibt Menschen, die es besser wissen. James zum Beispiel. Der queere Schüler hat einen Angriff des Monsters nur knapp überlebt, seine Freunde, mit denen er im Wald war, wurden von den Klauen auseinandergerissen und zerfetzt. Er erzählt der Polizei von einem Monster, von den Schreien, die er gehört hat, doch die Polizei glaubt ihm nicht, denn nur Kinder sind in der Lage, diese Monster zu sehen. So bleibt James nur „der Junge, der überlebt hat“, was auch immer er da nun überlebt hat. Ganz sicher jedenfalls kein Monster.

„Ihr habt ein Monster in diesen Wäldern. Ich werde es töten.“

Als James schließlich am Busbahnhof auf diese mysteriöse junge Frau trifft, die ihn anspricht, glaubt er zunächst, sie sei eine weitere Erwachsene, die ihm nicht zuhört und nichts begreift. Doch Erica Slaughter ist anders. Sie verspricht – und schwört es bei ihrem Leben -, alles zu glauben, was er erzählt, egal wie seltsam und gruselig es klingen möge. James vertraut ihr. Sie ist die erste Erwachsene, die diesem schwer angeschlagenen Jungen Hoffnung gibt: „Ihr habt ein Monster in diesen Wäldern. Deshalb bin ich hier. Ich werde es töten.“

In einem Baumarkt kauft Erica zum Entsetzen des Verkäufers eine Kettensäge, die auch dann nicht aufhört zu sägen, wenn man sie aus Versehen fallen lässt. „Sie stellen sich nicht ab, bis sie sich durch Ihr Bein oder was auch immer gefressen haben.“ Hervorragend geeignet für die Monsterjagd. Dazu kommen eine Axt, Handschuhe, Seile und eine Heckenschere in den Einkaufswagen. Im örtlichen Diner planen Erica und James die nächsten Schritte. Kellner dort ist ausgerechnet der halbstarke Tommy Mahoney, Bruder der vermissten Sophie. Der findet Erica höchst verdächtig und informiert gleich mal die Polizei. Fremde in der Stadt und so. Kann ja nicht geheuer sein.

Und damit geht der Reigen erst richtig los, denn Erica kämpft nicht allein, sondern ist von einer Organisation entsendet worden, die zwar Monster aus der Welt schaffen, aber gleichzeitig alles darüber vertuschen will. Wenn eine ihrer Monsterschlächterinnen in die Fänge der Polizei gerät, dann läuft dieser Einsatz nicht nach Plan. Und dann ist es nach ihren Statuten wichtiger, dass die Wahrheit nicht publik wird, als dass Menschen beschützt werden.

Schauerliches kollektives Wegsehen

„Something is killing the children“ zeigt uns eine furchtbare Welt, in der Kinder nicht wertgeschätzt werden, sondern ein lästiges Übel sind. Man kann sie warten lassen, versetzen, nicht für voll nehmen. Als einzige sehen sie das Ausmaß der Bedrohung, der die Bewohner ausgesetzt sind, während die Erwachsenen nichts begreifen. Das allein ist schon schauerlich, dieses kollektive Wegsehen. Der Comic offenbart uns aber auch die andere Seite, ohne dabei Schwarzweiß-Malerei zu betreiben: Menschen raufen sich zusammen, sind warmherzig, hören sich zu und reagieren couragiert, unabhängig von der Altersklasse, der Ethnie, des Geschlechts oder der beruflichen Stellung.

Die Monster in dieser mehrteiligen und noch nicht beendeten Comic-Reihe gehören zur grässlichsten und bösesten Sorte. Der italienische Zeichner Werther Dell’Edera fängt sie in dunklen und brutalen Bildern ein, die sich einprägen, so wie sie sich wohl auch den Überlebenden auf die Augäpfel brennen. Gleich zu Anfang fragt ein übel zugerichtetes Mädchen in einer anderen von Monstern heimgesuchten Stadt: „Es gibt noch mehr von denen, oder?“ Und Erica antwortet nur knapp mit Ja, bevor sie duschen geht und sich das Monsterblut vom Körper wäscht. Ja, es gibt diese Monster im ganzen Land, und Erica Slaughter weiß, wie man Angst und Tod aufhält.

