Kater – lieber ungewöhnlich

Katzenfreunde allerorten, aufgepasst: Hier kommt Peter! Peter ist ein Kater auf zwei Beinen in dem gleichnamigen bezaubernden Buch der kanadischen Autorin Nadine Robert, ganz und gar wunderbar illustriert von Jean Jullien und hervorragend geeignet zum Vorlesen oder ersten Lesen.

Der kleine Junge Phil sitzt am Frühstückstisch und schmiert sich gerade ein Butterbrot. Es ist Sommer, Blumen stehen auf dem Tisch und das Fenster ist geöffnet. Plötzlich hört Phil von draußen ein klägliches Miauen. Oder wie Helge Schneider es beschreiben würde: „Eine Art Hähen oder Spähen. Ein jämmerliches Hilfegesuch. Nicht schriftlich, sondern richtig.“ Phil öffnet die Haustür und findet eine Kiste mit einem schwarz-weißen Kater darin. Und das Wundersame ist: Peter, der Kater, ist nicht wie jeder andere. Denn Peter kann auf zwei Beinen stehen.

Und so jagt Peter Mäuse nicht auf vier Beinen, sondern zweibeining auf einem Skateboard.  Und er trinkt gerne Tee und nutzt seine Krallen zum Massieren. Und mit Kaugummis weiß er auch was anzufangen. Kurzum: Peter ist alles andere als gewöhnlich. Und der fabelhafte französische Grafiker und Illustrator Jean Jullien (unbedingt seinen Instagram-Account anschauen!) erschafft Peter ein Leben wie kein anderes, während Nadine Roberts Texte die Fantasie beflügeln.

„Peter, Kater auf zwei Beinen“ ist ein wunderbar lebensfreudiges, witziges und kurzweiliges Album für Kinder ab 3 Jahren, das mit wenigen Worten und Bildern viel über Freundschaft erzählt. Und darüber, sich nicht von Stereotypen beeinflussen zu lassen, wenn man einem anderen Lebewesen zum ersten Mal begegnet. Das Buch ist in inzwischen in zahlreichen Ländern erschienen und jetzt endlich auch auf Deutsch erhältlich.

Nadine Robert & Jean Jullien: Peter, Kater auf zwei Beinen, Mairisch Verlag, Hamburg, 2019, 56 Seiten, gebunden, 16 Euro, ISBN 978-3938539569

Wo sich Fuchs und Stern Gute Nacht sagen

Es gibt sie noch, die Bücher, die man eng an sein Herz pressen und nie wieder hergeben möchte. „Der Fuchs und der Stern“ ist ein solches Buch, grafisch herausragend umgesetzt, erzählerisch trotz nur weniger Worte eine Wucht und zusammen genommen eine fantastische Harmonie von Bild und Text. Ein wahrer Schatz!

„Der Fuchs und der Stern“ erzählt die Geschichte eines Fuchses, der tief verborgen in einem dichten Wald lebt. Er hat nur einen einzigen Freund, einen Stern, der ihm stets den Weg weist. Eines Nachts aber ist der Stern plötzlich verschwunden und der Fuchs ganz furchtbar allein. Was nach Kinderbuch klingt, ist eine anrührende Fabel über Freundschaft und Verlust. Auch für Erwachsene.

Geschrieben und illustriert hat sie die Engländerin Coralie Bickford-Smith, die als eine der international renommiertesten Buchgestalterinnen gilt. Für den Verlag Penguin Random House in London hat sie legendär gewordene Buchreihen entworfen, darunter vor allem die Penguin Hardcover Classics. Für die Reihe mit in Leinen gebundenen Klassikern der Weltliteratur in wunderschön-bibliophiler Ausstattung, die an die Welt der viktorianischen Buchbindung erinnert, bekam Bickford-Smith international viel Aufmerksamkeit. „Der Fuchs und der Stern“ ist ihr erstes Buch, das sie selbst verfasst hat. Auf ihrer Webseite erzählt sie, die Geschichte sei von ihren eigenen Lebenserfahrungen inspiriert. Mehr aber verrät sie darüber nicht.