Ursprünglich nur eine Kurzgeschichte

„Something is killing the children“ war ursprünglich nur eine Kurzgeschichte, die der US-amerikanische Comic-Autor James Tynion IV, geboren 1987 in Wisconsin, während seiner College-Zeit verfasste. Der Titel blieb ihm im Kopf und reifte dort weiter, während er andere herausragende und von Kritikern gefeierte Bücher für amerikanische Comicbuch-Verlage schrieb. Gegenüber der Multimedia-News-Seite IGN sagte Tynion im August 2019: „Ich habe sehr früh gemerkt, dass die Geschichte länger war, als wir ursprünglich dafür vorgesehen hatten. Ich brauchte mehr Platz, um diese Stadt Archer’s Peak und diese Charaktere vollständig zu erkunden.“

In den USA ist Ende Mai Heft 23 veröffentlicht worden, in Deutschland hat der Splitter-Verlag bisher vier Sammelbände mit je fünf Heften herausgegeben. Weltweit ist die Reihe mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt worden. Die ersten drei Bände erzählen die Geschichte in Archer’s Peak, Teil vier, veröffentlicht im Juni 2022, zeigt, wie die junge Erica Slaughter zur Monsterjägerin wurde. Die neuen Hefte in den USA beginnen derweil schon mit einem neuen Fall für Erica Slaughter. Die Monsterjagd geht also weiter.

Und natürlich ist „Something is killing the children“ hervorragender Filmstoff. Der Streaming-Dienst Netflix hat schon angebissen, und die Macher von „Spuk in Hill House“ („The Haunting of Hill House“) und der Stephen-King-Adaptionen „Doctor Sleeps Erwachen“ („Doctor Sleep“) und „Das Spiel“ („Gerald’s Game“) schreiben laut der Fachzeitschrift „The Hollywood Reporter“ bereits an einer Pilotfolge.

Enormer Nervenkitzel, auch in den leisen Tönen

Es war eine hervorragende Idee von Tynion, die Geschichte um Erica Slaughter auszuweiten und in epischer Langform zu erzählen. Dieser in Heften erzählte Horror-Roman nimmt sich Zeit, um seine Figuren reifen zu lassen. Leser*innen, die nur auf Slasher-Horror aus sind, sollten hier nicht zugreifen, denn Tynion lässt seine Protagonisten bei all der Dramatik auch tarantinoeske Gespräche führen und nimmt damit immer wieder den Druck raus. Das aber beeinträchtigt nicht die Spannung. Im Gegenteil: „Something is killing the children“ entwickelt mit der Zeit einen enormen Nervenkitzel, auch in den leisen Tönen. Es ist dramatisch, beängstigend und traurig, und der Horror ist richtig packend. Zurecht wurde die Comic-Reihe unter anderem mit dem Eisner Award, einem der wichtigsten Preise für Comic-Schaffende, ausgezeichnet.

In Deutschland müssen Leser*innen noch eine ganze Weile warten, bis sie neuen Slaughter-Stoff zu lesen bekommen. Erst für März 2023 hat der Splitter-Verlag den fünften Band angekündigt. Wer es absolut nicht abwarten kann, muss zum amerikanischen Original greifen. Dort folgt Erica Slaughter bereits einem neuen Monster, das einer völlig neuen Art angehören könnte. Wetze das Messer, Erica! Wir sind an deiner Seite.

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 1), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2020, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3962195571, Comic-Trailer

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 2), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2021, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3962195588

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 3), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2021, 144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, ISBN 978-3962195595

James Tynion IV/ Werther Dell’edera: Something is killing the Children (Teil 4), Splitter-Verlag, Bielefeld, 2022, 144 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3967923131

Die Außenseiterbande

„Zwiebel, leuchtende Phiole, Blütenblatt um Blütenblatt formte deine Schönheit sich“, heißt es am Anfang von Pablo Nerudas „Ode an die Zwiebel“. Und später: „Zwiebel, hell wie ein Planet und zu leuchten bestimmt.“ Kaśka Brylas zweiter Roman „Die Eistaucher“ ist wie eine solche Zwiebel, die strahlt und voller Schönheit ist. Und nicht umsonst beginnt diese Rezension mit etwas Poesie. Denn bei all dem Leid, von dem das Buch „Die Eistaucher“ auch erzählt, ist es die Macht der Poesie, die dort viel Gutes hervorbringt, wo die handelnden Personen glauben, im Schatten zu wandeln. Die Werke von Ingeborg Bachmann, Arthur Rimbaud und ganz besonders Guy de Maupassants Erzählung „Horla“ spielen wichtige Rollen.

„Die Eistaucher“ ist wie der Vorgänger ein Roman, der mit den Grenzen der Literatur spielt und sich nicht einordnen lässt. Ist er Coming-of-Age? Ist es queere Literatur? Ein Krimi? Ein Thriller? Ein Sittenbild gar? Es ist das alles und wird dem Buch doch nicht gerecht. Das war schon bei „Roter Affe“ so, Brylas fulminantem Debüt aus dem Jahr 2020.

„Die Eistaucher“, das ist eine Jugendclique, wie sie vermutlich Stephen King mit seinem unerschütterlichen Herz für Heranwachsende nicht besser hätte konzipieren können: Da ist zum einen die Longboard fahrende Iga, die zum dritten Mal die Schule wechseln und sich jetzt in einer neuen Umgebung einleben muss. Sie ist intelligent und schafft den Schulstoff spielend, ist aber ein Wildfang, der sich nichts sagen lässt, schon gar nicht von verknöcherten Lehrern. Doch über ihr hängt das Damoklesschwert, dass sie zu ihrem Vater nach Polen ziehen muss, sollte sie sich einen weiteren Schulverweis einhandeln.

Ein zärtlicher Verehrer von Poesie

Neu an der katholischen Privatschule ist auch der ebenfalls migrantische Rasputin, der sich lieber Ras nennt, und schnell von den Halbstarken der Schule zum Mobbingopfer auserkoren wird, weil er ein bisschen pummelig ist und ein zärtlicher Verehrer von Poesie. Zu Iga und Ras gesellt sich schließlich noch die hübsche und queere Halbwaise Jess, die zum Schulanfang mit den Gedanken noch in Südfrankreich und bei ihrer Sommerliebe Tifenn weilt. Die aber macht wenig später – immerhin romantisch mit einem Brief – wieder Schluss.

Dieser Brief ist die Geburtsstunde der „Eistaucher“. Denn während die drei zuvor nur in einfacher Koexistenz zueinander standen, verändert Tifenns Brief die Lage. Jess ist am Boden zerstört, sucht Trost bei Iga und hofft, dass die ihr die Rätsel des Geschriebenen entwirren kann. Tatsächlich aber ist es Ras, der jetzt mit seinem Wissen glänzen kann.

Und dann geht es erst richtig los, die Ereignisse überschlagen sich, Iga verliebt sich zum ersten Mal in eine Frau, und Ras, ja, Ras ist plötzlich Teil einer literarischen Avantgarde und beginnt, bestärkt durch die Freundschaft, selbst Gedichte zu verfassen. Es könnte so schön sein, wenn das Leben immerzu so wundervoll bliebe. Doch eines Nachts wird die Clique Zeuge einer Tat, die vertuscht werden sollte, und nimmt die Rache selbst in die Hand.

Einer für alle, alle für einen

Bryla beschreibt mit ihrer bemerkenswert sensiblen Erzählstimme, ihrer eigenen poetischen Sprache und anhaltender Spannung eine jugendliche Bande. Nicht im kriminellen, sondern im freundschaftlichen Sinn. So hätte man es früher genannt, und das Wort selbst drückt aus, was es ist: Einander zugewandt und miteinander verbunden zu sein, ein unsichtbares Band zu haben, das durch alle Hände führt. Einer für alle, alle für einen. Das Gefühl, einander vertrauen zu können. Aber auch: die Welt mit unerschütterlichen Idealismus zu sehen.

„Die Eistaucher“ beginnen mit Kapitel 9; und es ist gut, dass dem ein Inhaltsverzeichnis vorangestellt ist, das die kunstvolle Verwebung der Kapitel unter- und gegeneinander verdeutlicht. Denn nach 9 kommt 1, dann 8 und 2. Was zunächst nach nicht gekonntem Zahlenraum bis 10 aussieht, ist einmal mehr die Art, wie Kaśka Bryla Literatur zu schreiben versteht: experimentell, abseits von gängigen Regeln, jedoch ohne sperrig zu sein, aber mit der Lust, es mal anders zu machen. Und so handeln zehn der 19 Kapitel von der Jetztzeit, und 9 Kapitel spielen als Coming-of-Age-Story in der Jugend der „Eistaucher“, kurz vor der Jahrtausendwende. Während im einen Teil die Geschichte fast kontinuierlich voranschreitet, erfahren wir im zweiten Teil nur häppchenweise, was am Fixpunkt der beiden Erzählstränge in der Vergangenheit passiert sein könnte. Raffiniert!

Die Jetztzeit erleben wir durch die Augen und die teilweise sehr unangenehme strunzmännliche Innensicht von Saša, der einst Igas bester Freund war. Er hat einen Campingplatz in einem Naturschutzgebiet, von Wäldern und kleinen Bergen umgeben, manch einer würde sagen: in der Einöde. Iga und Jess wohnen in einem Dorf in der Nähe, und einmal im Jahr kommt Ras zu Besuch. Die Poesie von damals aber ist gewichen.

„Immer ist da jemand, dem Unrecht angetan wird, und immer ist da jemand, der zusieht, ohne einzuschreiten. Als Kind stellt man sich die Frage, wer man lieber wäre. Das Opfer oder der Feigling. Als Kind habe ich mich nie gefragt, wie es wäre, der Täter zu sein.“ Als Saša und die Eistaucher zu Tätern werden, ist ihre Kindheit schlagartig vorbei. Wie steht es um ihre Schuld? Was heißt es, die individuelle Verantwortung zu tragen? Was ist Gerechtigkeit, Strafe, Sühne? Auch Brylas zweiter Roman beschäftigt sich mit den großen, schweren Themen. Und wieder gelingt es ihr, sie fast leichtfüßig in das Sujet einzubetten.