Neue Art der Buchkunstbewegung initiiert

Wie ihre anderen Arbeiten geht auch die Illustration von „Der Fuchs und der Stern“ zurück auf die viktorianische Zeit der Buchgestaltung und dort vor allem auf das Werk von William Morris. Der britische Tausendsassa begann im Alter von 54 Jahren und nur acht Jahre vor seinem Tod mit dem Buchdruck und richtete 1888 seine eigene Privatdruckerei ein, die fortan unter dem Namen „Kelmscott Press“ berühmt wurde und eine neue Art der Buchkunstbewegung initiierte.

Wie Morris legt auch Bickford-Smith deutlichen Wert auf die ornamentale Ausschmückung ihrer Bücher sowie die Verwendung von sorgfältig ausgewähltem Papier. Wichtigste Inspiration für ihre eigene Fuchs-Geschichte sei William Morris‘ „Kelmscott Press“-Ausgabe von „Reineke Fuchs“, die 1892 veröffentlicht wurde.

Gehen Sie an diesem Buch nicht achtlos vorbei! Fassen Sie es an, schlagen Sie es auf, betrachten Sie diese Kunstfertigkeit, denn „Der Fuchs und der Stern“ ist nicht nur eine wunderbar feine Harmonie von Typografie, Illustration, Papier und Einband. Es ist eine Schönheit sondergleichen! Und niemand, der es besitzt, wird es je wieder hergeben wollen. Deshalb sollte jeder stets zwei Exemplare besitzen – eines zum Behalten und eines zum Verschenken.

Coralie Bickford-Smith: Der Fuchs und der Stern, Insel Verlag, Berlin, 2016, 64 Seiten, gebunden, 18 Euro, empfohlen ab 4 Jahren, ISBN 978-3458176862, Leseprobe

Buch Wien: Freundschaft, Eulen und die Liebe unter Aliens

Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht - Foto: Christian Lund
Filip Florian (l.) im Gespräch mit seinem Übersetzer Georg Aescht – Foto: Christian Lund
Das Programm der „Buch Wien“ ist in diesem Jahr erstaunlich dürftig und schlecht auf die einzelnen Messetage verteilt. Äußerst wundersam etwa ist, dass sich ein Großteil der interessanten Autoren und vor allem der Publikumslieblinge am Sonntag auf der Buchmesse tummeln: Bernhard Aichner, Marjana Gaponenko, Thomas Raab, Peter Henisch, Reinhard Kaiser-Mühlecker, Dirk Stermann und nicht zuletzt Ela Angerer. Dementsprechend kann ich heute nur von zwei herausragenden Lesungen berichten:

Zunächst stellte der rumänische Schriftsteller Filip Florian vor erschütternd leeren Stuhlreihen seinen neuen Roman „Alle Eulen“ vor. Es ist sein dritter Roman und der zweite, der auf Deutsch erschienen ist (zuvor: „Kleine Finger“, Suhrkamp, 2008). Florian, 1968 in Bukarest geboren, gilt mittlerweile als einer der besten rumänischen Schriftsteller der heutigen Zeit. Sein Übersetzer und gleichzeitig Moderator der Lesung, Georg Aescht, geht sogar so weit, ihn einen „besessenen Schriftsteller“ zu nennen. Mit „Alle Eulen“ habe Florian einen Roman einer großen Freundschaft verfasst, erklärte Aescht.

In dem Buch trifft Luca, ein Lausbub aus der Kleinstadt, auf Emil, der nach einem bewegten Leben in Bukarest unverhofft in der Provinz landet. Emil öffnet Lucas Blick und Geist für Literatur und Musik, Luca schenkt ihm dafür seine Neugierde und liefert immer zuverlässig den letzten Dorfklatsch. Emil wiederum hat die Gabe, mit Eulen sprechen zu können, und Luca wünscht sich fortan nichts sehnlicher, als das auch zu können. Es ist also ein nicht nur ein Roman über ungleiche Freunde, sondern auch über die Liebe zur Natur.

Rückbesinnung auf die Poesie

Dass diese Liebe zur Natur aber gleichzeitig auch zur Liebe von Poesie und Literatur führen kann, wie es Aescht im Gespräch vorschlug, verneinte Florian. Für ihn ist das unabhängig voneinander. Wohl aber könne die Rückbesinnung auf die Poesie verdeutlichen, dass es etwas Tieferes gibt, als das, was uns täglich umgibt.