Die Verbindungen, für die wir uns entscheiden

Was die Eistaucher ausmacht, damals und heute, das finden wir in Kapitel 7. Fast beiläufig steht da dieser Absatz: „Die Verbindungen, für die wir uns entscheiden, und die Risiken, die wir für sie einzugehen bereit sind. Das oder etwas Ähnliches hatte Iga einmal gesagt, und Jess hatte es damals lächerlich gefunden, aber jetzt begriff sie, dass sie recht hatte, dass eben nur das wirklich zählte.“

Und dass alles glückt, dass alles Bestand hat und nicht etwa den Bach runter geht, sich nichts vermeintlich Gutes in etwas Schlechtes verkehrt, das ist so zufällig, wie es gelingt, beim Würfeln eine Sechs zu würfeln: „‚Hast du gewusst‘, sagte Iga ruhig, „dass die Wahrscheinlichkeit, eine Sechs zu würfeln, immer ein Sechstel ist? (…) Jedes Mal, wenn du mit dem Würfel zum Wurf ansetzt, ist die Wahrscheinlichkeit wieder ein Sechstel. (…) Aber trotzdem‘, fuhr Iga fort, ‚musst du würfeln. Wenn du nicht würfelst, kannst du auch keine Sechs würfeln.'“ Die Eistaucher haben ohne Furcht versucht, eine Sechs zu würfeln, aber die Wahrscheinlichkeit spielte gegen sie.

Kaśka Bryla: Die Eistaucher, Residenz-Verlag, Salzburg/Wien, 2022, 320 Seiten, gebunden, 24 Euro, ISBN 978-3701717514, Leseprobe

Seitengang dankt dem Residenz-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Das Auto rollt, das „R“ nicht mehr

Der Debütroman „Roter Affe“ der in Wien geborenen und zwischen Wien und Warschau aufgewachsenen Autorin Kaśka Bryla ist vielschichtige Literatur, klug und mit experimenteller Raffinesse geschrieben. Er erzählt eine deutsch-österreichisch-polnische Geschichte über Grenzerfahrungen und sucht gleichsam und gekonnt nach den Grenzen des Schreibens.

Wir lernen Mania kennen, die als Gefängnispsychologin in der JVA Moabit in Berlin arbeitet. Sie erfährt eines Tages, dass Tomek, ihr bester Freund aus Kindheitstagen, aus Wien verschwunden ist. Seine Hündin Sue hat er zurückgelassen. Auf dem Tisch in seiner Wohnung liegen Zettel, auf denen zu lesen ist, wie er vor einem Jahr einen Pakt eingegangen ist – mit einer Frau namens Marina, von der Tomek noch nie erzählt hat. Marina, so ist in verblasster Schrift zu lesen, sei depressiv, wolle sich das Leben nehmen, Tomek bat sie, ein Jahr lang unter seiner Regie und Obhut zu leben, in der Hoffnung, sie zurück ins Licht ziehen zu können. Ändere sich nichts, dürfe sie sterben, und er helfe ihr dabei. Jetzt ist das Jahr vorbei, die Schatten sind noch da, und Tomek ist weg.

Mania lässt in Berlin alles stehen und liegen. Mit dem syrischen Geflüchteten Zahit, den Mania 2015 bei Tomek untergebracht hatte („Er möchte in Wien bleiben. Kümmerst du dich?“), der Hackerin Ruth und der Hündin Sue machen sich die Freund*innen von Wien auf in Richtung Polen. Während ihr Auto vorwärts fährt, erfahren wir in Rückblenden mehr über Tomeks und Manias Kindheit sowie über die polnischen Wurzeln der beiden, die zwar in Österreich geboren wurden, sich ihrer Migrationsbiografie aber sehr bewusst sind. Wir sehen den Plot aus verschiedenen Blickwinkeln, ja sogar aus der Sicht eines Hundes, nah an den starken Gerüchen und fern dem Himmel.

Was, wenn der Roman das alles und nichts ist?

Was ist „Roter Affe“ nun? Ein Road-Trip zwischen West und Ost? Ein Roman über Flucht und Migration? Ein literarisches Experiment? Was, wenn er das alles und nichts ist? Er ist keiner dieser Romane, die man betulich in Setzkästen sortiert, weil wir Menschen Ordnung brauchen. Wohl aber gibt es Themen, denen sich Kaśka Bryla widmet, vor allem den Fragen: Wie gehe ich mit Verlust und traumatischen Erlebnissen um? Wie sehr darf man Rache üben? Was ist Strafe? Und was ist Schuld?

Das Auto, mit dem die Freund*innen unterwegs sind, ist derweil das Vehikel für alle anderen Themen, die wie Tafeln an der Straße stehen und Tourist*innen auf Sehenswürdigkeiten hinweisen: die LGBTQIA*-Feindlichkeit der amtierenden polnischen Regierung, Antisemitismus, Suizid, das Böse.

„Andere verstehen auch nicht immer alles“

Aber auch: Sprache. Die eigene Sprache. Verlieren, finden und nutzen. Zum Erzählen in nur eine Richtung, zum Sprechen in viele. Warum hat Tomek das rollende R („wie es im Polnischen üblich war und im Deutschen ihre Herkunft verraten würde“) behalten, Mania aber nicht? Warum sprechen wir dieselbe Sprache, aber das Verständnis bleibt beim anderen zurück wie ein Koffer, den man am Rastplatz vergessen hat? Richtigerweise sind polnische Gespräche im Roman nicht immer übersetzt worden. „Andere verstehen auch nicht immer alles“, sagt Kaśka Bryla in einem Text in der von ihr gegründeten Literaturzeitschrift „PS – Politisch Schreiben“, der die Gespräche und Korrespondenzen aus dem Lektoratsprozess zu „Roter Affe“ wiedergibt. Lesenswert wie ihr Buch, das an keiner Stelle langweilig wird oder sich wie eine Abhandlung liest. Auch weil es sprachlich so leuchtet. Deshalb: auf keinen Fall abschrecken lassen von der Wucht der Themen!

Im Anhang ihres vielschichtigen, ja geradezu philosophisch-psychologischen Romans finden sich Hinweise, welche Autor*innen und Bücher, Serien und Filme sie inspiriert haben und mit welcher Ernsthaftigkeit sich Kaśka Bryla mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa zu den Theorien des Bösen oder posttraumatischen Störungen auseinandergesetzt hat. Seit 2016 gibt sie in Gefängnissen Kurse zum Kreativen Schreiben, hat selbst am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Seit März 2022 ist ihr zweiter Roman „Die Eistaucher“ auf dem Markt. Hoffen wir, dass wir von dieser wahnsinnig guten Autorin noch viel mehr zu lesen bekommen.

Kaśka Bryla: Roter Affe, Residenz-Verlag, Salzburg, 2020, 232 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN 978-3701717323, Leseprobe

Von den flatterigen Launen der Liebe im alten Frankreich

Sie war mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt, in zweiter Ehe ein paar Monate mit dem österreichisch-ungarischen Playboy Pál Graf Pálffy de Erdöd verheiratet und genoss Liebesaffären mit Jean Cocteau, Thomas Maria Graf Paul Esterházy de Galántha und mit dem britischen Botschafter Alfred Duff Cooper. Die Rede ist von Louise de Vilmorin, der heute leider ein wenig in Vergessenheit geratenen französischen Autorin.

Am 4. April wäre sie 120 Jahre alt geworden – Anlass genug, um ihre Romane endlich neu zu entdecken. Seit einigen Jahren bringt der Dörlemann-Verlag in Zürich ihre Bücher in wunderbaren Neuübersetzungen heraus. Zuletzt ist in diesem Jahr „Belles Amours“ (im französischen Original: „Les Belles Amours“, 1954) erschienen, ein überwältigender, tragikomischer Roman über Liebe, Versuchung, Freundschaft, Untreue und Rache in einer verzwickten Dreiecksbeziehung. Für Sammler*innen von Aphorismen und Bonmots ist das Buch zugleich eine wahre Fundgrube.

Angelt sich der Sohn die falsche Frau?

Der 30-jährige Samenhändler Louis Duville führt mit seinem Vater ein alteingesessenes Geschäft in der französischen Provinz. Zum Leidwesen seiner Eltern gibt der Filius das sauer verdiente Geld mit vollen Händen in Paris wieder aus, mit Frauen und Freunden, für schnelle Autos, Pferderennen und amouröse Abenteuer, aber ohne dass sich eine der vielen Damen an seiner Seite dauerhaft verfestigen würde. Die elterliche Sorge ist deshalb groß, dass sich der Luftikus die falsche Frau angelt, noch dazu möglicherweise von anrüchiger Herkunft.

Madame Duville wird deshalb selbst aktiv, mustert auf Hochzeiten die Brautjungfern und lädt passende Frauen in das familiäre Landhaus nach Valronce ein. Doch alle verlassen das Anwesen wieder, ohne eine Liebe zu entfachen. Da will es das Schicksal eines Tages wohl gut meinen mit der verzweifelten Madame Duville, denn ein Cousin schaut mit seiner Nichte in Valronce vorbei.

„Er küsste sie, sie blickten sich an, und es war alles gesagt“

Die 25-Jährige ist schon Witwe, ihr Mann 1918 im Krieg gefallen. Durch einen kleinen Zufall, eine zeitliche Koexistenz an einem Ort, begegnet Louis Duville der jungen Witwe und schlägt lang hin. Es braucht nur einen kurzen Spaziergang, wenige Liebesschwüre, einen Kuss und den gemeinsamen Traum vom Leben zu zweit, dann ist alles besiegelt: „Er küsste sie, sie blickten sich an, und es war alles gesagt.“ Sie sind verliebt, verlobt, und verheiratet sollen sie auch bald sein. Doch damit fängt der Trubel erst richtig an.