Nachdem Florian eine Passage auf Rumänisch vorgetragen und Aescht dieselbe Stelle auf Deutsch gelesen hatte, erklärte letzterer: „Beim Lesen seiner Sätze muss ich oft innerlich schmunzeln, manchmal kommen mir auch die Tränen.“ Darauf Florian: „Das sind die Augentropfen.“ Aescht wiederum: „Nein, das ist der Humor, der so still ist, dass man innerlich angerührt ist.“ Ob Florian den Humor absichtlich in den Roman bastelt.

Es sei seine Art zu schreiben, erklärt der. „So schreibe ich nun mal, und jeder Leser nimmt den Text anders wahr, oft auch anders als der Autor.“ Und wenn er an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt, dann schreibt er „ganz“, wie er das bezeichnet. Nichts interessiert ihn dann, nur das Schreiben. „Und vielleicht die Ergebnisse des FC Liverpool, da bin ich etwas verrückt.“ Ansonsten aber sei er ganz in seiner Welt verhaftet, „deren Hauch mich beseelt und mich aus der Welt des Scheins hinausträgt“.

„Zauberhaft melancholisches Buch“

Die Presse feiert Florians neuen Roman bereits frenetisch: „‚Alle Eulen‘, von Georg Aescht in so flüssiges wie sinnliches Deutsch gebracht, ist ein zauberhaft melancholisches Buch über die Abendstunde der Erinnerung (…)“, schreibt etwa Jan Koneffke in der Neuen Zürcher Zeitung. Und Paul Jandl urteilt in der Welt: „‚Alle Eulen‘, mit dem Filip Florian sich endgültig als fixe Größe in der nicht gerade stimmenarmen rumänischen Literatur etabliert, ist kein dickes, aber ein gewaltiges Buch, ein böses Märchen mit nicht ganz so bösem Ausgang.“

Filip Florian: Alle Eulen, Matthes & Seitz, Berlin, 2016, 213 Seiten, gebunden, 19,90 Euro, ISBN: 978-3957572219

Am Abend dann las Terézia Mora in der Alten Schmiede in Wien aus ihrem aktuellen Erzählband „Die Liebe unter Aliens“. Am Vorabend noch hatte sie die Eröffnungsrede der „Buch Wien“ gehalten, jetzt waren die zahlreichen Zuschauer neugierig auf ihre Kurzprosa. Nach „Seltsame Materie“, 1999 bei Rowohlt erschienen, ist das jetzt ihr zweiter Band mit Erzählungen.

Darin wendet sie sich Menschen zu, die sich verlieren, aber nicht aufgeben, die verloren sind, aber weiter hoffen. Ein Ausflug ans Meer soll ein junges Paar zusammenführen. Ein Nachtportier fühlt sich heimlich zu seiner Halbschwester hingezogen. Ein japanischer Professor verliebt sich in eine Göttin. Die Liebe geht hier reichlich seltsame Wege, und sprachlich ist das alles eine Wucht! Zehn Erzählungen versammelt dieser Band, und sie berichten auch von der Fremdheit sich selbst und anderen gegenüber, erklärt Moderatorin Angelika Reitzer: „Immer wieder wechseln die Perspektiven, erleben wir Blicke von innen und außen – das Stilmittel, für das sie bekannt und berühmt ist.“ Diese starke erzählerische Liebe bringe „das Blasse zum Leuchten“.

Mora erzählte sodann, sie habe im Februar zum ersten Mal in Wien aus ihrem damals noch nicht erschienenen Erzählband vorgelesen und habe sich zu der Veranstaltung einen Musiker aussuchen dürfen, der sie begleitet. „Ich habe dann gesagt, ich hätte gerne Félix Lajkó (ungarisch-serbischer Musiker), weil ich dachte: den kriegen die nie! Haben sie aber. Ich habe die Titelstory ‚Die Liebe unter Aliens‘ gelesen, und es fühlte sich wirklich an wie zwei Aliens nebeneinander – er verstand kein Deutsch und hat aber trotzdem gespielt, als wären wir eine Einheit.“

Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum

Um dieses Erlebnis nicht zu wiederholen, entschied sich Mora an diesem Abend für die Erzählung mit dem Titel „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“, die ursprünglich als Auftragsarbeit entstanden war. Sie erzählt die Geschichte des jüdischen Malers Felix Nussbaum und dessen Frau Felka Platek, allerdings übertragen in die heutige Zeit.