Denn zur Hochzeit im Herbst 1925 kommt auch ein guter Freund der Familie, der 54-jährige weltmännische Monsieur Zaraguirre aus Südamerika, ein Prachtkerl, der mit seiner Ausstrahlung und im lockeren Plauderton Frauen für sich begeistert, ein Frauenheld, wie Louis Duville selbst einer war, bis er seine Braut traf. Doch Duvilles Glück währt nicht lang, denn auch Monsieur Zaraguirre verliebt sich in die Braut und macht als Mann von Welt kurzen Prozess: Noch am Abend vor der Hochzeit flieht er mit der Braut – und heiratet sie selbst.

Könnte jetzt zu Ende sein, der Roman? Nix da – der wird jetzt noch besser und dreht die nächsten Twists! Denn der düpierte Louis Duville sinnt auf Rache.

Herrlich beißender Sarkasmus

Die beiden Frauenhelden kommen in „Belles Amours“ nicht gut weg, aber auch den Frauenfiguren widmet sich Vilmorin mit herrlich beißendem Sarkasmus, vor allem der naiven Braut, aber auch der ebenso schlichten, aber immerhin herzensguten Madame Duville. Die Mutter des Bräutigams lässt sich etwa zu sinnstiftenden Sätzen hinreißen wie: „Will man Ordnung schaffen, muss man zunächst Chaos stiften.“ Zur Hochzeit ihres Sohnes wünscht sie sich Vollmond, denn „das macht immer besonders viel her“. Und als ihr Mann ihr wenig Hoffnung macht, dass ihr Wunsch zu erfüllen sei, gibt sie munter zurück: „Manche wissen sich immer zu helfen. Man braucht einfach nur zu beten. Du vergisst, dass es Wunder gibt.“

Hinreißend beschrieben ist auch Madame Dajeu, eine entzückend direkte und fortschrittliche Pariserin, die sich mit Madame Zaraguirre anfreundet und ihr das flirrende Paris zeigt. Madame Dajeu ist eine Bereicherung, auch für den Roman. Über die Ehe sagt sie: „Die Ehe hat zwar viele Nachteile, aber sie liefert uns Frauen wenigstens ehrenwerte Vorwände. So kann eine Frau ihren Mann betrügen, weil sie ihn liebt, und wenn sie ihr Ziel erreicht hat, wird sie, gerade weil sie ihn liebt, jede etwaig eigennützige Verbindung kappen, durch die sie sich schuldig machen würde.“

Louise de Vilmorin weiß, wovon sie schreibt, sie war selbst zweimal verheiratet und bei amourösen Abenteuern auch kein Kind von Traurigkeit. Sie lässt Madame Dajeu sagen: „Ein vernünftiger Mann gibt sich mit den Lügen seiner Frau zufrieden.“ Und weiter: „Eine Frau sollte vor allem das Gewissen und das Mitgefühl eines Mannes erobern. Das wird ihn nicht unbedingt davon abhalten, sie zu betrügen, aber so muss er sein Tun wenigstens hinterfragen und wird meistens Skrupel haben, die Betrogene zu verlassen. Damit ist ihre Ehre gerettet, und das ist das Wichtigste.“ Und über Männer sagt sie: „Männer haben es besser. Selbst wenn sie halbtot sind, merkt man ihnen nichts an. Sie sehen immer gleich aus.“

Mit viel Witz und Herzenswärme geschrieben

Vilmorin hat diesen teuflischen Roman über die flatterigen Launen der Liebe mit viel Witz und Herzenswärme geschrieben, und Patricia Klobusiczky hat ihn gekonnt in ein vorzügliches Deutsch übersetzt. „Belles Amours“ ist leichte, nicht aber seichte Lektüre. Der Roman zeigt uns vortrefflich, wie schwierig zu finden ist, wovon schon der französische Schriftsteller Honoré de Balzac 1839 in der Erzählung „Die Geheimnisse der Fürstin von Cadignan“ („Les secrets de la princesse de Cadignan“) schrieb: „Wir können lieben, ohne glücklich zu sein; wir können glücklich sein, ohne zu lieben, aber lieben und glücklich sein – diese beiden, so großen menschlichen Genüsse zu verbinden, dazu bedarf es eines Wunders.“ Vielleicht aber hat Madame Duville recht: Man vergisst, dass es Wunder gibt.