Mora ist Figurensammlerin, erklärt sie. Sie habe eine Liste mit 22 Figuren gehabt, aus denen sie die zehn besten für das Buch ausgewählt habe. Für die Figur des Marathonmanns in einer ihrer Erzählungen habe sie etwa drei Vorbilder gehabt, das älteste stamme aus ihrer eigenen Kindheit: „Ich war 15, als ein Mann mir und anderen Fahrgästen erzählte, er sei den Marathon in Wien gelaufen, und das Schönste für ihn sei gewesen, dass es an der Strecke Südfrüchte gegeben habe. Alle anderen haben ihn belächelt, für mich war er ein Held.“ Die anderen beiden Marathonfiguren seien ein Nachbar – und ihr ehemaliger Lektor. „Ich gebe den Figuren eine Geschichte, damit sie ein Zuhause haben.“

Im Vorfeld ihres Erzählbandes habe sie natürlich auch viele Erzählungen anderer Autoren gelesen, so etwa von Alice Munro oder Hilary Mantel, aber sie habe nicht viel Herausragendes entdeckt: „Gott sei Dank, das wäre doof gewesen, wenn ich was gefunden hätte, bei dem ich gesagt hätte: besser kann man das nicht machen!“

Abschluss der Trilogie um Darius Kopp

Als nächstes plant Mora, ihre Trilogie über den IT-Spezialisten Darius Kopp abzuschließen, die sie mit „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) und „Das Ungeheuer“ (2013) begonnen hat. „Nein, es folgt jetzt nicht noch ein Erzählband, sondern ein Roman – das musste ich meinem Verlag auch versprechen.“

Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens, Luchterhand, München, 2016, 272 Seiten, gebunden, 22 Euro, ISBN: 978-3630873190, Leseprobe

Zeichnung des Künstlers als junger Mann

VenustransitBen Rama ist wirklich nicht zu beneiden: Er arbeitet in einem öden IT-Job und ist damit sehr unglücklich. Seine Freundin wiederum ist unglücklich mit ihm, genervt von seiner stetig trüben Laune und seiner Antriebslosigkeit. Und eigentlich will Ben nur eines: Zeichnen und als Künstler wahrgenommen werden. In „Venustransit“ erzählt der Deutsch-Iraner Hamed Eshrat die anrührende wie mitreißende Geschichte des jungen Berliners Ben, mit viel Drive, Lokalkolorit und feinem Gespür für Kleinigkeiten, die keine Nebensächlichkeiten sind.

Wir befinden uns in Berlin-Kreuzberg, einer der angesagten Kieze. Ben ist ein grauer Mäuserich, der untergeht in der Masse der Kreativen und Hippen auf den Straßen in der Hauptstadt. Er schwelgt und träumt von seiner Zukunft als Zeichner, und weiß dennoch nicht so recht, wie er das eigentlich anfangen soll. Seine Freundin Julia hängt nicht mehr an seinen Lippen, sondern an denen eines Freundes, zunächst nur metaphorisch, später auch real. Denn sie hat genug von Ben, wie er durchs Leben tapert, lethargisch, verbittert gar, und dabei nur nach Aufforderung in der Lage ist, Pfandflaschen wegzubringen.

„Ich kann’s nicht mehr hören, Glück, Glück, Glück! Weiß doch keiner mehr, was das ist“, sagt Ben an einer Stelle. Nein, was Glück ist, das weiß auch Ben nicht. Das muss er suchen und erfahren. Und was so pathetisch und abgedroschen klingt, das gelingt in „Venustransit“ so überragend anders. Seine Freundin Julia trennt sich von Ben, und natürlich folgt auch eine Phase des Herzschmerzes. Er selbst sieht sich in der Rolle des Sisyphos, einer immer wiederkehrenden Szene in seinen Zeichnungen. Eshrat spielt mit den Klischees einer solchen Story, kann den Leser aber dann immer wieder neu überraschen.

Bens Travelerbook als Faksimile

Faszinierend in diesem Zusammenhang ist etwa Bens Reise nach Indien. Die nimmt einen Extrateil des Buches ein, der sich auch zeichnerisch vom Rest abhebt. „Interludium – Die Reise“ ist dieses Kapitel überschrieben. Darin findet sich Bens Travelerbook als Faksimile mit Bordkarten, Visitenkarten von Hotels und Rechnungen von Restaurants, aber vor allem mit vielen Zeichnungen, Entwürfen, Skizzen, die Ben während seiner Reise angefertigt hat. Allein in diesem Teil kann man sich lange aufhalten, in Ruhe den Strichen folgen, seinen Gedanken nachhängen. Und wer genau hinschaut, erkennt auch hier, dass Bens Geschichte zum Teil autobiographisch sein muss.

Eshrat zeichnet nur mit Bleistift und Kohle. Was aber dessen Phantasie entspringt, ist so bunt, dass es dafür keine Farben braucht. Kraftvoll, kontrastreich, und manchmal ganz schön skurril und abstrakt – das ist sein Stil. Reich an Anspielungen ist „Venustransit“ zudem: Als Ben nach einer Nacht im Berghain von einem Käfer begrüßt wird, ist das eine deutliche Hommage an Franz Kafkas „Verwandlung“, aber es kommen auch Rainer Maria Rilke oder Walt Whitmann zu Wort (Kinogänger erkennen vielleicht eher ein Zitat aus dem „Club der toten Dichter“).

Das Berghain wiederum gehört natürlich zur Kategorie Lokalkolorit, wie auch Alis Späti, wo sich Ben mit seinen Freunden Beule und Tim trifft. Gentrifizierung und Bio-Läden, Neubaugebiete und der stetige Wandel der Stadt, das sind die Themen, die wie beiläufig eingestreut werden und dennoch einen zweiten Zugang zu dieser Großstadt-Graphic-Novel erlauben.

In Teheran geboren, in Bünde aufgewachsen

Hamed Eshrat, der 1979 in Teheran geboren wurde und 1986 mit seiner Familie nach Deutschland floh, wuchs in Bünde (Kreis Herford) auf. Nach dem Abitur studierte er Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee sowie an der Massey-Universität in Wellington (Neuseeland). Heute arbeitet er als Designer, freischaffender Künstler und Autor in Berlin und hat damit den Traum verwirklicht, zu dem sein Held aus „Venustransit“ noch unterwegs ist.

In Eshrats erster Graphic Novel „Tipping Point – Téhéran 1979“ hat er die Geschichte seiner Familie während des politischen Umbruchs im Iran der 70er Jahre erzählt. Dieser Comic ist bislang leider nicht auf Deutsch erschienen, sondern nur in Frankreich bei Edition Sarbacane. Das Manuskript von „Venustransit“, Eshrats zweiter Graphic Novel, wurde 2015 unter die zehn Finalisten des Deutschen Comicbuch-Preises der Berthold-Leibinger-Stiftung gewählt.

Wer jetzt noch zweifelt, ist vielleicht nur noch mit Musik zu überzeugen: Viele Künstler haben in Berlin große Inspiration gefunden: David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed oder Federico Aubele. Wer Musik liebt und Schallplatten nicht nur als Hype begreift, wird mit „Venustransit“ einen grandiosen Großstadt-Soundtrack lesen. Nur dass Eshrats Arm der Tonarm ist – und sein Bleistift die Nadel.

Hamed Eshrat: Venustransit, Avant-Verlag, Berlin, 2015, 255 Seiten, Klappenbroschur, 24,95 Euro, ISBN 978-3945034330, Leseprobe

Seitengang dankt dem Avant-Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Fünf Freunde und das Ende der Welt

Eigentlich müssten wir tanzenWas bleibt, wenn die Welt untergeht und man selbst ist der einzige Überlebende? Zahlreiche Filme und Bücher haben sich diesem Szenario gewidmet. Der 1978 in München geborene Heinz Helle hat jetzt noch eine weitere Version hinzugefügt. In „Eigentlich müssten wir tanzen“ sind es allerdings mindestens fünf Menschen, die überlebt haben, fünf Freunde aus alten Zeiten, die unbedingten Lebenswillen haben. Das Buch aber hat bloß Literaturwillen, und schafft es am Ende nicht.

Der dystopische Roman spielt irgendwo im Grenzgebiet zwischen Österreich und Deutschland, vielleicht auch der Schweiz. Fünf Männer, dicke Freunde einst, jetzt nur noch verbunden durch die Erinnerung an alte Zeiten, haben gerade ein Wochenende in einer Berghütte verlebt. Plötzlich werden sie der Rauchwolken gewahr, die aus dem Dorf im Tal aufsteigen. Es brennt. Nicht nur ein Haus oder zwei. Das ganze Dorf steht in Flammen.