Ein solches wäre auch Louise de Vilmorin zu wünschen, auf dass ihre Bücher wieder einem breiteren Publikum bekannt werden. Ihre Werke wurden erstmalig 1953 bis 1962 ins Deutsche übertragen und zuletzt seit 2009 im Dörlemann-Verlag veröffentlicht, jeweils in Neuübersetzungen von Patricia Klobusiczky. Vom Verlag heißt es, es sei nicht ausgeschlossen, dass die Reihe fortgeführt wird, konkrete Planungen gibt es jedoch noch nicht. Dabei hat Vilmorin nicht nur die bereits veröffentlichten Romane geschrieben, sondern auch noch einige Gedichtbände. Im französischen Verlag Gallimard sind außerdem Briefwechsel von Louise de Vilmorin erschienen, darunter auch die Korrespondenz, die Louise de Vilmorin mit Jean Cocteau ausgetauscht hat und ein neues Licht auf die Beziehung wirft, die sie seit 1934 pflegten.1)

Doch noch einmal zurück zu „Belles Amours“: Ein Nachbar der Duvilles sagt am Schluss: „Was für eine Geschichte, mein Lieber, was für ein Roman!“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Parbleu!

Louise de Vilmorin: Belles Amours, Dörlemann-Verlag, Zürich, 2022, 254 Seiten, gebunden, Leinen, mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN 978-3038201021, Leseprobe

Seitengang dankt dem Dörlemann-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

1) Wer sich näher mit Louise de Vilmorin beschäftigen möchte, findet von Elodie Nel weitere Informationen zur Biografie in MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003 ff. Stand vom 12. November 2015, zuletzt abgerufen am 4. April 2022. Wer des Französischen mächtig ist, sollte sich auch die beiden Video-Interviews von 1955 und 1964 ansehen.

Mit Parkplatzpeter in der Provinz

Der unabhängige Kanon-Verlag („die mit dem Affen“) aus Berlin ist ein Phänomen. Erst 2020 gegründet und im Herbst 2021 sein erstes Programm vorgelegt, hat der Verleger Gunnar Cynybulk entweder das richtige Näschen, Händchen oder beides, um ein Knaller-Buch nach dem nächsten an Land zu ziehen und auf den Markt zu bringen.

Pro Jahr erscheinen nur zehn Bücher, „was zählt, ist die erzählerische Kraft eines Textes“, heißt es auf der Verlagswebseite. Zuletzt erlebte die Veröffentlichung der Tagebücher von Manfred Krug Ende Januar 2022 ein großes und begeistertes Medienecho (weitere Bände sind in Planung). Zuvor sind bereits Bücher erschienen wie der grandiose Roman „Steine schmeißen“ von Sophia Fritz oder der 117 Seiten lange, herausragende Monolog „Der Termin“ von Katharina Volckmer. Und jetzt, im Februar 2022, kommt direkt der nächste Hammer hinterher – weichen Sie dem nicht aus, sondern lassen Sie sich treffen.

Bravouröses Sprachgefühl

Das Buch mit dem passenden Titel „Meter pro Sekunde“ von Stine Pilgaard wird Sie umhauen und nachhaltig beeindrucken. Der Roman der dänischen Autorin zeugt von einem bravourösen Sprachgefühl und feinsinnigen Gespür für Komik. Es ist wahnsinnig lustig und tränenreich. Letzteres, weil Sie entweder aus dem Lachen nicht mehr rauskommen oder weil dieses Buch Sie so emotional anfasst. Es ist für Eltern, Freund*innen von Eltern, Eltern von Eltern, werdende Eltern, Lehrer*innen, Freund*innen von Lehrer*innen, Fahrschüler*innen, Schweigsame, wasserfallartig Redende, Redakteur*innen, Dänemark-Fans, Kolumnenschreiber*innen und -leser*innen, für, ach – alle sollten das lesen!

Pilgaard schreibt aus Sicht der Ich-Erzählerin, die mit ihrem Freund und dem gemeinsamen Baby, das noch keinen Namen hat (!), von Kopenhagen nach Westjütland gezogen ist. Man nennt den Landstrich in Dänemark auch das „Land der kurzen Sätze“; hier wird kein Wort zu viel gesprochen. Erinnern Sie sich an die Krimiserie „Lilyhammer“ mit „Sopranos“-Star Steven Van Zandt, der als verratener New Yorker Mafioso in ein Zeugenschutzprogramm kommt und ein neues Leben im norwegischen Lillehammer beginnen will?

Einen ähnlichen Kulturschock muss auch die Ich-Erzählerin erleben, als sie ihrem Freund nach Velling folgt, der dort in der Heimvolkshochschule einen Job als Lehrer angenommen hat. Klingt provinziell? Ja, das ist es, aber wunderbar unterhaltend und warmherzig und parodistisch.