„Es gab Zeiten, in denen brennende Dörfer ganz normal waren, ebenso wie brennende Städte. Aber hier und heute fiel das, was wir da unten sahen, so sehr aus dem Kontext unserer gewohnten Wahrnehmung, dass wir zu keinerlei Reaktion fähig waren.“ Einer macht den Vorschlag, zum Auto zu gehen, zur Bestätigung, dass doch alles in Ordnung ist. Doch auch hier: Alles verbrannt.

Nicht nachvollziehbare Gefühllosigkeit

Zu Beginn des Romans sind die Männer schon mehrere Wochen unterwegs. Es ist kalt, und der Schnee liegt hoch, obwohl die Schneekanonen ruhen. Was eigentlich passiert ist und warum die Welt jetzt ist, wie sie ist, das erzählt Helle nicht. Vielleicht hatte er Angst, dass er sonst seine Geschichte nicht mehr plausibel würde erzählen können. Berechtigterweise, denn der Roman krankt neben einer überhaupt nicht nachvollziehbaren Gefühllosigkeit vor allem an einigen Ungereimtheiten.

Ganz zuvorderst: Warum sollten sich jene Menschen, denen die Zivilisation abhanden kommt, grundlos zu unmoralischen Tieren zurückentwickeln? Warum sollten die Überlebenden nicht wissen wollen, was die Welt so verändert hat? Und warum sollten sie all jene Überlebensstrategien, die man doch im Hinterkopf gespeichert hat, über Bord werfen und völlig unüberlegt handeln? Das kann nur dann passieren, wenn sich der Autor aus einem ursachenfreien Szenario einen frei bespielbaren Sandkasten schafft, aber mit den Förmchen und Schäufelchen nicht umzugehen weiß.

Helle will offenbar zweierlei: Erstens einen düsteren Horrorroman vorlegen, in dem sich der Leser allmählich verloren fühlt. Deshalb streut er dann und wann ein paar grausige Szenen ein. Gleich zu Beginn schockiert er den Leser völlig unnötig mit einer Gruppenvergewaltigung einer dem Tode nahen Frau. Jeder der fünf Freunde darf mal ran, und es fällt sogar der nie passende Satz „Du willst es doch auch“. Es folgen weitere brutale Übergriffe, auch unter den Freunden. Später treffen sie einen Fremden, schlagen seinen Kopf zu Brei. Der Ich-Erzähler nimmt die verstörenden Momente jedoch so nüchtern und emotionslos auf wie ein Ergebnisprotokoll.

Seine literarische Stärke entgleitet ihm

Das wiederum ist Andeutung von Helles zweiter Intention: Er will auch im Fach Literatur brillieren. Seine Verknappung der Sprache auf das Nötigste – auch wörtliche Rede gebraucht er kaum -, die kühle Darstellung in 69 Kapitel-Miniaturen auf immerhin nur rund 200 Seiten, diese literarischen Mittel beherrscht Helle schon seit seinem Debütroman „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“. Durch das Hinzufügen von Horrorelementen aber entgleitet ihm die literarische Stärke. Er verzettelt sich, es wird zu undeutlich, was er eigentlich will. Helles Betrachtung über den zivilisierten Menschen im rohen Überlebenskampf ist philosophisch vielleicht noch interessant – der Autor studierte Philosophie in München und New York -, aber weder ist sie bedeutsam, noch besonders nachhallend.

Was am Ende dieses Romans bleibt, ist auch die Frage, ob man jetzt nicht doch ein wenig Lebenszeit vertan hat. Stattdessen hätte man lieber Cormac McCarthys „Die Straße“, Thomas Glavinics „Die Arbeit der Nacht“ oder David Monteagudos „Ende“ lesen sollen. Alle drei Bücher handeln vom Weltuntergang. Alle drei sind wirklich stark – und ohne Frage keine vertane Lebenszeit.

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015, 175 Seiten, gebunden, 19,95, ISBN 978-3518424933

Bei zehnseiten.de liest Heinz Helle aus seinem Roman vor: Sehen Sie hier das Video!