„Folkehøjskole“ ist nicht gleich Volkshochschule

Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel klärt in seinem aufschlussreichen Nachwort darüber auf, was es mit der dänischen Heimvolkshochschule auf sich hat, die nicht vergleichbar ist mit der deutschen Volkshochschule. Die dänische nicht-staatliche Institution „Folkehøjskole“ umfasst internatsähnliche Schulen mit zwei- bis zwölfmonatigen Kursangeboten. Die Schülerinnen und Schüler sind in der Regel schon erwachsen und zwischen 18 und 25 Jahren alt, meist besuchen sie die Kurse zwischen Abitur und Studium.

Während ihr Mann den neuen Schülerinnen unabsichtlich den Kopf verdreht, beschreibt die Ich-Erzählerin in Kapiteln, die selten länger sind als zwei Seiten, kurz und heiter ihr neues Leben. Da ist natürlich ihr Sohnemann, für den es gilt, eine gute und passende Tagesmutter zu finden. Die Auserwählte heißt Maj-Britt, von der die Erzählerin glaubt, dass Maj-Britt sie nicht so sehr leiden mag wie andere Eltern, „eher so, als ob ich eine hilflose und etwas begriffsstutzige Asylbewerberin wäre, die sie in die dänische Gesellschaft integrieren soll“. Hier zeichnen sich nicht nur die Probleme ab, in dem neuen Ort Fuß zu fassen, sondern auch der eigenen Mutterrolle gerecht zu werden. Manchmal hat es den Anschein, sie betrachte ihren Sohn als einen Außerirdischen, der die Finger ausstreckt, um nach Hause zu telefonieren. „Muh, sagt mein Sohn und winkt, und ich finde, sein Tonfall hat etwas Aufforderndes an sich.“

Aber es wird noch besser. Die Erzählerin fängt an, Fahrstunden zu nehmen, denn um mobil zu sein, braucht man ein Auto in Westjütland. Sie nimmt Fahrstunde um Fahrstunde, die frustrierten Fahrlehrer wechseln sich bald ab, und die Erzählerin nimmt weiterhin Fahrstunde um Fahrstunde. Sie hat Angst. Vor Baustellen, plötzlich auftauchenden Schulkindern und davor, die Fahrstunde einfach nicht zu überleben. Die Fahrprüfung rückt in weite Ferne. „Parkplatzpeter“, einer ihrer Fahrlehrer, geht pädagogisch wertvoll an den schwierigen Fall ran: „Er wirkt aufrichtig beeindruckt, wenn ich in einen anderen Gang schalte.“ Das ist das Niveau, auf dem wir von der Rückbank und in den Sitz gekrallt an den Fahrstunden teilnehmen.

Voller Liebe und Zärtlichkeit

Dabei plaudert die Erzählerin in ihren Episoden so mitreißend, ist eine so lebensbejahende Frau, die das Herz am rechten Fleck hat und so wunderbar über sich selbst lachen kann, dass es nur so eine Freude ist. Voller Liebe und Zärtlichkeit baut Stine Pilgaard ihrer Hauptperson eine Bühne, die sie in ihrer Tiefe voll ausschöpft.

Doch auch Pilgaard versteht es, die Bühne zu nutzen, die ihr zwischen den zwei Buchdeckeln gegeben ist. Der Roman wechselt die Textformen: Zum einen sind da die kurzen Kapitel. Zum anderen nimmt die Erzählerin einen Job als Kolumnenschreiberin beim Lokalblatt an, und ihre „Kummerkasten“-Texte fügen sich in den Roman. Als dritte Form dichtet die Erzählerin Liedtexte aus dem Heimvolkshochschulen-Liederbuch auf ihre persönliche Situation um (der Übersetzer hat sie für den deutschsprachigen Markt an hier bekannte Lieder umgetextet). Alle drei Textformen wechseln sich ab, umschließen und ergänzen sich und manifestieren den ständig im Wechsel begriffenen Tagesablauf einer berufstätigen Mutter.

Schon Pilgaards Debüt, das 2023 im Kanon-Verlag erscheinen soll, wurde in Dänemark mit mehreren Preisen ausgezeichnet und machte die Autorin in ihrem Land schlagartig bekannt. In Dänemark wird das Buch ab März verfilmt – und es spricht für den Humor der Dänen, dass sich der Fernsehmoderator Anders Agger, der in Stine Pilgaards Roman eine besondere Rolle einnimmt, in dem Film selber spielen wird.

„Meter pro Sekunde“ ist nicht nur ein herzerwärmendes Buch über das Elternsein, sondern vor allem eine wundervolle Komödie über den schwierigen Zutritt einer Städter-Familie in eine lokale Gemeinschaft aus glückstrunkenen Menschen in der tiefsten Provinz. Ohne Frage dürfte „Meter pro Sekunde“ hierzulande eines der heitersten und unterhaltsamsten Bücher dieses Bücher-Frühjahrs werden!

Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde, Kanon-Verlag, Berlin, 2022, 255 Seiten, gebunden, 23 Euro, ISBN 978-3985680115, Buchtrailer

Seitengang dankt dem Kanon-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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